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Mission Traumwohnung 6

Doch nicht so traumhaft?

Nachdem wir erfahren hatten, dass wir für die Renovierungsarbeiten in unserer Traumwohnung einen Baubetreuer benötigten, setzte sich sofort eine Gedankenserie in Gang, die alle möglichen Rettungsanker durchspielte. Zum Glück läuft hier alles immer so, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt. . . Wir kamen in diesem Fall gleich auf zwei hilfreiche Personen.

Eine Bekannte von Pasquale hatte sich selbst gerade eine Wohnung gekauft und arbeitete mit einer jungen Architektin zusammen, die den Umbau betreute und natürlich sofort zustimmte, sich unsere Wohnung anzusehen und auch unsere Renovierungsarbeiten zu begleiten. Luigis Cousine, von Beruf Geometra (eine Mischung aus Bauzeichnerin und Architektin) hingegen, bot uns an sämtliche Zeichnungen zu machen. Das würde sowohl unsere Kosten reduzieren als auch den Aufwand der Architektin auf die reine Baubetreuung und ihre finale Unterschrift beschränken.

Doch ganz so leicht wollte es uns die ambizionierte Frau in hohen Stiefeln und Minirock dann doch nicht machen. Schon zwei Tage nach der ersten Vorstellung sprang sie mit einem Fotoapparat zwischen der roten Wohnzimmertapete und den braunen Küchenfliesen umher, um uns anschließend ihre ersten Eindrücke mitzuteilen.

Erstens: Der Eingangsflur sei zu schmal und ließe ein Gefühl von „Erdrücken“ zurück.

. . . und wir wollten sogar noch eine Garderobe an die Wand hängen!

Zweitens: Der Fußbodenbelag müsse in allen Räumen vereinheitlicht werden.

Ich hielt zur Verteidigung der Traumwohnung entgegen, dass sich in unserem Haus in Deutschland praktisch in jedem Raum andere Auslegware oder Fliesen befänden, und mich das noch nie gestört habe, weil jedes Zimmer eine Welt für sich wäre. Der Architektinnenblick sprach Bände. Meinen Vorschlag, dass wir die Türen geschlossen halten könnten, um die unterschiedlichen Fußböden nicht alle gleichzeitig sehen zu müssen, hielt sie offensichtlich für einen Scherz. Jedenfalls lachte sie verhalten.

Drittens: Die Tür vom Esszimmer zum Bad sei eine Bausünde. Man könnte eine Wand hochziehen und einen Korridor einbauen, damit man nicht gleich vom Tisch bis zur Badewanne blicken müsse.

Das wäre dann ein dunkler Schlauch, der das Esszimmer in Kaninchenstallgröße zurückließe. Dass man auch die Badtür geschlossen halten könnte, habe ich nicht mehr erwähnt.

Viertens: Es fehle ein Lagerraum für Nahrungsmittel.

Mit zwei Supermärkten, zwei Bäckern, einem Fleischer, diversen Obst- und Gemüseautos, einer Pizzeria und einer Hähnchenrösterei im Umkreis von 200m hielten wir es bisher nicht für nötig, uns mehr Vorräte anzulegen, als in Küchenschränken unterzubringen ist.

Fünftens: Das vorhandene Kinderzimmer sei zwar ganz nett, aber für den Fall, dass wir zwei Kinder unterschiedlichen Geschlechts bekämen, sollten wir noch ein zweites Kinderzimmer einplanen.

Unter uns gesagt, inzwischen frage ich mich, ob ich beim Abschluss unserer Renovierungsarbeiten überhaupt noch gebärfähig sein werde.

Sechstens: Ein Gästezimmer/ Studio wäre unverzichtbar. Außerdem brauche man, das könne sie aufgrund ihrer Erfahrung in einer siebenjährigen Ehe und als Mutter sagen, ein Zimmer für die Wäsche und das Bügeln.

Kurz und gut, ihrer Meinung nach war unsere Wohnung doch nicht so traumhaft, wie wir bisher gedacht hatten. Die Architektin kam insgesamt auf drei zusätzliche Räume, die wir ihrer Meinung nach zusätzlich benötigten. Die entsprechenden Umbauvorschläge, werde sie uns bei unserem nächsten Treffen unterbreiten. Außerdem müssten wir uns dann über Farben und Fußbodenbeläge unterhalten, denn zufällig arbeite sie auch mit einem sehr guten und preiswerten Großhandel zusammen, der ihr Preise bieten würde, von denen andere Menschen nur träumen könnten, verkündete sie mit geheimnisvoller Mine.

Wir konnten ihr nicht glaubhaft machen, dass wir keine zusätzlichen Zimmer benötigten. Auch der vorsichtige Wink in Richtung Finanzen ging irgendwo zwischen Luigis Mund und ihrem Ohr verloren. Doch natürlich wollten wir unsere Architektin in der nützlichen Funktion als Baubetreuerin nicht gleich vergrätzen. Wenn der Amtsschimmel wiehert kann man eben nichts machen. Wir waren auf die Frau angewiesen. In einer Woche würden wir uns also treffen und uns ihre Architektinnenträume auf Papier ansehen.

Roadtrip mit Leiche

Beim Surfen im Internet bin ich über ein Buch des Mandarin Verlags gestolpert, dessen erster Absatz des Klappentextes mich sofort angesprochen hat: „Was tun, wenn der Großvater stirbt und die Erfüllung dessen letzten Wunsches – in der süditalienischen Heimat bestattet zu werden – [. . .] scheitert? Für Luca Hübschen gibt es nur eine Lösung: Den toten Giuseppe – genannt Pippo – selbst die 2000 Kilometer von Saarbrücken nach Apulien zu transportieren, und zwar mit Hilfe seiner Freundin Steffi und seines betagten Fiat 500 ‚Cinquecento‘.“

Reisen mit Pippo

Holger Willi Montag: Reisen mit Pippo, Mandarin Verlag, 2003

 

Der im Jahr 2003 erschienen Debütroman des deutschen Autors Holger Willi Montag erzählt auf 464 Seiten die aberwitzige Überführung des in sitzender Haltung verstorbenen Opas durch halb Deutschland, die Schweiz und fast ganz Italien in einem nur mit Kühlakkus notdürftig kalt zu haltenden als Dachgepäck getarnten Metallsarg zu einer Zeit, als die Grenzen Europas noch nicht so offen standen wie heute. Dabei wächst der sonst eher unkonsequente Luca an Entschlossenheit und Erfindungsreichtum plötzlich über sich hinaus, wenn er beispielsweise der Grenzkontrolle glaubhaft machen kann, dass sein kurzzeitig auf den Beifahrersitz umgelagerter Opa ein Autist wäre, oder wenn er ihn zur Kühlung in einer nur schwer zugänglichen Höhle am Meer zwischenlagert.

Dieser Kontrast zwischen dem ernsten Anlass und dem slapstickhaften Motiv des wenig respektvollen Transports ist jedoch nur eine Seite des Romans. Auf dieser Reise mit Pippo wird Luca klar, dass er im Grunde nichts über die persönliche Geschichte seines Großvaters und seines italienischen Familienzweiges weiß. Je mehr er sich dem Heimatort seines Opas nähert, desto neugieriger wird er deshab darauf, seine Verwandten kennenzulernen und die wirklichen Geschichten hinter den bruchstückhafen Anekdoten, die in der Familie kreisen, zu entdecken. So endet zwar die Autofahrt in Lecce, aber Luca bekommt endlich die Gelegenheit, seine zahlreiche Verwandtschaft kennenzulernen und tiefer in die Geschichte des verzweigten Familien- und Freundeskreises einzutauchen.

Mit nur wenig zeitlicher Verschiebung zu Luca macht sich auch Jacob, ein alter Freund Pippos, mit Rainer, einem weiteren Freund der Familie, auf nach Apulien. Er hat einen richtigen kühlbaren Sarg besorgt und beabsichtigt in Italien mit Luca zusammenzutreffen, um den Leichnam zu übernehmen. Obwohl es aus verschiedenen Gründen nicht dazu kommt, ist die Reise dennoch auch für Jacob sehr wichtig, um seinen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Der Leser erfährt in diesem Zusammenhang, dass Jacob und Pippo im Zweiten Weltkrieg aufeinander getroffen waren und sich über ihren Bäckerberuf eine jahrzehnte währende Freundschaft entwickelt hatte, die Pippo schließlich in den Jahren des Aufschwungs in Deutschland aus dem wirtschaftlich abgeschlagenen Süditalien nach Frankfurt am Main geführt hat. Auch diese Geschichte und der Grund, an dem diese Freundschaft zerbrach, wird auf der Reise nach Apulien mehr und mehr enthüllt. Durch die schrittweise Enthüllung der Vergangenheit und die Frage, ob sich Lucas Beziehung zu Steffie in diesem stressigen Urlaub eher festigen oder vielleicht gar zerbrechen wird, bietet das Buch bis zur letzten Seite immer wieder Überraschungen und lässt keine Langeweile aufkommen.

Danach gefragt, woher er die Inspiration und die Ideen für seinen Roman bezogen hat, antwortete Holger Montag, dass er bereits im Frühjahr des Jahres 2000 über einen Familienroman nachgedacht habe, in dem er das bewegte Leben eines in der Fremde lebenden Italieners wiedergeben wollte. Ein Urlaub führte ihn im gleichen Jahr nach Italien, wo er sofort mit der geballten süditalienischen Gastfreundschaft inklusive obligatorischem Kennenlernen der Tanten und Onkel sowie einem Essen konfrontiert wurde. Wer diese Herzlichkeit und die Offenheit einmal erlebt hat, kann gut nachvollziehen, dass aus so einem Erlebnis zahlreiche Inspirationen für Figuren und Handlungen erwachsen können. So ist „Reisen mit Pippo“ nicht nur ein slapstickhafter Roadtrip, sondern ein direkt aus dem süditalienischen Leben gegriffener Roman geworden, der aufzeigt, wie schade es ist, wenn ältere Menschen zwar eine feste Größe im Familienleben darstellen, aber ihre persönlichen Geschichten niemanden mehr interessieren. Immerhin sind deren Erlebnisse nicht nur ein Teil einer individuellen Familiegeschichte, sondern verknüpfen den kleinen familiären Kosmos mit dem größeren Kosmos der Weltgeschichte.

Apuliens Provinzhauptstadt Bari kommt in dem Roman leider denkbar schlecht weg, als ein letzter Umbettungsversuch in den Sarg von Jacob unternommen werden soll. Nicht nur, dass der Protagonist „schon viel Schlechtes“ über Bari gehört hatte, alle Vorurteile werden auch prompt bestätigt: Es ist heiß. Der Verkehr ist mörderisch. Und man wird beklaut. Dazu kommt, dass der Rest Baris aus kriminellen Sympathisanten zu bestehen scheint. Am vereinbarten Treffpunkt mitten im Stadtzentrum bekommen Luca und Steffi keinen Parkplatz. So kommt es wie es kommen muss: Während die beiden zu Fuß zum Treffpunkt gehen und dort warten, wird ihr am Hafen abgestelltes Auto unter den Augen umstehender Zeugen aufgebrochen und der Rucksack mit Fotoapparat, Geld und Papieren geklaut. Ich bin mir fast sicher, dass ein so offensichtlich zur Schau gestellter Rucksack in einer alten Nuckelpinne in jeder größeren Stadt eine willkommene Einladung an Diebe wäre. Trotzdem setzt das Schicksal noch eins drauf: Rainer und Jacob werden in einen Verkehrsunfall verwickelt und machen auf diese Art ebenfalls die Bekanntschaft lautstark diskutierender Italiener und der Carabinieri von Bari.

Das etwa drei Stunden weiter südlich liegende Lecce wird viel freundlicher beschrieben, was verständlich ist, wenn man bedenkt, dass Luca sich dort auskennt und dort seine Wurzeln hat. Tatsächlich war Lecce jedoch bereits im römischen Reich eine wichtige Wirtschafts- und Hafenstadt. Der Wohlstand und die Bedeutung der Stadt spiegeln sich in den fantastischen Ausschmückungen der Gebäude vor allem aus dem 17. Jahrhundert wider, in dem Lecce unter spanischer Herrschaft in eine der bedeutendsten Barockstädte Italiens verwandelt wurde, was natürlich ein ganz besonderes Flair ausmacht. Hier nun lebt die große und recht schräge Familie Pippos, die Luca auf den letzten 100 Seiten des Romans kennen und mögen lernt. Endlich erfährt er, wie die unterschiedlichen Paare zusammengefunden haben oder vom Auswandern nach Deutschland, vom Guanoabbau in einer Fledermaushöhle und auch über die regelmäßige Bestückung einer Ausgrabungsstätte mit nachgemachten antiken Scherben.

Auf diese Art wird der äußerst kurzweilige Roman nicht nur vom schwarzen Humor der Hauptgeschichte getragen, sondern ist auch in seinen Details witzig und verrückt. Der Autor nutzt einige tatsächlich existierende Orte wie die bei Castro gelegene Grotte „Zinzulusa“ als Hintergrund für seine Romanhandlung und beruft sich auch bei einigen Episoden wie beispielsweise beim Diebstahl der zur Stadtverschönerung gepflanzten Palmen auf Tatsachen. Sofort muss ich wieder daran denken, wie sich Luigis Eltern bei ihrem Besuch in Deutschland darüber wunderten, dass niemand die Rosen aus den Beeten an den Straßen unserer Städte klaut, und wie überrascht ich damals darüber war, dass jemand überhaupt auf so eine Idee kommen könnte. Aber es erklärt natürlich auch, warum man hier entlang den Straßen höchstens wie Unkraut wuchernden Oleander und nirgendwo Blumenrabatten findet. Dieses Wissen um einen recht schwachen Respekt vor öffentlichem Eigentum und dem Gesetzt sowie um eine gewisse Bauernschläue des gemeinen Süditalieners, macht selbst die vorgetäuschte Ausgrabungsstätte bei Lecce, welche ausschließlich der Fiktion des Autors entstammt, wahrscheinlich. „Wer weiß,“ schreibt Montag sicherlich mit einem Augenzwinkern, „vielleicht gerät der Roman ja irgendwann in die Hände eines findigen Apuliers und das ‚Scherbenfeld‘ wird nachträglich installiert.“ Ehrlich gesagt, auch das kann ich nach einem halben Jahr Apulien nicht mehr für völlig ausgeschlossen halten.

Holger Montag hat im Mandarin Verlag inzwischen ein Kinderbuch und zwei weitere Romane veröffentlicht, die sich thematisch aber von einer Auseinandersetzung mit Italien entfernt haben. In Zeiten, in denen sich Autoren gern mit Serien zweifelhafter Qualität an einmal erfolgreiche Sujets klammern, klingt Montags Begründung dafür sehr sympathisch: „Ich behandele lieber ein einzelnes Buchprojekt 100%ig, statt diese 100% auf drei Folgeromane zu verteilen.“

„Reisen mit Pippo“ kann ich auf jeden Fall allen empfehlen, die Italien mögen oder auf der Suche nach einer ungewöhnlichen und erfrischenden Lektüre abseits vom Mainstream sind. Das Buch gibt es neu und gebraucht bei Amazon sowie versandkostenfrei direkt beim Verlag.

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Ich bedanke mich herzlich bei Herr Montag für die freundliche Beantwortung meiner Fragen und wünsche ihm als Autor stets erfrischende Ideen sowie seinen Büchern zahlreiche zufriedene Leser.

6.1. – Heilige drei Könige vs. Alte Schachtel

„La Befana vien di notte

con le scarpe tutte rotte,

il capello alla romana.

Viva viva la Befana!“*

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Da Adventskalender in Italien nicht gebräuchlich sind und am 6.12. auch kein Nikolaus in Triggiano vorbeikam, um eine Runde vorweihnachtlichen Hüftgoldes zu verteilen, beschloss ich bereits, mich im nächsten Jahr mit den armen italienischen Kindern zu solidarisieren und eine großangelegte „Mission Nikolausstiefel“ zu starten. Doch Luigi erstickte meinen Eifer mit den folgenden Worten: „Warte mal Befana ab! Da wirst Du sehen, dass euer Nikolaus direkt knauserig ist.“ Dann erklärte er mir, dass am 6.1. eine alte hässliche Hexe hier vorbeikommen und Socken mit Süßigkeiten vorbeibringen würde. 

„Na, das wollen wir doch mal sehen!“ dachte ich, fand es aber sofort gar nicht mehr so schlimm, dass meine hohen schwarzen Stiefel noch in Deutschland stationiert waren. Lange warme Skisocken mitzubringen war in dieser Hinsicht scheinbar die bessere Wahl gewesen. Doch Luigi belächelte meine Überlegungen erneut und erklärte mir, dass die Hexe selbstverständlich ungetragene Socken verteile, was im Gegensatz zum Nikolaus viel praktischer wäre, da man nicht einmal seine Schuhe dafür putzen müsse. 

Während ich noch überlegte, ob italienische Kinder ihre Schuhe folglich statt wenigstens einmal im Jahr nun gar nicht putzen würden, suchte ich im Internet weiterführende Informationen zur sockenbringenden Hexe und fand heraus, dass sie sogar eigene Webseiten hat. Dort kann man lesen, dass sie sich die krummnasige Alte alljährlich in der Nacht vom 5. zum 6.1. aufmacht, um durch Kamine zu schlüpfen und Süßigkeiten in die Socken der Kinder zu stecken. Da nun die wenigsten Familien im warmen Süditalien einen Kamin haben, an dem sie Socken aufhängen können, ist die Hexe offensichtlich dazu übergegangen, die Socken massenweise in Süßigkeitenläden und Supermärkten zu verteilen, wo sie seit Mitte Dezember von den Decken baumeln, und ihre Arbeit den Verwandten der zu beschenkenden Kinder zu überlassen.

IMG_20130106_122811Vermutlich nicht ganz zufällig stammt der Name „Befana“ vom griechischen „Epiphaneia“ ab (Epifania > Pifania > Beffania > Befania > Befana), was soviel bedeutet wie „Erscheinung Gottes“.  Gemeint ist damit die „Erscheinung Gottes“, welche am 6.1. von der katholischen Kirche gefeiert wird. Demnach kamen an diesem Tag drei weise Könige zum neugeborenen Jesuskind und brachten ihm Geschenke. Vermutlich auch nicht ganz zufällig feierten bereits die alten Ägypter an diesem Tag ein Fest zu Ehren der Geburt ihres Gottes Horus. So überlagern sich die Religionen und Bräuche, und während deutsche Kinder heute in manchen Orten traditionell unter Vortäuschung einer falschen Identität Haustüren mit Graffiti (C+M+B) beschmieren, sind die Süßigkeitenregale in unserem Supermarkt um die Ecke praktisch leergekauft. Nur die letzten Säumigen stürmen noch in die Geschenkeläden, um sich im Namen der Befana mit gefüllten Socken einzudecken. 

IMG_20130106_144910Auch ich habe heute eine Socke mit einem Glücksschwein darauf und diversen Süßigkeiten darin erhalten. Leider ist die Socke ungefähr zwei bis drei Nummern zu klein und entspricht auch nicht IMG_20130106_145717meiner Wadenweite, aber schauen wir mal, was passiert, wenn wir unsere Wohnung auf Vordermann gebracht und tatsächlich einen Kamin haben werden. Dann werde ich der Befana im nächsten Jahr auflauern und sie fragen, ob ich den Socken umtauschen kann.

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(* Diesen Reim auf die Befana gibt es in vielen regional abgewandelten Formen. In Luigis Familie ist der obige gebräuchlich: „Die Befana kommt in der Nacht mit kaputten Schuhen und einem schräg aufgesetzten Hut. Lang lebe die Befana!“)

Neujahrsgrüße aus Süditalien

Während die letzten Unermüdlichen noch ihre Böllervorräte aufbrauchen, haben Luigi und ich uns zu einem gemütlichen Neujahrsspaziergang durch die Gärten zwischen Triggiano und Bari aufgemacht. Die Sonne scheint. Die lärmenden Vögel gebärden sich, als wäre es schon Frühling, und auch die sattgrünen mit gelben und weißen Blümchen übersäten Olivenhaine lassen vermuten, dass der regnerische süditalienische Winter schon hinter uns liegen könnte.

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Solchermaßen von den Sonnenstrahlen erheitert und der Aufbruchstimmung der Natur angesteckt wünsche ich allen Freunden, Verwandten, Bekannten, Followern und gelegentlichen Mitlesern ein wunderbares neues Jahr 2013. Auf dass sich eure Wünsche erfüllen mögen und ihr eure Pläne verwirklichen könnt!

Eure Corinna

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Berlusconi und der Weltuntergang (Reprise) und Weihnachtsgrüße

Zwei erfreuliche Dinge von europa- bzw. weltweiter Bedeutung sind kurz vor Weihnachten also doch noch passiert: Erstens hat die Menschheit gestern den 183. prognostizierten Weltuntergang seit Ende des römischen Reiches überlebt – und das nicht nur in Cisternino oder im Itriatal. Und zweitens hat Supersilvio vor ein paar Tagen seine Kandidatur zurückgezogen, denn mit dem Mario spielt er nicht. Der böse Monti tut sich nämlich immer mit den anderen Jungs zusammen und ärgert ihn. Darauf hat der Silvio jetzt einfach keinen Bock mehr.

Der Rückzug der Kandidatur Berlusconis wurde nicht ganz so publikumswirksam gefeiert wie das Weltenende in Cisternino, wo sich am Abend des 20.12. zum groß aufgezogenen „Fest der letzten Nacht der Welt“ 3000 Besucher einfanden, um dem Untergang in recht fröhlicher Stimmung entgegenzusehen. Die Geschäfte und Kirchen hatten die ganze Nacht geöffnet. Musik und Aufführungen unterhielten die Gäste des völlig überlaufenen 12.000-Einwohner-Städtchens. Am gestrigen Tage kamen vermutlich noch wesentlich mehr als die im Voraus geschätzten 5000 Besucher, welche sich in der Stadt und besonders auf dem Weihnachtsmarkt mit Musik, Tanz und Spezialitäten der Region vor dem Untergang verstecken wollten. Letztendlich sah man sich sogar gezwungen, Cisternino kurzerhand zu schließen und niemanden mehr hineinzulassen.

Settimo Catalano, der Präsident der religiösen Vereinigung ist inzwischen dazu übergegangen zu verbreiten, dass sein Meister dergleichen nie gesagt habe, aber immerhin haben die Anhänger des Babaji dafür gesorgt, dass man sich in Cisternino an den 21.12.12 noch für sehr, sehr lange Zeit erinnern wird.

So reiht sich der soeben überlebte Weltuntergang still und leise in die Reihe aller großen Events ein, die heute dazu dienen sollen, den Menschen zum Konsum zu verführen. In diesem Sinne könnte ich jetzt „Frohe Weihnachten“ wünschen. Aber seien wir nicht zynisch! Der Weltuntergang und auch Weihnachten sollten uns nicht nur den Interessen der Wirtschaft folgen, sondern auch darüber nachdenken lassen, was für uns im Leben wichtig ist. Daher an dieser Stelle viele liebe Grüße an meine Familie und alle Freunde in Deutschland und im Rest der Welt! Euch aber auch allen anderen Bloglesern wünsche ich ein schönes und friedliches Weihnachtsfest im Kreise derer, die euch nahestehen!

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Bald nun ist . . . Natale

Weihnachen steht praktisch vor der Tür. È praticamente natale. Doch abgsehen von dem Stapel an Weihnachtsgeschenken auf Marias Kommode, der seit Anfang Dezember immer größer wird, war bisher nicht viel davon in unserer Wohnung zu sehen. Dafür war umso mehr zu riechen, denn seit zwei Wochen backe ich Weihnachtspläzchen – mal allein, mal mit Unterstützung. Aber die Blechdosen sind hier wie Fässer ohne Boden: ich fülle oben ein; doch bald darauf sind sie schon wieder leer. Das merkwürdige Verschwinden hat damit zu tun, dass immer wieder Nachbarn an der Wohnungstür klingeln und fragen, was so gut rieche. Bevor man da lange erklärt, werden die Dosen eben aufgemacht und verkostet. Auch bei der lieben Verwandtschaft kommt deutsches Weihnachtsgebäck hervorragend an.

In der letzten Woche hat Maria mich zudem in die Herstellung eines für Apulien typischen Weihnachtsgebäcks eingeweiht. Ich mag besonders die gewöhnliche Variante, die nach dem Ausbacken in Vincotto „gebadet“ und auch damit gefüllt wird. Luigis Familie verwendet dafür einen dicken, fast schwarzen Feigensirup. Vincotto gibt es aber auch etwas heller aus eingekochtem Weintraubenmost. Einen Bericht von der handwerklich etwas aufwendigeren Herstellung dieser klebrigen Süßigkeit namens Cartellate werde ich im Laufe der Woche nachliefern.

So weit, so gut. Man riecht also seit zwei Wochen im ganzen Haus, dass wir uns auf Weihnachten vorbereiten, aber man sah es bisher nur auf Luigis Kommode, wo ich Anfang Dezember aus nostalgischen Gründen ein paar erzgebirgische Holzschnitzerein aufgestellt hatte. Eigentlich wird in Italien am 8.12. weihnachtlich aufmunitioniert. Der arbeitsfreie Tag der „Maria Empfängnis“, der in diesem Jahr auf einen Samstag fiel, wird dazu genutzt, den (Plaste)Baum zu schmücken und sich gegenseitig im Aufstellen voluminöser Krippen zu überbieten. Nachdem sich die Balkons des Häuserblocks gegenüber in ein blinkendes Las Vegas verwandelt haben, und wir bei einer Bekannten Krippenaufbauten, die ein Drittel des Wohnzimmers einnahmen, bewundern durften, ist in Pasquale nun auch der Weihnachtsvirus ausgebrochen. Über die mäßige Begeisterung der restlichen Familie empört stapfte er mit einer Woche Verspätung in die Garage und trug nicht nur von dort diverse Pappkartons im Wohnzimmer zusammen. Darin befanden sich mehrere Krippen, zwei Weihnachtsbäume, mindestens fünf Lichterketten und anderes Zubehör, welches wir dekorativ in der Wohnung verteilten. Die Krippe kann mit dem Miniaturbethlehem der Bekannten natürlich nicht mithalten, denn sie findet bequem auf einem Tischchen Platz, aber dafür haben wir zwei Weihnachtsbäume und jede Menge Gebäck.

Weihnachten kann kommen. Wir sind vorbereitet.

Viel Spaß beim Amt

Gestern war Nikolaustag und, obwohl es in Italien die Tradition mit dem Stiefel und den Nikolausgeschenken nicht gibt, fühle ich mich ganz so, als hätte ich doch eines erhalten. Und das kam so: Der Plan, Ende September nach Deutschland zurückzukehren und Arbeitslosengeld zu beantragen, falls ich noch keinen Job gefunden haben würde, wurde durch die nur langsam voranschreitenden Entwicklungen in Sachen „Mission Traumwohnung“ vereitelt. Da ich es auch für wenig sinnvoll hielt, mich in Deutschland aufzuhalten, während mein beste Freundin ohne mich Bari und Umgebung unsicher macht, bin ich also erst im November beim Arbeitsamt meines Heimatortes aufgeschlagen. Nach einer Woche Wartezeit bin ich den freundlichen Beamten an sechs von zehn Arbeitstagen persönlich, schriftlich oder telefonisch auf die Nerven gefallen, bis ich nicht nur Arbeitslosengeld sondern auch die Erlaubnis erhalten hatte, es für sechs Monate ins Ausland „mitzunehmen“ (sprich: es weiterhin gezahlt zu bekommen auch, wenn man dem deutschen Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht). Dafür bekommt man ein Dokument namens PD U2, welches man beim Arbeitsamt in dem Staat vorlegen muss, in dem man Arbeit sucht. Ich weiß gar nicht, wie oft ich den unterschiedlichen Ansprechpartnern erklären musste, wo Apulien liegt, warum ich ohne einen Job zu haben, meinen Arbeitsplatz gekündigt habe, und, warum ich es so eilig hätte, wieder zurückzukehren, wo ich doch nun bereits Arbeitslosengeld beziehen würde. Ja, ich kam mir mehrmals ganz schön blöd vor; unter anderem auch, weil mein Betreuer trotz des tagelangen Nebels so gute Laune hatte, als wäre er auf Drogen gewesen. Doch: Ende gut, alles gut.

An dieser Stelle eine zerknirschte Entschuldigung an all diejenigen, bei denen ich in dieser Zeit nicht vorbeigekommen bin. Autolos ist man auf dem platten Land ziemlich aufgeschmissen und so hat die knappe Zeit neben saisonalen häuslichen Betätigungen wie exzessivem Laubharken, Blumengartengärtnern oder Plätzchenbacken kaum zu mehr ausgereicht, als die engste Familie und die engsten Freunde zu besuchen.

Inzwischen habe ich mein „Portable Document U2“ einem Beamten im Arbeitsamt von Triggiano unter die Nase gehalten, der nicht so recht wusste, was er damit anfangen sollte – zumal er kein Deutsch sprach. Er hat mir dann trotzdem zwei italienische Dokumente ausgedruckt, von denen das erste bezeugt, dass ich mich innerhalb des vorgeschriebenen Zeitraums beim Arbeitsamt vor Ort gemeldet habe. Das zweite bestätigt, dass ich zur Vermittlung uneingeschränkt zur Verfügung stehe. Was jedoch seelisch und moralisch wertvoller ist, als diese zwei Zettel, die Luigi vermutlich gerade an die zuständige Beamtin im deutschen Arbeitsamt faxt, ist die Tatsache, dass dieser Mann es unverständlich fand, dass im hiesigen Amt noch nichts unternommen wurde, mich zu vermitteln, obwohl ich schon seit Ende Juni gemeldet bin. Ich habe es unterlassen wiederzugeben, was mir im Sommer gesagt wurde – in etwa, dass sie für Leute mit Studienabschlüssen ohnehin keine Arbeitsstellen hätten – und mich darüber gefreut, dass ich am Montag zu einem ausführlichen Gespräch vorbeikommen darf. Das war doch mal ein Wort, und bis Montag kann ich mich auch sehr gut gedulden.