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Geburtstagsfeier auf dem Land – Tenuta Patrunio Perniola

Wenn Süditaliener feiern, dann tun sie das gern in Massen. Eine durchschnittliche Hochzeit wird zum Beispiel mit mindestens 100 Personen bestritten, sonst gilt sie als armselig. Doch auch runde Geburtstage feiert man gern in Großfamilie. So waren wir im November zum 70. Geburtstag einer Tante eingeladen, welcher stilecht in der kleinen Masseria „Tenuta Patrunio Perniola“ unweit von Gioia del Colle stattfand. Nur so konnte man mal schnell 30 Personen unterbringen und verköstigen. … und nur weil die besagte Tante gesundheitliche Probleme hatte, wurde – fast schon peinlich – lediglich die engste Familie eingeladen.

Wir hatten Glück mit einem warmen, sonnigen Novembersamstag. So konnten wir uns sowohl drinnen als auch draußen aufhalten. Davide genoss eine große Schiffsschaukel, die auf einer Terrasse aufgebaut war. Aber noch mehr interessierten ihn die vielen Katzen, die sich faul in der Sonne räkelten. Leider ergriffen sie mehrheitlich die Flucht, wenn er sich ihnen näherte.

Auch über herumliegende Katzen hinaus haben sich die Eigentümer große Mühe gegeben ein ländliches Ambiente zu erhalten, es aber für ihr Restaurant einladend zu gestalten. Alte Ackergeräte säumten die Auffahrt. Riesige Keramik-Weinamphoren schufen mittelalterliche Atmosphäre. Antike Fässer dienten als Blumenständer und ein alter Mühlstein war mit Herbstastern bepflanzt. Auch einen romantischen Pavillon gab es, umringt von bunten Herbstblumen, und an einem gigantischen Felsbrocken rankte eine Bougainvillea. Wir fühlten uns dort sehr wohl.

Der Apulienfan erkennt sogleich die Keramik aus Grottaglie auf dem Kaminsims.

Im Haus selbst waren zwei große Säle zugänglich. Auch hier war alles liebevoll dekoriert. In Nischen, in welchen dereinst auf Regalbrettern allerlei Gefäße aufbewahrt wurden, fanden sich jetzt Einrichtungsgegenstände, sowie Haushalts- und Küchengeräte. Davide interessierte sich besonders für die Sammlung alter, schwerer Bügeleisen. Auf den Simsen zweier enormer Kamine war typisch apulische Keramik zu finden. Man konnte sich auch über die hier produzierten Weine, eingelegtes Gemüse und selbstgemachte Pasta informieren und diese Produkte natürlich auch käuflich erwerben. Selbstverständlich standen diese auch später auf dem Esstisch.

Das Essen dauerte denn auch von 13 bis 17 Uhr. In diesen vier Stunden aßen wir diverse Antipasti, zwei einfache Hauptgerichte (ein Risotto und dann Pasta mit Pilzen), einen Berg gegrillte Wurst und Fleisch und natürlich gab es zum Schluss Obst sowie eine leckere Geburtstagstorte. Dazu flossen nicht nur Wasser und Wein, sondern auch alte Familiengeschichten in Strömen. Ihr könnt euch vorstellen, dass wir solchermaßen genudelt an diesem Tag nichts weiter brauchten als das heimische Sofa und ein wenig Ruhe.

Wie wunderbar, ein so schönes Erlebnis an einem so tollen Ort mit so vielen Leuten zu teilen. Wir werden diesen Samstag bestimmt nicht vergessen und können die „Tenuta Patrunio Perniola“ nur weiterempfehlen. (Ganz großes Plus: eine rollstuhlgerechte Toilette. Das findet man nicht überall.)

 

Monte Sannace – Mehr als nur ein Hügel

monte sannace

Blick über die untere Stadt

Bei unserem Besuch des Kastells von Gioia del Colle hatten wir uns fest vorgenommen, uns bald das zum Museum gehörige Ausgrabungsgebiet anzusehen, von dem die meisten Fundstücke in der ständigen Ausstellung im Schloss stammen. Der „Archäologische Park Monte Sannace“ liegt nämlich nur 5 Kilometer vor den Toren Gioias und damit auch nur ca. 20 Autominuten von Bari entfernt an der Schnellstraße in Richtung Taranto. Merkwürdigerweise mussten drei Jahre vergehen, bis wir uns am letzten Montag tatsächlich aufmachten, um mal wieder in Apuliens Historie einzutauchen.

Tief einzutauchen, wie die Funde aus dem Park uns bereits im Kastell gezeigt hatten, bis ins 10. Jahrhundert vor Christus nämlich. Der Großraum Bari war damals von den Peuketiern besiedelt, die fürderhin maßgeblich von den Griechen beeinflusst wurden, welche über ihren Anlaufpunkt Taranto wichtige Handelsbeziehungen nach Peuketien unterhielten. Neben dem heutigen Ruvo war Sannace Zentrum dieser Kultur.

Die Ausgrabungsstätte musste auch für technisches Gerät zugänglich gemacht werden. Steine für Mauern und Wege gab es genug.

Monte Sannace Überblick

Im Park vermitteln Infotafeln Wissenswertes zur Örtlichkeit und den Ausgrabungen

Die Peuketier hatten den Ort ihrer Siedlung strategisch klug gewählt: Vom fast 400 m über dem Meeresspiegel liegenden Gipfel des Hügels aus hat man eine kilometerweite Sicht ins Umland. Eine hochgelegene Ebene umgeben von schroffen, steilen Hängen bot gleichzeitig die Möglichkeit zur landwirtschaftlichen Versorgung und leichten Verteidigung. Ein Karsttal weist darauf hin, dass es dereinst auch einen kleinen Fluss gegeben haben muss, der wahrscheinlich sogar schiffbar war. Die Vegetation zeigt noch heute eine gesunde Vielfalt von Bäumen wie Eichen und Steineichen mit dichtem Unterwuchs, wo man gerade nicht gräbt und wachsen lässt. Bildtafeln machen an dieser Stelle die botanisch weniger bewanderten Besucher wie uns auf besondere Pflanzen und Bäume aufmerksam.

 

Dass es auf dem Monte Sannace schon einmal sehr lebendig zuging, wussten die apulischen Bauern, welche die verschüttete Siedlung als Ackerland nutzten, schon seit dem 17. Jahrhundert, weil sie beim Beackern des Bodens immer wieder zufällig über historische Funde stolperten. Erst 1929 begannen ernsthafte Grabungen, die schnell einige Gräber und Teile der Mauer um die untere Stadt zum Vorschein brachten.

Infotafel zur Neuorganisation der Straßen in der hellenistischen Zeit

In mehreren Wellen erfolgten daraufhin Grabungen. 1977 machte man das Gebiet den Besuchern zugänglich und ab den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts erfolgten Rekonstruktionsarbeiten, so dass man sich sowohl die untere als auch die obere Stadt wieder relativ gut vorstellen kann. Inzwischen weiß man, dass auf dem Monte Sannace schon seit dem Neolitikum gesiedelt wurde, die Blütezeit vermutlich von der Mitte des 3. bis zur 4. Jahrhundert vor Christus lag und sich die Städte bis in die hellenistischen Zeit im ersten Jahrhundert nach Christus hinein halten konnten. Unter den Römern verlor das Gebiet an Bedeutung, da es von deren südlichen Handelsruten der Via Appia und der Via Traiana abgeschnitten war. Eine kleine Kirche aus dem Mittelalter im Gebiet der oberen Stadt wurde schnell wieder aufgegeben, sodass der Ort der Bedeutungslosigkeit anheimfiel, welche in weiten Teilen des italienischen Südens bis ins 20. Jahrhundert andauerte.

Hier wurde gerade ein weiteres Grab außerhalb der Stadtmauern entdeckt

Gegen diese Bedeutungslosigkeit arbeiten die Archäologen heute wieder. Im Moment leider nur die Praktikanten der Uni von Bari, die gelegentlich in der oberen Stadt (Akropolis) graben. Am kleinen Parkplatz befindet sich ein Besucherzentrum, welches seine Bezeichnung nur deshalb verdient, weil ein netter Kustode einem das Tor öffnet, wenn man klingelt. Bei unserem Besuch am Sonntag zeigte dieser sich leicht zerknirscht und entschuldigte sich dafür, dass man die Eintrittskarte im Kastell von Gioia kaufen müsse, welches aber an diesem Tag zufällig geschlossen habe. Mal davon abgesehen, dass eine 5 km weit entfernter Ticketschalter bei zeitgleicher Anwesenheit eines Geländeaufsehers etwas eigenwillig erscheint, hatten wir Glück: Der freundliche Herr ließ uns für lau hinein, gab uns einen Lageplan und ein Basecap für Davide und wies uns grob die Richtung.

So stiefelten wir also über sonnenverbranntes Gras durch Jahrtausende alte Grundmauernreste, setzten uns zur Probe in steinerne Sarkophage, beobachteten Davide dabei, wie er euphorisch jede zweite Ameise begrüßte, die uns buchstäblich über den Weg rannte, und stellten wieder einmal fest, dass der Besuch einer solchen Stätte eigentlich die Anwesenheit eines kundigen Führers verlangte, der es schaffte, diesen Ort vor dem geistigen Auge lebendig werden zu lassen. Die zugegeben recht zahlreichen Schau- und Informationstafeln gaben immerhin eine Idee vom großen Ganzen.

Gräber am Rande der oberen Stadt

Natürlich könnte man auch sagen, alte Mauern habe man schon besser in Pompeji gesehen. Doch leider hatten nicht alle antiken Stätten das zweifelhafte Glück in einer Katastrophe für die Nachwelt konserviert zu werden. Die apulischen Grabungsgebiete, zu denen auch Egnazia bei Fasano gehört, erfordern mehr Fantasie und vielleicht auch ungleich mehr Wissen um ihre Bedeutung. Trotzdem sind sie es Wert, gesehen zu werden. Wenn man ab und zu sieht, wie klein der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes angefangen hat und sich dann in seiner vergleichsweise riesigen Heimatstadt umsieht, dann muss man sich eingestehen, dass wir es wenigstens in Körpergröße und als Bauherren doch weit gebracht haben. Der Rest… naja…

Hinfahren! Ansehen!

Stadtmauer der unteren Stadt mit Treppe

Parco Archeologico di Monte Sannace, Strada Provinciale 61, Gioia del Colle – Turi km 4,5
geöffnet von Mittwoch bis Sonntag von 8:30 – 15 Uhr
Eintritt 2,50 Euro zu zahlen an der Kasse des Kastells von Gioia (Kastell + Park 4 Euro)
Info-Telefon: 080 348 3052 und 080 349 1780

Mhmmm… Mozzarella und wie man sie herstellt

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Orazios glückliches Vieh im Sommer auf der Weide; auch ein Grund für den besonders guten Geschmack seines Käses.

Italien ohne Mozzarella wäre nicht auszudenken. Dieser weiche Gaumenschmeichler, der einem Brötchen, einem Salat oder auch einer Pizza erst den richtigen Schliff verleiht und sich auf den meisten Antipastitellern wiederfindet, gehört auch zu meinen Lieblingskäsen. Da trifft es sich gut, dass wir einen Käseladen, Caesificio genannt, in nur 50 Metern Laufweite haben. Noch besser trifft es sich jedoch, dass der Vater eines Freundes eines angeheirateten Cousins (Alles klar?) wochentags in einer Mozzarellafabrik in Gioia del Colle, unserer regionalen Mozzarellahochburg, arbeitet. Orazio heißt der Mann und er kann es nicht lassen, auch am Wochenende in heißen Wasser herumzurühren, um auf seinem Bauernhof leckere Mozzarella, sowie Ricotta und Scamorza herzustellen.

Zum Glück ist der besagte Bauernhof eine gute halbe Stunde von uns entfernt und ohne den uns führenden Cousin würde ich mich in dem Gewirr enger Straßen zwischen halbhohen Mäuerchen im Hinterland von Gioia mit Sicherheit komplett verirren. Das hält mich davon ab, jedes Wochenende hinauszufahren. Sonst wäre ich bestimmt schon doppelt so rund, denn Mozzarella hat einen sehr hohen Fettgehalt.

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Der Quark muss gebrüht, geknetet und gefaltet werden, damit Mozzarella aus ihm wird.

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Orazio demonstriert seine Flechtkunst an einem Mozzarellastrang

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Ein letzter Knoten und fertig!

Allerdings hat Orazio nichts dagegen, wenn man ihn mit Fragen löchert, während er einen Strang aus einem Käseklumpen zieht, ihn – ohne hinzusehen! – flicht, einen Knoten macht und den kurzen Zopf abreißt. Schon klatscht der Mozzarellazopf mit einem „Plitsch!“ in eine bereitgestellte Schüssel mit Lake, aus der die Mozzarella dann auch verkauft wird. Dieses Abreißen der einzelnen Stücke in der gewünschten Größe gab dem Käse seinen Namen, denn dieser Arbeitsgang wird „mozzatura“ genannt, wie mir Orazio erzählt. Die Formen können vielfältig sein. Es gibt Mozarella in Zopfform, wie bei Orazio, aber auch als Knötchen (nodini) oder klein und rund wie Kirschen (ciliegine).

Diese Quarkblöcke müssen noch gebrüht und zu Mozzarella verfestigt werden.

Diese Quarkblöcke müssen noch gebrüht und zu Mozzarella verfestigt werden.

Während über Orazios riesiger Schüssel mit heißem Wasser der Dampf aufsteigt, fällt mein Blick auf eine gelbliche Masse, die in Blöcken auf einer Arbeitsfläche liegt. Ich möchte wissen, was das ist. „Das ist cagliata (Quark). Den habe ich gestern mit Lab, Zitronensäure und Salz gemacht und heute wird Mozzarella daraus.“, erklärt Orazio, immer wieder seinen Klumpen knetend und faltend. Dadurch erhält die Masse ihre gewünschte Trockenheit. Es sei also gar nicht schwer, Mozzarella herzustellen, schmunzelt er. Aber ich glaube, er untertreibt ein bisschen. Schließlich ist er ein Käser mit über 30 Jahren Berufserfahrung. Nach so viel Praxis würde ich es vielleicht auch leicht finden.

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Hier wurde Scamorza zum Trocknen aufgehängt. Wie Mozzarella ist das ein Brühkäse, jedoch etwas kompakter und typisch für die Region um Bari.

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Ricotta – süß und cremig

Im Moment ist es jedoch wesentlich einfacher, sich eine Tüte mit dem angenehm salzigen Käse, der bei Orazio ein wenig fester ist als bei uns im Käseladen, vollpacken zu lassen. Einen Zopf bekomme ich als neugierige Deutsche gleich auf die Hand. Und weil der Käse bei Orazio besonders lecker ist, nehmen wir auch noch eine Schale Ricotta und zwei Scamorza mit.

Zum Abschied winken wir Orazio noch einmal durch ein kleines Fenster in seiner Käseküche zu. Doch er bemerkt uns nicht, denn er plaudert schon mit dem nächsten Kunden. Am Sonntagmorgen gibt sich bei ihm die nähere und fernere Umgebung regelmäßig die Klinke in die Hand. Ich kann gut verstehen, warum.

Kaisertüren

IMGP0387Auf dem Rückweg zum Auto nach unserem Schlossbesuch in Gioia delIMGP0389 Colle wurden wir von einer großflächigen Bemalung angezogen. Von einer zugemauerten und verputzten Tür an einer sonst bröckeligen Wand prangte ein mittelalterlich anmutender Ritter. Doch sogleich zog es uns weiter, der Spur von aufgemalten Hunden folgend zu einer nächsten bunten Tür. Bei der Dritten glaubten wir dann nicht mehr an Zufall oder besonders kreativ veranlagte Altstadtbewohner und lasen uns das neben der jungen Frau angebrachte Schild durch. Demnach handelte es sich um ein Kunstprojekt und eine Darstellung Bianca Lancias.

Viel mehr war der Beschriftung allerdings nicht zu entnehmen, doch eine InternetrechercheBianca Lancia brachte hinterher ans Licht, dass sich im Sommer 2012 mehrere Künstler unter Führung eines Mario Pugliese von der Atmosphäre des Stauferkastells anstecken und zum Projekt „Die Kaisertüren“ („Le Porte dell’Imperatore“) hinreißen ließen. 15 Türen typischer Altstadthäuser Gioias wurden also mit Pinsel und Farbe verschönert und lassen bis heute Touristen vom gradlinigen Weg zwischen Kastell und Auto abkommen. Uns hat’s gefallen.

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Bezaubernde Illusion

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Geheimnisvoller Innhof ohne Bemalung

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Friedrich II. auf seinem Thron

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Bianca, pack deine Brüste ein!

Innenhof

Innenhof – Stauferkastell von Gioia del Colle

Historiker und Stauferfans finden in Apulien reichlich Gelegenheit ihr Steckenpferd zu reiten. Ich hab‘ mal eine Karte im Kastell von Trani fotografiert, in der alle geöffneten, geschlossenen und auf Anfrage zu besichtigenden Burgen eingezeichnet sind. Da wird deutlich, dass Apulien sehr viel mehr zu bieten hat, als „nur“ das berühmte Castel delPentax Digital Camera Monte oder das Castello Svevo von Bari – zum Beispiel auch ein Kastell in Gioia del Colle, etwa 20 Autominuten südlich von Bari auf halbem Weg nach Taranto.

Torbogen

Torbogen – Innenansicht

Die hohen Mauern wirken nicht gerade einladend, aber das war wohl auch der Sinn bei einem Verteidigungsbau. Der Aushang auf dem steht, dass an jedem ersten Sonntag im Monat der Eintritt in das Museum gratis ist, hätte uns jedoch auch hinein gelockt, wenn wir nicht extra deswegen nach Gioia gefahren wären (sonst 5 Euro, ermäßigt 3). Wir passieren ein kleines Tor und schon stehen wir in einem rechteckigen Innenhof, den ich bereits von anderen Stauferkastellen gewöhnt bin. Wo sind die voluminösen Ecktürme? Ja, richtig, zwei vonKamin in Thronsaal ursprünglich vier Türmen stehen noch. Das Schloss macht einen gut erhaltenen Eindruck. Es gibt eine große Freitreppe, im Obergeschoss in jedem größerem Raume einen Kamin… und natürlich müssen wir uns auf den Thron setzen, um ein bisschen Quatsch zu machen. Irgendwie werde ich in Schlössern immer zum Kind. Da macht es auch gar nichts aus, dass wir hinterher lernen, dass die tolle Freitreppe aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts stammt und die Ausstattung des Thronsaals mit allen Sitzgelegenheiten und den Kaminen eher „historisch nachempfunden“ wurde. Nach dem völlig leeren Castel del Monte und dem ebenso nackte Wänden des Kastells von Trani wirkt das aufgehübtschte Mittelalter in Gioia geradezu heimelig.

noch mehr HofNatürlich gibt es auch – wie zu jedem ordentlichen historischen Gebäude – eine blutige Geschichte. Die erfahren wir im Südost-Turm, dem sogenannten Kaiserinnenturm: Hier befanden sich dereinst die Gemächer von Bianca Lancia, einer Geliebten Friedrichs II., die ihm den gemeinsamen Sohn Manfred gebar. Auf Befehl des eifersüchtigen Friedrichs soll die schwangere Bianca im Kaiserinnenturm eingekerkert worden sein, da er sie einer Beziehung mit ihrem Pagen verdächtigte.

Nach der Geburt Manfreds, stellte sich jedoch heraus, dass er dasselbe Mal wie Friedrich II. aufMiez Miez der linken Schulter trug. Statt nun triumphierend zu lachen und sich eine üppige Wiedergutmachung zu erschmollen, schnitt Bianca sich beide Brüste ab und ließ diese gemeinsam mit ihrem Kind zum Stauferkaiser bringen. Klar, dass sie diese Selbstverstümmelung nicht überleben konnte und der Legende nach in dem Turm gestorben sein soll. Wenn ihr mich fragt, hat sich ein Mann diese Geschichte ausgedacht; vermutlich einer mit einem gestörten Verhältnis zu Frauen und/ oder Brüsten. Es ist mir auch nicht ganz klar, wie Frau Lancia sich derart verletzt noch mit Friedrich vermälen konnte, um Manfred zu legitimieren, aber man muss ja auch nicht alles verstehen. Manchmal reicht es schon, wenn nur genug Blut spritzt.

Pentax Digital Camera

Ausgrabungsfunde

Von dieser erschütternden Geschichte kann man sich dann auf dem Rundgang durch eine kleine, aber feine Ausstellung mit Ausgrabungsfunden, die aus dem 6. bis 3. Jahrhundert. v. Chr. stammen, erholen. Wer das dazugehörige Ausgrabungsgebiet „Monte Sannace“ unweit von Gioia del Colle besuchen möchte, sollte an der Kasse des Kastells auch gleich Karten erwerben. Sonntagvormittags finden Führungen statt. Das machen wir sicher einmal an einem anderen Sonntag.