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Tschüss Müllcontainer!

Italien hat ein Müllproblem. Diese Feststellung ist an sich nichts Neues. Die Bilder eines im Müll versinkenden Neapel sind schon häufiger bis in die deutschen Abendnachrichten vorgedrungen, und meine schlimmsten Erinnerungen an Palermo sind nicht die Schüsse in der Nacht, sondern das Waten in knöcheltiefen Papierverwehungen auf dem Weg zu einem Restaurant im Hafen. In diesem Moment habe ich verstanden, warum italienische Frauen im wahrsten Sinne des Wortes so gern auf Plateaus und Mörderabsätzen in ihren Schuhen stehen.

IMG_20130313_152244So sehr die Italiener jedoch an ihrer eigenen Person den „bell’aspetto“ oder die „bella figura“ lieben, so egal scheint ihnen das gute Aussehen ihrer unmittelbaren Umgebung zu sein. Da macht Triggiano keine Ausnahme. Es gibt zwar hin und wieder Papierkörbe an den Laternen, die großen Müllcontainer an den Straßerändern werden regelmäßig ausgeleert und fleißige Müllbeseitiger fahren täglich mit Schippe, Besen und Containern auf ihren dreirädrigen Kleinfahrzeugen durch die Gegend, um hinter der Bevölkerung den Dreck zu räumen, aber ihre Sisyphosarbeit ist nur mäßig erfolgreich. Kaum sind sie um die nächste Ecke gebogen, reißt ein interessierter Mensch, der eigentlich nur EIN Supermarktprospekt aus dem „Werbebriefkasten“ am Haus nehmen wollte, den halben PackenIMG_20130313_145038 heraus und statt ihn aufzuheben, schließt er schnell die Tür auf und schlüpft ins Haus hinein. Der Wind wird die flatternden Seiten schon irgenwo anders hinfegen. Das gleiche denken vermutlich auch Mütter, die ihre Kinder nicht dazu anhalten, das Einwickelpapier der eben im Supermarkt erstanden Süßigkeiten in einen Papierkorb statt auf den Fußweg zu werfen, oder die Männer, die ihre zerknüllten Zigarettenschachteln hinter sich fallen lassen. Merkwürdiger Weise sind auch die großen Müllcontainer in den Straßen bereits kurz nach ihrer Entleerung wieder übervoll.

percorso2Ganz findige Zeitgenossen werfen daher ihre Müllbeutel in unbesiedelten Zonen bei voller Fahrt aus dem Auto an den Straßenrand, wo ihnen ihr Inhalt dann aus den aufgeschlitzten Bäuchen quillt, oder fahren ihren Müll – insbesondere Sperrmüll und Elektrogeräte – hinaus in entlegenere Gegenden, wie zum Beispiel zum „Wanderpfad für Touristen und Sportler“. Dort schlendern dann Erholungssuchende an Flaschen, alten Röhrenfernsehern, Kühl- und anderen Schränken, Matratzen sowie Schutt hinaus in die Natur. Je weiter man sich dabei von der Stadt entfernt, desto mehr nehmen die sehenwürdigen Müllhaufen ab.

Ich spreche also noch nicht einmal vom italienischen Problem mit Giftmüll oder anderen Abfällen auch der deutschen Industrie, welche insbesondere rings um Neapel durch die ortsansässige Mafia namens Camorra auf illegalen Müllkippen verscharrt oder verbrannt werden. Was diese Verfahrensweise für das Grundwasser und die Luftqualität in dieser Gegend bedeuten, braucht man kaum auszuführen. Nein, ich spreche „nur“ von dem Müll, den das tägliche Leben produziert, der überall nur nicht in Müllcontainern landet und an dem man in Italien offensichtlich ungerührten Auges vorbeigehen kann, während man von Auslandsreisen zurückgekehrt in höchsten Tönen die Sauberkeit fremder Städte rühmt. Wie oft habe ich mich schon in der Post darüber gewundert, dass es niemanden außer mir zu stören scheint, dass die Nummernzettelchen, die man zum Anstehen ziehen muss, mittags bereits großflächig das Areal vor den Schaltern bedecken, während doch an jedem Schalter auch ein Papierkorb steht.

Grund dafür sind meines Achtens die Umwelterziehung, welche hier noch in den Kinderschuhenpercorso1 steckt, und ein Mangel an Verständnis und Respekt vor öffentlichem Eigentum: Das ist doch alles nicht meins, also soll sich jemand anderes darum kümmern. Irgendwann wird schon wieder ein Straßenkehrer vorbei kommen, und vielleicht ist die leere Zigarettenschachtel morgen schon nicht mehr dort, wo sie hingefallen ist. Die Post fegt sicherlich ein Reinigungsdienst aus. Aber was wird aus den wilden Müllkippen entlang des touristischen Trimmdichpfads?

Ciao Ciao CassonettiDoch natürlich habe nicht nur ich das gravierende Müllproblem erkannt. In der letzten Woche hatten wir zu diesem Thema ein Schreiben von der Stadtverwaltung im Briefkasten, das uns darauf vorbereiten sollte, dass in der nächsten Zeit jeder Haushalt individuelle Mülltonnen für Mülltrennung erhalten und somit für seinen Müll persönlich verantwortlich sein wird. Die Aktion ist eine Kooperation der Stadtverwaltung, mit dem Müllunternehmen Lombardia Ecologia und TetraPak. Sie läuft unter dem schönen Motto „CIAO CIAO CASSONETTI“ und ist auch in den Straßen plakatiert worden. Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie es funktionieren soll, aber das Damoklesschwert schwebt nun über den Müllkontainern am Straßenrand. Ich freue mich schon darauf, dass sie aus dem Stadtbild verschwinden werden.

Aus dem Brief wurde jedoch nicht deutlich, wo genau diese persönlichen Mülltonnen aufgestellt werden sollen. Viele Palazzi haben keinen Innenhof und die, in denen einer zur Verfügung steht, sind stets genauso mit Autos zugeparkt wie die Straßenränder. Gespannt bin ich auch darauf, wohin man die Mülltonnen bringen soll, wenn sie entleert werden müssen. Nun, ja, ich werde es erfahren – „in den folgenden Wochen“

Müllbeseitigung ist also bereits ein Thema in Italien, Müllvermeidung offensichtlich bisher nicht. Es gibt kein Pfandsystem für Flaschen, was deren wilder Entsorgung Vorschub leistet, und nur wenige Mitmenschen benutzen wiederverwendbare Einkaufstaschen. Mit der Einführung der Bezahlung von kleinen Supermarktplastiktüten wollte man 2011 dieses Problem angehen. Es ist nicht geglückt, denn man wird sowohl beim Einkaufen im Supermarkt als auch in anderen Läden oder auf dem Wochenmarkt mit diesen Tüten überversorgt, wenn man nicht schnell genug seinen mitgebrachten Beutel zückt. Mindestens hier im Süden werden diese Plastiktüten genauso weitergenutzt wie vor 2011 – nämlich nach dem Einkaufen als Müllbeutel.

Bleibt immer noch das Problem der Müllhaufen entlang des erst 2012 angelegten, touristischen Wanderweges. Da ich mich ohnehin weiter im schriftlichen Ausdruck üben muss, werden der Stadtverwaltung und den auf einem Schild als für den Schutz des „Percorso Ginnico Turistico Lama San Giorgio“ zuständigen Pfadfindern demnächst identische Schreiben zugehen. Ich habe viele aussagekräftige Fotos geschossen, die bezeugen, dass vor lauter Müll bald keinen Pfad mehr zu finden sein wird, es sei denn man startet eine Aufräumaktion, an der ich mich selbstverständlich beteiligen würde. Immerhin sieht es dort auch über weite Strecken so schön aus wie auf den folgenden Fotos.

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