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Einmal im Leben Schlossherrin sein (in Rindvieh)

Den Grundstein für das heutige Castello Ducale von Bovino legten schon um 100 v.u.Z. die alten Römer.

Um es gleich vorweg zu nehmen: So richtig Schloss“Herrin“ wird man natürlich nicht gleich, nur weil man im B&B „Residenza Ducale“ und damit im mittelalterlichen Schloss von Bovino übernachtet, aber dafür muss es auch nicht nur „einmal“ im Leben sein, sondern man kann jederzeit wiederkommen.

 

Doch beginnen wie lieber am Anfang der Geschichte.  Auf der Suche nach einem Sommerurlaub wussten wir bald, dass wir das Meer im COVID19- Jahr lieber meiden und für Apulier untypisch ins Inland reisen wollten. Ich kann nicht mehr sagen, wie wir gerade auf Bovino gekommen sind, aber dass man dort in einem richtigen Schloss übernachten kann (und dabei nicht Pleite geht), hat definitiv den Ausschlag gegeben. Dazu kommt, dass Bovino neben uns bereits bekannten, zuckersüßen Städtchen wie Otranto, Cisternino oder Locorotondo auf der Liste der „Schönsten Altstädte Italiens“ steht.

Mit Bovino kann man also gar nichts falsch machen, auch wenn die meisten unserer baresischen Mitapulier bei diesem Ortsnamen entweder nur irritiert guckten (Äh? Wohin fahrt ihr?) oder ungläubig grinsten (Ne, ehrlich? Bovino???), denn die kleine Stadt auf einem Hügel im Hinterland der Region Foggia schmückt sich mit dem klingenden Namen  „Rindvieh“ und genau deshalb ist das der Bericht darüber, wie ich einmal Schlossherrin in Rindvieh war. Das passt sehr gut, wenn man wie ich aus einer Familie stammt, die noch bis vor ein bis zwei Generationen ihren Lebensunterhalt hauptsächlich mit der Aufzucht von Rindern verdiente. Auch dahingehend war ich also vorbelastet.

Blick auf Bovino von einem der Nachbarhügel.

Doch wenden wir uns nun von mir ab und dem Ort zu. Bovino erhebt sich auf zwei Hügelkuppen ca. 650 m über den Meeresspiegel und daher ist es im Sommer trotz Temperaturen von über 30 Grad angenehm luftig, weshalb man rund um Bovino viele Windräder und in Bovino geöffnete Fenster und Türen findet. Letzteres erleichtert natürlich den Kontakt zu den Einheimischen sehr.

 

Tischlerwerkstatt in Bovino

Während wir also die ausgetretenen Altstadtstufen bergauf und bergab schnauften und Davide in einem fort plapperte, wurden wir oft neugierig angeschaut und in Gespräch verwickelt. So zum Beispiel in eins mit einem Tischler dessen Werkstatt ich fotografierte. Ich wollte von ihm wissen, was man auf den steilen Straßen und schmalen Treppchen Bovinos macht, wenn es schneit – wovor der Apulier winters wie sommers am meisten Angst hat (obwohl im Sommer selten bis nie Schnee fällt). Wie der Tischler uns versicherte, schneit es in Bovino nicht mehr. Früher, ja. Aber jetzt seit Jahren schon nicht mehr. Ich glaubte ihm nicht, denn selbst in Bari schneit es verlässlich einmal im Jahr mindestens einen Tag lang. Mein Einwand war ein fataler Fehler, denn schon hatte er den Spieß umgedreht und fragte uns über Bari, Deutschland und das Motiv unseres Bovinobesuchs aus. Zum Glück ist ein quengeliges Kind sehr hilfreich, wenn man sich von Gesprächspartnern losreißen muss/ will. Aber auch, wenn man fremde Katzen streicheln möchte, von denen es in Bovino viele gibt. (An dieser Stelle Grüße an „mamma gatta“, die wegen ihres Namens bei unserem fünfjährigen Davide jetzt als Urmutter aller bovinischen Katzen gilt.)

Grüße aus dem Neolitikum – Ausstellungsstücke des Museo Civico

Kathedrale von Bovino. Auf der Piazza davor trifft man sich zum Kaffeetrinken.

Hat man das Schloss über den Hof durch einen Tunnel in Richtung Stadt verlassen, liegt gleich linker Hand die obligatorischen mittelalterliche Kathedrale und noch einmal links davon auf der Piazza Marino Boffa trifft man auf ein bezauberndes Heimatmuseum (Museo Civico Carlo Gaetano Nicastro), das Spuren der Besiedlung Bovinos von der Steinzeit bis ins Mittelalter zeigt.  „Macht, was ihr wollt!“ bekommt man hier zur Antwort, wenn man fragt, ob man Fotos machen darf. Leider ist es nicht erlaubt, Ausstellungsstücke mitzunehmen. Ganz so beliebig ist das „was ihr wollt“ also nicht gemeint. Es gibt noch zahlreiche kleinere Kirchen im Ort und eine „Villa Communale“ (einen Stadtpark), in dem sich außer zur Mittagsstunde und tief Nachts das Leben abspielt. Die sehr zu empfehlende Pizzeria „Da Cumba Frang“ mit üppigen Vorspeisen und leckeren Belagsideen wie Pizza mit Pistaziencreme, Salsiccia und Rosmarienkartoffeln befindet sich in der Nähe des bewachten Kinderspielplatzes geich neben der Stadtparkkirche. Gar nicht zu verfehlen also.  „Kumpel Franco“ serviert und kocht hier inzwischen nicht mehr persönlich, sondern hat das Lokal an seine jungen Verwandten abgegeben.

Überhaupt hatten wir erwartet, in Bovino ein überaltertes Bergstädtchen zu finden, dessen junge Generation in alle Winde verstreut aber bestimmt nicht in Bovino lebt. Weit gefehlt. Besonders hier im Stadtpark fällt auf, dass Bovinos Bewohner altersmäßig gut durchmischt sind.  Die ganz Jungen bevölkern den Spielplatz, die männlichen Jugendlichen bolzen am hinteren Zaun, die Mädchen lagern nicht weit davon. Manche Kinder üben das Fahrrad- oder Rollerfahren. Die Alten sitzen auf den Bänken und lassen ihren milden Blick über das unstete Treiben schweifen.

Es gibt also so ziemlich alles in Bovino außer Rindviecher. Auf die treffen wir erst weit außerhalb der Stadt bei einem Ausflug ins nahegelegene Deliceto. Doch das ist schon wieder ein anderes Abenteuer.