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Suchen und Finden

Mein neuer Freund – das Schleifgerät

In unserem Traumwohnungspalazzo ist es ruhig. Sehr ruhig. Zu ruhig. Man könnte fast glauben, dass wir in einem Sanatorium lebten, wenn nicht die Nachbarskinder unter uns an Wochenenden gelegentlich auf Töpfen und Plasteeimern Trommelkonzerte spielten, bis den sehr leidensfähigen Eltern der Kragen platzt und die Künstler niedergebrüllt werden. Darüber hinaus wird die Sanatoriumsruhe nur von einer einzigen anderen Person gestört und die bin ich, denn ich habe eine große Schwäche für Altes und Gebrauchtes. DerIMG_20140408_140910 sogenannte „shabby chic“ wurde vermutlich nur für mich erfunden. Da jedoch Altes und Gebrauchtes häufig eher„shabby“ (auf gut Deusch: schäbig) als schick ist, muss es oftmals einer Überarbeitung unterzogen werden. Deshalb habe ich meinen letztjährigen Gefährten, den schweigsamen Spachtel, inzwischen gegen ein handliches, aber lautes Schleifgerät eingetauscht, mit dem ich bei gutem Wetter und mäßigem Wind auf der Terrasse Krach mache, um hinterher den Pinsel zu schwingen.

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir

Es ist ein sehr glücklicher Umstand, dass man meiner Generation in der Schule neben der herkömmlichen intellektuellen Ausbildung auch nützliche Dinge fürs Leben beigebracht hat. Diese wiederum beschränken sich nicht nur auf das Sockenstopfen oder die Grundzüge des Nähens, sondern wir lernten ebenfalls, dass man Holz immer mit der Faserrichtung schleift, wie man sägt, bohrt, hämmert, feilt, biegt, abkantet und schraubt oder wie man sich die Hände gründlich im Schulgarten schmutzig macht. Frau lernt so etwas heute entweder gar nicht mehr oder muss sich dieses Wissen im Erwachsenenalter mühsam selbst erarbeiten, indem sie hippe DIY-Ratgeber von Frauen in rosafarbenen Overalls liest oder notfalls Kurse im Baumarkt bucht.

Dabei kann handwerkliches Arbeiten fast meditativ wirken. Beim Abschleifen geerbter, dunkelbrauner Holzstühle kann man beispielsweise wunderbar darüber nachdenken, wer wohl schon alles darauf gesessen haben mag, was man als nächstes mit den lieben Lernenden im Deutschkurs machen könnte, warum die Nachbarin schon wieder Wäsche auf der Leine zu hägen hat (das wird vermutlich zu meinem Trauma) oder was ich eigentlich noch gut gebrauchen und am besten am Straßenrand aufsammeln könnte. Denn das ist eine andere, große Schwäche von mir: Ich bin nicht nur Krachmacher. Ich bin auch ein Finder.

Vom Suchen und Finden

IMG_20140413_130009Nachdem mir bei den temporären Gärten im letzten Jahr in Bari die Kombination von roten Blüten und grünen Weinballons so gut gefallen hat, wollte ich unbedingt solche bauchigen Flaschen. Eines Tages standen doch glatt drei kleine Versionen dieser Weinballons an einem Glascontainer in der Nähe unserer Wohnung. Ich rettete sie vor der Vernichtung und stellte sie auf die Terrasse neben rot blühende Geranien. Ich bin mir fast sicher, dass ich irgendwann noch ein größeres Exemplar finden werde.

IMG_20140408_141300Als ich eines Tages nach Marktschluss in der Nähe der Marktstraße parkte, weil ich relativ  zeitig nach dem Mittagessen eine Stunde geben sollte, glaubte ich meinen Augen kaum zu trauen, als ich an unzähligen, zu einem riesigen Berg aufgetürmten Obst- undIMG_20140408_140813 Gemüsestiegen vorbeifuhr. Die Reinigungskolonne war noch nicht mit dem Aufräumen fertig. Und damit begann meine Gemüsekistenmanie. Mit dem Schleifgerät von splitternden Kanten befreit und mit ein bisschen Farbe lasiert, fungieren sie bereits als Aufbewahrungskisten für Katzenfutter, sowie als Blumentöpfe und Blumenständer. Wer weiß, was mir noch so alles für sie einfällt. Erst vorgestern habe ich wieder zwei an mich gebracht.

IMG_20140408_140659Eine weiterer, bisher noch weit unterschätzter Wegwerfartikel in Italien sind Paletten, also die ausladenden Holzkonstruktion, auf denen Waren in Geschäften angeliefert werden. Offensichtlich hat sich hier noch keine Norm durchgesetzt, denn es gibt sie in mehr oder weniger stabilen Ausführungen und verschiedenen Größen. Sie sind toll als Blumenkübeluntersetzer z.B. für unsere Bäume auf der Terrasse, wenn man unten noch vier Rollen dranschraubt. Man kann aber auch einfach darauf sitzen und ein Buch lesen oder aus ihrem Holz andere Dinge zusammenbauen. Aktuell habe ich die Idee für eine Truhe, in der ich die Mülltrennungsmülleimer stellen kann, damit sie uns der gelegentlich heftige Wind nicht über die Terrasse verteilt, im Hinterkopf. Dafür muss ich allerdings noch einige Paletten sammeln und mir eine Säge anschaffen – elektrisch natürlich, damit die Nachbarn auch etwas von meiner Bautätigkeit haben.

Palettentrendsetting im Kostümchen

IMG_7077Vor ein paar Wochen sah ich ein besonders schönes Palettenexemplar, das nur halb so groß wie ein normales war, neben einem Müllcontainer vor einem Spielzeuggeschäft im Zentrum von Bari stehen. (Man sieht es auf dem Foto unter den Töpfen hervorlugen.) Ich war auf dem Weg zum Auto, das ich weit entfernt dort parke, wo man keine Parkgebühr von zwei Euro pro Stunde bezahlen muss. Nur kurz wägte ich ab, ob sich das Tragen einer Palette mit einem schwarzen Lehrerinnenkostüm und Pumps vereinbaren ließ. Ihr wisst ja: „bella figura“ und so… . Dann beschloss ich, dass das Tragen von Paletten unbedingt Trend werden sollte, schnappte mir das Teil und hängte es mir lässig in die Armbeuge. Ich gebe zu, es verlangte einiges an Willenskraft so auszusehen, als ob das Holzmonstrum nur so viel wie eine Handtasche wiegen würde, aber hell nussbaumfarben angestrichen, gefällt sie mir gut unter dem Zitronenbäumchen. Dafür hat sich die halbe Stunde schweißtreibendes Trendsetting gelohnt. Bisher habe ich jedoch noch niemanden gesehen, der diese Mode aufgegriffen hätte. Daran muss ich also noch ein bisschen arbeiten.

IMG_20140408_140952Ein ähnliches Spektakel habe ich jedoch mit einem geflochtenen Korb von enormer Größe kurz darauf wiederholt, der jetzt als Behälter für abgestorbene Pflanzenteile und zusammengefegtem Schmutz auf der Terrasse dient. Ich hab’s ja oben schon einmal geschrieben: Ich bin ein Finder und das Finden lohnt sich. Deshalb tun mir meine Nachbarn gelegentlich ein bisschen leid, wenn ich mit meinem besten Freund auf der Terrasse herumrumore. Wenn sie mich irgendwann auf den Lärm ansprechen sollten, werde ich ihnen tröstend versichern, dass sie nur noch zwei Gemüsekisten, fünf Stühle, eine Truhe und wenige Paletten von der ewigen Ruhe entfernt sind – es sei denn, ich finde noch weitere nützliche Dinge am Straßenrand. Das kann man nicht ausschließen.

***

Euch, meinen lieben Lesenden, wünsche ich, dass ihr im Leben auch immer genau das finden mögt, was ihr sucht – und zwar nicht nur zu Ostern und natürlich nicht nur auf Materielles bezogen.

In diesem Sinne frohe Feiertage und viel Spaß beim Suchen!

Eure Corinna

Wenn der Ordnungshüter zweimal klingelt (Teil 2)

(Teile 1 hier)

Nachdem der Mechaniker die Überreste von sechs Vogelnestern nebst überschüssigem Nistmaterial, kaum noch als solche erkennbaren Jungvogelleichen nebst einigen Pfund anderer Hinterlassenschaften aus dem seit vermutlich vier Jahren ungeöffneten Blechhängeschrank, in dem sich die Gastherme befand, gekratzt und eine Stunde mit diversen Prüfungen verbracht hatte, meinte er, dass „im Prinzip alles“ funktioniere – bis auf die Zündung. Nun ist meine Kenntnis in Physik nicht sehr ausgeprägt, aber auch mir war klar, dass es ohne Zündung kein Feuer und auch kein warmes Wasser geben würde.

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Wenn der Ordnungshüter zweimal klingelt (Teil 1)

Nachdem wir unlängst auf der Rechnung unseres Stromanbieters eine Gebühr von vierzig Euro wegen des Nutzens unserer Wohnung als Zweitwohnung vorgefunden hatten, waren wir nicht nur überrascht und leicht erschrocken, sondern gelangten schlagartig zu der Überzeugung, dass wir unseren Wohnsitz endlich in unsere Traumwohnung ummelden mussten. Wir hatten gehört, dass, während es in Deutschland  höchstens die GEZ interessiert, wenn man umzieht, in Italien nach der Antragstellung der Ummeldung im Rathaus innerhalb von 45 Tagen  durch die Gemeindepolizei überprüft wird, ob die Wohnung, in der man sich angemeldet hat, auch von einem bewohnt wird bzw. überhaupt bewohnbar ist. Doch Luigi und seine Freunde hielten das für eine Legende und wir kümmerten uns nicht weiter darum.

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Mission Traumwohnung 11 – Vorübergehend ausgehämmert

„So geht das aber nicht“, sagte der freundliche Beamte beim Bauamt zu unserer Architektin, als diese die Unterlagen für die Renovierungsgenehmigung einreichen wollte. „Dieses kleine Bad sieht mir ganz nach einem ungenehmigten, nachträglichen Anbau aus.“ … Mit diesem Satz war der Renovierungsbeginn kurz nach Ostern abgesagt. Nach nur zwei Tagen Arbeit packten die Fensterbauer ihr Handwerkszeug wieder ein und zogen ab. Nicola und seine Maurer hatten ohne Genehmigung gar nicht erst angefangen. Verständlich, dass niemand riskieren wollten, mehrere Tausend Euro Strafe zu bezahlen, da wir das Amtsschreiben nun doch nicht in ein/zwei Tagen bekommen würden. Verständlich vielleicht auch, dass ich, nachdem Luigi versucht hatte, mir das ganze schonend beizubringen, zwischen einem Schreianfall und einem Heulkrampf schwankte.

„Das kann doch nicht sein“, brachte ich dann irgendwann doch ein paar Worte hinaus und blätterte hektisch in unserem großen Traumwohnunghefter, um den Wohnungsplan zu finden, den wir beim Kauf erhalten hatten. „Bitte.“, sagte ich zu Luigi und wies auf die Zeichnung, „Hier ist das Bad doch ganz deutlich eingezeichnet und es steht sogar ‚WC‘ dran.“ „Ich kann mir das auch nicht vorstellen“, pflichtete er mir bei. „Noch dazu sind die Fliesen gleich, die Fenster, die Türen – alles wie in der restlichen Wohnung.“ Die Architektin, die am Nachmittag vorbei kam, um einen Blick auf unseren Plan zu werfen, da sie sich hinsichtlich eines Termin für die Einsicht in die Unterlagen beim Bauamt gedulden sollte, war sich trotzdem nicht sicher, ob sie diesem Plan trauen konnte. Er war auf einen Tag im Jahr 1983 datiert. Wenn das Haus eher gebaut sein sollte, könnte es sich trotzdem noch um einen angebauten Raum handeln, der nicht vom Amt genehmigt worden war. Würde sie jetzt den Antrag für die Renovierungsgenehmigung unterschreiben und sich hinterher herausstellen, dass ihre Angaben falsch gewesen seien, müsste sie die Verantwortung dafür tragen. Darauf hatte sie natürlich keine Lust. Auch verständlich.

Also war wieder einmal die berühmte Italienische „pazienzia“ angesagt; diese verlixte Ergebenheit, in die Dinge, die man nicht ändern kann, und das Warten darauf, dass irgendjemand, den man immer freundlich anlächeln muss, obwohl man ihm am liebsten in den Allerwertesten treten möchte, sich bequemt oder gar in die Lage versetzt wird, einen Handschlag für unsere Sache zu tun.

Drei Wochen nach Ostern stellte sich schließlich heraus, dass wir den Originalplan besaßen, dass unser Badezimmer kein Schwarzbau war und daher auch nicht abgerissen werden musste und, dass Nicola mit dem Abschlagen der alten Fliesen beginnen konnte. Wie üblich war dieser jedoch verschollen; dieses Mal auf einem Lehrgang in Mailand. Nach einer Woche Telefonterrors hatten wir ihn jedoch so weit, dass er unsere Nachrichten auf seiner Mailbox und die SMS nicht länger ignorieren konnte und uns anrief: Zufällig hatten seine Mannen die Arbeiten auf einer anderen Baustelle gerade beendet und zwei von ihnen konnten in unserer Wohnung mit dem Abriss anzufangen – aber nicht am Montag, dem 29. Das lohne sich nicht, denn der erste Mai sei schließlich ein Feiertag, an dem ohnehin nicht gearbeitet werden würde. Also vor Donnerstag nicht, doch er rufe noch einmal an deswegen. Das tat er dann auch – am Freitag nach dem besagten Donnerstag, um sich mit uns und seinen Angestellten am Samstag in unserer Wohnung zu treffen und ihnen zu zeigen, wo sie mit der Arbeit beginnen sollten.

Seit gestern wird nun tatsächlich offziell, d. h. mit Genehmigung und ohne weitere Verdächtigungen wieder in unserer Wohnung gehämmert. Die ersten Fliesen sind gefallen. Das erste Waschbecken liegt zerscherbt in einer Art riesigem Plastikeimer, von denen inzwischen mehrere mit Bauschutt gefüllte in unserem zukünftigen Esszimmer stehen. Doch wir wären nicht in Italien, wenn es nicht trotzdem einen Haken an der Sache gäbe: Um die Nerven der Nachbarn zu schonen, hämmern sie nur vormittags, und morgen machen sie erstmal einen Tag Pause wegen San Nicola, dem Schutzheiligen von Bari. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Mission Traumwohnung 10 – Hör mal, wo es hämmert!

Natürlich ist über Ostern kein Wunder in Sachen Traumwohnung geschehen. Als religionsferne Spottdrossel waren meine Erwartungen dahingehend jedoch ohnehin gering. Sie sanken sogar noch, als wir am Dienstag nach Ostern im verschneiten Ostbrandenburg einen Anruf von Pasquale bekamen, der uns erklärte, dass wir ganz schnell Kopien unserer Ausweise an die Architektin mailen sollten, da sie – Ups! – vergessen hatte, dass diese bei der Beantragung der Baumaßnahmen mit eingereicht werden müssen.

Doch mit Hilfe der modernen Technik konnte auch unsere verrückte Architektin den Lauf der Dinge nicht länger aufhalten. Noch am selben Abend waren die Scans per Email in Bari. Die Papiere fanden ihren Weg zum Amt und in der Woche seit unserer Rückkehr aus dem Winterurlaub in Deutschland haben sich wunderbare Dinge ereignet.

Sie begannen damit, dass Luigi mich am Donnerstag exakt in dem Moment anrief, als ich gerade mit triefnassen Haaren unter der Dusche hervorgekommen war, und sagte: „Du hast 15 Minuten Zeit, um unsere Wohnung aufzuschließen. Lorenzo kommt, um die Holzfenster auszubauen.“ Wir erinnern uns: Unsere Traumwohnung ist in den 80er Jahren entstanden. Damals hatte man in der Innenwand der Wohnung Holzfester eingebaut, deren Fensterbretter nach außen zeigten. Eine unbekannte Anzahl von Jahren später waren diese Holzfenster nicht nur niemals gestrichen und daher verwittert sondern auch verzogen und damit undicht geworden. Daher hatte man von außen einfach inzwischen teilweise rostige mit Plastik beschichtete andere Fenster eingebaut und die Holzfenster gelassen, wo sie waren. Nun wollten die Fensterbauer im ersten Schritt die inneren Fenster ausbauen und entsorgen, bevor sie demnächst auch die anderen Fenster aus- und die neuen einbauen werden.

finestraMit dem Anziehen, einem notdürftigen Föhnen meiner langen Haare, die ich in genau solchen Momenten gern gegen meine raspelkurze Igelfrisur von vor 10 Jahren eintauschen würde, und einem Sprint in Richtung Traumwohnung war ich genau zwei Minuten vor IMG_20130412_131216den Fensterbauern vor Ort. Welche Musik war das Klopfen von Hammer und Meißel in meinen Ohren! Es hätte mich nicht einmal gestört, wenn ein paar Fensterscheiben zu Bruch gegangen wären und ordentlich geklirrt hätten. Doch die Jungs arbeiteten sauber und schwangen hinterher sogar den struppigen Besen, der noch von unseren Vorgängern stammt, bevor sie nach zwei Stunden mit einem großen Teil der Holzfenstereinzelteile von dannen zogen.

Kaum war ich wieder zurück und hatte Maria, die mich sofort in der Haustür stellte und nicht eher vorbei ließ, bevor ich ihr alles erzählt hatte, hinter mich gelassen, meldete ich Luigi telefonisch den Vollzug. Danach fiel ich fast in Ohnmacht, als er mir erklärte, dass er inzwischen beim Türbauer wegen unserer Wohnungstür nachgefragt habe. Schon am nächsten Tag sollte es mit dem Ausbau der alten und dem Einbau der neuen Wohnungstür weitergehen. Das war eine noch bessere Nachricht als die vom Ausbau der Holzfenster, denn die alte Wohnungstür entsprach nicht nur keinen Sicherheitsvorschriften mehr, vor ein paar Wochen hatte sich auch das Türschloss verabschiedet. Sofort hatte sich bei mir ein mulmiges „Einbruchsgefühl“ breit gemacht und sich auch nicht abschütteln lassen, als die neue Haustür bestellt und zu in drei Wochen zugesichert war.

portaAber nun sollte sich in dieser Sache alles zum Besten wenden. Beim Türeinbau am Freitagmorgen wollte auch Luigi zugegen sein. Kurz vor acht waren wir in unserer Wohnung, innerlich darauf eingestellt, dass wir mindestens eine halbe Stunde auf die Türfritzen warten müssen würden. Doch pünktlich um acht – wir waren noch damit beschäftigt, uns an den Blättern der Obstbäume und den ersten rundlichen Radieschen zu ergötzen – klingelte Luigis Handy. Die Handwerker standen bereits vor der Haustür und fragten sich, warum wir nicht aufmachten. Pünktliche Italiener! Meine Begeisterung kannte keine Grenzen. Schnell ließen wir sie ein und genossen das zweistündige Hämmern, das Bohren, das Brechen von Holz, das leise Rieseln des Putzes und schließlich die Vorführung des modernen Sicherheitsschlosses wie unlängst eine Symphonie im Teatro Petruzzelli mit dem Unterschied, dass dieses Stück allein für uns gespielt wurde. … und für Signora Calabrese, die zwischendurch aus dem ersten Stock zu uns nach oben kam, selbstverständlich nur, um uns zu unserer Wohnung zu gratulieren und zu fragen, ob wir nun bald einziehen würden.

Ja, liebe Frau Calabrese, ich denke, die Chancen stehen gut!

Mission Traumwohnung 9 – Farbenspiele

Nach den Weihnachts- und Neujahrsfeiertagen sollten die umfänglichen Renovierungsarbeiten in unserer Traumwohnung, die wir nach langem Tauziehen mit dem Verkäufer und dem Warten auf den Bankkredit im Oktober 2012 endlich kaufen gekonnt haben, losgehen. Als der Januar gekommen war, war uns zunächst unser Handwerker im Ausland verlustig gegangen. Dann erfuhren wir, dass wir einen Baufachmann oder eine Baufachfrau zur Beantragung der Genehmigung beim Amt benötigten. Leider stellte es sich heraus, dass die von einer Bekannten euphorisch empfohlene Architektin, an einem kreativen Wahn litt und unserer Wohnung am liebsten komplett umbauen wollte – inklusive Wohnungstür versetzen, Fußboden anheben und neue Wände einziehen.

Es dauerte mehrere Wochen, um sie davon zu überzeugen, dass auch ihr Materialgeschmack nicht dem unseren entsprach und wir eher auf rustikal und weniger modern standen. Inzwischen musste für eines der Dokumente im Antragsstapel ein Ingenieur hinzugezogen werden, der sich Gottseidank als alter Hase mit mindestens 40 Jahren Erfahrung entpuppte. Bei einem letzten Begehungstermin in unserer Wohnung Anfang März machten der Handwerker und der Ingenieur der Architektin daher klar, dass man so einen Antrag so vage wie möglich formuliere, und so sollte die Antragsstellung eigentlich relativ schnell erledigt sein. Mit dessen Einreichung im Amt könnten die Arbeiten beginnen. Trotzdem war es nun fast Ostern geworden und wir hatten besagten Antrag immer noch nicht unterschrieben.

Die Fensterbauer standen in den Startlöchern und scharrten mit den Hufen. Unser Handwerker würde nun auch gern richtig loslegen. Und von uns aus könnte es schon lange losgegangen bzw. bereits fertig sein. Da sich also die Anzeichen dafür verdichteten, dass die Arbeiten in unserer Wohnung nach Ostern logehen würden, falls es uns in der kommenden Woche gelingen würde, eine Unterschrift zu leisten, hatten wir beschlossen, am Wochende vor Ostern Fliesen, Sanitär und andere Kleinigkeiten zu kaufen. Wir hatten ja ausreichend Zeit gehabt, Baumärkte und Sanitärfachgeschäfte unsicher zu machen. In vielen waren wir mehrmals und hatten uns daher schon relativ genau festgelegt.

Trotzdem rief Luigi zur moralischen Unterstützung und Beratung in ästetischen Fragen noch seine Cousine hinzu, die auch die Wohnungspläne für uns gezeichnet hatte. Diese hatte am Samstag Zeit. Also verabredeten wir uns für 8:30 Uhr. Sie kam mit einer halben Stunde Verspätung, brachte dafür jedoch noch ihren Lebensgefährten mit. „Toll!“, meinte ich zu Luigi. „Warum sacken wir nicht auch Deine Eltern ein, rufen noch ein paar Tanten an und veranstalten eine Prozession zum Fliesenmarkt?“ Zum Glück kam es nicht so weit, denn da Samstag der italienische Großeinkaufstag ist, hatten seine Eltern andere Pläne.

Es stellte sich sogar heraus, dass die Cousine unseren Geschmack weitestgehend teilte, und wir mit ihrer Hilfe noch eine ungewöhnlichere und schönere Lösung für unsere winzige Küche fanden. Nach zwei Stunden im Fliesen- und Sanitärfachgeschäft unserer Wahl hatte der vor dem Geschäft wartende Lebensgefährte einen leichten Sonnenbrand, aber wir hatten dann tatsächlich Wand- und Fußbodenfliesen, eine Wanne, zwei Waschbecken und zwei Klos sowie diverse andere Kleinigkeiten bestellt, von denen – falls es irgendwann schnell gehen müsste – sogar das meiste im Lager vorhanden war und der Rest spätestens in drei Wochen eintreffen würde. Bis dahin sollten dann auch die Rohre und elektrischen Leitungen neu verlegt sein.

Warten wir es ab und drücken die Daumen. Vielleicht geschieht ein Osterwunder.

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Für alle, die gern raten, hier ein paar der Eindrücke aus dem Fliesenland.

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Unter ihnen auch diejenigen Varianten, welche man schließlich dereinst in unserer Wohnung wiederfinden wird.

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Mission Traumwohnung 4

Neue Fenster

Von der ersten Besichtigung bis zur Unterschrift unter den Kaufvertrag für unsere renovierungsbedürftige Traumwohnung mit Terrasse in Triggiano hat es ungefähr ein halbes Jahr, in dem ich mehrmals kurz vor dem Nervenzusammenbruch gestanden habe, gedauert. (Nachzulesen hier und hier.) Als wir im November endlich die Wohnungsschlüssel in der Hand hatten und die Renovierung angehen wollten, vertröstete uns der Handwerker unseres Vertrauens auf die Zeit „nach den Feiertagen“; womit Weihnachten, Silvester und Befana gemeint waren. Damit rückte die Zeit des Renovierungsbeginns in den im November noch fern erscheinenden Januar. Trotzdem waren wir nicht untätig, sondern verbrachten in der Folge viel Zeit im Baumarkt, in Sanitärläden, bei Fensterbauern und in Einrichtungshäusern, um uns über Küchen- und Badfliesen, Sanitärkeramik, Armaturen, Küchenmöbel und neue Fenster zu informieren.

Während Luigi freudig von einem Shop zum nächsten flanierte und über die Ästhetik von Badfliesen in diversen Schattierungen von grün oder blau philosophierte, hätte ich schon im ersten Laden alles einsacken können, was wir brauchen, und am liebsten sofort damit losgelegt, das zerstörerische Werk des Abreißens mit den braunen Badfliesen zu beginnen. Statt dessen landeten nach dem dritten Besuch im einzigen Baumarkt der Gegend, der eigentlich dem Zweck diente, sich hinsichtlich der Preise von Innentüren zu erkundigen, ein Orangen- und ein Kirschbäumchen im Einkaufskorb. Mit der Renovierung hatte dieser bis heute einzig getätigte Baumarkteinkauf nur insofern zu tun, dass sich auf diese Art und Weise wenigstens auf der Terrasse etwas veränderte.

Eines Nachmittags Anfang Dezember waren wir schließlich mit Lorenzo, dem Arbeitskollegen einer Cousine von Luigi verabredet, dessen Frau dereinst als Studentin aus Polen nach Bari gekommen war und Ende der 90er beschlossen hatte, als Ehefrau für immer hierzubleiben. Sie gründete schnell noch eine Fensterbaufirma in Polen und vertreibt seitdem mit Unterstützung ihres Mannes polnische Fenster im italienischen Süden. Polnische Fenster! Ich fühlte mich plötzlich ungemein heimisch in Triggiano.

Wie auch die anderen Handwerker, die unsere Wohnung mit sieben auszutauschenden Fenstern und zwei Fenstertüren in Augenschein genommen hatten, ließen wir ihn messen, Kammersysteme und Gaseinschlüsse erklären und Rollladenmuster vorführen. Dann warteten wir einige Wochen auf einen Kostenvoranschlag, bis ich bereits davon ausging, dass Lorenzo uns vergessen haben musste, und vorsichtig bei Luigis Cousin anfragte, ob ihr Arbeitskollege vielleicht plötzlich erkrankt wäre. Die Cousine entschuldigte sich mehrmals und ich, die ich nur verwundert den Telefonhörer hielt, versuchte zu verstehen, warum sie plötzlich davon redete, dass sie noch keine Zeit gehabt habe, um ein Abendessen zu organisieren. Abendessen wäre natürlich nett gewesen, zumal sie eine ausgesprochen gute Köchin ist, aber wir wollten doch nun endlich wissen, wie viel Geld wir für die Fenster einplanen mussten.

Bisher hatten wir nur einen einzigen Kostenvoranschlag bekommen, in dem für drei Fenster in Küche und Bad mit Einbau 2000 Euro veranschlagt worden waren. Mehr hatten wir zunächst nicht angefragt, aber doch inzwischen recht bang hochgerechnet. Nun sollte es also über Mozarella, Spinatpizza, Rape, Panzerotti, Focaccia, Würstchen, Kartoffelspalten, Ricottakuchen und anderen Köstlichkeiten ernst werden. Würden wir uns nach dem Fensterkauf noch das eine oder andere Möbelstück leisten können?

Da ich Luigi viel zu sehr gedrängt hatte, standen wir natürlich pünktlich zur verabredeten Zeit in der Wohnung der Cousine und mussten noch eine halbe Stunde auf Lorenzo warten. Dafür stellte dieser uns dann nicht nur farbige Scheibenjalousien, sondern auch seine Frau und seinen achtjährigen Sohn vor. „Dzień dobry!“, kramte ich eine der beschämend wenigen polnischen Floskeln, die ich mir in zwanzig Jahren Einkaufstourismus angeeignet hatte, heraus, und fühlte mich sofort mir ihr verbunden, kam sie doch aus Katowice. Das war von Triggiano aus betrachtet praktisch um die Ecke meines deutschen Zuhauses.

Den nächsten Symphathiepunkt bekam sie sofort dafür, dass sie aus offensichtlichen Gründen wusste, wo Frankfurt an der Oder liegt, und nicht sofort an die deutsche Börse dachte. Ja, von dieser Frau wollte ich gern Fenster kaufen! Aber zuerst kam ein Gericht nach dem anderen, Smalltalk über das Essen, das Wetter, den lokalen Dialekt, Zweisprachigkeit, geklaute Fahrräder sowie Aufklärung in Sachen Energieeinsparung durch die richtige Fensterwahl, bis wir uns schließlich genudelt auf das Sofa rollten. 5500 Euro für alle Fenster, doppelwandig, gasgefüllt, mit irgendwelchen Lüftungsoptionen, Rollladen und Kästen, inklusive Lieferung und Einbau – fiel schließlich eine Zahl – und hinterher sofort der Hinweis, dass wir uns noch einmal die Kästen der Rollladen ansehen sollte, denn wenn diese in einem guten Zustand wären, bräuchten wir sie nicht auszutauschen und könnten noch einmal eine erhebliche Summe sparen. Viva Polonia! Wir hatten so gut wie Fenster gekauft. Aber natürlich nur „so gut wie“. Ein nächster Termin für eine genauere Messung und die Untersuchung der Kästen wurde vereinbart, bevor wir wieder auseinander gingen. Do wizenia! Alla prossima!

Dieses Treffen fand noch vor Weihnachten statt und wir haben tatsächlich festgestellt, dass wir uns die Rollladenkästen sparen können. Daher blieb uns nur noch übrig, auf den Startschuss unseres Handwerkers zu warten, um die Bestellung abschließen zu können, denn natürlich wäre es sinnvoll, zunächst die Wände aufzureißen, um die elektrischen und hydraulischen Leitungen zu kontrollieren und ggf. auszutauschen oder neu zu verlegen, und erst anschließend Fenster einbauen zu lassen.

Obwohl es zunächst nicht so schien, als würde es jemals Januar werden, stand plötzlich Silvester vor der Tür. Dann war Befana vorbei, und am siebten Januar begann Pasquale damit, sich täglich telefonisch im Büro seines Vertrauenshandwerkers nach dessen Verbleib zu erkundigen. Nach drei Tagen bekam er die Ehefrau an die Strippe: Ihr Mann sei noch in Albanien. Die Arbeiten auf der Baustelle dort hätten sich verzögert. Aber er müsse dieser Tage zurückkommen und melde sich dann sofort bei Pasquale – hieß es.

Doch ob der Verschollene jemals aus Albanien zurückgekehrt und wie weit unsere Fensterbestellung fortgeschritten ist, werdet ihr erst in der nächsten Episode aus der Reihe „Mission Traumwohnung“ lesen, denn das ist schon wieder eine andere Geschichte und würde an dieser Stelle vom Hundertsten ins Tausendste führen.

Alla prossima!