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Gegen den Sturm

Der etwas pompös anmutende Titel des heutigen Beitrags ist wörtlich zu nehmen, betrifft jedoch nur ein Holzpalettenprojekt, das ich endlich fertig gestellt habe, nachdem ich ein halbes Jahr damit verbrachte, die geeigneten Paletten am Straßenrand zu finden.

Aber von vorn, denn so ein Projekt muss ja auch einen Grund haben. Im letzten Frühjahr und Herbst tobten mehrmals Stürme über unsere Traumwohnungsterrasse hinweg, nach denen wir unsere Mülleimer, nebst deren ehemaligen Inhalten suchen und einsammeln mussten. Die einstmals so schön hergerichtete Mülleimeraufbewahrungstruhe enthält inzwischen die Holzfliesen von Davides Wasserspielecke, die dort über den Winter wegen unnötiger Verwitterung aufbewahrt werden. Außerdem ist seit dem Wegfall der öffentlichen Glascontainer und der Einsammlung von Glasmüll vor der Haustür ein weiterer Mülleimer hinzugekommen, der nicht mehr in die Truhe passte.

Nach etwas Überlegung beschloss ich, einen Zaun zu bauen, in dem die Mülleimer leicht zugänglich aufbewahrt werden konnten. Irgendwann kam die Idee hinzu, diesen Zaun beweglich zu gestalten und die Mülleimer nicht auf die Erde zu stellen. Eine rollende Mülleimerumzäunung hat den Vorteil, dass man leicht darunter fegen kann. Ich finde, dass ich mal wieder eine genial praktische Idee hatte, und habe auch gleich noch ein paar Blumenkästen daran aufgehängt.

Suchphrasen XIII – Von Menschen in Müllcontainern

Die recht bizarre Suchphrase „Mensch in Restmüllcontainer werfen“ hat die suchende Person aus irgendeinem Grund nicht nur auf meinen Blog geleitet und zu deutlichem Stirnrunzeln bei mir geführt, sondern mich auch daran erinnert, dass es längst überfällig ist, dass ich davon berichte, wie die vor drei Jahren eingeführte Mülltrennung in Triggiano denn nun läuft.

Wir erinnern uns: der normale, italienische Müllalltag sah so aus, dass eine Entsorgung in riesige am Straßenrand aufgestellte Müllcontainer erfolgte, die kurz nach ihrer Leerung schon wieder überliefen. Dann hieß es plötzlich „Ciao, ciao Müllcontainer“ und jeder stellte an bestimmten Tagen die entsprechenden, vom Entsorgungsunternehmen zur Verfügung gestellten Mülleimer vor die Haustür. Diese reihen sich auch heute noch über Nacht und am frühen Morgen die Fußwege entlang und man kann sagen, das dass System weitestgehend funktioniert.

Trotzdem sind einige Zeitgenossen nun dazu übergegangen, ihren Müll in Plastiktüten vor das Haus zu legen, wo sich wilde Hunde und Katzen über sie hermachen – mit dem entsprechenden Bild, das so ein aufgerissener und durchwühlter Müllsack vor Haustüren bietet. Deswegen findet man in den betreffenden Häusern nun Aushänge mit Androhung von Abmahnungen und Bußgeldern. Noch habe ich persönlich von keinem Fall gehört, in dem ein Bußgeld tatsächlich verhängt wurde, aber es würde mich interessieren, wie das in einem mehrstöckigen Wohnblock tatsächlich gemacht werden wird; vermutlich in Kollektivhaft.

Ich weiß jedoch von den  Mechanikern der nahe gelegenen Autowerkstatt, dass sie bereits Mitmenschen, die ihren dubiosen Müll nach Eintritt der Dunkelheit scheinbar clever und unerkannt an der Ecke der besagter Autowerkstatt jedoch im Sichtfeld der Überwachungskamera deponierten, angesprochen und gebeten haben, so etwas zu unterlassen, weil es erstens falsch sei und sie zweitens keine Lust hätten, jeden Morgen erst den Fußweg zu putzen.

Ein weiteres Problem ist, dass es einige Entsorgende mit der Mülltrennung nicht so genau zu nehmen scheinen, sodass inzwischen verboten wurde, nicht transparente Säcke für den „Gelben Sack“ oder andere Mülleimer als die ausgegebenen zu verwenden. Der nicht richtig sortierte Müll wird auch zum Problem der ganzen Gemeinde, weil der italienische Stadt dafür eine höhere Öko-Abgabe und Strafzettel vorsieht, die dann natürlich auf die gesamten Bewohner umgelegt werden.

Abgesehen von diesen Entwicklungen würde ich spontan sagen, dass man einen Menschen wohl in den Biomüll werfen müsste. Allerdings stellte man damit die Werfenden bei unseren vergleichsweise winzigen Mülleimern vor einige Probleme. Die Entsorgung müsste über einen langen Zeitraum erfolgen, was Fragen nach chirurgischen Fähigkeiten oder der Zwischenlagerung des Mülls aufwirft. Besonders bei sommerlich heißen Temperaturen käme es da sicher schnell zu Geruchsbelästigung. Außerdem ist gar nicht gesagt, dass es sich bei einem Menschen in allen Teilen um Biomüll handelt. Ich denke da z.B. an mit Amalgam versehene Zähne. Wären diese unsortierter Restmüll oder im Werthof abzugebender Sondermüll?

Ich empfehle dem Suchenden in Anbetracht all dieser Umstände also, die in den Restmüllcontainer zu werfende Person nach Bari zu schaffen, um sie in einem am Straßenrand stehenden, großen Container loszuwerden – und das möglichst schnell, noch bevor dort die Müllentsorgung von Haustür zu Haustür eingeführt wird und die Container verschwinden.

Die schönste Mülleimeraufbewahrungsholztruhe der Welt

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Holztruhendeckel im Originalzustand

Bis vor einem Jahr gab es in Triggiano noch riesige Gemeinschaftsmüllkontainer am Straßenrand. Die quollen trotz regelmäßiger Leerung schon nach einem Tag im wahrsten Sinne des Wortes über und ergossen sich auf den sie umgebenden Straßen- und Fußwegbereich. Wilde Hunde und Katzen taten ihr Übrigens, wenn sie in der Nacht in den Müllbeuteln nach Abfällen suchten, um diese Müllkontainer zu einer „vergogna“ zu machen – einer „Schande“ um es mal verharmlosend mit Mamma Marias Worten auszudrücken.

Im letzten Jahr kam dann ein genialer Triggianese auf die Idee, die Mülltrennung bei uns einzuführen. Die Müllkontainer verschwanden über Nacht. Statt dessen bekam jeder Haushalt kleine Mülleimer für Papier, Biomüll und Diverses, sowie gelbe Säcke für Plastikmüll, die nun nach einem festgelegten Wochenplan zur Leerung vor die Haustür gestellt werden müssen. Abgesehen von den anfänglichen abendlichen Diskussionen um den richtigen zu entsorgenden Abfall funktioniert das System recht gut.

Der Lack ist ab

Der Lack ist ab

Den Spitzfindigen unter den Mitmenschen, die statt der Eimer lieber Plastiktüten mit ihrem Müll vor die Haustüren drapierten, um nicht am nächsten Morgen die entleerten Eimer wieder hochholen zu müssen, wurde durch freundliche Schreiben von der Hausverwaltung bald klar gemacht, dass das erstens den Bemühungen um eine sauberer Stadt völlig zuwider lief und zweitens mit einem Ordnungsgeld bestraft werden könne. So weit, so gut.

IMG_7587Als wir im letzten November endlich in unsere Traumwohnung einziehen konnten, holten wir die uns zustehenden Eimerchen und eine Rolle Säcke vom zuständigen Büro ab. Leider waren die Papiereimer ausgegangen. Doch zu dieser und auch in der folgenden Zeit hatten wir noch so viele Pappkartons, dass uns das Fehlen des Papiereimers nicht unangenehm auffiel. Erst, nachdem Luigi mehrmals im Laufen von drei Monaten vergeblich nach einem Papiereimer gefragt hatte, wurden wir ein wenig ungeduldig und der Fragerei müde.

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Ausbessern von größeren Löchern und Zwischenräumen

Just in diesen Tagen ergab es sich jedoch, dass ein starker Sturm über Triggiano hinwegfegte. Zufällig geschah das an einem Montagvormittag, an dem die Papiereimer zum Entleeren vor die Tür gestellt werden mussten. Noch Tage später sah ich herrenlose Eimer am Straßenrand liegen oder stehen, die der Wind durch Triggiano gepustet hatte und die von ihren Besitzern nicht wiedergefunden worden waren. „Brauchst nicht mehr wegen eines Eimers fragen zu gehen.“, sagte ich daher eines Abends zu Luigi. Der war nicht böse darüber.

IMG_7589Doch drei Mülleimer und einen gelben Sack möchte man nicht gerne in seinen vier Wänden aufbewahren. Ganz abgesehen davon, dass sie selten farblich oder materialmäßig zur Einrichtung passen dürften, entwickeln sich auch bei noch so häufiger Abholung oder Entleerung zwangsläufig Gerüche. Also raus mit ihnen auf den Balkon oder die Terrasse! Davon haben wir ja genug. Allerdings fand ich es nicht witzig, dass schon ein paar Tage später ein erneuter Sturm sämtliche Eimer und deren Inhalt zwischen die Blumenkübel und in die Terrassenecken fegte. So entstand die Idee für eine Mülleimertruhe.

Eine Holztruhe, die schon so alt schmeckte, dass die Holzwürmer sie bereits wieder verlassen hatten, fand sich bei einem Verwandten, der sie uns gerne überließ. Ich missbrauchte sie zunächst als Aufbewahrungsmöglichkeit für Dünger, Farben und andere Kleinigkeiten, aber ihr endgültiges Schicksal war schon lange vor diesem Sommer besiegelt worden.

truhe fertig offen

Ab in die Kiste!

Die im Sommerloch frei gewordenen Stunden nutzte ich also, um mit Spachtel, Schleifgerät, Holzausbesserungspaste, Imprägnierung und Lasur die wohl schönste Mülleimeraufbewahrungsholztruhe diesseits des Äquators, vielleicht sogar der ganzen Welt zu erschaffen. Ein paar Scharniere, Rollen und einen Messinggriff hat es mich auch noch gekostet, aber nun ist die Gefahr von Fischgräten und Hähnchenknochen zwischen den Geranien endlich gebannt. Die Herbststürme können kommen. Na, gut, also nicht gleich. Kosten wir erstmal den Sommer aus. Es gibt noch so viel zu tun.

Truhe fertig 2

Das Leichenwagenmysterium

“Ich glaube, du solltest mal runtergehen”, sagte ich zu Maria, nachdem ich mit einem Packet Druckerpapier aus dem Schreibwarenladen zurück gekommen war und nicht nur diverse Mülleimer und zwei gelbe Säcke, sondern auch fünf lautstark diskutierende Nachbarn nebst zwei kleineren Mädchen, welche die Diskussion aufmerksam verfolgten, vor unserer Haustür vorgefunden hatte. „Unten im Eingang findet eine Demonstration statt. Ich konnte mich gerade noch so auf die Treppe retten.“

„Worum ging es denn?“, wollte Maria wissen.

„Vielleicht um den aufgerissenen gelben Sack, deren Inhalt sich im Moment auf den Fußweg ergießt,“ vermutete ich.

„Aber WIR haben Restmüll rausgestellt und nicht Plaste!“ – Maria wuselte sofort zum Küchenschrank, an dem sie den Abholplan angeklebt hatte und rief erleichtert: „Plaste ist morgen! Haben die es denn immer noch nicht begriffen?“ Im Nu war sie in andere Schuhe gesprungen und hatte die Haustür hinter sich zugeschlagen. Ich wusste, sie würde eine ganze Weile fort bleiben, denn unter den Demonstranten hatte sich auch die freundliche Signora Bocconcello befunden, die ohnehin jeden zweiten Tag auf ein Schwätzchen bei Maria vorbeisah.

Während ich darauf wartete, dass die Horde frisch geborener Mülltrenner herausfand, wer aus unserem Haus nicht lesen konnte und damit aufhörte, „Es ist eine Schande!“, „Was ist nur aus Italien geworden!“, „Gibt es keine Christen mit Verstand mehr!“ oder dergleichen unter dem Balkon vor Luigis Zimmer zu rufen, damit ich mich besser auf meine 120 zu wiederholenden Wörter konzentrieren konnte, hörte ich, wie ein Auto vor dem Haus anhielt und es bis auf das Motorengeräusch plötzlich still wurde. Vermutlich hatten die Mülleinsammler der Demonstration ein Ende bereitet.

Trotzdem öffnete Maria unsere Wohnungstür erst nach einer guten Stunde wieder. „Jemand ist gestorben“, sagte sie zur Begrüßung. Klar, dass ich wissen wollte, wen es getroffen hatte. „Wir können es nicht sagen“, gab sie zurück. „Es kam ein riesiger Leichenwagen. Und da sind wir natürlich nicht neugierig stehen geblieben.“ Da lag also der Hase im Pfeffer begraben! Ein Leichenwagen war es gewesen, welcher der Empörung über den falsch herausgestellten Müll ein so jähes Ende bereitet hatte. Und niemand hatte die Courage besessen, die dunkel gekleideten Herren zu fragen, welche Person sie abzuholen gedachten. Normalerweise war solche offenkundige Neugier nicht notwendig, denn in Süditalien ist es üblich, dass eine A3 große Todesanzeige am Haus angebracht wird, wenn jemand gestorben ist. Die Einhaltung dieser schönen Tradition hätte den Bewohnern der unteren Stockwerke ein lanwieriges Rätselraten erspart. Das wäre jedoch lange nicht so lustig gewesen.

Schon am nächsten Tag hatte Maria mit Hilfe von Signora Bocconcelli eine Theorie erstellt. „Es gibt doch jetzt diese Tierfriedhöfe“, erklärte mir das seit Wochen endlich einmal vom Müll abgelenkte Detektivgespann.

„Mhmmm.“ Ich wusste nicht so recht, worauf die Beiden hinaus wollten.

„Erinnerst du dich nicht an den großen weißen Hund vom Tierarzt“, fragte mich Maria.

„Meinst du das riesige Vieh, dessen Haare immer überall im Flur und im Fahrstuhl herumliegen?“ Ich kannte diesen Hund sehr gut, obwohl ich ihn noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

„Also sooo viele Haare lagen nun auch nicht herum“, entgegnete Maria. „Es war eigentlich ein sehr gepflegtes Tier.“

„Sprechen wir“, konnte ich es mir nicht verkneifen, „von dem gleichen Hund, der vom Balkon gepieselt und dir deine Wäsche versaut hat.“

Marias Gesicht verzog sich leicht angwidert. Doch schnell hatte sie sich wieder im Griff: „Ja, aber der Tierarzt hat doch sofort hier angerufen und Bescheid gesagt. So schlimm war es gar nicht, alles noch einmal zu waschen. Und es ist ja auch nur zwei Mal passiert.“

„Povera bestia! – Armes Vieh!“, warf nun die Signora ein, „Es muss doch schlimm sein für einen so großen Hund den ganzen Tag in einer Stadtwohnung eingesperrt zu sein.“

Ich konnte nur nicken, denn wenn der Hund wirklich so riesig war, wie sie mir dereinst geschildert hatte, dann musste es sich mindestens um einen übergewichtigen irischen Wolfshund handeln, dem ich erheblich mehr Auslauf wünschte, als es eine Wohnung und Triggianos Fußwege zulassen dürften. Daher entgegnete ich der Signora: „Da kann man es doch verstehen, dass das Tier den ganzen Tag wie verrückt bellt.“ Tatsächlich hatte ich hier noch nie einen Hund bellen hören, aber das dunkle Dröhnen des Hundebasses im Hausflur war mir so lebahft dargebracht worden, dass ich fast glaubte, es selbst gehört zu haben.

„Eigentlich hat er gar nicht mehr so oft gebellt.“, sagte die Signora. „Früher war das wesentlich häufiger. Und jetzt haben wir ihn schon lange nicht mehr gehört.“

„Weshalb wir auch denken,“ hakte Maria nun ein, „dass der Hund gestorben ist.“

„Wirklich?“, fragte ich zweifelnd. „Ich dachte immer, man würde sein Tier selbst zum Tierfriedhof bringen? Da kommt doch kein Leichenwagen.“ Aber die beiden Todestheoretikerinnen waren sich einig, dass man in der heutigen Zeit nie wissen könne, wie „assurdo“ die Menschen reagierten, denn für manche seien Tiere fast mehr Wert als Menschen. Damit war das Thema zunächst zu den Akten gelegt, bis…

… wir einen Tag später beim Abendessen plötzlich ein ganz deutliches Bellen auf einem der Balkons über uns vernahmen. „Maria!“, rief ich, noch ehe sie irgendetwas sagen konnte. „Hol die Wäsche rein! Der Hund ist auferstanden.“

 ***

Bevor noch weitere Tiere oder gar Personen fälschlich ihres Ablebens verdächtigt werden konnten, klärte zum Glück die Wohnungsnachbarin des Tierarztes einige Tage später den Sachverhalt auf: Tierarztens (immerhin hatten die beiden Hobbydetektive den Tatort richtig definiert) über neunzigjährige Mutter, die ihr Leben lang in Lecce gewohnt hatte, hatte ihre letzten Tage nun pflegebedürftig in einem Bett in dessen Wohnung verbringen gemusst. Schließlich war sie dort friedlich eingeschlafen, doch da sie offiziell nicht zur Hausgemeinschaft gehörte, hatte man auf eine Todesanzeige verzichtet. An ebenjenem Tag, an dem zunächst scheinbar nichts wichtiger erschien als die falsch durchgeführte Müllübergabe, hatte man die sterblichen Überreste der in unserem Haus weitestgehend unbekannten Mutter zur Überführung zurück nach Lecce abgeholt.

Wohin mit dem Müll?

Da treibt man sich schon einmal vierzehn Tage auf österlichen Winterurlaub in Deutschland herum und im ruhigen Triggiano, wo sonst wenig bis nichts passiert, ist plötzlich eine allumfassende Hektik ausgebrochen.

„Ist heute Biomüll oder Papier?“, fragt Pasquale, bevor er am frühen Morgen die Wohnung in Richtung Arbeitsstelle verlassen will und wirft einen Blick auf den am Küchenschrank angepinnten Entsporgungsplan. „Ich glaube, Bio war gestern“, antwortet ihm Maria. „Heute ist Restmüll. Aber wir hätten ihn gestern Abend rausstellen müssen.“ „Bei dem Wind!“, sagt Pasquale kopfschüttelnd. „Da hätten wir den Eimer heute früh am Friedhof einsammeln können.“ Dann verdrängt er Maria vom Küchenschrank und tönt gleich darauf vorwurfsvoll: „Maria, heute ist Mittwoch. Da ist Biomüll.“

Ciao Ciao cassonettiDie Italiener machen sich Gedanken um Mülltrennung und Mülleimer?! Was ist denn da passiert? – Ganz einfach. Während wir fort waren, ist die Aktion „Ciao Ciao Cassonetti“ in die finale Runde gegangen. Wo sonst überquellende Müllcontainer am Straßenrand standen, drücken sich nunmehr allein die glockenförmigen grünen Altglascontainer an den Bordstein. Den frei gewordenen Platz haben sofort parkende Autos für sich entdeckt. Für den öffentlichen Raum sieht diese Aktion also aus mehreren Gründen nach einem Gewinn aus. Doch die Bürger müssen offensichtlich noch von der Praktikabilität überzeugt werden.

IMG_20130411_143915Während sich in Deutschland gewöhnlich abschließbare Gemeinschaftsmülltonnen hinter Mäuerchen vor großen Wohnblöcken verstecken, haben in Triggiano vor ein paar Wochen Angestellte des Müllunternehmens Lombardi Ecologia an jeder Haustür geklingelt und Mülleimer für die getrennte Müllsammlung vorbei gebracht. Plötzlich stapelten sich in Marias Küche ein kleiner brauner Eimer für den Biomüll, einer weißer für Papier und ein kleiner grauer Eimer für den Restmüll. Es gab auch eine ökologisch wertvolle Jutetasche, in der man seine Glasflaschen zum Container tragen soll, und eine Rolle gelber Säcke für Plastik, Blechbüchsen usw. Die Eimerchen sind inzwischen auf den Balkon umgezogen. Das allgemeine Misstrauen jedoch ist geblieben: Ist die ganze Aktion wirklich von vorn bis hinten durchdacht oder hat die Comune nur aus irgendeinem Fonds Geld bekommen, das für ein halbgares Projekt ausgegeben wurde? Werden diese kleinen Mülleimer genügen? Schließlich hat ein Singlehaushalt die gleiche Größe und Anzahl bekommen, wie eine vierköpfige Familie. Was mache ich, wenn mir mein Mülleimer vor der Haustür geklaut wird? Wohin mit dem Abfall, wenn das Eimerchen voll und der Abholtag erst übermorgen ist? Fragen über IMG_20130411_144015Fragen… Dazu kommt, dass die Bürgersteige in Triggiano außer an den großen Hauptstraßen äußerst schmal und häufig auch uneben sind, so dass abgestellte Mülleimer ein Hindernis für Fußgänger darstellen. Außerdem wohnen in den großen Palazzi in jedem Aufgang um die zehn Parteien. Zehn kleine Mülleimer vor jedem Haus dürften sich vermutlich auch nicht ästhetischer in das Straßenbild fügen als ein überquellender Müllcontainer.

IMG_20130412_131403Trotz aller Fragen und Zweifel haben die Triggianesen bisher nur nachbarschaftlich vereint auf dem Hausflur lamentiert. Doch, als ich mich am fortgeschrittenen Morgen zu unserer Wohnung aufmachen will, um nach den Bäumen und Radieschen auf der Terrasse zu sehen, bemerke ich sofort drei braune Biomüll-Eimerchen vor der Haustür. „Kommen sie heute noch einsammeln?“, ruft Pia aus dem vierten Stock, die offensichtlich gerade zum Einkaufen aufgebrochen ist, von der Straße aus zum ersten Balkon hinauf, von dem Signora M. mit ihrem von Lockenwicklern bedeckten Kopf von der Brüstung aus die Einbahnstraße hinunterspäht: „Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe das Auto vorhin am Bahnübergang abbiegen sehen. Vielleicht sind sie schon durch.“ „Unser Restmüll war schon am Montag voll!“, ruft Pia überlaut hinauf, denn Signora M. hört etwas schwer. Es ist zu befürchten, dass sie den Halt verliert, wenn sie sich mit ihrem linken Ohr noch weiter über die Brüstung hängt. „Mein Mann hat den Beutel mitgenommen und schmeißt ihn in Bari in einen Container.“ Die Signora und Pia lachen triumphierend über dieses Schelmenstück, bevor Signora M. zu bedenken gibt, dass sie mit ihren Müllbeuteln nicht erst nach Bari fahren könne. Schließlich habe sie kein Auto und mit dem Müll im Zug…

IMG_20130412_131446Ich schmunzele in mich hinein und zähle auf den 500 Metern bis zu unserer zukünftigen Wohnung mindestens 20 weitere Mülleimerchen, die von den Müllmännern offensichtlich entleert und als Zeichen dieser Entleerung mit geöffnetem Deckel zurückgelassen wurden. Zum Glück strahlt die Sonne mit über zwanzig Grad vom Himmel. Würde es regnen, hätten diejenigen, die den Tag über nicht zu Hause sind, um ihre Eimer nach der Leerung zeitnah wieder einzusammeln, am Abend gleich Gießwasser für die Balkonpflanzen.

Als ich wieder zurück bin, stehen auch die drei Mülleimerchen vor unserem Haus mit geöffneten Deckeln da. Bereits im Hausflur höre ich Maria mit unserer Nachbarin im zweiten Stock sprechen. „Ich habe mich nicht getraut, den Biomüll rauszustellen“, sagt diese gerade, „denn es lagen zwei gelbe Säcke vor der Tür. Ist denn heute Plastik oder oder Bio?“, fragt die Nachbarin. „Heute ist Bio“, versichere ich ihr. „Aber die Eimer sind jetzt schon leer.“ „Sind die Plastiksäcke noch da?“, will sie von mir wissen. „Als ich um zehn losgegangen bin, standen nur drei Eimer draußen“, gebe ich meine Beobachtung wieder. „Also haben sie die Säcke wieder reingeholt. Maledizione. Und ich habe mich verwirren lassen. Wer hat die bloß rausgestellt? Können die nicht lesen?“ Während Maria unsere Nachbarin hineinwinkt, um sich vor den Küchenschrank zu stellen und die Liste nach dem nächsten Tag für den Biomüll zu überfliegen, schießt mir ein Gedanken durch den Kopf: Für unsere eigene Wohnung werden wir auch Mülleimerchen der Lombardi Ecologica benötigen. Vermutlich wird zukünftig niemand mehr an den Haustüren klingeln, um welche zu verteilen. Wo bekommen wir also unsere her? Doch Luigi, den ich sofort im Büro anrufe, ist mal wieder die Ruhe selbst: „Im Moment brauchen wir doch gar keine. Und wenn wir welche brauchen, dann werden wir schon herausfinden, wo es sie gibt.“ Boah! … diese Italiener.

„Una vergonga!“, höre ich es aus der Küche. „Wen haben denn die Müllcontainer gestört!?“

Ich bin verwirrt. Hoffentlich sind das alles nur Anlaufschwierigkeiten, die mit der Gewohnheit verschwinden. Oder werden wir an windigen Tagen auch nach Bari fahren, um unseren Müll zu entsorgen? Und was passiert, wenn man selbst in Bari plötzlich ökologisches Bewusstsein erlangt?

Am besten, ich gehe erstmal Tee kochen. Teeblätter kann man ganz gut unter die Blumenerde mischen.