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Wir testen uns in Panik

Ich ärgere mich gerade. Eigentlich ärgere ich mich täglich. Vermutlich werde ich statt an einem Coronavirus eher an einem Magengeschwür erkranken. Warum? Weil sich Italien in Panik testet.  Egal, mit wem man spricht, es geht nur noch: „Hast du schon gehört? 600 Positive in Triggiano!“ oder “ Schon wieder über 120 Corona-Tote in Italien.“ man überbietet sich täglich mit höheren Zahlen… mehr Tests, mehr Positive, mehr Gestorbene…  Wenn die Panik auf mich übrgreift, besuche ich die Website von Euromomo. Da sieht man, dass im Moment gar nicht so viel mehr gestorben wird als in den letzten Jahren im Oktober, obwohl gut ein Fünftel aller Getesten positiv ist (Quelle: GIMBE). Die Überlebenschancen stehen ganz gut, sollten wir vom Virus getroffen weden.

Dabei sehe ich in Triggiano und Bari selbst in den breitesten Straßen nur Mitmenschen mit Masken. Während man noch im Sommer die wenig hilfreichen Trageweisen am Unterarm, an der Schulter, unter dem Kinn oder leger in der Hand schwingend beobachten konnte,  verhält sich die Mehrzahl der Apulier im Moment übervorbildlich. Auch was die Caffés betrifft, die ich frequentiere: ohne Maske darf man gar nicht erst eintreten. Mindestabstand sowieso und für die ganz Ängstlichen stehen überall ein paar Tische draußen, an denen man seinen Kaffee hinunterstürzen kann. Anderes hört man von Jugendlichen, die sich abends maskenlos in Parks und auf Spielplätzen zusammenrotten.

Die selben Jugendlichen, die bei Tageslicht darüber klagen, dass sie in überfüllten Autobussen in die Schule fahren müssen. Deshalb durften die zehnten bis zwölften Klassen in den letzten zwei Wochen in Apulien schon mal das ausprobieren, was ab Montag die Grund-, Mittel- und kompletten Oberschulen in Apulien auch wieder machen müssen: Distanzdidaktik. Das heißt, sie bleiben zu Hause. Eigentlich sollte die Situation nur anhalten, bis die Schulen und die öffentlichen Verkehrsunternehmen geschafft haben werden, was sie in 7 Monaten nicht organisiert bekommen haben – mehr Schulbusse und Züge zu Stoßzeiten einzusetzen. Aber irgendwie ist das dann doch erstmal, nicht so wichtig, denn jetzt gilt es, das Lehrpersonal und die Schüler in die Lage zu versetzen einen Unterricht auf Distanz durchzuführen, der mehr bringt als das, was im Frühjahr gemacht wurde. (Habe ich doch die Lehrerin einer fünften Klasse noch am letzten Donnerstag seufzen hören, dass sie gerade den letzten Teil des Programms aus der vierten Klasse begonnen habe.) Fakt ist, sowohl in den Schulen wie auch in den Haushalten (vor allem denen mit mehr als einem Kind) mangelt es an Computern und schnellem Internet. Also wird es wohl darauf hinauslaufen, dass die Kinder zu Hause im Selbststudium lernen müssen und Klassenarbeiten wie im Frühjahr zu einer Farce verkommen, bei der jeder schummelt so gut er kann.

Die italienische Regierung konterte in dieser Woche die abendlichen Zusammenkünfte der Bevölkerung mit einer Sperrstunde für Bars und Restaurants. Gerade die Orte werden nun um 18 Uhr geschlossen, in denen man sich im Moment relativ gefahrlos begegnen kann. Zwar kam es schon zu Demonstrationen gegen diese neue Regelung, aber Dank COVID halten sich die Teilnehmer bei Demonstrationen im Moment in Grenzen und daher sieht es so aus, als wären die Italiener mit den neuen Maßnahmen einverstanden. Vielleicht geht es Vielen aber auch so wie uns, deren Sozialleben ohnehin kaum noch existent ist und die schon aus eigenem (Nicht)Antrieb, wenn es dunkel ist, zu Hause bleiben.