Archiv für den Monat Oktober 2015

Buon giorno aus dem Kellerloch

Ich bin ein gefundenes Opfer für geschäftstüchtige Verkäufer, denn ich kann schlecht „nein“ sagen. So kam ich z.B. vom Markt immer mit mehr Obst zurück, als ich kaufen wollte, bis Pasquale mir geraten hat, den Preis anzusagen. Also kaufte ich fortan nicht mehr ein Kilo Obst, aus dem ganz leicht zwei wurden, sondern Obst für einen Euro.

Dann fand ich einen Obst- und Gemüsehändler meines Vertrauens, der seine Waren täglich an einer Hauptstraßenecke in Triggiano von einem roten LKW hinunter verkauft. Er hatte sich bei mir beliebt gemacht, als er mir eine Zwiebel schenkte, als ich dringend Rührei essen und kein ganzes Kilo Zwiebeln kaufen wollte.

Doch seit einem Vierteljahr bin ich ihm untreu geworden, denn da kam Pino. Pino zählt zur Gattung der italienischen Verkaufsfüchse. Sein kleiner Handel mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten befindet sich in der Tür eines Kellerabstiegs, sodass nur sein Oberkörper auf die Straße hinauslugt. Über all die Kisten, die er vor und neben sich aufstapelt, schaut manchmal sogar nur sein Kopf hinweg. Aus seinen kleinen Augen blitzt unter einer grauen Schirmmütze Bauernschläue hervor. Unser ganzer Palazzo kauft bei ihm und natürlich läuft sein Geschäft so privat, dass die Steuer nichts davon erfährt.

Wein detail

In Pinos Garten wächst mehr roter als gelber Wein

Pino sorgt nun schon seit Monaten dafür, dass ich immer gut mit Obst der Saison versorgt bin. Sein Kellerloch liegt an der Straße, die wir nehmen, wenn wir zum Bahnhof oder zu Maria gehen. Ich muss also fast jeden Tag an ihm vorbei, was nie ohne ein kleines Schwätzchen abgeht, da er schon von weitem „Buon giorno, Seniora!“ ruft und sein Glanzstück des Tages anzupreisen beginnt. Das Ganze endet immer damit, dass er es als „buonissimo“ (hervorragend) und „senza veleni“ (ohne Gift) beschreibt, während er ungefragt schon eine Plastiktüte mit Weintrauben, Pfirsichen, Granatäpfeln oder anderem Obst vollstopft. Pino ist auch der einzige Mensch im Großraum Bari, der mich siezt, und, dass er mich nicht vergiften will, rechne ich ihm hoch an.

TraubentellerAls ich an einem Tag meinte, ich würde auf dem Rückweg ein paar Weintrauben mitnehmen, diese jedoch bei meiner Rückkehr bereits ausverkauft waren, klingelte er am gleichen Abend bei uns an der Haustür und brachte mir die Kleinigkeit von drei Kilo Trauben angeschleppt. Seit dem denkt er wohl, drei Kilo seien die optimale Menge an Obst für mich. Zum Glück haben wir ein großes Obst- und Gemüsefach in unserem Kühlschrank, das Pinos Mengen aufnehmen kann.

Wintermispeln auf dem Küchentisch

Pinos Wintermispeln, wie sie auf unserem Küchentisch vor sich hinreifen (oder auch nicht)

In der letzten Woche passierte ich seinen Straßenverkauf und wie üblich hörte ich schon aus einiger Entfernung sein „Buon giorno, Seniora!“ Dann setzte er hinzu: „Heute habe ich etwas ganz Besonderes für Sie! Venga! Venga!“ Ein anderer Mitmensch in fortgeschrittenem Alter, der sich häufig zu einem Schwatz mit ihm am Kellerloch einfand, nickte wie wild mit dem Kopf. Also lugte ich interessiert in die Kiste, die der findige Verkäufer unter seinen Pfirsichen hervorzog. Was ich sah, war auf den ersten Blick nicht so berauschend: kleine bräunliche Kugeln und lauter welke Blätter. Doch Pino meinte stolz: „Das sind nespole invernali (Wintermispeln)! Die gibt es heute kaum noch. Aber schon unsere Vorfahren und sogar die Römer hatten Mispelbäume. Die wussten noch, wie man sich im Winter mit Obst und Vitaminen versorgt.“ Sein Kompagnon nickte wieder eifrig mit dem Kopf. „Die müssen Sie aber noch eine Weile liegen lassen und täglich kontrollieren. Sobald sie weich werden, können Sie sie essen.“ Dieses Mal packte er mir nur ein Kilo ein.

Mispeln kannte ich bisher nur aus dem späten Frühjahr. Tatsächlich sehen diese von der Form her so ähnlich aus wie Pinos Wintermispeln; also wie das, was von Rosenblüten übrig bleibt, wenn alle Blütenblätter abgefallen sind. Allerdings sind die Frühlingsmispeln größer und sehr viel gelber. Selbst Pasquale, dem ich Pinos Besonderheit am nächsten Tag zeigte, hatte noch nie von Wintermispeln gehört. Doch seit Wikipedia gibt es keine Entschuldigung mehr dafür, etwas nicht zu wissen. Also schnell im Onlinelexikon überprüft, ob es überhaupt Wintermispeln gibt, und tatsächlich scheint es sich bei den Früchten auf meinem Küchentisch um die „Echte Mispel“ zu handeln.

Bisher lag Pinos geheimnisvolle Spezialität mehr oder weniger dekorativ auf einem Teller und ich wartete gespannt darauf, dass sie weich werden, um eine kosten zu können. Die zeitige „Nespole“-Variante, laut Wikipedia auch Japanische Wollmispel genannt, schmeckt mir nämlich sehr gut: fruchtig, aber gleichzeitig auch angenehm säuerlich.

Bei der heutigen Kontrolle fand ich nun eine Frucht, die mir weich genug erschien, um reif zu sein. Die zeitige Mispel isst man ganz einfach, indem man ihr die Haut abzieht, dann die großen Kerne entfernt und anschließend das saftige Fruchtfleisch genießt. Von Pinos Wintermispeln lässt sich die Haut jedoch nicht abziehen. Also schälte ich sie mit einem kleinen Messer ab. Das Fruchtfleisch darunter war hellgrün und sah wenig appetitlich aus. Tatsächlich hatte es auch keinen Geschmack und hinterließ nur ein pelziges Gefühl auf der Zunge. Das Ding wanderte in den Biomüll.

Vielleicht war die Frucht noch nicht reif genug. Ich werde es später noch einmal mit einer anderen probieren. Doch irgendwie habe ich im Gefühl, dass es einen guten Grund für Pinos Vorfahren gegeben haben muss, auf dem apulischen Boden mehr Wein und Zitrusfrüchte als Wintermispeln anzubauen. 

Suchanfragen VIII: Granate ≠ Granatapfel


Granat 1Auch wenn manche Zeitgenossen bei meinem Granatapfel-Beitrag zunächst einen militärischen Hintergrund zu vermuten scheinen, hier noch einmal der fotografische Beweis: Granatapfel hat nichts mit Granaten zu tun. Der Name verweist auf die granatrote Farbe des lecker saftigen Innenlebens der Frucht. Das spärliche Fruchtfleisch umhüllt leider ziemlich fiese, kleine Kerne. Ausgepresst kann man den Saft jedoch sehr gut genießen und als Konfitüre macht er sich bestimmt auch gut. 

Vorsicht Hungergefahr! – Kurztrip durch Apuliens Küche

Brot

Brot und Taralli gehört auch in „La Cantina“ immer auf den Tisch

Kaffee ist bereits ein großes Thema in Italien, aber „Essen“ ist ein noch größeres. Kaum ein Gespräch am Vormittag vergeht, ohne dass man darüber gesprochen hat, was man zum Mittag essen wird, und beim Mittagessen wird schon geklärt, was man zum Abendessen kocht. Eine besonders wichtige Rolle spielen natürlich die sonntäglichen Mittagessen im Familienkreis, die meist von den Omas ausgerichtet werden, die solchermaßen ihre Kinder und deren Familien um sich scharren.

Tagliatelle mit Meeresfrüchten

Tagliatelle mit Meeresfrüchten (Garnelen, Miesmuscheln und Herzmuscheln)

Wenn es ganz besonders werden soll, dann sucht man auch gern ein Restaurant auf. Wir haben uns in eine kleine Trattoria in Carovigno, einem Nachbarort von Ostuni, verliebt, in die wir oft an Geburts- und anderen Feiertagen einkehren. Für um die 20 – 25 Euro pro Person serviert der Inhaber Vincenzo in „La Cantina“ eine Unmenge von Vorspeisen, ein Hauptgericht und eine Zusammenstellung von kleinen Nachspeisehäppchen wie hausgemachten Kuchen, Mandelgebäck oder Panna Cotta. Dazu gibt es Wein, Wasser und andere Getränke.

Papardelle mit Pilzen

Pappardelle mit Pilzen

Wir mögen es, uns durch die Vorspeisen zu futtern, aber ich bin danach immer so satt, dass ich keines der einfachen Hauptgerichte wie z.B. „Orecchiette mit Tomatensauce“, „Papardelle mit Pilzen“ oder „Tagliatelle mit Meeresfrüchten“ mehr schaffe. Theoretisch könnte man nach dem Nudel- noch ein Fleischgericht essen. Dass das jemand schafft, habe ich jedoch noch nie gesehen. …  und es erübrigt sich auch fast zu sagen, dass wir an „La Cantina“-Tagen kein Abendbrot mehr brauchen.

Wie auch immer, bei unserem letzten, fast vierstündigem Besuch habe ich das Essen fotografisch festgehalten, um euch eine Vielzahl typisch apulischer Speisen zeigen zu können. Einige (z.B. die grantinierten Miesmuscheln) sind mir zwar entgangen, weil ich irgendwann zu sehr ins Essen vertieft war, aber hier trotzdem die Liste der kleinen Köstlichkeiten (für größere Fotos anklicken).

Bitte esst etwas, bevor ihr weiter scrollt!

Sonst bekommt ihr garantiert Hunger.

Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!

frittierte Teigbällchen mit Oliven

Frittierte Teigbällchen mit Oliven

Ricotta mit Obst der Saison

Ricotta mit Obst der Saison (hier Granatapfel)

Mozzarelline mit Schinken

Mozzarelline mit Schinken

Fleischrouladen

Brasciolette (Fleischrouladen) im eigenen Saft

Carpaccio

Carpaccio mit gehobeltem Parmesan

Fleischbällchen 2

Gebratene Fleischbällchen

Gebratene Brotbällchen

Gebratene Brotbällchen

Patate Riso e Cozze

„Patate, Riso e Cozze“ („Kartoffeln, Reis und Miesmuscheln“) – ein typisch baresisches Gericht

roher Lachs mit Mandeln und rotem Pfeffer

Marinierter Lachs mit Mandeln und rotem Pfeffer

rohe Gamberi

Rohe Gamberi (Garnelen)

gekochte Miesmuscheln

Gekochte Miesmuscheln

frittierter Fisch

Frittierter Fisch

gehobelter roher Polyp

Gehobelter roher Polyp und Parmesan

gekochte Gamberi Garnelen

Gekochte Gamberi (Garnelen)

Calamari Tintenfisch mit Karotten

Calamari (Tintenfisch) mit Karotten

„La Cantina“ findet man übrigens seit diesem Jahr bereits ca. 10 Meter vor seinem gewohnten Platz, nämlich an der Ecke Corso Vittorio Emanuele/ Via Regina Margerita, direkt am Denkmal für Padre Pio. Dort kann man an schönen Tagen jetzt auch draußen sitzen.

Panna Cotta

Und zum Schluss noch Panna Cotta…

hausgemachter Schokokuchen

… und hausgemachter Schokokuchen

Es liegt was in der Luft

„Dass ich das noch erlebe, dass aus dir eine Kaffeetrinkerin wird!“ meinte unlängst meine beste Freundin zu mir, während ich meinen Frühstückskeksetunkekaffee in geschätzt einen Viertelliter Milch schüttete und ihr einen Espresso zubereitete. Ja, das hätte ich als passionierte schwarze-Tee-Trinkerin selbst nicht von mir gedacht. Doch nach gut einem Jahr hatte mich Luigis Vater zum Kaffee bekehrt und mir bei unserem Einzug in die Traumwohnung eine gut gebrauchte Moka mitgegeben.

Frühstück

Kekse und Kaffee mit Milch – ein typisches, italienisches Frühstück

Die Moka das ist ein kleines Metallkännchen, in dem man auf einem Gasherd Kaffee zubereiten kann. Woher diese kleine Maschine ihren Namen hat, kann man nur raten. Eventuell stammt er von der gleichnamigen Stadt im Jemen und ist über Kaffeehändler nach Italien gelangt. Wie auch immer, Luigi behauptet, es handele sich bei ihr nicht um ein Küchengerät, sondern um einen Einrichtungsgegenstand, den man in jedem italienischen Haushalt findet, denn in der Tat ist frisch zubereiteter Kaffee eine der großen-kleinen, italienischen Leidenschaften. Einer meiner Schüler meinte sogar, er trinke mindestens fünf Espressi über den Tag verteilt, den letzten spät abends. Das bedeutet wohl, dass seine Moka kaum kalt wird.

Unlängst gab der Dichtungsring meiner alten Moka komplett seinen Geist auf, d.h. er ist quasi nicht mehr vorhanden, und ich entschied mich für ein neues Modell. Wenn, dann richtig! – dachte ich mir. Eine Bialetti sollte es sein. Das traditionelle Kännchen gibt es nämlich in vielen verschiedenen Farben. Ich entschied mich für eine meiner Lieblingsfarben – Hellgrün. Das bringt an schummrigen Herbstmorgen gleich gute Laune in die Küche.

Moka

Meine neue Moka – ein Traditionsmodell in frischer Farbe. Das dem Erfinder ähnelnde, bärtige Bialetti-Männchen erinnert mich entfernt an das in die Luft gehende, deutsche HB-Männchen.

Als sich Alfonso Bialetti 1933 dachte, dass das gleiche Prinzip, welches Dampf und Seifenschaum in Waschmaschinen beförderte, auch zum Kaffeebrühen genutzt werden könne, und die erste Moka herstellte, ahnte er vermutlich nicht, welche Revolution er auslösen oder dass seine kleine Erfindung den Siegeszug um die Welt bis in die Ausstellungen von Designmuseen wie der MoMa in New York antreten würde.

Die Form der Kaffeemaschine kann wie die Farben variieren. Statt achteckig findet man sie beispielsweise auch rund. Andere Firmen wie Alessi oder Lavazza haben mir ihren eigenen Produkten nachgezogen. Was jedoch bleibt ist das Prinzip; unverändert seit 1933: Über einem kleinen Wasserbehälter befindet sich ein Sieb mit dem Kaffeepulver. Der beim Kochen entstehende Dampf wird durch den Kaffee gedrückt und über einen kleinen Schornstein in das obere Kännchen befördert. Für Italiener ist der morgendliche Griff zur Moka ein Ritual, und, wer es einmal gehört hat, dem bleibt es unvergessen – das leise Röcheln des Wassers, bevor der Kaffeeduft sich in der Wohnung ausbreitet.

Übrigens konnten bisher auch keine Kapsel-, Pad- oder sonstigen raffinierte Maschinen etwas an der Beliebtheit der Moka ändern. Selbst Pasquale mit seiner großen Kaffeekochanlage, die sogar Bohnen mahlen und Milchschaum einsprühen kann, hat in seinem Schrank noch eine Moka zu stehen. Man weiß ja nie, ob nicht eines Morgens der Strom ausfällt oder das technisch komplizierte Großgerät seine Funktion einstellt. Die treue Moka auf einem Gasherd funktioniert immer einwandfrei – jedenfalls solange der Dichtungsring dichtet. Wie ich beim Kauf der kleinen Grünen erfahren habe, sollte man diesen alle drei Monate austauschen. Wieder etwas gelernt.

Weintraubenwald

WeintraubenwaldTraube 1WassertropfenbenetztApulien verfügt über eine Weinanbaufläche von rund 107.000 Hektar und produziert rund 7,5 Millionen Hektoliter Wein im Jahr (Welt), d.h. hier stehen nicht nur jede Menge Olivenbäume, sondern auch Weinstöcke herum. Seit ein paar Wochen ist die Weinernte in vollem Gange. Doch man trifft auch jetzt noch rechts und links des Weges nicht abgeerntete Reben mit großen, saftigen Trauben. Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Mit einem Preis von 65 Cent bis 1 Euro pro Kilo verführen sie im Moment auch gleich doppelt zum Kauf.

Kirschen, Kirchen, Kerker und mehr – Zu Besuch in Turi

Turi Gasse 4

Altstadtstraße

Als ich Elena vorschlug, den versprochenen Cappuccino in ihrer Heimatstadt Turi zu trinken, war sie zunächst etwas erschrocken. Es gäbe nichts Besonderes in Turi, meinte sie, es sei denn, wir kämen im Juni, wenn das Kirschenfest stattfände. Aber hochschwanger auf einem italienischen Großereignis aufzukreuzen, erschien mir wenig sinnvoll. Also stimmte Elena schweren Herzens und unsicher ob des Reizes ihrer Heimatstadt zu. „Ach, lass‘ mal!“ wandte ich ein, „Wenn ich mit Turi fertig bin, dann sieht es aus, als wäre Turi der wichtigste Ort von ganz Apulien.“ Wir vertagten also unseren Cappuccino auf September.

Turi PercochiLetztes Wochenende war es dann so weit. Aber nach Turi! Die kleine Stadt mit etwa 13.000 Einwohnern liegt etwa zwanzig Autominuten südöstlich von Bari. Von der SS 100 in Richtung Casamassima aus ist es gut ausgeschildert. Tatsächlich steppt in Turi nur Anfang Juni zum Kirschenfest, der „Sagra della Ciliegia Ferrovia“ der Bär. Dabei handelt es sich um die Feier einer großen, süßen und tiefroten, ja fast schwarzen, Art von Kirschen, die nicht nur hier in Apulien sehr geschätzt werden. Daneben sind die Percochi von Turi ein „Must have“, wenn man die Stadt im Herbst besucht. Wir haben Glück und finden einen geschäftstüchtigen Mitmenschen, der die Ausbeute seines Gartens aus dem Kofferraum hinaus verkauft, und nehmen uns ein Kilo der großen, goldroten Pfirsichart mit ihrem frisch aromatischen Duft nach Spätsommer als Souvenir mit.

Doch zunächst treffen wir Elena auf einem zentral an der Altstadt gelegenen Parkplatz am „Lago Pozzi“ und frühstücken ganz italienisch mit einem Hörnchen und Cappuccino. Sie würde uns gern „La grotta di Sant‘ Oronzo“, einen Wallfahrtsort, der bereits im 16. Jahrhundert existierte zeigen, doch die darüber erbaute Kirche sei an Sonnabenden nicht geöffnete, berichtet sie uns. Schade! Aber so haben wir schon vor beginn unseres „nicht besonderen“ Altstadtrundgangs einen Grund gefunden ein zweites Mal in diese „nicht besondere“ Stadt zu kommen.

Turi Kerker

Im Hintergrund der Kerker von Turi. Großflächige Schilder weisen darauf hin, dass dieser nicht fotografiert werden darf.

Wir spazieren zunächst an der niedlichen Kirche „San Rocco“ (siehe erstes Foto) vorbei zum zentralen Park, in dem sich unter den Bäumen um einen Springbrunnen herum die Opas von Turi zu einem Schwätzchen auf Parkbänken zusammengefunden haben. Auf dem Spielplatz nebenan wimmelt es von Kindern. Doch wir steuern das Gebäude gleich neben dem Park an. Noch bevor wir es erreichen, nähert sich uns ein Turese, den ich in Deutschland wegen seines zum Zopf gebundenen, graumelierten, langen Haares und legerer Bioklamotten als Altachtundsechziger charakterisiert hätte. Ihn begleitet ein großer, schwarzer Hund. Der Typ zeigt auf das Gebäude vor uns und beginnt ungefragt aber desto leidenschaftlicher eine Erklärung: Vor uns läge der Kerker von Turi, ein bedeutendes Monument. Immerhin habe man hier in den dreißiger Jahren Antonio Gramsci eingesperrt. Ich muss wohl sehr unwissend dreingesehen haben, denn sofort setzt er hinzu, es handele sich um einen Partisanen und Kommunisten. Man könne sogar seine Zelle besichtigen, erzählt er weiter, aber es lohne sich kaum, denn seit sie frisch gestrichen wurde, sähe sie aus wie alle Zellen, nichts Besonderes mehr. Sein Hund zieht an der Leine und hält ihn von weiteren Ausführungen ab. Wir verabschieden uns, wie wir geplaudert haben; als wären wir gute Bekannte und hätten uns nach langer Zeit endlich einmal wiedergetroffen.

Turi balkonTuri religiös„Gibt es Postkarten von Turi?“ frage ich die Verkäuferin in einem nahegelegenen Zeitungskiosk. „Klar,“ entgegnet sie, aber ihr müsst in einer „Tabaccheria“, einem Zigarettenladen, danach fragen. Dort haben wir dann sogar eine Auswahl unter mindestens 6 verschiedenen Motiven. Die Kerkerzelle mag also nichts Besonderes mehr sein, aber immerhin ist der Ort so wichtig, dass er sich mehrere Postkartenmotive leistet.

IMG_2536Wir schlagen uns von Kerker über eine Kirche mit einem weithin sichtbaren Uhrenturm, dem Wahrzeichen von Turi nach rechts in die „città vecchia”. Sehr sympathisch, dass die Altstadt ein gepflegtes Kleinod mit restaurierten Gebäuden und vor allem neu gemachten Straßen ist. So können wir auch mit unserem Kinderwagen bequem durch die engen Gassen schlendern. Wie in allen süditalienischen Kleinstädten gibt es in der Altstadt von Turi eine Unmenge von Kirchen, welche die touristischen Hauptattraktionen bilden. Turi Wine and foodDoch man trifft auch unweigerlich auf eine kleine Piazza mit einem mittelalterliches Schloss, dem Palazzo Marchesale, das im 17. Jahrhundert großzügig umgebaut und dem Zeitgeschmack angepasst wurde. Heimelige Gassen, hübsch bepflanzte Balkone, kleine Läden, viele Bars und auch Trattorien oder Restaurants für den größeren Hunger runden das gemütliche Altstadtflair Turis ab.

Turi Gasse 3Turi Gasse 1Da Turi nach Elenas Auskunft 16 „Bed and Breakfasts“ besitzen soll, kann man den ruhigen und finanziell günstigen Ort auch gut als Anlaufstelle für einen Apulienurlaub nutzen, dessen Ausflüge in etwas teurere Orte wie Alberobello oder Castellana führen sollen. Wir sind jedenfalls sicher, dass wir noch mindestens zweimal wiederkommen werden: einmal um die Grotte zu sehen und sicher auch einmal zum Kirschenfest.