Schlagwort-Archive: Neuveril

Ausflug zum Anfang unserer Zivilisation

DSC_0072Wenn man von Bari aus die im weiteren Ausbau befindliche Staatsstraße 96 eine knappe Stunde in Richtung Altamura fährt und dort scharf links abbiegt, erreicht man nach weiteren 15 Minuten auf der Strada Statale 99 die Stadt Matera. Dann befindet man sich im Grunde genommen schon in Basilikata und nicht mehr in Apulien, aber das soll an dieser Stelle nicht stören. Matera ist für jeden Apulienbesucher auf jeden Fall einen Abstecher Wert. Wegen ihrer „Sassi“ (Steine), wie die Höhlensiedlung der Altstadt genannt wird, steht Matera nämlich schon seit 1993 auf der Liste des Unesco Weltkulturerbes. Im Jahr 2019 wird die einstige „Schande Süditaliens“ sogar Kulturhauptstadt des Jahres sein.

DSC_0099Das Flüsschen Gravina hat hier in den unzähligen Jahrhunderten auf seinem Weg in den Abgrund steile Hänge gegraben, in deren Kalksteinwänden sich Höhlen bildeten, die den Menschen bereits vor mehr als 2000 Jahren Unterschlupf boten. Solche Felsenhöhlen kann man noch auf der gegenüberliegenden Seite der Gravina-Schlucht sehen. Auf der Seite Materas wurden die Höhlen irgendwann mit Wänden versehen und muten von außen wie übereinandergetürmte Würfelhäuser aus dem Bausteinkasten an.

DSC_0113IMG_2456Wer auf historischen oder filmischen Pfaden weilt, der kommt in der sich langsam mit Bed & Breakfasts, Souvenirläden, kleinen Restaurants und Werkstätten wiederbelebenden Geisterstadt voll auf seine Kosten. So filmte Mel Gibson große Teile seiner „Passion Christi“ hier und erst im letzten Februar wurden Teile der Neuverfilmung von „Ben Hur“ (soll in diesem Jahr in die Kinos kommen) mit Morgan Freeman in Matera gedreht.

DSC_0091Bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, waren die Sassi noch mit Menschen und Nutztieren bewohnt, die oft unter einem Dach lebten. Die daraus resultierenden, katastrophalen hygienischen Zustände in der Siedlung, deren Anfänge bis in die Jungsteinzeit zurückgehen, machte es nötig, dass die Menschen aus den Sassi in neue Wohnhäuser umgesiedelt wurden. In der Nähe der kleinen Felsenkirche San Pietro findet man einen Wegweiser zum „Casa Grotta di Vico Solitario“, einem Haus, das wie in der Zeit vor der Umsiedlung eingerichtet ist und ahnen lässt, wie es sich in Matera gelebt haben muss. Leider begann mit der Umsiedlung auch der Zerfall der Höhlenwohnungen von Matera. Erst in den 80er Jahren erkannte man, welchen Schatz, man mit dieser einzigartig umfangreichen Höhlensiedlung eigentlich in Händen hält und begann mit umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen, die wohl auch in vielen Jahren noch nicht abgeschlossen sein werden.

TorbogenInzwischen gibt es entlang der ordentlich gepflasterten Straße, die dicht am Abgrund entlang und dann mitten durch die Sassi hindurch führt, sowie in ihren verschlungenen Nebenstraßen mit steilen Treppen, die die Häuser verbinden, komfortable Übernachtungsmöglicheiten, Restaurants (Touristenmenü mit Vorspeise, Hauptgang und Obst ab 15 Euro), Bars, Künstlerwerkstätten, Galerien, Läden, in denen man Handwerkskunst und andere Souvenirs erstehen kann, und auch eine gut gepflegte öffentliche Toilette.

TöpferwerkstattTöpferwerkstatt2Für den Besuch der Sassi sollte man mindestens zwei Stunden, besser einen ganzen Vormittag einplanen, sowie gemütliches Schuhwerk und im Sommer auch viel Wasser mitnehmen, denn obwohl es in den Höhlen nur 15 Grad warm sein kann, wie in der Töpferwerkstatt von Giuseppe, steigen die Temperaturen in der Schlucht doch leicht bis auf 40 Grad. Gerade um die Mittagszeit sollte man die Chance nutzen, in einem Restaurant nicht nur etwas zum Essen sondern auch Schatten zu finden.

Ich denke, es gibt nur wenige Orte in Europa, an denen man sich dem Anfang unserer Zivilisation so Nahe fühlt wie in Matera. Es lohnt sich, einmal hier gewesen zu sein.