Schlagwort-Archive: San Nicola

Die Großen Sieben in Bari

Der Mai ist immer ein besonderer Monat in Bari. Zwei Tage lang feiert die Stadt jedes Jahr ihren persönlichen Schutzheiligen, den Heiligen Nikolaus, mit Umzügen, Feuerwerk und im Zweijahresrhythmus mit einer Flugshow. Auch das Oldtimer-Rennen „Gran Premio di Bari“ scheint sich zu einer festen Größe im Veranstaltungskalender zu entwickeln und auch im Umland werden die recht verlässlichen Schönwettertage des Mais für Volksfeste genutzt.

In diesem Jahr tagen jedoch heute und morgen die Finanzminister und Notenbankenchefs der sieben größten Industrienationen hier bei uns im Schloss. Damit hält der verkehrsmäßige und sicherheitstechnische Ausnahmezustand in diesem Jahr besonders lange an. Schon während San Nicola war zu spüren, dass man vorsichtiger geworden ist, wenn sich Volk zu versammeln plant. Die Feiermeile ist mit halbhohen Betonwänden abgeriegelt worden und das Polizeiaufkommen war besonders am frühen Morgen überproportional zur Anzahl der zu ihren Arbeitsstätten eilenden Normalbürger. Ein sehr merkwürdiges Gefühl… irgendwie nicht sicher, sondern eher bedrohlich.

Damit die Großen Sieben nicht zu „Sieben auf einen Streich“ werden ist die Altstadt komplett abgeriegelt worden. Nur noch Einwohner dürfen mit einem speziellen Passierschein zu Fuß die sogenannte „rote Zone“ betreten. Bereits großflächig vor dieser Altstadtzone dürfen keine Autos mehr parken. Die Müllcontainer wurden entfernt und Polizeikräfte wachen mit Argusaugen über alle, die noch neugierig herumzuschlendern wagen.

Das unangenehme Gefühl, das mich bereits während der Feiertage beschlichen hat, hat sich angesichts dieser Maßnahmen noch einmal verstärkt. Wie müssen sich erst die Anwohner fühlen, die sich einen Passierschein bei der Polizei holen mussten und nun buchstäblich auf Schritt und Tritt kontrolliert werden?

Eigentlich habe ich gedacht, dass wir hier in Bari so weit weg vom Weltgeschehen leben würden, dass Terrorismus für uns eher Theorie als Praxis bliebe. Nun erleben wir die Errichtung eines Ghettos und die damit verbundene Einschränkung unserer Freiheit aus Angst vor terroristischen Aktionen am eigenen Leibe. Sicher, am Sonntag wird wieder alles in den Normalzustand zurückversetzt werden, aber im Moment liegt eine Spannung in der Luft, die man fast greifen kann. Wenn man in die Gesichter der Ordnungskräfte sieht. Wenn man nicht zur Arbeit gehen kann, weil öffentliche Einrichtungen (Schulen, Ämter) geschlossen bleiben. Wenn man vor so einer Betonwand steht und nicht weiterlaufen darf. Und wenn alle Wege so organisiert werden müssen, dass man ein Gebiet, das zu den beeindruckensten der Stadt gehört, möglichst weiträumig umfährt.

Natürlich hoffe ich mit allen Anderen, dass diese Maßnahmen Vorsichtsmaßnahmen bleiben. Aber was die gegenwärtige Situation ganz deutlich zeigt, ist, dass die terroristischen Aktionen der jüngeren Vergangenheit bereits dazu geführt haben, dass wir freiwillig unsere Rechte einschränken (lassen). Ich glaube, vor allem die Bewohner der entsprechenden Stadtgebiete werden das Wort „Freiheit“ jetzt erst richtig verstehen lernen.

Heiliger Radsport! – Festa di San Nicola – 9. Mai

Volksfest im Schatten der Stadtmauer 

IMG_20130510_203710Der Stadtheilige San Nicola wurde am Abend des achten Mais von seinem Ausflug aufs Meer wieder an Land gebracht und hatte seinen Ehrenplatz in der mit Lichterbögen nachgestalteten Basilika auf der Piazza Ferrarese eingenommen. Damit neigten sich die kirchlichen Feierlichkeiten dem Ende zu. Aber, weil man sich an den letzten zwei Tagen so schön eingefeiert hatte, hängte die Stadt einfach noch ein großes Volksfest hintendran. Die Brötchen-, Grill- und anderen Verpflegungsstände vor der ersten Festungsmauer an der Seepromenade teilten sich die Straße mit Devotionalienständen und buntem Marktreiben. Am Tage nutzten vor allem Touristen die Gelegenheit, sich mit den Angeboten einzudecken, während sie auf dem Weg zur Basilika oder allgemein in die Altstadt waren. Sobald es dunkel wurde, waren die bancarella sul Lungomare di BariNachtschwärmer wieder unterwegs. Freunde trafen sich an markanten Ecken auf ein Schwätzchen. Man aß fritierte Polenta (Sgaliozze) oder kleine Pizzateigscheiben (Popizze), die sich während des Frittierens aufblähen und rundlich werden. Junge Familien übten sich in der Meisterschaft des Kinderwagenschiebens an Stellen, an denen eigentlich kein Durchkommen war, und zu den lateinamerikanischen Stimmungsrhythmen der Hightech-Brötchenverkaufsstände, wurde schon mal spontan auf der Straße getanzt.

Auf der Spur des „Giro d’Italia“

IMG_20130510_203510In diesem Jahr führte außerdem die sechste Etappe des dreiwöchigen Radrennens „Giro d’Italia“ just am Feiertag der Baresen von Mola nach Margherita di Savoia durch Bari. Ich bin zwar bekennender Sportmuffel und habe mir in meinem Leben bisher nur ein einziges sportliches Ereignis angesehen, aber wenn die Jungs schon durch Bari strampelten, dann wollte ich die Chance nutzen und die Atmosphäre eines solchen Großevents spüren. Dass meine Geduld mal wieder auf eine Harte Probe gestellt werden würde, war mir schon vorher klar, denn ich hatte in der hier am weitesten verbreiteten Tageszeigung „Gazetta del Mezzogiorno“ gelesen, dass die Radprofis zwischen 12:30 Uhr und 15:00 Uhr die Seepromenade passieren würden. Praktisch musste man sich also darauf einstellen, den halben Nachmittag an der Strecke zu verwarten.

Schon als ich mich gegen 12:30 Uhr dem „Lungomare“ näherte, stellte ich fest, dass die doppelspurige Straße noch stark befahren war. Immer wieder war auch einer der IMG_20130510_203304Transporter darunter, aus denen die Artikel für die Fans des Giro d’Italia verkauft wurden. Wie das „rosa Trikot“, welches sich der Gewinner am Ende der knapp 3500 km langen Tour, überstreifen dürfen wird, waren auch die T-Shirts, Basecaps, Kopfbinden und anderen Fanartikel in rosa gehalten. Komischerweise, scheint das italienischen Männern aber nichts auszumachen. Sie tragen rosa genauso gewissenlos wie lila.

Zu freundlich

IMG_20130510_203410Ich schlenderte also gemütlich in Richtung Innenstadt. Neben der Kommandozentrale der Luftwaffe, waren noch immer die Drohne und das Flugzeug der „Frecce Tricolori“ ausgestellt, die am späten Nachmittag des Vortags eine Vorführung in Flugakrobatik gegeben hatten. Vermutlich schaute ich sehr interessiert drein, denn ein freundlicher Militär fragte mich zweimal, ob er ein Foto von mir und dem Flugzeug schießen solle. Beim ersten Mal überlegte ich noch, ob auch Militärs unter Marias Anweisung fielen, niemandem den Fotoapparat zu geben, weil die Person sonst damit wegrennen würde. Die Wiederholung der Frage klang dann aber so auffordernd, dass ich nicht zu widersprechen wagte und statt dessen versuchte, nicht zu eingeschüchtert in die Kamera zu gucken. Anschließend bedankte ich mich artig und flüchtete schnell, denn neben der Flugzeugpräsentation war am Abend zuvor der Stand für die Einschreibung in die Fremdenlegion aufgebaut gewesen. Man kann ja nie wissen. . .

Männer!

Als ich endlich eine freie Bank unter einem Baum gefunden und Zeit hatte, mich in Ruhe umzusehen, bemerkte ich, dass sich die Menschenmenge inzwischen verdichtet hatte. Auf der Seeseite der Straße hatten sich ein paar ganz Fröhliche auf Holzklappstühlen niedergelassen und holten sich eine Bierflasche nach der anderen vom Brötchenverkauf, in dem das Personal eigentlich noch den Schmutz der letzten Nacht beseitigte. Ihre T-Shirts hatten sich die Männer um die Köpfe gewunden, damit ihre bleichen Bäuche in der Sonne passend zum Giro eine leichtrosa Farbe annehmen gekonnt hatten. Als jedoch einer von ihnen einen Laternenpfahl erklimmen wollte, hielt eines der zahlreichen Polizeimotorräder neben ihnen, was bereits genügte, um sie sich alle wieder auf ihre Klappstühle setzen zu lassen.

Während ich noch darüber lachte, trat ein älterer Herr auf meine Bank zu und fragte, ob er Platz nehmen dürfe. Wie die meisten Italiener in deutlich fortgeschrittenem Alter gehörte er zu der Generation, die sich in der Öffentlichkeit immer in Hemd und Krawatte zeigen und sicherlich niemals ihre nackten Bäuche in die Stadtsonne halten würden. Die italienischen Senioren lassen Frauen den Vortritt beim Ein- oder Aussteigen. Sie halten einem Türen auf, grüßen mit dem Zusatz „signora“ (Frau) oder „signorina“ (Fräulein) und fragen eben, ob sie sich zu einem setzen dürfen. Alles in allem ein sehr angenehmer Menschenschlag. Doch als unserem kleinen Schwätzchen über das schöne Wetter plötzlich die Frage folgte, ob ich verheiratet sei, antwortete ich schnell mit „nein, aber verlobt“ und musste dann ganz dringend zur Straße sprinten, um nachzusehen, ob die Radfahrer schon kämen. Meinem hastigen „Arrivederci“ rief er ein lautes „Buona giornata, signorina!“ hinterher.

Ja, wo fahren sie denn?

Es ging auf zwei Uhr zu und entlang der Straße standen die Schaulustigen nun Schulter an Schulter. „Machen Sie die Straße frei. Es folgen die Teilnehmer des Giro d’Italia! Machen Sie die Straße frei. Es folgen die Teilnehmer des Giro d’Italia!“ tönte es endlich aus einem vorbeifahrenden Auto. Entgegen der Anweisung sprangen plötzlich alle Wartenden auf die Fahrbahn, um den Ankommenden einen Blick entgegenzuwerfen. Aber es kam niemand. Jedenfalls kein Sportler. Nur eine junge Frau, die mit ihren Einkäufen am Lenkrad wie eine Verrückte das Lungomare entlangstrampelte. Sie wurde von den Wartenden beklatscht und laut angefeuert.

IMG_20130510_203144

Schließlich fuhren Begleitautos in immer dichter werden Abständen vorbei. Die Menge auf der Straße vor mir wich gen Bordstein zurück und dann folgten einem Auto auch zwei Radfahrer des Giro d’Italia, die sich offensichtlich einsam an die Spitze abgesetzt hatten. Einer von ihnen war vielleicht der englische Etappensieger Marc Cavendish. Nach ein paar Minuten kam dann eine große bunte Wolke aus weiteren Radfahrern auf uns zu, offensichtlich das Mittelfeld der Hoffnungsvollen.

IMG_20130510_203054Ich sprang vor, um ein Foto zu machen und schnell zurück auf den sicheren Fußweg, denn nun folgten wieder Autos über Autos mit zahlreichen Fahrrädern auf ihren Dächern und sicher ging es noch eine ganze Weile so weiter. Doch da ich glaubte, mit diesen Eindrücken von rasenden Nachuntenguckern heroisch genug meine Reporterpflicht

IMG_20130510_204727erfüllt zu haben, war mein temporäres Interesse an Sport auch schon dem Gedanken an die Auswahl einer der drei Eisdielen in unmittelbarer Nähe gewichen. Immerhin hieß dieser Tag „La Festa dei Baresi“ und mit einem leckeren Eis könnte ich jeden Tag irgendetwas feiern.

Bari im Ausnahmezustand – Festa di San Nicola – 8. Mai

Nachdem sich die Baresen mit dem historischen Festumzug und ihrer Seepromenade als Fressmeile am siebten Mai auf das Fest zu Ehren ihres Stadtheiligen „San Nicola“ eingestimmt hatten, wurde dann am achten Mai richtig aufgetrumpft.

IMG_20130510_160402Bereits am späten Nachmittag zeigte die Spezialstaffel für Flugakrobatik der Luftwaffe „Frecce Tricolore“ („Die dreifarbigen Pfeile“) was sie drauf hatte. Während sie Bari mit ohrenbetäubendem Lärm erfüllten und die drei IMG_20130510_160331italienischen Nationalfarben am Himmel versprühten, lenkten zehn Piloten ihre Flugzeuge zu herzförmigen Formationen oder flogen exakt aufeinander abgestimmte Loopings, kreuzten sich und schienen dem Wasser bei alledem manchmal so Nahe zu kommen, dass man den Eindruck gewann, sie würden einem gleich auf den Kopf fallen.

fuochi1

Als es dunkel wurde, füllte sich die Seepromenade und die Altstadt um die Piazza Ferrarese mit immer mehr Menschen aller Altersklassen. Während die Statue des Heiligen Nikolaus, die am Vortag in See gestochen war, im Hafen anlandete und zu ihrem Ehrenplatz auf der Piazza Ferrarese getragen wurde, wo sich auch am folgenden Tag die Gläubigen zu Gebeten einfinden sollten, trafen wir uns mit Luigis Freunden und Verwandten, um uns das Feuerwerk aus einiger Entfernung anzusehen. So hielten wir fuochi2dann also an, als uns die Menschenmassen auf der Seepromenade zu dicht wurden. Ein unerschrockener ehemaliger Schulkamerad von Luigi hingegen wollte sich unbedingt auf die Suche nach einem Stand machen, an dem es Popizze (frittierte kleine Pizzateigfladen) und Sgaliozze (frittierte Polentafladen) zu kaufen gäbe. Er verließ uns gegen neun und wir fanden ihn erst nach dem Feuerwerk gegen elf auf der anderen Seite des Hafens wieder. Dort hatte er weitere Freunde getroffen und sich verplauscht. Anschließend war es ihm nicht mehr gelungen, die dichte Menschenmenge zu uns zurück zu durchqueren.

IMG_5248

Beeindruckender als das Feuerwerk fand ich jedoch die der Basilika nachempfundene Lichtinstallation auf der Piazza Ferrarese. Am Tage hatten die weißen Holzbauten bereits interessante Muster in den blauen Himmel gefräst, aber mit der bunten Beleuchtung im Dunklen mutete das Ganze wie ein Traum aus Tausendundeinernacht an.

IMG_5249

Alle Besucher des Festes, die ich gesprochen habe, waren restlos begeistert davon. Die Stromrechnung möchte ich allerdings nicht bezahlen müssen.

IMG_5250

Inspiriert hat das Fest des Schutzheiligen auch andere Künstler, die beispielsweise vergängliche Werke mit Kreide auf der Straße schufen oder Gemälde mit „San Nicola“-Motiven verkauften.

Aber extrem verblüffend fand ich die Tatsache, dass aller Müll und Abfall bereits am nächsten Morgen wieder beseitigt waren. Die Straßenreinigung hat da ein kleines Wunder vollbracht, um die Festmeile am 9. Mai von den Radsportlern des Giro d’Italia befahrbar zu machen.

Bari steht Kopf – Festa di San Nicola – 7. Mai

Einmal im Jahr steht Bari Kopf und zwar in der Woche um den 8. Mai. An diesem Tag gedenkt man der „Rettung“ der Gebeine des Heiligen Nikolaus vor den muslimischen Seldschucken in Myra. Demnach waren die christlichen Bewohner der Stadt im Jahr 1087 bereits in die Berge geflohen, als italienische Seefahrer den Sarg des Heiligen aufbrachen und seine Überreste nach Bari brachten, wo die alten Knochen um den achten Mai herum eintrafen und bis heute in der Krypta der „Basilica San Nicola“ ihr Wunder tun sollen. Aber auch um diesen Tag herum geht es in Bari drunter und drüber.

Seit letzter Woche sind unzählige Menschen damit beschäftigt, Absperrgitter aufzustellen, die Stadt mit Lichterbögen zu schmücken, sowie den großen Festumzug, eine Flugshow mit Millitärflugzeugen, ein Feuerwerk und noch vieles mehr zu Ehren des Stadtheiligen vorzubreiten. In diesem Jahr kommt das Radrennen „Giro d’Italia“ hinzu und sorgt mit dafür, dass die öffentlichen Einrichtungen entlang der Strecke schon einen im Voraus geschlossen wurden, die Kinder zusätzlich Schulfrei bekommen haben und Eltern auch heute nicht wissen, wie sie ihre Kindergartenkinder betreuen sollen. Viele Baresen würden der Stadt und dem ganzen Rummel am liebsten entfliehen. Doch wegen der zahlreichen gesperrten Straßen gelingt es ihnen nicht.

Castello di BariWir hingegen haben es trotzdem gewagt, uns zu einigen Events ins Stadtzentrum hineinzuschlagen und unter das einheimische Volk und die zahlreichen Touristen zu mischen; natürlich nicht ohne vorher „Mamma Marias“ zahlreichen Ratschlägen zu lauschen, die sich in etwa so anhörten: „Nimm um Gottes Willen bloß kein Geld mit, keine Papiere, am besten gar keine Handtasche! Binde dir keinen Schmuck um. Und lass Luigi nicht los, sonst findet ihr euch nie wieder.“ Mit diesen und anderen Ermahnungen im Ohr sind wir also am Abend des 7. Mai in die Altstadt von Bari aufgebrochen, um uns den historischen Festzug anzusehen.

 „Sankt Nikolaus fährt zur See“

IMG_20130509_174048Dem historischen Festumzug geht alljährlich eine Feier im kleinen Fischerhafen von San Giorgio, südlich von Bari, voraus. Der Legende nach gingen dort die Kaufleute mit der Reliquie San Nicolas an Land. Heute stechen von dort aus geschmückte Fischerbote in See, welche die zuvor während einer Messe geweihte Statue des Heiligen hinaus auf das Meer bringen, wo sie bis zum nächsten Abend darauf warten muss, im Hafen von Bari wieder an Land zu gehen. Von dort aus wird sie in einer Prozession durch die Hauptstraßen von Baris Altstadt getragen und in diesem Jahr auf der Piazza Ferrarese inmitten einer spektakulären Lichtinstallation aufgestellt.

Am Abend gegen neun zogen dann kostümierte Ritter, Reiter, Fahnenschwenker, Kirchenleute, Handwerker, Edelfrauen und -männer, sowie ein auf Räder verfrachtetes Boot mit einer ikonischen Darstellung von San Nicola begleitet vom Klang zahlreicher Percussiongruppen vom Schloss ausgehend durch die breitesten Hauptstraßen von Bari. An allen Ecken hörte man auf Italienisch oder im Dialekt der Baresen das „San Nicola“-Lied, das die Kinder bereits in der Grundschule lernen.

corteo storico festa di san nicola

Sanda Nicole va pe mare,

va vestute a marenare

e meradue quant’è belle

e ca i è Sanda Nicole…

Sankt Nikolaus fährt zur See,

ist angezogen wie ein Seemann

bewundert ihn, wie schön er ist,

denn er ist der Heilige Nikolaus…

Keine Chance für schlechtes Wetter oder Kriminelle

Zu Beginn des Festzugs hattes es beinahe so ausgesehen, als wolle der Regen dem Vergnügen einen Strich durch die Rechnung ziehen. Die ersten Schirme waren bereits geöffnet und den Darstellern in ihren historischen Kleidern stand die Angst vor einem Wolkebruch buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Doch nach wenigen Minuten fing sich das Wetter wieder, was umstehende Scherzkekse dem heiligen Nikolaus zuschrieben, der seine Feier nicht ruiniert sehen wollte.

IMG_5104Maria konnten wir hinterher auch beruhigen, denn wir sahen an diesem Abend so viele Polizisten in Uniform und zivil, dass Diebe sicherlich keine Chancen gehabt haben dürften. Im Gegenteil ein freundlicher Barese in der Altstadt öffnete uns sogar ganz stolz das Tor zu seinem Refugium, als ich in fragte, ob ich den Oldtimersportwagen, an dem ich ihn durch einen Türspalt hatte werkeln sehen, fotografieren dürfe. Wenn dieses Kleinod schon fix und fahrbereit gewesen wäre, hätte ich vielleicht kurz überlegt, ob ich ihn mir einstecken solle. Doch Flucht wäre bei den Menschenmassen, durch die wir uns auf der zur Fressmeile umfunktionierten Seepromenade zu unserem Auto zurückschlagen mussten, ohnehin undenkbar gewesen. „Menschenmassen!“, lachte Luigi jedoch nur. „Warte mal ab, was morgen hier los ist! Da kannst du keinen Fuß mehr vor den anderen setzten.“

Fressmeile

Mission Traumwohnung 11 – Vorübergehend ausgehämmert

„So geht das aber nicht“, sagte der freundliche Beamte beim Bauamt zu unserer Architektin, als diese die Unterlagen für die Renovierungsgenehmigung einreichen wollte. „Dieses kleine Bad sieht mir ganz nach einem ungenehmigten, nachträglichen Anbau aus.“ … Mit diesem Satz war der Renovierungsbeginn kurz nach Ostern abgesagt. Nach nur zwei Tagen Arbeit packten die Fensterbauer ihr Handwerkszeug wieder ein und zogen ab. Nicola und seine Maurer hatten ohne Genehmigung gar nicht erst angefangen. Verständlich, dass niemand riskieren wollten, mehrere Tausend Euro Strafe zu bezahlen, da wir das Amtsschreiben nun doch nicht in ein/zwei Tagen bekommen würden. Verständlich vielleicht auch, dass ich, nachdem Luigi versucht hatte, mir das ganze schonend beizubringen, zwischen einem Schreianfall und einem Heulkrampf schwankte.

„Das kann doch nicht sein“, brachte ich dann irgendwann doch ein paar Worte hinaus und blätterte hektisch in unserem großen Traumwohnunghefter, um den Wohnungsplan zu finden, den wir beim Kauf erhalten hatten. „Bitte.“, sagte ich zu Luigi und wies auf die Zeichnung, „Hier ist das Bad doch ganz deutlich eingezeichnet und es steht sogar ‚WC‘ dran.“ „Ich kann mir das auch nicht vorstellen“, pflichtete er mir bei. „Noch dazu sind die Fliesen gleich, die Fenster, die Türen – alles wie in der restlichen Wohnung.“ Die Architektin, die am Nachmittag vorbei kam, um einen Blick auf unseren Plan zu werfen, da sie sich hinsichtlich eines Termin für die Einsicht in die Unterlagen beim Bauamt gedulden sollte, war sich trotzdem nicht sicher, ob sie diesem Plan trauen konnte. Er war auf einen Tag im Jahr 1983 datiert. Wenn das Haus eher gebaut sein sollte, könnte es sich trotzdem noch um einen angebauten Raum handeln, der nicht vom Amt genehmigt worden war. Würde sie jetzt den Antrag für die Renovierungsgenehmigung unterschreiben und sich hinterher herausstellen, dass ihre Angaben falsch gewesen seien, müsste sie die Verantwortung dafür tragen. Darauf hatte sie natürlich keine Lust. Auch verständlich.

Also war wieder einmal die berühmte Italienische „pazienzia“ angesagt; diese verlixte Ergebenheit, in die Dinge, die man nicht ändern kann, und das Warten darauf, dass irgendjemand, den man immer freundlich anlächeln muss, obwohl man ihm am liebsten in den Allerwertesten treten möchte, sich bequemt oder gar in die Lage versetzt wird, einen Handschlag für unsere Sache zu tun.

Drei Wochen nach Ostern stellte sich schließlich heraus, dass wir den Originalplan besaßen, dass unser Badezimmer kein Schwarzbau war und daher auch nicht abgerissen werden musste und, dass Nicola mit dem Abschlagen der alten Fliesen beginnen konnte. Wie üblich war dieser jedoch verschollen; dieses Mal auf einem Lehrgang in Mailand. Nach einer Woche Telefonterrors hatten wir ihn jedoch so weit, dass er unsere Nachrichten auf seiner Mailbox und die SMS nicht länger ignorieren konnte und uns anrief: Zufällig hatten seine Mannen die Arbeiten auf einer anderen Baustelle gerade beendet und zwei von ihnen konnten in unserer Wohnung mit dem Abriss anzufangen – aber nicht am Montag, dem 29. Das lohne sich nicht, denn der erste Mai sei schließlich ein Feiertag, an dem ohnehin nicht gearbeitet werden würde. Also vor Donnerstag nicht, doch er rufe noch einmal an deswegen. Das tat er dann auch – am Freitag nach dem besagten Donnerstag, um sich mit uns und seinen Angestellten am Samstag in unserer Wohnung zu treffen und ihnen zu zeigen, wo sie mit der Arbeit beginnen sollten.

Seit gestern wird nun tatsächlich offziell, d. h. mit Genehmigung und ohne weitere Verdächtigungen wieder in unserer Wohnung gehämmert. Die ersten Fliesen sind gefallen. Das erste Waschbecken liegt zerscherbt in einer Art riesigem Plastikeimer, von denen inzwischen mehrere mit Bauschutt gefüllte in unserem zukünftigen Esszimmer stehen. Doch wir wären nicht in Italien, wenn es nicht trotzdem einen Haken an der Sache gäbe: Um die Nerven der Nachbarn zu schonen, hämmern sie nur vormittags, und morgen machen sie erstmal einen Tag Pause wegen San Nicola, dem Schutzheiligen von Bari. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Altstadtbummel in Bari

Bevor das erste Heimweh mich erwischen kann, haben meine Eltern sich entschlossen, mich zu besuchen. Für meinen Vater ist es die erste Reise nach Italien überhaupt. Meine Mutter hat zwar schon im letzten Jahr ein paar Wochen hier verbracht, aber lässt sich die Chance auf ein bisschen Erholung am Stiefelhacken nicht entgehen. Natürlich sind wir auch touristisch unterwegs. Den Anfang muss Bari machen, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und gleichzeitig der Region Apulien, nach Neapel die zweitgrößte Stadt Süditaliens.

Der Zug bringt uns aus unserem Vorort Triggiano in gut fünfzehn Minuten ins ca. 15 km entfernte Stadtzentrum von Bari, wo ein großer Springbrunnen vor dem Bahnhof alle Ankommenden freundlich grüßend in Empfang nimmt. Das plätschernde Wasser der Fontäne, der blankgeputzte blaue Himmel und die mit ihren 30 Grad angenehme Julisonne machen sofort gute Laune. 

Vom Bahnhof zur Altstadt

Der im 19. Jahrhundert erbaute zentrale Stadtkern ist dem Schachbrettmuster nach planmäßig angelegt. Die Straßen kreuzen sich senkrecht und man kann sich gut orientieren. Wir wollen uns aber an diesem Tag die historische Altstadt ansehen. Darum nehmen wir vom Bahnhofsvorplatz (Piazza Aldo Moro) aus die Flaniermeile Via Sperano unter die Füße und spazieren unter den Palmen durch den Park an der Universität von Bari hindurch in Richtung Norden, bis wir den Corso Emanuele Vittorio erreicht haben. Dahinter beginnt die Altstadt „Bari Vecchia“ mit ihren ringförmig angelegten Gassen und dicht gedrängten weiß getünchten Häusern, die beinahe übereinander zupurzeln scheinen. Welch ein Kontrast zu den großzügig geplanten Jugendstilbauten der Via Sperano mit deren riesigen Schaufenstern, Markenboutiquen und auflockernden Anpflanzungen!

An der Uferpromenade entlang zur Basilika

Allerdings wenden wir uns zunächst dem Meer zu, denn wir wollen die Altstadt an der Seeseite umrunden. So können wir durch die Markthalle auf dem Piazza Ferrorese vor dem „Teatro Margerita“ und dann auf der Promenade weiterschlendern. Selbst wenn gerade kein Markt stattfindet, riecht das Marktgebäude nach reifen Früchten, Fisch und Gemüse, als hätten sich die Jahrzehnte des Gebrauchs als dauerhafte Erinnerung ins Mauerwerk eingegraben. Im kleinen Fischerhafen schaukeln die Boote bereits träge an ihren Leinen, denn die Fischer sind natürlich längst mit ihrem Fang zum Markt, den Restaurants oder zu den Fischläden unterwegs, die sie beliefern. Einige sind sogar schon wieder zurück und flicken ihren Netze.

Die Basilika des Heilige Nikolaus‘

Wir orientieren uns am Turm von San Sabino, eine der wichtigsten Kirche Baris. Als wir ihn hinter uns gelassen haben, ist es nicht mehr weit bis zur „Basilika San Nicola“. Dort wollen wir den Durchgang vom Lungomare durch die Stadtmauer nehmen und uns ins touristische Getümmel stürzen, denn der Besuch dieser wuchtigen Kirche ist einfach ein „Muss“. Die Baresen sind unheimlich stolz auf die Überreste des Heiligen Nikolaus, die hier aufbewahrt werden, seit sie diese 1087 n.Chr. aus der Türkei entführt haben. Dieses denkwürdige Ereignis wird aus Sicht der Baresen als „Heimführung“ jedes Jahr im Mai mit einer Festwoche begangen, während die Türken in Abständen bei der italienischen Regierung anmerken, dass sie den Nikolaus, der doch immerhin in der heutigen Türkei gelebt und gewirkt hat, gern zurück hätten. Aber was zählen schon die paar Lebensjahre in der Türkei im Vergleich mit der nun schon 1000 Jahre währenden Anbetung in Bari?

Typisch für Italien ist auch eine gewisse Unfertigkeit – als genüge es, immer nur das Nötigste zu machen. So reiht sich der Umbau des ehemaligen Regierungspalastes des Herzogs Roger Bursa durch den Benediktinerabt Elias in die Basilika, wie wir sie heute vor uns sehen, als weitere Kuriosität in eine lange Liste von Merkwürdigkeiten ein. Der Umbau wurde im 11. Jahrhundert begonnen und nie vollständig abgeschlossen. Es dauert eben alles etwas länger hier unten und mit den Jahrhunderten verändern sich dann auch die Geschmäcker. Solchermaßen sieht man der Basilika ihre weltliche Herkunft immer noch ein wenig an, aber das macht den klobigen Bau auch einzigartig. 

Wir treffen dort ein, als sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft einfindet und auf den vorderen Bänken sortiert, während man der sichtlich aufgeregten Braut vor der Kirchentür den Schleier auf den roten Teppich drapiert. Die Touristen verhalten sich etwas leiser als sonst. Hier und da klicken die Fotoapparate. Wir schlendern auf der rechten Seite an der Büste des Heiligen Nikolaus vorbei, durchqueren fast die ganzen 55 Meter Länge des Inneren der Basilika und steigen dann die Treppen hinunter in die Krypta. Diese hat mich schon bei meinem ersten Besuch stark beeindruckt, nicht etwa ob der viel gepriesenen 26 Säulen, von denen keine der anderen gleicht, sondern weil dort eine Kapelle den orthodoxen Gläubigen zur Verfügung steht. Während also im Parterre die katholische Hochzeit gefeiert wird, singen Orthodoxen im Keller ihre Liturgien – ein schönes Zeichen für Toleranz.

In der Krypta befindet sich auch der Schrein mit den Überresten des Heiligen Nikolaus. Übers Jahr sammelt sich darin eine Art Flüssigkeit. Diverse sicherlich kirchennahe Wissenschaftler haben ihre Meinung dazu abgegeben und die Möglichkeit, dass es Kondenswasser sein könnte, ausgeschlossen. Der gute Gläubige nennt die Flüssigkeit daher „manna“ und kauft sie den Dominikanermönchen, denen das Areal gehört, hauptsächlich bei der o.g. Ankunftsfeier mit Wasser verdünnt als Wundermittel gegen Krankheiten ab. Gerade hier im Süden ist der Glauben ein fester Bestandteil des Alltags und man muss vorsichtig abwägen, ob man lieber nur inwendig lächelt.

Ich mag Kirchen hauptsächlich ihrer Atmosphäre wegen und, weil es im Sommer darin immer schön kühl ist, aber natürlich gibt es in der Basilika auch bedeutsame Wandgestaltungen, Mosaike, Gemälde und Statuen zu bewundern. Die barocke Überbauung des Innenraums wurde Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend zurückgebaut, um die Ursprünge der Kirche aus dem 11. und 12. Jahrhundert wieder sichtbar zu machen, aber die beeindruckende Barockmalerei an der Decke des Mittelschiffes hat bis heute „überlebt“. Weitere Details über die Basilika liest man am besten in einem Reiseführer nach, denn alles auch nur anzureißen würde hier schon den Rahmen sprengen.

Die beiden Liebenden sind inzwischen Mann und Frau und machen auf der Treppe vor der Basilica Hochzeitsfotos mit unterschiedlichen Aufstellungen. Die weiblichen Hochzeitsgäste tragen fast alle trägerlose Kleidchen, an denen sie ständig herumzupfen, sowie bunte Stöckelschuhe. Ich stelle mir vor, wie sie am Ende des Tages darin herumstöckeln werden und bin froh über meine flachen Sandaletten. Wir schlagen uns also durch einen kleinen Torbogen in die Altstadt hinein. Die kleine Kirche San Gregorio bleibt rechts von uns liegen. Die mehrstöckigen Häuser stehen hier so dicht, dass auf die schmalen Gassen fast immer ein kühler Schatten fällt. Gleich rechter Hand gibt es einen kleinen Laden, der sich auf Brötchen und Getränke spezialisiert hat. Linker Hand bieten zwei kleine Geschäfte Sonnenhüte, apulische Keramik und Kitsch an. Jeder Tourist findet hier garantiert ein Mitbringsel. Wer länger in der Gegend bleibt, sollte sich die Keramik lieber an ihrem Entstehungsort z.B. in Grottaglie kaufen sowie für Kleidung und modische Accessoires einen Markt besuchen, da Märkte deutlich preiswerter sind. 

Bari Vecchia und Kriminalität

Auch wenn man die kriminelle Energie der apulischen Mafia in Bari nicht unterschätzen darf und Luigis Mutter mich jedes Mal eindringlich davor warnt, überhaupt einen Fuß ins „Bari Vecchia“ zu setzen, kann ich versichern, dass man sich dort nicht verirren kann und auch nicht unbedingt das Opfer einer Bandenschießerei werden muss. Ersteres liegt daran, dass die Gassen den Wanderer automatisch von einer Kirche zur nächsten und schließlich zum Kastell führen, wo man die Altstadt dann schon wieder verlässt. Das zweite liegt an der deutlich gestiegenen Präsenz von Polizisten.Schließlich wollen die Baresen die zahlreichen Touristen nicht vergraulen, die sich jedes Jahr hier einfinden. Ich habe auch heute meine Tasche fest unter den Arm geklemmt, wie ich es immer und überall in Menschenansammlungen zu tun pflege, und schiebe mich sicher vor meinen Eltern her an den Keramikverkäufern vorbei. Bald treffen wir auf einen Gemüseladen, vor dem die Verkäufer auf Holzkisten sitzend frisch geerntete Mandeln knacken. Gleich gegenüber lockt eine Salumeria, deren typisches Angebot an Käsen und anderem herzhaftem Brotbelag, um Spezialitäten aus der Gegend wie etwa Wein und Aufstriche erweitert wurde. Wer bei diesem Duft keinen Appetit bekommt, ist nicht von dieser Welt.

Von San Sabino zum Kastell

Nur wenige Schritte weiter stoßen wir auf die nächste große Kirche, die der Basilika St. Nicola nicht unähnlich ist. Sie steht auf den Resten einer Vorgängerkirche, die im 9. Jahrhundert bereits den Sarazenen als Mosche gedient haben könnte. Das Innere der Kathedrale ist wie das der Basilika relativ nüchtern gehalten und beeindruckt vor allem durch Größe. Nur die Krypta hat man in ihrem barocken Zustand belassen, der mit den dominierenden Farben gelb und weiß, ebenfalls nicht protzig wirkt. Auch in der Kathedrale des Heiligen Sebastian (San Sabino) wird heute geheiratet. Auf der Treppe vor der Kirche werden gerade riesige Blumenarrangements drapiert. Der Platz ist voller Menschen und auch hier sind bei den weiblichen Hochzeitsgästen luftige Festkleidchen und Plateaustöckelschuhe angesagt, während die Touristen an ihren Baumwollshirts und den Wasserflaschen deutlich auszumachen sind. 

Wir überqueren den Platz und lassen die Kathedrale im Rücken liegen. Nun sind es nur noch ein paar Schritte zum Kastell, dessen äußere Mauern sich trotz des strahlenden Sonnenscheins bedrohlich gegen die Altstadt erheben. Seine Geschichte ist wechselvoll und unmittelbar mit der Geschichte Apuliens verbunden. Als Verteidigungsbollwerk und Herrschersitz errichtet, zum Gefängnis geworden, als Lazarett benutzt und in jüngerer Zeit zum Verwaltungsgebäude umgestaltet, wird das Kastell erst seit etwa zehn Jahren immer stärker als touristischer Höhepunkt behandelt und der Öffentlichkeit entsprechend zugänglich gemacht. Wir setzen uns in ein kleines Cafe und erfrischen uns mit einer Granita, was ich als Fruchtsaft-Sorbet bezeichnen würde. Man bekommt diese leichte Erfrischung, die ursprünglich aus Sizilien stammt, im Sommer in fast jedem Cafe oder jeder Gelateria serviert. Unter unserem Sonnenschirm hervorlugend entdecken wir größere geführte Gruppen. Ich vermute, dass im Hafen, der nicht unweit der Altstadt liegt, ein Kreuzfahrtschiff angelegt hat und deren Gäste nun in die Stadt ausströmen. Den Besuch des Kastells nehmen wir uns jedoch für einen anderen Tag vor, denn wir wollen noch die Piazza Mercantile erreichen und anschließend ein wenig auf der Seepromenade entlang schlendern, bevor wir uns wieder in Richtung Bahnhof aufmachen. Schließlich hat Mamma Maria uns eingeschärft pünktlich zum Mittagessen wieder zu Hause zu sein. 

Die Schandsäule auf der Piazza Mercantile

Da sich die Piazza Mercantile genau auf der anderen Seite der Altstadt befindet, umrunden wir sie auf einem „Innenring“ vom Kastell aus auf der Via Boemondo, hinter der Präfektur entlang und immer geradeaus, bis man nach ca. zehn Minuten wieder auf die Piazza del Ferasse mit der Markthalle trifft. Nun links wieder in die Altstadt hinein, an zwei kleinen Kirchen vorbei und sofort steht man auf dem alten Marktplatz. Hier findet man die von einem Löwen flankierte Schandsäule, die deutlich macht, wie eng Gewerbe und Gesetz zu damaligen Zeiten verknüpft waren. Was würden wohl heutige Banker und Geschäftsleute dazu sagen, wenn man sie mit den Händen an die Säule gefesselt und auf dem Löwen sitzend ihren geschädigten Klienten zur Beschimpfung freigeben würde? Keine Ahnung, aber die Säule wäre aktuell wohl ständig besetzt.

Über den Fischmarkt zum Petruzzelli Theater

Wir kehren nun auf die Seepromenade, das „Lungomare“, zurück und folgen ihr am „Teatro Margerita“ vorbei zum kleinen Fischmarkt. Obwohl um die Mittagszeit dort nicht mehr viel zu sehen ist, riecht man ihn doch schon von Weitem. Ein paar Tintenfische, Oktopusse, kleinere Barsche, Seeigel und Muscheln werden noch angeboten. Die meisten Verkäufer stehen zusammen unter dem Sonnendach und diskutieren lautstark. Worüber? Das lässt sich nur vermuten, denn die alten Männer sprechen einen strengen Dialekt. Aber es könnte sich bei den Themen durchaus um den Lauf der Geschäfte, bestechliche Politiker oder die nächste Mahlzeit handeln.

Vom Fischmarkt schlendern wir weiter in Richtung Stadtstrand, an den Anglern vorbei, die hier noch geduldig auf ihren Fang des Tages warten. Wer sich für Kunst interessiert, kann dem Lungmare bis zur Pinacoteca Provinciale (Pinakothek von Bari) weiterfolgen. Wer es riskieren möchte, an dem unlängst weitgehend vom Asbest gereinigten Strand „Pane e Pomodoro“ zu baden, erreicht diesen am Ende der Promenade. Wir biegen jedoch in Höhe des Theaters Petruzzelli ab auf den Corso Cavour, die Prachtstraße der Neustadt, die leider nicht wie die Via Sperano vom Verkehr befreit wurde, aber durch ihre großzügige Anlage der städtischen Hektik etwas Entspannung entgegensetzt. Hier Reihen sich Schaufenster an Schaufenster, während das erst im Jahr 2009 wiedereröffnete imposante Theater in neuem Glanz erstrahlt.

1991 fiel das 4000 Zuschauer fassende Gebäude einer Brandstiftung zum Opfer, die von der regionalen Mafia initiiert worden sein soll. Zievola erinnert sich noch daran, das dort früher fast jeden Abend eine Vorstellung gegeben wurde. Seit letztem Jahr werden nun endlich wieder eine Handvoll Produktionen eingekauft (Oper, Konzerte und Ballett) und wer nicht rechtzeitig im Voraus Karten bucht, der hat keine Chance. Bei Gasperini auf dem Corso Cavour oder auch in einer der anderen Filialen, die über die Stadt verstreut sind (Lungomare, Via Sperano u.a.), hat man jedoch immer eine Chance und zudem eine riesige Auswahl – und zwar beim besten Eis von Bari. Dort kann ich nie vorbeigehen ohne mindestens einen „coppa piccola“ zu kaufen. Mein Vater hält sich an Erdbeere und Melone. Meine Mutter probiert den Geschmack „baccio“ (Kuss) und Straciatella. Ich hingegen ziehe mit Whiskycremeeis und einer Sorte, die sich Galak nennt, von dannen. Einen gelungeneren Abschluss für einen Stadtbummel kann es gar nicht geben, auch wenn Maria später wieder behaupten wird, wir könnten gar nichts von ihrem Mittag schaffen, weil wir uns schon am Eis satt gegessen hätten.