Schlagwort-Archive: Deutsch als Fremdsprache

Jahrestag vergessen

Blütengruß aus der Kaktusecke

Mein Gedächtnis für alles, das mit Zahlen zusammenhängt, ist wirklich schwach. Bis heute weiß ich nicht, wie ich jemals Mathe-Abitur machen konnte, und, dass mir langjährige Freunde noch nicht die Freundschaft gekündigt haben, ist nur der Tatsache zuzuschreiben, dass ich mir einzig Daten merken kann, die mich wirklich schon mein ganzes Leben lang begleiten. Für kürzlich erworbene Verwandte und Freunde habe ich zum Glück Luigi. Aber ehrlich, kennt ihr das auch, dass man an einem Tag auf den Kalender schaut und denkt: „Ach, übermorgen hat X Geburtstag, Namenstag, Hochzeitstag etc.! Das darfst du nicht vergessen.“ … und dann schaut man ein paar Tage später auf den selben Kalender und stellt fest, dass man es doch vergessen hat? Blöde Sache!

Eine Sonnenblume blühte pünktlich zum Jahrestag.

Gut, wenn einem das nur mit selbsternannten Jahrestagen passiert. Da fühlt sich wenigstens niemand beleidigt. So stellte ich also heute Morgen fest, dass ich bereits vor zwei Tagen meinen fünften Apulien-Geburtstag hätte feiern können. Herzlichen Glückwunsch nachträglich! Vielleicht ist es auch ein gutes Zeichen, wenn man so einen Tag vergisst. Heißt das nicht auch, dass man in der Normalität des neuen Lebens angekommen ist?

Fünf Jahre bin ich also schon hier und immer noch kann ich sagen, dass alles immer besser wird. Vielleicht bin ich auch nur ein einfacher Mensch mit einfachen Bedürfnissen, aber tatsächlich haben sich im letzten Apulienjahr nur Dinge ereignet, die unser Leben hier schöner und spannender gemacht haben.

Mein Lieblingsbaum auf der Terrasse beglückt uns auch in diesem Jahr mit dicken, saftigen Feigen.

An erster Stelle steht natürlich Davide, der jetzt schon rudimentäre Sätze mit mehreren Wörtern bildet. Zum Beispiel zeigte er heute früh auf den Kondensstreifen am Himmel und krähte begeistert „Mama nonnina!“ – Was so viel heißt, wie „Omi von Mamas Seite kommt mit dem Flugzeug“. Tatsächlich sind zwei der wichtigsten Menschen meines Lebens im wahrsten Sinne des Wortes im Anflug und so werden wir den versäumten Jahrestag ganz schnell nachfeiern.

Da Davides und mein Geburtstag ansteht, trudeln bereits Geschenke ein. Eine sommerliche Tasche kann ich gut brauchen.

Nach einer arbeitsmäßigen Winterflaute (noch ist es mir nicht gelungen, dem Lehrerinnendasein in einen Job in der Wirtschaft zu entkommen) habe ich mir in den letzten Monaten buchstäblich die Hacken abgerannt und war nur noch zum Schlafen zu Hause. Daher freue ich mich jetzt darüber, dass die Gymnasialschüler schon Ferien haben und nach und nach die anderen Kurse auslaufen, so dass nur noch meine privaten Schüler übrig bleiben, die auch irgendwann Sommerurlaub machen werden. Überhaupt war meine Arbeit als Geschichts- und Geographielehrerin in den letzten drei Monaten eine ganz besondere Erfahrung bei der ich selbst wohl am meisten gelernt habe.

Eine andere Schule betraut mich inzwischen mit der Organisation und Oberaufsicht für IELTS-Englisch-Prüfungen. Eine witzige Sache, bei der alles mit gefühlt tausendfachen Auszählungen, Kandidatenfotos und Fingerabdruckscans hypersicher zugehen muss, weshalb man sich da ein bisschen wie ein Kommandant bei einem Staatssicherheitsdienst fühlt. Das brachte unter anderem auch drei Dienstreisen quer durch Italien mit sich, was dazu geführt hat, dass ich mein Zuhause und meine kleine Familie nur noch mehr schätze.

Überhaupt hat Luigi sich durch meine Abwesenheiten zum qualifizierten Hausmann und Vater entwickelt. Das muss an dieser Stelle einfach mal lobend erwähnt werden. Ohne ihn wäre die Bude hier schon im Dreck verkommen und unter der Last von verstreuten Spielzeugen zusammengebrochen.

Ein Kamin – schön und nützlich, denn auch im Winter habe ich gern 40 Grad in der Bude.

Für den Sommer haben wir uns einen Urlaub in Deutschland vorgenommen. Außerdem wollen wir in diesem Apulienjahr ein paar Wochenendausflüge in Apulien unternehmen und schauen, wie das mit Davide funktioniert. Für die Wohnungsverbesserung ist ein Projekt „Dachdämmung“ angesagt, das wohl im September stattfinden wird. Ganz genau kann man das in Süditalien ja nie sagen. Im letzten Herbst wurde der Kamin verkleidet und sieht nun auch wie ein solcher aus. Hinter der Wohnung lagern schon vier Zentner Holz, obwohl man sich im Moment bei fast 40 Grad nicht vorstellen kann (oder auch nur will), dass man diesen Kamin irgendwann wieder brauchen wird.

Ach, ich könnte noch so viel herumplaudern, aber die Zeit ist knapp und der Besuch im Anflug; wie bereits oben erwähnt. Daher mache ich mich mal an meine hausfraulichen Pflichten und beseitige ein wenig das Chaos und den Staub, der in den letzten Tagen durch die permanent geöffneten Fenster und Türen eingedrungen ist.

Ich wünsche euch allen einen schönen Sommer und mir noch einmal alles Gute zum Compuglianno 2017!

Bis bald! Corinna

 

Rückblick zum dritten Jahrestag – „Buon ComPuglianno!“

Seit drei Jahren lebe ich nun schon hier und feiere heute meinen dritten, selbsternannten Apuliengeburtstag (ComPuglianno). Ehrlich, es kommt mir gar nicht so lange vor, wie sich das anhört. Auch im zurückliegenden Jahr ist viel passiert und die Zeit ist nur so dahin geflogen.

Veränderungen in der Wohnung und auf der Terrasse

sonnengereifte Aprikosen

Sonnengereifte Aprikosen

Wir haben unsere Wohnungseinrichtung weiter komplettiert und beispielsweise so wichtige Anschaffungen wie eine neue Gastherme und Fliegengitter getätigt. Außerdem sind wir dabei, unseren Balkon in einen Abstellraum zu verwandeln, denn wir müssen dringend das zweite Schlafzimmer entrümpeln. Warum? Weil wir bald ein Kinderzimmer brauchen (mehr dazu siehe unten). Die Aufforstung auf der Terrasse ist weiter fortgeschritten und Luigi hat sich besonders über die zahlreichen Aprikosen gefreut, die wir jedoch bereits alle verputzt haben.

Verzicht auf 5 Minuten fraglichen Ruhms

Fast wäre ich im letzten Jahr ins Fernsehen gekommen, denn ich habe über die Anfrage eines privaten, deutschen Fernsehsenders nachdenken dürfen, der eine Sendung über ausgewanderte Menschen aus dem Osten Deutschlands machen wollte. Nachdem ich mit ein paar Vertrauten gesprochen und mir eine Folge der Show auf Youtube angesehen hatte, war mir jedoch schnell klar, dass mir meine und die Würde meiner Familie wichtiger waren, als fünf Minuten fraglichen Ruhms. So bin ich also nicht über den Bildschirm geflimmert und ihr müsst weiter mit den Fotos auf diesem Blog vorlieb nehmen.

Erfolgsmomente im Beruf

Beruflich hatte ich ebenfalls interessante Erlebnisse, denn das Interesse an Deutsch als Fremdsprache ist im wirtschaftlich schwachen Apulien immer noch groß oder wächst sogar. Mein besonderes Highlight war in dieser Hinsicht der Vorbereitungskurs auf ein Examen des Goethe Instituts, den ich für 27 Schüler aus unterschiedlichen Klassen an einem staatlichen Gymnasium gegeben habe. Eine so große Gruppe hatte ich bis dahin noch nie unterrichtet, war jedoch nur einmal mehr davon überrascht, wie souverän ich mich als Lehrerin mache und wie einfach es ist, Italiener zu unterrichten. Da gibt es zum Beispiel keine falsche Scheu vor Gruppenarbeit, selbst wenn sich die Schüler vorher nicht kannten.

Außerdem habe ich durch das Unterrichten viele interessante Leute kennengelernt, wie zum Beispiel einen Maestro Gelatiere (Meister der Speiseeisherstellung), dessen Eis in der Gelateria Martinucci in Baris Altstadt sogar meinem bisherigen Lieblingsladen Gasperini den Rang abgelaufen hat. Dann könnte ich noch eine ambitionierte Studentin der Mechanik nennen, die sich im Moment auf einem Kongress in Kanada befindet. Obwohl ich an ihrem Projekt gar keinen Anteil hatte und es nur aus unseren Deutschstunden kenne, kommt es mir fast so vor, als hätte ich trotzdem bei der ganzen Sache mitgemacht und Grund stolz auf sie zu sein. Ein anderer Schüler hat mich im letzten Jahr dazu gebracht, große Teile einer Internetseite für seinen Familienbetrieb zu übersetzen bzw. dem deutschsprachigen Markt anzupassen, wobei ich viel über den biologischen Anbau von Oliven und die Olivenölherstellung gelernt habe.

Ich bin also mit meinem Job immer noch sehr glücklich, obwohl ich mich über eine Arbeitsstelle mit nur einem Anlaufpunkt und zusammenhängenden Arbeitszeiten, gern auch in einem anderen Bereich, sehr freuen würde. Daher beobachte ich immer noch die Stellenangebote.

Familienerweiterung

Allerdings ist all das in seiner Bedeutung in der letzten Zeit etwas zurückgetreten, denn neben Luigis bestandener Weiterbildung hat sich pünktlich zu meinem dritten Apuliengeburtstag noch ein weiterer Wunsch aus dem letzten Jahr erfüllt: Anfang Juli, d.h. praktisch gleich, werden wir Eltern. Meine italienische Familie ist angefangen von den zukünftigen Großeltern, über die Tanten bis zu den Cousinen komplett aus dem Häuschen und selbst unsere Nachbarn, unsere Automechaniker und alte Omas, die ich nur gelegentlich gegrüßt habe, wenn sie vor ihren Haustüren in der Abendsonne saßen, sind plötzlich interessiert und redselig geworden. Wenn ich es eilig habe, muss ich daher meine gewohnten Wege direkt meiden.

Ja, so eine Schwangerschaft in Italien ist schon eine verrückte Sache. Vielleicht werde ich an anderer Stelle noch mehr darüber erzählen, aber bisher war es einfach schön, etwas nur für mich und die nächsten Verwandten und Freunde zu haben.

Für das kommende Apulienjahr wünsche ich mir, dass wir gut in unseren neuen Lebensabschnitt hineinfinden und uns als Eltern bewähren werden. Alles andere wird sich schon ergeben oder – wie der Süditaliener sagt: Non ti preoccupare!*

In diesem Sinne denke ich heute wieder besonders an alle meine Lieben in Deutschland und in der Welt. Wie schön, dass es euch gibt und, dass ihr mich nicht vergesst! Mir einen sorglosen dritten ComPuglianno und euch ebenfalls sorgenfreie Tage, wo immer ihr auch gerade stecken mögt!

Eure Corinna

* Sorge dich nicht!

Neues von der Maestra

Treue Leser meines Blogs kennen ja meinen Plan, die Lehrlandschaft von Bari komplett zu unterwandern. In der letzten Woche habe ich wieder einen Schritt in diese Richtung getan und in einer vierten privaten Sprachschule angefangen, individuelle Kurse zu geben. Dabei spielt mir die Krise weiterhin zu, denn zwei Drittel aller Privatschüler lernen unsere schöne, aber doch einigermaßen schwere Sprache nur, um ihrem Heimatland in absehbarer Zukunft den Rücken kehren zu können.

Außerdem habe ich in letzter Zeit gelernt, wie man eine Ausschreibung für Projekte in einer öffentlichen Schule gewinnt. Das ist ganz leicht, wenn die Rahmenbedingungen vorher so gesetzt werden, dass nur ein bestimmter Personenkreis, wenn nicht gar nur eine bestimmte Person, diese erfüllen kann, denn natürlich möchte man an einer öffentlichen Schule nur die qualifiziertesten Lehrenden einstellen – am besten solche, die einem vorher empfohlen wurden.

IMG_7095

So dehnte ich meinen Wirkungskreis auf das Umland aus und aus der Maestra wurde ganz schnell eine Doctoressa oder, wenn sich die neuen Kollegen in der Titelfrage nicht sicher sind, auch gern mal eine Professoressa. Um die Wichtigkeit des Lehrpersonals und der Anwesenheit der Schüler zu unterstreichen gibt es ein hochwichtiges Klassenbuch, in dem die Eleven zu Beginn des Unterrichts und auch an dessen Ende ihre Anwesenheit mit ihrer Unterschrift quittieren müssen. In diesem Klassenbuch sind alle Seiten handschriftlich numeriert und mit einem Schulstempel versehen. Allerdings ist eindeutig zu wenig Platz vorgesehen, um all die schönen Sachen einzuschreiben, die man in dreistündigen Unterrichtblocks behandeln kann.

Dabei ist es erstaunlich, wie motiviert die Deutschlernenden auch in einer öffentlichen Schule sind und wie gut man mit ihnen arbeiten kann. Ich wurde dahingehend ganz umsonst auf Schlimmes vorbereitet. Kurz gesagt: wieder einmal eine tolle Erfahrung. Diese wiegt auch die Angst auf, nicht rechtzeitig aus dem riesigen Schullabyrinth herauszufinden, bevor mein Zug zurück nach Bari fährt.

***

ps: Welche Freude! Am 2.7. erhielt ich die folgende Email von einer der acht Schülerinnen, die ich auf die Sprachprüfungen der Mittelstufe vorbereiten sollte.

Hallo Corinna, ich bin A. Ich will dir sagen, dass wir alle die Prüfung 
überwinden haben. Vielen Dank für deine Hilfe!!!
Tschüss :D

Bis dass der Tod uns nicht scheidet

Als Diener dreier Herren – inzwischen habe ich das Projekt „Weltherrschaft“ „Ausweitung der Arbeitsverhältnisse“ auf insgesamt drei Schulen und Privatunterricht gebracht – übe ich mich gerade darin, auch bei strömendem Regen einigermaßen trocken bleibend durch Bari zu hasten, Termine zu koordinieren und immer zur richtigen Zeit in der richtigen Schule aufzutauchen. Das Deutschunterrichten an sich ist dagegen die kleinere Herausforderung.

Weiterlesen

Buongiorno, maestra!

Nachdem ich letzten Freitag bereits wegen ausgebauter Fenster, pünktlicher Handwerker und unserer neuen Wohnungstür ganz aus dem Häuschen war, erreichte mich auch noch ein Anruf, der mir nun wirklich fast einer Herzattacke bescherte. Ob ich immer noch Interesse daran habe, Deutsch zu unterrichten, fragte mich der Chef einer der Sprachschulen in Bari, bei der ich mich bereits vor Monaten beworben hatte. Was sollte ich darauf anderes antworten als „natürlich“?

Den „Kooperationsvertrag“ zu unterschreiben war gestern nur noch eine Formsache. Ab jetzt bin ich also offiziell Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und ruhe mich nicht länger auf meinem Arbeitslosengeld aus, das ohnehin bald ausgelaufen wäre.

Und die Moral von der Geschichte: Erst bewegt sich ewig nichts und dann kommt plötzlich alles Schlag auf Schlag. Eigentlich hätte ich so etwas ahnen müssen.