Archiv für den Monat Februar 2013

Lettera aperta di risposta a Silvio B.

Caro Silvio,

molte grazie per la tua lettera che abbiamo trovato nella cassetta della posta ieri. Non l’abbiamo mal interpretata come tutti quei Siciliani che sono subito corsi al loro ufficio postale per chiedere indietro l’IMU a causa di quanto hai scritto nella lettera. No, noi l’abbiamo letta con attenzione e ci siamo accorti come la restituzione dell’IMU sia una promessa elettorale.

Io sono d’accordo con te su molti discorsi che tu hai menzionato. Infatti, è vero che il rapporto di fiducia dei cittadini verso lo Stato oggi è in grave crisi. Questo non solo vale per gli Italiani e i loro politici ma anche per noi tedeschi e la nostra Angela. Di quella mi fido così poco come di te.

Quello che tu sai fare molto bene è spiegare in cosa ha sbagliato Monti durante il suo anno di governo. Adesso capisco come funziona la spirale recessiva in Italia e sono molto triste perché in un anno Monti ha distrutto tutto ciò che tu hai costruito durante i 14 anni precedenti. Lui ha spinto un Paese con una economia fiorente e abitanti felici nell’abisso della caduta della produzione, di troppe tasse e della disoccupazione. Essendo una figlia della Germania dell’Est ho vissuto subito un deja-vu.

Comunque, ti posso assicurare che io ho lavorato contro questo situazione con tutti i mezzi a mia disposizione durante gli anni scorsi e specialmente nel 2013. Così non ho soltanto investito in un immobile italiano da ristrutturare, che assicurerà posti di lavoro anche quest’anno, bensì ho creato entusiasmo per la Puglia nella mia famiglia, nei miei amici e nei lettori di questo Blog. Insieme da anni noi incentiviamo l’economia del Sud Italia sempre di più spendendo i nostri risparmi per le vacanze a Bari, Ostuni, Alberobello e tanti altri piccoli luoghi. Con il mio trasferimento dalla Germania in Puglia mi sono presa cura del fatto che questo resti così.

Se ogni italiano si impegnasse come me, invece di fuggire all’estero dalla recessione, l’Italia non sarebbe mai caduta nella crisi attuale.

Sfortunamente non sono ancora una cittadina italiana e non posso non votare per te anche se volessi. Però nel improbabile caso che tu vincessi le elezioni domenica prossima, ho solo una preghiera per te: invece di restituirmi l’IMU ti prego

Salva Air Berlin

e così i voli diretti dalla capitale tedesca a Bari!

Un accesso diretto dei Berlinesi e degli abitanti dei intorni di Berlino a me e alla Puglia è irrinunciabile per il futuro della economia italiana e innanzitutto della economia turistica pugliese.

Tanti saluti anche da Pasquale, Maria e Luigi!

Tua Corinna

 .

ps: In caso tu avessi un posto di lavoro per me, potremmo parlare anche su questo una volta. Semplicemente scrivi ancora a me (o a Pasquale). L’indirizzo lo conosci.

Offenes Antwortschreiben an Silvio B.

Lieber Silvio,

vielen Dank für Deinen Brief, den wir gestern in unserem Postkasten gefunden haben. Wir haben diesen nicht missverstanden wie so viele Sizialianer, die sofort zur nächsten Postfiliale gerannt sind, um sich aufgrund Deines Schreibens die Steuern des vergangenen Jahres zurückzahlen zu lassen. Nein, wir haben ihn aufmerksam gelesen und die Steuerrückzahlung als reines Wahlversprechen verstanden.

Ich bin in vielen von Dir angesprochenen Themen völlig Deiner Meinung. Es stimmt tatsächlich, dass die Vertrauensbeziehung der Bürger in den Staat heute in einer tiefen Krise steckt. Das gilt nicht nur für Italiener und ihre Politiker, sondern auch für uns Deutsche und unsere Angela. Der vertraue ich vermutlich ebenso wenig wie Dir Du.

Was Du wirklich gut kannst, ist zu erklären, was Monti in seinem Regierungsjahr alles falsch gemacht hat. Ich verstehe nun auch, wie die Rezessionsspirale in Italien funktioniert, und bin tief betrübt, dass Monti in nur einem Jahr alles zerstört hat, was Du in den 14 Jahren davor aufgebaut hattest. Er hat ein Land mit blühender Wirtschaft und glücklichen Einwohnern quasi über Nacht in den Abgrund aus Produktionsverfall, Steuererhöhung und Arbeitslosigkeit gestürzt. Als Ost-Kind der deutschen Einheit habe ich sofort ein Dejavu verspürt.

Doch ich kann Dir versichern, dass ich bereits in den letzen Jahren und ganz besonders in 2013 mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen gearbeitet habe. So habe ich nicht nur in eine italienische Immobilie investiert, die sogar in diesem Jahr noch Arbeitsplätze sichern wird, sondern auch bereits Familie und Freunde für Apulien begeistert. Gemeinsam kurbeln wir seit Jahren immer stärker die süditalienische Wirtschaft an, indem wir in Bari, Ostuni, Alberobello und weiteren kleinen Orten jährlich unsere Urlaubskasse verbraten. Mit meinem Umzug habe ich dafür Sorge getragen, dass das auch langfristig so bleiben wird.

Wenn jeder Italiener sich derart ins Zeug legen würde wie ich, statt vor der Rezession ins Ausland zu fliehen, wäre Italien nie in diese Krise gestürzt.

Leider bin ich noch kein italienischer Staatsbürger und könnte Dich nicht nicht wählen, selbst wenn ich wollte. Doch für den Fall, dass Du die anstehenden Wahlen am Sonntag gewinnen solltest, habe ich nur eine einzige Bitte an Dich: Statt mir die IMU-Steuern zurückzuzahlen, bitte ich Dich

Rette „Air Berlin“

und damit die Direktflüge aus der deutschen Hauptstadt nach Bari!

Ein direkter Zugang der Berliner und des Berliner Umlandes zu mir und nach Apulien sind für die Zukunft der italienischen Wirtschaft, insbesondere der italienischen Tourismuswirtschaft unverzichtbar.

Viele Grüße auch von Pasquale, Maria und Luigi!

Deine Corinna

 .

ps: Falls Du einen Job für mich hättest, könnten wir darüber ebenfalls mal sprechen.

Lampascioni – Essbare Blumenzwiebeln

Als Pasquale gestern vom Markt zurückkam, grinste er mal wieder so lausbubenhaft zufrieden, als wäre ihm eine weltbewegende Entdeckung gelungen. Tatsächlich hing sein Grinsen aber mit einer Tüte voller kleiner, sandiger Zwiebeln zusammen. Diese überreichte er mit dem Hinweis, dass es „Lampascioni“ (sprich: Lampaschoni) aus der Gegend um Altamura seien, stolz Maria, welche die Tüte ungerührt an sich nahm und einen prüfenden Blick hinein warf, um danach zufrieden zu lächeln.


Lampascioni dal mercatoDie Stadt Altamura ist in unserer Gegend für ihr besonders gutes, lang frisch bleibendes Hartweizenbrot bekannt; offensichtlich auch für besonders tolle Blumenzwiebeln, wie ich sofort vermutete und an Balkonbepflanzung dachte. Doch als Maria die Zwiebeln unsanft in eine Schüssel schüttete, und ich erkennen konnte, dass bei vielen die Triebe abgebrochen waren, schlussfolgerte ich, dass meine Vermutung falsch sein dürfte. Und richtig! „Ich mache sie morgen zum Mittag“, hieß es gleich darauf. Wirklich? So etwas kann man essen? Der Fotoapparat musste her!

IMG_20130221_140822Nachdem ich die sandigen braunen Dinger fotografisch festgehalten hatte, schüttete Maria sie sofort in einen Topf mit Wasser, in dem sie den restlichen Tag und die folgende Nacht verbringen sollten. „Damit sie weich und weniger bitter werden.“ – wie ich erfuhr. Während also die Zwiebelchen in ihrem Topf vor sich hin weichten, zog ich Wikipedia zu Rate und fand heraus, dass es sich tatsächlich um Blumenzwiebeln handelte. „Lampascioni“ (Muscari comosum) sind demnach eine wilde Hyazinthenart, deren Zwiebeln reich an Mineralsalzen sowie typisch für die traditionelle Küche Apuliens und Basilikatas sind. Während sie in Süditalien als Leckerei gelten und je nach Region einen leicht abgewandelten Namen tragen (z.B. auch Pampasciuni, Bambascioni, Lambascioni), sind sie im restlichen Italien eher unbekannt oder werden zumindest nicht regelmäßig verspeist.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Lampascioni für 4 Mio Pugliesen heute noch als Wildblumenzwiebeln auf den Hängen der Murgia ausgegraben werden. Doch im Internet kann man sich natürlich auch über den Anbau informieren. Man kultiviert sie demnach heute professionell auf den durchlässigen, sandigen Böden Puglias. Die Samen werden im Herbst in weitem Abstand ausgesät, denn die Zwiebeln können erst nach frühestens drei Jahren geerntet und verzehrt werden. Auch die Zwiebeln, die zur Samengewinnung gelegt werden, werden im Herbst in die Erde gebracht. Von März bis Mai locken sie mit ihren violetten, aber fast geruchlosen Blüten eine Unmenge von Insekten an, die sich fleißig an die Bestäubung machen. Dann werden zunächst die abgetrockneten Blütenstände geerntet und bis zum Sommer des Folgejahres gelagert, bevor man sie aufbricht und die Samen herausholt. Später werden auch die Zwiebeln werden ausgegraben. Nach dem Abtrocknen dürfen sie am besten auf Holz unter einer dünnen Erdschicht bis zur nächsten Pflanzzeit ruhen.

IMG_20130221_140649Aktuell findet man Lampascioni für unter drei Euro das Kilo auf den Märkten und auch in den Gemüseläden – nicht zu vergessen das halbe Kilo, das in Marias Kochtopf seiner Verarbeitung harrte. Heute früh wurden die eingeweichten Zwiebeln komplett von ihrer braunen Haut, den Trieben und den Wurzeln befreit. Dabei kam ihre leicht violett-rosa Färbung zum Vorschein. Dann schnitt Maria die Lampascioni von unten kreuzförmig ein und ließ sie eine halbe Stunde lang kochen. Das Einschneiden hat den Vorteil, dass beim Kochen die Bitterstoffe besser austreten können. Da Maria und Pasquale Lampaschoni am liebsten frittiert essen, dient das Einschneiden aber auch dazu, die Zwiebeln nach dem Kochen platt drücken zu können, so dass sie sich leichter frittieren lassen.

Zum Frittieren werden die abgetropften Zwiebeln zunächst in einem mit einem Schuss Milch und IMG_20130221_140500einer Prise Salz aufgeschlagenem Ei und anschließend in etwas Mehl gewendete. Da Maria meinte, man müsse sie warm essen, schnappte ich mir nach kurzem Abkühlen sofort das erste platte
Zwiebelchen. Die Panade überdeckte zunächst den Geschmack, aber schließlich lag mir ein süßliches und zugleich leicht bitteres Aroma auf der Zunge. Ungewöhnlich. Lecker. Ich verspeiste sofort noch zwei weitere und nahm dann einen Sicherheitsabstand ein. Schließlich wollten die anderen auch noch ein paar davon abbekommen.

IMG_20130221_140402Wie immer, wenn ein Gericht auf eine so lange Tradition zurückblicken kann, gibt es viele kleine Variationen hinsichtlich der Zubereitungsart. Man findet Rezepte, in denen die Zwiebelchen von oben kreuzweise so eingeschnitten werden, dass sie sich beim Kochen und Frittieren ohne Panade wie eine Blüte öffnen. Das sieht sehr dekorativ aus. Aber auch hinsichtlich der Panaden gibt es unzählige Abwandlungen, z.B. mit Käse oder Bier. Genauso gut kann man die kleinen Zwiebelchen in Öl einlegen.


IMG_20130221_184328Als ich Maria fragte, ob sie mir beschreiben könne, wie Lampascioni „sotto olio“ schmecken, zog sie, als hätte sie nur auf einen solchen Moment gewartet, ein Gläschen aus dem Küchenschrank und meinte, ich könnte das doch einfach selbst herausfinden. Wir verkosteten also gemeinsam einige der in Öl, das mit einem Schuss Essig, Pfeffer und etwas Petersilie versehen wurde, eingelegtenIMG_20130221_132653 Zwiebeln. Sie hatten noch etwas Biss und schmecken gar nicht streng
nach „Zwiebel“ sondern mild würzig. Ich war absolut begeistert von diesem ungewöhnlichen Gemüse und werde mich sicherlich zukünftig durch einige eingelegte Versionen testen.

Vielleicht wäre eine kleine Lampascioni-Farm sogar etwas für die zukünftige Terrasse.

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Schneeketten in Triggiano, Bunga-Bunga im Vatikan und Schifezze in San Remo – ein Wochenrückblick

„Mit“ statt „Ohne“ – Fastenzeit 2013 

“Was machst du denn den ganzen Tag?”, fragt meine Oma mich am Freitagmorgen am Telefon. Gute Frage und gar nicht so einfach zu beantworten. Als Sozialschmarotzer macht man eigentlich nichts und trotzdem bin ich den ganzen Tag beschäftigt. Langsam beginne ich zu verstehen, warum sich deutsche Dauerhartzis nicht zu Tode langweilen, wovon ich irrtümlich in meinem früheren Leben als verantwortungsvolle Abteilungsleiterin sowie eigenheimverwöhnte Gartenverantwortliche ausgegangen bin. Statt also wie in den letzten Jahren erkältungszeitbedingte Überstunden zu schrubben und zu überlegen, wann ich Zeit zum Verschneiden der Obstbäume finden werde, nutze ich die Stunde vor dem Mittagessen, um angeregte von „Frau Schreibblockades“ Fastenzeitaktion „7 Wochen MIT“ eine alte Gewohnheit wieder aufzunehmen und täglich einen Spaziergang durch Triggiano zu machen.

Schneeketten

IMG_20130217_151003Nach dem gestrigen Regentag, der die schlechten Straßen in Flüsse und die Fußwege in glitschige Schlitterbahnen verwandelt hatte, kämpft sich heute den ganzen Vormittag immer wieder eine strahlende Sonne durch die Wolkendecke. Daniele vom KFZ-Zubehörladen in unserem Häuserblock steht auf einer wackeligenIMG_20130217_133938 Leiter und befestigt ein gelbes Werbebanner über seiner 
Ladenfront. Darauf steht viersprachig in grünen Lettern „Schneeketten“ geschrieben. Der Optimist! Ich bin gespannt, ob ich in diesem Winter noch Schnee sehen werde. Doch die Straßen sehen auch winterlos inzwischen genauso schlimm aus, als hätten sie eine mehrmonatige Frostperiode mit minus 25 Grad durchgestanden.

 

Familienbande

Auf der Hauptstraße, dem Corso Vittorio Emanuele, herrscht rege Betriebsamkeit. Da gegen dreizehn Uhr Mittag gegessen wird, sind die Hauptverkehrsadern praktisch verstopft. Die meisten Süditaliener machen über Mittag zwei bis drei Stunden Pause. Sie fahren nach Hause, essen und machen ein Nickerchen. Gegen fünf werden die Läden wieder geöffnet und das öffentliche Leben nimmt bis 21 Uhr seinen Lauf.

Nach einem halben Jahr Dauergastsein muss ich mich nicht mehr völlig den strengen Regeln von Marias Gastfreundschaft unterwerfen. Das bedeutet zwar trotzdem, dass ich ungefähr das Doppelte von allem zu essen bekomme wie Luigi, aber auch dass ich durchaus gelegentlich den Besen schwingen oder die Wäsche von der Leine nehmen darf. Sie droht mir auch keine Prügel mehr an, wenn ich in Windeseile das Frühstücksgeschirr beseitige, sobald sie zum Einkaufen ausgegangen ist. Wir haben also mehrere stillschweigende Übereinkünfte geschlossen. Wenn sie jedoch ab 11 Uhr mit dem Mittagessen beschäftigt ist, verwandelt sich die Küche in ein Schlachtfeld, das von niemandem mehr betreten werden darf, bis die Teller aufgehört haben zu klappern.

Triggiano Piazza di Comune, Corso Vittorio EmanueleVermutlich werfen alle Frauen von Triggiano ihre Männer um diese Zeit aus dem Haus, denn man sieht sie in Grüppchen an Straßenecken und vor dem Rentnerkartenspielclub schwatzen. Auch auf den gemauerten und gefliesten Bänken auf der Piazza di Comune diskutieren sie lautstark und halten ihre Nasen in die Sonne. Die wenigen Frauen, die mir begegnen, eilen mit Einkaufstüten die Straße entlang. Eine Mutter zieht ihr Kind hinter sich her, das sie wahrscheinlich gerade aus seiner Betreuungseinrichtung abgeholt hat. Die meisten Kindergärten haben nur vormittags geöffnet. Um ihr Kind in einer Schule unterbringen zu können, die bis 16 Uhr geöffnet hat, musste Luigis Cousine ihre Tochter in Bari einschulen. Doch in Süditalien sind die Familiestrukturen noch intakt. Während die jungen Mütter arbeiten gehen, kochen die Omas für die ganze Sippe das Mittagessen und passen nachmittags auf die Enkelkinder auf.

Rücktrittsskandal und Musikfestival

Worüber man aktuell auf der Pizza diskutiert, ist leicht herauszuhören. Der Rücktritt des Papstes hat für mehr Aufruhr gesorgt als die anstehenden Wahlen. Auch an unserem Esstisch wurde darüber spekuliert, welche Intrigen im Vatikan stattgefunden haben könnten, die den Papst zum Rückzug gezwungen haben. Meine persönliche Theorie ist die folgende und basiert auf der Beobachtung, dass die Männer, sobald sie Papst geworden sind, in jedem Jahr um gefühlte zehn Jahre altern. Schon nach wenigen Jahren Amtszeit sind sie schlohweiß und können tief gebeugt gerade noch einmal pro Woche am Sonntag ihren zitterigen Arm heben, um ein Kreuz anzudeuten. Ratzinger hat das nach acht Jahren nun endlich erkannt. Deshalb flieht er aus der vatikanischen Raum-Zeit-Anomalie, um nicht schon in ein/ zwei Jahren die biblische Theorie des Jenseits überprüfen zu müssen. Für mich ist das absolut nachvollziehbar.

Berlusconi PapaIch finde, dass Berlusconi sich um das frei werdende Amt bewerben sollte. Ein paar Bunga-Bunga-Partys würden diesem drögen Männerhaufen bestimmt gut tun. Als Papst hätte Berlusconi dann sicher auch die nötigen finanziellen Mittel, um den Italienern wie kürzlich im Wahlkampf versprochen, die Steuern auf ihre erste Behausung zurückzuerstatten. Wahrscheinlicher wäre jedoch, dass er sich wie Dagobert Duck in die Geldkammer des Vatikans begäbe und jeden Tag ein Goldbad nähme, bis ihn ein Herzinfarkt dahinraffte oder er an einer Münze erstickte.

Allerdings hat „Papa Ratzi“ eine günstige Stunde gewählt, um abzutreten, denn das zweite Großereignis der vergangenen Woche, das seinen Rücktrittsskandal massiv überschattet, ist das Festival des italienischen Liedes in San Remo. „La più schiffosa cosa che ho mai visto! Veramente una porcheria!” – “Die ekelhafteste Sache, die ich je gesehen habe. Wahrlich eine Sauerei!” (O-Ton Maria nach nur täglich zehn Minuten der Liveübetragung an zwei von insgesamt vier Festivalabenden). Da sich Luigis sämtliche Verwandte entweder bisher schlicht geweigert haben, sich das Ereignis im Fernsehen anzusehen oder, wenn sie es getan haben, sich darüber beschwerten, wie monoton der Moderator, wie ungelenk, schlecht angezogen und schrillstimmig die Moderatorin, wie unsinnig die Texte und unbegabt die Sänger gewesen seien, habe ich persönlich den Eindruck gewonnen, dass sich dieser Wettbewerb in seiner bestehenden Form ungefähr so überlebt hat wie der Eurovision Song Contest.

Schade, denn ich mag den Song „La prima volta (che sono morto)“ („Das erste Mal, das ich gestorben bin“) von Simone Christicchi. Der stimmliche Vergleich mit Max Raabe hinkt sicherlich, aber sie haben die Reminiszenz an die Musik der großen Entertainer und eine gewisse Verschmitztheit im Text gemeinsam. Auch der Song „La canzone mononota“ („Das einnotige Lied“) von Elio e le Storie Tese zeigt musikalische Handwerkskunst und ein ironisches Augenzwinkern, wenn der Sänger dem Publikum singend erklärt, wie ein monotones Lied abwechslungsreich gestaltet werden kann. Doch was kann man Besänftigendes entgegnen, wenn die Nachkriegsgeneration das italienische Fernsehen im Hinblick auf ihre Fernsehgebühren und die Verwendung der Mittel für Musiksendungen verdammt, auch wenn zwischen sechs und 13 Millionen italienischer Zuschauer diese durchaus sehen wollen? Richtig. Nichts. Man geht einfach spazieren.

Altstadtimpressionen

triggiano2Wie schnell doch die Zeit bei so einem Spaziergang vergeht! Schon stehe ich mitten in der Altstadt von Triggiano. Ich liebe sie aus genau den gleichen Gründen, aus denen Luigi sie abschreckend findet. In den engen Straßen können kaum zwei Autos aneinander vorbei fahren. Daher sind die meisten von ihnen Einbahnstraßen; manche Gassen sind so eng, dass man sie nur mit Motorrollern befahren kann. Ich nehme die einzige frisch restaurierte Straße der Altstadt unter die Füße. In ihren Bordsteinen sind kleine runde Lampen installiert worden, die ab Sonnenuntergang diffuses Licht auf die Fahrbahn werfen. Von den Häusern bröckelt jedoch an vielen Stellen demonstrativ der Putz auf den neuen Gehweg, als wolle er den unnatürlich ordentlichen Eindruck wieder korrigieren.

Die Altstadthäuser sind dreistöckig gebaut. Meist ist ein Stock auch ein Raum. Die mit Gardinen verhängten, häufig weit geöffneten Eingangstüren geben bei jedem Windstoß unfreiwillig den Blick auf einen häufig fensterlosen Raum im Paterre frei, in dem sich das Tagesgeschehen abspielt. Auch hier hört man jetzt das Klappern von Kochtöpfen und Geschirr der italienischen Mammas oder Nonninas, während sich Jugendliche auf dem Fußweg lagern und mit ihren Handys spielen. Auf einem kleinen gepflasterten Platz, den die Einwohner mit Pflanztrögen gesäumt haben, um die sie sich in Eigeninitiative kümmern, toben ein paar Jungen mit ihrem Fußball. Zwei rundliche Omas mit vorgebundener Schürze unterhalten sich lautstark im Dialekt.Vielleicht erzählen sie sich gegenseitig, was es bei ihnen an diesem Tag zum Mittag geben wird. In der Altstadt ist man nie unbeobachtet. Die Nachbarn hören und sehen sowieso alles. Da kann man es ihnen auch gleich freiwillig erzählen. Natürlich falle ich auf. Doch statt mich misstrauisch zu beäugen, werde ich von wildfremden Menschen freundlich gegrüßt.

Kontraste

Als ich die Altstadt verlasse, stehe ich sofort wieder auf einer der Hauptverkehrsadern von Triggiano. Motorenlärm und Hupgeräusche dröhnen mir in den Ohren. Ich bin froh, als ich unseren Wohnblock erreicht habe, denn der Lärm der Stadt macht mich immer noch nervös. Daniele hat inzwischen zusätzlich zu seinem gelben Werbebanner einen Din A4-Ausdruck in seinem Schaufenster angebracht: „Schneeketten ab 35 Euro“. Mal sehen, ob ich mich irgendwann traue, ihn danach zu fragen, wie viele er tatsächlich verkauft hat.

Mission Traumwohnung 7 – Architektinnenträume

Eine Woche nach der ersten Wohnungsbegehung mit unserer Archtektin trafen wir erneut mit ihr zusammen. Eigentlich sollte sie nur unseren “Bau“ betreuen, d.h. die Arbeiten unserer Handwerker kontrollieren und ihre Unterschrift für das Bauamt in Triggiano hergeben. Aber offensichtlich sah sie ein Potenzial zum Ausleben ihres Berufsstandes in unserer Wohnung und wollte uns nun ihren Vorschlag für eine bessere Raumaufteilung und mehr Platz vorstellen.

Bei ihrem vorhergehenden Besuch hatte sie bereits einige Kritikpunkte geäußert, die wir bis dahin eher unkritisch gesehen hatten. Daher ahnten wir bereits dunkel, dass wir überrascht sein würden. Doch “überrascht“ traf es nicht ganz. Schon nach dem ersten Blick auf die Zeichnung, sah ich, wie bei Luigi sämtliche Vorhänge fielen und er nur noch an sich hielt, um nichts Falsches zu sagen oder unhöflich zu wirken.

Unsere sechs Meter lange Wohnstubenwand, an der wir dereinst ein vom Boden bis zur Decke reichendes Bücherregal aufstellen wollten, wurde plötzlich von der Wohnungstür unterbrochen. Der kleine Eingangsflur gehörte nun zu einem kombinierten Küchenesszimmer, weswegen man jetzt durch die neue Wohnungstür eintretend sofort im Wohnzimmer stand und auf unser Sofa blickte. Fans amerikanischer Sitcoms werden von dieser Vorstellung sicherlich hellauf begeistert sein, aber wir waren einigermaßen entsetzt.

Das Kinderzimmer, welches sie noch vor einer Woche als zu klein bezeichnet hatte, war zugunsten eines mit Gipskartonplatten zu errichtenden Umkleidraumes, der auch noch ein Drittel des Wohnzimmers in Anspruch nahm, deutlich geschrumpft und nun wirklich zu klein für zwei Kinder. Dafür hatten wir plötzlich vier winzige Bäder; davon zwei mit Dusche und Toilette, eines mit einer Waschmaschine und Toilette und eines nur mit einem Waschbecken – für den Fall, dass man sich mal nur die Hände waschen möchte. In unser Küchenesszimmer ragten von beiden Seiten zwei kurze Wände/ Wandschränke in den Raum, die den Küchenbereich optisch vom Essbereich trennen und so nützliche Utensilien wie Bügelbretter und Besen beherrbergen sollten. Ein monströser Esstisch verstellte die Tür zu unserer Terrasse und vor dem kuschligen Kamin war nun nicht mal mehr Platz für einen Sessel.

Leider müsse man wegen dem Versetzen und dem Einbau zusätzlicher Wände dann tatsächlich auch überall den Fußboden erneuern, meinte die Architektin zum Abschluss, und in diesem Zusammenhang könnten wir auch überall einen einheitlichen Belag wählen. Zufrieden lächelnd versicherte sie uns nochmals, dass sie bereits mit vielen Fachhändlern zusammengearbeitet hätte und überall gute Preise bekäme.

Zum Glück hatte sie noch einen Termin und musste uns nach dem einstündigen Lobpreisen ihrer genialen Ideen für mehr Funktionalität und weniger ungenutzten Raum fluchtartig verlassen. Wir verblieben so, dass wir ihr noch am Sonntag per Email eine Rückmeldung geben würden. Sollten wir ihr Projekt oder auch nur Teile davon umsetzen wollen, würde sie sich sofort daran machen, die vorliegende Skizze auszuarbeiten und alles notwendige zu beantragen.

Als sie die Tür hinter sich zugezogen hatte, entschuldigten wir uns bei unserer unmodern geschnittenen Wohnung ohne Umkleidezimmer, mit nur zwei Bädern und einem Eingangsflur, der nicht sofort den Blick auf den Wohnbereich freigab, für die erduldete einstündige Schmähung. Es war längst klar, wie unsere Rückmeldung lauten würde.

Mission Traumwohnung 6

Doch nicht so traumhaft?

Nachdem wir erfahren hatten, dass wir für die Renovierungsarbeiten in unserer Traumwohnung einen Baubetreuer benötigten, setzte sich sofort eine Gedankenserie in Gang, die alle möglichen Rettungsanker durchspielte. Zum Glück läuft hier alles immer so, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt. . . Wir kamen in diesem Fall gleich auf zwei hilfreiche Personen.

Eine Bekannte von Pasquale hatte sich selbst gerade eine Wohnung gekauft und arbeitete mit einer jungen Architektin zusammen, die den Umbau betreute und natürlich sofort zustimmte, sich unsere Wohnung anzusehen und auch unsere Renovierungsarbeiten zu begleiten. Luigis Cousine, von Beruf Geometra (eine Mischung aus Bauzeichnerin und Architektin) hingegen, bot uns an sämtliche Zeichnungen zu machen. Das würde sowohl unsere Kosten reduzieren als auch den Aufwand der Architektin auf die reine Baubetreuung und ihre finale Unterschrift beschränken.

Doch ganz so leicht wollte es uns die ambizionierte Frau in hohen Stiefeln und Minirock dann doch nicht machen. Schon zwei Tage nach der ersten Vorstellung sprang sie mit einem Fotoapparat zwischen der roten Wohnzimmertapete und den braunen Küchenfliesen umher, um uns anschließend ihre ersten Eindrücke mitzuteilen.

Erstens: Der Eingangsflur sei zu schmal und ließe ein Gefühl von „Erdrücken“ zurück.

. . . und wir wollten sogar noch eine Garderobe an die Wand hängen!

Zweitens: Der Fußbodenbelag müsse in allen Räumen vereinheitlicht werden.

Ich hielt zur Verteidigung der Traumwohnung entgegen, dass sich in unserem Haus in Deutschland praktisch in jedem Raum andere Auslegware oder Fliesen befänden, und mich das noch nie gestört habe, weil jedes Zimmer eine Welt für sich wäre. Der Architektinnenblick sprach Bände. Meinen Vorschlag, dass wir die Türen geschlossen halten könnten, um die unterschiedlichen Fußböden nicht alle gleichzeitig sehen zu müssen, hielt sie offensichtlich für einen Scherz. Jedenfalls lachte sie verhalten.

Drittens: Die Tür vom Esszimmer zum Bad sei eine Bausünde. Man könnte eine Wand hochziehen und einen Korridor einbauen, damit man nicht gleich vom Tisch bis zur Badewanne blicken müsse.

Das wäre dann ein dunkler Schlauch, der das Esszimmer in Kaninchenstallgröße zurückließe. Dass man auch die Badtür geschlossen halten könnte, habe ich nicht mehr erwähnt.

Viertens: Es fehle ein Lagerraum für Nahrungsmittel.

Mit zwei Supermärkten, zwei Bäckern, einem Fleischer, diversen Obst- und Gemüseautos, einer Pizzeria und einer Hähnchenrösterei im Umkreis von 200m hielten wir es bisher nicht für nötig, uns mehr Vorräte anzulegen, als in Küchenschränken unterzubringen ist.

Fünftens: Das vorhandene Kinderzimmer sei zwar ganz nett, aber für den Fall, dass wir zwei Kinder unterschiedlichen Geschlechts bekämen, sollten wir noch ein zweites Kinderzimmer einplanen.

Unter uns gesagt, inzwischen frage ich mich, ob ich beim Abschluss unserer Renovierungsarbeiten überhaupt noch gebärfähig sein werde.

Sechstens: Ein Gästezimmer/ Studio wäre unverzichtbar. Außerdem brauche man, das könne sie aufgrund ihrer Erfahrung in einer siebenjährigen Ehe und als Mutter sagen, ein Zimmer für die Wäsche und das Bügeln.

Kurz und gut, ihrer Meinung nach war unsere Wohnung doch nicht so traumhaft, wie wir bisher gedacht hatten. Die Architektin kam insgesamt auf drei zusätzliche Räume, die wir ihrer Meinung nach zusätzlich benötigten. Die entsprechenden Umbauvorschläge, werde sie uns bei unserem nächsten Treffen unterbreiten. Außerdem müssten wir uns dann über Farben und Fußbodenbeläge unterhalten, denn zufällig arbeite sie auch mit einem sehr guten und preiswerten Großhandel zusammen, der ihr Preise bieten würde, von denen andere Menschen nur träumen könnten, verkündete sie mit geheimnisvoller Mine.

Wir konnten ihr nicht glaubhaft machen, dass wir keine zusätzlichen Zimmer benötigten. Auch der vorsichtige Wink in Richtung Finanzen ging irgendwo zwischen Luigis Mund und ihrem Ohr verloren. Doch natürlich wollten wir unsere Architektin in der nützlichen Funktion als Baubetreuerin nicht gleich vergrätzen. Wenn der Amtsschimmel wiehert kann man eben nichts machen. Wir waren auf die Frau angewiesen. In einer Woche würden wir uns also treffen und uns ihre Architektinnenträume auf Papier ansehen.