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Dunkle Abgründe hinter sonnigen Fassaden (Verlosung)

Deutsche und Apulien

Seit ich mich dauerhaft in Apulien niedergelassen habe, begegne ich immer wieder anderen Deutschen, die wie ich in einer engeren Beziehung zu dieser Region am Hacken des italienischen Stiefels stehen. Erst in der letzten Woche habe ich Nicole aus Deutschland kennengelernt, deren Ehemann tatsächlich aus Triggiano stammt, und schon vor einer ganzen Weile fand ich den Blog der Reisejournalistin Kirsten Wulf, die viele Jahre lang mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen etwa zwei Autostunden südliche der Provinzhauptstadt Bari in Lecce gelebt hat. Da sie mit drei kleinen Kindern nur bedingt ihrem Beruf nachgehen konnte, sammelte sie in dieser Zeit Ideen für ein Buch, das in Apulien spielen sollte. Im letzten Monat ist ihr Roman „Aller Anfang ist Apulien“ im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und natürlich musste ich ihn unbedingt lesen.

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Aller Anfang ist Apulien

Kirsten Wulf: Aller Anfang ist Apulien, KIWI Taschenbuch, 2013, 320 Seiten, ISBN 3462044074, 8,99 Euro

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Dunkle Abgründe hinter sonnigen Fassaden

Ausgerechnet an ihrem 40. Geburtstag erfährt die ehemalige Abenteurerin und Fotoreporterin Elena von Eschenburg, dass ihr Mann sie mit seiner Sekretärin betrügt. Kurz entschlossen packt sie ihren Sohn und ein paar Koffer, um bei ihrem Onkel Gigi im süditalienischen Lecce sowohl Zuflucht als auch Abstand von ihrem Leben in Deutschland zu suchen. Zur gleichen Zeit folgt der 29jährige Maler Michele Rizzo einer geheimnisvollen Postkarte und den Spuren seiner Familiengeschichte nach Lecce, um den Bruder seiner Mutter zu finden, von dem er bis zu deren Tod keine Ahnung hatte. Auch er kommt bei Elenas Onkel Gigi unter. Schon glaubt man als erfahrenen Leser zu wissen, dass sich eine sommerleichte Liebesgeschichte mit den bekannten Irrtümern und einer abschließenden Versöhnung anbahnen wird. Doch damit liegt man bei Kirsten Wulfs Debütroman „Aller Anfang ist Apulien“ fast auf ganzer Linie daneben.

Statt dessen entführt die Autorin ihre Leser in ein mit großer Sorgfalt und Detailreichtum beschriebenes hinterwäldlerisches Kaff in Apulien, in dem nicht nur die Fassade der Altstadthäuer äußerst bröckelig ist. Onkel Gigi entpuppt sich als weltoffener Schwuler mit einer On-Off-Fernbeziehung zum Opernsänger Ettore. Er arbeitet als Antiquitätenhändler und lebt in der Gesellschaft von in die Jahre gekommenen Prostituierten in einer Hurengasse von Lecce, wo er einen alten Palazzo restauriert. „Elena seufzte. Sie würden also erst mal auf einer Baustelle mit reizenden alten Huren an einer historisch bedeutenden römischen Straße im Rotlichtviertel gegenüber vom Nonnenkloster campieren. Elena war sich nicht sicher, ob der Tausch mit einer langweiligen Doppelhaushälfte am Hamburger Stadtrand wirklich so gut gelungen war.“ Doch ihre Zweifel verlassen sie schnell, denn ihr Onkel Gigi und sein ungewöhnliches Leben sind erst der Anfang der spannenden Geschehnisse fernab aller Konventionen in diesem auf den ersten Blick ganz durchschnittlich erscheinenden süditalienischen Städtchen.

Das nigerianische Hausmädchen Blessing von Elenas Jugendfreundin Elisabetta, Tochter einer der alteingesessensten Lecceser Familien, bringt Elenas Journalistennase bald auf eine Spur, die zu wahren Abgründen von Verstellung, Menschenhandel, Zwangsprostitution und anderen kriminellen Machenschaften führt. Plötzlich befindet sich auch Commissario Cozzoli, welcher gerade erst wegen seines gefährlichen Kampfes gegen die Mafia aus Mailand ins vermeintlich ruhige Lecce versetzt wurde, erneut im Einsatz gegen weit verzweigte kriminelle Strukturen. Dagegen ist die Aufklärung des Vandalismus in der örtlichen Weihnachtskrippe Pillepalle. Selbst Michele bringt sich, seine neu entdeckte Familie und eine alten Freundin seiner Mutter mit der Suche nach seinen Wurzeln in Lebensgefahr.

Trotz der Fülle ernster Themen von scheiternden Beziehungen über die Suche nach den Wurzeln bis hin zum Umgang mit Immigranten in Europa ist „Aller Anfang ist Apulien“ ein witziges und fesselndes Buch, das man am liebsten in einem Rutsch durchlesen möchte. Dazu kommen eine unaufdringliche Liebesgeschichte, die unkomplizierte Sprache, die liebevoll gezeichneten Personen und eine Fülle an Details, mit denen man sich das verrückte Leben in Lecce und die Mentalität seiner Einwohner gut vorstellen kann. Man merkt deutlich, dass die Autorin aus ihrem persönlichen Erfahrungsschatz schöpft.

Wer Italien liebt, aber vor seinen Widersprüchen nicht die Augen verschließen will, der ist mit diesem Roman genau richtig beraten.

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Verlosung meines Rezensionsexemplars am 8. März

Da mir der Kiwi-Verlag den Roman freundlicherweise als Rezensionsexemplar für Buchwurm zur Verfügung gestellt hat und ich finde, dass sich das Buch unbedingt zu lesen lohnt, möchte ich mein äußerst pfleglich behandeltes Exemplar gern kostenlos an einen Bücherfreund oder eine Bücherfreundin weitergeben. Wer also jetzt Lust bekommen hat, „Aller Anfang ist Apulien“ von Kirsten Wulf zu lesen, der hinterlasse einfach einen Kommentar (siehe ganz, ganz unten „Kommentar verfassen“) und seine Email-Adresse, die standartmäßig nicht öffentlich angezeigt wird. Sollte es mehrere Interessenten geben, werde ich unter Ausschluss aller Rechtssicherheit am kommenden Freitag anlässlich des „Internationalen Frauentages“ eine Tombola veranstalten und den glücklichen Gewinner/ die glückliche Gewinnerin auslosen. Anschließend werde ich mich per Email bei der betreffenden Person melden, um deren Postadresse zu erfragen.

Viel Glück!

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Buchbesprechung: „Tanz der Tarantel“ (2014)

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Interview mit Kirsten Wulf aus dem Jahr 2015

Roadtrip mit Leiche

Beim Surfen im Internet bin ich über ein Buch des Mandarin Verlags gestolpert, dessen erster Absatz des Klappentextes mich sofort angesprochen hat: „Was tun, wenn der Großvater stirbt und die Erfüllung dessen letzten Wunsches – in der süditalienischen Heimat bestattet zu werden – [. . .] scheitert? Für Luca Hübschen gibt es nur eine Lösung: Den toten Giuseppe – genannt Pippo – selbst die 2000 Kilometer von Saarbrücken nach Apulien zu transportieren, und zwar mit Hilfe seiner Freundin Steffi und seines betagten Fiat 500 ‚Cinquecento‘.“

Reisen mit Pippo

Holger Willi Montag: Reisen mit Pippo, Mandarin Verlag, 2003

 

Der im Jahr 2003 erschienen Debütroman des deutschen Autors Holger Willi Montag erzählt auf 464 Seiten die aberwitzige Überführung des in sitzender Haltung verstorbenen Opas durch halb Deutschland, die Schweiz und fast ganz Italien in einem nur mit Kühlakkus notdürftig kalt zu haltenden als Dachgepäck getarnten Metallsarg zu einer Zeit, als die Grenzen Europas noch nicht so offen standen wie heute. Dabei wächst der sonst eher unkonsequente Luca an Entschlossenheit und Erfindungsreichtum plötzlich über sich hinaus, wenn er beispielsweise der Grenzkontrolle glaubhaft machen kann, dass sein kurzzeitig auf den Beifahrersitz umgelagerter Opa ein Autist wäre, oder wenn er ihn zur Kühlung in einer nur schwer zugänglichen Höhle am Meer zwischenlagert.

Dieser Kontrast zwischen dem ernsten Anlass und dem slapstickhaften Motiv des wenig respektvollen Transports ist jedoch nur eine Seite des Romans. Auf dieser Reise mit Pippo wird Luca klar, dass er im Grunde nichts über die persönliche Geschichte seines Großvaters und seines italienischen Familienzweiges weiß. Je mehr er sich dem Heimatort seines Opas nähert, desto neugieriger wird er deshab darauf, seine Verwandten kennenzulernen und die wirklichen Geschichten hinter den bruchstückhafen Anekdoten, die in der Familie kreisen, zu entdecken. So endet zwar die Autofahrt in Lecce, aber Luca bekommt endlich die Gelegenheit, seine zahlreiche Verwandtschaft kennenzulernen und tiefer in die Geschichte des verzweigten Familien- und Freundeskreises einzutauchen.

Mit nur wenig zeitlicher Verschiebung zu Luca macht sich auch Jacob, ein alter Freund Pippos, mit Rainer, einem weiteren Freund der Familie, auf nach Apulien. Er hat einen richtigen kühlbaren Sarg besorgt und beabsichtigt in Italien mit Luca zusammenzutreffen, um den Leichnam zu übernehmen. Obwohl es aus verschiedenen Gründen nicht dazu kommt, ist die Reise dennoch auch für Jacob sehr wichtig, um seinen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Der Leser erfährt in diesem Zusammenhang, dass Jacob und Pippo im Zweiten Weltkrieg aufeinander getroffen waren und sich über ihren Bäckerberuf eine jahrzehnte währende Freundschaft entwickelt hatte, die Pippo schließlich in den Jahren des Aufschwungs in Deutschland aus dem wirtschaftlich abgeschlagenen Süditalien nach Frankfurt am Main geführt hat. Auch diese Geschichte und der Grund, an dem diese Freundschaft zerbrach, wird auf der Reise nach Apulien mehr und mehr enthüllt. Durch die schrittweise Enthüllung der Vergangenheit und die Frage, ob sich Lucas Beziehung zu Steffie in diesem stressigen Urlaub eher festigen oder vielleicht gar zerbrechen wird, bietet das Buch bis zur letzten Seite immer wieder Überraschungen und lässt keine Langeweile aufkommen.

Danach gefragt, woher er die Inspiration und die Ideen für seinen Roman bezogen hat, antwortete Holger Montag, dass er bereits im Frühjahr des Jahres 2000 über einen Familienroman nachgedacht habe, in dem er das bewegte Leben eines in der Fremde lebenden Italieners wiedergeben wollte. Ein Urlaub führte ihn im gleichen Jahr nach Italien, wo er sofort mit der geballten süditalienischen Gastfreundschaft inklusive obligatorischem Kennenlernen der Tanten und Onkel sowie einem Essen konfrontiert wurde. Wer diese Herzlichkeit und die Offenheit einmal erlebt hat, kann gut nachvollziehen, dass aus so einem Erlebnis zahlreiche Inspirationen für Figuren und Handlungen erwachsen können. So ist „Reisen mit Pippo“ nicht nur ein slapstickhafter Roadtrip, sondern ein direkt aus dem süditalienischen Leben gegriffener Roman geworden, der aufzeigt, wie schade es ist, wenn ältere Menschen zwar eine feste Größe im Familienleben darstellen, aber ihre persönlichen Geschichten niemanden mehr interessieren. Immerhin sind deren Erlebnisse nicht nur ein Teil einer individuellen Familiegeschichte, sondern verknüpfen den kleinen familiären Kosmos mit dem größeren Kosmos der Weltgeschichte.

Apuliens Provinzhauptstadt Bari kommt in dem Roman leider denkbar schlecht weg, als ein letzter Umbettungsversuch in den Sarg von Jacob unternommen werden soll. Nicht nur, dass der Protagonist „schon viel Schlechtes“ über Bari gehört hatte, alle Vorurteile werden auch prompt bestätigt: Es ist heiß. Der Verkehr ist mörderisch. Und man wird beklaut. Dazu kommt, dass der Rest Baris aus kriminellen Sympathisanten zu bestehen scheint. Am vereinbarten Treffpunkt mitten im Stadtzentrum bekommen Luca und Steffi keinen Parkplatz. So kommt es wie es kommen muss: Während die beiden zu Fuß zum Treffpunkt gehen und dort warten, wird ihr am Hafen abgestelltes Auto unter den Augen umstehender Zeugen aufgebrochen und der Rucksack mit Fotoapparat, Geld und Papieren geklaut. Ich bin mir fast sicher, dass ein so offensichtlich zur Schau gestellter Rucksack in einer alten Nuckelpinne in jeder größeren Stadt eine willkommene Einladung an Diebe wäre. Trotzdem setzt das Schicksal noch eins drauf: Rainer und Jacob werden in einen Verkehrsunfall verwickelt und machen auf diese Art ebenfalls die Bekanntschaft lautstark diskutierender Italiener und der Carabinieri von Bari.

Das etwa drei Stunden weiter südlich liegende Lecce wird viel freundlicher beschrieben, was verständlich ist, wenn man bedenkt, dass Luca sich dort auskennt und dort seine Wurzeln hat. Tatsächlich war Lecce jedoch bereits im römischen Reich eine wichtige Wirtschafts- und Hafenstadt. Der Wohlstand und die Bedeutung der Stadt spiegeln sich in den fantastischen Ausschmückungen der Gebäude vor allem aus dem 17. Jahrhundert wider, in dem Lecce unter spanischer Herrschaft in eine der bedeutendsten Barockstädte Italiens verwandelt wurde, was natürlich ein ganz besonderes Flair ausmacht. Hier nun lebt die große und recht schräge Familie Pippos, die Luca auf den letzten 100 Seiten des Romans kennen und mögen lernt. Endlich erfährt er, wie die unterschiedlichen Paare zusammengefunden haben oder vom Auswandern nach Deutschland, vom Guanoabbau in einer Fledermaushöhle und auch über die regelmäßige Bestückung einer Ausgrabungsstätte mit nachgemachten antiken Scherben.

Auf diese Art wird der äußerst kurzweilige Roman nicht nur vom schwarzen Humor der Hauptgeschichte getragen, sondern ist auch in seinen Details witzig und verrückt. Der Autor nutzt einige tatsächlich existierende Orte wie die bei Castro gelegene Grotte „Zinzulusa“ als Hintergrund für seine Romanhandlung und beruft sich auch bei einigen Episoden wie beispielsweise beim Diebstahl der zur Stadtverschönerung gepflanzten Palmen auf Tatsachen. Sofort muss ich wieder daran denken, wie sich Luigis Eltern bei ihrem Besuch in Deutschland darüber wunderten, dass niemand die Rosen aus den Beeten an den Straßen unserer Städte klaut, und wie überrascht ich damals darüber war, dass jemand überhaupt auf so eine Idee kommen könnte. Aber es erklärt natürlich auch, warum man hier entlang den Straßen höchstens wie Unkraut wuchernden Oleander und nirgendwo Blumenrabatten findet. Dieses Wissen um einen recht schwachen Respekt vor öffentlichem Eigentum und dem Gesetzt sowie um eine gewisse Bauernschläue des gemeinen Süditalieners, macht selbst die vorgetäuschte Ausgrabungsstätte bei Lecce, welche ausschließlich der Fiktion des Autors entstammt, wahrscheinlich. „Wer weiß,“ schreibt Montag sicherlich mit einem Augenzwinkern, „vielleicht gerät der Roman ja irgendwann in die Hände eines findigen Apuliers und das ‚Scherbenfeld‘ wird nachträglich installiert.“ Ehrlich gesagt, auch das kann ich nach einem halben Jahr Apulien nicht mehr für völlig ausgeschlossen halten.

Holger Montag hat im Mandarin Verlag inzwischen ein Kinderbuch und zwei weitere Romane veröffentlicht, die sich thematisch aber von einer Auseinandersetzung mit Italien entfernt haben. In Zeiten, in denen sich Autoren gern mit Serien zweifelhafter Qualität an einmal erfolgreiche Sujets klammern, klingt Montags Begründung dafür sehr sympathisch: „Ich behandele lieber ein einzelnes Buchprojekt 100%ig, statt diese 100% auf drei Folgeromane zu verteilen.“

„Reisen mit Pippo“ kann ich auf jeden Fall allen empfehlen, die Italien mögen oder auf der Suche nach einer ungewöhnlichen und erfrischenden Lektüre abseits vom Mainstream sind. Das Buch gibt es neu und gebraucht bei Amazon sowie versandkostenfrei direkt beim Verlag.

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Ich bedanke mich herzlich bei Herr Montag für die freundliche Beantwortung meiner Fragen und wünsche ihm als Autor stets erfrischende Ideen sowie seinen Büchern zahlreiche zufriedene Leser.

„Wir Pugliesen sind wie Olivenbäume…“

Da ich eine Leseratte bin, kann ich weder an Büchern, noch an Zeitschriften, Zeitungen oder sogar Anzeigenblättern vorbei gehen, ohne wenigstens darin zu schmökern. Unscheinbare Artikel in unscheinbaren Medien haben mich dabei immer wieder zu kleinen Kostbarkeiten geführt; so auch zu Katja Büllmanns Liebeserklärung an Apulien und seine Bewohner.

(Katja Büllmann: Apulien. Typen, Träumer, Lebenskünstler: Land und Menschen an einem Rande Europas, Corso Verlag, 2011)

Wie viel Glück ich tatsächlich hatte, als Luigi ein Geburtstagsgeschenk für mich suchte, und ich ihm dieses Buch vorschlug, wird mir erst jetzt beim Schreiben dieser Zeilen klar. Bereits im Mai war das Buch bei Amazon vergriffen, so dass ich hoffnungsvoll im Shop auf der Internetseite des Corso Verlages danach suchte, es dort aber auch als „nicht lieferbar“ verzeichnet fand. Nach einer Email an den Verlag im Juni mit der vorsichtigen Frage, ob sich noch irgendwo ein Exemplar befände, dass ich auf meiner Auswanderung nach Apulien mitnehmen könne, ging mir nach ein paar Tagen kommentarlos mein zu diesem Zeitpunkt noch zukünftiges Geburtstagsgeschenk zu. Inzwischen ist das Buch laut Verlagsseite leider komplett vergriffen und der Nachdruck auf unbestimmte Zeit verschoben.

Bereits im Vorwort der Autorin erkenne ich viele meiner eigenen Erfahrungen wieder und gleichzeitig lässt es mich optimistisch in die Zukunft blicken: „Seit bald drei Jahren lebe ich in Apulien und lerne Land und Leute jeden Tag ein Stück besser kennen, habe eine neue Heimat und Freunde gefunden. Zurückzukehren nach Deutschland, kann ich mir nicht mehr vorstellen: Die Wärme, die Herzlichkeit und Menschlichkeit, die ich in Apulien gefunden habe, sind unvergleichlich. Und die Authentizität, die sich dieser Landstrich bewahrt hat, ist es ebenso.

Apulien vereint Gegensätze, ist in mancher Hinsicht beinahe rückständig, zugleich aber hochdynamisch, stellenweise sehr modern. Aber eben: Le Puglie sind bei alledem echt geblieben. Das ist – natürlich – seinen Menschen geschuldet. Durch sie habe ich manches verstanden, was diese Region ausmacht. In ihren Geschichten steckt beides: unverwechselbare Individualität und das Verharren in altbekannten, über viele Generationen tradierten Mustern. So ähnlich und so unterschiedlich wie die in diesem Buch vorgestellten Menschen ist Apulien.“

Im Gegensatz zu einem Reiseführer nähert sich Katja Büllmann in diesem Buch der Region am Hacken des italienischen Stiefels über die individuellen Geschichten von zehn Bewohnern. Sie erzählt vom Fischer Antonio Comes, von dessen Liebe zu seinem aussterbenden Beruf und den Schwierigkeiten, die das Handwerk heute mit sich bringt. Sie schreibt über Nicola Vendola, den unangepassten Präsidenten Apuliens, und seine politischen Visionen. Die Theaterregisseurin Teresa Ludovico, die auf ihre Theaterarbeit mit den Insassen eines Frauengefängnisses zurückblickt, steht kontrastierend neben der 94-jährigen Zia Maria, die als als erzkatholische Heilerin einen guten Teil der scheinbaren Widersprüchlichkeit Apuliens in sich vereint. Der Priester Don Carmelo kommt mit seinen Sorgen um die italienische Jugend zu Wort und der Starjurist und Bestsellerautor Gianrico Carofiglio („Reise in die Nacht“, 2006; „Eine Nacht in Bari“, 2011) erzählt von den dunklen Seiten seiner Heimatstadt Bari.

Als Vertreter der apulischen Gastfreundschaft hat Büllmann den Hotelier Vittorio Muolo ausgewählt, der mit seinen zwei Masserien „Torre Coccaro“ und „Torre Maizza“ einzigartige Hotels geschaffen hat, die auch Stars wie Miuccia Prada oder Hugh Grand immer wieder nach Apulien locken. Der Leser erfährt außerdem, wie der studierte Agrarwissenschaftler Leonardo Angelini zum Apulienkenner und Locationscout für Filme wie „Maria ihm schmeckts nicht“ (2009) geworden ist, und warum der Regisseur Edoardo Winspeare (u.a. „Pizzicata“, 1996) aus der großen weiten Welt letztlich doch in seine alte Heimat zurückgekehrt ist. Zum Abschluss kommt der Florist Giuseppe Armenise zu Wort, der neben Blumen ganz besonders von Olivenbäumen fasziniert ist und zwischen ihnen und seinen Landsleuten durchaus Parallelen sieht. „Wir Pugliesen sind wie Olivenbäume. Kein Menschenschlag, der sich leicht umwerfen lässt. Mag sein, dass wir Probleme haben. Aber wir rappeln uns immer wieder auf.“, zitiert ihn die Autorin und setzt damit einen eindrucksvollen Schlusspunkt

Die Journalistin Katja Büllmann hat einen sehr angenehmen, unaufdringlichen, fast poetischen Erzählstil, in dem die Liebe zu ihrer neuen Heimat deutlich wird. Diese Liebe zu Apulien eint auch die unterschiedlichen Menschen in ihrem Buch. Sie schreibt mit Achtung und Respekt über sie, als wären es gute Bekannte, vielleicht sogar Freunde. Selbst als Leser fühlt man sich sofort mit ihnen verbunden. Durch die Augen dieser Insider erblickt man ein viel intimeres, fokussiertes Bild von Apulien, als es so mancher Reiseführer vermitteln kann. Ganz nebenbei lernt man einiges über die Geschichte und Kultur des Landes. Hinzu kommen die wunderbaren Fotos von Giovanni Troilo, die das Leben in Apulien und dessen „shabby charme“ besser nicht illustrieren könnten: im Hafen schaukelnde Fischerboote, stimmungsvolle Landschaften von Weite und Einsamkeit, einfache Menschen bei der Arbeit, Erholungssuchende am Strand oder Omas beim Plaudern auf alten Holzstühlen vor ihren Häusern, von denen bereits der Putz abbröckelt. Dabei wird diesen Fotos genügend Raum gegeben, damit sie ihre Wirkung voll entfalten können. Manche nehmen ganze Seiten oder sogar Doppelseiten ein. Den hochwertigen Eindruck der Publikation unterstützen zudem das Hardcover und der Schutzumschlag.

Büllmanns „Apulien“ ist ein liebenswertes Buch in sorgfältiger Aufmachung, das Lust darauf macht, neben den Sehenswürdigkeiten auch die Menschen in diesem Landstrich besser kennenzulernen. Ich hoffe sehr, dass es eine weitere Auflage geben wird.