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Leben im Lockdown – Fazit der Phase 1 in Erwartung eines baldigen Endes

Der staatlich verordnete Hausarrest nähert sich seinem Ende. Die Stimmung in Süditalien ist gut. Man sieht wieder viele Menschen in den Straßen, obwohl man eigentlich immer noch nur zum Einkaufen, zum Arzt oder zum Sporttreiben/ Spazierengehen hinausgehen und Ansammlungen von Menschen vermeiden soll. Aber die Liberalisierung des Ausgehverbots kam gerade richtig. Es wurde zunehmend schwerer, unser körperlich unausgelastetes Kind zur Ruhe zu bringen. Es belastet auch das Gemüht, wenn man sich eingesperrt weiß, obwohl man sich mit ein bisschen Menschenverstand selbst ganz gut schützen kann. Diese aufgezwungene Unmündigkeit ließ mich wirklich häufig zwischen Depression und Aggression schwanken, wobei dann nur noch die Flucht in die Ironiesierung oder in die Konzentration auf etwas anderes – wie das Anmalen Klopapierrollen – helfen konnte.

Lockdown – Phase 2 ab nächster Woche

Wir hoffen nun, dass ab nächster Woche tatsächlich die Phase zwei beginnt und wieder alle Einrichtungen öffnen dürfen, in denen Menschen direkten Kontakt haben. Ich denke da an dringende Facharztbesuche. Da fällt ein Gang zum Friseur oder zur Kosmetik als Bagatelle nicht so sehr ins Gewicht, obwohl manche Mitmenschen das anders sehen und aktuell froh über das Tragen der Maske sind, damit man sie unfrisiert und ohne den Beistand der Kosmetikerin des Vertrauens in der Öffentlichkeit nicht erkennt.

(Selbst)Eingeschränkte Bewegungsfreiheit

Leider geht das Eingesperrtsein auf anderem Niveau weiter. Wir werden in diesen Jahr keine Flugreisen machen, weil uns die damit verbundene Ansteckungsgefahr als vermeidbares Risiko erscheint, und für eine Autofahrt bis Brandenburg ist Davide noch zu klein. 1800 km gehen mir persönlich auch über jeglichen Fahrspaß hinaus. Das würde einfach nur anstrengend werden. Natürlich macht mich das einigermaßen traurig, noch dazu wo der August in greifbare Nähe rückt und auch Davide so oft von Oma und Opa sowie deren Hund Leila spricht und sich an alles erinnert, was wir dort in den letzten Jahren gemacht haben. Vermutlich wird die Regierung unseren Bewegungskreis ohnehin zunächst auf die Region beschränken.

Deshalb werden wir auf Balkonien urlauben und vielleicht in Apulien in ein gottverlassenes, kleines Kaff fahren, dass die Viren übersehen haben, weil nur eine handvoll Leute dort leben und viel Natur drumherum ist. So ähnlich wie Brandenburg. Ich denke, das lässt sich hier finden. Mal sehen, wie es arbeitsmäßig im Sommer wird.

Arbeiten im Lockdown

Ich arbeite im Moment nur auf Sparflamme; unterrichte mit Hilfe von Video-Programmen wie Skype oder Zoom, was für individuellen Unterricht oder kleine Gruppen ganz nett ist, aber bei großen Klassen wird es schwierig mit den Schülern zusammen zu arbeiten ohne in eine Vorlesungssituation abzurutschen. Ich vermisse lebhafte Diskussionen im Unterricht.

Was bisher arbeitsmäßig meine meiste Zeit verbraucht hat, war das Organisieren und Durchführen von Englischprüfungen. Das geht natürlich seit Anfang März nicht mehr; ist bis Ende Mai noch alles abgesagt, aber im Momen sind wir hoffnungsfroh, dass wir im Juni wieder anfangen können. Mal sehen, ob es wirklich klappt. Doch wenn es losgeht, dann wird es bestimmt viel Arbeit geben. Die Leute müssen ihre Prüfungen trotz Lockdown machen, weil sie die Zertifikate für ihre Zukünft benötigen, und scharren mit den Hufen.

Positiver Nebeneffekt von Ausfallgeld und Ausgangskontrollen

Zum Glück hat der Staat allen, die mit Verträgen – also offiziell – arbeiten und nicht mehr als 35.000 Euro im Jahr verdienen, für den März so eine Art Ausfallgeld gezahlt (600 Euro). Obwohl dieser undifferenzierte Geldregen auch Leuten zugute gekommen ist, die ihn definitiv nicht benötigt hätten, weil sie im Lockdown genauso viel oder sogar besser verdient haben als sonst, hat er dafür gesorgt, dass mir persönlich zusammen mit dem, was ich mit dem Unterrichten verdiene, gar nicht so viel Geld verloren gegangen ist. Luigi hat überhaupt nicht aufgehört zu arbeiten und eher mehr Arbeit gehabt als vor dem Lockdown, weil er für seine Firmen im Lohnbüro Kurzarbeit beantragen musste. Wir haben auch festgestellt, dass plötzlich private Betreuer für Senioren von den entsprechenden Familien richtig eingestellt werden, weil man immer noch von Carabinieri angehalten und nach dem Grund für sein Rausgehen gefragt werden kann. Das finde ich einen positiven Nebeneffekt der Coronakrise: Vielen wurde mal gezeigt, dass man zwar am Staat vorbei arbeiten kann, dann aber auch im Krisenfall keine Hilfe erwarten darf.

Ungewisse Zukunft

Ich bin jedenfalls gespannt, wie es in der kommenden Woche weitergeht. Ich hoffe, die Leute werden sich vernünftig verhalten, sodass die Regierung nicht nach zwei Wochen wieder zurückrudert, denn die aktuelle Situation hat viele Kleinbetriebe an den Rand des Ruins oder gar darüber hinaus getrieben. Für Viele bedeutet die Aufhebung des Lockdowns nur weiteres Investment in Tagen keiner oder kaum vorhandener Einnahmen. Wer schon einmal in einer italienischen Trattoria oder Bar gesessen hat, der weiß, dass ein Sicherheitsabstand von zwei Metern bedeutet, dass gerade mal ein oder zwei Personen gleichzeitig eintreten können. Ein restaurantbesitzender Freund wird daher gar nicht erst öffnen und sucht schon jetzt eine berufliche Alternative für die Zukunft.

Ganz zu schweigen davon, was man über den künftigen Betrieb von Stränden im Moment verbreitet. Das reicht von Strandaufsehern über gestaffeltes Baden  bis hin zu Plexiglastrennwänden zwischen Badegästen… Am Ende werden wir noch mit Masken und Handschuhen baden. Ich schätze, Davide wird in diesem Sommer nur im Planschbecken sitzen, während wir vermehrt duschen. Ein Reiseverbot über die Regionsgrenzen hinaus und eigenartige Lösungen für den Badebetrieb sind natürlich schlechte Nachrichten für die Tourismusbranche, die hier in Apulien neben der Restaurantbranche die meisten Einbußen hat.

Phase 2 ist also nur ein Anfang. Viele Probleme bleiben bestehen und auch der Hausarrest geht weiter – aber immerhin dürfen wir uns jetzt selbst aussuchen, wie eingesperrt wir leben wollen.