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Wann beginnt der Ernst des Lebens?

Als ich in die Schule kam, meinte mein Vater zu mir, es beginne nun der Ernst des Lebens. Doch fiel mir die Schule recht leicht und von dem angedrohten, offensichtlich mit Unannehmlichkeiten verbundenen „Ernst des Lebens“ war kaum etwas zu merken. Als ich mit der Schule fertig war und ein Studium begann, hatte ich kurzzeitig das Gefühl, der Ernst des Lebens würde sich nun einstellen: eigene Bude, eigenes Geld, Monate in verschieden Ausländern, alles allein entscheiden… War das Ernst oder vielleicht doch einfach nur aufregend und spannend?

Ein letztes Mal sprach man vom Ernst des Lebens zu mir, als ich mit dem Studieren fertig war und im ersten Job zu arbeiten anfing. Doch noch bevor der zum routinierten Ernst oder einer ernsthaften Routine werden konnte, kratzte ich schon die Kurve und büchste nach Apulien aus. Wie ernsthaft das Leben hier ist, kann man ganz gut auf meinem Blog nachverfolgen. Selbst der Tod, der dem Ernst des Lebens doch recht nahe zu kommen scheint, büßt in Süditalien viel von seiner ernsten Komponente ein, wie die Beerdigung unserer lieben Tante Zievola illustrierte. Offensichtlich mangelte es meinem Leben also an den notwendigen Zutaten für dessen Ernsthaftigkeit. Bisher jedenfalls.

Heute, an meinem freien Vormittag, glaubte ich, den Ernst des Lebens entdeckt zu haben: unseren Sohn Davide. Manchmal überkommt mich nämlich eine unbestimmte Furcht davor, eine zu große Verantwortung übernommen zu haben. Machen wir alles richtig? Zu viel Aufmerksamkeit, zu wenig Aufmerksamkeit? In den Schlaf wiegen oder von selbst einschlafen lassen? Sechs Monate exklusiv stillen oder auf die Ärztin hören und schon jetzt mit dem Zufüttern beginnen? Am Freitagabend noch ausgehen oder besser das Kind zeitig zu Bett bringen? Einen Blogbeitrag schreiben oder doch lieber zum hundertsten Mal das Kind über die Terrasse tragen und ihm die Botanik erklären. Und dann hat man plötzlich Pflichten wie regelmäßige Arztbesuche oder den Gang zur Impfstelle, gibt sein Geld für Windeln sowie andere Babyprodukte aus und findet alles, absolut alles, was der liebe Nachkomme tut, niedlich und speziell. Von einem Tag auf den anderen dreht sich das ganze Leben in erster Linie um das Wohl einer anderen Person, die völlig von einem abhängig ist. Noch dazu blickt man mit einem Mal ungeahnt weit in die Zukunft, denn schließlich ist der Weg, den man nun bereitet nicht mehr nur der eigene.

„Davide,“ sagte ich also vorhin zu meinem Sohn, als er mit einem „ä-äääh“aus seinem Nachfrühstücksschläfchen erwachte und mich nicht weitertippen ließ, „ich glaube, mit dir hat jetzt wirklich der Ernst des Lebens begonnen, nicht wahr?“ Daraufhin blickte er mich sehr aufmerksam mit seinen Kulleraugen an. Dann verzog er den Mund zu einem breiten, zahnlosen Lächeln, das von einem Ohr zu anderen reichte und antwortete so ungefähr: „Gegegugu-pfff.“. Schließlich ließ er einen lauten Pups in seine Windel knattern, gefolgt von einem kurzen Lachen.

Manchmal kann die Antwort so einfach sein. (Was hab‘ ich doch für ein schlaues Kind!)

Lächeln

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