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Lasse und der Weihnachtswichtel

Lasse wohnt in einem Land, in dem es auch im Sommer nicht sehr warm wird. Der Herbst beginnt bereits Ende August und Anfang Dezember macht die Sonne schon fast einen Bogen um Lasses Haus. Deshalb hat er auch alle Lampen in seinem Zimmer angeschaltet, denn er sucht einen Schuh. Oder besser: Seine Mutter sucht einen Schuh. Und zwar den rechten Schuh von einem Paar Sommersportschuhe, das Lasse im Herbst zu klein geworden ist. Zusammen mit dem Linken will ihn die Mutter in die Altkleidersammlung geben. Doch der Schuh ist nicht zu finden, wie vom Erdboden verschluckt. „Das kann doch nicht wahr sein!“, grummelt die Mutter des Jungen. „Das liegt alles nur an dieser Unordnung! Immer muss ich alles alleine machen! Ich schaffe das einfach nicht!“

Mama ist schon wieder total gestresst, denkt Lasse. Wie so oft seit sein Vater ausgezogen ist. Sein Blick schweift über die herumliegenden Spielzeuge zur Schlafanzughose, die heute Morgen zur Hälfte unter dem Bett gelandet war. Tatsächlich könnte er auch einmal von sich aus aufräumen, wird sich Lasse bewusst und zieht die Schlafanzughose unter dem Bett hervor, um sie an einen Haken an der Wand zu hängen. Dann stellt er die Autos ins Regal und sammelt die Bausteine in ihre Kiste. Unter dem Bett liegen auch noch ein paar davon. Er hat sie gestern Abend, nachdem er barfuß auf einen von ihnen getreten war, vor Ärger mit Schwung unter seine Schlafstatt gekickt. Aua!

Lasse legt sich auf den Boden und kriecht zur Hälfte unter das Bett. Er streckt seinen Arm aus und muss ihn ganz lang machen, denn ein Baustein liegt ganz hinten an der Wand. Oh, und – Welche Überraschung! – da hinten in der Ecke findet sich auch der Schuh, den seine Mutter sucht! Doch was ist das? Als Lasse nach dem Schuh langen will, klettert plötzlich ein kleines Männchen in einem rot-grün-geringelten Anzug aus Lasses halbhohem Sportschuh heraus und stellt sich mit ausgebreiteten Armen schützend vor diesen. Dabei wirft es seinen bärtigen Kopf so energisch zurück, dass der Zipfel seiner Mütze gegen den Schuh fliegt und ein Glöckchen, das daran befestigt ist, leise klingelt. „Pscht!“ macht das Männchen. „Selber, pscht!“ zischt Lasse erschrocken und robbt ein Stück zurück.

„Was machst du denn unter dem Bett?“, fragt Mama, die plötzlich in der Tür steht. Aber sie erwartet keine Antwort. „Schön, dass du hier alles in Ordnung gebracht hast!“ lobt sie anerkennend und setzt dann hinzu: „Hier ist er auch nicht! Wenn ich nur wüsste, wo ich diesen Schuh zuletzt gesehen habe!“ Weg ist sie. Lasse denkt darüber nach, ob er dieses Männchen wirklich sieht oder es sich nur einbildet. „Bist du echt?“, fragt er schließlich. „Bist du echt?“, fragt das Männchen. „Na, klar!“, sagt Lasse entrüstet. „Siehst du das denn nicht?“ „Dann bin ich auch echt. Oder siehst du mich etwa nicht?“, schlussfolgert das Männchen. Es macht eine ganz leichte Verbeugung und stellt sich vor: „Gestatten, mein Name ist Bente. Ich bin ein Weihnachtswichtel und wohne hier.“ „In meinem Schuh?“ wundert sich Lasse. „Ja,“ antwortet der Wichtel, „in diesem Schuh. Und zwar schon seit ein paar Tagen.“

„Lasse komm jetzt! Wir müssen lo-os!“, ruft seine Mutter aus dem Flur. „Herr Andersen ist so nett und hilft mir die schweren Säcke ins Auto zu laden.“ Sie hat die Suche nach dem Schuh aufgegeben. Doch die drei großen Säcke mit Kleidung will sie nun zur Sammelstelle bringen. Lasse ist erst sieben Jahre alt. Deshalb möchte ihn die Mutter nicht alleine zu Hause lassen. „Lasse komm endlich!“ ruft sie noch einmal und bedankt sich bei ihrem Nachbarn für die Hilfe mit den schweren Altkleidersäcken. „Wir sprechen uns noch!“, flüstert Lasse dem Wichtelmännchen zu. Dann kriecht er unter dem Bett hervor und läuft hinaus in den Flur.

***

„Sag mal, Mama,“ will Lasse im Auto wissen, „gibt es eigentlich Weihnachtswichtel?“ Seine Mutter denkt eine Weile nach. „Ich glaube schon.“, antwortet sie dann. „Irgendwer muss doch dem Weihnachtsmann helfen, die vielen Geschenke herzustellen und zu verpacken.“ Das klingt überzeugend, überzeugender als die Wichteltür, die jedes Jahr pünktlich im Advent im Flur auftaucht. Lasses Vater hat sie vor ein paar Jahren selbst gebastelt und dann jeden zweiten Tag etwas dazugestellt. Da war Lasse noch klein und merkte nicht, dass es seine Eltern waren, die die Wohnung dekorierten. Lasse nimmt sich vor, den Wichtel unter seinem Bett richtig auszuquetschen, wenn er wieder zu Hause ist.

Doch der Wichtel muss warten. Bis Lasse und seine Mutter von der Kleidersammlung zurück sind, ist es Abend geworden. Sie essen Abendbrot. Dann muss er sich noch waschen und seine Zähne putzen. Endlich kann er ins Bett. „Gute Nacht!“, ruft er, drückt seiner Mama einen Kuss auf die Wange und verschwindet in seinem Zimmer. Lasses Mutter wundert sich ein wenig darüber, dass ihr Sohn freiwillig ins Bett geht. Aber ein bisschen ist sie auch froh, einmal keine Diskussion über das Wie und Warum des Schlafengehens führen zu müssen. Manchmal ist er schon ein richtig großer Junge, denkt sie und wäscht das Geschirr vom Abendbrot ab. Dann öffnet sie noch einmal leise die Tür zu Lasses Zimmer und wirft einen Blick auf ihr Kind, das die Augen fest geschlossen hat. Lächelnd zieht sie die Tür wieder zu. Ihr großer Junge hat jedoch nur so getan, als würde er schlafen. Tatsächlich ist er in ein interessantes Gespräch mit Bente vertieft gewesen, das sie sofort wieder aufnehmen, als die Mutter die Tür geschlossen hat.

„Was hast du gemacht?“, will Lasse gleich noch einmal von Bente wissen. „Ach, eigentlich gar nichts so Schlimmes.“, winkt das Wichtelmännchen ab. „Ein bisschen Klebeband versteckt, ein paar Scheren stumpf gemacht, Kräuselband wie Luftschlangen von Lampe zu Lampe gewunden – harmlose, kleine Scherze eben.“ Er kichert. Lasse kichert auch. „Und deshalb hat dich der Weihnachtsmann rausgeschmissen?“ „Nein,“ erklärt Bente. „Auch als ich die Weihnachtskugelmaschine so umgebaut habe, dass die Kugeln nicht mehr rund sondern eirig waren, hat der Weihnachtsmann nur mächtig geschimpft, und die ovalen Weihnachtskugeln an den Osterhasen abgegeben. Der konnte sie noch als Ostereier brauchen.“ Lasse schüttelt ungläubig den Kopf: „Na, du bist mir ein Scherzkeks! Ich glaube, für dieses Chaos hätten mir meine Eltern den Kopf abgerissen und Handyverbot verhängt – für mindestens ein Jahr. Na, ja,“ Lasse überlegt kurz. „Wenigstens bis vor zwei Jahren noch. Seit Papa ausgezogen ist, darf ich viel mehr als früher. Mama alleine ist nicht so streng.“

Bente seufzt. „Der eigentliche Grund für meinen Rauswurf, war aber gar kein Scherz. Jedenfalls hatte ich keinen beabsichtigt. Ich hatte wirklich nicht bemerkt, dass das Verfallsdatum vom Rentierfutter schon abgelaufen war, als ich ihnen eines Abends ihre Futtertröge füllte. Am nächsten Tag hatten die Rentiere plötzlich alle Bauchweh und haben beim täglichen Übungsflug so gepupst, dass der Weihnachtsmann es wegen des Gestanks nicht im Schlitten ausgehalten hat und den Flug abbrechen musste.“ Das findet Lasse zu komisch und beißt in sein Kissen, um nicht laut loszulachen. „Ausgerechnet an diesem Tag musste der Weihnachtsmann den Übungsflug selbst leiten!“ seufzte Bente und verzog sein Gesicht zu einer so traurigen Grimasse, dass Lasse das Lachen gleich wieder verging. „Und nun?“ fragt der Junge den Wichtel, der seine Mütze abgenommen hat, weil ihr Glöckchen beim Schluchzen so fröhlich vor sich hin bimmelte. „Nun werde ich hier bei dir bleiben und mich als Weihnachtswichtel nützlich machen. Vielleicht vergibt mir der Weihnachtsmann dann und lässt mich wieder nach Hause kommen.“

Das findet Lasse eine gute Idee. „Was kannst du denn so?“, will er wissen. „Ich könnte zum Beispiel…“ Bente stockt, er überlegt. Dann sagt er: „Ich könnte euer Haus dekorieren.“ „Au, ja! Gute Idee!“ gibt Lasse begeistert zurück. „Aber ohne Kräuselband! Wir haben dafür jede Menge Weihnachtskram in Kartons im Wohnzimmerschrank. Und Mama hat noch gar nicht dekoriert, sondern nur ausgeräumt und aussortiert. Dabei ist am Sonntag schon der erste Advent.“ Jetzt da er mit dem Wichtel darüber gesprochen hatte, erkennt Lasse, dass es in ihrem Haus noch gar nicht weihnachtlich aussieht. Bisher hatte er auch nicht an das Weihnachtsfest gedacht. Überhaupt empfindet Lasse, seit sein Vater nicht mehr bei ihnen wohnt, weniger Freude an Festen. Selbst sein Geburtstag ist nicht so schön gewesen wie sonst, obwohl er ihn in diesem Jahr zweimal gefeiert hat – einmal mit Mutti, ihrer Familie und seinen Freunden und einmal mit Papa und den anderen Großeltern. Doch jetzt kribbelt es plötzlich in Lasses Bauch und eine leise Aufregung lässt ihn lächeln. „Bente,“ murmelt er noch kurz bevor ihm die Augen zufallen, „du bist das Beste, was mir je passiert ist.“

***

Am nächsten Morgen, dem ersten Adventssonntag, schlägt Lasse die Augen auf und sieht zuerst unter dem Bett nach, denn bei Tageslicht kommt ihm die nächtliche Unterhaltung mit einem Weihnachtswichtel wie ein Traum vor. Doch tatsächlich sitzt Bente schon mit seinen Beinen baumelnd auf der Schuhspitze und macht sich Notizen in ein kleines grünes Heft. „Guten Morgen !“ sagt Lasse. „Guten Morgen“, entgegnet Bente, schlägt entschlossen das Heftchen zu, springt von der Schuhspitze herunter und bestimmt: „Wir brauchen einen Adventskalender, einen Adventskranz und dann mal schauen, was ihr noch so vorrätig habt.“ Lasse erinnert sich daran, dass er mit Bente die Wohnung dekorieren will. Er schwingt sich aus dem Bett und öffnet leise die Zimmertür. Mama scheint noch zu schlafen. Wie praktisch!

Leise, leise schleichen Lasse und sein neuer Freund ins Wohnzimmer. Lasse schiebt einen Stuhl an den hohen Wohnzimmerschrank. Die Weihnachtsdekoration befindet sich ganz oben unter der Zimmerdecke. Lasse reckt und streckt sich, aber er reicht nicht an die Tür heran. Als er einen Tisch an den Schrank schieben will, um den Stuhl darauf zu stellen, hält sein neuer Freund ihn auf. „Warte mal! Klettertürme bauen ist zu gefährlich! Wir Wichtel machen das so.“ Bente starrt konzentriert auf die Schranktür und macht dann eine plötzliche Bewegung mit dem Arm, als wolle er die Tür aufziehen. Und tatsächlich öffnet sich die Schranktür ruckartig. Auf eine vorsichtige Rückwärtsbewegung der Hand hin schweben Kisten und Kartons langsam aus dem Schrank. Als Bente nun die geöffnete Handfläche nach unten bewegt gleiten die Kisten zur Erde nieder und landen sanft auf dem Teppich. „Wow!“ entfährt es Lasse und er reibt sich ungläubig die Augen. Bente lächelt verlegen und zieht sich die rechte Ringelsocke hoch. „Ach, das ist doch gar nichts. Dinge zu bewegen, lernen Wichtelmänner schon im Kindergarten.“

Lasse öffnet die erste Schachtel. Ein befüllbarer Weihnachtskalender in Form eines Weihnachtsbaums aus Filz kommt hervor, ein schlichter Adventskranz aus vier Holzwürfeln, die auf Metallstangen gesteckt ein Quadrat ergeben, und ein paar Fensterbilder, die Lasse vor ein paar Jahren gemacht hat. Er hebt eine weiße Glocke mit einer grauen Umrandung hoch und hält sie gegen das Licht. „So was lernen wir hier im Kindergarten.“ sagt er und schmunzelt. Dann fällt sein Blick auf eine kleine Schachtel. Lasse hebt sie hoch wie ein rohes Ei. „Noch ein Werk aus dem Kindergarten?“, will Bente wissen. Da wird Lars plötzlich ganz traurig. „Nein,“ sagt er leise und legt die Schachten wieder in den Karton. „Das ist die Wichteltür, die Papa gebastelt hat. Er kann so kleine Sachen aus Holz wirklich gut. Sogar einen winzigen Schlitten hat er zusammengeklebt. Das stand sonst alles bei uns im Flur. Gleich neben den Schuhen.“ Bente schaut neugierig in den Karton, aber Lasse winkt ab: „Das Zeug lassen wir mal lieber drin. Nicht, dass Mutti zu weinen anfängt. Die hat endlich alles weggegeben oder weggelegt, was ihr mein Vater geschenkt hat.“

Sie finden noch eine Lichterkette, die sie an der Tür anhängen. Den quadratischen Adventskranz stellen sie auf den Küchentisch und den Kalender hängen sie im Wohnzimmer auf, obwohl sie nichts haben, mit dem sie ihn befüllen können. Gerade als Bente, die Schranktür schließt, tritt Lasses Mutter in das Wohnzimmer. Erschrocken blickt der Junge auf den Wichtel. Doch der ist ganz plötzlich unsichtbar geworden. „Das kann er also auch!“, denkt Lasse anerkennend, während Mama genauso erschrocken auf den Adventskalender blickt und sagt: „Mensch, Lasse! Stimmt ja, in ein paar Tagen ist schon der erste Dezember und ich habe noch gar nicht an den Kalender gedacht.“ „Nicht so schlimm!“, grinst Lasse. „Ein paar Tage hast du ja noch für die Überraschungen. Ich denke da an ganz viel Schokolade.“ Mama strubbelt durch seine Haare. „So richtig überraschend wird das mit einer Anweisung aber nicht.“ Sie hockt sich plötzlich vor ihm hin und drückt ihn ganz fest. „Ich bin so froh, dass es dich gibt, mein Großer!“, sagt sie. Lasse drückt zurück. Für eine Umarmung ist man nie zu groß, genauso wie für Schokolade. Dann holt die Mutter eine weiße Tischdecke mit roten, aufgestickten Rentieren und Tannenbäumen aus einer Schublade und gibt sie Lasse. „Die kannst du unter den Adventskranz legen.“, sagt sie und strubbelt ihm noch einmal durch die Haare. „War eine gute Idee von dir, die alte Hütte mal ein bisschen aufzuhübschen! Ich habe Herrn Andersen zum Essen eingeladen. Als Dank für die Hilfe neulich.“

***

Seit das Wichtelmännchen bei ihm eingezogen ist, geht Lasse richtig gern ins Bett. Bente hat so viele Fragen über die Menschen und ihr Leben, dass Lasse manchmal gar nicht weiß, wo er mit seiner Antwort anfangen und wo aufhören soll. Woher kommt der Sportschuh? (Aus einem Geschäft.) Und woher hat ihn das Geschäft? (Aus einer Fabrik.) Und woher hat ihn die Fabrik? (Müssen wir mal googeln.) Was ist eine Schule und warum muss man Hausaufgaben machen? Wofür braucht man Taschengeld? Das waren noch die einfachen Themen. Schwierige Fragen: Wie war es, als sich seine Eltern getrennt haben. (Wirklich blöd.) Wie ist es, ohne den Vater zu leben. (Man gewöhnt sich daran.) Manches erzählt Lasse zum ersten Mal. Beispielsweise wie er gedacht hat, er würde seine Eltern hassen und alle beide richtig doof fand. Oder, dass er am liebsten weggelaufen wäre, wenn er nur gewusst hätte, wohin. Im Gegenzug dazu erzählt Bente ihm vom Wichtelleben mit dem Weihnachtsmann irgendwo zwischen Grönland und dem Nordpol. Beispielweise weiß Lasse jetzt, wie man mit Rentieren umgeht und, dass es gar nicht so leicht ist, ihnen beizubringen, wie man einen Schlitten zieht. Überhaupt ist das Fliegen für Rentiere ziemlich schwierig, denn normalerweise leiden sie unter Höhenangst. Deshalb müssen sie jeden Tag üben und diese Übungsflüge sind neben dem Füttern und Putzen eine Aufgabe der Wichtel.

„Weißt du,“ sagt Lasse eines Abends zu Bente. „Ich glaube, wir sollten uns mal um einen Weihnachtsbaum kümmern.“ Dieses Thema hat Lasse mit seiner Mutter nämlich noch gar nicht angeschnitten. Der Weihnachtsbaum ist immer Papas Aufgabe gewesen. Ein paar Tage vor Weihnachten ist er mit Lasse hinaus aufs Land gefahren und hat in einem Wald einen vom Förster vorher markierten Baum geschlagen. Aber mit einem solchen Abenteuer kann Bente trotz seiner Zauberkräfte leider nicht aufwarten. Lasse drückt sein Gesicht ins Kopfkissen. Ganz deutlich hat er das Bild vom letzten gemeinsamen Weihnachten vor seinen Augen, die sich plötzlich mit Tränen füllen. „Na,“ tröstet Bente. „Uns wird schon etwas einfallen. Lass mich mal nachdenken!“ Bente blättert in seinem grünen Heftchen. „Was steht denn in diesem Heft?“, will Lasse wissen. „Das ist mein Forschungsbericht für den Weihnachtsmann.“ entgegnet Bente. Dann hält er inne. „Hilfe.“, sagt Bente. „Wenn man etwas nicht alleine kann, dann braucht man Hilfe.“ „Wir könnten ja mal Herr Andersen fragen.“ schlägt Lasse vor. „Meiner Mama hilft er immer gerne.“

Und Herr Andersen sagt wirklich nicht nein, als Lasse am darauffolgenden Nachmittag bei ihm klingelt und ihn fragt, ob sie zusammen einen Weihnachtsbaum besorgen könnten. Tatsächlich wirkt er ziemlich aufgeregt, als Lasse ihm erklärt, dass es eine Überraschung für seine Mutter werden solle. Herr Andersen weiß von einem Weihnachtsmarkt an der Kathedrale und kennt sogar den Weihnachtsbaumverkäufer persönlich. Während Lasses Mutter noch im Büro arbeitet, schlendert ihr Sohn mit Andersen und seinem Sparschwein zum imposanten Backsteinbau im Stadtzentrum. Der unsichtbare Bente sitzt auf Lasses Pudelmütze und hält sich an der Bommel fest. Von da oben hat er eine hervorragende Aussicht.

Der Weihnachtsbaumverkäufer dreht und wendet seine Bäume vor Andersen und Lasse hin und her. „Zu krumm!“, flüstert Bente und dann: „Zu wenige Äste.“ Lasse stimmt ihm zu und wiederholt getreulich, was sein Wichtelfreund ihm zuflüstert. Endlich haben sie ein schönes Exemplar gefunden. „Was soll der denn kosten?“ fragt Lasse. „Wie viel hast du denn dabei?“, fragt der Verkäufer statt zu antworten. Lasse kippt sein Sparschwein auf dem kleinen Tischchen in der Holzhütte des Verkäufers aus. Bis auf die letzte Münze schüttelt er alles aus dem Loch im Bauch heraus. „Das war eigentlich für das neue Nintendo-Spiel.“ sagt Lasse. Aber es tut ihm nur ein kleines bisschen leid. „Das reicht.“ schmunzelt der Verkäufer und Lasse ist erleichtert. Obwohl Bente gesehen hat, wie Herr Andersen dem Verkäufer kurz vorher einen grünen Schein in die Jackentasche gesteckt hat, schweigt er dazu. Später schreibt er die Worte „großzügig“ und „gutherzig“ neben das die Worte „Andersen“ und „Hilfe“ in sein kleines grünes Heft.

Lasse und Herr Andersen tragen den Baum nach Hause. Herr Andersen fasst unten am Stamm an und Lasse hält ihn hinten am Netz, das der Verkäufer mit der Hilfe einer Trichtermaschine um die angedrückten Äste gewickelt hat, fest. Bente steht auf Lasses Kopf und zeigt mit ausgestrecktem Arm nach vorn. „Volle Fahrt voraus!“ ruft er übermütig. „Was?“ fragt Andersen und dreht sich nach Lasse um. „Ach, nichts weiter.“, murmelt der. „Vielen Dank Herr Andersen! Ohne Sie hätte ich das nicht geschafft.“ Die Beiden stellen den Baum vor der Haustür ab. „Weißt du was!“, der Nachbar lächelt unschlüssig. Dann atmet er tief durch und sagt: „Das habe ich richtig gern gemacht und du kannst auch ruhig „du“ zu mir sagen. Okay?“ Lasse ist einverstanden. Er wird ab jetzt „du“ zu ihm sagen und „Arvid“.

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Mama kann gar nicht glauben, was Lasse ihr da über den Baum erzählt. „Mit Arvid, also mit Herrn Andersen warst du auf dem Weihnachtsmarkt?“, fragt sie nun schon zum dritten Mal. „Und dann hat er dir auch noch geholfen, ihn aufzustellen?“ – „Ja doch!“, versichert ihr Lasse und denkt sich schon, dass seine Mutter ihn nun wieder am Sonntag zum Mittagessen einladen wird. Zufrieden hängt er einen weiteren Julbock aus Stroh an den Baum. Noch eine ganze Woche bis Weihnachten, aber es fühlte sich jetzt schon an, als würden morgen bereits die Geschenke ausgepackt.

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Auch Bente ist aufgeregt. Bisher war er an Weihnachten immer zu Hause geblieben. Wer sich um die Rentiere kümmert, kann nicht lange fortbleiben. Dieses ist nun sein erstes Weihnachtsfest bei den Menschen. Neugierig hüpft er in der Küche umher, als Lasses Mutter ein Lachsgericht mit Kartoffeln für den Heiligen Abend zubereitet. Immer wieder muss Lasse ihn anstupsen, um ihm zu bedeuten, dass er nicht mehr unsichtbar ist. Das passiert, wenn Bente sehr aufgeregt ist und sich schlecht konzentriert. Fast wäre Bente auch vom Rand der großen Kuchenschüssel abgerutscht und in den Teig gefallen, wenn Lasse ihn nicht in letzter Minute mit der großen Kelle aufgefangen hätte. Nun schaukelt der Wichtel an der Küchenlampe und schnuppert nach dem Teig für den Weihnachtskuchen. Lasse winkt ihn mit sich hinaus ins Kinderzimmer. Seit er mit Bente zusammen Hausaufgaben macht, gehen sie ihm schnell von der Hand. Heute will er besonders schnell sein, denn heute beginnen die Weihnachtsferien, aber erst nach den Hausaufgaben – wie seine Mutter sagt.

Herr Andersen, Arvid klingelt um 20 Uhr an der Haustür. Er hat Weihnachtsbrei in einer Warmhalteschüssel mitgebracht. Seiner Aussage nach ist es das einzige Gericht, das er kochen kann, ohne es zu verbrennen. Lasse glaubt ihm nicht, aber er liebt den süßen Milchreis an Weihnachten und hofft, dass er es sein wird, der die Mandel findet, die darin versteckt ist. Diese beschert dem Finder nämlich Glück für das ganze Jahr. Heimlich nimmt er ein kleines Schüsselchen vom Milchreis ab und schiebt es für Bente unter das Bett. Das hat sich dieser sich wirklich verdient.

Mama, Lasse und Arvid essen im Wohnzimmer am Tisch gleich neben dem Weihnachtsbaum. Sie essen, bis sie zum Platzen voll sind. Doch niemand findet die Mandel im Weihnachtsbrei. „Vielleicht ist sie zerkocht.“ rätseln die Mutter und ihr Gast. Dann packt Lasse sein Weihnachtsgeschenk aus, das am späten Nachmittag plötzlich unter dem Baum aufgetaucht ist. Unglaublich! Es ist das Spiel für seine Konsole, das nach dem Baumkauf schon in weite Ferne gerückt war. Damit hat er nicht gerechnet und freut sich riesig. Natürlich muss er es gleich ausprobieren. Anschließend sehen sie gemeinsam einen Film. Lasse lümmelt in dem großen Sessel, in dem Vater immer gesessen hat. Arvid und seine Mutter haben es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht. Als Lasse sieht, dass Arvid seinen Arm um Mamas Schulter legt, kommt es ihm kein bisschen komisch vor.

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Nach dem Film geht Lasse zu Bett, denn am nächsten Morgen will Papa ihn zeitig abholen. Die zwei Weihnachtsfeiertage verbringt er bei ihm und dessen neuer Frau und er wird endlich seine neue Schwester kennenlernen. Tief unten in Lasses Reisetasche liegt die kleine Schachtel mit der Wichteltür und dem Zubehör. Mit Bente zusammen hat er vor ein paar Tagen noch einen niedlichen Wichtelmann mit rot-grün-geringelten Socken und einer grünen Mütze mit einem winzigen Glöckchen daran gebastelt. So ein echter Weihanchtswichtel hat wirklich was drauf! Der Dekorations-Wichtelmann wird künftig auf der kleinen Bank aus Holz vor der Tür sitzen und seinem Vater bestimmt Glück bringen auch, wenn es nicht der richtige Bente ist. Wie üblich schaut Lasse noch einmal unter sein Bett, um seinem Freund Gute Nacht zu sagen. Da fällt sein Blick auf das leere Schüsselchen und eine angebissene Mandel. Er lächelt. „Hey, Bente!“, sagte er. „God Jul! Frohe Weihnachten!“ Aber unterm Bett und im Schuh bleibt alles ruhig. „Bente?“ fragt Lasse. Keine Antwort. Er schlüpft unter das Bett und angelt nach seinem alten Sportschuh.

„Ach, DA ist er!“, tönt die Stimme seiner Mutter plötzlich von der Tür her, als Lasse schon auf der Bettkante sitzt und ungläubig in den staubigen Turnschuh schaut. „Den haben wir doch vor Wochen noch gesucht.“ Lasse dreht den Schuh und klopft auf die Sohle. Nichts. „Ja,“ sagt er schließlich. „Den habe ich gerade ganz hinten unter dem Bett gefunden. Wenn du nichts dagegen hast, möchte ich ihn gern noch ein wenig behalten.“ Lasses Mutter schüttelt verwundert ihren Kopf, aber sie hat keine Einwände. Stattdessen drückt sie ihrem Sohn einen dicken Kuss auf die Stirn: „God Jul, mein Großer!“ „God Jul!“, entgegnet Lasse, während seine Mutter leise die Tür schließt. Lasse schiebt den Schuh wieder ein Stück unter das Bett. Dann kuschelt er sich in seine warme Decke. Auf einmal klopft es an sein Fenster. Lasse schlüpft unter der Decke hervor und kann seinen Augen kaum trauen. Vor dem Fenster wippt ein Rentierschlitten in der Luft und vom Kutschbock grüßt ihn ein kleiner Wichtel mit rot-grün-geringelten Socken und einer grünen Mütze mit einem winzigen Glöckchen daran. „Auf Wiedersehen und God Jul!“ flüstert Lasse. Der Weihnachtswichtel hebt grüßend die rechte Hand. Dann setzt sich der Schlitten in Bewegung und braust davon. Nur ganz knapp verfehlt er den rechten Turm der Kathedrale.