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Unendlicher Sandstrand und wieder ein Türmchen – Torre Chianca

Strand bei Lecce. Unendliche Weiten. Wir schreiben Ende September.

Während unserer Küstenfahrt in der Nähe von Lecce im Salento stießen wir immer wieder auf mehr oder weniger gut erhaltene Türme. Auch der Wachturm von Torre Chianca gehörte zur Wachturmkette, mit der man im Gefahrenfall schnell die ganze Küste alarmieren konnte. Das war aufgrund von Piratenangriffen seit der normannischen Zeit, bei denen ganze Küstenstädte geplündert und ihre Bewohner in die Sklaverei entführt wurden, auch bitter nötig.

Das meine ich, wenn ich von „glasklarem Wasser“ spreche.

Der Turm von Torre Chianca markiert denn auch einen der beliebtesten Strände nur 20 Autominuten von Lecces Zentrum entfernt. Nördlich von hier, in Richtung Brindisi, schließen sich kilometerlange Sandstrände an, die wie für Familienurlaub gemacht sind. Glasklares Wasser, das nur sehr flach abfällt, lässt Kinder ungestört plantschen und Eltern entspannt die weißen oder goldenen Sandstrände genießen. Auch Angeln, Krebsfischen oder Strandwanderungen werden hier gern ausgeübt. Über eine schmale Küstenstraße und Sommerwohnsiedlungen kommt man immer wieder auf noch schmaleren Einbahnstraßen mit dem Auto bis an die Dünen heran. Allerdings nur in der Nebensaison. In der Hauptsaison rollt die Blechlawine und man muss u.U. recht weit vom Wasser entfernt (wild) parken.

Noch ein Tipp: Von der zauberhaften Abtei Santa Maria di Cerrate ist der weitläufige Strand nur einen Steinwurf entfernt.

San Cataldo – Baden zwischen römischen Ruinen

Etwas mit dem Apulien niemals geizt, sind Wasser und Strand. Auf ca. 800 km Küste findet sich fast überall ein Zugang zum Meer. Besonders beliebt bei Wasserratten ist der Salento, ist die Region, die den Stiefelabsatz bildet, doch bis auf seine nördliche Grenze von Meeren umgeben. Bisher habe ich Andria-Strände wie den romantischen Roca Vecchia oder die einladenden Buchten von Melendugno vorgestellt, die außerhalb von Ortschaften liegen. Doch es wimmelt an der Küste nur so von Badeorten, welche im Winter wie ausgestorben daliegen und im Sommer von Touristen und Einheimischen mit Zweitwohnung am Meer geradezu überschwemmt werden.

Zu ihnen gehört auch San Cataldo, das man nur 11 km vom Hauptort des Salento, der barocken Stadt Lecce, entfernt findet. Hier lagerten selbst Ende September noch so viele Personen am Strand, das man ihn „voll“ nennen konnte. Natürlich gibt es auch hier klares Wasser und ein paar Felsen. Was den Strand mitten in der „Stadt“ jedoch einzigartig macht, sind die Mauerreste eines Hafens, der unter dem römischen Kaiser Hadrian einst ungleich bedeutender war als heute. Diese werden leider immer mehr von den Wellen verschluckt, sodass ein Foto wie das hier vielleicht bald nicht mehr möglich sein wird.

Was macht man sonst in San Cataldo? Nicht viel. Hierher kommt man nur zum Ausruhen und Baden. Ein kleiner Hafen lockt Bootstouristen. Ein paar kleine Geschäfte, Supermärkte, Pizzerien und Restaurants bieten während der Sommerfrische alles, was Urlauber brauchen, wenn sie nicht gerade am Wasser liegen oder die gut ausgebaute Strandpromenade entlang flanieren. Von November bis März versinkt die Stadt dann wieder in einen feuchtkalten Winterschlaf. Kein Problem für uns. Der September mit seinem Sommerausklang war perfekt für einen Abstecher nach San Cataldo. Der Frühling und Frühsommer dürften mit ihrer gemäßigten Wärme für Mitteleuropäer ebenso geeignet sein. Allerdings ist das Wasser dann noch nicht so warm.

Wo baden die Wagemutigen?

Auf dem Absatz des italienischen Stiefels lohnt es sich, alle paar Hundert Meter anzuhalten und einen Blick auf das Meer zu werfen. Über den Strand von Roca Vecchia, der mich wegen seines pittoresk auf einem Felsen mitten im Wasser zerfallenden Wachturms beeindruckt hat, habe ich schon begeistert berichtet. Dank seiner Ausgrabungsstätte genießt er einen höheren Bekanntheitsgrad.

Doch auch nördlich von Melendugno, etwa 20 Autominuten vom Zentrum von Lecce, wurde zwischen den schroffen Felsen immer wieder Sand zu einem kleinen oder größeren Strand angeschwemmt, so dass sich urplötzlich Badebuchten mit malerischem Blick auf Felsen eröffnen, die ihre Schönheit der beharrlichen Erosion verdanken. Über heruntergebrochene Stellen (gefährlich!) oder in den Fels gehauene Treppchen (weniger riskant) gelangt man ans Wasser hinunter. Während Davide in die Fluten abtauchte und sein Vater ein wachsames Auge auf ihn hatte, konnte ich mir den Strand erwandern und mich gar nicht am wunderbaren Grünblau des Wassers satt sehen.

Aus der Ferne grüßte auch hier ein Wachturm herüber, derer zahlreiche entlang der apulischen Küste stehen, weil sie in früheren Zeiten wesentlicher Bestandteil einer Nachrichtenkette waren. Die wohlhabenden Hafenstädte wie Otranto waren nämlich im 16. Jahrhundert begehrte Opfer von Piraten. Über die Wachturmkette konnte mit Rauchzeichen Hilfe angefordert und die Bevölkerung der Umgegend gewarnt werden.

Wenn ich mir die Fotos so betrachte, dann möchte ich gleich wieder in dieses glasklare Blau eintauchen. Mit einem Piratenangriff braucht man im Moment wahrscheinlich nicht zu rechnen.

Lecce – Im Herzen des Salento

Der elegante Domplatz im Herzen der Altstadt mit seiner Kathedrale leuchten golden im Licht des Sonnenuntergangs.

Gute eineinhalb Auto- oder Schnellzugsstunden südlich von Apuliens Provinzhauptstadt Bari, mitten auf dem Hacken des italienischen Stiefels befindet sich die Stadt Lecce, die fast synonym für die Region Salento steht. Das historische Zentrum der Stadt ist eine Aneinanderreihung von überwiegend bereits restaurierten, architektonischen Perlen im spanischen Barock neben einem Schloss aus dem 16. und den Ruinen eines römischen Amphitheaters aus dem 2. Jahrhundert. Kurz vor dem Sonnenuntergang scheinen die reich dekorierten Gebäude aus weiß-gelbem Tuffstein wie mit Gold übergossen. Wen wundert es da, wenn Lecces Zentrum gerade zu diesem Zeitpunkt zum Leben erwacht.

Abendliches Altstadtleben

Während es im Juli und August mit hoher Luftfeuchte und über 40 Grad tagsüber unerträglich heiß werden kann, sodass ein Aufenthalt an der östlich gelegenen Adria oder dem westlich gelegenem Ionischen Meer definitiv angenehmer ist, strömt man nach dem üblichen Mittagsschläfchen abends in die Lecceser Altstadt und führt neben seiner gerade erworbenen Sommerbräune (oder dem Sonnenbrand) auch flatterige Oberteile, minimalistische Sandaletten und schicke Handtaschen aus. Da trifft es sich gut, dass sich außer den Touristen nicht nur kleine Boutiquen und Souvenirläden, sondern vor allem Bars, Eisdielen und Restaurants dicht an dicht drängen. Auch wer Menschenmassen sonst scheut, sollte sich dieses besondere Flair mit Gauklern und Straßenmusik nicht entgehen lassen.

Überhaupt unterscheidet sich Lecce durch seinen hoch aufstrebenden Baustil wesentlich von den orientalisch angehauchten, weißen Städten wie Ostuni, Cisternino oder Locorotondo wo sich kleine Quaderbauten an niedrige Hügel schmiegen. Lecces Gassen bieten immer wieder Einblicke in verspielte Ecken sowie Ausblicke auf kleine und große Plätze. Sie sind geschmückt mit von kunstfertigen Steinmetzen reich verzierten Türmchen und Fassaden. Mit Hilfe seiner Universität hat sich Lecce jedoch auch ein quirliges, junges Leben in seiner Neustadt bewahrt, sodass sich auch außerhalb der historischen Altstadt nicht Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Das ist vor allem wichtig zu wissen, wenn man sein Quartier aussucht. Es muss nicht unbedingt eines der zahlreichen B&Bs der Altstadt sein.

Kastell Karls des V.

Im Urlaub etwas Kultur? Das Stadtschloss lohnt sich definitiv zu besichtigen. Für 3 Euro gibt es einen menschlichen Führer und einen Audio-Guide. Man kann einen Film über die Ursprünge des im 16. Jahrhundert, in welchem Lecce als Verwaltungszentrum zu einer gewissen Größe und Bedeutung aufstieg, umgebaute, ursprünglich normannischen Kastells sehen. Beeindruckend und gruselig zugleich ist der finstere Kerker, in dessen Wände die Gefangenen über die Jahrhunderte ihre Zeichen und Namen eingeritzt haben. In einem anderen unterirdischen Gewölbe hat man im zweiten Weltkrieg kleine Fahrzeuge versteckt und deshalb Beleuchtung angebracht, wie unser Führer uns verraten hat, als wir ihn auf die vorsintflutlichen Kabel an den Wänden angesprochen haben. Die oberen Räume des Schlosses werden heute für kulturelle Veranstaltungen und Kunstausstellungen genutzt.

Lecceser Traditionshandwerk – Figuren aus Pappmaché

Das besagte Kastell beherbergt außerdem ein Pappmaché-Museum, das einen Einblick in das Jahrhunderte alte, traditionelle Handwerk der Herstellung der filigranen Figuren aus Stroh, Keramik und Papier bietet. Während man durch die Schlossräume wandelt, kann man Kunstwerke und Werkzeuge aus den letzten drei Jahrhunderten bewundern und auf Infotafeln jede Menge Wissenswertes nachlesen. Natürlich gibt es vor allem in der Altstadt von Lecce noch Werkstätten, in denen man Pappmaché-Figuren kaufen kann. Nicht zuletzt findet hier der wahrscheinlich berühmteste Weihnachtsmarkt Apuliens statt, auf dem hauptsächlich Pappmaché- und Keramikfiguren für Weihnachtskrippen zu finden sind – die „Fiera di Santa Lucia“ immer vom 8. bis zum 24. Dezember.

Noch ein beliebtes Souvenir

Kleine Glocken werden in Süditalien und besonders im Salento gern als Glücksbringer verschenkt. Die Tradition geht auf eine Sage zurück, dernach einem bettelarmen Schäferlein sein einziges Schaf verloren gegangen war. Nachdem er es lange Zeit vergeblich gesucht hatte, hörte er plötzlich den Klang eines Glöckchens. Dem Geräusch folgend fand er sein Tier. Es steckte jedoch in einer tiefen Felsspalte fest. Plötzlich erschien der Heilige Michael, der zunächst das Schaf rettete und danach dem Schäfer eine kleine Glocke schenkte, welche er um den Hals getragen hatte. Von diesem Tag an wendete sich das Schicksal des armen Schäfers und alle seine Wünsche gingen in Erfüllung. Ob das auch mit Glocken funktioniert, die nicht vom Heiligen Michael verschenkt wurden, muss man selbst ausprobieren.

Nicht nur für den Sommerurlaub

Der dem Stadtheiligen Sankt Orontius gewidmete Platz wird von den Ruinen eines Amphitheaters dominiert. Leider wirken die massiven Gebäude aus der Neuzeit dem Atem der Geschichte entgegen.

Während die meisten Apulier die historischen Must-Sees von Lecce wie das Schloss, die Piazza Sant’Oronzo, das Amphitheater, den Dom etc. genau benennen können, ist das Lecceser Eisenbahnmuseum selbst unter den Einheimischen noch ein Geheimtipp. Doch nicht nur in Lecce selbst gibt es jede Menge zu entdecken. Um Lecce herum befinden sich außer traumhaften Stränden, welche im Sommer die Touristen in Scharen anziehen, noch beispielsweise die wehrhafte Stadt Acaya, römische Ausgrabungsstätten, Dolmen, eine wunderbar restaurierte Abtei und vieles mehr. Daher ist Lecce mehr als nur ein Sprungbrett zum Meer und definitiv auch in kühleren Monaten eine Reise wert.

Katze auf einer Domplatzterrasse: Die in der nahe gelegenen Kathedrale verehrte Jungfrau Maria hat offensichtlich auch ein wachsames Auge auf schlafende Katzen.

 

Ostuni 2018 – Weiß und wunderbar

Ostuni nennt man auch die Weiße Stadt. Auf den Fotos dürfte deutlich werden, warum. Hier in etwa beginnt mit dem Salento der Stiefelabsatz Italiens, was Ostuni seinen zweiten Beinamen „Tor zum Salent“ eingebracht hat. Etwa acht Kilometer östlich der 31.000 Einwohner zählenden Stadt liegt die Adria mit ihren goldgelben Sandstränden, denen jedes Jahr aufs neue 5 Segel für die Top-Qualität des Meereswassers verliehen werden.

 

 

 

 

 

 

Wir verbringen gern mal ein langes Wochenende hier und halten natürlich auch fotografisch unsere Eindrücke fest.

Mein Apulien – Dein Apulien: Die Autorin Kirsten Wulf über ihr Verhältnis zu Apulien und das Schreiben von Apulienkrimis

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Kirsten Wulf

Die deutsche Journalistin und Autorin Kirsten Wulf lebt und arbeitet nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Lecce, Apulien, seit einigen Jahren in Genua. Im Juni dieses Jahres ist ihr dritter Apulienkrimi „Vino Mortale“ im Kiwi-Verlag erschienen. Ich freue mich sehr, dass sie sich bereit erklärt hat, mir für einen Beitrag auf meinem Blog „ein paar Fragen“ zu beantworten. Obwohl es am Ende überraschend viele Fragen geworden sind, hat sie sich dennoch nicht abschrecken lassen, über ihr Verhältnis zu Apulien und ihr Dasein als Autorin zu plaudern.

Corinna: Kirsten, mein Blog nennt sich „MeinApulien“. Auch dich hat es eher ungeplant aufgrund des Jobs deines Mannes nach Lecce verschlagen. Sprechen wir also über „dein Apulien“. Wie war es für dich, in Apulien anzukommen? Wie hat sich in den sieben Jahren dein Verhältnis zu der kleinen Stadt Lecce entwickelt. Woran erinnerst du dich am liebsten zurück? Was in Apulien kannst du meinen Bloglesern ganz besonders ans Herz legen?

Kirsten: Wir sind im Winter angekommen, im Regen. Mit zwei kleinen Kindern am Ende von Italien und Italienisch fast null. Auch Lecce kann sehr kalt und finster sein. Der einzige Lichtblick war unsere frisch renovierte Wohnung in einem barocken Palazzo in der Altstadt von Lecce und der Weinhändler um die Ecke. Mein Apulien, das ist ja vor allem der südliche Zipfel, also Lecce und der Salento, der Stiefelabsatz. Wenn man erstmal in Lecce angekommen ist, dreht man sich nicht mehr um, guckt nur noch nach Süden, also 60 km weiter bis nach Santa Maria de Leuca, da endet das Land. Man fühlt sich, als ob es kein Norden gäbe. Ein Lebensgefühl wie auf einer Insel. Das war sehr schön, als es endlich Frühling wurde und so lange die Kinder klein waren, aber irgendwann rief uns die weite Welt. Genua, wo wir jetzt leben, ist ein guter Kompromiss zwischen italienischer Provinz und städtischem Leben.

Corinna: Wann ist dir die Idee für deinen ersten Krimi gekommen und wie lange hat es gedauert, diese Idee zu deinem fertigen Roman „Aller Anfang ist Apulien“ zu entwickeln?

Aller Anfang ist Apulien

Kirsten Wulf: Aller Anfang ist Apulien, Kiwi, 2013

Kirsten: Die allererste Idee kam schon im ersten Winter, ich war dort unten mit den kleinen Jungs doch sehr gebunden, jede journalistische Recherche bedeutete ja erstmal eine Tagesreise – Italien ist wirklich sehr sehr lang. Also, begann ich mich einzuleben in der Provinz, italienisch zu lernen und die lokale Zeitung zu studieren und da lagen dann bald die Geschichten und Szenen wahrhaftig auf der Straße. Was am Ende in „Aller Anfang ist Apulien“ herausgekommen ist, ist allerdings eine Geschichte, die ich immer wieder weggelegt und wieder heraus gekramt und wieder verändert habe und erst als wir nach Genua umgezogen waren, habe ich das Buch tatsächlich geschrieben. Das angefangene Rohmanuskript hätte ich beim Umzug fast mit entrümpelt, aber dann dachte ich: jetzt oder nie, letzte Chance. Und tatsächlich, ein halbes Jahr später gab es einen letzten Satz.

Corinna: Auf deinem Blog war zu lesen, dass du dich vor allem in der Endphase von „Vino mortale“ mehr mit Commissario Cozzoli als mit deinem Mann verheiratet fühltest. Nach nunmehr drei Apulienkrimis mit dem Commissario, Elena, Onkel Gigi und Co. kennst du deine Figuren sehr gut und du hast in einem Interview in der Tessiner Zeitung auch schon dargestellt, wie die Personen im Roman plötzlich ein Eigenleben entwickeln. Gab es aber auch Momente in deinem Leben, in denen die Fiktion in die Realität übergetreten ist? Welche dieser Figuren „beeinflussen“ dein wirkliches Leben am meisten? Unabhängig davon: Mit welcher Figur kannst du dich am ehesten identifizieren?

Kirsten: Wenn man sich in Italien etwas Kriminelles ausdenkt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Realität die Fiktion einholt sehr groß. Also, als ich zum Beispiel über die Feste der lokalen Unternehmer und politischen Strippenzieher mit Zwangsprostituieren in „Aller Anfang ist Apulien“ schrieb, gab es die Bunga Bunga-Geschichten von Berlusconi noch gar nicht.

Meine Personen haben fast alle irgendetwas von mir, aber sie sind auch viele andere, haben Eigenschaften, die ich bei anderen erlebt habe oder die ich mir vorstellen, nachfühlen kann. Und dann ist es wirklich so, dass sie ein Eigenleben entwickeln, während des Schreibens Dinge sagen, die ich manchmal nicht verstehe oder die erst 50 Seiten später Sinn machen. Und manchmal tauchen Personen auch einfach auf, so wie die drei Alten in der Masseria in „Vino mortale“. Die saßen da plötzlich unter dem Olivenbaum und palaverten und ich habe mich sofort in sie verliebt. Also dachte ich, gut, dann werden wir für euch eine Rolle finden. Ich.

Corinna: Das ist jetzt sicherlich eine schwer zu beantwortenden Frage, denn ich könnte mir vorstellen, dass für eine Schreibende alle Romane wie Kinder sind und man keines zurücksetzen möchte. Doch alle drei Romane behandeln neben den persönlichen Befindlichkeiten der Protagonisten ganz unterschiedliche, sehr ernsthafte Themen; angefangen mit illegaler Einwanderung und Prostitution über Aberglauben und Tradition bis hin zur Müllmafia in Süditalien. Welcher von den drei Romanen „Aller Anfang ist Apulien“, Tanz der Tarantel und Vino mortale ist aus dieser Sicht dein persönlicher Favorit und warum?

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Kirsten Wulf: Tanz der Tarantel, Kiwi, 2014

Kirsten: Gemeine Frage, aber wie mit Kindern, jedes ist anders. Also vielleicht so: „Aller Anfang ist Apulien“ markiert ja tatsächlich einen Neuanfang auch für mich persönlich. Allein deshalb: große Liebe, aber schon erwachsen. Das Buch meines Herzens, das ich schon liebte, bevor ich es geschrieben habe, ist der „Tanz der Tarantel“. Diese Geschichte habe ich bereits mit mir herumgetragen, als noch nicht ahnte, dass ich mal in Italien leben würde. In dem Buch geht es ja (auch) um die ‚Macht der Musik’, was Musik mit uns macht, wie sie uns im Herzen trifft, uns bewegt. Bei einigen Liedern heulen wir los oder werden euphorisch, erinnern uns an den ersten Kuss oder eine besondere Zeit im Leben, und wir haben keine Kontrolle darüber, dass diese Gefühle oder Erinnerungen auftauchen. Die salentinische Pizzica mit all ihren Geschichten und Mythen ist dafür ein wundervolles, bewegendes Beispiel.

Gut, und der ‚Vino mortale’, der ist mir mit der Zeit ans Herz gewachsen, wie ein Freund, den man mit der Zeit immer besser kennen- und lieben lernt.

Corinna: Ich habe in einem anderen Blogbeitrag  bereits angekündigt, dass ich dich das fragen würde, wenn ich die Gelegenheit bekäme: „Kannst du nicht dickere Romane schreiben?“ Formulieren wir den damaligen, gepeinigten Ausruf so um: Wie planst du den Aufbau deiner Romane? Könntest du auch sagen, der nächste Roman wird auf 900 Seiten angelegt oder hat der Verlag da auch ein Wörtchen mitzureden?

Kirsten: Klar, könnte ich dickere Bücher schreiben, aber das muss der Stoff ja auch hergeben. Wie viele Seiten es genau werden, kann ich vorher so ganz genau nicht sagen, eine Geschichte entwickelt sich weiter, während sie aufgeschrieben wird. Ich entwickele zunächst ein Expose für den Verlag, aber auch für mich, damit ich die Hauptpersonen, Handlungsebenen und -verlauf halbwegs klar sehe. Auf dieser Basis kann man abschätzen, ob das ein Taschenbuch mit 300-350 Seiten oder ein Wälzer wird.

Corinna: Da ich gelesen habe, dass du seit Juli schon wieder an einem neuen Roman arbeitest, interessiert mich natürlich auch dein neues Projekt. Womit wirst du dich beschäftigen und wie bist du darauf gekommen? Aber vor allem – du arbeitest auch freiberuflich für deutsche Journale wie die „Brigitte“. Du hast einen Mann, zwei Kinder, das zum Dolce Vita verführende Italien um dich herum: wie bringst du trotzdem die Disziplin auf, regelmäßig zu schreiben und dich so kurze Zeit nach dem letzten Buch schon wieder an ein neues zu setzen?

Vino mortale

Kirsten Wulf: Vino Mortale, Kiwi, 2015

Kirsten: Zwischen Manuskriptabgabe und Erscheinen eines Buches liegen ja in der Regel mindestens sechs Monate. Wenn ich also im Juli mit dem nächsten Buch starte, dann habe ich mich von den Nachtschichten im Januar und dem Lektorat erholt, lebe wieder im Tag-Rhythmus und habe den Kopf ausgelüftet. Im Juli war ich auch erstmal nur in Portugal und habe Schauplätze für das nächste Buch angeschaut – der Commissario wird sich nämlich ein Jahr ausruhen, eine andere Geschichte hat sich vorgedrängelt. Ein richtiger Roman, ohne Leiche – bislang ist zumindest keine vorgesehen.

Tja, und der Mann, die beiden Jungs, das Dolce Vita – am Anfang des Buches ruckelt die Schreibmaschinerie noch, der Verführungen sind ja so viele viele, dann tauche ich langsam ab, werde schrulliger und am Ende ist die ganze Familie mangelernährt … Bücher schreiben funktioniert, bei mir zumindest, erst, seitdem meine Kinder etwas älter sind, morgens alleine aufstehen und zur Schule traben, sich auch mal selbst einen Topf Pasta kochen und ausserdem gibt ja einen Vater dazu, der bei uns zuhause der „Wäsche-Verantwortliche“ ist. Wenn morgens keine sauberen Socken mehr im Schrank, kann ich also entspannt murmeln: „Frag deinen Vater …“ Ansonsten, mühe auch ich mich mit der Disziplin, habe tägliche Schreibzeiten, verlasse möglichst einmal am Tag das Haus, laufen, Tai Chi, schwimmen, Fahrrad fahren – kurz: in Bewegung bleiben, so lange die Beine noch laufen, läuft’s auch im Kopf leichter.

Corinna: Liebe Kirsten, ich danke dir ganz herzlich dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, um mit mir über deine Romane und Apulien zu plauschen. Ich wünsche dir allzeit zahlreiche Leser, sowie für deine zukünftigen Projekte alles Gute und viel Erfolg!

Tödlicher Wein – Sommerlektüre und Urlaubsgefühle

Vino mortale

Kirsten Wulf: Vino mortale: Ein Apulien-Krimi, Kiwi, 2015, S. 368

Seitdem ich vor ein paar Monaten auf der Internetseite der in Genua lebenden, deutschen Journalistin und Autorin Kirsten Wulf gelesen hatte, dass sie hart daran arbeite, ihren dritten Apulienkrimi bis Juni 2015 zum Abschluss zu bringen, stellte sich bei mir Vorfreude auf den Sommer ein: 30 Grad, ein Liegestuhl unter dem Sonnenschirm auf meiner Terrasse und ein spannendes Buch in der Hand. Endlich wieder mit der Fotojournalistin Elena und Commissario Cozzoli durch die engen, staubigen Straßen des Salento bei Lecce streifen, wo sich bereits seit dem ersten Band „Aller Anfang ist Apulien“ (2013) immer wieder dunkle Abgründe hinter aller Freundlichkeit, Unbeschwertheit und scheinbar naiven Provinzialität auftun.

Seit gestern steht „Vino Mortale“ nun in den Buchläden und ich habe mein etwas früher eingetroffenes Rezensionsexemplar auch extra langsam gelesen, viele Wasser- und Eiscremepausen gemacht sowie – fast passend zum Roman – meinen Weintrauben beim Wachsen zugesehen, aber trotzdem ist mein Apulienkrimisommer nach drei Tagen schon wieder vorbei. Ich weiß nicht, ob sie das hier lesen wird, aber vielleicht kann ich sie an anderer Stelle das Gleiche noch einmal fragen bzw. bitten: Liebe Kirsten Wulf, kannst du nicht dickere Bücher schreiben, per piacere!?!

Tatsächlich ist der neue Roman noch gelungener als seine beiden Vorgänger und aus diesem Grund war es ein doppelter Genuss, mit ihm eine Weile aus dem Alltag abtauchen zu können. Die Krimihandlung ist deutlich in den Vordergrund getreten, weshalb der bärbeißige, doch anhängliche Kommissar aus Rom (der meiner Meinung nach charakterlich vielschichtigste und deshalb interessanteste Protagonist) in diesem Roman einen größeren Raum bekommen hat. Ohne lange zu fackeln, geschehen nämlich gleich zwei brutale Morde, die auf den ersten und zweiten Blick nichts miteinander zu tun haben, aber im Zuge ihrer Aufklärung schließlich in einen spannenden, völlig unerwarteten Zusammenhang gebracht werden. Als treuer Leser bangt man dieses Mal besonders mit, geht es doch nicht einfach nur darum, die kriminalistische Lösung zu finden, sondern auch darum, Elenas liebenswert-chaotischen Onkel Gigi herauszuhauen, auf den allen Unglaubens zum Trotz fast bis zuletzt der Hauptverdacht für den Mord an einem überheblichen, französischen Weinexperten fällt. Dabei stehen in „Vino mortale“ der Weinanbau in Apulien oder Weine aus Apulien und deren Wert in den  Augen der Fachwelt nur scheinbar im Vordergrund.

Trotzdem wäre es sehr empfehlenswert, bei der Lektüre des Romans eine Flasche Wein – natürlich aus dem Salento – in Reichweite zu haben, denn die Autorin hat sehr sorgfältig Traubensorten und die daraus gekelterten Weine recherchiert. Da die im Roman verkosteten Tropfen auch immer wieder beschrieben werden, entsteht fast zwangsläufig große Lust darauf, den Lesegenuss mit Weingenuss zu verbinden.

Ich kann meinen geneigten Bloglesern diesen Roman also nur wärmstens als Sommerlektüre ans Herz legen, besonders wenn ihr gerade keine Möglichkeit habt, in einen Flieger zu steigen, um unter apulischen Olivenbäumen zu urlauben. Für mich persönlich ist der Roman auch wunderbar, weil anhand der Serie sichtbar wird, wie ein Schriftsteller mit jedem Buch wächst, handwerklich immer besser wird und auch seinen Charakteren zu mehr und mehr Lebendigkeit verhilft. Also von mir aus könnte es gleich Sommer 2016 werden, denn der Schluss des Romans lässt deutlich auf eine Fortsetzung hoffen.

Mehr von Kirsten Wulf auf „meinapulien“

Buchbesprechung: „Aller Anfang ist Apulien“ (2012)

Buchbesprechung: „Tanz der Tarantel“ (2014)

Interview mit Kirsten Wulf aus dem Jahr 2015