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Von uralten Kirchen und ländlicher Architektur I – Jungfrau Lucia

Den Anfang verpasst? Hier geht’s zum gescheiterten Dolmenbesuch.

Zwischen dem Örtchen Giovinazzo sowie seinen Nachbarstädten Terlizzi und Bitonto befinden sich 260 ausgeschilderte Kilometer u.a. auf engen Straßen und heimeligen Schotterpisten, die mitten im Nirgendwo sehenswerte Orte verbinden. Dazu gehören auch die 55 km zwischen Oliven und Steinmauern, die wir nach unserem vergleblichen Besichtigungsversuch des „Dolmen di San Silvestro“ dem Percorso delle Chiese e Architetture rurali folgend eingeschlagen hatten.

Nach wenigen Metern sollten wir bereits links zur Kirche „Santa Lucia“ abbiegen. Die Mäuerchen rückten noch enger zusammen als vorher. Ausweichen oder wenden war nur noch in Einfahrten möglich. Aber wer wollte schon wenden?! (Luigi und meine Mama) Doch da kam gleich die nächste Abzweigung. Und kein Schild. Wir entschieden uns für die nach links führende Straße, weil uns auf der anderen im Frühlingswind winkendes Unkraut drohte grüßte.

Und nun offenbarte sich uns auch die besondere ländliche Architektur, die das touristische Schild uns verheißen hatte: vor einer halb zerfallen Laube spannte sich ein leicht zerfetztes Sonnensegel zwischen Olivenbäumen auf und beschattete ein Sammelsurium von Kisten, etwas, das wohl einmal eine Hollywoodschaukel gewesen sein musste, und teilweise zerscherbte Gefäße aus Glas und Keramik. Über die Olivenbäume hinweg erkannten wir jedoch den unbeglockten Turm einer Kirche und ahnten, dass wir die erste Etappe geschafft hatten, ohne uns festzufahren oder stecken zu bleiben.

Auch um die Kirche herum fanden wir, ganz in der Tradition des umzäunten Dolmens, einen besonders hohen und zudem bewachsenen Zaun vor.

Die Kirche „Santa Lucia“ präsentierte sich dann auch tatsächlich und zwar  in unerwartet modernem Gewandt als kompakter Steinblock aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Eine Tafel wies jedoch darauf hin, dass die Ursprünge dieser von der ländlichen Bevölkerung bis heute genutzten Kirche bis ins 11. Jahrhundert zurückgehen. Natürlich findet man so einen Bau im JWD („janz weit draußen“) nicht geöffnet vor. Ein neugieriger Blick durch die Fenster offenbarte jedoch einen für katholische Kirchen ungewöhnlich schmucklosen Innenraum mit nüchternen Holzbänken und einem ebenso einfachen Altar. Eine Skulptur stellt die heilige Märtyrerin Lucia aus Syrakus dar, nach der die Kirche benannt ist.

Als religiös wenig bewanderte Person musste ich mich natürlich darüber informieren, wer diese Lucia denn gewesen sei. Wikipedia sei Dank bin ich nun um einen Alptraum, den ich an dieser Stelle gern mit meinen geneigten Lesern teile, reicher. Inmitten der lauschigen Olivenhaine bei Giovinazzo gedenkt man demnach einer eingeschworenen Jungfrau, die weder eine strenge Mutter, noch ein Bräutigam oder ein Ochsengespann, welches sie auf Richtergeheiß in ein Bordell überführen sollte, noch „verschiedene Martern“ dazu bewegen konnten, ihrer „Jungfräulichkeit um Christi Willen“ abzuschwören.

Nun gut, wir wissen, dass Geschichten dazu neigen, aufgebauscht zu werden, je öfter man sie erzählt. Vielleicht ist das mit den herausgerissenen Augäpfeln also etwas weniger wahr als der Stich in den Hals, mit dem man sie schließlich getötet haben soll. Jedenfalls fanden wir an dieser Stelle doch eine Einfahrt, in der wir wenden konnten – gerade rechtzeitig bevor uns ein relativ großer LKW entgegenkam, der Holz geladen hatte.

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Von großen Steinen und hohen Zäunen

Hinter alten Olivenbäumen erheben sich die Trockensteinmauern des Dolmen.

Als 1961 ein Straße von Giovinazzo (ca. 20 min nördlich von Bari) nach Terlizzi gebaut werden sollte, fand sich im April ein Bulldozer, beim Versuch, einen Hügel zu planieren, plötzlich in einem steinernen Korridor wieder. Die Arbeiten wurden an dieser Stelle sofort eingestellt und im August rückte ein Ausgrabungsteam an, das einen der – wenn nicht sogar den – bedeutendsten, weil so detailliert erhaltenen, Dolmen Italiens ausgraben sollte. Obwohl die Ursprünge des guten Stücks bis mindestens in die Bronzezeit (ca. 1500 Jahre v.Chr.) zurückdatiert werden können, wurde er nach dem Heiligen Silvester benannt. Vielleicht gut so, denn himmlische Hilfe können italienische Kulturgüter wohl alle brauchen.

Die runden Bauten wurden als Grabkammern genutzt.

Der von einer Trockensteinmauer eingefasste Rundhügel, der heute bis auf seinen steinernen Ursprung abgetragen in einem Olivenhain liegt, hatte ursprünglich einen Durchmesser von fast 40 m und war bis zu über 10 m hoch. In seinem Inneren befanden sich mehrere Kammern, die durch den vom Straßenbau zerteilten Korridor verbunden waren. In einer der Grabkammern fand man zum Zeitpunkt der Entdeckung die Überreste von 13 Personen und Scherben von Töpferwaren, die möglicherweise dereinst Grabbeigaben enthalten haben. Wie die Untersuchung der Umgebung des Dolmen ans Licht brachte, wurde die ganze Gegend bereits vor dessen Errichtung als Bestattungsplatz genutzt (siehe hier).

Alles in allem hörte sich das jedenfalls für Abenteurer vielversprechend spannend an, sodass ich an einem sonnigen Sonntag meine gesamte Familie ins Auto verfrachtete und in Richtung Giovinazzo aufbrach. Meine Erfahrungen mit der dürftigen Ausschilderung des Dolmen della Chianca bei Bisceglie aus dem Vorjahr im Hinterkopf hatte ich natürlich auch einen Plan B, der da einfach „Giovinazzo besuchen“ lautete.

Kurz und gut, „Plan B“ wurde aus einem anderen Grund notwendig. Der Dolmen „San Silvestro“ war nämlich bereits ausgeschildert, als wir bei Giovinazzo von der Statale auf die SP 107 in Richtung Terlizzi abbogen. Doch bei der Ausgrabungsstätte angekommen, machten ein hoher Zaun, Videoüberwachung und ein riesiges Schild, das auf von der Europäischen Union geförderte Restaurierungsmaßnahmen, die im letzten August abgeschlossen sein sollten, hinwies, die freudige „Indianer Jones“-Stimmung, welche auf den letzten Metern aufgekommen war, sofort wieder zunichte. Wir umrundeten das Areal, so weit es möglich war, und ich versuchte, auf Fotos so viele Eindrücke wie möglich festzuhalten.

Zwei Pajare in einem Olivenhain unweit des Dolmen. Sie illustrieren eindrücklich, dass sich die traditionelle Bauweise seit der Bronzezeit gar nicht so sehr verändert hat.

Aufgrund des schönen Wetters und der allgemein frühlingshaft freudigen Aufbruchstimmung waren wir nur ein bisschen enttäuscht. Apulien ist nämlich im richtigen Moment immer für eine Überraschung gut. So hatten wir bereits auf dem Weg zum Dolmen die Ausschilderung eines „Percorso delle Chiese e delle Architetture rurali“ (also einen „Weg mit Kirchen und ländlicher Architektur“) entdeckt, der sich rechts in die Büsche bzw. den Olivenhain schlug. … und, obwohl meine Mutter etwas ähnliches sagte wie „Kind, da kannst du doch unmöglich reinfahren!“, lenkte ich unseren kleinen Panda auf einen wenig vertrauenerweckenden Sandweg, der zwischen Trockensteinmauern hindurch ins Hinterland von Giovinazzo führte.

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