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Der mit dem Wolf spricht – Papst Francesco

Am Mittwoch gegen 19:20 Uhr kam Maria in Luigis Zimmer gesprungen und fragte mit freudestrahlendem Gesicht ganz augeregt, ob wir ES uns auch gerade ansähen. Der neue Papst wäre gewählt worden. JETZT SCHON! Doch da wir der Meinung waren, es müsse nun wirklich nicht in allen vier Fernsehern einer italienischen Wohnung das gleiche Programm zur selben Zeit laufen und den Papst bekämen wir auch noch früh genug zu sehen, blieben wir bei unserem Film. Ohnehin hatten die Papstwähler den Zeitpunkt ihres Spektakels massenwirksam auf die italienische Abendbrotzeit gelegt, so dass wir gezwungenermaßen noch eine ganze Weile mit dem katholischen Freudentaumel beim Essen beschallt wurden.

„Was hat der Papst eigentlich schon mal für dich getan?“, frage ich Maria, die kaum ein Minütchen auf ihrem Stuhl stillsitzen kann. Sie sieht mich verständnislos an, wird jedoch von der Mitteilung, dass nun das Licht im Zimmer hinter dem Papstbalkon angehe, abgelenkt und dreht sich wieder zum Fernseher um. Die Menge auf dem Petersplatz beginnt telegen zu toben wie in einem Fußballstadion. Nahaufnahmen vom Balkon und von Menschen, die wie verrückt in die Kamera winken. Sprechchöre ertönen. Ich schlage Maria vor, den Sitzplatz mit mir zu tauschen, damit sie das Gerät nicht im Rücken hat. Sie lehnt ab, gibt mir jedoch keine Antwort auf meine ketzerische Frage. Offensichtlich gilt immer noch der Spruch: Frage nicht, was dein Papst für dich tun kann, sondern frage, was du für deinen Papst tun kannst.

Da hatte man früher ganz andere Optionen als heute. Was waren das noch für Zeiten, als man schwertschwingend durch das Morgenland reiten und im Namen Gottes und des Heiligen Vaters Türken abschlachten konnte bzw. von diesen abgeschlachtet wurde! Ich lese gerade einen historischen Roman, der zur Zeit der Kreuzzüge spielt. Wenn einem der Papst als solcher da nicht unsympathisch wird, dann weiß ich auch nicht. Aber ich will nicht unfair sein. Die Kreuzzüge liegen schon ein paar Jahre zurück und der Mensch im Kostüm ist inzwischen ein völlig anderer. Doch obwohl der Einfluss des Papstes auf die europäische Großwetterlage nicht mehr so gewaltig ist wie zu der Zeit, als er noch Könige herumkommandieren konnte, sieht an einem Tag wie heute trotzdem die ganze Welt auf einen verräucherten Mummenschanz wie diesen. Der gute Mann und die Seinen können sich immer noch wirkungsvoll in Szene setzen. Bei jedem Wackeln an den päpstlichen Gardinen geht ein Raunen durch die Menge. Wieder pfeift und und johlt es aus dem Fernseher in die Küche hinein. Pasquale verschwindet zurück auf sein Sofa vor den großen Fernseher. Maria nimmt seinen Platz mit der besseren Sicht vom Küchentisch auf den kleinen Küchenfernseher ein.

Als auch Luigi endlich mit dem Essen fertig ist, tritt der Ansager hinaus auf den Balkon und jammert etwas ins Mikrofon. Während ich noch überlege, ob man im Vatikan keine Halsschmerztabletten kennt, hebt der Geräuschepegel der Masse enorm an und mir wird klar, dass das kein Gejammer sein soll. Im Gegenteil, die frohe Botschaft wird eben verkündet: Habemus papam. Wir haben einen Papst? Wohl eher: Habent papam. Sie haben einen Papst. Marias Augen glänzen. Sie sieht richtig erleichtert aus. Pasquale guckt in die Küche und sagt: „Er ist alt. Francesco. Habt ihr’s gehört.“ Er hatte sich einen Papst in den 60ern gewünscht.

Als nun der neue Papst Francesco endlich auf den Balkon tritt und sich gefühlte 10 Minuten feiern lässt wie ein Popstar, bevor er zu reden anhebt, ist auch Maria zufrieden und beginnt, die Teller in den Abwasch zu räumen. Während das Geschirr klappert und ich mir Notizen für diesen Blogbeitrag mache, läuft im Hintergrund die Papstansprache. Ich höre nur mit einem halben Ohr hin, aber Luigi erzählt mir, dass der Papst allen, die seiner Rede im TV, am Radio, im Netz und wo auch sonst gelauscht haben, ihre Sünden vergeben hat. Vermutlich wurde mir nur halb vergeben, aber ehrlich: Francesco ist mir total sympathisch, hab‘ ich doch unlängst in meinem Italienischlehrwerk anhand der rührenden Geschichte vom bösen Wolf, den Francesco d’Assisi, Namenspatron des neuen Papstes, mit pädagogisch wertvollen Worten und einem Kreuzzeichen gezähmt haben soll, die zwei Vergangenheiten Passato Remoto und Passato Prossimo auseinanderzuhalten geübt. Man muss abwarten, ob der neue Francesco ähnlich Wundersames vollbringt. Wölfe gäbe es genug auf dieser Welt; besonders viele im Schafspelz.

Wie auch immer ich denke, diese geübten Zeitformen werden in Bezug auf den neuen Papst auch eine Investition in die sprachliche Zukunft sein, denn er geht schon stramm auf die 80 zu. Ich gebe ihm fünf Jahre, in denen er die typisch krumm gebeugte Papasthaltung annehmen und weiße Haare bekommen wird, und in zehn Jahren hat dann Berlusconi wieder die Chance auf das Amt (oder mindestens eine Menge kostenlose Publicity in diesem Zusammenhang), falls er sich dann nicht gerade erneut mit einem läppischen Augenleiden im Krankenhaus vor einem seiner Prozesse versteckt.

Soweit mein Bericht aus der katholischen Gefahrenzone… Jetzt muss ich doch gleich mal Luigi fragen, ob die Absolution des neuen Papstes nur für vergangene Sünden gilt. In dem Fall sollte ich mir die Ansprache vielleicht sofort noch einmal bei Youtube ansehen.