Schlagwort-Archive: Atombombe

Aber Mama, du hast doch gesagt… – Von Atombomben und Schokoladenkuchen

In den letzten zwei Jahren war mir des Öfteren zum Weinen zumute. Aber es blieb trotz der virusbedingten Widrigkeiten, die mir heute allesamt unbedeutend vorkommen, bei „zumute“. Heute früh jedoch, als ich meinen sechsjährigen Sohn Davide weckte, fiel mein Blick auf ein altes Kinderbuch und plötzlich liefen mir unkontrolliert Tränen über die Wangen. Am Bett meines Kindes, das eben erst die Augen aufschlug. – Das kommt davon, dachte ich, wenn man schon vor dem Aufstehen die Nachrichten liest. Denn seit heute morgen weiß ich, das es einen Plan der italienischen Regierung im Falle eines Atomschlags gibt und, wie dieser aussieht. Demnach werden wir uns zwei Tage lang in unserer Wohnung aufhalten und Jodtabletten einnehmen, die in unserem Haushalt bisher gar nicht vorhanden sind, und danach keine Agrarprodukte aus der Gegend mehr essen. Na, ja…

Gianni Rodari: Das fliegende Riesending, K. Thienemann Verlag, Stuttgart, 1. Auflage 1968

Ich nahm das Kinderbuch aus dem Regal und erinnerte mich daran, wie ich es erst im letzten Sommer aus einem Karton gefischt hatte, der sich unter dem Dach meines Elternhauses befand: Das fliegende Riesending“ von Gianni Rodari. Sicherlich hatte ich es in meiner Kindheit irgendwann gelesen, aber erinnerte mich an nichts, was bei mir häufiger passiert. Warum also fischte ich gerade dieses Buch aus dem Karton? Weil Gianni Rodari nicht nur der Namensgeber für die Schule meines Sohnes ist, sondern auch dessen imaginärer Freund, der trotz seiner sieben Jahren ganz allein in einer ägyptischen Pyramide lebt und irgendwann im letzten Jahr durch ein Portal aus einem ebenfalls imaginären Land namens Lappese auf die uns bekannte Erde gefallen ist. So weit so spannend.

Zurück in Italien hielten wir uns wie immer noch ein wenig emotional an unserem Sommerurlaub in Deutschland fest, indem ich Davide das Buch vorlas. Obwohl ich feststellte, dass es für seine Altersgruppe noch nicht wirklich geeignet war, lasen wir es bis zu Ende durch, denn immerhin hatte es Gianni Rodari geschrieben – welcher der Beiden war im Prinzip unerheblich. Das Buch spielt in der Peripheri von Rom, wo aus heiterem Himmel ein unbekanntes Flugobjekt in der Form einer riesigen Schokoladentorte landet. Während nun das Militär anrückt und den Hügel, auf dem das Objekt gelandet ist, großräumig abriegelt und Wissenschaftler ihre Thesen aufstellen, sind es paar Kinder, die schnell herausfinden, dass es sich tatsächlich um eine leckere Schokoladentorte handelt, in deren Mitte sich ein Mensch befindet, der eine ihnen unverständliche Fremdsprache spricht. Schließlich entpuppt sich dieser Mensch als Wissenschaftler, der damit beauftragt war, herauszufinden, wie man den Atompilz einer Atombombe so lenken kann, dass seine schädliche Wirkung maximal ausgenutzt wird. Durch Zufall ging das Experiment schief und statt eines Atompilzes kam „nur“ eine Schokoladentorte heraus, die dazu noch schlecht zu steuern war.

Über den lenkbaren Atompilz – Auszug aus Gianni Rodari: Das fliegende Riesending

An dieser Stelle gab es natürlich Erklärungsbedarf. Ich erzählte meinem Sohn daher so grob wie möglich, was eine Atombombe war und, dass sie in einem Krieg entwickelt worden sei und man heute wisse, wie fürchterlich sie wirke, weshalb sie niemand mehr benutzen würde. Heute Morgen fiel mir genau dieses Gespräch wieder ein…

Mein Sohn erinnerte sich zum Glück nicht daran. Er musste nämlich gerade ein Gedicht Rodaris auswendig* lernen und der Blick auf das Buch erinnerte ihn nur daran, dass das Ende noch nicht richtig saß: „Der Mond von Kiew“. Ein bisschen Internetrecherche brachte schnell zu Tage, dass das Gedicht aus offensichtlichem Grund gerade in ganz Italien aktuell ist. Ich frage mich, was der Kommunist und Partisan Rodari dazu sagen würde, dass Russen jetzt Kiew bombardieren, wenn er nicht 1980 schon gestorben wäre. Wäre er über den Zusammenbruch des Sojus‘ und die Selbstständigkeit der ehemaligen Bündnisstaaten froh gewesen? Keine Ahnung. Aber mit Sicherheit wäre Rodari nicht für Putins „Heim ins Reich“-Politik, denn er hat den Krieg am eigenen Leib erfahren, liebte den Frieden und wusste, dass es der selbe Mond ist, der über Rom wie über Kiew leuchtet, und sicher war ihm auch bewusst, dass nicht nur Mondstrahlen ohne Reisepass reisen.

… und dann kommt mein Sohn doch tatsächlich heute aus der Schule nach Hause, präsentiert mir das „Bravo“ fürs Gedichtaufsagen und fängt so ganz beiläufig an: „Aber Mama, du hast doch gesagt, dass die Russen nicht an uns interessiert sind und heute keiner mehr Atombomben schmeißt.“

Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Unsere Herzen sind mit den Ukrainern, die in diesen Tagen ihr Leben lassen oder Todesangst ausstehen, und all denen, die ihnen helfen. Auch die, die wir warm und gemütlich daheimsitzen, werden alle über Jahre auf unerschiedliche Art und Weise dafür bezahlen, dass eine große Zahl von Russen doch Krieg wollen; auch mit dem Vertrauensverlust unserer Kinder… und vielleicht …

Nach Schokoladentorte ist mir jedenfalls nicht.

*Ich verweise an dieser Stelle auf einen Beitrag bei Anke mit einer Übersetzung des Gedichts „La Luna di Kiev“.