Archiv für den Monat Juni 2016

Schon wieder Jahrestag?

Seit ich in Apulien lebe, hat sich meine Zeitrechnung verändert. Damit spiele ich jetzt nicht auf die einzukalkulierende Unpünktlichkeit der Italiener und deren Verkehrsmittel sondern auf meinen Jahrestag am letzten Sonntag an. Für mich beginnt das neue Jahr nämlich nicht am 1.1. sondern am 26.6. – „Compuglianno“ habe ich meinen italienischen Neustart getauft, eine Mischung aus den Wörtern für Apulien (Puglia) und Geburtstag (compleanno).

Und nun soll es schon vier Jahre her sein, dass ich mein sicheres und behütetes Leben in Deutschland für das Abenteuer Apulien eingetauscht habe. Kaum zu glauben. Besonders das letzte Jahr mit unserem Sohn Davide kommt mir rückblickend nur wie ein Fingerschnippen vor. Im Kern ist zwar alles gleich geblieben: Ich unterwandere beruflich weiterhin Baris Bildungslandschaft und scheine inzwischen neben geschätzter Deutschlehrerin in Privatschulen auch gern gesehene Projektlehrerin in staatlichen Gymnasien zu sein. Die „Mission Traumwohnung“ macht auch immer kleine Schritte vorwärts. Meine Familie, meine Freunde, meine Terrasse und das Schreiben sind mir wichtig geblieben. Aber es sind neue Freunde hinzugekommen und Prioritäten haben sich verschoben, was man auch an der Unregelmäßigkeit der erscheinenden Blogbeiträge erkennen kann. Am wichtigsten ist mir nun, viel Zeit mit meinem Sohn zu verbringen. Gerade an seiner rasanten Entwicklung merke ich, wie mir die Zeit durch die Finger rinnt und spezielle Momente, die er mit anderen erlebt, unwiederbringlich für mich verloren sind.

Mein neues Jahr in Apulien hat also begonnen und ich wünsche mir für dieses fünfte nichts anderes, als dass sich alles so gut weiterentwickeln möge wie bisher.

In diesem Sinne also: Buon Compuglianno a me! und euch allen einen schönen Sommer!

Torte

Eine leckere Version der Torta Mimosa von unserer Freundin Ivana – natürlich haben wir das Sahnestück schon komplett verputzt.

Dicke Kirschen

Kirschverkaufsstand 2Vor einiger Zeit hatte meine Freundin Elena uns in ihrer Heimatstadt Turi herumgeführt unKirschstandd gemeint, wir sollten unbedingt zum Kirschfest wiederkommen. Sobald es das Wetter in Italien zulässt, beginnen nämlich die „sagre“ – dabei feiert man lokale Lebensmittelspezialitäten und das kann so ziemlich alles sein: Käse, Obst, Gemüse, Fleisch, Wurst, Schinken, Brot… oder wie am 11. und 12. Juni in Turi eben eine spezielle Kirschsorte die „Ferrovia“, was so viel wie Eisenbahnstrecke bedeutet.

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Größenvergleich mit einer Ein-Euro-Münze

Magnete TuriIn diesem Jahr schien es gar nicht so einfach noch etwas zu feiern, denn durch einen Hagelschauer, der die Gegend vor 3 Wochen heimgesucht hatte, waren große Bestände an Kirschen regelrecht vernichtet worden. Zum Glück ist die Ferrovia eine späte Kirsche. So konnte nicht nur das Fest stattfinden, sondern Elenas Mama uns auch mit zwei Kartons voller dicker, reifer und schwarzroter Kirschen versorgen, die wir selbst aßen, in der dankbaren Familie weitergaben und in einem großen Glas unter Amaretto und Wodka aufbewahren. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass auch in dieser Geste die besondere Gastfreundschaft der Apulier deutlich geworden ist. Normalerweise bringen die Gäste Geschenke mit, aber hier verlassen die Gäste ihre Gastgeber auch selten ohne ein Geschenk von diesen.

Kirschen aus dem Automaten

Kirschen aus dem Automaten

PflanzenfiatWie muss man sich nun so eine „sagra“ vorstellen? – Kurz gesagt: wie ein kleines Stadtfest. Man trifft sich im Ortskern. Es gibt Stände für das leibliche Wohl, Verkaufsstände und Informationsstände. Die Vereine sorgen für das kulturelle Rahmenprogramm und, während die Omas kochen, verlustieren sich die jüngere und reifere Jugend bei der „Sagra della ciliegia Ferrovia“ in Turi eben mit Kirschen, Kirschbäumen, Kirschbier, Kirschmagneten oder Bausätzen aus Kirschbaumholz. Schön, so ein müßiger Vormittag!

aus Kirschbaumholz

Alles aus Kirschbaumholz

Sich selbst übertroffen

sichselbstübertroffenSich selbst übertroffen hat in diesem Jahr unser Feigenbaum Federico. Die ersten Feigen, Fironi genannt, sind normalerweise immer etwas größer, aber, was in diesem Jahr im Blumenkübel auf unserer Terrasse herangereift ist, nenne ich nicht „etwas größer“, sondern spektakulär.

Fast ein botanischer Garten

überranktOlivenbaumDie Universität von Bari leistet sich zwar einen richtigen, botanischen Garten, aber der ist leider nur vormittags geöffnet. Gut, dass sich auch der „Gardino dei tempi“ mit einem Straßenschild „Orto Botanico“ schmückt und dieser von Triggiano nur einen Steinwurf in Richtung Bari entfernt ist. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Lokalität, die man für Familien- und andere Feiern buchen kann, aber sie wurde durch eine wunderschöne Gartenanlage mit tollen Sichtachsen über einen bloßen Garten hinaus aufgewertet.

noch ein BrückchenBrückchenEs gibt mehrere, thematisch unterschiedliche Säle für Feierwillige, Teichanlagen, Gewächshäuser, lauschig versteckte Bänkchen, einen großen Spielplatz für die Kleinen und immer wieder erstaunliche Blicke auf uralte Olivenbäume oder auch traditionelle Aufbewahrungsgefäße für Olivenöl, die (für mich zurecht) wie Kunstwerke im Garten aufgestellt wurden.

WüsteFür  fünf Euro kann man sich dort so lange aufhalten wie man möchte. Kinder dürfen kostenlos mitkommen. Der Ort eignet sich zum Beispiel hervorragend für ein Picknick oder einen langen Spaziergang. Wir fahren gern dorthin, weil es in Bari sonst an schönen Parks mangelt und die Wege um Bari oder Triggiano herum leider immer noch vom bekannten Müllproblem heimgesucht sind. Dann doch lieber Amphoren und schöne Ausblicke.

Suchbild

Und wer sonnt sich hier im botanischen Garten?

 alle Fotos by MD

Rote Fackeln

Ohne Blüten bestechen sie höchstens durch ihre klaren Linien oder bizarren Formen. Doch wenn sie erstmal mit dem Blühen loslegen, dann stehen Sukkulenten und Kakteen ihren durstigen Blatt-Verwandten in nichts nach. Hier standen Aloen nahe der Seepromenade und leuchteten schon von weitem wie rote Fackeln unter dem kontrastierenden Himmel.

Aloe Vera

Unsere Aloe Vera auf der Terrasse hatte hingegen gelbe Blüten.

Heiliger Bimbam!

Bari Panorama Lungomare

Bari – Abendliches Panorama der Seepromenade

Wenn die Baresen ihr jährliches Stadtfest zu Ehren von „San Nicola“ feiern, dann zieht es alles auf die Straße, was Beine hat. In diesem Jahr fielen die drei tollen Tage sogar auf ein Wochenende (7./8./9. Mai), was auch noch Unmengen an Touristen in die Stadt spülte. Da ich inzwischen einige „San Nicolas“ mitgemacht habe, bin ich nicht mehr ganz so erpicht darauf, mich unter die Massen zu mischen, aber für meine beste Freundin begab ich mich auch  in diesem Jahr zweimal zu einer Zeit, in der ich sonst schon halbtot auf der Couch vor mich hindämmere ins Zentrum von Bari. Das Fest hat nämlich so viele Höhepunkte, dass man ab einem gewissen Alter einfach auswählen muss, während die Jugend gern an drei Abenden von fünf Uhr bis weit nach Mitternach feiert.

San Nicola 3 Eintritt in die Illuminazione

Die Prozession erreicht den Lichterdom auf der Piazza Ferrarese

Der Anlass für das Fest ist der Diebstahl die Verbringung der sterblichen Überreste des Heiligen Nikolaus von Myra am 9. Mai 1087 aus der Türkei in die eigens für ihn erbaute Basilika in Bari. Um diese Knochen ranken sich Mythen, die hier ganz gewiss nicht in Vergessenheit geraten können (Ich sage nur „manna„.), weil die Vorgänge um die Ankunft der Reliquien in jedem Jahr mit großen Enthusiasmus nachgespielt werden.

San Nicola 6 Lichterdom seitlichSo wurde auch in diesem Jahr das Privileg, die Statue des Heiligen Nikolaus am 7. Mai hinaus aufs Wasser zu fahren, unter den baresischen Fischern versteigert. Der glückliche Gewinner schmückte sein Boot mit bunten Wimpeln und durfte eine Nacht mit dem Heiligen an Bord auf dem Meer verbringen. Der historische Festumzug bildete am Abend einen zweiten Höhepunkt der Feierlichkeiten. Am 8. Mai landete San Nicola wieder im Hafen an und wurde mit einer fröhlichen Blasmusikprozession in den Lichterdom auf die Piazza Ferrarese getragen.

San Nicola im Lichterdom

San Nicola hat seinen Platz eingenommen, auf dem ihm die Gläubigen und Schaulustigen nun bis zum 9. Mai ihre Aufwartung machen können.

Diesem Spektakel beiwohnen kann nur jemand, der eine große Toleranzgrenze bei Körperkontakt hat. Während wir unsere Fotos schossen, wurden wir von allen Seiten gedrückt und gequetscht. Fast überflüssig auch zu erwähnen, dass man kaum ein Bein vor das andere setzen konnte und, um nur wenige Meter zurückzulegen, eine halbe Stunde brauchte. Dennoch haben meine Freundin und ich uns an diesem Abend heldenmütig ins Zentrum der Feier vorgekämpft und einige schöne Fotos von der wirklich beeindruckenden Lichtinstallation geschossen, in der San Nicola bis zu seiner Rückkehr in die Basilika bestaunt werden kann.

San Nicola Feuerwerk 1Sowohl am 8. als auch am 9. Mai endeten die abendlichen Feierlichkeiten mit einem spektakulären, zwanzigminütigen Feuerwerk, das auf der Hafenmole entzündet wurde. Man sollte es sich am besten von der Seepromenade, dem Lungomare, aus in Höhe des Boscolo-Hotels ansehen. Da drängen sich die Leute nicht ganz so dicht wie direkt am Hafen und der Blick ist einwandfrei.

San Nicola Feuerwerk 2In ungeraden Jahren gibt es zudem an einem Nachmittag eine Vorführung der Fliegerstaffel des italienischen Militärs, der Frecce Tricolore – auch das ein Spektakel, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Während man sich über die Festmeile an der Seepromenade treiben lässt, kann man an unzähligen Ständen sein leibliches Wohl mit apulischen Spezialitäten befriedigen, sowie Devotionalien, Luftballons oder anderen Krimskrams kaufen.

Wer also vorhat, Apulien und Bari einen Besuch abzustatten, sollte dafür Anfang Mai in Erwägung ziehen. Verrückter steppt der Bär hier sonst das ganze Jahr über nicht.

 

Museumsreif: Ur-Urahn des Smartphones

Telefon 1Einige Leser, vor allem die, welche nach 2000 geboren wurden, werden es vielleicht kaum glauben können, aber es gab auch ein Fernsprechleben vor der Erfindung des Mobiltelefons. Damals nutzte man festinstallierte Telefonapparate, in die man vor dem Telefonieren einen entsprechenden Geldbetrag einführen musste, den man dann abtelefonieren konnte.

Telefon DetailHeute sieht man sie kaum noch – öffentliche Telefone. Aber in einer der privaten Sprachschulen, für die ich arbeite, hängt so ein Relikt aus längst vergangener Zeit – vielleicht aus nostalgischen Gründen. Natürlich funktioniert der Apparat nicht mehr. Das liegt schon daran, dass die wenigsten Menschen noch Lire besitzen, mit denen man ihn aufladen könnte.

Ich mag dieses Telefon trotzdem und, obwohl ich das gute Stück für absolut museumsreif halte, bin ich froh, dass es sich immer noch im öffentlichen Raum befindet und dadurch für so manches Schmunzeln im Alltag sorgt.