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Von uralten Kirchen und ländlicher Architektur II – Symbolhaftes

Nachdem das Erkunden des „Dolmen San Silvestro“ wegen eines hohen Zaunes ausfallen musste, hatten wir uns auf den „Percorso delle Chiese e Architetture rurali“ zwischen Giovinazzo und Terlizzi begeben. Dieser bietet nicht nur die Möglichkeit, sein fahrtechnisches Können auf verschiedenen Untergründen und engen Straßen unter Beweis zu stellen, sondern auch eine immense Erweiterung geschichtlicher und religiöser Kenntnisse. Leider ist der Weg nicht ganz „rund“, so dass wir nach der Ansicht von „Santa Lucia“ den Rückweg einlegen mussten.

Zum ersten Mal traf ich auf eine „pajara“ mit begrüntem Dach.

„Padre Eterno“ oder auch „Santa Maria di Corsignano“

Doch natürlich führte unser Weg nur ein kleines Stück zurück, bis wir die Straße in Richtung der Kirche des „Ewigen Vaters“ („Padre Eterno“) einschlagen konnten. Wir kamen an fleißigen Bauern, die ihre Olivenbäume zurückschnitten, und mehreren Pajaren, einer Art Hütte in historischer Trockenbauweise mit kreisförmiger Grundfläche, vorbei. Wir entdeckten auch eine enorme Kapelle aus der jüngeren Zeit und machten dann schon von Weitem den Kirchturm aus, welcher einst ein Benediktinerinnenkonvent markierte. Recherchen ergaben später, dass die Kirche zu Unrecht „Padre Eterno“ genannt wird und eigentlich „Santa Maria“ geweiht ist. Das Konvent fungierte während der Pest im 15. Jahrhundert als Lazarett und wurde danach von den Nonnen verlassen. Eine Ikone der Heiligen Maria, die im 12. Jahrhundert zu den Benediktinerinnen kam, als Saladin die Christen aus Jerusalm vertrieb, wurde aus dem Konvent in die Kathedrale von Giovinazzo gebracht, und so fiel das Gebäude im Hinterland der Vergessenheit und dem Zahn der Zeit anheim. Im 18. Jahrhundert tat ein verhängnisvolles Erdebeben den Rest, sodass sich heute nur noch die Kirche mit ihrem stolzen Turm gegen das Vergessen wehrt.

Die Kirche „San Basilio“, deren Ursprünge vermutlich bis ins 6. Jahrhundert zurückgehen, verfällt zur romantischen Ruine. Symbol für den Werdegang dessen, wofür sie steht?

Die dritte Kirche auf dem Rundweg hat weniger Glück. Während in „Padre Eterno“ kürzlich Restaurationsarbeiten durchgeführt wurden, die sogar antike Fresken ans Licht brachten, verfällt „San Basilio“ aus dem Hochmittelalter im Moment zu einer romantischen Ruine. Die Straße an der sie liegt, heißt gewiss nicht von ungefähr „Cava della volpe“ (Fuchsbau), denn hier sagen sich wirklich nur noch Fuchs und Hase „Gute Nacht“. Dennoch war ich extrem begeistert. Endlich ein Monument, in das man auch den Fuß setzen konnte – selbst wenn man vorsichtig sein sollte. Die Mauern des baufälligen Gebäudes mit rechteckiger Grundfläche und einer Kuppel in der Mitte haben Jahrhunderte, vielleicht sogar mehr als ein Jahrtausend überdauert. Wer ist wohl schon alles durch die niedrigen Tür geschritten? Was haben die, welche das Gotteshaus hier errichtet haben, gesehen, wenn sie aus den Fensternischen geschaut haben? Warum war es ihnen überhaupt wichtig, sich ausgerechnet hier niederzulassen, wo weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist und Giovinazzo ohne Auto doch sicher erst in mehreren Stunden zu erreichen war?

Der sonnige Frühlingstag, die schummrige Atmosphäre im entkernten Inneren der Kirche, die Vegetation, die sich über das Dach hermacht… das alles lässt viel Raum für Fantasie; vor allem für Schauerromantik. Wissenschaftler hingegen leiten aus dem Namen „San Basilio“ ab, dass das Gebäude möglicherweise sogar auf das 6. Jahrhundert zurückgeht, als Basilianermönche nach Italien kamen und nach den Regeln Baslius‘ des Großen zu leben begannen. Wie dem auch sei, bis zum 16. Jh. ist für San Basilio nichts dokumentarisch verbürgt und, wer weiß, wie viele Touristen sich tatsächlich bis dorthin vorwagen, um noch Dokumente wie diesen Blogbeitrag zu schaffen.

Viele können es bis heute jedenfalls nicht gewesen sein. Ein gutes Stück des Wegs weiter trafen wir auf ein kleines Häuschen vor dem sich ein gebeugter Mann auf seinen Krückstock stützte und grüßend die Hand hob, als wir uns näherten. „Seid Willkommen hier auf meinem Land“ – schien die Geste sagen zu wollen, aber ebenso „Seht, wie ich euch Gutes will, und lasst auch mich in Frieden.“ An dieser Stelle verhinderte ich, dass Luigi den Mann nach dem Weg fragte. Irgendwo würden wir schon herauskommen und eine richtige Straße finden. Dessen war ich mir sicher. Nur kurz hatte ich Visionen von anderen Ausflügen mit ähnlichen Gewissheiten und Ausgängen, die heute noch Legenden sind. Doch da trafen wir tatsächlich schon auf Asphalt und erkannten die Straße zwischen Giovinazzo und Terlizzi wieder, die uns zum Dolmen geführt hatte.

Vom Rücksitz, auf dem meine Mutter saß, die einige der besagten Legenden kannte, drang ein hörbar erleichtertes Schnaufen an mein Ohr, und Luigi verlangte nun rigoros unsere Rückkehr in die Zivilisation. Also führten wir doch noch „Plan B“ aus und fuhren nach Giovinazzo, um einen Altstadtbummel in dem idyllischen Hafenstädtchen zu unternehmen.

Von uralten Kirchen und ländlicher Architektur I – Jungfrau Lucia

Den Anfang verpasst? Hier geht’s zum gescheiterten Dolmenbesuch.

Zwischen dem Örtchen Giovinazzo sowie seinen Nachbarstädten Terlizzi und Bitonto befinden sich 260 ausgeschilderte Kilometer u.a. auf engen Straßen und heimeligen Schotterpisten, die mitten im Nirgendwo sehenswerte Orte verbinden. Dazu gehören auch die 55 km zwischen Oliven und Steinmauern, die wir nach unserem vergleblichen Besichtigungsversuch des „Dolmen di San Silvestro“ dem Percorso delle Chiese e Architetture rurali folgend eingeschlagen hatten.

Nach wenigen Metern sollten wir bereits links zur Kirche „Santa Lucia“ abbiegen. Die Mäuerchen rückten noch enger zusammen als vorher. Ausweichen oder wenden war nur noch in Einfahrten möglich. Aber wer wollte schon wenden?! (Luigi und meine Mama) Doch da kam gleich die nächste Abzweigung. Und kein Schild. Wir entschieden uns für die nach links führende Straße, weil uns auf der anderen im Frühlingswind winkendes Unkraut drohte grüßte.

Und nun offenbarte sich uns auch die besondere ländliche Architektur, die das touristische Schild uns verheißen hatte: vor einer halb zerfallen Laube spannte sich ein leicht zerfetztes Sonnensegel zwischen Olivenbäumen auf und beschattete ein Sammelsurium von Kisten, etwas, das wohl einmal eine Hollywoodschaukel gewesen sein musste, und teilweise zerscherbte Gefäße aus Glas und Keramik. Über die Olivenbäume hinweg erkannten wir jedoch den unbeglockten Turm einer Kirche und ahnten, dass wir die erste Etappe geschafft hatten, ohne uns festzufahren oder stecken zu bleiben.

Auch um die Kirche herum fanden wir, ganz in der Tradition des umzäunten Dolmens, einen besonders hohen und zudem bewachsenen Zaun vor.

Die Kirche „Santa Lucia“ präsentierte sich dann auch tatsächlich und zwar  in unerwartet modernem Gewandt als kompakter Steinblock aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Eine Tafel wies jedoch darauf hin, dass die Ursprünge dieser von der ländlichen Bevölkerung bis heute genutzten Kirche bis ins 11. Jahrhundert zurückgehen. Natürlich findet man so einen Bau im JWD („janz weit draußen“) nicht geöffnet vor. Ein neugieriger Blick durch die Fenster offenbarte jedoch einen für katholische Kirchen ungewöhnlich schmucklosen Innenraum mit nüchternen Holzbänken und einem ebenso einfachen Altar. Eine Skulptur stellt die heilige Märtyrerin Lucia aus Syrakus dar, nach der die Kirche benannt ist.

Als religiös wenig bewanderte Person musste ich mich natürlich darüber informieren, wer diese Lucia denn gewesen sei. Wikipedia sei Dank bin ich nun um einen Alptraum, den ich an dieser Stelle gern mit meinen geneigten Lesern teile, reicher. Inmitten der lauschigen Olivenhaine bei Giovinazzo gedenkt man demnach einer eingeschworenen Jungfrau, die weder eine strenge Mutter, noch ein Bräutigam oder ein Ochsengespann, welches sie auf Richtergeheiß in ein Bordell überführen sollte, noch „verschiedene Martern“ dazu bewegen konnten, ihrer „Jungfräulichkeit um Christi Willen“ abzuschwören.

Nun gut, wir wissen, dass Geschichten dazu neigen, aufgebauscht zu werden, je öfter man sie erzählt. Vielleicht ist das mit den herausgerissenen Augäpfeln also etwas weniger wahr als der Stich in den Hals, mit dem man sie schließlich getötet haben soll. Jedenfalls fanden wir an dieser Stelle doch eine Einfahrt, in der wir wenden konnten – gerade rechtzeitig bevor uns ein relativ großer LKW entgegenkam, der Holz geladen hatte.

wird fortgesetzt