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Coronavirus: Wie die Süditaliener die Stimmung hochzuhalten versuchen

Wer sich in der italienischen Volksmusik wie ich wenig auskennt, der muss dieser Tage nur gegen 18 Uhr seine Ohren spitzen. Von einer Person ausgedacht, die das Alleinsein scheinbar nur schwer ertragen kann, und durch soziale Netzwerke bis in die hintersten Winkel Italiens verbreitet, treten Spaßvögel, Neugiere, Gelangweilte und/ oder Optimisten um 18 Uhr auf ihre Balkons und beteiligen sich an einer vereinenden Aktion. So sollte man vorgestern den Ärzten und anderem medizinischen Personal applaudieren oder gestern den italienischen Gassenhauer „Azzurro“ singen. Was natürlich bis gestern 18 Uhr völlig an mir vorübergegangen ist – entweder weil unsere Mitmenschen vorgestern sehr leise applaudierten oder weil wir keine Onlinesozialisten sind.

Jedoch lebt In unserer Nachbarschaft wahrscheinlich ein DJ oder jedenfalls jemand mit einer sehr guten technischen Ausstattung, was Audio-Geräte betrifft. Gegen 18 Uhr dröhnte also „Azzuro“ durch unsere ziemlich neuen, geschlossenen Fenster – in einer Discoversion mit stampfenden Bässen und Soundeffekten.

„Spinnen die!?!“ war meine erste Reaktion, während ich mit Davide auf die Terrasse trat, den das Spektakel natürlich interessierte. Im Haus uns schräg gegenüber wohnen zwei Kindergartenkumpels, die ebenfalls auf ihren Balkons standen und deren Mütter offensichtlich ihre Münder bewegten. Möglicherweise sangen sie mit, aber das konnte man ob der lauten Musik nicht genau verstehen. Auch andere Balkons bevölkerten sich und einige Mitmenschen zückten ihre Handys, um das ganze aufzunehmen. Dann war der Song vorbei. Alle applaudierten – hörbar. „Na, war ja ganz nett!“, dachte ich dann bei mir und ging zurück in die Wohnung.

Davide jammerte noch darüber, dass wir nicht zu seinem Freund Samuele gehen würden, da hatte unser Discofreund schon eine Tanzversion von „Volare“ aufgelegt. Weiter ging es mit der italienischen Nationalhymne – zum Glück nur die kurze Version. Luigi meinte, es gäbe auch noch eine, die 12 Minuten dauere. Dann führte der musikalische Exkurs vom Nationalstolz zum Apulienstolz mit Caparezzas „Balare in Puglia„. Als Coronavirus wäre ich an dieser Stelle freiwillig aus Italien verschwunden. Stattdessen stelle sich bei mir ein leichter Kopfschmerz ein. Der ging auch nicht weg, als Luigi versuchte, den nächsten Song mit ACDCs „Thunder“ zu übertönen. Im Gegenteil. Ich gratulierte ihm zur Auswahl für seinem Gegenschlag, aber die Lautsprecher meines alten Baumarkt-Hifi-Gerätes waren einfach zu plärrig, als dass sie die Situation verbessert hätten.

Wir mussten das italienische Gemeingut noch bis halb 8 ertragen.  Dann hatte der Himmel ein einsehen und es begann zu regnen. Unsere musikalischen Nachbarn schlossen ihre Fenster. 

Einen leiseren und vielleicht auch wirkungsvolleren Stimmungsaufheller fanden wir, als wir am heutigen Vormittag unsere Großeltern besuchen gingen. Über Nacht hat jemand die Straße mit selbst gemalten „Andrà tutto bene!“-Zetteln plakatiert. Darüber musste ich lächeln und schließe mich dem Mantra an: „Alles wird gut.“ (Hoffentlich regnet es heute Abend wieder!)