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Mission Traumwohnung 12 – Wie ich zum Verkehrs-Italiener wurde

Vorrede

IMG_20130630_154444Bis vor wenigen Tagen sah unsere sich im Renovierungsprozess befindliche Traumwohnung noch wie ein einziges Trümmerfeld aus: Kahle Wände und nackte Fußböden wurden von Canyons durchzogen, in denen neue Rohre durch die Wohnung führten. An manchen Rohren vorbei konnte man durch die Wände in angrenzende Räume oder nach draußen sehen. In den Ecken stapeltenIMG_20130630_154629 sich riesige Plastikbehältnisse mit Schutt und kaputten Fliesen. Was nicht in die Behältnisse passte, war zu formschönen Haufen in diversen Zimmerecken zusammengefegt worden. Auf der Terrasse türmten sich die ausgebauten Sanitärstücke, lange und kurze Rohre und die Porenbetonreste des ehemaligen Kamins.

Mit den Worten „Wir sind jetzt vorest fertig.“ hatten sich die Hydrauliker und Elektriker verabschiedet und gemeint, dass es nun an den Mauern wäre, die Wände neu zu verputzen und die Canyons im Fußboden zu schließen. Da diese jedoch noch auf einer anderen Baustelle beschäftigt waren, ruhten die Arbeiten in unserer Traumwohnung mal wieder – bis uns schließlich am Dienstag Vito, der Obermaurer, anrief und sagte: „Am Donnerstag haben wir einen Leiterwagen. Besorgt ihr uns mal die Genehmigung von der Stadtpolizei, ein Parkverbot aufzustellen, damit wir nicht die Straße blockieren müssen.“

Die einfache Varriante der Parkraumbeschaffung und warum sie nicht in Frage kam

„Wofür wollt ihr denn da eine Genehmigung?“, entgegnete ein findiger Polizist Luigi am Dienstagabend auf der Wache der „Gemeindepolizei“ („Polizia Municipale“). „Parkt doch einfach am Abend zwei Autos hintereinander und, wenn der Leiterwagen am nächsten Morgen kommt, fahrt ihr sie wieder weg.“ Der Mann musste Erfahrung mit Umzügen haben, denn das klang einfach und gut; zu einfach wie sich herausstellte. „Wir kommen aber mit zwei LKWs – dem Leiterwagen und dem Auto, mit dem wir die Baumaterialen vom Sanitärmarkt holen“, sagte Vito später am Telefon. „Dafür reicht der Platz von zwei PKW nicht aus.“ Also musste doch eine Genehmigung her, mit der wir den Parkraum der Einbahnstraße vor unserem Haus zur Parkverbotszone erklären konnten.

„Warum kommt ihr denn damit auf die letzte Minute?“, fragte uns Mittwochfrüh um acht die Polizistin auf der Gmeindepolizeiwache. „Der Kollege, der das macht, hat sich für zwei Tage krank gemeldet und der andere ist heute in Triggiano unterwegs.“ Nachdem Luigi ihr erklärt hatte, dass er mit diesem Anliegen schon am Vortag sofort, nachdem er davon erfahren hatte, auf der Wache gewesen war, wurde die Frau Polizistin etwas freundlicher und meinte: „Ihr müsst erstmal zum Rathaus ins Zahlbüro! Dort erhaltet ihr ein Formular. Das füllt ihr aus und kommt damit wieder her. Lasst euch alles von der Frau dort erklären. Die hat Praxis und weiß Bescheid. Ich bin für solche Sachen eigentlich gar nicht verantwortlich.“

Die Parkschweinwerdung I

Zum Glück ist Triggiano nicht sonderlich groß. Aber an einem Tag mit über 30 Grad, möchte man nicht mehrmals durch die halbe Stadt laufen, denn die „Polizia Municipale“ ist vor ein paar Jahren vom Rathausplatz in die Periferie umgezogen. Daher waren wir froh, dass wir mit dem Auto unterwegs sein konnten. Wir fuhren also zum Rathausplatz. Nachdem wir diesen in zehn Minuten mehrmals umrundet hatten, ohne einen Parkplatz zu finden, sagte Luigi: „Halte doch einfach hier auf dem Zebrastreifen.“ „Nein“, entgegnete ich. „Das ist verboten.“

IMG_20130630_154328Ich ließ ihn aussteigen und setzte zur nächsten Runde an. Als ich wieder vor dem Rathaus angekommen war, war ein Stückchen Parkplatz frei, das jedoch auf ein Auto hochgerechnet mit seiner zweiten Hälte einen halben Zebrastreifen einnehmen würde. Bevor ich noch abwägen konnte, ob ich ein halbes Parkverbot mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, hupte es schon nachdrücklich hinter mir. Ich murmelte leise ein paar italienische Vokabeln aus dem Anfängerschimpfkurs und sah im Rückspiegel, dass das Auto hinter mir links blinkte, vermutlich um genau in meine halbe Parklücke zu fahren. Kurzentschlossen setzte ich also den Blinker und parkte ein, statt vorbeizufahren. Der Fahrer im Auto hinter mir rief etwas aus dem Fortgeschrittenenschimpfkurs. Dann hupte er noch einmal erbost und fuhr weiter. „Stehe halb auf dem Zebrastreifen an der Rathausecke“ simste ich an Luigi und hoffte bangen Herzens auf seine Rückkehr, bevor ein „vigile“ („Stadtpolizist“) mich von meinem Parkplatz vertreiben oder mir vielleicht gar ein Knöllchen ausstellen würde.

Nach erstaunlich kurzer Zeit kam Luigi mit dem besagten Formular zurück. Die Stadtpolizistin von der Wache hatte freundlicher Weise im Zahlbüro angerufen und Bescheid gesagt, dass wir kommen würden und das Dokument dringend bis zum nächsten Tag haben müssten. „Okay. Fahren wir also zurück zur Statdpolizei und holen uns die Unterschrift“, meinte ich erleichtert und parkte aus. „So schnell geht das nicht“, zerstörte Luigi jedoch sofort meine Illusion. „Jetzt müssen wir erstmal zu einer ‚tabaccheria‘ (Tabakladen) fahren, um eine ‚marca da bollo‘ zu kaufen. Damit müssen wir dann wieder zurück zum Rathaus fahren und das Dokument ins Protokollbüro bringen.“

„Wie?!“, entfuhr es mir entsetzt. „Wieder zurück zum Rathaus, wo es nicht mal Parkplätze gibt? Also ich stell‘ mich nicht noch einmal in eine halbes Halteverbot! Ich habe schon vorhin Blut und Wasser geschwitzt, weil ich Angst hatte, dass ein Polizist vorbei kommt.“ Doch Luigi schaffte es einmal mehr, mich zu beruhigen und versicherte mir, dass wir später bestimmt einen Parkplatz finden würden.“

Als wir auf Triggianos Hauptstraße, den Corso Vittorio Emanuele, abbogen stellten wir fest, das dieser inzwischen wegen Rohrverlegunsarbeiten halbseitig gesperrt worden war. Super! Das bedeutete, dass unsere Rückweg gezwungenermaßen durch die engen Gassen der Altstadt führen würde. Doch zunächst galt unser Interesse immer noch dem Tabakwarengeschäft, in dem man nicht nur Rauchwaren, Süßigkeiten und Lottoscheine kaufen, sondern auch Gebühren an den Staat für offizielle Dokumente damit bezahlen kann, dass man sich eine „Gebührenmarke“ mit dem entsprechenden Wert kauft und auf das Dokument klebt.

Die Relativität von Einbahnstraßen

Auch an der Tabaccheria dauerte es länger einzuparken, als die Marke für rund 15 Euro zu kaufen, und schon schlängelten wir uns eine schmale Gasse entlang zur nächstbesten Altstadtstraße in Richtung Rathaus. Rechts von uns parkten die Fahrzeuge der Anwohner, so dass ich Luigi bat, den Seitenspiegel einzuklappen. Links von uns erhob sich um zwanzig Zemtimeter der Bürgersteig und, obwohl wir uns in einer Einbahnstraße befanden, stand plötzlich nach einer Kurve ein Auto vor uns und begehrte, in Gegenrichtung vorbeigelassen zu werden. Ich stand auf der Bremse und starrte dem Fahrer des anderen Wagens mit irrem Blick in seine Augen. „Na, du Idiot musst doch spinnen!“, entfuhr es mir auf Deutsch. „Mhm, sexy!“, entgegnete Luigi wenig hilfreich. Der andere Fahrer steckte den Kopf durch die Scheibe. „Das hier ist eine Einbahnstraße!“, schrie ich ihm zu. „Das steht von der anderen Seite aus nicht dran!“, rief der mittelalte Mann zurück und setzte hinzu. „Park doch da hinten ein und lass mich vorbei!“ Boah! Es war warm! Ich war veschwitzt!! Der unselige Rathausplatz stand uns noch bevor, und nun sollte ich auch noch rückwärts parallel in einer Ministraße einparken, in der man nicht mal richtig links einschlagen konnte!!! Ehrlich, ich weiß bis heute nicht, wie ich in diese Parklücke gekommen bin, aber es funtkionierte. Der Fahrer des anderen Fahrzeugs wies noch einmal darauf hin, dass er immer in diese Richtung durch die Straße fahren würde, weil es von der anderen Straßenseite gar keine Einbahnstraße wäre, grüßte freundlich, wünschte mir einen schönen Tag und fuhr vermutlich dem nächsten Ahnungslosen entgegen.

Überflüssig zu erwähnen, dass sich am Ende der Straße ein „Einfahrt verboten“-Schild befand. „Dieser Arsch!“, fluchte ich, während ich mir halb den Hals verrenkte, um das Schild zu erkennen. „Am liebsten würde ich ihm das Schild über den Schädel ziehen, bis er kapiert hat, was ‚Einfahrt verboten“ bedeutet.“ Luigi grinste mich erneut breit an und meinte: „Ich verstehe zwar nichts von dem, was Du sagst, aber es hört sich gut an.“ Widerwillig musste ich lachen. Wir zwängten uns durch eine weitere Altstadtstraße und erreichten wieder den Rathausplatz.

Die Parkschweinwerdung II

Nach zwei vergeblichen Runden Rathausplatzumkreisen und einer ebenso wenig erfolgreichen Parksplatzssuchefahrt in zwei Nebenstraßen, ließ ich Luigi aussteigen und parkte dieses Mal genau auf dem nächstbesten freien Zebrastreifen, von denen sich drei in geringem Abstand direkt vor dem Rathaus befinden. „Stehe auf dem mittleren Zebrastreifen.“ simste ich an Luigi, kurbelte zwei Fenster herunter, damit Luft durch das Auto ziehen konnte, und lächelte das Grüppchen von diskutierenden Opas auf der Bank unter dem Baum neben mir entschuldigend an. Dann überlegte mir, was auf Italienisch heißt, dass ich auf meinen Freund warte, der nur schnell einen Stempel im Rathaus abholen und sofort wiederkommen würde. Doch in den fünfzehn Warteminuten kam niemand, der mich von meinem Platz vertreiben wollte. Zu den Opas auf der Bank hingegen gesellte sich ein weiterer Opa mit einem Mofa und sie begannen ein Kartenspiel. Als Luigi wieder ins Auto eingestiegen war und ich ausparkte, hielt bereits ein anderes Auto hinter mir und setzte den Blinker.

Die Verkehrs-Italienisierung

Noch bevor wir uns in Richtung Stadtpolizeiwache auf den Weg machen konnten, rief Vito, der Maurer an, und sagte, er wäre in zehn Minuten bei unserer Wohnung, um die Parkverbotsschilder abzuladen und uns zu erklären, was wir auf die Hinweistafel schreiben sollten. Also ging es zunächst zu unserer Wohnung, die natürlich in der entgegengesetzten Richtung lag und selbstverständlich schaltete die doofe Ampel genau auf Rot, als wir an der Reihe waren. Ich gab‘ Gas. „Hey, du fährst ja plötzlich wie ein Italiner!“, rief Luigi und schloss seine Finger um den Haltegriff über dem Fenster. „Na, und?“, entgegenete ich. „Hinter mir sind noch zwei rübergefahren. So rot kann es also gar nicht gewesen sein.“ Mein Verkehrsgewissen hatte ich offensichtlich inzwischen ausgeschwitzt.

Da die Parkplatzsituation bei unserer Wohnung genauso fatal wie überall in Triggiano und mein Geduldsfaden bereits sehr dünn war, ersparrte sich Luigi jeglichen Kommentar, als ich rückwärts in eine Einbahnstraße fuhr, um hinter dem ersten Auto einzuparken. Danach mussten wir noch ein ganzes Stück zu Fuß laufen, um schließlich die Schilder in Empfang nehmen zu können. Wir stellten sie an die entsprechenden Straßenecken und rissen die alten Hinweiszettel ab, damit niemand in Verwirrung geraten konnte. Anschließend quetschten wir uns mit dem Auto zurück durch die schon beschriebene Altstadtgasse, in der uns dieses Mal niemand entgegen kam, und fuhren zur Stadtpolizeiwache. Dort war der zweite Verantwortliche für Parkverbotsunterschriften, der seiner Unterschrift unter die Unterschrift der Protokollbürobeamtin setzten musste, immer noch nicht aufgetaucht. Die Polizistin überlegte ein wenig hin und her und machte dann eine Kopie von dem Dokument. „Hier fahrt schon mal zurück ins Zahlbüro und lasst euch den Schein für die Zahlung der Gebühren an die Gemeinde ausstellen. Wenn ich den Kollegen gefunden habe, lasse ich ihn unterschreiben. Seht zu, dass ihr bis um eins mit der Quittung wiederkommt, denn dann schließen wir.“

„Nee, oder?!“ quieckte ich entsetzt, als Luigi wieder ins Auto sprang und meinte, wir müssten schnell noch einmal zurück zum Rathaus fahren. „Das gibt’s doch nicht! Da kommen wir doch gerade her!“ Aber Luigi sah mich so entnervt an, dass ich nicht länger glauben konnte, dass er vielleicht scherze.

Inzwischen war es elf geworden. Nach drei Stunden Stadtverkehr in Triggiano fuhr ich direkt und ohne langes Parkplatzsuchkreisen auf den mittleren Zebrastreifen vor dem Rathaus. Nach zehn Minuten war Luigi wieder da und meinte, die Beamtin hätte ihm aus Gott-weiß-welchen Gründen nur 28 statt 56 Euro Gebühr aufgebrummt, und nun müssten wir zur Post fahren, um diese dort zu bezahlen. Obwohl die Post nur 10 Minuten Fußweg vom Rathaus entfernt lag, konnten wir das Auto schlecht auf dem Zebrastreifen stehen lassen. Also kurvten wir erneut über den Corso zurück, auf dem die halbseitige Sperrung mit Genehmigung zur Einfahrt von der gesperrten Seite für Anwohner inzwischen so großzügig ausgelegt wurde, dass sich zwei Verkehrspolizisten eingefunden hatten, die mittelmäßig erfolgreich versuchten, etwas Ordnung in das entstandene Chaos zu bringen. Minutenlang ging gar nichts mehr.

Trotzdem erreichten wir die Post unversehrt an Leben und Auto. Wir mussten nach dem obligatorischen Nummernziehen auch nur zwanzig Minuten warten, bevor wir unsere Zahlung leisten konnten, und da sich unser Auto nun schon fast von allein durch die bekannten Altstadtgassen lenkte, kamen wir relativ entspannt bei der Stadtpolizeiwache an. Mit völlig abgeschaltetem Gehirn stellte ich mich auf den Statdpolizistenparkplatz direkt vor deren Wache und ließ Luigi die letzte Unterschrift auf dem nun vollständig ausgefüllten Dokument abholen. Als er durch die Tür wieder nach draußen kam, winkte er freudig mit den Papieren. „So,“ sagte er dann, „jetzt müssen wir das Ganze nur zurück zum Rathaus bringen.“ „Nee!“, sagte ich. „Dann fährst du jetzt! Ich kann nicht mehr. Mir tut der Kupplungsfuß weh.“

IMG_20130630_154407Doch Luigi grinste und meint: „Das geht auch morgen noch. Ich mache das am Nachmittag. Hauptsache ist erstmal, dass WIR die Genehmigung haben. Wenn sich also jemand morgen bei der Stadtpolizei beschwert, dann wissen die, das alles in Ordnung ist und wir bezahlt haben.“ Wie wunderbar! Wir schafften es sogar noch vor dem Mittagessen die Hinweise an den Parkverbotsschildern anzubringen, auf denen geschrieben stand, das am 27.6. von 7 bis 17 Uhr nicht vor dem Haus geparkt werden durfte. Mission erfüllt. Der Leiterwagen und die Baumaterialien konnten kommen.

Nachrede

IMG_20130630_154524Zwei Mit-Triggianesen müssen sich gedacht haben, dass unsere transportablen Parkverbotsschilder nur ein Scherz wären. Sie parkten gnadenlos am nächsten Tag auch nach 7 Uhr auf unseren 20 bezahlten Parkraummetern. Da die beiden nicht einmal direkt hintereinander standen, mussten sowohl der Leiterwagen als auch der Baumaterialtransporter mitten auf der Straße stehen bleiben, die damit nicht mehrIMG_20130630_154556 passierbar war. Maurer Vito erzählte uns von Hupkonzerten und Flüchen, doch er habe es nicht übers Herz gebracht, die Stadtpolizei zu rufen, welche die Autos theoretisch abschleppen lassen hätte können. Trotzdem landeten Fliesen, Kies, Zement und andere Baumaterialien am Ende auf unserer Terrasse, so dass die Bauarbeiten am nächsten Tag weitergehen konnten.

Nackte Geschichte – Castel del Monte

IMG_20130607_194210Etwa eine Autostunde nordwestlich von Bari entfernt in der Nähe von Andria, reckt sich von einem bewaldeten Hügel aus eine mysteriöse Burg in den apulischen Himmel. Sie ist weithin zu sehen und trägt den so einfachen wie klingenden Namen “Castel del Monte” (Schloss des Hügels). Das Mysteriöse bezieht das Kastell aus seiner einzigartigen Bauweise mit einer achteckigen Grundfläche, mit jeweils einem IMG_20130607_202357achteckigen Turm an jeder Ecke und einem ebenso achteckigen Innenhof, in dem sich auch ein achteckiger Brunnen befunden haben soll, der heute nicht mehr vorhanden ist. Von Weitem sieht es wie ein kompakter, drohender Betonklotz aus. Erst wenn man näher kommt, erkennt man, dass der Sandstein, aus dem es gebaut wurde, eigentlich weiß bis rötlich ist und das Kastell die Form einer massiven Krone besitzt.

IMG_20130607_221714Noch bevor man mit dem Auto auf die Straße, die direkt zu einem kleinen Parkplatz vor der Burg führt, einbiegen kann, weist jedoch ein freundlicher Mitarbeiter des Tourismusbetriebs darauf hin, dass man sich auf einen etwas weiter entfernten, großen Parkplatz begeben solle, um von dort mit einem Busshuttle die letzten Meter den Berg hinaufzufahren. Das Shuttle ist in der Parkgebühr mit inbegriffen, aber man kann natürlich trotzdem laufen, was sich zumindest für eine Strecke anbietet. Nur so hat man die Möglichkeit, ein wenig Pinienduft zu schuppern und sich die Füße zu vertreten. Nicht zufällig befinden sich auf dem Parkplatzareal auch diverse Bars, deren verführerischer Kaffeeduft bereits ab neun Uhr über den Platz zieht.

IMG_20130607_202638Da das Kastell im 17. und 18. Jahrhundert als Rückzugsort für Hirten und Wegelagerer diente und alles, was nicht niet- und nagelfest war, weggetragen wurde, tritt es dem Betrachter heute praktisch nackt gegenüber. Daher dauert die Besichtigung auch IMG_20130607_194011nicht viel länger als eine Stunde, wobei man schon gemächlich durch alle Räume schreiten und sich alle Ausstellungstafeln über die Geschichte durchlesen muss. Doch auch Nacktheit hat seinen Preis. So wird bei Betreten der Räumlichkeiten noch einmal kassiert (fünf; ermäßigt drei Euro).

IMG_20130608_105314Der Stauferkaiser Friedrich II., dessen immense Bedeutung für Apulien an anderer Stelle in diesem Blog noch einmal gehörig gewürdigt werden muss, ordnete Mitte des 13. Jahrhunderts die Erbauung dieses Gebäudes mit seinem außergewöhnlichen Design an. Nicht auf Verteidigung angelegt seiend ist es mit schmalen Lüftungsschächten statt Schießscharten ausgestattet. Das einstige Prunktor IMG_20130607_194054war nur mit einem Fallgitter statt mit einem Torgraben und einer schützenden Zugbrücke versehen. Dafür gibt es sanitäre Anlagen, die – man könnte es fast modern nennen – von der Dachzisterne aus mit fließendem Wasser gespeist wurden, und große Kamine in Räumen, deren Fensternischen mit Steinbänken versehen sind, von denen man einen herlichen Blick über das Umland bis zum Meer genießen kann.

Trotzdem sind sich die Forscher nicht einig darüber, welchem Zweck das Gebäude gedient haben soll. Für ein Repräsentationsgebäude wäre es demnach auf seinem Hügel viel zu weit ab vom Schuss gewesen. Der Ausbau der Stadt Foggia zum Regierungssitz ließe auch diese mögliche Funktion eher zweifelhaft erscheinen. Die Verwendung des Oktagon und anderer mathematischer Spielerein, sowie die dadurch entstehende Form einer Krone weisen allerdings auf eine symbolhafte Funktion hin. Wer sich im Detail dafür interessiert, sollte die zahlreiche Spezialliteratur dazu wälzen (eine Auswahl weiter unten). In meinem Lieblingsapulienführer von Ekkehart Rotter erfährt man beispielsweise, dass man sogar mit Toren, die nach Osten statt nach Westen weisen, den damaligen Papst ärgern konnte, was Friedrich gern getan hat, da er mit Päpsten wegen seiner pro-orientalischen Haltung und seiner wissenschaftlichen Forschung, die auf Naturbeobachtungen statt auf dem Bibelstudium basierte, auf Kriegesfuß stand und für seine wenig katholische Lebensweise auch mehrere Male exkommuniziert wurde.

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Man weiß nicht, ob Friedrich II. sein Bauwerk jemals genießen konnte. Sicher ist jedoch, dass die Anjou, welche die Stauffer nach Friedrichs Tod in Apulien besiegten und das Land an sich rissen, Castel del Monte gehässiger Weise bis ans Ende des 13. Jahrhunderts als Verlies für Friedrichs Nachkommen und deren Getreue benutzten. Danach wurde es zum Prachtbau für festliche Anlässe umfunktioniert und sah mehrere Hochzeiten in der Anjou-Familie. Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man das „Castel del Monte“ gerade noch vor dem Verfall bewahren. Heute hingegen steht es auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO und versetzt jährlich zahlreiche Touristen mit seiner Imponenz und die Wissenschaftler mit den Details seiner Bauweise in Verzückung.

Ich persönlich finde, dass das Castel del Monte darüber hinaus auch ein schöner Anlaufpunkt für ein Picknick ist, welches man vor oder nach einem Besuch in der ferneren Umgebung mit Blick auf die Burg genießen kann. Dazu passt dann hervorragend ein leichter Rosewein mit dem Namen des Kastells, der hier in der Gegend produziert wird. Prost Historie!

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Castel del Monte – Das Wichtigste in Kürze (stand 1.6.2013):

Wie hin?

Entweder über die A 14 (von Bari bis Abfahrt Andria 3,40 Euro; freie Bahn) oder die SS 170 (stark befahren, daher auch nur für nervenstarke Fahrer geeignet) von Bari nach Andria und dann der guten Ausschilderung folgen.

Wann offen?

April – September: 10:45 Uhr – 19:45 Uhr (letzter Einlass 19:15 Uhr)

Oktober – März: 9:00 Uhr – 18:30 Uhr (letzter Einlass 18:00 Uhr)

Kosten?

Parken: 5,00 Euro pro Fahrzeug für Parkplatz und Shuttlebus

Eintritt: pro Person 10 Euro (genaue Angaben siehe Internetseite hier)

Weiterlesen?

Leo Bruns – Hohenstaufenschlösser. Königstein i. Ts., 1942
Hanno Hahn, Albert Renger-Patzsch – Hohenstaufenburgen in Süditalien. Ingelheim, 1961.
Walter Hotz – Pfalzen und Burgen der Stauferzeit. Darmstadt, 1981
Stefania Mola – Castel del Monte. Bari, 1992.
Stefania Mola – Castel del Monte. Bari, 2011.
Stefania Mola – Führung durch das friederizianische Apulien. Bari, 1994.
Stefania Mola – Apulien – Die Schlösser. Bari, 2007.
Lorenzo Capone – Puglia – Castelli e Torri. Lecce, 2006.
Wulf Schirmer – Castel del Monte. Mainz, 2000.
Pietro Petrarolo – Castel del Monte. Andria, 1981.
Clemente Manenti, Markus Bollen – Burgen in Italien. Köln, 2000.
Raffaele De Vita – Castelli, torri ed opere fortificate di Puglia. Bari, 2001 (4. Auflage).
Birgit Wagner – Die Bauten des Stauferkaisers Friedrichs II. – Monumente des Heiligen Römischen Reiches. Berlin, 2005.

http://www.stauferwissen.eu

weitere Berichte über Stauferkastelle auf MeinApulien

Castello Svevo die Bari

Stauferkastell in Trani

Stauferkastell in Gioia del Colle

Der mit dem Wolf spricht – Papst Francesco

Am Mittwoch gegen 19:20 Uhr kam Maria in Luigis Zimmer gesprungen und fragte mit freudestrahlendem Gesicht ganz augeregt, ob wir ES uns auch gerade ansähen. Der neue Papst wäre gewählt worden. JETZT SCHON! Doch da wir der Meinung waren, es müsse nun wirklich nicht in allen vier Fernsehern einer italienischen Wohnung das gleiche Programm zur selben Zeit laufen und den Papst bekämen wir auch noch früh genug zu sehen, blieben wir bei unserem Film. Ohnehin hatten die Papstwähler den Zeitpunkt ihres Spektakels massenwirksam auf die italienische Abendbrotzeit gelegt, so dass wir gezwungenermaßen noch eine ganze Weile mit dem katholischen Freudentaumel beim Essen beschallt wurden.

„Was hat der Papst eigentlich schon mal für dich getan?“, frage ich Maria, die kaum ein Minütchen auf ihrem Stuhl stillsitzen kann. Sie sieht mich verständnislos an, wird jedoch von der Mitteilung, dass nun das Licht im Zimmer hinter dem Papstbalkon angehe, abgelenkt und dreht sich wieder zum Fernseher um. Die Menge auf dem Petersplatz beginnt telegen zu toben wie in einem Fußballstadion. Nahaufnahmen vom Balkon und von Menschen, die wie verrückt in die Kamera winken. Sprechchöre ertönen. Ich schlage Maria vor, den Sitzplatz mit mir zu tauschen, damit sie das Gerät nicht im Rücken hat. Sie lehnt ab, gibt mir jedoch keine Antwort auf meine ketzerische Frage. Offensichtlich gilt immer noch der Spruch: Frage nicht, was dein Papst für dich tun kann, sondern frage, was du für deinen Papst tun kannst.

Da hatte man früher ganz andere Optionen als heute. Was waren das noch für Zeiten, als man schwertschwingend durch das Morgenland reiten und im Namen Gottes und des Heiligen Vaters Türken abschlachten konnte bzw. von diesen abgeschlachtet wurde! Ich lese gerade einen historischen Roman, der zur Zeit der Kreuzzüge spielt. Wenn einem der Papst als solcher da nicht unsympathisch wird, dann weiß ich auch nicht. Aber ich will nicht unfair sein. Die Kreuzzüge liegen schon ein paar Jahre zurück und der Mensch im Kostüm ist inzwischen ein völlig anderer. Doch obwohl der Einfluss des Papstes auf die europäische Großwetterlage nicht mehr so gewaltig ist wie zu der Zeit, als er noch Könige herumkommandieren konnte, sieht an einem Tag wie heute trotzdem die ganze Welt auf einen verräucherten Mummenschanz wie diesen. Der gute Mann und die Seinen können sich immer noch wirkungsvoll in Szene setzen. Bei jedem Wackeln an den päpstlichen Gardinen geht ein Raunen durch die Menge. Wieder pfeift und und johlt es aus dem Fernseher in die Küche hinein. Pasquale verschwindet zurück auf sein Sofa vor den großen Fernseher. Maria nimmt seinen Platz mit der besseren Sicht vom Küchentisch auf den kleinen Küchenfernseher ein.

Als auch Luigi endlich mit dem Essen fertig ist, tritt der Ansager hinaus auf den Balkon und jammert etwas ins Mikrofon. Während ich noch überlege, ob man im Vatikan keine Halsschmerztabletten kennt, hebt der Geräuschepegel der Masse enorm an und mir wird klar, dass das kein Gejammer sein soll. Im Gegenteil, die frohe Botschaft wird eben verkündet: Habemus papam. Wir haben einen Papst? Wohl eher: Habent papam. Sie haben einen Papst. Marias Augen glänzen. Sie sieht richtig erleichtert aus. Pasquale guckt in die Küche und sagt: „Er ist alt. Francesco. Habt ihr’s gehört.“ Er hatte sich einen Papst in den 60ern gewünscht.

Als nun der neue Papst Francesco endlich auf den Balkon tritt und sich gefühlte 10 Minuten feiern lässt wie ein Popstar, bevor er zu reden anhebt, ist auch Maria zufrieden und beginnt, die Teller in den Abwasch zu räumen. Während das Geschirr klappert und ich mir Notizen für diesen Blogbeitrag mache, läuft im Hintergrund die Papstansprache. Ich höre nur mit einem halben Ohr hin, aber Luigi erzählt mir, dass der Papst allen, die seiner Rede im TV, am Radio, im Netz und wo auch sonst gelauscht haben, ihre Sünden vergeben hat. Vermutlich wurde mir nur halb vergeben, aber ehrlich: Francesco ist mir total sympathisch, hab‘ ich doch unlängst in meinem Italienischlehrwerk anhand der rührenden Geschichte vom bösen Wolf, den Francesco d’Assisi, Namenspatron des neuen Papstes, mit pädagogisch wertvollen Worten und einem Kreuzzeichen gezähmt haben soll, die zwei Vergangenheiten Passato Remoto und Passato Prossimo auseinanderzuhalten geübt. Man muss abwarten, ob der neue Francesco ähnlich Wundersames vollbringt. Wölfe gäbe es genug auf dieser Welt; besonders viele im Schafspelz.

Wie auch immer ich denke, diese geübten Zeitformen werden in Bezug auf den neuen Papst auch eine Investition in die sprachliche Zukunft sein, denn er geht schon stramm auf die 80 zu. Ich gebe ihm fünf Jahre, in denen er die typisch krumm gebeugte Papasthaltung annehmen und weiße Haare bekommen wird, und in zehn Jahren hat dann Berlusconi wieder die Chance auf das Amt (oder mindestens eine Menge kostenlose Publicity in diesem Zusammenhang), falls er sich dann nicht gerade erneut mit einem läppischen Augenleiden im Krankenhaus vor einem seiner Prozesse versteckt.

Soweit mein Bericht aus der katholischen Gefahrenzone… Jetzt muss ich doch gleich mal Luigi fragen, ob die Absolution des neuen Papstes nur für vergangene Sünden gilt. In dem Fall sollte ich mir die Ansprache vielleicht sofort noch einmal bei Youtube ansehen.

Schneeketten in Triggiano, Bunga-Bunga im Vatikan und Schifezze in San Remo – ein Wochenrückblick

„Mit“ statt „Ohne“ – Fastenzeit 2013 

“Was machst du denn den ganzen Tag?”, fragt meine Oma mich am Freitagmorgen am Telefon. Gute Frage und gar nicht so einfach zu beantworten. Als Sozialschmarotzer macht man eigentlich nichts und trotzdem bin ich den ganzen Tag beschäftigt. Langsam beginne ich zu verstehen, warum sich deutsche Dauerhartzis nicht zu Tode langweilen, wovon ich irrtümlich in meinem früheren Leben als verantwortungsvolle Abteilungsleiterin sowie eigenheimverwöhnte Gartenverantwortliche ausgegangen bin. Statt also wie in den letzten Jahren erkältungszeitbedingte Überstunden zu schrubben und zu überlegen, wann ich Zeit zum Verschneiden der Obstbäume finden werde, nutze ich die Stunde vor dem Mittagessen, um angeregte von „Frau Schreibblockades“ Fastenzeitaktion „7 Wochen MIT“ eine alte Gewohnheit wieder aufzunehmen und täglich einen Spaziergang durch Triggiano zu machen.

Schneeketten

IMG_20130217_151003Nach dem gestrigen Regentag, der die schlechten Straßen in Flüsse und die Fußwege in glitschige Schlitterbahnen verwandelt hatte, kämpft sich heute den ganzen Vormittag immer wieder eine strahlende Sonne durch die Wolkendecke. Daniele vom KFZ-Zubehörladen in unserem Häuserblock steht auf einer wackeligenIMG_20130217_133938 Leiter und befestigt ein gelbes Werbebanner über seiner 
Ladenfront. Darauf steht viersprachig in grünen Lettern „Schneeketten“ geschrieben. Der Optimist! Ich bin gespannt, ob ich in diesem Winter noch Schnee sehen werde. Doch die Straßen sehen auch winterlos inzwischen genauso schlimm aus, als hätten sie eine mehrmonatige Frostperiode mit minus 25 Grad durchgestanden.

 

Familienbande

Auf der Hauptstraße, dem Corso Vittorio Emanuele, herrscht rege Betriebsamkeit. Da gegen dreizehn Uhr Mittag gegessen wird, sind die Hauptverkehrsadern praktisch verstopft. Die meisten Süditaliener machen über Mittag zwei bis drei Stunden Pause. Sie fahren nach Hause, essen und machen ein Nickerchen. Gegen fünf werden die Läden wieder geöffnet und das öffentliche Leben nimmt bis 21 Uhr seinen Lauf.

Nach einem halben Jahr Dauergastsein muss ich mich nicht mehr völlig den strengen Regeln von Marias Gastfreundschaft unterwerfen. Das bedeutet zwar trotzdem, dass ich ungefähr das Doppelte von allem zu essen bekomme wie Luigi, aber auch dass ich durchaus gelegentlich den Besen schwingen oder die Wäsche von der Leine nehmen darf. Sie droht mir auch keine Prügel mehr an, wenn ich in Windeseile das Frühstücksgeschirr beseitige, sobald sie zum Einkaufen ausgegangen ist. Wir haben also mehrere stillschweigende Übereinkünfte geschlossen. Wenn sie jedoch ab 11 Uhr mit dem Mittagessen beschäftigt ist, verwandelt sich die Küche in ein Schlachtfeld, das von niemandem mehr betreten werden darf, bis die Teller aufgehört haben zu klappern.

Triggiano Piazza di Comune, Corso Vittorio EmanueleVermutlich werfen alle Frauen von Triggiano ihre Männer um diese Zeit aus dem Haus, denn man sieht sie in Grüppchen an Straßenecken und vor dem Rentnerkartenspielclub schwatzen. Auch auf den gemauerten und gefliesten Bänken auf der Piazza di Comune diskutieren sie lautstark und halten ihre Nasen in die Sonne. Die wenigen Frauen, die mir begegnen, eilen mit Einkaufstüten die Straße entlang. Eine Mutter zieht ihr Kind hinter sich her, das sie wahrscheinlich gerade aus seiner Betreuungseinrichtung abgeholt hat. Die meisten Kindergärten haben nur vormittags geöffnet. Um ihr Kind in einer Schule unterbringen zu können, die bis 16 Uhr geöffnet hat, musste Luigis Cousine ihre Tochter in Bari einschulen. Doch in Süditalien sind die Familiestrukturen noch intakt. Während die jungen Mütter arbeiten gehen, kochen die Omas für die ganze Sippe das Mittagessen und passen nachmittags auf die Enkelkinder auf.

Rücktrittsskandal und Musikfestival

Worüber man aktuell auf der Pizza diskutiert, ist leicht herauszuhören. Der Rücktritt des Papstes hat für mehr Aufruhr gesorgt als die anstehenden Wahlen. Auch an unserem Esstisch wurde darüber spekuliert, welche Intrigen im Vatikan stattgefunden haben könnten, die den Papst zum Rückzug gezwungen haben. Meine persönliche Theorie ist die folgende und basiert auf der Beobachtung, dass die Männer, sobald sie Papst geworden sind, in jedem Jahr um gefühlte zehn Jahre altern. Schon nach wenigen Jahren Amtszeit sind sie schlohweiß und können tief gebeugt gerade noch einmal pro Woche am Sonntag ihren zitterigen Arm heben, um ein Kreuz anzudeuten. Ratzinger hat das nach acht Jahren nun endlich erkannt. Deshalb flieht er aus der vatikanischen Raum-Zeit-Anomalie, um nicht schon in ein/ zwei Jahren die biblische Theorie des Jenseits überprüfen zu müssen. Für mich ist das absolut nachvollziehbar.

Berlusconi PapaIch finde, dass Berlusconi sich um das frei werdende Amt bewerben sollte. Ein paar Bunga-Bunga-Partys würden diesem drögen Männerhaufen bestimmt gut tun. Als Papst hätte Berlusconi dann sicher auch die nötigen finanziellen Mittel, um den Italienern wie kürzlich im Wahlkampf versprochen, die Steuern auf ihre erste Behausung zurückzuerstatten. Wahrscheinlicher wäre jedoch, dass er sich wie Dagobert Duck in die Geldkammer des Vatikans begäbe und jeden Tag ein Goldbad nähme, bis ihn ein Herzinfarkt dahinraffte oder er an einer Münze erstickte.

Allerdings hat „Papa Ratzi“ eine günstige Stunde gewählt, um abzutreten, denn das zweite Großereignis der vergangenen Woche, das seinen Rücktrittsskandal massiv überschattet, ist das Festival des italienischen Liedes in San Remo. „La più schiffosa cosa che ho mai visto! Veramente una porcheria!” – “Die ekelhafteste Sache, die ich je gesehen habe. Wahrlich eine Sauerei!” (O-Ton Maria nach nur täglich zehn Minuten der Liveübetragung an zwei von insgesamt vier Festivalabenden). Da sich Luigis sämtliche Verwandte entweder bisher schlicht geweigert haben, sich das Ereignis im Fernsehen anzusehen oder, wenn sie es getan haben, sich darüber beschwerten, wie monoton der Moderator, wie ungelenk, schlecht angezogen und schrillstimmig die Moderatorin, wie unsinnig die Texte und unbegabt die Sänger gewesen seien, habe ich persönlich den Eindruck gewonnen, dass sich dieser Wettbewerb in seiner bestehenden Form ungefähr so überlebt hat wie der Eurovision Song Contest.

Schade, denn ich mag den Song „La prima volta (che sono morto)“ („Das erste Mal, das ich gestorben bin“) von Simone Christicchi. Der stimmliche Vergleich mit Max Raabe hinkt sicherlich, aber sie haben die Reminiszenz an die Musik der großen Entertainer und eine gewisse Verschmitztheit im Text gemeinsam. Auch der Song „La canzone mononota“ („Das einnotige Lied“) von Elio e le Storie Tese zeigt musikalische Handwerkskunst und ein ironisches Augenzwinkern, wenn der Sänger dem Publikum singend erklärt, wie ein monotones Lied abwechslungsreich gestaltet werden kann. Doch was kann man Besänftigendes entgegnen, wenn die Nachkriegsgeneration das italienische Fernsehen im Hinblick auf ihre Fernsehgebühren und die Verwendung der Mittel für Musiksendungen verdammt, auch wenn zwischen sechs und 13 Millionen italienischer Zuschauer diese durchaus sehen wollen? Richtig. Nichts. Man geht einfach spazieren.

Altstadtimpressionen

triggiano2Wie schnell doch die Zeit bei so einem Spaziergang vergeht! Schon stehe ich mitten in der Altstadt von Triggiano. Ich liebe sie aus genau den gleichen Gründen, aus denen Luigi sie abschreckend findet. In den engen Straßen können kaum zwei Autos aneinander vorbei fahren. Daher sind die meisten von ihnen Einbahnstraßen; manche Gassen sind so eng, dass man sie nur mit Motorrollern befahren kann. Ich nehme die einzige frisch restaurierte Straße der Altstadt unter die Füße. In ihren Bordsteinen sind kleine runde Lampen installiert worden, die ab Sonnenuntergang diffuses Licht auf die Fahrbahn werfen. Von den Häusern bröckelt jedoch an vielen Stellen demonstrativ der Putz auf den neuen Gehweg, als wolle er den unnatürlich ordentlichen Eindruck wieder korrigieren.

Die Altstadthäuser sind dreistöckig gebaut. Meist ist ein Stock auch ein Raum. Die mit Gardinen verhängten, häufig weit geöffneten Eingangstüren geben bei jedem Windstoß unfreiwillig den Blick auf einen häufig fensterlosen Raum im Paterre frei, in dem sich das Tagesgeschehen abspielt. Auch hier hört man jetzt das Klappern von Kochtöpfen und Geschirr der italienischen Mammas oder Nonninas, während sich Jugendliche auf dem Fußweg lagern und mit ihren Handys spielen. Auf einem kleinen gepflasterten Platz, den die Einwohner mit Pflanztrögen gesäumt haben, um die sie sich in Eigeninitiative kümmern, toben ein paar Jungen mit ihrem Fußball. Zwei rundliche Omas mit vorgebundener Schürze unterhalten sich lautstark im Dialekt.Vielleicht erzählen sie sich gegenseitig, was es bei ihnen an diesem Tag zum Mittag geben wird. In der Altstadt ist man nie unbeobachtet. Die Nachbarn hören und sehen sowieso alles. Da kann man es ihnen auch gleich freiwillig erzählen. Natürlich falle ich auf. Doch statt mich misstrauisch zu beäugen, werde ich von wildfremden Menschen freundlich gegrüßt.

Kontraste

Als ich die Altstadt verlasse, stehe ich sofort wieder auf einer der Hauptverkehrsadern von Triggiano. Motorenlärm und Hupgeräusche dröhnen mir in den Ohren. Ich bin froh, als ich unseren Wohnblock erreicht habe, denn der Lärm der Stadt macht mich immer noch nervös. Daniele hat inzwischen zusätzlich zu seinem gelben Werbebanner einen Din A4-Ausdruck in seinem Schaufenster angebracht: „Schneeketten ab 35 Euro“. Mal sehen, ob ich mich irgendwann traue, ihn danach zu fragen, wie viele er tatsächlich verkauft hat.