Archiv für den Monat April 2013

Das Leichenwagenmysterium

“Ich glaube, du solltest mal runtergehen”, sagte ich zu Maria, nachdem ich mit einem Packet Druckerpapier aus dem Schreibwarenladen zurück gekommen war und nicht nur diverse Mülleimer und zwei gelbe Säcke, sondern auch fünf lautstark diskutierende Nachbarn nebst zwei kleineren Mädchen, welche die Diskussion aufmerksam verfolgten, vor unserer Haustür vorgefunden hatte. „Unten im Eingang findet eine Demonstration statt. Ich konnte mich gerade noch so auf die Treppe retten.“

„Worum ging es denn?“, wollte Maria wissen.

„Vielleicht um den aufgerissenen gelben Sack, deren Inhalt sich im Moment auf den Fußweg ergießt,“ vermutete ich.

„Aber WIR haben Restmüll rausgestellt und nicht Plaste!“ – Maria wuselte sofort zum Küchenschrank, an dem sie den Abholplan angeklebt hatte und rief erleichtert: „Plaste ist morgen! Haben die es denn immer noch nicht begriffen?“ Im Nu war sie in andere Schuhe gesprungen und hatte die Haustür hinter sich zugeschlagen. Ich wusste, sie würde eine ganze Weile fort bleiben, denn unter den Demonstranten hatte sich auch die freundliche Signora Bocconcello befunden, die ohnehin jeden zweiten Tag auf ein Schwätzchen bei Maria vorbeisah.

Während ich darauf wartete, dass die Horde frisch geborener Mülltrenner herausfand, wer aus unserem Haus nicht lesen konnte und damit aufhörte, „Es ist eine Schande!“, „Was ist nur aus Italien geworden!“, „Gibt es keine Christen mit Verstand mehr!“ oder dergleichen unter dem Balkon vor Luigis Zimmer zu rufen, damit ich mich besser auf meine 120 zu wiederholenden Wörter konzentrieren konnte, hörte ich, wie ein Auto vor dem Haus anhielt und es bis auf das Motorengeräusch plötzlich still wurde. Vermutlich hatten die Mülleinsammler der Demonstration ein Ende bereitet.

Trotzdem öffnete Maria unsere Wohnungstür erst nach einer guten Stunde wieder. „Jemand ist gestorben“, sagte sie zur Begrüßung. Klar, dass ich wissen wollte, wen es getroffen hatte. „Wir können es nicht sagen“, gab sie zurück. „Es kam ein riesiger Leichenwagen. Und da sind wir natürlich nicht neugierig stehen geblieben.“ Da lag also der Hase im Pfeffer begraben! Ein Leichenwagen war es gewesen, welcher der Empörung über den falsch herausgestellten Müll ein so jähes Ende bereitet hatte. Und niemand hatte die Courage besessen, die dunkel gekleideten Herren zu fragen, welche Person sie abzuholen gedachten. Normalerweise war solche offenkundige Neugier nicht notwendig, denn in Süditalien ist es üblich, dass eine A3 große Todesanzeige am Haus angebracht wird, wenn jemand gestorben ist. Die Einhaltung dieser schönen Tradition hätte den Bewohnern der unteren Stockwerke ein lanwieriges Rätselraten erspart. Das wäre jedoch lange nicht so lustig gewesen.

Schon am nächsten Tag hatte Maria mit Hilfe von Signora Bocconcelli eine Theorie erstellt. „Es gibt doch jetzt diese Tierfriedhöfe“, erklärte mir das seit Wochen endlich einmal vom Müll abgelenkte Detektivgespann.

„Mhmmm.“ Ich wusste nicht so recht, worauf die Beiden hinaus wollten.

„Erinnerst du dich nicht an den großen weißen Hund vom Tierarzt“, fragte mich Maria.

„Meinst du das riesige Vieh, dessen Haare immer überall im Flur und im Fahrstuhl herumliegen?“ Ich kannte diesen Hund sehr gut, obwohl ich ihn noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

„Also sooo viele Haare lagen nun auch nicht herum“, entgegnete Maria. „Es war eigentlich ein sehr gepflegtes Tier.“

„Sprechen wir“, konnte ich es mir nicht verkneifen, „von dem gleichen Hund, der vom Balkon gepieselt und dir deine Wäsche versaut hat.“

Marias Gesicht verzog sich leicht angwidert. Doch schnell hatte sie sich wieder im Griff: „Ja, aber der Tierarzt hat doch sofort hier angerufen und Bescheid gesagt. So schlimm war es gar nicht, alles noch einmal zu waschen. Und es ist ja auch nur zwei Mal passiert.“

„Povera bestia! – Armes Vieh!“, warf nun die Signora ein, „Es muss doch schlimm sein für einen so großen Hund den ganzen Tag in einer Stadtwohnung eingesperrt zu sein.“

Ich konnte nur nicken, denn wenn der Hund wirklich so riesig war, wie sie mir dereinst geschildert hatte, dann musste es sich mindestens um einen übergewichtigen irischen Wolfshund handeln, dem ich erheblich mehr Auslauf wünschte, als es eine Wohnung und Triggianos Fußwege zulassen dürften. Daher entgegnete ich der Signora: „Da kann man es doch verstehen, dass das Tier den ganzen Tag wie verrückt bellt.“ Tatsächlich hatte ich hier noch nie einen Hund bellen hören, aber das dunkle Dröhnen des Hundebasses im Hausflur war mir so lebahft dargebracht worden, dass ich fast glaubte, es selbst gehört zu haben.

„Eigentlich hat er gar nicht mehr so oft gebellt.“, sagte die Signora. „Früher war das wesentlich häufiger. Und jetzt haben wir ihn schon lange nicht mehr gehört.“

„Weshalb wir auch denken,“ hakte Maria nun ein, „dass der Hund gestorben ist.“

„Wirklich?“, fragte ich zweifelnd. „Ich dachte immer, man würde sein Tier selbst zum Tierfriedhof bringen? Da kommt doch kein Leichenwagen.“ Aber die beiden Todestheoretikerinnen waren sich einig, dass man in der heutigen Zeit nie wissen könne, wie „assurdo“ die Menschen reagierten, denn für manche seien Tiere fast mehr Wert als Menschen. Damit war das Thema zunächst zu den Akten gelegt, bis…

… wir einen Tag später beim Abendessen plötzlich ein ganz deutliches Bellen auf einem der Balkons über uns vernahmen. „Maria!“, rief ich, noch ehe sie irgendetwas sagen konnte. „Hol die Wäsche rein! Der Hund ist auferstanden.“

 ***

Bevor noch weitere Tiere oder gar Personen fälschlich ihres Ablebens verdächtigt werden konnten, klärte zum Glück die Wohnungsnachbarin des Tierarztes einige Tage später den Sachverhalt auf: Tierarztens (immerhin hatten die beiden Hobbydetektive den Tatort richtig definiert) über neunzigjährige Mutter, die ihr Leben lang in Lecce gewohnt hatte, hatte ihre letzten Tage nun pflegebedürftig in einem Bett in dessen Wohnung verbringen gemusst. Schließlich war sie dort friedlich eingeschlafen, doch da sie offiziell nicht zur Hausgemeinschaft gehörte, hatte man auf eine Todesanzeige verzichtet. An ebenjenem Tag, an dem zunächst scheinbar nichts wichtiger erschien als die falsch durchgeführte Müllübergabe, hatte man die sterblichen Überreste der in unserem Haus weitestgehend unbekannten Mutter zur Überführung zurück nach Lecce abgeholt.

Buongiorno, maestra!

Nachdem ich letzten Freitag bereits wegen ausgebauter Fenster, pünktlicher Handwerker und unserer neuen Wohnungstür ganz aus dem Häuschen war, erreichte mich auch noch ein Anruf, der mir nun wirklich fast einer Herzattacke bescherte. Ob ich immer noch Interesse daran habe, Deutsch zu unterrichten, fragte mich der Chef einer der Sprachschulen in Bari, bei der ich mich bereits vor Monaten beworben hatte. Was sollte ich darauf anderes antworten als „natürlich“?

Den „Kooperationsvertrag“ zu unterschreiben war gestern nur noch eine Formsache. Ab jetzt bin ich also offiziell Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und ruhe mich nicht länger auf meinem Arbeitslosengeld aus, das ohnehin bald ausgelaufen wäre.

Und die Moral von der Geschichte: Erst bewegt sich ewig nichts und dann kommt plötzlich alles Schlag auf Schlag. Eigentlich hätte ich so etwas ahnen müssen.

Mission Traumwohnung 10 – Hör mal, wo es hämmert!

Natürlich ist über Ostern kein Wunder in Sachen Traumwohnung geschehen. Als religionsferne Spottdrossel waren meine Erwartungen dahingehend jedoch ohnehin gering. Sie sanken sogar noch, als wir am Dienstag nach Ostern im verschneiten Ostbrandenburg einen Anruf von Pasquale bekamen, der uns erklärte, dass wir ganz schnell Kopien unserer Ausweise an die Architektin mailen sollten, da sie – Ups! – vergessen hatte, dass diese bei der Beantragung der Baumaßnahmen mit eingereicht werden müssen.

Doch mit Hilfe der modernen Technik konnte auch unsere verrückte Architektin den Lauf der Dinge nicht länger aufhalten. Noch am selben Abend waren die Scans per Email in Bari. Die Papiere fanden ihren Weg zum Amt und in der Woche seit unserer Rückkehr aus dem Winterurlaub in Deutschland haben sich wunderbare Dinge ereignet.

Sie begannen damit, dass Luigi mich am Donnerstag exakt in dem Moment anrief, als ich gerade mit triefnassen Haaren unter der Dusche hervorgekommen war, und sagte: „Du hast 15 Minuten Zeit, um unsere Wohnung aufzuschließen. Lorenzo kommt, um die Holzfenster auszubauen.“ Wir erinnern uns: Unsere Traumwohnung ist in den 80er Jahren entstanden. Damals hatte man in der Innenwand der Wohnung Holzfester eingebaut, deren Fensterbretter nach außen zeigten. Eine unbekannte Anzahl von Jahren später waren diese Holzfenster nicht nur niemals gestrichen und daher verwittert sondern auch verzogen und damit undicht geworden. Daher hatte man von außen einfach inzwischen teilweise rostige mit Plastik beschichtete andere Fenster eingebaut und die Holzfenster gelassen, wo sie waren. Nun wollten die Fensterbauer im ersten Schritt die inneren Fenster ausbauen und entsorgen, bevor sie demnächst auch die anderen Fenster aus- und die neuen einbauen werden.

finestraMit dem Anziehen, einem notdürftigen Föhnen meiner langen Haare, die ich in genau solchen Momenten gern gegen meine raspelkurze Igelfrisur von vor 10 Jahren eintauschen würde, und einem Sprint in Richtung Traumwohnung war ich genau zwei Minuten vor IMG_20130412_131216den Fensterbauern vor Ort. Welche Musik war das Klopfen von Hammer und Meißel in meinen Ohren! Es hätte mich nicht einmal gestört, wenn ein paar Fensterscheiben zu Bruch gegangen wären und ordentlich geklirrt hätten. Doch die Jungs arbeiteten sauber und schwangen hinterher sogar den struppigen Besen, der noch von unseren Vorgängern stammt, bevor sie nach zwei Stunden mit einem großen Teil der Holzfenstereinzelteile von dannen zogen.

Kaum war ich wieder zurück und hatte Maria, die mich sofort in der Haustür stellte und nicht eher vorbei ließ, bevor ich ihr alles erzählt hatte, hinter mich gelassen, meldete ich Luigi telefonisch den Vollzug. Danach fiel ich fast in Ohnmacht, als er mir erklärte, dass er inzwischen beim Türbauer wegen unserer Wohnungstür nachgefragt habe. Schon am nächsten Tag sollte es mit dem Ausbau der alten und dem Einbau der neuen Wohnungstür weitergehen. Das war eine noch bessere Nachricht als die vom Ausbau der Holzfenster, denn die alte Wohnungstür entsprach nicht nur keinen Sicherheitsvorschriften mehr, vor ein paar Wochen hatte sich auch das Türschloss verabschiedet. Sofort hatte sich bei mir ein mulmiges „Einbruchsgefühl“ breit gemacht und sich auch nicht abschütteln lassen, als die neue Haustür bestellt und zu in drei Wochen zugesichert war.

portaAber nun sollte sich in dieser Sache alles zum Besten wenden. Beim Türeinbau am Freitagmorgen wollte auch Luigi zugegen sein. Kurz vor acht waren wir in unserer Wohnung, innerlich darauf eingestellt, dass wir mindestens eine halbe Stunde auf die Türfritzen warten müssen würden. Doch pünktlich um acht – wir waren noch damit beschäftigt, uns an den Blättern der Obstbäume und den ersten rundlichen Radieschen zu ergötzen – klingelte Luigis Handy. Die Handwerker standen bereits vor der Haustür und fragten sich, warum wir nicht aufmachten. Pünktliche Italiener! Meine Begeisterung kannte keine Grenzen. Schnell ließen wir sie ein und genossen das zweistündige Hämmern, das Bohren, das Brechen von Holz, das leise Rieseln des Putzes und schließlich die Vorführung des modernen Sicherheitsschlosses wie unlängst eine Symphonie im Teatro Petruzzelli mit dem Unterschied, dass dieses Stück allein für uns gespielt wurde. … und für Signora Calabrese, die zwischendurch aus dem ersten Stock zu uns nach oben kam, selbstverständlich nur, um uns zu unserer Wohnung zu gratulieren und zu fragen, ob wir nun bald einziehen würden.

Ja, liebe Frau Calabrese, ich denke, die Chancen stehen gut!

Wohin mit dem Müll?

Da treibt man sich schon einmal vierzehn Tage auf österlichen Winterurlaub in Deutschland herum und im ruhigen Triggiano, wo sonst wenig bis nichts passiert, ist plötzlich eine allumfassende Hektik ausgebrochen.

„Ist heute Biomüll oder Papier?“, fragt Pasquale, bevor er am frühen Morgen die Wohnung in Richtung Arbeitsstelle verlassen will und wirft einen Blick auf den am Küchenschrank angepinnten Entsporgungsplan. „Ich glaube, Bio war gestern“, antwortet ihm Maria. „Heute ist Restmüll. Aber wir hätten ihn gestern Abend rausstellen müssen.“ „Bei dem Wind!“, sagt Pasquale kopfschüttelnd. „Da hätten wir den Eimer heute früh am Friedhof einsammeln können.“ Dann verdrängt er Maria vom Küchenschrank und tönt gleich darauf vorwurfsvoll: „Maria, heute ist Mittwoch. Da ist Biomüll.“

Ciao Ciao cassonettiDie Italiener machen sich Gedanken um Mülltrennung und Mülleimer?! Was ist denn da passiert? – Ganz einfach. Während wir fort waren, ist die Aktion „Ciao Ciao Cassonetti“ in die finale Runde gegangen. Wo sonst überquellende Müllcontainer am Straßenrand standen, drücken sich nunmehr allein die glockenförmigen grünen Altglascontainer an den Bordstein. Den frei gewordenen Platz haben sofort parkende Autos für sich entdeckt. Für den öffentlichen Raum sieht diese Aktion also aus mehreren Gründen nach einem Gewinn aus. Doch die Bürger müssen offensichtlich noch von der Praktikabilität überzeugt werden.

IMG_20130411_143915Während sich in Deutschland gewöhnlich abschließbare Gemeinschaftsmülltonnen hinter Mäuerchen vor großen Wohnblöcken verstecken, haben in Triggiano vor ein paar Wochen Angestellte des Müllunternehmens Lombardi Ecologia an jeder Haustür geklingelt und Mülleimer für die getrennte Müllsammlung vorbei gebracht. Plötzlich stapelten sich in Marias Küche ein kleiner brauner Eimer für den Biomüll, einer weißer für Papier und ein kleiner grauer Eimer für den Restmüll. Es gab auch eine ökologisch wertvolle Jutetasche, in der man seine Glasflaschen zum Container tragen soll, und eine Rolle gelber Säcke für Plastik, Blechbüchsen usw. Die Eimerchen sind inzwischen auf den Balkon umgezogen. Das allgemeine Misstrauen jedoch ist geblieben: Ist die ganze Aktion wirklich von vorn bis hinten durchdacht oder hat die Comune nur aus irgendeinem Fonds Geld bekommen, das für ein halbgares Projekt ausgegeben wurde? Werden diese kleinen Mülleimer genügen? Schließlich hat ein Singlehaushalt die gleiche Größe und Anzahl bekommen, wie eine vierköpfige Familie. Was mache ich, wenn mir mein Mülleimer vor der Haustür geklaut wird? Wohin mit dem Abfall, wenn das Eimerchen voll und der Abholtag erst übermorgen ist? Fragen über IMG_20130411_144015Fragen… Dazu kommt, dass die Bürgersteige in Triggiano außer an den großen Hauptstraßen äußerst schmal und häufig auch uneben sind, so dass abgestellte Mülleimer ein Hindernis für Fußgänger darstellen. Außerdem wohnen in den großen Palazzi in jedem Aufgang um die zehn Parteien. Zehn kleine Mülleimer vor jedem Haus dürften sich vermutlich auch nicht ästhetischer in das Straßenbild fügen als ein überquellender Müllcontainer.

IMG_20130412_131403Trotz aller Fragen und Zweifel haben die Triggianesen bisher nur nachbarschaftlich vereint auf dem Hausflur lamentiert. Doch, als ich mich am fortgeschrittenen Morgen zu unserer Wohnung aufmachen will, um nach den Bäumen und Radieschen auf der Terrasse zu sehen, bemerke ich sofort drei braune Biomüll-Eimerchen vor der Haustür. „Kommen sie heute noch einsammeln?“, ruft Pia aus dem vierten Stock, die offensichtlich gerade zum Einkaufen aufgebrochen ist, von der Straße aus zum ersten Balkon hinauf, von dem Signora M. mit ihrem von Lockenwicklern bedeckten Kopf von der Brüstung aus die Einbahnstraße hinunterspäht: „Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe das Auto vorhin am Bahnübergang abbiegen sehen. Vielleicht sind sie schon durch.“ „Unser Restmüll war schon am Montag voll!“, ruft Pia überlaut hinauf, denn Signora M. hört etwas schwer. Es ist zu befürchten, dass sie den Halt verliert, wenn sie sich mit ihrem linken Ohr noch weiter über die Brüstung hängt. „Mein Mann hat den Beutel mitgenommen und schmeißt ihn in Bari in einen Container.“ Die Signora und Pia lachen triumphierend über dieses Schelmenstück, bevor Signora M. zu bedenken gibt, dass sie mit ihren Müllbeuteln nicht erst nach Bari fahren könne. Schließlich habe sie kein Auto und mit dem Müll im Zug…

IMG_20130412_131446Ich schmunzele in mich hinein und zähle auf den 500 Metern bis zu unserer zukünftigen Wohnung mindestens 20 weitere Mülleimerchen, die von den Müllmännern offensichtlich entleert und als Zeichen dieser Entleerung mit geöffnetem Deckel zurückgelassen wurden. Zum Glück strahlt die Sonne mit über zwanzig Grad vom Himmel. Würde es regnen, hätten diejenigen, die den Tag über nicht zu Hause sind, um ihre Eimer nach der Leerung zeitnah wieder einzusammeln, am Abend gleich Gießwasser für die Balkonpflanzen.

Als ich wieder zurück bin, stehen auch die drei Mülleimerchen vor unserem Haus mit geöffneten Deckeln da. Bereits im Hausflur höre ich Maria mit unserer Nachbarin im zweiten Stock sprechen. „Ich habe mich nicht getraut, den Biomüll rauszustellen“, sagt diese gerade, „denn es lagen zwei gelbe Säcke vor der Tür. Ist denn heute Plastik oder oder Bio?“, fragt die Nachbarin. „Heute ist Bio“, versichere ich ihr. „Aber die Eimer sind jetzt schon leer.“ „Sind die Plastiksäcke noch da?“, will sie von mir wissen. „Als ich um zehn losgegangen bin, standen nur drei Eimer draußen“, gebe ich meine Beobachtung wieder. „Also haben sie die Säcke wieder reingeholt. Maledizione. Und ich habe mich verwirren lassen. Wer hat die bloß rausgestellt? Können die nicht lesen?“ Während Maria unsere Nachbarin hineinwinkt, um sich vor den Küchenschrank zu stellen und die Liste nach dem nächsten Tag für den Biomüll zu überfliegen, schießt mir ein Gedanken durch den Kopf: Für unsere eigene Wohnung werden wir auch Mülleimerchen der Lombardi Ecologica benötigen. Vermutlich wird zukünftig niemand mehr an den Haustüren klingeln, um welche zu verteilen. Wo bekommen wir also unsere her? Doch Luigi, den ich sofort im Büro anrufe, ist mal wieder die Ruhe selbst: „Im Moment brauchen wir doch gar keine. Und wenn wir welche brauchen, dann werden wir schon herausfinden, wo es sie gibt.“ Boah! … diese Italiener.

„Una vergonga!“, höre ich es aus der Küche. „Wen haben denn die Müllcontainer gestört!?“

Ich bin verwirrt. Hoffentlich sind das alles nur Anlaufschwierigkeiten, die mit der Gewohnheit verschwinden. Oder werden wir an windigen Tagen auch nach Bari fahren, um unseren Müll zu entsorgen? Und was passiert, wenn man selbst in Bari plötzlich ökologisches Bewusstsein erlangt?

Am besten, ich gehe erstmal Tee kochen. Teeblätter kann man ganz gut unter die Blumenerde mischen.

Mission Traumwohnung 9 – Farbenspiele

Nach den Weihnachts- und Neujahrsfeiertagen sollten die umfänglichen Renovierungsarbeiten in unserer Traumwohnung, die wir nach langem Tauziehen mit dem Verkäufer und dem Warten auf den Bankkredit im Oktober 2012 endlich kaufen gekonnt haben, losgehen. Als der Januar gekommen war, war uns zunächst unser Handwerker im Ausland verlustig gegangen. Dann erfuhren wir, dass wir einen Baufachmann oder eine Baufachfrau zur Beantragung der Genehmigung beim Amt benötigten. Leider stellte es sich heraus, dass die von einer Bekannten euphorisch empfohlene Architektin, an einem kreativen Wahn litt und unserer Wohnung am liebsten komplett umbauen wollte – inklusive Wohnungstür versetzen, Fußboden anheben und neue Wände einziehen.

Es dauerte mehrere Wochen, um sie davon zu überzeugen, dass auch ihr Materialgeschmack nicht dem unseren entsprach und wir eher auf rustikal und weniger modern standen. Inzwischen musste für eines der Dokumente im Antragsstapel ein Ingenieur hinzugezogen werden, der sich Gottseidank als alter Hase mit mindestens 40 Jahren Erfahrung entpuppte. Bei einem letzten Begehungstermin in unserer Wohnung Anfang März machten der Handwerker und der Ingenieur der Architektin daher klar, dass man so einen Antrag so vage wie möglich formuliere, und so sollte die Antragsstellung eigentlich relativ schnell erledigt sein. Mit dessen Einreichung im Amt könnten die Arbeiten beginnen. Trotzdem war es nun fast Ostern geworden und wir hatten besagten Antrag immer noch nicht unterschrieben.

Die Fensterbauer standen in den Startlöchern und scharrten mit den Hufen. Unser Handwerker würde nun auch gern richtig loslegen. Und von uns aus könnte es schon lange losgegangen bzw. bereits fertig sein. Da sich also die Anzeichen dafür verdichteten, dass die Arbeiten in unserer Wohnung nach Ostern logehen würden, falls es uns in der kommenden Woche gelingen würde, eine Unterschrift zu leisten, hatten wir beschlossen, am Wochende vor Ostern Fliesen, Sanitär und andere Kleinigkeiten zu kaufen. Wir hatten ja ausreichend Zeit gehabt, Baumärkte und Sanitärfachgeschäfte unsicher zu machen. In vielen waren wir mehrmals und hatten uns daher schon relativ genau festgelegt.

Trotzdem rief Luigi zur moralischen Unterstützung und Beratung in ästetischen Fragen noch seine Cousine hinzu, die auch die Wohnungspläne für uns gezeichnet hatte. Diese hatte am Samstag Zeit. Also verabredeten wir uns für 8:30 Uhr. Sie kam mit einer halben Stunde Verspätung, brachte dafür jedoch noch ihren Lebensgefährten mit. „Toll!“, meinte ich zu Luigi. „Warum sacken wir nicht auch Deine Eltern ein, rufen noch ein paar Tanten an und veranstalten eine Prozession zum Fliesenmarkt?“ Zum Glück kam es nicht so weit, denn da Samstag der italienische Großeinkaufstag ist, hatten seine Eltern andere Pläne.

Es stellte sich sogar heraus, dass die Cousine unseren Geschmack weitestgehend teilte, und wir mit ihrer Hilfe noch eine ungewöhnlichere und schönere Lösung für unsere winzige Küche fanden. Nach zwei Stunden im Fliesen- und Sanitärfachgeschäft unserer Wahl hatte der vor dem Geschäft wartende Lebensgefährte einen leichten Sonnenbrand, aber wir hatten dann tatsächlich Wand- und Fußbodenfliesen, eine Wanne, zwei Waschbecken und zwei Klos sowie diverse andere Kleinigkeiten bestellt, von denen – falls es irgendwann schnell gehen müsste – sogar das meiste im Lager vorhanden war und der Rest spätestens in drei Wochen eintreffen würde. Bis dahin sollten dann auch die Rohre und elektrischen Leitungen neu verlegt sein.

Warten wir es ab und drücken die Daumen. Vielleicht geschieht ein Osterwunder.

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Für alle, die gern raten, hier ein paar der Eindrücke aus dem Fliesenland.

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Unter ihnen auch diejenigen Varianten, welche man schließlich dereinst in unserer Wohnung wiederfinden wird.

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