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Missione Possibile

Unlängst habe ich einen weiteren Schritt bei der Umsetzung meines geheimen Planes, die Lehrlandschaft von Bari komplett zu unterwandern, getan: Mit der Referenz der einen Schule habe ich mich bei einer weiteren privaten Sprachschule beworben und durfte gleich am Tag nach dem Vorstellungsgespräch loslegen. Wenn ich dereinst bei allen Schulen angenommen sein werde, dann landen die Deutschlernwilligen automatisch bei mir – egal für welche Schule sie sich entscheiden. Buhahahaha…

Buongiorno, maestra!

Nachdem ich letzten Freitag bereits wegen ausgebauter Fenster, pünktlicher Handwerker und unserer neuen Wohnungstür ganz aus dem Häuschen war, erreichte mich auch noch ein Anruf, der mir nun wirklich fast einer Herzattacke bescherte. Ob ich immer noch Interesse daran habe, Deutsch zu unterrichten, fragte mich der Chef einer der Sprachschulen in Bari, bei der ich mich bereits vor Monaten beworben hatte. Was sollte ich darauf anderes antworten als „natürlich“?

Den „Kooperationsvertrag“ zu unterschreiben war gestern nur noch eine Formsache. Ab jetzt bin ich also offiziell Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und ruhe mich nicht länger auf meinem Arbeitslosengeld aus, das ohnehin bald ausgelaufen wäre.

Und die Moral von der Geschichte: Erst bewegt sich ewig nichts und dann kommt plötzlich alles Schlag auf Schlag. Eigentlich hätte ich so etwas ahnen müssen.

Viel Spaß beim Amt

Gestern war Nikolaustag und, obwohl es in Italien die Tradition mit dem Stiefel und den Nikolausgeschenken nicht gibt, fühle ich mich ganz so, als hätte ich doch eines erhalten. Und das kam so: Der Plan, Ende September nach Deutschland zurückzukehren und Arbeitslosengeld zu beantragen, falls ich noch keinen Job gefunden haben würde, wurde durch die nur langsam voranschreitenden Entwicklungen in Sachen „Mission Traumwohnung“ vereitelt. Da ich es auch für wenig sinnvoll hielt, mich in Deutschland aufzuhalten, während mein beste Freundin ohne mich Bari und Umgebung unsicher macht, bin ich also erst im November beim Arbeitsamt meines Heimatortes aufgeschlagen. Nach einer Woche Wartezeit bin ich den freundlichen Beamten an sechs von zehn Arbeitstagen persönlich, schriftlich oder telefonisch auf die Nerven gefallen, bis ich nicht nur Arbeitslosengeld sondern auch die Erlaubnis erhalten hatte, es für sechs Monate ins Ausland „mitzunehmen“ (sprich: es weiterhin gezahlt zu bekommen auch, wenn man dem deutschen Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht). Dafür bekommt man ein Dokument namens PD U2, welches man beim Arbeitsamt in dem Staat vorlegen muss, in dem man Arbeit sucht. Ich weiß gar nicht, wie oft ich den unterschiedlichen Ansprechpartnern erklären musste, wo Apulien liegt, warum ich ohne einen Job zu haben, meinen Arbeitsplatz gekündigt habe, und, warum ich es so eilig hätte, wieder zurückzukehren, wo ich doch nun bereits Arbeitslosengeld beziehen würde. Ja, ich kam mir mehrmals ganz schön blöd vor; unter anderem auch, weil mein Betreuer trotz des tagelangen Nebels so gute Laune hatte, als wäre er auf Drogen gewesen. Doch: Ende gut, alles gut.

An dieser Stelle eine zerknirschte Entschuldigung an all diejenigen, bei denen ich in dieser Zeit nicht vorbeigekommen bin. Autolos ist man auf dem platten Land ziemlich aufgeschmissen und so hat die knappe Zeit neben saisonalen häuslichen Betätigungen wie exzessivem Laubharken, Blumengartengärtnern oder Plätzchenbacken kaum zu mehr ausgereicht, als die engste Familie und die engsten Freunde zu besuchen.

Inzwischen habe ich mein „Portable Document U2“ einem Beamten im Arbeitsamt von Triggiano unter die Nase gehalten, der nicht so recht wusste, was er damit anfangen sollte – zumal er kein Deutsch sprach. Er hat mir dann trotzdem zwei italienische Dokumente ausgedruckt, von denen das erste bezeugt, dass ich mich innerhalb des vorgeschriebenen Zeitraums beim Arbeitsamt vor Ort gemeldet habe. Das zweite bestätigt, dass ich zur Vermittlung uneingeschränkt zur Verfügung stehe. Was jedoch seelisch und moralisch wertvoller ist, als diese zwei Zettel, die Luigi vermutlich gerade an die zuständige Beamtin im deutschen Arbeitsamt faxt, ist die Tatsache, dass dieser Mann es unverständlich fand, dass im hiesigen Amt noch nichts unternommen wurde, mich zu vermitteln, obwohl ich schon seit Ende Juni gemeldet bin. Ich habe es unterlassen wiederzugeben, was mir im Sommer gesagt wurde – in etwa, dass sie für Leute mit Studienabschlüssen ohnehin keine Arbeitsstellen hätten – und mich darüber gefreut, dass ich am Montag zu einem ausführlichen Gespräch vorbeikommen darf. Das war doch mal ein Wort, und bis Montag kann ich mich auch sehr gut gedulden.

Pazienza (mal wieder)

Ich gebe zu, ich bin noch immer nicht so italienisiert, wie ich es gern wäre. Deshalb wundere ich mich, wider besseren Wissens, darüber, dass sich meine nächste Hoffnung auf einen Arbeitsplatz bisher nicht auf meine Email mit meinem Lebenslauf gemeldet hat. Dass es zu dieser Email überhaupt gekommen ist, ist wie so oft eine Geschichte von einem Bekannten einer Bekannnten eines Bekannten oder, um es präzise zu machen, die Geschichte von einem Bekannten einer Freundin eines Cousins von Luigi. Besagter Cousin wäre gerne Busfahrer im ÖPNV. Da man in dieser Sache jedoch darauf warten muss, dass ein altgedienter Fahrer in Rente geht oder als Kollateralschaden bei einer Schießerei ums Leben kommt, wie unlängst in Bari geschehen, arbeitet er momentan als Fahrschullehrer. Bei der italienischen Fahrweise ist sein Leben dadurch zwar nicht sicherer, aber er kommt täglich mit vielen Leuten in Kontakt, so auch mit einer jungen Frau, deren Bekannter ein Geschäft im Bereich Import/ Export eröffnen möchte und Mitarbeiter mit Fremdsprachenkennissen sucht. Dem habe ich am ersten November meinen Lebenslauf geschickt und bisher hat er sich nicht bei mir gemeldet.

Obwohl also Luigi wie so oft meint: „Non preoccuparti!“ (Sorge dich nicht!), lasse ich meine sich stets und ständig sorgende deutsche Seite heraus und schreibe dem Geschäftsgründer noch einmal ein paar Zeilen ihn fragend, ob er meine Bewerbung erhalten habe.

Eine Woche später später bekomme ich eine Antwort, die sich in etwa wie folgt anhört: „Guten Abend Sig.na Hein.Vielen Dank für Ihren Lebenslauf. Ich melde mich bald wieder bei Ihnen. Leider zwingt uns die Bürokratie in Italien mit großer Geduld zu arbeiten. Danke, dass Sie sich für unsere Firma interessieren. Wir hoffen, Sie bald bei uns als Arbeitskraft begrüßen zu dürfen.“

„Hab‘ ich dir doch gesagt.“, meint Luigi. „Du musst Geduld haben.“ Mal abgesehen davon, dass ich durchaus Geduld beweisen kann, wenn ich wenigstens ein Datum weiß, bis zu dem ich mich gedulden soll, fällt mir auch sonst noch allehand ein, was ich in solch launigen Momenten an Italien und den Italienern kritisieren könnte – zum Beispiel die Art, eine Email zu schreiben. Wie höflich ist es denn, Anreden abzukürzen, indem man Mittelteile des Wortes weglässt (Signorina)? Ist es Zeichen des laissez-faire, ohne Absätze und Leerzeilen zu schreiben? Kein Wunder, dass im Süden alles drunter und drüber geht, wenn das italienische Wesen so unübersichtlich ist wie seine Emails. Zum Glück dauern solche Momente nicht lange an, weil ich selbst auch kein allzu pingeliger Mensch bin. Ich gehe also mit gutem Beispiel und dem von meinem Opa geerbten Starrsin voran. Ich antworte mit einer ausgeschriebenen Anrede, Absätzen, Leerzeilen und einer Unterschrift, dass ich sehr froh darüber bin, dass meine Email angekommen ist und ich mich selbstveständlich gedulden werde.

Wie ich fast im Callcenter gelandet wäre

Mein Plan, Ende September nach Deutschland zu fliegen, um Wintersachen einzupacken und mich beim deutschen Arbeitsamt zu melden, wird dadurch vereitelt, dass wir von Woche zu Woche darauf hoffen, endlich den Kaufvertrag für unsere gemeinsame Wohnung unterschreiben zu können. Das Jobsuchen im Internet läuft ergebnislos, was auch daran liegen könnte, dass ich immer noch kein Bewerbungsfoto eingestellt habe, und niemand mein „bell aspetto“ („gutes Aussehen“) sehen kann, das hier offensichtlich politisch unkorrekt für alle Tätigkeiten mit Kundenkontakt gefordert wird.

Eines Abends treffen Luigis Eltern einen alten Freund im Einkaufszentrum und erzählen unter anderem auch von ihrer Schwiegertochter in spe und der Tatsache, dass diese aus Deutschland importiert wurde. Daraufhin fällt dem besagten Freund, der zufällig bei Adecco arbeitet, ein, dass sie aktuell eine Person mit Deutschkenntnissen für eine international bekannte Technikfirma suchen, die zahlreiche Kunden in Deutschland betreut. Er gibt ihnen auf den Weg, dass ich meinen Lebenslauf so schnell wie möglich per Email an ihn schicken soll.

Noch am selben Abend – es ist ein Freitag – erledige ich das. Bereits am Montag ruft mich eine Mitarbeiterin von Adecco an, um noch einmal ein paar Daten abzugleichen. Dann erklärt sie mir, dass mich eine Mitarbeiterin der Firma anrufen wird, um meine Englischkenntnisse zu überprüfen. Tatsächlich passiert das auch nach ein paar Stunden. Die müssen es wirklich eilig haben mit der Einstellung. Wir plaudern ein wenig auf Englisch. Sie ist offensichtlich Muttersprachlerin und meint schließlich, dass sie mein Englisch hervorragend findet. Diese Hürde ist also genommen.

Wenig später ruft die Sekretärin der Firma an und schlägt ein Bewerbungsgespräch am nächsten Tag vor. Natürlich sage ich zu. Ich versuche, noch etwas über die Beschäftigung herauszufinden und bin leicht irritiert, als ich höre, dass es sich dabei um eine Arbeit im Kundencallcenter handelt. Ich merke an, dass meine Computerkenntnisse nicht über den alltäglich Umgang hinausgehen, aber sie sagt, dass mehr gar keine Voraussetzung wäre und es eine mehrwöchige Einarbeitung geben würde. Naja, wenn sie meint…

Es ist mir leicht peinlich, dass es sich Pasquale am nächsten Tag nicht nehmen lässt, mich persönlich in den kleinen Ort unweit von Bari zu kutschieren. Leicht aufgebrezelt sowie mit ihm, der stets einen Anzug trägt, und Luigi im Schlepptau mute ich wahrscheinlich an, wie die Anführerin einer Wirtschaftsdelegation. Ich bin froh, dass sie nicht am Wachmann vorbeikommen. Er stellt nur mir eine Eintrittserlaubnis in den Komplex aus. Ich finde das richtige Gebäude und den richtigen Stock auf Anhieb und, weil Pasquale sich auf dem Weg noch verfahren hatte, bin ich auch pünktlich und nicht wie befürchtet eine halbe Stunde zu früh dran.

Ich werde sehr freundlich begrüßt. Mein Gesprächspartner erklärt mir das Tagesgeschäft, den Abeitsrhythmus (24h, 7 Tagewoche) und die Entlohnung. Schließlich soll ich von mir erzählen, aber das biege ich erstmal ab, denn ich möchte wissen, wie viele deutsche Firmen dieses Callcenter nun eigentlich betreut und, ob auch Firmen in England zu den Kunden zählen. Die Anwort zerschlägt meine sämtlichen Hoffnungen: Es gäbe nur einen Kunden in Deutschland und Englisch brauche man momentan ausschließlich zum Ausfüllen der Formulare sowie zur Kommunikation mit den Technikern. Ich kann gar nicht sage, ob ich über die Erkenntnis, dass ich vermutlich dort nicht arbeiten können werde, traurig oder froh bin. Die Aussichtslosigkeit lässt jedoch alle Aufregung von mir abfallen und ich erzähle ein bisschen von meiner letzten Arbeitsstelle in Deutschland. Mein Gegenüber überfliegt noch einmal meinen Lebenslauf und fragt dann, warum ich diesen Job aufgegeben habe. Also muss ich ihm auch noch von Luigi, von Brandenburg und Berlin erzählen. Offensichtlich hat er Zeit, denn er fällt mir auch nicht ins Wort, wenn ich im Gehirn nach Vokabeln kramen muss. Doch lange Rede, kurzer Sinn – am Ende sind wir uns einig, dass mein italienisches Sprachvermögen nicht ausreicht, um Kunden auf Italienisch betreuen zu können. Er fragt mich, wie lange ich bereits Italienisch lerne. Ich erkläre ihm, dass ich es ernsthaft seit vier Monaten betreibe; woraufhin er meint, wenn ich in vier Monaten bereits so weit gekommen sei, dann solle ich mich in einem halben Jahr ruhig noch einmal bei ihm melden. Das muntert mich wieder ein wenig auf. Ich habe nicht das Gefühl, dass er unser Gespräch für verschenkte Zeit hält.

Meine Wirtschaftsdelegation strahlt mir vom Eingang entgegen, sieht dann aber nach der Schilderung des Vorstellungsgesprächs fast enttäuschter aus als ich. Luigis Mama hingegen ist völlig empört, als ich ihr zu Hause die Arbeitszeiten in Schichten schildere und fragt mich, wie ich mir das mit einer Familie vorstelle. Aber darüber würde ich mir erst Gedanken machen, wenn es soweit wäre. Außerdem wäre die Stelle auf zwei Jahre befristet gewesen. Deswegen hätte ich es auf jeden Fall probiert auch, wenn ich mir kaum vorstellen kann, dass ich von 22 Uhr bis früh um sechs ein hilfreicher Mensch bin.

Auf jeden Fall fühle ich mich wieder motiviert, beim Vokabelpauken nicht nachlässig zu werden. Bis zum Abschluss des Aufbausprachkurses fehlen mir noch 800 Wörter und ich muss dringend Nachlesen, wie man den Konjunktiv bildet.

Das erste Bewerbungsgespräch

Meine Eltern sind längst wieder zu Hause. Unsere Tage im Sommerhäuschen sind auch vorbei. Ich habe den Basissprachkurs beendet und den Aufbaukurs angefangen. Die alte Routine aus Lernen und Jobbörsen surfen stellt sich wieder ein. Mal sehen, was es so für Stellenangebote gibt: Ich filtere nach Tourismus, Empfang und Sprachen und finde fünfmal die gleiche Anzeige für eine Sekretärin „mit gutem Aussehen“ und Englischkenntnissen. Nun fragt sich, was der Arbeitgeber unter „gutem Aussehen“ versteht. Typisches süditalienisches Aussehen – dunkelhäutig, braunäugig und schwarzhaarig etwa? Da fiele ich von vorn herein durch das Raster. Ist egal, denke ich mir. Die nehmen mich sowieso nicht. Ich signalisiere mein Interesse und wundere mich nicht, dass ich nie etwas von ihnen höre. Bin ja auch in Wahrheit keine Sekretärin.

Luigis Vater betreut mit seinem Lohnbüro ein Hotel. Leider haben sie aktuell keine freien Stellen zu besetzen und noch dazu schütteln Familienstreitigkeiten das Geschäft gerade gewaltig durch. Aber Pasquales Geschäftspartner hat mein Profil im Juli in eine Datenbank für die Suche speziell nach Arbeitskräften im Hotelgewerbe eingetragen. Vielleicht ergibt sich daraus etwas. Ich stelle fest, dass es hier genauso läuft wie in Deutschland: man muss jemanden kennen, der jemanden kennt. So wie den Lebensabschnittsgefährten der Frau, mit denen sich Pasquale ein Büro teilt, der wiederum jemanden kennt, der in einer Sprachschule arbeitet und meine Bewerbung mitnimmt. Anfang September werde ich angerufen und zu einem Gespräch eingeladen.

Mir ist ganz schlecht vor Aufregung, aber mein Interviewpartner dutzt mich ganz selbstverständlich und hat einen strengen amerikanischen Akzent. Das beruhigt mich. Ich bin also nicht der einzige Ausländer in der Gegend. Wenig später bin über mich selbst erstaunt, wie flüssig ich erzählen kann, was mich nach Bari verschlagen hat, warum ich in der Sprachschule arbeiten möchte und, dass ich bereits in St. Petersburg Deutsch unterrichtet habe und in Italien auch privat Deutschunterricht gebe. Möglich oder vielleicht sogar wahrscheinlich, dass ich dabei Endungen verwechsele und gelegentlich auch nach Worten suchen muss. Der Sprachlehrer scheint jedoch überzeugt und erklärt mir, wie der Hase läuft: Wenn Lernwillige einen Kurs machen möchten (vorzugsweise abends), werden die Lehrer angerufen und gefragt, ob sie Zeit zum unterrichten haben. Die magere Bezahlung ist also, selbst wenn es gut läuft, relativ unberechenbar. Als Nebenjob super geeignet, aber davon leben kann man nicht – das sagt natürlich nicht mein Gegenüber, sondern ich denke es mir stillschweigend. Sollten sie mich brauchen, dann komme ich, versichere ich ihm. „Wir rufen dich dann an.“, sagt mein Interviewpartner und stellt mir anschließend noch die Kurskoordinatorin vor. Wenn ich mich im Oktober erkundigen werde, wann es mit dem Unterrichten losgehen soll, werde ich lächelnd damit vertröstet werden, dass im Moment kein Deutschkurs zustande gekommen sei. Na, ja, das werde ich dann auch glauben, denn das ist besser für’s Ego.

Das erste Bewerbungsgespräch lief jedenfalls viel besser, als ich es erwartet hatte. Daher schwebe ich danach wie auf Wolken durch die Via Sperano und, weil mir nicht mehr schlecht ist, kaufe ich mir bei Gasperini sofort ein Belohnungseis.

Arbeitslosenblues

Mein Urlaub ist vorbei. Heute ist mein erster Tag als Arbeitslose. Irgendwie ist es ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich auch nach zwei oder drei weiteren Wochen nicht wieder an meinen Schreibtisch, der jetzt nicht mehr mein Schreibtisch ist, zurückkehren werde. Ich kann ich es noch nicht richtig glauben, dass es vorbei ist. Meine Arbeitskollegen und -kolleginnen, die inzwischen auch Ex sind, lächeln mich von den Fotos meiner Schreibtischunterlage, die sie mir unter anderem an meinem letzten Arbeitstag geschenkt haben, an. Das Gefühl, demnächst relativ nutzlos zu sein, reißt mir die Beine weg und ich beschließe, etwas gegen den einsetzenden Blues zu tun: Ich setze mich mit einer Tasse Tee in die Sonne auf den Balkon und schaue auf die vorbeifahrenden Züge, die hohe Palme, welche die Bahnstation flankiert, und auf eine riesige muskulöse Männerbrust unter einem wie für eine Zahnpastawerbung aufgelegtem Lächeln auf einer „Kaufe Gold“ – Reklametafel vor unserem Haus. Dieser Macho sieht nicht so aus, als würde er tatsächlich Gold kaufen wollen. Ich lächele ein wenig in mich hinein. Der Himmel ist wolkenlos und strahlend blau. Langsam sieht die Welt wieder besser aus.

Nach einer halben Stunde flüchte ich mich vor einen möglichen Sonnenbrand vor den Computer und melde mich bei meinem Adecco-Account in Bari an, den ich mir schon vor ein paar Monaten eingerichtet habe. Inzwischen habe ich neben allen anderen Zeugnissen und Zertifikaten auch mein Arbeitszeugnis übersetzen lassen. Vorgestern konnten wir es bei der Italienisch-Deutschen-Assoziation abholen. Die Sekretärin hatte mir erklärt, dass sie beinahe niemanden gefunden hätten, der es übersetzen wollte. Das Dokumentendeutsch, das bereits für Muttersprachler schwer verständlich ist, muss für Übersetzer scheinbar die Pest sein. Ich kann mich gar nicht so überschwänglich bedanken, wie ich es nach dieser Erklärung für angemessen halte. Mir hilft die Übersetzung jedenfalls ganz ungemein, in meinen italienischen Lebenslauf einzutragen, für was ich alles verantwortlich gewesen bin. Während ich meine Verantwortlichkeiten auf das geforderte Maß an Zeichen kürze, gelange ich zu der Überzeugung, dass jeder Arbeitgeber froh sein müsste, ein Organisations-, Kommunikations- und Führungsgenie wie mich beschäftigen zu dürfen.