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Das Phantom des Vergnügens

Eigentlich hatte ich gedacht, ich würde meine Wahlheimat in der Kategorie „Unterwegs in Apulien“ stets loben und preisen, doch ein Ausflug in den Tier- und Vergnügungspark von Fasano hat mich eines Besseren belehrt.

IMG_5566Als Verwandte von einem Ausflug mit ihren Kindern im letzten Jahr begeistert zurückgekommen waren und uns neben Wasserrutschen, Achterbahn und Safarizügen auch von niedlichen Äffchen, Eisbären, Nilpferden und anderen putzigen Tieren erzählen, weckten sie in uns den Wunsch, uns den Park auch einmal von der Nähe anzusehen statt immer nur in Richtung Ostuni daran vorbei zu fahren. Was lag also näher, als darauf zu warten, dass wir – wie Anfang Juni geschehen – lieben Besuch aus Deutschland bekämen und diesem dann die große Vergügungsattraktion Apuliens vorzuführen.

Die Internetseite wirbt mit Fotos von fröhlichen Menschen, bunten Fahrgeschäften und ganz natürlich aussehenden Tieren. Doch noch bevor wir herausfinden konnten, dass diese Fotos von einer anderen Welt stammen müssen, scheiterten wir bereits an der Acquise der richtigen Tickets. Möglicherweise waren wir nur zu dumm, um in Dschungel der Eintrittsgebühren für die drei verschiedenen aber doch irgendwie zusammenhängenden Parks „Zoosafari“, „Fasanolandia“ und „Delfinario“ durchzusehen; im riesigen Eingangsareal des Parks hat uns aber auch niemand dabei geholfen herauszufinden, welches Ticket/ welche Tickets wir denn kaufen müssen, um die Safari zu machen und uns die restlichen Tiere ansehen zu können. Mit der Gewissheit, dass die Informationen von Bekannten, welche die Safari vor Jahren nicht im eigenen Auto (es geht die Mär, dass Affen gern IMG_5548Antennen oder Spiegel von Autos abreißen), sondern in einem offenen Bus gemacht hatten, sich überholt hat, und nach der Erfahrung vom ersten Juniwochenende ist mir nach einem langen und intensivem Studium der Internetseite zwar klarer, was wir hätten machen müssen; das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir uns an diesem Tag schon am Eingang des Vergügungsparks ziemlich unvergnüglich und übers Ohr gehauen vorgekommen waren.

Kaum standen wir mit unserem zu-Fuß-Eintrittsticket für 8 Euro, in dem irgendwelche Museen, Attraktionen wie z.B. das Riesenrad und eine Zirkusshow inbegriffen sein sollten, an einem der Zugänge der „Tiergehege“, die nur mit einer Art Minizug erreichbar waren, mussten wir auch schon wieder umdrehen, da für diese Sachen ein Extraticket verlangt wurde. Ich denke, diese Zugsache ist nur ein cleverer Trick, um auch wirklich sicherzustellen, dass man ausschließlich das sieht, wofür man bezahlt hat, nachdem man erstmal festgestellt hat, dass und wo man dafür bezahlen muss.

IMG_5524Der erste Zug brachte uns dann an Straußen und Störchen vorbei zum „See der Säugetiere“. Vielleicht war es einfach nur Pech, dass der See sich mitten in der Algenblüte befand und so grün war, dass wir die Köpfe der darin herumschwimmenden Tiere erst nach einer ganzen Weile eindeutig nicht Nessi sondern harmlosen Wasserschildkröten zuordnen konnten. Vielleicht sahen der angeknabberte Seelöwe, der sich aus der grünen Plörre auf eine Art Betonwanne gerettet hatte, die zwei Nashörner in ihrem Betongehege ohne Baum und Strauch oder die zwei Nilpferde in ihrer Betonschwimmbadpfütze nur für uns so traurig aus, weil wir den Berliner Zoo oder den Berliner Tierpark so lebhaft vor Augen hatten. Aber der Reiz der ganzen Anlage in Fasano schien mir bereits so verblasst zu sein wie dieIMG_5515 Bemalungen der Betonwände des Nashorngeheges. Ich denke, 30 Jahre nach der Erbauung wäre eine IMG_5511Investition in etwas Naturnaheres dringend angebracht. Wir jedenfalls waren schon nach dieser ersten „Attraktion“ total deprimiert. Nicht einmal das niedliche Eisbärenjunge, das die triste Anlage beim Spiel mit seiner Mutter wirklich aufwertete, konnte uns aus diesem Launetief herausholen.

IMG_5529Die nächste „Attraktion“ überbot das Ganze jedoch noch, denn eingesperrt in einem doppelt vergitterten Wagen wurde man in das Paviangehege gefahren, wo sich die verfressenen Tiere sofort mit schrillem Kreischen und gefletschten Zähnen auf die Wagen stürzten, in denen ebenso schrill kreischende Kinder um uns herum begeistert Erdnüsse aus Eisenröhren nach draußen ins Affengehege gleiten ließen, welche die trainierten Tiere gekonnt auffingen, noch bevor diese auf die Erde fallen konnten. Leicht klaustrophobisch klammerte ich mich an Luigi, kniff die Augen zusammen und rezitierte im Geiste den Beatlessong „I Am the Walrus“, um nicht aus anderen Gründen in das wilde Kreischen um mich herum einzustimmen.

IMG_5541Von dieser Erfahrung wollten wir uns anschließend im „Tropischen Saal mit Schmetterlingsausstellung“ erholen. Wer bei den Tropen an üppige Pflanzen oder erhöhte Luftfeuchte denkt, sollte sich sofort ein großes dunkles Zelt mit denkbar kleinen Terrarien und Aquarien vorstellen. Ich kann nur ahnen, wie wohl sich eine Schlange fühlt, die sich in ihren ganzen Leben nicht einmal ausstrecken kann und zusammengerollt vielleicht vier bis sechs Mal in ihr Terrarium mit Plastikpflanzen passt. Den aufgespießten SchmetterlingenIMG_5537 in ihren Schaukästen dürfte es hingegen egal sein, wenn sie von ihren Nadeln fallen und zerflettert im unteren Schaukastenbereich enden. Ach, ja, ein paar Krokodile lagen auch noch in einer runden Betonwanne herum, in deren Mitte dekorativ einige Steine aufgeschichtet waren. Es gab auch eine riesige Schildkröte, die sich kurz überlegte, ob sie einen IMG_5547Ausflug zu ihrem Betonwasserloch machen sollte, sich dann aber doch dafür entschied, sich unter eine Lampe auf den dürftig mit Sand ausgestreuten grauen Betonboden zu legen. Je öfter ich das Wort „Beton“ in diesem Bericht schreibe, desto mehr kommt die Depression zurück, die mich auch im tropischen Saal wieder überfiel. Also Schluss mit vorsintflutlichen Tiergehegen!

Was konnte diese gruselige Erfahrung schnellstmöglich aus dem Gedächtnis vertreiben? Ein 4D-Kino doch sicherlich. Während sich nun an den tierischen „Attraktionen“ bereits lange Schlangen bildeten, stand am 4D-Kino niemand an. Das hätte uns Warnung sein können, aber wir waren immer noch voll der Hoffnung, dass wir einen vergüglichen Tag erleben würden, und betraten das Kino trotzdem. Zu viert setzten wir uns in einen „Saal“, der bestimmt 50 Personen fassen konnte, und sahen einen 3D-Film von einem Flugzeug, welches auf einem Wüstenplaneten herumflog. Dabei wurde uns mehrmals sehr unangenehm Luft von vorn ins Gesicht gepustet. Damit wussten wir dann, was das vierte D beteuten sollte, und waren auch einigermaßen froh, dass der ganze Spaß nur zehn Minuten dauerte.

IMG_5550Als wir wieder draußen standen, fanden wir, dass wir nun endlich etwas machen sollten, bei dem es eigentlich keine unangenehmen Überraschungen geben könne. Wir erklommen also den Hügel und setzten uns ins Riesenrad. Nach 3 Runden, die insgesamt nicht einmal fünf Minuten dauerten, mussten wir schon wieder aussteigen, obwohl von den ganzen Gondeln vielleicht vier oder fünf besetzt waren. Es gab kein Anhalten in der Höhe, so dass man in Ruhe ein Foto machen können hätte, obwohl man von dort aus über ganz Fasano hin bis zum Meer schauen konnte. Möglicherweise – und hier spekuliere ich nur – lag das daran, dass imIMG_5552 Delfinarium gerade eine Show lief, von der man einen Blick erhaschen können hätte. Festen Willens uns trotzdem noch zu amüsieren – schließlich hatten wir acht „Attraktionen“ bereits mit dem Eintritt in den Park bezahlt und erste zwei genutzt – setzten sich zwei von uns in eine Art Wasserrutsche. Wir wurden wie erwartet nass, aber immerhin verspürten wir dabei einen Anflug von Spaß.

IMG_5564 IMG_5565Mit nassen Hintern machten wir dann einen Trockungsspaziergang entlang des botanischen Lehrpfads. Vermutlich war diesen schon lange niemand mehr gewandert, daher konnte niemandem aufgefallen sein, dass die meisten Infoschilder so verblasst und unleserlich waren, dass die vier neuen Schilder in ihrer Farbigkeit und Schärfe unangenehm von ihnen abstachen. Immerhin trauten wir uns nun, uns in der Einsamkeit der botanischen Lehre einzugestehen, dass wir in Fasanolandia wertvolle Lebenszeit vergeudeten und ungeachtet der bereits bezahlten Vergnüglichkeiten den Park lieber verlassen wollten. Nachdem der Entschluss gefasst war, kehrte sofort unsere natürliche Leichtigkeit zu uns zurück und beschwingten Schrittes kamen wir auf dem Parkplatz an. Möglicherweise erweckten wir vor lauter Erleichterung sogar den Eindruck, dass wir einen schönen Vormittag in der abgewrackten Touristenfalle verbracht hätten. Aber den geneigten Bloglesern ist nun hoffentlich klar, dass dieser Eindruck getrogen hat.