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Das verflixte siebte Jahr

Hallo, meine lieben Lesenden,

ich weiß, es ist mal wieder still auf diesem Blog geworden. Das kommt daher, dass ich seit Ende April an sechs Tagen die Woche arbeite. Und das kommt wiederum daher, dass ich u.a. in einer privaten Sprachschule arbeite, in der pro Jahr mal eben 6000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene Cambridge Sprachprüfungen ablegen – vielleicht auch mehr – und so etwas findet dann bevorzugt an Samstagen vor Schuljahresende und dem Sommerurlaub statt. Luigi sei Dank, dass uns zu Hause noch nicht die Müllberge über den Kopf gewachsen sind und regelmäßig etwas zu essen auf dem Tisch steht!

Nicht Apulien aber ähnlich ambivalent.

Meine Administratortätigkeit für IDP IELTS Examen hat mich zudem drei Nächte ins asiatische Ausland geführt. Ihr könnt ja mal raten, welche Stadt der Blick aus meinem Hotelfenster zeigt.

Wenn du nicht zum Strand kommst, muss der Strand eben zu dir kommen. Sandkästen sind in Süditalien unbekannt. Deshalb habe ich kurzerhand selbst einen gebaut.

Hat man sich und seinen zehn Kilo schweren Rucksack dann abends in den dritten Stock hochgeschleppt, wird man von einem Kind angesprungen, dass den ganzen Tag nur darauf gewartet hat, seiner Mama 1000 Dinge zu erzählen, eine Eisenbahnstrecke mit ihr zu bauen und/ oder im vor Kurzem fertig gestellten Sandkasten (Keine Ahnung, wann ich das Ding auch noch gebaut habe!) zu buddeln, bis die Sonne untergegangen ist.

Nur gut, dass es Jahrestage gibt! Momente zum Innehalten, Durchatmen, Revue passieren lassen…

Der letzte Sommer und Herbst vergingen viel zu schnell. Inzwischen freuen wir uns schon auf unseren nächsten Besuch aus und in Deutschland.

Ein Stück Hafen von Bisceglie im Februar.

Im zeitigen Frühjahr hatten wir noch Muße, uns in der Nähe von Bari umzusehen und ein paar kleine Städte zu besuchen.

Erinnerung an unseren nachösterlichen Kurzurlaub im Süden Süditaliens: Das Schloss von Otranto im April.

Denkwürdig auch die zwei Wochen, in denen ein vor der Seepromenade Baris gestrandetes Frachtschiff die Hauptattraktion Apuliens bildete.

Und natürlich darf ich „San Nicola“ nicht vergessen. Während des drei Tage währenden Stadtfestes hatten wir dieses Mal die Gelegenheit, die italienische Kunstfliegerstaffel „Frecce Tricolore“ vom Dach eines Hauses an der Seepromenade zu beobachten – lauter laute Düsenjäger zum Anfassen nah. Davide fand sie auf einmal gar nicht mehr so sympathisch und zog sich ins Haus zurück.

Ja, wie war also das verflixte siebte Jahr? Gar nicht so verflixt. Eher normal; normal gut. Während Luigis Plan, sich neben seiner Arbeit im Lohnbüro als Hausverwalter zu etablieren aufgeht und er demnächst schon das zweite zu verwaltende Haus übernehmen wird, hat Davide das erste Kindergartenjahr mit Spaß und Freude hinter sich gebracht. Ich habe noch mehr Verantwortung in meiner Schule und einen Schlüssel für den ungehinderten Zugang übertragen bekommen. So geht alles irgendwie immer weiter. Beruhigend oder?

Unser Feigenbaum Federico lockt mit supergroßen Fironi.

Über Aprikosenmangel können wir uns auch nicht beklagen.

Gestern Abend lümmelten mein Sohn und ich bis in den späten Abend hinein auf einem Liegestuhl herum, denn ein leichter Wind hatte die afrikanische Hitze endlich erträglich gemacht, und ließen den Tag ausklingen. „Mama, erzähl doch noch eine letzte Geschichte, eine die wir noch nie gehört haben!“ verlangte er schließlich. „Weißt du was,“ wiegelte ich ab, denn das wäre ungefähr die zehnte Geschichte dieser Liegestuhllümmelei geworden, „wir gehen jetzt ins Bett und die Geschichte, die machen wir morgen selbst, okay?“ – Es war natürlich nicht okay, aber er ging trotzdem ins Bett.

Und genau heute beginnt diese neue Geschichte – mein achtes Jahr in Apulien. Ich weiß nicht, wie lange das weitergehen wird, aber bisher empfinde ich es immer noch als etwas Besonderes, in diesem Landstrich leben zu dürfen – gerade jetzt, wo der Sommer beginnt, welcher Grillabende mit Freunden, müßige Stunden auf der Terrasse, Mittagsschläfchen, Fahrten ans Meer und jede Menge süßer Wassermelonen versprich, ist das Leben hier so einfach und deshalb so besonders schön.

Praktisch – Hund zum Ausborgen. Unsere Nachbarn sind immer froh, wenn wir mit Yuki zu einem langen Spaziergang aufbrechen. Er auch.

Unsere Katze Gina hingegen ist auch nach ihrer Wiederauffindung wenig dankbar, asozial und absolut kein Fotomodell. Wir lieben sie trotzdem.

Allen denen, welche diesen Blog verfolgen und auch den ca. 100 Personen, die täglich hier zufällig vorbeisehen, wünsche ich eine ebenso tolle Zeit! Ich sende Grüße an alte und neue Freunde und werde an euch denken, während ich noch ein Stückchen ComPluglianno-Kuchen (auch bekannt als „Fraukes Buttermilchkuchen“) esse und mit einem Gläschen Limoncello auf meinen siebten Apuliengeburtstag anstoße.

 

Tanti Auguri e tante belle cose a tutti!

Corinna

 

 

Da lachen ja die Bienen – 6. Jahrestag

Hallo, meine Lieben,

ich fass es nicht! Schon wieder ist ein Apulienjahr vergangen! Heute vor sechs Jahren bin ich mit zwei Koffern hier gelandet und, wenn ich so darüber nachdenke, kommt es mir eigentlich gar nicht so lange vor. Oder aber als wäre ich nie woanders gewesen. Ein sehr merkwürdiges Gefühl, so zwischen zwei Extremen.

Lieblingsplätze 1: Hier hangeln sich zwei Passionsblumen vor der Terrassentür gen Himmel und schirmen eine kleine Sitzecke vor Nachbarsblicken ab.

Rankhilfe und Sichtschutz aus Paletten

Sicherlich tragen sich wiederholende Ereignisse dazu bei, dass ich mich in Bari und Umgebung inzwischen zu Hause fühle. Sicherlich spielt auch eine große Rolle, dass wir unsere Traumwohnung und die dazugehörige Terrasse immer mehr unseren Vorstellungen anpassen, sodass ich an sonnigen Tagen stets das Gefühle habe, ich wäre im Urlaub, sobald ich eine Fuß vor die Tür setze. Und natürlich verankert unser Sohn Davide mich hier, vor allem seit er im letzten November in die Kinderkrippe kam und wir plötzlich auch ein Sozialleben außerhalb von Luigis Familie haben.

Lieblingsplätze 2: Der Klassiker – mein Liegestuhl neben der Yuka-Palme, viel zu selten genutzt.

Trotzdem bildet der Sommerurlaub „bei Muttern“ immer noch ein Highlight im Jahreskalender und auch in diesem Jahr freue ich mich schon seit Monaten darauf. Davide hatte sogar schon seinen kleinen Kinderkoffer probegepackt, als wir neulich einen neuen großen Koffer kauften. Da mein Kind keine ausgesprochene Wasserratte ist, können ihn auch die grünen Hügel Brandenburgs und vor allem Enten, Gänse, Hühner, Kaninchen, Schafe, Hunde – kurz die Tiere, die man in einem brandenburgischen Dorf noch so hält – locken. Ganz besonders auch das Bäckerauto, das hupend vor der Haustür hält und leckeren Kuchen vorbei bringt. Ich selbst freue mich vor allem auf meine Freunde und die Familie, die ich zurückgelassen habe.

Die Wasserspielecke wird fast täglich genutzt…

… und hat in diesem Jahr ein Sofa aus Paletten bekommen, dem jedoch die Kissen fehlen, weil die Bezüge noch nicht fertig genäht sind.

Dem Projekt „Gegen das Kind“ fehlt noch die verschließbare Tür. (Es gibt immer ‚was zu tun!)

Gut, wollen wir nicht noch mehr Worte machen! Das letzte Jahr war super und das kommende wird hoffentlich auch wieder so. Ich danke meinen treuen Lesern, dass sie hier weiterhin vorbeischauen, denn auch im siebten Apulienjahr werde ich über diesen Landstrich, seine sehenswerten Ecken und mein Auswandererabenteuer bloggen.

Daher Buon ComPuglianno!“ a me und euch allen einen schönen Sommer!

Corinna

Vor einem Café fotografiert

Hier meine Gedanken zu den letzten Jahrestagen:

5. Jahrestag 2017

4. Jahrestag 2016

3. Jahrestag 2015

2. Jahrestag 2014

  1. Jahrestag 2013

 

Schattenseiten

„Der Freitag“ hat in seiner Ausgabe 35/2017 einen hochinteressanten, beklemmenden Beitrag mit dem Titel „Sie schürfen rotes Gold“ publiziert. Darin wird u.a. die Geschichte des  Immigranten Soleyman aus dem Senegal erzählt, eine Geschichte, die exemplarisch für viele Einwanderer, die sich in Europa mit schlecht bezahlter, harter Arbeit über Wasser halten, steht. Warum ich das hier aufgreife? Soleyman arbeitet im Moment als Tomatenpflücker unter unserer heißen, apulischen Sommersonne für nur 3 bis 4 Euro pro Stunde.

Modernes Sklaventum

Schon das Titelfoto erinnert an die Südstaaten Amerikas vor mehr als 200 Jahren. Man muss im Geiste nur die Tomaten gegen Baumwolle austauschen und sieht, dass sich das moderne Sklaventum gar nicht so sehr vom damaligen unterscheidet. Doch, was der Artikel nicht erzählt, ist, dass es vielen eingeborenen Süditalienern nicht viel besser geht. Die totale Abhängigkeit vom Belieben und den Anforderungen dessen, der dir Arbeit geben kann, lässt zum Beispiel auch Giuseppe unter haarsträubenden Bedingungen sein tägliches Brot mit Saisonarbeit verdienen. Aber Giuseppe ist kein Immigrant. Er ist ein Apulier doc. Ein einfacher Mensch, der den Hauptschulabschluss mit über 30 an der Abendschule nachgeholt hat. Er hat zwei Ehen hinter sich und ein Auswandererabenteuer in Peru. Als ich ihn kennenlerne, wohnt er wieder im Kinderzimmer bei seinen Eltern in der kleinen italienischen Stadt, in der er aufgewachsen ist.

Giuseppe hat sich in den Kopf gesetzt hat, Deutsch zu lernen, weil er Apulien wieder den Rücken kehren will. Dieses Mal endgültig. Sein Traum: in Deutschland leben und arbeiten, unbedingt in München. Warum, weiß er selbst nicht so genau. Es sei eben alles besser in Deutschland. Vor allem gäbe es richtiges Geld für Arbeit. Vielleicht hätte er mal Soleyman fragen sollen, warum dieser dann in Apulien Tomaten pflückt.

Weintrauben putzen

Egal. Wenn Giuseppe abends zu mir in den Deutschkurs kommt, sprechen wir nicht nur über Grammatik und Vokabeln, sondern auch über sein Leben, seine Ehen, die mit daran gescheitert sind, dass er keine Arbeit findet, mit der er seine Familie etwas mehr als nur über Wasser halten kann. Irgendwann erzählt er mir von seinem Sommerjob – Weintrauben putzen. Was muss man sich darunter vorstellen?

Von Juni bis September arbeiten sich Leute sieben Tage die Woche an den Weinreben entlang und pflücken die zu kleinen oder fauligen Weintrauben ab, damit die restlichen größer werden können und dabei nicht faulen. Diese unermüdlichen Weintraubenputzer sorgen dafür, dass die großen, süßen und makellosen Trauben aus Apulien ihren guten Ruf wahren können.

Wie bei den Tomatensklaven klingelt auch bei Giuseppe um 4 der Wecker. Dann holt ihn der Typ ab, der ihm diesen Job vermittelt hat – so eine Art Teamleiter, der sich genau wie bei Soleyman die Chauffeursarbeit zum Feld pro Tag und Person mit 5 Euro bezahlen lässt. Das ist bereits der Lohn für eine ganze Stunde Weintraubenputzen.* Ein Fahrrad würde hier nicht helfen. Die Weinfelder sind gut und gern mal eine Stunde von Giuseppes Heimatort entfernt.

Von 6 bis 13 Uhr pflücken sie die Rebstöcke entlang, immer ein wenig gebückt, das Gesicht nach oben und die Arme die ganze Zeit über den Kopf erhoben. Nach kurzer Zeit schmerzt der Rücken, irgendwann merkt man es nicht mehr. Dann werden die Arme schlapp. Nach ein paar Tagen entwickeln sich die entsprechenden Muskeln. Durchhalten. Außerdem sind die Reben meistens mit Planen überspannt, damit der Regen ihnen nicht schaden kann. Das erhöht die Temperatur der Arbeitsumgebung noch einmal gewaltig. Wer jedoch ständig trinken oder seine Arme ausschütteln muss, kann nicht schnell genug pflücken. Der schafft die ihm zugeteilten Reihen nicht und verliert seinen Job. Weder Giuseppe noch einer seiner Kumpels können sich das leisten. Für die meisten ist diese Sommerarbeit, die einzige im Jahr. Schwarz versteht sich.

Ein „padrone“ als Arbeitgeber

Ob sein Arbeitgeber keine Angst vor Kontrollen habe, fragte ich ihn einmal, weil man gelegentlich hört, dass die Behörden Stichproben machen würden. Ich bekam einen unverständlichen, halb mitleidigen Blick zurück. Dann erklärt er mir, dass die Kontrollen überwiegend dort stattfänden, wo gerade nicht gepflückt wird. Sonst wären sie von ihrem „padrone“ (dt. Herr) angewiesen beim Auftauchen jeglicher Kontrolleure sofort wegzulaufen. Wer einmal gefasst wird, braucht nicht zu hoffen, dass man ihn noch einmal für diesen oder einen ähnlichen Job nimmt. Außerdem würde der „padrone“ ohnehin abstreiten, dass er ihn oder jemand anderen jemals gesehen habe. Wie Giuseppe so selbstverständlich von einem Herrn sprechen kann, versteht vielleicht nur jemand, der in diesem System lebt.

Mittags um eins ist jedenfalls zunächst Schluss mit den Trauben, denn dann wird die Hitze gar zu groß. Doch nachmittags ab 3 machen sie weiter bis abends um sieben.  Da ist Giuseppe in diesem Jahr aber nicht mehr dabei, denn ab 4 büffelt er stattdessen Deutsch. Sein Padrone hat ihm erlaubt, nur vormittags zu arbeiten, weil er genügend Weintraubenputzer hat. Wenn Mitte September die Traubenernte richtig losgeht, wird die Saisonarbeit vorbei sein und Apulien Giuseppe keine Alternative bieten. Dann will er sich mit einem Koffer nach Deutschland aufmachen, denn ein Freund hat versprochen, ihm bei der Jobsuche in München behilflich zu sein, und nur noch nach Apulien zurückkommen, um seine Eltern zu sehen. Die können es kaum erwarten, dass das Kinderzimmer wieder frei wird.

  • Jetzt nur nicht empört auf apulische Landwirte schimpfen, sondern einfach mal „Brandenburg Spargelernte Verdienst“ googeln.

Mein Apulien macht Geschichte (und Geographie)

Gottes Wege sind untergründig – das weiß man nicht nur als guter Christ, der ich nicht bin, sondern man lernt es hauptsächlich, wenn man eine entsprechende Zeit leben darf. Seit ich in Apulien lebe, habe ich mich beruflich zu einer recht ordentlichen Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache entwickelt. Nach meinem Abitur hätte ich das nicht für möglich gehalten, denn sämtliches Lehrpersonal, das ich bis dahin kannte, hatte vom Lehrerberuf dringend abgeraten; weshalb ich denn auch eine brotlose Kunst studierte, die mich jedoch bestens aufs Leben vorbereitet hat, indem sie mir zeigte, dass ich einfach alles kann (auch VWL, Kriminologie und Spätantike).

Trotzdem oder gerade deswegen habe ich Anfang dieses Jahres beschlossen, dass ein regelmäßigeres Einkommen her muss, welches ich mit einem neuerlichen Jobwechsel zu erreichen beabsichtigte. Als freiberufliche Lehrerin hat man mehr Gerenne als Unterricht und manchmal komme ich mir wie Laura aus „Unsere kleine Farm“ vor, die irgendwann ihre Rattenschwänze zum Dutt hochband und von da an eine qualifizierte Lehrerin war. Es sollte also ein Job in der Wirtschaft her; möglichst einer in dem ich Deutsch und Englisch sprechen und acht Stunden hintereinander mehr oder weniger an dem selben Ort arbeiten konnte.

Diesem Entschluss folgten zahlreiche Stunden auf Jobbörsen im Internet, etwa eine Bewerbung pro Woche mit nur einer Absage nach 5 Minuten, sonst keine Reaktion. Frustration. Selbstmotivation. Enttäuschung. Hoffnung. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich schreibe diese Zeilen, welche in die Kategorie „Erkenntnisse“ fallen, von der ich im letzten Blogbeitrag sprach, in einer Zeit, die ich eigentlich dazu nutzen sollte, mich auf Alexander den Großen, Trajan, den Bauernaufstand, das Dritte Reich, Indien, China, Demokratie oder deutsche Bundesländer vorzubereiten, denn über eingangs genannte Wege und gewissenhaftes Arbeiten in vergangenen Jobverhältnissen bin ich in einem italienischen Gymnasium gelandet, in dem ich aushilfsweise fünf Klassenstufen auf Deutsch in Geschichte und Geographie unterrichte und noch bis zum Schuljahresende unterrichten werde. Für meine persönliche Bildung ist dieser Job ein Hauptgewinn, arbeitspensumsmäßig ein Alptraum, finanziell ein Schmankerl und in meinem apulischen Leben scheinbar nur folgerichtig, denn Apulien ist immer für eine Überraschung gut. Ich geh‘ mir dann mal einen Dutt machen.

 

Götterdämmung oder Die lieben Nachbarn

Wie gut, dass wir unsere lieben Nachbarn haben! Sonst wüssten wir nicht einmal über uns selbst Bescheid.

Haus 1

„Dämmen“ bedeutet in Italien, von außen Polystyrolplatten an die Wand zu kleben, sie mit Plastikplättchen zu verankern, ein Gitternetz aufzubringen und danach neu zu verputzen.

„Jetzt, wo Ihr Kind da ist, brauchten Sie wohl eine größere Wohnung.“, flötete mir nämlich unlängst Signora F. vom Balkon im ersten Stock entgegen und schwang demonstrativ ihren Besen. „Nein, wir ziehen nicht aus.“ entgegnete ich leicht verwirrt, während Davide versuchte, mir beim Aufschließen den Schlüssel für unsere Zauntür zu stibitzen. „Haben Sie nicht ein weiteres Zimmer konstruiert?“ „Neeein…“, antwortete ich gedehnt. „Wir haben einen cappotto termico gemacht.“ (dt.: unsere Wohnung von außen gedämmt). Dann erklärte ich, dass man auf einem Dach nicht einfach weitere Zimmer anbauen dürfe. Erstens sei es verboten und zweitens könne es Probleme mit der Statik geben, weshalb das auch verboten sei; vermutete ich jedenfalls.

Haus danach 1

Jetzt haben wir Außenwände so weiß, dass es beim Hinschauen blendet. Und wenn man leicht dagegen klopft, klingt es, als lebe man in einem Eierkarton.

„Be, also, wann sind Sie denn endlich damit fertig? Ich muss jeden Tag den Balkon waschen und die Türen geschlossen halten. Das Polystyrol kommt bis in die Wohnung.“ Ich entschuldigte mich in aller Form für die Unannehmlichkeit, denn tatsächlich fanden auch wir immer noch einige von den winzigen Polystyrolkügelchen, die mehrere Wochen  in Massen über die Terrasse gerollt waren, und erzählte, dass wir fertig seien und inzwischen auch die Terrasse einmal completamente profondamente gereinigt hätten. Woher jetzt immer noch das Polystyrol käme, könne ich mir nicht erklären. Und Davide habe übrigens ein Kinderzimmer. „Ach, ich war einmal oben, da lebte die Signora noch dort. Ich erinnere mich nicht mehr so gut, aber die Wohnung kam mir sehr klein vor. “ – „Wir sind ja nur drei. Für uns ist sie groß genug.“ versicherte ich und biss mir auf die Zunge, denn es lag eindeutig der Wunsch nach einer Einladung im Raum.

„Aber im Winter ist es doch sicher sehr kalt da oben.“, versuchte sie es erneut.  „Sehr kalt“ bei selten weniger als null Grad – über das italienische Temperaturempfinden diskutierte man besser nicht. „Jetzt nicht mehr.“ gab ich daher nur zurück. „Wir wollten nicht länger für draußen heizen. Deswegen der cappotto termico.“

„Aber es ist doch sicher sehr unbequem mit dem Kleinen ohne Fahrstuhl.“ kam es nach einem kurzen Moment der Überlegung. Also tat ich ihr den Gefallen und bestätigte, dass es sehr unbequem sei, obwohl mir die Stufen tatsächlich nur nach einem üppigen Mittagessen bei Mamma Maria unüberwindbar schienen. Da wirbelte Signora F. aus dem ersten Stock ihren Besen energisch durch eine Balkonecke und meinte versöhnlich: „Sie haben ja noch junge Beine.“ „Ja.“, bestätigte ich, „Und Davide fängt jetzt zu laufen an. Da brauche ich in Zukunft nur die Einkäufe zu tragen.“ „Amore!“ – flötete sie nun endgültig wiederhergestellt. „Come sei bello!“ Davide legte sein „wird auch endlich Zeit für ein Kompliment“- Lächeln auf und schaute demonstrativ zur anderen Seite. „Er ist müde.“, entschuldigte ich uns. „Einen schönen Tag noch.“ Signora F. grüßte halbherzig, denn sie spähte bereits nach einem anderen Small-Talk-Opfer – vielleicht um die Neuigkeiten sofort weiterzugeben.

„So,“ sagte ich zu Luigi, als wir in unserer Wohnung angekommen waren, „jetzt erklär mir doch mal genau, was du mit dem zusätzlichen Zimmer machen willst, das uns die Handwerker angebaut haben.“ „Zimmer?!“ meinte er stirnrunzelnd…

Das Sonnenbrillenproblem …

… oder: Wie lange dauert es einen Bericht über Corinna in Apulien zu schreiben?

fluegge_logo_finIrgendwann gegen Ende des letzten Jahres hat mich die Journalistin Susanne vom „Flügge“-Blog angesprochen und gefragt, ob wir uns über meine Auswanderung nach Triggiano unterhalten könnten. Auf ihrem sehr lesenswerten Blog sammelt sie nämlich interessante Geschichten von Menschen, die ausgewandert sind oder deren Leben durch eine Reise verändert wurde. Ehe wir einen Skype-Termin gefunden hatte, vergingen bereits Wochen, aber wir schafften es schließlich zusammenzukommen und sprachen über meinen Weg nach Triggiano, über Apulien, Bari, die Leute und das Leben hier in Süditalien.

Tatsächlich stellte sich als größtes Problem heraus, dass es praktisch keine Fotos von mir vor apulischer Kulisse gab, da ich immer hinter der Kamera stehe. Und auf den wenigen existierenden Fotos hatte ich immer eine Sonnenbrille auf. Logisch, denn hier scheint nun mal zu allen Jahreszeiten die Sonne. Ich musste also Besuche von Freunden abwarten, die bei uns generell immer mit Fotoapparat an- und dann mit mir in Apulien herumreisen.

Dazu kamen auf beiden Seiten Arbeit, Feste, Feiertage, Urlaub, wieder Arbeit, Familie und, und, und…  aber was lange wärt, wird bekanntlich gut. Daher gibt es seit ein paar Tagen bei Susanne einen langen Bericht, der vieles noch einmal zusammenfasst, was ich auch schon hier auf MeinApulien mit euch teile noch dazu mit einigen Fotos, auf denen ich gezwungenermaßen ohne Sonnenbrille zu sehen bin: „Vom Licht und Leben in Apulien“.

Schon wieder Jahrestag?

Seit ich in Apulien lebe, hat sich meine Zeitrechnung verändert. Damit spiele ich jetzt nicht auf die einzukalkulierende Unpünktlichkeit der Italiener und deren Verkehrsmittel sondern auf meinen Jahrestag am letzten Sonntag an. Für mich beginnt das neue Jahr nämlich nicht am 1.1. sondern am 26.6. – „Compuglianno“ habe ich meinen italienischen Neustart getauft, eine Mischung aus den Wörtern für Apulien (Puglia) und Geburtstag (compleanno).

Und nun soll es schon vier Jahre her sein, dass ich mein sicheres und behütetes Leben in Deutschland für das Abenteuer Apulien eingetauscht habe. Kaum zu glauben. Besonders das letzte Jahr mit unserem Sohn Davide kommt mir rückblickend nur wie ein Fingerschnippen vor. Im Kern ist zwar alles gleich geblieben: Ich unterwandere beruflich weiterhin Baris Bildungslandschaft und scheine inzwischen neben geschätzter Deutschlehrerin in Privatschulen auch gern gesehene Projektlehrerin in staatlichen Gymnasien zu sein. Die „Mission Traumwohnung“ macht auch immer kleine Schritte vorwärts. Meine Familie, meine Freunde, meine Terrasse und das Schreiben sind mir wichtig geblieben. Aber es sind neue Freunde hinzugekommen und Prioritäten haben sich verschoben, was man auch an der Unregelmäßigkeit der erscheinenden Blogbeiträge erkennen kann. Am wichtigsten ist mir nun, viel Zeit mit meinem Sohn zu verbringen. Gerade an seiner rasanten Entwicklung merke ich, wie mir die Zeit durch die Finger rinnt und spezielle Momente, die er mit anderen erlebt, unwiederbringlich für mich verloren sind.

Mein neues Jahr in Apulien hat also begonnen und ich wünsche mir für dieses fünfte nichts anderes, als dass sich alles so gut weiterentwickeln möge wie bisher.

In diesem Sinne also: Buon Compuglianno a me! und euch allen einen schönen Sommer!

Torte

Eine leckere Version der Torta Mimosa von unserer Freundin Ivana – natürlich haben wir das Sahnestück schon komplett verputzt.