Archiv für den Monat Januar 2013

Vom Flirten, Mitgiftjagen und Steuern hinterziehen – Auswandern auf Italienisch

Ich beschäftige mich nun schon seit mehreren Monaten mit den Italienischlernprogrammen von sprachenlernen24. Dabei habe ich festgestellt, dass gerade die Wörter am besten im Gedächtnis bleiben, zu denen man eine witzige oder auch aberwitzige Beziehung aufbauen kann. Inzwischen habe ich den Aufbauwortschatz zum Thema „Auswandern“ beendet und 10 Wörter/ Wortgruppen gehen mir freiwillig nicht mehr aus dem Gedächtnis.

1. flirtare

 Lehnwort – super! So etwas lässt sich immer leicht merken.

2. seduttore a caccia di dote – Mitgiftjäger

Mhm, warum befindet sich das wohl unter den 2100 hilfreichsten Wörtern zum Thema Auswandern? Mal überlegen… Damit könnte ich einem Italiener, der mich abends in einer Bar anspräche, zum Beispiel antworten: „Mi piacerebbe flirtare con Lei, ma Lei non é un seduttore a caccia di dote?

“Ich möchte gern mit Ihnen flirten, aber sind Sie auch kein Mitgiftjäger?“ Welche Antwort würde ich wohl erhalten? Und, was würde Luigi zu einer solchen Aktion sagen?

3. polo nord – Nordpol

Werde ich unbedingt beim nächsten Bewerbungsgespräch unterbringen: „Perchè Lei è venuta in Italia?” – “Senta, in realtà volevo andare al polo nord, ma probabilmente ho preso il bivio sbagliato.”

“Warum sind Sie nach Italien gekommen?“ – „Eigentlich wollte ich zum Nordpol, aber habe wahrscheinlich die falsche Abzweigung genommen.“

4. il rotolo di banconote – das Geldbündel

Haaaallo! Schon mal was von Kreditkarten gehört?

5. evadere le tasse – Steuern hinterziehen

Ein Volkssport in Italien, der dem Land jährlich zwischen 120 und 150 Millionen Euro kostet. An der Spitze der Steuervermeider stehen Anwälte und Notare, die aufgrund von Fahndungsdruck inzwischen dazu übergegangen sind, ihr zu versteuerndes Jahreseinkommen mit deutlich über 20.000 Euro anzugeben, was aber trotzdem nicht bedeuteten muss, dass die Angaben den tatsächlichen Einnahmen entsprechen.

6. pagare lo straordinario – Überstunden ausbezahlen

Das Ausbezahlen von Überstunden ist nach einer Umfrage unter Luigis Verwandten noch bei niemandem vorgekommen.

7. lo specchietto esterno – der Außenspiegel

Eine besonders gefährdete Komponente an italienischen Fahrzeugen. Nicht selten ist er demoliert oder fehlt gänzlich.

8. obliterare il biglietto – den Fahrschein entwerten

Ja, auch das will in mehrerer Hinsicht gelernt sein. Auf dem Rückweg von Alberobello mit meinen Eltern im Schlepptau vom Schaffner nach den Tickets gefragt, diese mit gutem Gewissen gezückt und ihm zum Lochen unter die Nase gehalten. Plötzlich: „Die Tickets sind aber nicht entwertet.“ – Immer noch guten Gewissens: „Klar, habe ich heute früh gemacht!“ – „Für die Rückfahrt müssen Sie aber die andere Seite entwerten.“ – Nun doch zerknirscht: „Oh.“ – „Ich könnte jetzt 100 Euro Strafe von Ihnen verlangen.“ – Noch etwas zerknirschter und mit unglaublich schuldigem Gesichtsausdruck: „Oooh, das tut mir leid. Ich wusste das nicht.“ – Zufrieden mit sich und seiner pädagogisch wertvollen Arbeit locht er das Ticket lächelnd auf der anderen Seite: „Va bene. Aber beim nächsten Mal denken Sie daran.“ „Ja, natürlich. Danke.“ Puh, noch einmal Glück gehabt!

9. sporgere querela – Klage einreichen

Ein weiterer italienischer Volkssport. Hobbymäßig geklagt wird vor allem wegen Strafzetteln. Die Gerichte sind damit so überlastet, dass sich ein uns bekannter Ordnungshüter bereits dreimal überlegt, ob er ein Ticket wegen Falschparkens ausstellt oder lieber am Auto wartet, um den Verkehrssünder mündlich zu ermahnen.

10. mucchio di rifiuti organici – Komposthaufen

Ist noch aus dem Grundkurs hängen geblieben, aber perfekt für den nächsten Besichtigungstermin unserer Terrassenwohnung mit unserer ambizionierten Architektin. Diese sollte eigentlich nur die Renovierungsarbeiten überwachen, hat aber schon jede Menge kostspielige Vorstellungen für einen kompletten Wohnungsumbau geäußert. Ich sorge innerlich bereits gegen mögliche Ideen für unsere Terrasse vor. „Questo sarebbe il posto perfetto per una vasca con idromassaggio.“ – „Non è possibile. Lì facciamo il mucchio di rifiuti organici.”

„Und hier wäre der perfekte Platz für einen Whirlpool.“ – „Geht nicht. Hier kommt schon der Komposthaufen hin.“

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Das waren also meine aktuellen Italienischfavoriten. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen ihr mit dem Lernen einer Fremdsprache gemacht habt? Welche Wörter haben sich denn besonders in euer Gedächtnis eingebrannt? Nutzt einfach die Kommentarfunktion für eure Geschichten.

Abgesehen davon werde ich mich am Wochenende in die apulische Karnevalshochburg Putignano begeben, die auf eine der längsten Karnevalstraditionen Europas zurückblicken kann.  Als ausgemachter Faschingsmuffel und Vermeider von Großveranstaltungen bemitleide ich mich schon selbst deswegen. Aber, was tu ich nicht alles für euch und die Wissenschaft . . . Helau!

Klippen und Meer – Polignano a Mare

IMG_20121220_141405Etwa zwanzig Autominuten südlich von Bari wagt sich das Städchen Polignano a Mare mit seiner Altstadt bis an den Rand  schroffer Klippen vor, ja, fast scheint es sich sogar ins Meer hinein stürzen zu wollen. Schon allein aufgrund dieser Lage ist die kleine Stadt sehenswert und außerdem gerade groß genug, um sich einen Nachmittag darin zu vertreiben. Ich habe besonders schöne Erinnerungen an einen Junitag vor sieben Jahren in Polignano, an dem Luigis Cousine ihrem Mann in dieser bezaubernden Kulisse aus dem 14. bis 16. Jahrhundert das Jawort gegeben hat. An diesem Tag mit seiner ganz besonderen Atmosphäre habe ich mich in Polignano verliebt und natürlich ist auch Michy sofort dabei, als wir uns an einem warmen Nachmittag im November dorthin aufmachen wollen.

Wir nehmen die Autobahn (S 16) in Richtung Brindisi, fahren jedoch schon unmittelbar nach Mola diIMG_20130120_183304 Bari wieder von ihr herunter und auf einer schmalen Küstenstraße weiter, welche die gleiche Richtung nimmt. Auf dem Weg nach Polignano passiert man hier zahlreiche einzeln stehende Trulli auf gepflegten Feldern, hinter denen sch malerisch das Meer bis zum Horizont erstreckt. Da die Straße nur mäßig befahren ist, wenn sich nicht gerade Sommers die Autokolonnen aus der Stadt in Richtung Meer wälzen, kann man auch relativ gefahrlos anhalten und ein paar Eindrücke fotografisch festhalten.

In Polignano angekommen muss man möglichst früh der Ausschilderung zu den Touristenparkplätzen folgen, sonst hat man schon die schmale Brücke über der Badebucht „Lama Monachile“ passiert und steht direkt vor dem Altstadttor. Hier sind kaum Parkplätze zu finden und die ohnehin engen Straßen machen das Navigieren auf dem strategischen Rückzug nicht gerade leichter.

polignano2Ist das Auto erstmal abgestellt und das Parkticket bezahlt, schlendern wir hügelabwärts und erreichen die besagte Brücke, unter der hindurch man den kleinen Steinstrand erreicht, an dem tatsächlich auch Anfang November noch ganz Wagemutige ins Wasser gehen. Wir trauen uns nur mit den Füßen hinein, aber das Wasser ist tatsächlich überraschend warm. Wir können gerade noch ein paar Fotos schießen und werden dann von einem Kamerateam gebeten, den Strand für eine Filmaufnahme frei zu machen. Auch die Badenden packen ihre Handtücher ein und trollen sich.

IMG_20121220_140827Über eine Treppe gelangen wir auf die Brücke und zum Altstadttor. Das Brückchen hat hier so ähnlich bereits vor ca. 1900 Jahren gestanden, denn der Weg durch Polignano war Teil der „Via Traiana“, die auf Wunsch des römischen Kaisers Traian die Orte Benevento und Brindisi an der Adria entlang verbinden sollte. Durch Bari und Polignano, das damals noch Neapolis („neue Stadt“) hieß, machte die Via Traiana noch zusätzlich einen kleinen Schlenker.

Hinter dem Altstadttor verbergen sich gleich allen Altstädten dieser Gegend die überwiegend weiß getünchten wie mit dem Baukasten errichteten hohen Wohnhäuser, welche im Sommer ihre kühlen Schatten auf die schmalen Gässchen werfen. Linker Hand befindet sich der halboffene Saal IMG_20121220_141324des Rathauses, in dem Ausstellungen stattfinden oder eben auch gelegentlich geheiratet wird. Von dort aus hält man sich immer links, bis man zum ersten Aussichtspunkt gelangt. Insgesamt gibt es hier drei Lücken in der Bebauung direkt an der Klippe in denen sich im Sommer die Touristen drängen. Auch im November sind wir nicht die einzigen Touristen, aber es ist so leer, dass sich auch ein paar Angler eingefunden haben, die von hier aus ihre Haken ins Meer hinaus werf en. Dass einer von ihnen etwas gefangen hätten, haben wir jedoch nicht gesehen.

IMG_4206Zentrum der Altstadt ist die gemütliche Piazza Vittorio Emanuele II., die flankiert wird von Bars, Geschäften und der Kirche Santa Maria Assunta. Wir wollen einen Blick ins Innere werfen, wo sich Skulpturen des bekannten Renaissancekünstlers Stefano da Putignano aus dem 17. Jahrhundert und andere kleine Kostbarkeiten befinden. Es findet jedoch gerade eine Messe statt, und statt alte Kunstwerke zu sehen, werden wir Zeugen der Tatsache, dass in Polignano der Nachwuchs an gläubigen Katholiken gesichert ist. Der Priester ist in ein lautes „Gespräch“ mit fröhlichen Zurufen aus drei Bankreihen voller Kinder verwickelt und bespricht eine Bibelstelle mit ihnen. Die Kirche ist auch abgesehen von den Kindern gerammelt voll, obwohl es sich nicht um einen Feiertag handelt. Wir lassen also unseren Blick nur kurz schweifen und ziehen uns dann wieder ins Freie zurück, um noch ein wenig zu bummeln. Wir begegnen auf unserem Streifzug nicht nur der örtlichen Putzkolonne, Touristen und zweibeinigen Stadtbewohnern, sondern auch zwei Kanarienvögeln, die ihren Käfig an eine Außenwand verlegt haben. Ein paar Gassen weiter, erhalte ich die Gelegenheit, ein Kätzchen zu streicheln, während seine Katzenmama an einer Hauswand die Strahlen der Herbstsonne genießt.

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Natürlich fehlen auch in Polignano die üblichen Geschäfte mit Spezialitäten der Gegend oder anderen Andenken nicht. Man kann sich aber auch ganz einfach mit einem Eis vor einer der Bars niederlassen und sich seines Lebens freuen. Aktuell empfiehlt es sich, der Gelateria „Caruso“ in der Via Martiri di Dogali einen Besuch abzustatten. Sie liegt etwas abseits der Altstadt, aber der Weg lohnt sich. Der 24jährige Eishersteller Luca Babbo hat sich mit seinen innovativen Kreationen einen Namen gemacht und für sein Kastanieneis mit Mandarinen und Sternanis den „Giubileo Cup“ verliehen bekommen, der zugleich Türöffner für einen Eiscremewettbewerb ist, der ihn IMG_20130120_195802schließlich bis zum Weltcup der Gelaterie führen könnte. Der Gewinn des „Giubileo Cups“ ist zugleich ein Imagegewinn für Apulien, richtet er doch für einen Augenblick die Aufmerksamkeit auf ein junges Unternehmen, das hier im häufig unterschätzten Süden Wert legt auf Innovation und mit der Verwendung natürlicher einheimischer Produkte ganz im Trend der Zeit liegt. Da kann man es verschmerzen, wenn es nicht alle Eissorten ganzjährig zu kaufen gibt, weil nur Früchte der Saison Verwendung finden. Selbst der Preis hält sich mit 2,30 Euro für drei Geschmacksrichtungen in Grenzen.

IMG_20121220_141101Auch wenn kuliniarische Köstlichkeiten häufig anziehender sind, als weiß gestrichene Häuser, von denen es in Apulien zugegebenermaßen recht viele gibt, sollte man nicht in Polignano gewesen sein, ohne einen Blick von der der Altstadt gegenüberliegenden Seite der Bucht auf das historische Zentrum genossen zu haben. Hier befindet sich zugleich das Denkmal für den wohl bekanntesten Sohn der Stadt. Oder sagen wir es anders: Sein Name, Domenico Modugno, ist vielleicht nicht so bekannt, aber den Song, der ihn international berühmt gemacht hat, kann wohl so ziemlich jeder ansingen. „Voooooooooolare, oooho! Cantare, ohohohoho!“ kann ich es mir dann auch nicht verkneifen. Aber weil so ein schöner Tag ist und Luigi ein Gesicht zieht, als habe er gerade furchtbare Zahnschmerzen bekommen, verzichte ich darauf, uns vor den anderen Touristen zum Affen zu machen. Im Gegenzug dafür muss er uns vor dem Denkmal knipsen. Voooooooooolare, oooho!

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Mission Traumwohnung 4

Neue Fenster

Von der ersten Besichtigung bis zur Unterschrift unter den Kaufvertrag für unsere renovierungsbedürftige Traumwohnung mit Terrasse in Triggiano hat es ungefähr ein halbes Jahr, in dem ich mehrmals kurz vor dem Nervenzusammenbruch gestanden habe, gedauert. (Nachzulesen hier und hier.) Als wir im November endlich die Wohnungsschlüssel in der Hand hatten und die Renovierung angehen wollten, vertröstete uns der Handwerker unseres Vertrauens auf die Zeit „nach den Feiertagen“; womit Weihnachten, Silvester und Befana gemeint waren. Damit rückte die Zeit des Renovierungsbeginns in den im November noch fern erscheinenden Januar. Trotzdem waren wir nicht untätig, sondern verbrachten in der Folge viel Zeit im Baumarkt, in Sanitärläden, bei Fensterbauern und in Einrichtungshäusern, um uns über Küchen- und Badfliesen, Sanitärkeramik, Armaturen, Küchenmöbel und neue Fenster zu informieren.

Während Luigi freudig von einem Shop zum nächsten flanierte und über die Ästhetik von Badfliesen in diversen Schattierungen von grün oder blau philosophierte, hätte ich schon im ersten Laden alles einsacken können, was wir brauchen, und am liebsten sofort damit losgelegt, das zerstörerische Werk des Abreißens mit den braunen Badfliesen zu beginnen. Statt dessen landeten nach dem dritten Besuch im einzigen Baumarkt der Gegend, der eigentlich dem Zweck diente, sich hinsichtlich der Preise von Innentüren zu erkundigen, ein Orangen- und ein Kirschbäumchen im Einkaufskorb. Mit der Renovierung hatte dieser bis heute einzig getätigte Baumarkteinkauf nur insofern zu tun, dass sich auf diese Art und Weise wenigstens auf der Terrasse etwas veränderte.

Eines Nachmittags Anfang Dezember waren wir schließlich mit Lorenzo, dem Arbeitskollegen einer Cousine von Luigi verabredet, dessen Frau dereinst als Studentin aus Polen nach Bari gekommen war und Ende der 90er beschlossen hatte, als Ehefrau für immer hierzubleiben. Sie gründete schnell noch eine Fensterbaufirma in Polen und vertreibt seitdem mit Unterstützung ihres Mannes polnische Fenster im italienischen Süden. Polnische Fenster! Ich fühlte mich plötzlich ungemein heimisch in Triggiano.

Wie auch die anderen Handwerker, die unsere Wohnung mit sieben auszutauschenden Fenstern und zwei Fenstertüren in Augenschein genommen hatten, ließen wir ihn messen, Kammersysteme und Gaseinschlüsse erklären und Rollladenmuster vorführen. Dann warteten wir einige Wochen auf einen Kostenvoranschlag, bis ich bereits davon ausging, dass Lorenzo uns vergessen haben musste, und vorsichtig bei Luigis Cousin anfragte, ob ihr Arbeitskollege vielleicht plötzlich erkrankt wäre. Die Cousine entschuldigte sich mehrmals und ich, die ich nur verwundert den Telefonhörer hielt, versuchte zu verstehen, warum sie plötzlich davon redete, dass sie noch keine Zeit gehabt habe, um ein Abendessen zu organisieren. Abendessen wäre natürlich nett gewesen, zumal sie eine ausgesprochen gute Köchin ist, aber wir wollten doch nun endlich wissen, wie viel Geld wir für die Fenster einplanen mussten.

Bisher hatten wir nur einen einzigen Kostenvoranschlag bekommen, in dem für drei Fenster in Küche und Bad mit Einbau 2000 Euro veranschlagt worden waren. Mehr hatten wir zunächst nicht angefragt, aber doch inzwischen recht bang hochgerechnet. Nun sollte es also über Mozarella, Spinatpizza, Rape, Panzerotti, Focaccia, Würstchen, Kartoffelspalten, Ricottakuchen und anderen Köstlichkeiten ernst werden. Würden wir uns nach dem Fensterkauf noch das eine oder andere Möbelstück leisten können?

Da ich Luigi viel zu sehr gedrängt hatte, standen wir natürlich pünktlich zur verabredeten Zeit in der Wohnung der Cousine und mussten noch eine halbe Stunde auf Lorenzo warten. Dafür stellte dieser uns dann nicht nur farbige Scheibenjalousien, sondern auch seine Frau und seinen achtjährigen Sohn vor. „Dzień dobry!“, kramte ich eine der beschämend wenigen polnischen Floskeln, die ich mir in zwanzig Jahren Einkaufstourismus angeeignet hatte, heraus, und fühlte mich sofort mir ihr verbunden, kam sie doch aus Katowice. Das war von Triggiano aus betrachtet praktisch um die Ecke meines deutschen Zuhauses.

Den nächsten Symphathiepunkt bekam sie sofort dafür, dass sie aus offensichtlichen Gründen wusste, wo Frankfurt an der Oder liegt, und nicht sofort an die deutsche Börse dachte. Ja, von dieser Frau wollte ich gern Fenster kaufen! Aber zuerst kam ein Gericht nach dem anderen, Smalltalk über das Essen, das Wetter, den lokalen Dialekt, Zweisprachigkeit, geklaute Fahrräder sowie Aufklärung in Sachen Energieeinsparung durch die richtige Fensterwahl, bis wir uns schließlich genudelt auf das Sofa rollten. 5500 Euro für alle Fenster, doppelwandig, gasgefüllt, mit irgendwelchen Lüftungsoptionen, Rollladen und Kästen, inklusive Lieferung und Einbau – fiel schließlich eine Zahl – und hinterher sofort der Hinweis, dass wir uns noch einmal die Kästen der Rollladen ansehen sollte, denn wenn diese in einem guten Zustand wären, bräuchten wir sie nicht auszutauschen und könnten noch einmal eine erhebliche Summe sparen. Viva Polonia! Wir hatten so gut wie Fenster gekauft. Aber natürlich nur „so gut wie“. Ein nächster Termin für eine genauere Messung und die Untersuchung der Kästen wurde vereinbart, bevor wir wieder auseinander gingen. Do wizenia! Alla prossima!

Dieses Treffen fand noch vor Weihnachten statt und wir haben tatsächlich festgestellt, dass wir uns die Rollladenkästen sparen können. Daher blieb uns nur noch übrig, auf den Startschuss unseres Handwerkers zu warten, um die Bestellung abschließen zu können, denn natürlich wäre es sinnvoll, zunächst die Wände aufzureißen, um die elektrischen und hydraulischen Leitungen zu kontrollieren und ggf. auszutauschen oder neu zu verlegen, und erst anschließend Fenster einbauen zu lassen.

Obwohl es zunächst nicht so schien, als würde es jemals Januar werden, stand plötzlich Silvester vor der Tür. Dann war Befana vorbei, und am siebten Januar begann Pasquale damit, sich täglich telefonisch im Büro seines Vertrauenshandwerkers nach dessen Verbleib zu erkundigen. Nach drei Tagen bekam er die Ehefrau an die Strippe: Ihr Mann sei noch in Albanien. Die Arbeiten auf der Baustelle dort hätten sich verzögert. Aber er müsse dieser Tage zurückkommen und melde sich dann sofort bei Pasquale – hieß es.

Doch ob der Verschollene jemals aus Albanien zurückgekehrt und wie weit unsere Fensterbestellung fortgeschritten ist, werdet ihr erst in der nächsten Episode aus der Reihe „Mission Traumwohnung“ lesen, denn das ist schon wieder eine andere Geschichte und würde an dieser Stelle vom Hundertsten ins Tausendste führen.

Alla prossima!

Zieh mich hoch

Zum sechsten Mal wurde am 17. Januar deridic Internationale Tag der italienischen Küche begangen. Ausgerufen haben ihn die Mitglieder des Vereins GVCI („Virtuelle Gruppe italienischer Köche“). Dieser hat sich aus einer Internetinitiative heraus formiert und sich zum Ziel gesetzt, weltweit den Qualitätsstandart und die Authentizität der italienischen Gastronomie zu bewahren und zu verbessern. Der erste Internationale Tag der italienischen Küche im Jahr 2008 stand ganz im Zeichen der Spaghetti Carbonara. Dann wurden die Gerichte beispielsweise mit dem „Ossobuco in gremolata alla Milanese“ etwas spezieller. In diesem Jahr jedoch lag der Fokus auf einem weltbekannten Dolce, das uns schon so manches Feiertags- oder Sonntagsessen versüßt hat: auf dem Tiramisu.

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Tiramisu ist eine Süßspeise, die hauptsächlich aus Eiern, Zucker, einem Frischkäse namens Mascarpone und Löffelbiskuits (öst. Biskotte) besteht. Das Ganze ist eine wahre Kalorienbombe, aber wer es einmal probiert hat, kommt nie wieder davon los. Von der absoluten Suchtgefahr und dem damit leicht einhergehenden vollem Magen kommt vielleicht auch der Name „Tiramisu“. Möglicherweise hat es bereits Leute gegeben, die nach dem Genuss nicht mehr allein aufstehen konnten, denn übersetzt bedeutet Tiramisu so viel wie „Zieh mich hoch“. Jedenfalls ist der Vereinigung der Köche mit der Wahl des Tiramisu als „Gericht des Jahres“ mindestens hier in Italien die volle Aufmerksamkeit sicher gewesen. Luigi und ich haben von diesem freudigen Ereignis am Donnerstag in den Hauptnachrichten erfahren und sofort beschlossen, dass es bei uns am heutigen Sonntag Tiramisu geben sollte.

Damit sich die Aromen mischen und entfalten sowie die Biskuits gut durchziehen können, empfiehlt es sich, das Gericht bereits am Vortag zuzubereiten. Deshalb kam es uns gelegen, dass Maria und Pasquale am Samstagvormittag ins Einkaufszentrum fahren wollten. Wir hatten geplant, die ganze Aktion guerillamäßig aus dem Hinterhalt durchzuführen: Rein, raus und weg. Das lief insgesamt auch ganz gut, nur mit dem „rein“ hatten wir zunächst Probleme. Im sprichwörtlichen „Supermarkt um die Ecke“ war es am Samstagvormittag nämlich so voll, dass man kaum treten konnte. Selbst am Käsestand musste man Nummern ziehen, weil Italiener nicht in der Lage sind, eine geordnete Reihe zu bilden, sondern sich immer traubenartig um ihr Ziel zu lagern pflegen. Je mehr Italiener auf einen Haufen kommen, desto verwirrender wird die Situation. Deshalb war das Nummernspiel gestern reine Notwehr der Ladenbetreiber. Während Luigi also mit seinem Nummernzettelchen irgendwo vor der Käsetheke herumlungerte nach frischem Mascarpone anstand, machte ich einen Abstecher in einen Obst- und Gemüseladen, in dem es immer frische Eier von hoffentlich glücklichen Hühnern gibt. Als ich wiederkam, wartete Luigi immer noch in einer Menschentraube an der Käsetheke. Also schlug ich mich erneut in Richtung Eingang zurück und packte schon mal die letzten zwei Päckchen Löffelbiskuits, die ich im Keksregal finden konnte, in unseren Beutel. Es sah ganz so aus, als wären noch mehr Triggianesen vom Tiramisutag inspiriert worden.

Als wir nach einer geschlagenen Stunde endlich wieder zu Hause waren, blieb uns noch etwa eine weitere Stunde für die Zubereitung. Doch zum Glück ist Tiramisu schnell gemacht und überhaupt nicht anspruchsvoll. Daher gibt es vermutlich so viele Varianten – sowohl hinsichtlich der Mengenangaben der Grundzutaten als auch hinsichtlich von saisonalen Abwandlungen wie z.B. Erdbeertiramisu. Hier also das traditionelle Familienrezept aus dem Hause Grillo für 6 (hungrige) Personen oder ein Gefäß von ca. 30 x 20 x 4 cm.

Zutaten:

  • 4 frische Eier
  • 120 g Zucker
  • 500 g Mascarpone (im Kühlregal)
  • 500 g Löffelbiskuit
  • 400 ml kalter Kaffee
  • 2 Päckchen Vanillezucker
  • Amarettolikör (z.B. Disaronno)
  • Kakao

Zubereitung der Mascarponecreme

  1. Eier trennen, die Eiweiße steif schlagen und im Kühlschrank zwischenlagern
  2. Eigelb mit dem Zucker und Vaniellezucker schaumig schlagen
  3. Mascarpone löffelweise unterrühren
  4. Amarettolikör nach Geschmack zugeben (kosten)
  5. Eischnee unterheben

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Nun wird die Creme abwechselnd mit den Löffelbiskuits in die Form geschichtet. Angefangen wird dabei mit der Creme. Dann die Löffelbiskuits mit der Länge kurz in Kaffee tunken und dicht an dicht auf die Cremeschicht legen; ruhig ein bisschen andrücken. Anschließend wird wieder Creme daraufgegeben, verstrichen und die nächste Lage Löffelbiskuits eingeschichtet. 4 cm Höhe reichen knapp für drei Schichten. Abgeschlossen wird das Ganze mit einer Cremeschicht, die anschließend großzügig mit Kakao bestäubt wird.

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Wir haben das Tiramisu für größere Feiern auch schon in Whiskygläser geschichtet. Das sieht gut aus und hat den Vorteil, dass man es vor dem Verzehr nicht mehr zu portionieren braucht, aber es ist natürlich eine zeitaufwendigere Fummelarbeit. Dafür waren wir viel zu sehr in Eile, denn kaum war das fertige Tiramisu im Kühlschrank verschwunden, klingelte auch schon das Telefon. Die Küchencheffin ordnete an, das Nudelwasser aufzusetzen. Uns blieb gerade noch genug Zeit, das Schlachtfeld wieder in seinen aufgeräumten Ausgangszustand zu versetzen, da stand Maria schon in der Tür.

IMG_20130120_172210Pasquale, der ein ausgemachter Naschkater ist, grinste erfreut von einem Ohr zum anderen, als er das Tiramisu im Kühlschrank entdeckte. Er präsentierte es heute Mittag am Tisch wie eine Trophäe und auch Maria lobte die Konsistenz und den Geschmack. Falls ihr noch kosten möchtet, dann müsst ihr euch wirklich beeilen, denn der klägliche Rest, den wir wegen der vorhergehenden vier Gänge übrig lassen mussten, wird das Abendessen sicherlich nicht überleben.

Roadtrip mit Leiche

Beim Surfen im Internet bin ich über ein Buch des Mandarin Verlags gestolpert, dessen erster Absatz des Klappentextes mich sofort angesprochen hat: „Was tun, wenn der Großvater stirbt und die Erfüllung dessen letzten Wunsches – in der süditalienischen Heimat bestattet zu werden – [. . .] scheitert? Für Luca Hübschen gibt es nur eine Lösung: Den toten Giuseppe – genannt Pippo – selbst die 2000 Kilometer von Saarbrücken nach Apulien zu transportieren, und zwar mit Hilfe seiner Freundin Steffi und seines betagten Fiat 500 ‚Cinquecento‘.“

Reisen mit Pippo

Holger Willi Montag: Reisen mit Pippo, Mandarin Verlag, 2003

 

Der im Jahr 2003 erschienen Debütroman des deutschen Autors Holger Willi Montag erzählt auf 464 Seiten die aberwitzige Überführung des in sitzender Haltung verstorbenen Opas durch halb Deutschland, die Schweiz und fast ganz Italien in einem nur mit Kühlakkus notdürftig kalt zu haltenden als Dachgepäck getarnten Metallsarg zu einer Zeit, als die Grenzen Europas noch nicht so offen standen wie heute. Dabei wächst der sonst eher unkonsequente Luca an Entschlossenheit und Erfindungsreichtum plötzlich über sich hinaus, wenn er beispielsweise der Grenzkontrolle glaubhaft machen kann, dass sein kurzzeitig auf den Beifahrersitz umgelagerter Opa ein Autist wäre, oder wenn er ihn zur Kühlung in einer nur schwer zugänglichen Höhle am Meer zwischenlagert.

Dieser Kontrast zwischen dem ernsten Anlass und dem slapstickhaften Motiv des wenig respektvollen Transports ist jedoch nur eine Seite des Romans. Auf dieser Reise mit Pippo wird Luca klar, dass er im Grunde nichts über die persönliche Geschichte seines Großvaters und seines italienischen Familienzweiges weiß. Je mehr er sich dem Heimatort seines Opas nähert, desto neugieriger wird er deshab darauf, seine Verwandten kennenzulernen und die wirklichen Geschichten hinter den bruchstückhafen Anekdoten, die in der Familie kreisen, zu entdecken. So endet zwar die Autofahrt in Lecce, aber Luca bekommt endlich die Gelegenheit, seine zahlreiche Verwandtschaft kennenzulernen und tiefer in die Geschichte des verzweigten Familien- und Freundeskreises einzutauchen.

Mit nur wenig zeitlicher Verschiebung zu Luca macht sich auch Jacob, ein alter Freund Pippos, mit Rainer, einem weiteren Freund der Familie, auf nach Apulien. Er hat einen richtigen kühlbaren Sarg besorgt und beabsichtigt in Italien mit Luca zusammenzutreffen, um den Leichnam zu übernehmen. Obwohl es aus verschiedenen Gründen nicht dazu kommt, ist die Reise dennoch auch für Jacob sehr wichtig, um seinen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Der Leser erfährt in diesem Zusammenhang, dass Jacob und Pippo im Zweiten Weltkrieg aufeinander getroffen waren und sich über ihren Bäckerberuf eine jahrzehnte währende Freundschaft entwickelt hatte, die Pippo schließlich in den Jahren des Aufschwungs in Deutschland aus dem wirtschaftlich abgeschlagenen Süditalien nach Frankfurt am Main geführt hat. Auch diese Geschichte und der Grund, an dem diese Freundschaft zerbrach, wird auf der Reise nach Apulien mehr und mehr enthüllt. Durch die schrittweise Enthüllung der Vergangenheit und die Frage, ob sich Lucas Beziehung zu Steffie in diesem stressigen Urlaub eher festigen oder vielleicht gar zerbrechen wird, bietet das Buch bis zur letzten Seite immer wieder Überraschungen und lässt keine Langeweile aufkommen.

Danach gefragt, woher er die Inspiration und die Ideen für seinen Roman bezogen hat, antwortete Holger Montag, dass er bereits im Frühjahr des Jahres 2000 über einen Familienroman nachgedacht habe, in dem er das bewegte Leben eines in der Fremde lebenden Italieners wiedergeben wollte. Ein Urlaub führte ihn im gleichen Jahr nach Italien, wo er sofort mit der geballten süditalienischen Gastfreundschaft inklusive obligatorischem Kennenlernen der Tanten und Onkel sowie einem Essen konfrontiert wurde. Wer diese Herzlichkeit und die Offenheit einmal erlebt hat, kann gut nachvollziehen, dass aus so einem Erlebnis zahlreiche Inspirationen für Figuren und Handlungen erwachsen können. So ist „Reisen mit Pippo“ nicht nur ein slapstickhafter Roadtrip, sondern ein direkt aus dem süditalienischen Leben gegriffener Roman geworden, der aufzeigt, wie schade es ist, wenn ältere Menschen zwar eine feste Größe im Familienleben darstellen, aber ihre persönlichen Geschichten niemanden mehr interessieren. Immerhin sind deren Erlebnisse nicht nur ein Teil einer individuellen Familiegeschichte, sondern verknüpfen den kleinen familiären Kosmos mit dem größeren Kosmos der Weltgeschichte.

Apuliens Provinzhauptstadt Bari kommt in dem Roman leider denkbar schlecht weg, als ein letzter Umbettungsversuch in den Sarg von Jacob unternommen werden soll. Nicht nur, dass der Protagonist „schon viel Schlechtes“ über Bari gehört hatte, alle Vorurteile werden auch prompt bestätigt: Es ist heiß. Der Verkehr ist mörderisch. Und man wird beklaut. Dazu kommt, dass der Rest Baris aus kriminellen Sympathisanten zu bestehen scheint. Am vereinbarten Treffpunkt mitten im Stadtzentrum bekommen Luca und Steffi keinen Parkplatz. So kommt es wie es kommen muss: Während die beiden zu Fuß zum Treffpunkt gehen und dort warten, wird ihr am Hafen abgestelltes Auto unter den Augen umstehender Zeugen aufgebrochen und der Rucksack mit Fotoapparat, Geld und Papieren geklaut. Ich bin mir fast sicher, dass ein so offensichtlich zur Schau gestellter Rucksack in einer alten Nuckelpinne in jeder größeren Stadt eine willkommene Einladung an Diebe wäre. Trotzdem setzt das Schicksal noch eins drauf: Rainer und Jacob werden in einen Verkehrsunfall verwickelt und machen auf diese Art ebenfalls die Bekanntschaft lautstark diskutierender Italiener und der Carabinieri von Bari.

Das etwa drei Stunden weiter südlich liegende Lecce wird viel freundlicher beschrieben, was verständlich ist, wenn man bedenkt, dass Luca sich dort auskennt und dort seine Wurzeln hat. Tatsächlich war Lecce jedoch bereits im römischen Reich eine wichtige Wirtschafts- und Hafenstadt. Der Wohlstand und die Bedeutung der Stadt spiegeln sich in den fantastischen Ausschmückungen der Gebäude vor allem aus dem 17. Jahrhundert wider, in dem Lecce unter spanischer Herrschaft in eine der bedeutendsten Barockstädte Italiens verwandelt wurde, was natürlich ein ganz besonderes Flair ausmacht. Hier nun lebt die große und recht schräge Familie Pippos, die Luca auf den letzten 100 Seiten des Romans kennen und mögen lernt. Endlich erfährt er, wie die unterschiedlichen Paare zusammengefunden haben oder vom Auswandern nach Deutschland, vom Guanoabbau in einer Fledermaushöhle und auch über die regelmäßige Bestückung einer Ausgrabungsstätte mit nachgemachten antiken Scherben.

Auf diese Art wird der äußerst kurzweilige Roman nicht nur vom schwarzen Humor der Hauptgeschichte getragen, sondern ist auch in seinen Details witzig und verrückt. Der Autor nutzt einige tatsächlich existierende Orte wie die bei Castro gelegene Grotte „Zinzulusa“ als Hintergrund für seine Romanhandlung und beruft sich auch bei einigen Episoden wie beispielsweise beim Diebstahl der zur Stadtverschönerung gepflanzten Palmen auf Tatsachen. Sofort muss ich wieder daran denken, wie sich Luigis Eltern bei ihrem Besuch in Deutschland darüber wunderten, dass niemand die Rosen aus den Beeten an den Straßen unserer Städte klaut, und wie überrascht ich damals darüber war, dass jemand überhaupt auf so eine Idee kommen könnte. Aber es erklärt natürlich auch, warum man hier entlang den Straßen höchstens wie Unkraut wuchernden Oleander und nirgendwo Blumenrabatten findet. Dieses Wissen um einen recht schwachen Respekt vor öffentlichem Eigentum und dem Gesetzt sowie um eine gewisse Bauernschläue des gemeinen Süditalieners, macht selbst die vorgetäuschte Ausgrabungsstätte bei Lecce, welche ausschließlich der Fiktion des Autors entstammt, wahrscheinlich. „Wer weiß,“ schreibt Montag sicherlich mit einem Augenzwinkern, „vielleicht gerät der Roman ja irgendwann in die Hände eines findigen Apuliers und das ‚Scherbenfeld‘ wird nachträglich installiert.“ Ehrlich gesagt, auch das kann ich nach einem halben Jahr Apulien nicht mehr für völlig ausgeschlossen halten.

Holger Montag hat im Mandarin Verlag inzwischen ein Kinderbuch und zwei weitere Romane veröffentlicht, die sich thematisch aber von einer Auseinandersetzung mit Italien entfernt haben. In Zeiten, in denen sich Autoren gern mit Serien zweifelhafter Qualität an einmal erfolgreiche Sujets klammern, klingt Montags Begründung dafür sehr sympathisch: „Ich behandele lieber ein einzelnes Buchprojekt 100%ig, statt diese 100% auf drei Folgeromane zu verteilen.“

„Reisen mit Pippo“ kann ich auf jeden Fall allen empfehlen, die Italien mögen oder auf der Suche nach einer ungewöhnlichen und erfrischenden Lektüre abseits vom Mainstream sind. Das Buch gibt es neu und gebraucht bei Amazon sowie versandkostenfrei direkt beim Verlag.

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Ich bedanke mich herzlich bei Herr Montag für die freundliche Beantwortung meiner Fragen und wünsche ihm als Autor stets erfrischende Ideen sowie seinen Büchern zahlreiche zufriedene Leser.

Gelüste

Ich bin gerade auf dem Weg zur Post, um eine Geburtstagskarte an meine Oma aufzugeben, da höre ich schon von Weitem eine knarzende Stimme: „Mandarinen – 50 Cent das Kilo, Orangen, Zitronen…“. Kurz darauf biegt ein kleiner Transporter mit halboffenem Verdeck um die Ecke und das Anpreisen des durch Triggiano geschaukelten Obstes und Gemüses fängt von vorn an, bis der Fahrer an einer Ecke anhält. Wie aus dem Nichts tauchen einige Omchen auf und beginnen das Auto zu umlagern, so dass der Fahrer herausspringt und zu verkaufen anfängt. „Gut,“ denke ich, „hier kannst du dir nachher noch eine Zwiebel besorgen.“ Seit Tagen habe ich nämlich schon Hunger auf Rührei.

Rührei zählt in Italien nicht gerade zu den bekanntesten Gerichten, was mich zunächst sehr verwunderte, denn in meinem Sprachkurs stand „uovo strapazzato“ schon in einer der ersten Lektionen auf der Tagesordnung. Aber außer Luigi, der es gelegentlich isst, wenn ich die Zwiebeln, die er nicht ausstehen kann, mikroskopisch klein hacke, konnte sich noch niemand dafür begeistern. Hinzu kommt, dass mich Maria nur zum gelegentlichen Backen widerstandslos in die Küche lässt, und eine kurze prägnante Erklärung, warum ich nicht das hervorragende Hähnchenkotelette, liebevoll gefüllte Paprikaschoten oder ein Viertel einer Fleischpastete, sondern schnöde verrührte Hühnereier essen möchte, ist mir bisher noch nicht eingefallen. Ich kann’s nicht erklären, ohne wissenschaftlich zu werden. Aber Philosophie oder Biologie übersteigen im Moment noch mein spontanes Interaktionsermögen. Es könnte Prägung sein oder unbewusstes Heimweh: Hin und wieder überkommen mich Gelüste nach Speisen wie Kartoffelbrei, Bratkartoffeln oder eben Rührei. Ich sehe das pragmatisch: Es ist wesentlich einfacher, sich in Italien ein vernünftiges Rührei zu braten oder Kartoffeln zu stampfen, als z.B. in Deutschland eine gute Mozzarella zu bekommen. Jedenfalls wäre es theoretisch wesentlich einfacher, wenn Mamma Maria nicht die unbedingte Alleinherrschaft über ihre Küche beanspruchen würde.

IMG_4240Während ich die Sicherheitstüren passiere, um anschließend in der gerammelt vollen Post vorschriftsmäßig eine Nummer beim Buchstaben „P“ für „Korrespondenzen und Päckchen“ zu ziehen, überlege ich bereits, wann eine strategisch günstige Uhrzeit für das Erstürmen der Küche sein könnte. Bis zum Herbst sind Luigis Eltern regelmäßig in ihr Sommerhäuschen gefahren und wir waren bei der Essenszubereitung für einige Tage unabhängig. Aber jetzt im Winter muss ich den Moment abpassen, in dem Maria das Studium der Tageszeitung beendet hat und ins Bad geht, bevor sie sich vor den Herd stellt, um irgendetwas zu frittieren oder zu backen.

Eine lautstarke Diskussion reißt mich aus meinen Rühreigedanken. Offensichtlich hat Nummer „E 392“ das Aufrufen seiner Nummer verpasst und „E 393“ konnte sich, dadurch das seine Nummer nur wenig später aufgerufen wurde, vordrängeln. Möglicherweise hatte „E 392“ einen der 10 Stühle ergattert und war beim Warten eingeschlafen. Vielleicht wurde er auch tatsächlich von der Menschentraube vor den Stühlen am Aufstehen gehindert. Jedenfalls empört er sich nun darüber, dass man mit dem Aufrufen der nächsten Nummer länger warten müsse, damit sich die entsprechende Person auch bis zum Schalter vorkämpfen könne. Der Mann hinter dem Schalter macht komischer Weise gar keinen genervten Eindruck sondern meint nur, er habe jetzt schon begonnen, den anderen Kunden zu bedienen, würde ihn jedoch sofort danach drannehmen. Nummer „E 392“ vergewissert sich bei einigen nickenden Umstehenden, dass sie es genauso sähen wie er und man mit dem Aufrufen der nächsten Nummer länger warten müsse. Als eine ältere Dame schließlich meint, er solle froh sein, dass er gleich rankäme, denn sie habe Nummer 416 und müsse noch Stunden hier stehen, gibt er Ruhe.

Ich habe Glück, dass die meisten Italiener die Post eher als Bank benutzen. Während ich „P 64“ bin und der im Moment zu bedienende Kunde mit dem Buchstaben „P“ die Nummer 60 hat, sind sie Vormittags um halb elf bei den Bankschaltern offensichtlich bereits bei 393. Gemessen an den vielen Wartenden dürften die ausgegeben Nummernzettelchen inzwischen bei 420 oder höher angekommen sein. Ich fühle mich ein bisschen klaustrophobisch, muss aber im Ganzen nur zehn Minuten warten, bis ich Omas Geburtstagskarte über den Thresen schieben kann. Als ich wieder an der frischen Luft stehe, atme ich erstmal erleichtert durch, bis mein Blick auf die Ecke mit dem Obst- und Gemüseauto fällt und ich sehe, dass ich nichts sehe. Der Verkäufer ist inzwischen weitergefahren.

IMG_20130109_141303Doch alles kein Problem. Auf dem Weg nach Hause habe ich mindestens drei Gelegenheiten, mir in einem Supermarkt oder einem Gemüseladen eine Zwiebel zu kaufen. Manchmal stehen auch Stühle mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten vor den Haustüren herum oder Männer verkaufen aus dem Kofferaum ihres Autos heraus. Es ist erst drei Wochen her, dass mir beim Anblick eines mit Weintrauben beladenen Kofferraumes das Wasser im Mund zusammenlief und ich zu einem hageren Opa sagte: „Ich hätte gern ein paar Weintrauben.“ „Wie viele?“, antwortete der und, da ich den obligatorischen Einkaufskorb-Euro in meiner Jackentasche fühlte, sagte ich ohne große Überlegung: „Für einen Euro.“ – Ich bekam anderthalb Kilo in zwei Plastebeuteln und musste drei Tage lang Weintrauben essen, damit die letzen nicht vor dem Verzehr verderben konnten. Deswegen werde ich heute tatsächlich auf Nummer sicher gehen und nur „eine Zwiebel“ kaufen.

IMG_20130109_140833Ein paar Schritte den Corso hinunter steht wie an jedem Tag ein kleiner roter LKW an einer Kreuzungsecke. Schon aus einiger Entfernung sehe ich, wie ein junger Mann der Stadtreinigung mit seinem Moped neben dem LKW zum Stehen kommt, sich eine Mandarine schnappt und, während er diese abpellt mit dem Verkäufer zu schwatzen beginnt. Als ich kurz darauf neugierig die Kisten auf dem Verdeck mustere, greift sich der Verkäufer eine Plastiktüte und wendet sich mir zu: „Mandarinen, Orangen, Rape? Alles gute Ware. Wie viel darf ich einpacken?“ „Eine Zwiebel bitte.“ antworte ich. Er lacht. „Ein Kilo?“, fragt er dann, um sich zu vergewissern. „Nein, nur eine Zwiebel und nicht zu groß bitte.“, lächle ich leicht verlegen zurück und suche in meiner Tasche nach dem Portemonnaie. Der Verkäufer kratzt sich am Kopf, wühlt anschließend in seiner Zwiebelkiste, sucht eine aus und gibt sie in die Waagschale. Dann drückt er ein bisschen mit der Hand auf der Schale herum, nimmt die Zwiebel von der Waage und hält sie überlegend in der Hand. Ich sehe ihn abwartend an und beginne zu zweifeln. Was ist denn los? Habe ich etwas falsch gemacht? „Beh,“ macht er plötzlich und drückt mir die Zwiebel in die Hand: „Prenditela è vattene via!“* Mir fällt gerade noch ein, dass ich „Danke“ und „Guten Tag“ sagen sollte. Dann trolle ich mich mit der Zwiebel in der Hand nach Hause.

„Wozu brauchst du die denn?“, fragt mich Maria, als ich angekommen bin und zeigt auf das Geschenk in meiner Hand. „Zuerst möchte ich ein Foto davon machen,“ anworte ich, „und am Abend brauche ich die Zwiebel für das Rührei.“ „Welches Rührei?“, kommt es darauf von Maria zurück. „Zum Abendbrot essen wir heute Spaghettifrittata.“

Irgendwie habe ich geahnt, dass sie so etwas in der Art sagen würde. Aber, gut, Spaghettifrittata ist auch sehr lecker. Dann gibt’s eben morgen Rührei. Oder übermorgen. Oder überübermorgen. Immerhin habe ich schon eine Zwiebel.

* „Nimm‘ sie dir und hau ab!“

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6.1. – Heilige drei Könige vs. Alte Schachtel

„La Befana vien di notte

con le scarpe tutte rotte,

il capello alla romana.

Viva viva la Befana!“*

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Da Adventskalender in Italien nicht gebräuchlich sind und am 6.12. auch kein Nikolaus in Triggiano vorbeikam, um eine Runde vorweihnachtlichen Hüftgoldes zu verteilen, beschloss ich bereits, mich im nächsten Jahr mit den armen italienischen Kindern zu solidarisieren und eine großangelegte „Mission Nikolausstiefel“ zu starten. Doch Luigi erstickte meinen Eifer mit den folgenden Worten: „Warte mal Befana ab! Da wirst Du sehen, dass euer Nikolaus direkt knauserig ist.“ Dann erklärte er mir, dass am 6.1. eine alte hässliche Hexe hier vorbeikommen und Socken mit Süßigkeiten vorbeibringen würde. 

„Na, das wollen wir doch mal sehen!“ dachte ich, fand es aber sofort gar nicht mehr so schlimm, dass meine hohen schwarzen Stiefel noch in Deutschland stationiert waren. Lange warme Skisocken mitzubringen war in dieser Hinsicht scheinbar die bessere Wahl gewesen. Doch Luigi belächelte meine Überlegungen erneut und erklärte mir, dass die Hexe selbstverständlich ungetragene Socken verteile, was im Gegensatz zum Nikolaus viel praktischer wäre, da man nicht einmal seine Schuhe dafür putzen müsse. 

Während ich noch überlegte, ob italienische Kinder ihre Schuhe folglich statt wenigstens einmal im Jahr nun gar nicht putzen würden, suchte ich im Internet weiterführende Informationen zur sockenbringenden Hexe und fand heraus, dass sie sogar eigene Webseiten hat. Dort kann man lesen, dass sie sich die krummnasige Alte alljährlich in der Nacht vom 5. zum 6.1. aufmacht, um durch Kamine zu schlüpfen und Süßigkeiten in die Socken der Kinder zu stecken. Da nun die wenigsten Familien im warmen Süditalien einen Kamin haben, an dem sie Socken aufhängen können, ist die Hexe offensichtlich dazu übergegangen, die Socken massenweise in Süßigkeitenläden und Supermärkten zu verteilen, wo sie seit Mitte Dezember von den Decken baumeln, und ihre Arbeit den Verwandten der zu beschenkenden Kinder zu überlassen.

IMG_20130106_122811Vermutlich nicht ganz zufällig stammt der Name „Befana“ vom griechischen „Epiphaneia“ ab (Epifania > Pifania > Beffania > Befania > Befana), was soviel bedeutet wie „Erscheinung Gottes“.  Gemeint ist damit die „Erscheinung Gottes“, welche am 6.1. von der katholischen Kirche gefeiert wird. Demnach kamen an diesem Tag drei weise Könige zum neugeborenen Jesuskind und brachten ihm Geschenke. Vermutlich auch nicht ganz zufällig feierten bereits die alten Ägypter an diesem Tag ein Fest zu Ehren der Geburt ihres Gottes Horus. So überlagern sich die Religionen und Bräuche, und während deutsche Kinder heute in manchen Orten traditionell unter Vortäuschung einer falschen Identität Haustüren mit Graffiti (C+M+B) beschmieren, sind die Süßigkeitenregale in unserem Supermarkt um die Ecke praktisch leergekauft. Nur die letzten Säumigen stürmen noch in die Geschenkeläden, um sich im Namen der Befana mit gefüllten Socken einzudecken. 

IMG_20130106_144910Auch ich habe heute eine Socke mit einem Glücksschwein darauf und diversen Süßigkeiten darin erhalten. Leider ist die Socke ungefähr zwei bis drei Nummern zu klein und entspricht auch nicht IMG_20130106_145717meiner Wadenweite, aber schauen wir mal, was passiert, wenn wir unsere Wohnung auf Vordermann gebracht und tatsächlich einen Kamin haben werden. Dann werde ich der Befana im nächsten Jahr auflauern und sie fragen, ob ich den Socken umtauschen kann.

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(* Diesen Reim auf die Befana gibt es in vielen regional abgewandelten Formen. In Luigis Familie ist der obige gebräuchlich: „Die Befana kommt in der Nacht mit kaputten Schuhen und einem schräg aufgesetzten Hut. Lang lebe die Befana!“)