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Mein Apulien reist fremd

Einige unerwartete Dinge sind seid dem letzten Blogeintrag passiert, die mich vom Computer ferngehalten haben. Daher ist es höchste Zeit, den heutigen Feiertag zu nutzen, um das Erlebte ein wenig aufzuarbeiten und die erste von vielen neuen Erkenntnissen der letzten Wochen hier festzuhalten: Ich bin eine Terrona*.

Ein offensichtlicher Unterschied zu Süditalien – die roten, eher nordeuropäischen Dächer.

Zu Ostern haben wir Freunde in Norditalien am Lago Maggiore (dt. Langensee) besucht. Nun werdet ihr vielleicht schwärmen: Die wunderbare Landschaft der Alpen, viele Seen, hervorragendes Wetter, grünstes Grün aber ehrlich: Ich habe Apulien vermisst. Wie kann man nur leben, wo es keine Panzerotti und vernünftige Mozzarella gibt? Okay, die da oben haben mehr Arbeit, vielleicht weil alle verfügbaren In- und Ausländer dafür genutzt werden die Touristen abzuzocken. Da wird man mal eben mit einem Boot auf eine winzige Insel verschleppt (Isola Bella) und muss dann 16 Euro pro Nase für den Eintritt in einen Palast mit dazugehörigem Garten und 5 Euro für ein belegtes Brötchen berappen. Mit irgendetwas muss man sich ja die Zeit vertreiben, bis das Boot wiederkommt, denn die zwei Gassen nebst ihren aneinandergereihten Souvenirläden kennt man nach einer halben Stunde schon wie seine Westentasche.

Das Kloster „Santa Caterina del Sasso“ – beeindruckendes Bauwerk am Fuße eines Steilfelsens direkt am See mit einer wunderbaren kleinen Kirche, nebst gruseliger Mumie. Sowas haben wir in Bari aber auch – die Mumie der Santa Columba in der Kirche San Sabino.

Hier bei uns heißen auf den Ortsschildern so nützliche Hinweise wie „Stadt der Keramik“ (Grottaglie) oder „Stadt des Brotes“ (Triggiano) die Besucher willkommen. In Norditalien steht an dieser Stelle „Elektronische Verkehrskontrolle“ – und schon nach 100m trifft man dann auch auf eine solche. Glücklicherweise wurden wir gewarnt und verbrachten somit unsere vier Tage damit, penibelst Geschwindigkeitsbegrenzungen von 30,  50 und 60 km/h einzuhalten. Nicht ein einziges Mal konnte ich das Gaspedal unseres gemieteten Alfa Romeo Giulietta durchtreten. Dem standen auch die kurvigen, generell abschüssigen Straßen, Gassen und Auffahrten im Weg. Da lobe ich mir die überwiegend ebenen Straßen meines Apuliens, wo es solche Schilder zwar auch gibt, aber Verkehrskontrollen immer noch mit einem gut sichtbaren Dreibock und einem parkenden Polizeifahrzeug durchgeführt werden.

Balkonidylle

Das Schönste an diesem denkwürdigen Ausflug waren die vielen Kinderspielplätze und die Singvögel, die uns am frühen Morgen aus dem Schlaf piepsten. Seit Jahren habe ich schon keinen Kuckuck mehr gehört und mich über den Schreihals auf dem Baum vor unserem Fenster gefreut wie ein Schneekönig.

Allerdings hat mir unser Katze Gina am Tag unserer Rückkehr bewiesen, dass es auch bei uns Singvögel gibt, indem sie ein Vogeljunges vor meinen Augen verspeiste und mir das andere vor lauter Wiedersehensfreude vor die Füße warf. Vor ein paar Wochen hat Triggiano außerdem einen neuen Kinderspielplatz bekommen und mit dem Bau eines Freizeitzentrums gleich bei uns um die Ecke, werden wir demnächst einen Spielplatz praktisch vor der Haustür haben. Tja, also Langensee, du bist zwar groß und vielleicht auch maggiore, aber ein Meer bist du nicht. Ich bin in den letzten fünf Jahren offensichtlich eine richtige Terrona geworden und als solche muss ich sagen: Bloß gut, dass wir wieder hier sind!

*Bezeichnung für Süditaliener, eigentlich beleidigend gemeint, in etwa „Ossi Italiens“