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Gegen den Sturm

Der etwas pompös anmutende Titel des heutigen Beitrags ist wörtlich zu nehmen, betrifft jedoch nur ein Holzpalettenprojekt, das ich endlich fertig gestellt habe, nachdem ich ein halbes Jahr damit verbrachte, die geeigneten Paletten am Straßenrand zu finden.

Aber von vorn, denn so ein Projekt muss ja auch einen Grund haben. Im letzten Frühjahr und Herbst tobten mehrmals Stürme über unsere Traumwohnungsterrasse hinweg, nach denen wir unsere Mülleimer, nebst deren ehemaligen Inhalten suchen und einsammeln mussten. Die einstmals so schön hergerichtete Mülleimeraufbewahrungstruhe enthält inzwischen die Holzfliesen von Davides Wasserspielecke, die dort über den Winter wegen unnötiger Verwitterung aufbewahrt werden. Außerdem ist seit dem Wegfall der öffentlichen Glascontainer und der Einsammlung von Glasmüll vor der Haustür ein weiterer Mülleimer hinzugekommen, der nicht mehr in die Truhe passte.

Nach etwas Überlegung beschloss ich, einen Zaun zu bauen, in dem die Mülleimer leicht zugänglich aufbewahrt werden konnten. Irgendwann kam die Idee hinzu, diesen Zaun beweglich zu gestalten und die Mülleimer nicht auf die Erde zu stellen. Eine rollende Mülleimerumzäunung hat den Vorteil, dass man leicht darunter fegen kann. Ich finde, dass ich mal wieder eine genial praktische Idee hatte, und habe auch gleich noch ein paar Blumenkästen daran aufgehängt.

Wohin mit dem Müll?

Da treibt man sich schon einmal vierzehn Tage auf österlichen Winterurlaub in Deutschland herum und im ruhigen Triggiano, wo sonst wenig bis nichts passiert, ist plötzlich eine allumfassende Hektik ausgebrochen.

„Ist heute Biomüll oder Papier?“, fragt Pasquale, bevor er am frühen Morgen die Wohnung in Richtung Arbeitsstelle verlassen will und wirft einen Blick auf den am Küchenschrank angepinnten Entsporgungsplan. „Ich glaube, Bio war gestern“, antwortet ihm Maria. „Heute ist Restmüll. Aber wir hätten ihn gestern Abend rausstellen müssen.“ „Bei dem Wind!“, sagt Pasquale kopfschüttelnd. „Da hätten wir den Eimer heute früh am Friedhof einsammeln können.“ Dann verdrängt er Maria vom Küchenschrank und tönt gleich darauf vorwurfsvoll: „Maria, heute ist Mittwoch. Da ist Biomüll.“

Ciao Ciao cassonettiDie Italiener machen sich Gedanken um Mülltrennung und Mülleimer?! Was ist denn da passiert? – Ganz einfach. Während wir fort waren, ist die Aktion „Ciao Ciao Cassonetti“ in die finale Runde gegangen. Wo sonst überquellende Müllcontainer am Straßenrand standen, drücken sich nunmehr allein die glockenförmigen grünen Altglascontainer an den Bordstein. Den frei gewordenen Platz haben sofort parkende Autos für sich entdeckt. Für den öffentlichen Raum sieht diese Aktion also aus mehreren Gründen nach einem Gewinn aus. Doch die Bürger müssen offensichtlich noch von der Praktikabilität überzeugt werden.

IMG_20130411_143915Während sich in Deutschland gewöhnlich abschließbare Gemeinschaftsmülltonnen hinter Mäuerchen vor großen Wohnblöcken verstecken, haben in Triggiano vor ein paar Wochen Angestellte des Müllunternehmens Lombardi Ecologia an jeder Haustür geklingelt und Mülleimer für die getrennte Müllsammlung vorbei gebracht. Plötzlich stapelten sich in Marias Küche ein kleiner brauner Eimer für den Biomüll, einer weißer für Papier und ein kleiner grauer Eimer für den Restmüll. Es gab auch eine ökologisch wertvolle Jutetasche, in der man seine Glasflaschen zum Container tragen soll, und eine Rolle gelber Säcke für Plastik, Blechbüchsen usw. Die Eimerchen sind inzwischen auf den Balkon umgezogen. Das allgemeine Misstrauen jedoch ist geblieben: Ist die ganze Aktion wirklich von vorn bis hinten durchdacht oder hat die Comune nur aus irgendeinem Fonds Geld bekommen, das für ein halbgares Projekt ausgegeben wurde? Werden diese kleinen Mülleimer genügen? Schließlich hat ein Singlehaushalt die gleiche Größe und Anzahl bekommen, wie eine vierköpfige Familie. Was mache ich, wenn mir mein Mülleimer vor der Haustür geklaut wird? Wohin mit dem Abfall, wenn das Eimerchen voll und der Abholtag erst übermorgen ist? Fragen über IMG_20130411_144015Fragen… Dazu kommt, dass die Bürgersteige in Triggiano außer an den großen Hauptstraßen äußerst schmal und häufig auch uneben sind, so dass abgestellte Mülleimer ein Hindernis für Fußgänger darstellen. Außerdem wohnen in den großen Palazzi in jedem Aufgang um die zehn Parteien. Zehn kleine Mülleimer vor jedem Haus dürften sich vermutlich auch nicht ästhetischer in das Straßenbild fügen als ein überquellender Müllcontainer.

IMG_20130412_131403Trotz aller Fragen und Zweifel haben die Triggianesen bisher nur nachbarschaftlich vereint auf dem Hausflur lamentiert. Doch, als ich mich am fortgeschrittenen Morgen zu unserer Wohnung aufmachen will, um nach den Bäumen und Radieschen auf der Terrasse zu sehen, bemerke ich sofort drei braune Biomüll-Eimerchen vor der Haustür. „Kommen sie heute noch einsammeln?“, ruft Pia aus dem vierten Stock, die offensichtlich gerade zum Einkaufen aufgebrochen ist, von der Straße aus zum ersten Balkon hinauf, von dem Signora M. mit ihrem von Lockenwicklern bedeckten Kopf von der Brüstung aus die Einbahnstraße hinunterspäht: „Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe das Auto vorhin am Bahnübergang abbiegen sehen. Vielleicht sind sie schon durch.“ „Unser Restmüll war schon am Montag voll!“, ruft Pia überlaut hinauf, denn Signora M. hört etwas schwer. Es ist zu befürchten, dass sie den Halt verliert, wenn sie sich mit ihrem linken Ohr noch weiter über die Brüstung hängt. „Mein Mann hat den Beutel mitgenommen und schmeißt ihn in Bari in einen Container.“ Die Signora und Pia lachen triumphierend über dieses Schelmenstück, bevor Signora M. zu bedenken gibt, dass sie mit ihren Müllbeuteln nicht erst nach Bari fahren könne. Schließlich habe sie kein Auto und mit dem Müll im Zug…

IMG_20130412_131446Ich schmunzele in mich hinein und zähle auf den 500 Metern bis zu unserer zukünftigen Wohnung mindestens 20 weitere Mülleimerchen, die von den Müllmännern offensichtlich entleert und als Zeichen dieser Entleerung mit geöffnetem Deckel zurückgelassen wurden. Zum Glück strahlt die Sonne mit über zwanzig Grad vom Himmel. Würde es regnen, hätten diejenigen, die den Tag über nicht zu Hause sind, um ihre Eimer nach der Leerung zeitnah wieder einzusammeln, am Abend gleich Gießwasser für die Balkonpflanzen.

Als ich wieder zurück bin, stehen auch die drei Mülleimerchen vor unserem Haus mit geöffneten Deckeln da. Bereits im Hausflur höre ich Maria mit unserer Nachbarin im zweiten Stock sprechen. „Ich habe mich nicht getraut, den Biomüll rauszustellen“, sagt diese gerade, „denn es lagen zwei gelbe Säcke vor der Tür. Ist denn heute Plastik oder oder Bio?“, fragt die Nachbarin. „Heute ist Bio“, versichere ich ihr. „Aber die Eimer sind jetzt schon leer.“ „Sind die Plastiksäcke noch da?“, will sie von mir wissen. „Als ich um zehn losgegangen bin, standen nur drei Eimer draußen“, gebe ich meine Beobachtung wieder. „Also haben sie die Säcke wieder reingeholt. Maledizione. Und ich habe mich verwirren lassen. Wer hat die bloß rausgestellt? Können die nicht lesen?“ Während Maria unsere Nachbarin hineinwinkt, um sich vor den Küchenschrank zu stellen und die Liste nach dem nächsten Tag für den Biomüll zu überfliegen, schießt mir ein Gedanken durch den Kopf: Für unsere eigene Wohnung werden wir auch Mülleimerchen der Lombardi Ecologica benötigen. Vermutlich wird zukünftig niemand mehr an den Haustüren klingeln, um welche zu verteilen. Wo bekommen wir also unsere her? Doch Luigi, den ich sofort im Büro anrufe, ist mal wieder die Ruhe selbst: „Im Moment brauchen wir doch gar keine. Und wenn wir welche brauchen, dann werden wir schon herausfinden, wo es sie gibt.“ Boah! … diese Italiener.

„Una vergonga!“, höre ich es aus der Küche. „Wen haben denn die Müllcontainer gestört!?“

Ich bin verwirrt. Hoffentlich sind das alles nur Anlaufschwierigkeiten, die mit der Gewohnheit verschwinden. Oder werden wir an windigen Tagen auch nach Bari fahren, um unseren Müll zu entsorgen? Und was passiert, wenn man selbst in Bari plötzlich ökologisches Bewusstsein erlangt?

Am besten, ich gehe erstmal Tee kochen. Teeblätter kann man ganz gut unter die Blumenerde mischen.

Tschüss Müllcontainer!

Italien hat ein Müllproblem. Diese Feststellung ist an sich nichts Neues. Die Bilder eines im Müll versinkenden Neapel sind schon häufiger bis in die deutschen Abendnachrichten vorgedrungen, und meine schlimmsten Erinnerungen an Palermo sind nicht die Schüsse in der Nacht, sondern das Waten in knöcheltiefen Papierverwehungen auf dem Weg zu einem Restaurant im Hafen. In diesem Moment habe ich verstanden, warum italienische Frauen im wahrsten Sinne des Wortes so gern auf Plateaus und Mörderabsätzen in ihren Schuhen stehen.

IMG_20130313_152244So sehr die Italiener jedoch an ihrer eigenen Person den „bell’aspetto“ oder die „bella figura“ lieben, so egal scheint ihnen das gute Aussehen ihrer unmittelbaren Umgebung zu sein. Da macht Triggiano keine Ausnahme. Es gibt zwar hin und wieder Papierkörbe an den Laternen, die großen Müllcontainer an den Straßerändern werden regelmäßig ausgeleert und fleißige Müllbeseitiger fahren täglich mit Schippe, Besen und Containern auf ihren dreirädrigen Kleinfahrzeugen durch die Gegend, um hinter der Bevölkerung den Dreck zu räumen, aber ihre Sisyphosarbeit ist nur mäßig erfolgreich. Kaum sind sie um die nächste Ecke gebogen, reißt ein interessierter Mensch, der eigentlich nur EIN Supermarktprospekt aus dem „Werbebriefkasten“ am Haus nehmen wollte, den halben PackenIMG_20130313_145038 heraus und statt ihn aufzuheben, schließt er schnell die Tür auf und schlüpft ins Haus hinein. Der Wind wird die flatternden Seiten schon irgenwo anders hinfegen. Das gleiche denken vermutlich auch Mütter, die ihre Kinder nicht dazu anhalten, das Einwickelpapier der eben im Supermarkt erstanden Süßigkeiten in einen Papierkorb statt auf den Fußweg zu werfen, oder die Männer, die ihre zerknüllten Zigarettenschachteln hinter sich fallen lassen. Merkwürdiger Weise sind auch die großen Müllcontainer in den Straßen bereits kurz nach ihrer Entleerung wieder übervoll.

percorso2Ganz findige Zeitgenossen werfen daher ihre Müllbeutel in unbesiedelten Zonen bei voller Fahrt aus dem Auto an den Straßenrand, wo ihnen ihr Inhalt dann aus den aufgeschlitzten Bäuchen quillt, oder fahren ihren Müll – insbesondere Sperrmüll und Elektrogeräte – hinaus in entlegenere Gegenden, wie zum Beispiel zum „Wanderpfad für Touristen und Sportler“. Dort schlendern dann Erholungssuchende an Flaschen, alten Röhrenfernsehern, Kühl- und anderen Schränken, Matratzen sowie Schutt hinaus in die Natur. Je weiter man sich dabei von der Stadt entfernt, desto mehr nehmen die sehenwürdigen Müllhaufen ab.

Ich spreche also noch nicht einmal vom italienischen Problem mit Giftmüll oder anderen Abfällen auch der deutschen Industrie, welche insbesondere rings um Neapel durch die ortsansässige Mafia namens Camorra auf illegalen Müllkippen verscharrt oder verbrannt werden. Was diese Verfahrensweise für das Grundwasser und die Luftqualität in dieser Gegend bedeuten, braucht man kaum auszuführen. Nein, ich spreche „nur“ von dem Müll, den das tägliche Leben produziert, der überall nur nicht in Müllcontainern landet und an dem man in Italien offensichtlich ungerührten Auges vorbeigehen kann, während man von Auslandsreisen zurückgekehrt in höchsten Tönen die Sauberkeit fremder Städte rühmt. Wie oft habe ich mich schon in der Post darüber gewundert, dass es niemanden außer mir zu stören scheint, dass die Nummernzettelchen, die man zum Anstehen ziehen muss, mittags bereits großflächig das Areal vor den Schaltern bedecken, während doch an jedem Schalter auch ein Papierkorb steht.

Grund dafür sind meines Achtens die Umwelterziehung, welche hier noch in den Kinderschuhenpercorso1 steckt, und ein Mangel an Verständnis und Respekt vor öffentlichem Eigentum: Das ist doch alles nicht meins, also soll sich jemand anderes darum kümmern. Irgendwann wird schon wieder ein Straßenkehrer vorbei kommen, und vielleicht ist die leere Zigarettenschachtel morgen schon nicht mehr dort, wo sie hingefallen ist. Die Post fegt sicherlich ein Reinigungsdienst aus. Aber was wird aus den wilden Müllkippen entlang des touristischen Trimmdichpfads?

Ciao Ciao CassonettiDoch natürlich habe nicht nur ich das gravierende Müllproblem erkannt. In der letzten Woche hatten wir zu diesem Thema ein Schreiben von der Stadtverwaltung im Briefkasten, das uns darauf vorbereiten sollte, dass in der nächsten Zeit jeder Haushalt individuelle Mülltonnen für Mülltrennung erhalten und somit für seinen Müll persönlich verantwortlich sein wird. Die Aktion ist eine Kooperation der Stadtverwaltung, mit dem Müllunternehmen Lombardia Ecologia und TetraPak. Sie läuft unter dem schönen Motto „CIAO CIAO CASSONETTI“ und ist auch in den Straßen plakatiert worden. Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie es funktionieren soll, aber das Damoklesschwert schwebt nun über den Müllkontainern am Straßenrand. Ich freue mich schon darauf, dass sie aus dem Stadtbild verschwinden werden.

Aus dem Brief wurde jedoch nicht deutlich, wo genau diese persönlichen Mülltonnen aufgestellt werden sollen. Viele Palazzi haben keinen Innenhof und die, in denen einer zur Verfügung steht, sind stets genauso mit Autos zugeparkt wie die Straßenränder. Gespannt bin ich auch darauf, wohin man die Mülltonnen bringen soll, wenn sie entleert werden müssen. Nun, ja, ich werde es erfahren – „in den folgenden Wochen“

Müllbeseitigung ist also bereits ein Thema in Italien, Müllvermeidung offensichtlich bisher nicht. Es gibt kein Pfandsystem für Flaschen, was deren wilder Entsorgung Vorschub leistet, und nur wenige Mitmenschen benutzen wiederverwendbare Einkaufstaschen. Mit der Einführung der Bezahlung von kleinen Supermarktplastiktüten wollte man 2011 dieses Problem angehen. Es ist nicht geglückt, denn man wird sowohl beim Einkaufen im Supermarkt als auch in anderen Läden oder auf dem Wochenmarkt mit diesen Tüten überversorgt, wenn man nicht schnell genug seinen mitgebrachten Beutel zückt. Mindestens hier im Süden werden diese Plastiktüten genauso weitergenutzt wie vor 2011 – nämlich nach dem Einkaufen als Müllbeutel.

Bleibt immer noch das Problem der Müllhaufen entlang des erst 2012 angelegten, touristischen Wanderweges. Da ich mich ohnehin weiter im schriftlichen Ausdruck üben muss, werden der Stadtverwaltung und den auf einem Schild als für den Schutz des „Percorso Ginnico Turistico Lama San Giorgio“ zuständigen Pfadfindern demnächst identische Schreiben zugehen. Ich habe viele aussagekräftige Fotos geschossen, die bezeugen, dass vor lauter Müll bald keinen Pfad mehr zu finden sein wird, es sei denn man startet eine Aufräumaktion, an der ich mich selbstverständlich beteiligen würde. Immerhin sieht es dort auch über weite Strecken so schön aus wie auf den folgenden Fotos.

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