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Papa sagt „treno“ oder Keine Angst vor Zweisprachigkeit

„Ich finde es fantastisch, wie du das mit deinem Sohn handhabst“, machte mir unlängst eine Arbeitskollegin angesichts der Tatsache, dass Davide, je nach dem ob er sich an mich oder an jemand anderen wendet, problemlos zwischen Deutsch und Italienisch hin- und herwechseln kann, ein Kompliment.  Ich nahm es nicht mit dem erwarteten Stolz an, denn für mich war es keine große Leistung, sondern einfach normal. Daher entspann sich eine längere Unterhaltung. Während dieser erzählte mir besagte Arbeitskollegin, die vor 20 Jahren aus Kanada nach Apulien gekommen war, dass sie damals zwar gern mit ihren Kindern Englisch gesprochen hätte, sie jedoch eine Scheu davon abgehalten habe, unangenehm aufzufallen.

Aus diesem Grund möchte ich in diesem Blogbeitrag eine Lanze dafür brechen, sich wie bei so vielen Dingen im Leben auch bei der Zweisprachigkeit nicht danach zu richten, was anderen denken mögen, sondern einfach dem eigenen Bauchgefühl zu folgen. Nichts anderes habe ich nämlich getan. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mit meinem Kind Italienisch zu sprechen. Ich denke, schon von dem Moment an, als ich wusste, dass ein kleines Wesen in meinem Bauch heranwächst, ganz sicher aber ab dem Moment, an dem ich Davide zum ersten Mal an mein Herz drückte, konnte ich meine tiefinnersten Gefühle und Gedanken nur in meine Muttersprache fassen, sowohl gesprochen als auch gedacht. Das lag natürlich bloß zum Teil an mangelnden Italienischkenntnissen.

Mutter und Sprache

Als Muttersprache bezeichnet man normalerweise, die in der frühen Kindheit ohne formalen Unterricht erlernte Sprache. Obwohl diese Definition problematisch ist, sagen wir dennoch nicht umsonst Muttersprache. Vom ersten Atemzug an, nehmen wir ihren Klang in uns auf. In ihr herzen und liebkosen uns unsere Mütter. Sie trösten uns darin, singen uns in den Schlaf, erzählen uns Geschichten und – ja, klar – schimpfen uns auch mal aus. Alle unseren Emotionen werden von unserer Muttersprache mitgetragen.

Der Duden sagt, der aktive Wortschatz eines Deutschen betrage 12 000 bis 16 000 Wörter. Selbst wenn 3500 davon Fremdwörter sein sollten, wird derjenige, der viel liest und selbst Texte verfasst, über diesem Durchschnitt liegen. In der Bandbreite der Ausdrucksfähigkeit dürfte die Muttersprache einer Person, die wie ich den größten und vor allem den prägendsten Teil ihres Lebens im Land der Muttersprache verbracht hat, immer weit vor der Ausdrucksfähigkeit in einer Fremdsprache rangieren.

Aber unsere Welt wandelt sich und immer mehr Kinder wachsen in Familien auf, in denen die Eltern verschiedene Muttersprachen sprechen.

Erstsprache

Gerade jetzt, wo Väter immer stärker an der Erziehung der Kinder teilhaben, gestalten sie natürlich auch den Sprachschatz ihrer Kinder mit. Außerdem verbringen viele Menschen einen großen Teil ihres Lebens nicht mehr nur in einem Land, sondern werden schon in jüngeren Jahren durch Migration in einem Land mit einer anderen Sprache heimisch, welche sie möglicherweise irgendwann besser sprechen als die zuerst erlernte Sprache. Daher redet man in Fachkreisen lieber von der Erstsprache statt von einer Muttersprache, wenn man die von einer Person überwiegend genutzte Sprache meint.

Wenn nun ein Kind wie Davide mit zwei Sprachen gleichzeitig aufwächst, dann hat es zwei Erstsprachen oder – für uns Laien – zwei Muttersprachen.

Integration vs. kulturelle Identität

Was meine Arbeitskollegin bis heute bereut, ist tatsächlich, ihren Kinder nicht die Möglichkeit gegeben zu haben, mühelos und gleichzeitig zwei Sprache zu erwerben, wie auch immer man sie jetzt bezeichnen möchte. Statt dessen wollte sie selbst nicht als Fremde auffallen und dachte auch, es wäre gut, wenn ihre Kinder nicht wie sie selbst zwischen den Kulturen stünden. Wenn sie allerdings heute mit ihnen Englisch spricht, merkt sie, dass ihre inzwischen erwachsenen Kinder die Sprache zwar auf einem sehr guten Niveau, aber nicht so nouanciert wie Italienisch verwenden können. Leider hatte man im Apulien der ausgehenden 90er Jahre kein Verständnis dafür, dass sich jemand in einer Sprache äußert, welche die Umgebung nicht versteht. Selbst die Familie ihres Mannes hat sie nicht darin bestärkt, mit ihren Kindern Englisch zu sprechen. Aber halt! Jetzt nicht auf die Apulier schimpfen, sondern daran denken, dass einem selbst manchmal unwohl wird, wenn die Menschen direkt neben einem in einer „Geheimsprache“ reden. Ich denke da beispielsweise an Arabisch.

Wie ich eingangs schon sagte, habe ich mir darüber wenig Gedanken gemacht, wie viele Vorteile Davide von zwei Muttersprachen haben könnte. Ich sah eigentlich eher meinen eigenen Vorteil (die Bequemlichkeit) und die Notwendigkeit beruhend auf der Tatsache, dass seine gesamte deutsche Verwandtschaft kein Italienisch spricht. Doch, wenn man schon gemeinhin sagt, dass das Erlernen von Fremdsprachen gut für das Gehirn ist, muss eine zweite Muttersprache mindestens genauso gut wenn nicht besser sein. Ganz davon zu schweigen, wie wertvoll gute Sprachkenntnisse in der heutigen Arbeitswelt sein können.

Davides sprachliche Entwicklung

Es war also von Anfang an klar, dass Davide mit zwei Sprachen gleichzeitig aufwachsen wird. Wie war das nun konkret? Ich versuche es aus meinen Erinnerungen und Aufzeichnungen zu rekonstruieren. (An dieser Stelle noch einmal: Danke, Michy, für das „Mama-Tagebuch“Ein Geschenk von unschätzbarem Wert für jede Mutter.)

Davides erste Weihnachtskarte entworfen von seiner Cousine Gaia

Davide ist im Juli 2015 geboren. In Italien gibt es nur vier Monate Mütterzeit. Ich ging also drei Monate nach seiner Geburt bereits wieder arbeiten. Die Vormittagsbetreuung übernahm Davides Oma, die Nachmittagsbetreuung überwiegend sein Vater. Im ersten Jahr sprach er nur einzelne Wörter, aber ab etwa einem halben Jahr, machte es ihm sichtlich Spaß, sich an immer den selben Lauten zu erfreuen, die er verschiedenen Tonhöhen und auf verschiedene Weise aussprach. Von seinen Cousinen bekam er in dieser Zeit den Spitznamen „Mr. Dada“. Gestikulieren und „dada“  sagen bewirkte bis zum Sommer 2016 alles, was er wollte.

Seine Umgebung sprach einfach Italienisch mit ihm. Ich hingegen sprach Deutsch und sang ihm deutsche Kinderlieder vor. Wenn zwei gleichzeitig zu lernende Muttersprachen einen guten Einfluss auf das Gehirn haben, dann sah man das im ersten Jahr nicht. Außer vielleicht, dass er schnell begriff, dass das Herumtragen im Baby Carrier bequemer war, als selbst zu laufen.

Das konnte ich schon als Kind auswendig aufsagen: Roland Neumnn und Klaus-Dieter Pavel: Kleine Maus, Kinderbuchverlag Berlin (DDR), 5. Auflage 1982, S. 9

Ich kramte nach Weihnachten alte Kinderliederschallplatten und CDs mit deutschen Kinderliedern hervor. Der unvergessene Reinhard Lakomy und seine fantasie- sowie musikalisch und sprachlich anspruchsvollen Geschichtenlieder (Bsp. hier) wurden zum Abendprogramm. Sie werden auch heute noch gerne gehört. Meine alten Bilderbücher kamen (und kommen) ebenfalls zum Einsatz. Glücklicherweise fand sich Vieles auf dem Dachboden meiner Eltern wieder.

 

Das zweite Jahr

Sommer 2016 in der Henzendorfer Heide – So viel Natur!

Während und nach unserem Deutschlandurlaub im Sommer 2016 bemerkten wir, wie er immer häufiger Dinge um sich herum benannte, sowie in Zwei-Wort-Sätzen zu sprechen begann: „Gugga, Mama!“ (Guck mal, Mama!) Manchmal bezeichnete er Personen und Dinge mit zweisilbigen Worten, die nicht unbedingt einer richtigen Sprache angehörten: Oma/ Opa waren beispielsweise „ebba“ oder ein Zug – dindi (nach dem Geräusch des Alarms heruntergehender Schranken). Allerdings verstand er in beiden Sprachen alles, was man ihm sagte. Das wurde  deutlich, wenn wir ihn ein Spielzeug holen schickten oder beim Bücheranschauen Bilder zeigen ließen.

Denkwürdig auch sein erster deutsch-italienischer Drei-Wort-Satz vom März 2017: „Ada mia-mia alle.“ (Mein Wasser ist alle.)  Mit Vorliebe wiederholte er jetzt Worte, die er von uns hörte und es machte ihm Spaß sie zu verdoppeln. Statt einfach nur „mehr“ zu sagen, sagte er „mehr-mehr“. Vor der Haustür der italienischen Oma wurde mit Baumaschinen gearbeitet. Daher stand dort ein „Ninna, Backa-Backa.“ (Der Backer von oder bei Oma, it. „nonna“) Wir bemerkten auch deutlich, dass er viel nachzusprechen versuchte. Im Mai 2017 wurde „Beerbeer“ (Erdbeere) sein Lieblingsessen. Und dann ging es immer schneller. Täglich kamen mehrere neue Wörter hinzu, sodass ich nicht mehr alle aufschrieb; hauptsächlich handelte es sich um Wörter für Fahrzeuge, Baumaschinen und Tiere aus seinen Büchern – mit Papa auf Italienisch, mit Mama auf Deutsch. Kein Problem.

Das dritte Jahr

Auch nicht gerade typische italienisch.

Wieder war es der Sommerurlaub in Deutschland, der einen erneuten Schub beim Sprechen auslöste; so viel Input an Tieren, Pflanzen und Fahrzeugen auf dem Hügelland von Brandenburg! Außerdem fing er an, Teile von Kinderliedern zu singen, z.B. „Backe, backe Kuchen“. Wir waren inzwischen auf diesem YouTube-Kinderlieder-Chanel heimisch und ich wieder sattelfest im Kinderliederbereich geworden. Wir bemerkten auch seine Versuche, selbstständiger zu werden; „Mama, ‚leine!“ hörte ich immer, wenn er auf dem Fußweg nicht mehr meine Hand anfassen wollte.

 

Ende November 2017 rückte Davide auf der Warteliste nach und bekam einen Krippenplatz. Der Eintritt in die Welt anderer Kinder bewirkte wieder eine deutliche Verbesserung beim Sprechen; im Sinne dessen, dass er mehr und artikulierter sprach. „11.11.17: Heute früh mit D. Lego gebaut als er begann, Teile von ‚Zilli, Billi und Willi‘ aufzusagen. Haben dann zusammen zweimal die ganze Geschichte gesprochen. Ein zu süßer Moment, richtig bewegend.“ An diesem Tag wurde mir deutlich bewusst, dass alles, was man mit Kindern unternimmt, ein Echo hinterlässt. Es hallt vielleicht nicht gleich nach, aber irgendwann auf jeden Fall.

Bestoßen, geknickt und teilweise bekrakelt, aber trotzdem geliebt – (nach) Elisabeth Shaw: Zilli, Billi und Willi, Der Kinderbuchverlag Berlin (DDR), 5. Auflage

Im Dezember 2017 war sein längstes, deutsches Wort „Kartoffelchips“, sein längstes italienisches „triangolongo“ (eigentlich triangolo; Dreieck), sein lustigstes „Palonde“ (pantoffole). Begriffe, die er vorher komplett richtig aussprach, veränderten sich plötzlich wieder. Der „Luftballon“ wurde aus einem nicht nachzuvollziehbaren Grund zu „panko“. Im Verlauf der ersten Hälfte des Jahres 2018 wurde deutlich, dass er lieber Italienisch als Deutsch sprach.  Wir machten uns zur Regel, dass er Trickfilme nur noch auf Deutsch mit uns schaute, um den Kontakt mit der deutschen Sprache zu erhöhen. Ich redete weiter nur auf Deutsch mit ihm.  Dennoch antwortete mir Davide meistens auf Italienisch. Die Vormittage im Kindergarten und die Nachmittage zu Hause mit Papa ließen den italienischen Einfluss überwiegen. Aber Davide verstand mich. Also kein Grund zur Panik.

Das aktuelle, vierte Jahr

Drei Wochen im August 2018 in Deutschland und wieder war alles anders. Davide sprach in der ersten Woche etwas weniger. Ab der zweiten Woche plapperte er genauso gut auf Deutsch wie vorher auf Italienisch. 

Das Wort Blindschleiche kennt Davide in Ermangelung von Schleichen in Triggiano nur auf Deutsch.

Jetzt im Januar 2019 ist unser Sohn drei Jahre und 6 Monate alt. Er spricht in beiden Sprachen in vollständigen Sätzen und macht automatisch so komplizierte Dinge richtig, wie in Nebensätzen das konjugierte Verb ans Ende zu stellen. Er unterscheidet genau, mit wem er in welcher Sprache sprechen muss.  Er weiß nicht mehr alle Wörter in beiden Sprachen, aber Sätze wie „Papa sagt treno und Mama sagt Zug.“, sind bei uns ganz normal. Es gibt eine italienische und eine deutsche Sprachwelt, die sich aber größtenteils noch überschneiden. Das hängt damit zusammen, dass er mit mir manchmal andere Dinge als mit seinem Papa oder im Kindergarten macht. Ich glaube jedoch, Davide ist es nicht einmal bewusst, dass er sich in zwei Sprachsystemen bewegt. Gestern hat ihn eine Erzieherin im Kindergarten gefragt, was denn Buon giorno! (Guten Tag!) auf Deutsch bedeute. Da hat er sie verständnislos angesehen.

Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich in seinen italienischen Sätzen typische grammatische Fehler erkenne, die auch bei Deutschen auftreten, die Italienisch als Fremdsprache lernen. Zum Beispiel konstruiert er italienische Sätze im Perfekt mit der deutschen Verbstellung (konjugiertes Verb an zweiter Stelle, Partizip der Vergangenheit an der letzten): „Io ho con Michele giocato.“ (Im Italienischen müsste man sagen: „Ich habe gespielt mit Michele.“) Oder er nimmt deutsche Verben und konstruiert ein italienisches Partizip: „Papa, ho nel pantalone pullato“. (Papa, ich habe in die Hose gepullert. )

Im Deutschen fallen mir nur Fehler auf, die vermutlich auch Kinder in Deutschland machen. Er kennt die Konjugation vieler unregelmäßiger Verben und deren Partizipien noch nicht: „Papa esst eine Banane.“ oder „Ich habe Schokolade geesst.“ Er macht auch Fehler mit Personalpronomen im Dativ und Akkusativ; „mir/mich“ und „dir/dich“. Aber das wird schon. Da bin ich sicher.

Ich werde einfach weiterhin:

  • mit ihm Deutsch sprechen und singen,
  • Kinderprogramme auf Deutsch schauen (z.B. über you.tv),
  • Bücher auf Deutsch lesen,
  • Gute-Nacht-Geschichten auf Deutsch erzählen,
  • regelmäßig nach Deutschland fahren
  • und nicht zuletzt mit den deutschen Großeltern skypen.
  • Auch Webradios machen es inzwischen einfach, sich die deutsche Sprache ganz nebenbei ins Haus zu holen,
  • und deutschsprechender Besuch ist bei uns gleich doppelt willkommen.

So bleibt Deutsch weiterhin Teil unseres Alltags, denn mir ist natürlich klar, dass alles bisher Gelernte auch ganz schnell wieder vergessen werden kann, und wir dranbleiben müssen, damit der Gebrauch der deutschen Sprache als selbstverständlich empfunden wird. Auch um die Verschriftlichung werde ich mich irgendwann kümmern müssen. Aber noch nicht heute. Also pazienza  oder wie der Deutsche sagt: Kommt Zeit, kommt Rat.

Bücher mit Katzen sind bei Davide gerade sehr in Mode. Hier Britta Teckentrups Buch vom mürrischen Kater Mombert, der entgegen allen Widerständen doch von einem Freund gefunden wird.

Das „Katzenalphabet“ bietet auch auf Deutsch genug Gesprächsstoff.

Bisher hat mich nur einmal jemand pikiert gefragt, warum ich mit dem Kind denn nicht Italienisch spreche. Aus der Verwandtschaft, von Freunden und den Kindergärtnerinnen habe ich nur positive Rückmeldungen bekommen. Tatsächlich sehen es die meisten Leute hier als großes Glück, dass Davide auch Deutsch sprechen kann. Seit der Zeit, in der die Kinder meiner Arbeitskollegin aufgewachsen sind, hat sich also in Apulien und im Verständnis der Apulier viel verändert. Ich, die ich mich mit dem Italienischen herumschlage, gehe sogar so weit zu sagen, dass es ein Glück ist, dass er zwei so unterschiedliche und komplizierte Sprachen so unkompliziert erlernen kann.

Also keine Angst vor Zweisprachigkeit! Einfach machen.