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Italienisch backen zur Osterzeit: Scarcella

Herkunft und Tradition

IMG_20130322_205025Die Scarcella, in einigen Gegenden auch Scariella oder Squarcella genannt, ist ein typisch apulisches Ostergebäck aus einfachsten Zutaten. Der Name wurde vermutlich aus dem Wort “ciambella” hergeleitet und bedeutet demnach so viel wie “Kringel”. Daher ist die traditionelle Scarcella ein rundes, zopfartig geflochtenes Gebäck. Zu kaufen gibt es sie aber auch in anderen Formen, zum Beispiel als ein sehr großes Plätzchen in Form einer Taube, eines Osterlamms oder weniger traditionell beispielsweise in Herzform. Der Fantasie dürften dahingehend kaum Grenzen gesetzt sein. Wichtig sind jedoch der schlichte Teig sowie das gekochte Ei, dass sich irgendwo auf der Scariella wiederfinden muss.

Die Ringform und das Ei haben ihren Wurzeln in längst vergangenen Zeiten. So symbolisiert der Ring das „Rad der Fortuna“ und steht für Glück. Das Ei hingegen symbolisiert Fruchtbarkeit und das Werden des neuen Lebens nach der Winterzeit. Gern wird eine Scarcella zur Dekoration der Ostertafel verwendet, aber man verschenkt sie auch als Glücksbringer an Freunde und Verwandte. Besonders Kinder mögen diese fröhliche Süßigkeit.

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Auf der Suche nach einem idiotensicheren erprobten Rezept

Als ich Maria nach ihrem Rezept für das Ostergebäck frage, gesteht sie mir, dass sie es noch nie selbst gebacken hätte. Maria mag kein Geflügel und ist in ihrer Abneigung so konsequent, diese auch auf Eier auszudehnen – jedenfalls auf solche, die noch als Eier erkennbar sind. Aber wozu gibt es schließlich die vierbändige Küchenbibel? Also schnell bei Carnacina/ Veronelli nachgeschaut! Doch was ist das!? Offensichtlich ist die Scarcella so einfach gemacht, dass es die Autoren nicht für notwendig gehalten haben, dieses Rezept mit aufzunehmen.

Zum Glück gibt es Tante Anna. Diese führt nach ihrer schon fast 60 Jahre andauernden Ehe eigentlich nur noch einen zwei-Personen-Haushalt, lädt sich aber an den Wochenenden und zu Feiertagen gern ihre gesamte Familie aus vier Kindern mit Partnern, sechs Enkelkindern und allen, die gern noch vorbeikommen möchten, zum Essen ein. Die Feiertagsessen bei Tante Anna sind legendär und enden immer damit, dass man sich für mehrere Stunden in einem Sessel, auf einem der Sofas oder einer anderen Gelegenheit zum Lümmeln erholen muss, bevor man den Nachhauseweg antreten kann. Tantchens Kochkünste sind dabei so umfangreich wie ihre Leibesfülle, aber gebremst werden kann sie nur durch ernsthafte Krankheiten oder sommerlichen Hitzewellen von über 40 Grad.

Ein Telefonanruf bei Tante Anna dauert generell etwas länger und so brauche ich fast eine halbe Stunde, bis wir geklärt haben, was es bei uns am heutigen Tag zu essen gäbe, was wir zu Ostern machen würden und wie es um den Gesundheitszustand der einzelnen Mitglieder von Luigis Familie sowie den Vorgängen in unserer zukünftigen Wohnung stehe. Tante Anna findet es empörend, dass Maria nicht weiß, wie man eine Scarcella bäckt und diktiert mir die Zutaten für einen Ring von etwa 30 cm Durchmesser, nicht ohne mich darauf hinzuweisen, dass ich gern vorbeikommen könnte, da sie sowieso noch mindestens fünf oder sechs davon backen müsse. Doch als ich höre, wie einfach die Herstellung tatsächlich ist, verschieben wir den Besuch bei Tante Anna auf ein anderes Mal.

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Zutaten für Tante Annas Scarcella:

500 g Mehl

100 g Zucker (wer es gern süß mag, sollte noch 50-100g zugeben)

½ Päckchen Backpulver

100 ml Olivenöl

ca. 200 ml angewärmte Milch (Achtung: nachdem 2 Kommentierende Probleme mit dem Teig hatten, hier der Hinweis, dass die Milchmenge auf die Beschaffenheit des Mehls ankommt. Besser zunächst nur teilweise hinzugeben und ggf. noch etwas nachgeben, wenn der Teig nicht weich genug sein sollte. )

die abgeriebene Schale einer Zitrone

1 Prise Salz

2rohe  Eier (eins für den Teig und eins zum Bepinseln)

1 gekochtes Ei

Zuckerstreusel zum Garnieren

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Und so wird’s gemacht:

IMG_20130322_205248Das Mehl auf eine Unterlage geben und mit dem Zucker, dem Backpulver, der Prise Salz und der abgeriebenen Zitronenschale vermischen. Anschließen das Ei hinzugeben und ein bisschen mit dem Mehlmix vermischen. Nun das Öl Schlückchenweise hinzugeben und verkneten. Zum Schluss auch die angewärmte Milch Schluck für Schluck dazugeben und verketen und zwar so lange bis ein einheitlicher Teig entsteht, der nicht matschig sein darf, aber gut formbar sein muss.

Von diesem nimmt man nun ein kleines Stückchen ab, aus dem man zwei kurze, dünne IMG_20130322_205141Rollen formt, die im Anschluss an die eigentliche Arbeit das Ei auf der Scarcella „festhalten“ werden. Den Rest des Teigs teilt man in drei gleiche Teile und rollt diese zu Teigwürsten von ca. 1-1,5 cm Dicke aus. Ich habe für unsere Scarcella nur 2/3 des Teiges verwendet. Daher ist sie vom Durchmesser 20 cm groß geworden. Aus dem anderen Drittel habe ich Kekse ausgestochen, da ich mit dem Kosten nicht bis zum Wochenende warten wollte.

IMG_20130322_205105Aus den drei Teigwürsten flicht man nun einen Zopf, den man anschließend zu einem Ring zusammenlegt. Dort wo die Enden aufeinanderstoßen, kneift man sie etwas zusammen und formt anschließend eine Kuhle, in die das gekochte Ei gelegt wird. Die zwei dünnen Teigrollen werden kreuzförmig über das Ei drapiert und mit dem runden Zopf verbunden. Anschließend bepinselt man das ganze Kunstwerk mit dem aufgeschlagenen Ei, damit es eine schöne braune Farbe erhält, und dekoriert nach Belieben mit bunten Streuseln. Nach ca. 30-40 min bei 180 Grad ist die Scarcella fertig gebacken. Die Kekse haben ca. 15 min gebraucht.

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Die Kostprobe

IMG_20130322_204751Tante Anna ruft am späteren Nachmittag noch einmal an, um sich zu erkundigen, wie das erste Scarcellabacken gelaufen ist. Doch das erfahre ich erst beim Abendbrot, als ich mich wundere, dass von der recht übersichtlichen Menge von Keksen offensichtlich schon einige verschwunden sind. „Ich habe nur einen Taube probiert!“, protestiert Maria, „Schließlich wollte Anna wissen, ob die Scarcella gelungen ist.“ „Und?“, frage ich gespannt. „So‘ buoni! Sie sind gut. Die anderen zwei Kekse hat Rita gegessen. ‚Complimenti‘.“ Was Maria für eine Taube hält, sollte zwar laut Ausstechformverpackung eine Ente sein, aber ich verstehe, dass jedes Geflügel gleich aussieht, wenn man es nicht mag. Bevor außer mir das ganze Haus weiß, wie mein Scarcellaexperiment ausgegangen ist, schnappe ich mir den größten Hasen, um ihm herzhaft die Ohren abzubeißen.

Die Kruste knuspert lecker. Der Teig darunter ist etwas weicher. Man könnte ihn tatsächlich mit Mürbeteig vergleichen, aber irgendwie ist es dann doch ganz anders; weniger bröckelig, dafür nicht so süß und dadurch kommen die Zuckerstreusel gut zur Geltung. „Ich finde, dass mehr Zucker drin sein könnte“, sagt Luigi, verputzt aber trotzdem den anderen großen Hasen bis auf den letzten Krümel, und als ich am nächsten Morgen in die Küche komme, sind auch die anderen Kekse verschwunden. Unsere Männer haben sie als Frühstück mit zur Arbeit genommen. Das sagt doch mehr aus als tausend Worte, oder?

Guten Appetit!

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