Archiv für den Monat Dezember 2012

Berlusconi und der Weltuntergang (Reprise) und Weihnachtsgrüße

Zwei erfreuliche Dinge von europa- bzw. weltweiter Bedeutung sind kurz vor Weihnachten also doch noch passiert: Erstens hat die Menschheit gestern den 183. prognostizierten Weltuntergang seit Ende des römischen Reiches überlebt – und das nicht nur in Cisternino oder im Itriatal. Und zweitens hat Supersilvio vor ein paar Tagen seine Kandidatur zurückgezogen, denn mit dem Mario spielt er nicht. Der böse Monti tut sich nämlich immer mit den anderen Jungs zusammen und ärgert ihn. Darauf hat der Silvio jetzt einfach keinen Bock mehr.

Der Rückzug der Kandidatur Berlusconis wurde nicht ganz so publikumswirksam gefeiert wie das Weltenende in Cisternino, wo sich am Abend des 20.12. zum groß aufgezogenen „Fest der letzten Nacht der Welt“ 3000 Besucher einfanden, um dem Untergang in recht fröhlicher Stimmung entgegenzusehen. Die Geschäfte und Kirchen hatten die ganze Nacht geöffnet. Musik und Aufführungen unterhielten die Gäste des völlig überlaufenen 12.000-Einwohner-Städtchens. Am gestrigen Tage kamen vermutlich noch wesentlich mehr als die im Voraus geschätzten 5000 Besucher, welche sich in der Stadt und besonders auf dem Weihnachtsmarkt mit Musik, Tanz und Spezialitäten der Region vor dem Untergang verstecken wollten. Letztendlich sah man sich sogar gezwungen, Cisternino kurzerhand zu schließen und niemanden mehr hineinzulassen.

Settimo Catalano, der Präsident der religiösen Vereinigung ist inzwischen dazu übergegangen zu verbreiten, dass sein Meister dergleichen nie gesagt habe, aber immerhin haben die Anhänger des Babaji dafür gesorgt, dass man sich in Cisternino an den 21.12.12 noch für sehr, sehr lange Zeit erinnern wird.

So reiht sich der soeben überlebte Weltuntergang still und leise in die Reihe aller großen Events ein, die heute dazu dienen sollen, den Menschen zum Konsum zu verführen. In diesem Sinne könnte ich jetzt „Frohe Weihnachten“ wünschen. Aber seien wir nicht zynisch! Der Weltuntergang und auch Weihnachten sollten uns nicht nur den Interessen der Wirtschaft folgen, sondern auch darüber nachdenken lassen, was für uns im Leben wichtig ist. Daher an dieser Stelle viele liebe Grüße an meine Familie und alle Freunde in Deutschland und im Rest der Welt! Euch aber auch allen anderen Bloglesern wünsche ich ein schönes und friedliches Weihnachtsfest im Kreise derer, die euch nahestehen!

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„Cartellate“ oder (Haus)Frauen und Backwaren zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Kein Weihnachten in Apulien ohne Cartellate oder auch „Carteddàte“ wie sie im lokalen Dialekt „Barese“ heißen. Das Gebäck aus einfachsten Zutaten symbolsiert in seiner Form den Heiligenschein, der das Jesuskind bei seiner Geburt umgeben haben soll. Mich erinnern sie an die zweidimensional gezeichnete die Rosen, die ich als in dieser Kunst relativ unbegabtes Kind dereinst in der Unterstufe fabrizierte. Mit ein bisschen Fantasie kann man sicherlich noch viel mehr darin erkennen; so wie manche Einheimische darin gar das gewickelte Jesuskind in seiner Wiege sehen wollen.

Im Bewusstsein dessen, dass es ein derart mit Bedeutung aufgeladenes Weihnachtsgebäck gibt, wollte ich natürlich wissen, wie es schmeckt. Maria startete also einen Rundruf per Telefon, um sich hinsichtlich des besten Rezeptes zu informieren. Doch schnell wurde klar, dass es so viele Varianten wie Angerufene gab, die sich im Grunde jedoch nur im Mengenverhältnis zwischen Mehl, Öl und Wein unterschieden. Da das auch schon alle Zutanten sind und Maria sich nicht entscheiden konnte, wem sie am meisten vertraute, verlegten wir uns letztendlich auf ein Rezept aus ihrer persönlichen vierbändigen Bibel der regionalen italienischen Küche (Luigi Carnacina und Luigi Veronelli: „La Cucina Rustica Regionale“, 1979, Bd. 4).

Hier also zunächst die Zutaten für ca. 150 Stück:

1 kg Mehl

1 dl Olivenöl

trockener Weißwein

eine Prise Salz

1 l Vincotto (z.B. bei eBay) und/ oder Honig

Puderzucker oder eine Zimt-Puderzuckermischung zum Bestäuben

Öl zum Ausbacken (z.B. Erdnussöl)

Das Mehl wird auf die Arbeitsfläche gesiebt und das Öl in eine kleine Vertiefung gegossen. Anschließend kommt die Prise Salz dazu und der leicht erwärmte Wein. Das Ganze wird zu einem kompakten Teig verknetet und so lange Wein zugegeben, bis der Teig glatt und geschmeidig, aber nicht klebrig ist. Den Teig lässt man am besten eine Stunde lang an einem kühlen Ort ruhen.

IMG_20121217_121853Während unser Teig also ruht, ist es an der Zeit, auf die Suche nach der Nudelmaschine zu gehen. Da die Supermärkte trockene und auch frische Nudeln in allen Formen und Größen führen, ist selbstgemachte Pasta besonderen Anlässen vorbehalten, an denen man sich den Luxus der zeitaufwendigen Pastaherstellung gönnt. Der letzte dieser Anlässe scheint schon eine Weile her zu sein, denn wir suchen uns ein bisschen tot und finden die Maschine schließlich gut versteckt außerhalb jeglicher Augenhöhe ganz oben im Küchenschrank.

Man kann den Teig natürlich auch mit einem herkömmlichen Nudelholz ausrollen. Allerdings muss dieser sehr, sehr dünn ausgerollt werden, damit das Gebäck nachher nicht zu kompakt und damit zu hart wird. Mit unserer Nudelmaschine, die fünf Einstellungen hat, haben wir die Einstellung 3 gewählt. Das sind geschätzt vielleicht zwei Millimeter. Man lässt den Teig mehrmals durch, bis er nicht mehr reißt, und teilt diesen dann mit einem Pastaroller in schmale Streifen von ca. 4 cm Länge. Mit dem Nudelholz muss man den Teig sicherlich ebenfalls mehrmals falten und wieder ausrollen, bis er die gewünschte Dicke erreicht hat.

Und dann beginnt die Fummelarbeit. Die Teigstreifen müssen in der Mitte gefaltet, aber so zusammengedrückt werden, dass kleine „Taschen“ entstehen, in denen sich später der Honig oder der Vincotto sammeln kann. Dann wird die ganze Länge aufgewickelt, bis die Cartellate mehr oder weniger kreisrund sind. Ich finde das ziemlich kompliziert und die ersten drei misslingen auch völlig. Ständig klebt der Teig irgendwo zusammen, wo er nicht kleben soll, und da, wo er erstmal klebt, da hält er hartnäckig auch in der falschen Position fest. Die Missglückten landen also wieder auf dem Pastaberg. Die Illustrationen bei Carnacina und Veronelli zeigen eine Version, die mir wesentlich einfacher scheint. Demnach wird das Teigband nur gefaltet und mit etwas Abstand zwischen den einzelnen Runden aufgerollt. Schade ist dabei natürlich, dass die Cartellate hinterher nicht so viel von dem süßen Schlabbersirup aufnehmen können. Weil wir den alle sehr mögen (schmeckt auch gut auf Vanilleeis), formen wir geduldig weiter Teigtaschen und nach einer Weile geht es auch schon viel einfacher, obwohl Maria in der gleichen Zeit, in dem ich ein Stück fertig bekomme, mindestens drei oder vier schafft. Na, ja, Übung macht auch hier vermutlich den Meister.

IMG_20121217_121515Ich überlasse die Feinheiten also Maria und verlege mich auf das Teigausrollen. Handwerk liegt mir mehr und die Kurbelei macht sogar Spaß. Während dessen erzählt mir Maria nicht ohne Stolz, dass ihre Mutter so etwas wie eine Koryphäe in Sachen Kochen und Backen gewesen sei. Sie war offensichtlich Hausfrau aus Leidenschaft und nahm sogar bei einem Feinbäcker Unterricht, damit sie all die leckeren Süßigkeiten, die wir uns heute gelegentlich in der Pasticceria (Konditorei) unseres Vertrauens kaufen, selbst herstellen konnte.

IMG_20121217_122025Mir schwant schon lange Schreckliches, was meine eigenen hausfraulichen Qualitäten anbetrifft, wenn ich Maria täglich mehrere Stunden in der Küche rumoren höre und sehe, wie sie Nudelsaucen kocht und jeden Tag zwei warme Mahlzeiten auf den Tisch bringt. Auch meine eigene Mama ist eine sehr gute Köchin und hat über Jahre bis zu acht Personen täglich versorgt, was für eine arbeitende Frau in Deutschland durch unsere eher IMG_20121217_122125spartanischen Abendbrotgewohnheiten vielleicht etwas leichter aber doch nicht leicht ist. Für die moderne italienische Frau (und Mutter) klaffen Anspruch und Wirklichkeit tatsächlich recht weit auseinander, was sicherlich nicht nur an unserem Tisch häufiger zu Diskussionen führt, wenn Maria einmal mehr junge weibliche Verwandte moniert, die sowohl ihre hausfraulichen als auch ihre mütterlichen Pflichten vernachlässigen und sogar ihre Männer an den Herd lassen würden.

Meine Sprachfähigkeiten sind so weit fortgeschritten, dass ich bei derart heiklen Themen zwar meine Meinung abgeben, jedoch nicht richtig mitdiskutieren kann. Außerdem würde ich sagen, dass gerade im Umgang mit beinahe-Verwandten in diesem Alter nun wirklich das italienische Supermotto „pazienza“ angebracht ist. Abgesehen davon habe ich Glück, dass Maria den Kochlöffel unter keinen Umständen aus der Hand gibt, mir aber das Backen überlässt, weil es ihr selbst keinen Spaß macht. Das gibt mir Gelegenheit als Bäckerin zu glänzen und beim Kochen immer mal zugucken zu können ohne eingreifen zu müssen. Ich lausche also teigrollend dem Loblied auf Luigis Großmutter und könnte mir vorstellen, dass vielleicht sogar heute noch Frauen mit Freuden fünffache Mütter und Superhausfrauen unter Expertenanleitung werden würden, wenn ihre Männer entsprechend Geld verdienten, um die ganze Sippe durchzubringen. Zum Abschluss der ersten Etappe unserer denkwürdigen ersten Küchenkooperation liegen jedenfalls 129 Cartellate zum Trocken auf einem riesigen Papier aus.

IMG_20121217_122232Hinsichtlich der sich nun anschließenden Trocknungszeit sind sich Verwandte, Bekannte und auch Carnicina/ Veronelli nicht darüber einig, ob man sie durchführen muss. In unserer Küchenbibel werden die Cartellate sofort im Anschluss in Öl ausgebacken. Maria erinnert sich jedoch, dass ihre Mutter sie immer über Nacht trocknen ließ. Daher machen wir erst am nächsten Tag weiter und frittieren das Gebäck in einer Pfanne mit Erdnussöl, bis es eine leicht bräunliche Farbe angenommen hat. Das geht recht schnell. Schon füllen wir eine zweite Pfanne mit Vincotto aus Feigenmost und lassen die Cartellate darin auch noch einmal von beiden Seiten „blubbern“, bis sie eine dunkle Färbung angenommen haben, und der Vincotto in alle Ritzen eingedrungen ist. Eine kleinere Menge ausgebackener Cartellate tunken wir auf die gleiche Art und Weise in Honig, der in einer weiteren Pfanne verflüssigt wurde. Diese sind für Luigis Tante „Zievola“, der die Variante mit Honig IMG_20121217_121655besser schmeckt. Die Cartellate werden nach ihrem Bad in Vincotto oder Honig in ein Aufbewahrungsgefäß gegeben und zum Schluss mit der restlichen Flüssigkeit übergossen. Carnacina und Veronelli empfehlen, sie mit einer Zimt-Puderzucker-Mischung zu bestäuben, aber das ist in Luigis Familie keine Tradition. Ich gehe daher sofort zum Kosten über. Sie sind süß, „schnurpsig“ und schmecken mir ausgesprochen gut. Daher verkünde ich nicht ohne Augenzwinkern, dass es die besten Cartellate sind, die ich je in meinem Leben gemacht habe.

Als die Pfannen und anderen Küchenutensilien im Abwasch klappern, wagen sich auch Luigi und sein Vater in die Küche. Beide kosten, ziehen ein undefinierbares Gesicht und sind sich anschließend einig: die Cartellate wären zu hart. Ich zeige auf das Wort „croccante“ in der Küchenbibel und finde, dass man von einem krokanten Gebäck nicht erwarten sollte, dass es weich wäre. Doch jetzt werden Erinnerungen an die Cartellate von XY und Z heraufbeschworen, die allesamt viel weicher gewesen wären. Luigis Mama kostet nun auch und kommt ihnen zustimmend sofort dem Rande eines Nervenzusammenbruchs nahe.

Leider oder zum Glück ist es an diesem Tag schon zu spät für eine solche Aktion, aber sofort an nächsten Morgen werden wieder sämtliche Verwandte und Bekannte per Telefon zu den möglichen Ursachen befragt. Obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass die Frage eher lauten müsste, haben wir etwas falsch gemacht, hier die möglichen Antworten der Telefonjoker darauf, was wir falsch gemacht haben könnten.

  1. zu viel Öl

  2. zu wenig Öl

  3. zu viel Wein

  4. zu wenig Wein

  5. gar keinen Wein sondern puren Alkohol nehmen

  6. lieber nicht trocknen lassen

  7. nur ein paar Stunden trockenen lassen

  8. zu wenige Male durch die Nudelmaschine geleiert

  9. zu dick ausgerollt

  10. ganze neue Version: besser halb und halb Mehl und Hartweizengries für den Teig nehmen

  11. nicht gut genug im Vincotto untergetaucht

Meine Überprüfung der im Supermarkt käuflichen, industriell hergestellten und ungefüllten Cartellate ergibt, dass die Teigstreifen nur halb so dick sind, wie wir sie gemacht haben – also vielleicht einen Millimeter. Wie man das noch mit einem Nudelholz fertigbringen soll, kann ich mir nicht erklären. Selbst mit der Nudelmaschine erscheint es mir unwahrscheinlich. Aber wir werden im nächsten Jahr einen neuen Anlauf wagen.

Abgesehen davon nur so viel: Nach vier Tagen sind von über 120 noch ca. 40 Cartellate übrig. . . . und gleich werden es nur noch 39 sein.

Cartellate al vincotto di fichi

Bald nun ist . . . Natale

Weihnachen steht praktisch vor der Tür. È praticamente natale. Doch abgsehen von dem Stapel an Weihnachtsgeschenken auf Marias Kommode, der seit Anfang Dezember immer größer wird, war bisher nicht viel davon in unserer Wohnung zu sehen. Dafür war umso mehr zu riechen, denn seit zwei Wochen backe ich Weihnachtspläzchen – mal allein, mal mit Unterstützung. Aber die Blechdosen sind hier wie Fässer ohne Boden: ich fülle oben ein; doch bald darauf sind sie schon wieder leer. Das merkwürdige Verschwinden hat damit zu tun, dass immer wieder Nachbarn an der Wohnungstür klingeln und fragen, was so gut rieche. Bevor man da lange erklärt, werden die Dosen eben aufgemacht und verkostet. Auch bei der lieben Verwandtschaft kommt deutsches Weihnachtsgebäck hervorragend an.

In der letzten Woche hat Maria mich zudem in die Herstellung eines für Apulien typischen Weihnachtsgebäcks eingeweiht. Ich mag besonders die gewöhnliche Variante, die nach dem Ausbacken in Vincotto „gebadet“ und auch damit gefüllt wird. Luigis Familie verwendet dafür einen dicken, fast schwarzen Feigensirup. Vincotto gibt es aber auch etwas heller aus eingekochtem Weintraubenmost. Einen Bericht von der handwerklich etwas aufwendigeren Herstellung dieser klebrigen Süßigkeit namens Cartellate werde ich im Laufe der Woche nachliefern.

So weit, so gut. Man riecht also seit zwei Wochen im ganzen Haus, dass wir uns auf Weihnachten vorbereiten, aber man sah es bisher nur auf Luigis Kommode, wo ich Anfang Dezember aus nostalgischen Gründen ein paar erzgebirgische Holzschnitzerein aufgestellt hatte. Eigentlich wird in Italien am 8.12. weihnachtlich aufmunitioniert. Der arbeitsfreie Tag der „Maria Empfängnis“, der in diesem Jahr auf einen Samstag fiel, wird dazu genutzt, den (Plaste)Baum zu schmücken und sich gegenseitig im Aufstellen voluminöser Krippen zu überbieten. Nachdem sich die Balkons des Häuserblocks gegenüber in ein blinkendes Las Vegas verwandelt haben, und wir bei einer Bekannten Krippenaufbauten, die ein Drittel des Wohnzimmers einnahmen, bewundern durften, ist in Pasquale nun auch der Weihnachtsvirus ausgebrochen. Über die mäßige Begeisterung der restlichen Familie empört stapfte er mit einer Woche Verspätung in die Garage und trug nicht nur von dort diverse Pappkartons im Wohnzimmer zusammen. Darin befanden sich mehrere Krippen, zwei Weihnachtsbäume, mindestens fünf Lichterketten und anderes Zubehör, welches wir dekorativ in der Wohnung verteilten. Die Krippe kann mit dem Miniaturbethlehem der Bekannten natürlich nicht mithalten, denn sie findet bequem auf einem Tischchen Platz, aber dafür haben wir zwei Weihnachtsbäume und jede Menge Gebäck.

Weihnachten kann kommen. Wir sind vorbereitet.

Berlusconi und der Weltuntergang

Spätestens seit der Kandidatur Berlusconis als zukünftiger „Wieder-Ministerpräsidente“ Italiens dürfte es allen klar sein: das viel belächelte Ende der Welt ist wahrscheinlicher geworden. Gut, vielleicht läutet die Kandidatur des Cavaliere auch nur das Ende Europas ein, aber während der gemeine Italiener noch hoffen darf, dass sich eine Wahlentscheidung mit dem prognostizierten Weltuntergang am 21.12. erledigt haben wird, müssen sich die Bewohner des Itriatals tatsächlich intensiver mit dem Gedanken an die zukünftige Wahl auseinandersetzen, denn die Region um Cisternino, Martina Franca und Ostuni wird mit Sicherheit vom Weltuntergang verschont bleiben. Das sagen jedenfalls die Anhänger des indischen spirituellen Lehrers Babaji (seinerseits immerhin eine Manifestation Gottes in Menschengestalt), welche sich Ende der 70er Jahre mit ihrem Ashram in Cisternino niedergelassen haben und kürzlich ihre Auslegung der Mayaprophezeiung verkündeten. Da diese Nachricht seit ein paar Tagen emsig von der Tagespresse verbreitet wird, wird später auch niemand sagen können, er habe nicht gewusst, dass man in Apulien sicher sei, und sich deshalb keine Gedanken um die Wahl des Ministerpräsidenten gemacht.

Den Bürgermeister von Cisternino freut der ganze Rummel, denn nach der ähnlich lukrativen Hochzeitsfeier von Justin Timberlake und Jessica Biel in der Nähe von Fasano, sind die Hotels und Herbergen dieses kleinen Stücks Apuliens nun zum zweiten Mal im Jahr gut gebucht. Ich persönlich halte recht wenig von dem ganzen Weltuntergangsgefasel und habe mich eigentlich der Theorie verschrieben, dass nach Ablaufen des aktuellen Mayakalenders ganz einfach die neue Edition gekommen wäre, wenn es die Mayas noch geben würde. Aber um ganz sicher zu gehen, finde ich, dass man die gebotenen Chancen auch nutzen sollte. Daher habe ich Luigi vorgeschlagen, für ein paar Tage ins Sommerhäuschen nach Ostuni umzuziehen. „Bist du verrückt?“, meinte er daraufhin entgeistert und blickte mich an, als würde tatsächlich die Welt untergehen. „In Ostuni kann es schneien. Da kriegen mich im Winter keine zehn Pferde hin!“

(Ich hoffe bloß, dass das keine Ausrede war, weil er nicht weiß, wen er wählen soll.)

Wie die Sache mit dem Weltuntergang ausgegangen ist, kann man hier nachlesen.

Viel Spaß beim Amt

Gestern war Nikolaustag und, obwohl es in Italien die Tradition mit dem Stiefel und den Nikolausgeschenken nicht gibt, fühle ich mich ganz so, als hätte ich doch eines erhalten. Und das kam so: Der Plan, Ende September nach Deutschland zurückzukehren und Arbeitslosengeld zu beantragen, falls ich noch keinen Job gefunden haben würde, wurde durch die nur langsam voranschreitenden Entwicklungen in Sachen „Mission Traumwohnung“ vereitelt. Da ich es auch für wenig sinnvoll hielt, mich in Deutschland aufzuhalten, während mein beste Freundin ohne mich Bari und Umgebung unsicher macht, bin ich also erst im November beim Arbeitsamt meines Heimatortes aufgeschlagen. Nach einer Woche Wartezeit bin ich den freundlichen Beamten an sechs von zehn Arbeitstagen persönlich, schriftlich oder telefonisch auf die Nerven gefallen, bis ich nicht nur Arbeitslosengeld sondern auch die Erlaubnis erhalten hatte, es für sechs Monate ins Ausland „mitzunehmen“ (sprich: es weiterhin gezahlt zu bekommen auch, wenn man dem deutschen Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht). Dafür bekommt man ein Dokument namens PD U2, welches man beim Arbeitsamt in dem Staat vorlegen muss, in dem man Arbeit sucht. Ich weiß gar nicht, wie oft ich den unterschiedlichen Ansprechpartnern erklären musste, wo Apulien liegt, warum ich ohne einen Job zu haben, meinen Arbeitsplatz gekündigt habe, und, warum ich es so eilig hätte, wieder zurückzukehren, wo ich doch nun bereits Arbeitslosengeld beziehen würde. Ja, ich kam mir mehrmals ganz schön blöd vor; unter anderem auch, weil mein Betreuer trotz des tagelangen Nebels so gute Laune hatte, als wäre er auf Drogen gewesen. Doch: Ende gut, alles gut.

An dieser Stelle eine zerknirschte Entschuldigung an all diejenigen, bei denen ich in dieser Zeit nicht vorbeigekommen bin. Autolos ist man auf dem platten Land ziemlich aufgeschmissen und so hat die knappe Zeit neben saisonalen häuslichen Betätigungen wie exzessivem Laubharken, Blumengartengärtnern oder Plätzchenbacken kaum zu mehr ausgereicht, als die engste Familie und die engsten Freunde zu besuchen.

Inzwischen habe ich mein „Portable Document U2“ einem Beamten im Arbeitsamt von Triggiano unter die Nase gehalten, der nicht so recht wusste, was er damit anfangen sollte – zumal er kein Deutsch sprach. Er hat mir dann trotzdem zwei italienische Dokumente ausgedruckt, von denen das erste bezeugt, dass ich mich innerhalb des vorgeschriebenen Zeitraums beim Arbeitsamt vor Ort gemeldet habe. Das zweite bestätigt, dass ich zur Vermittlung uneingeschränkt zur Verfügung stehe. Was jedoch seelisch und moralisch wertvoller ist, als diese zwei Zettel, die Luigi vermutlich gerade an die zuständige Beamtin im deutschen Arbeitsamt faxt, ist die Tatsache, dass dieser Mann es unverständlich fand, dass im hiesigen Amt noch nichts unternommen wurde, mich zu vermitteln, obwohl ich schon seit Ende Juni gemeldet bin. Ich habe es unterlassen wiederzugeben, was mir im Sommer gesagt wurde – in etwa, dass sie für Leute mit Studienabschlüssen ohnehin keine Arbeitsstellen hätten – und mich darüber gefreut, dass ich am Montag zu einem ausführlichen Gespräch vorbeikommen darf. Das war doch mal ein Wort, und bis Montag kann ich mich auch sehr gut gedulden.

Verlässlicher Reisebegleiter

In den zurückliegenden Jahren hatte ich viele Reiseführer über Italien und auch über Apulien in der Hand, aber keiner hat mich so überzeugt, wie der Kunstreiseführer aus der Feder von Ekkehart Rotter. Auf fast 400 Seiten enthält er jede Menge auch historische Informationen, die mit einer großen Sach- und Ortskenntnis in einem eleganten Plauderton geschildert werden und den Leser dadurch nie ermüden. Er schildert das Land als am Rand Europas gelegen und damit zum Kampf um Beachtung gezwungen; als historischen gewachsener Prügelknabe, dem einfallende Eroberer immer wieder ihren Stempel aufdrückten und wo sich deshalb die verschiedensten Einflüsse mischten; ein Gebiet bis heute wirtschaftlich rückständig, landschaftlich einzigartig und touristisch noch vielfach unterschätzt.

Ekkehart Rotter: Apulien, Dumont Kunstreiseführer, 4. Auflage 2010

Auf den ersten 100 Seiten nimmt Rotter den Leser mit in die wechselvolle Geschichte Apuliens unter den Griechen, Römern, Normannen, Staufern und den Bourbonen (um nur einige zu nennen). Sehr interessant ist auch seine Einführung in „Küche und Keller“ der Pugliesen und die Galerie bedeutender Persönlichkeiten. Im Anschluss an diese Einführung begleitet man den Autor in mehreren Kapiteln auf von ihm ausgewählten Reiserouten durch die einzelnen Landstriche Apuliens. Es mangelt weder an Insiderinformationen noch an Straßenkarten, Stadtplänen selbst von kleinen Städten, Grundrissen von Sehenswürdigkeiten und natürlich auch nicht an zauberhaften Fotos, die sowohl generelle Stimmungen als auch Details einfangen. Als buchstäbliche Randnotizen findet man Öffnungszeiten oder weiterführende Hinweise. Jedes große Kapitel wird mit einer Übersicht über Hotels und Restaurants unter dem Titel „Reisen und Genießen“ abgeschlossen.

Eine sehr gute Entscheidung war es auch, einen Abstecher nach Matera mit in den Reiseführer aufzunehmen, obwohl diese Stadt im Moment noch in Basilikata und nicht in Apulien liegt. Durch die aktuelle Gebietsreform könnte sich das zukünftig ändern. Seit 1993 ist die auf einem durch eine Talmulde und eine tiefe Schlucht begrenzten Hügel liegende Altstadt „Sassi die Matera“ Weltkulturerbe der Unesco. Zuletzt gelangte die Stadt im Jahr 2004 in die Schlagzeilen, als Mel Gibson dort große Teile der Außenaufnahmen für seinen Film „Die Passion Christi“ drehte. Man sollte sich also als Apulienreisender von den Provinzgrenzen nicht beeindrucken lassen und wie Rotter durchaus darüber hinwegsehen bzw. hinweg reisen.

Für alle, die nicht ein halbes Leben Zeit für die Entdeckung Apuliens zur Verfügung haben, sind gleich auf der ersten Seite die wichtigsten Orte mit einem Ranking und der Seitenangabe versehen. Ein Glossar über die kunstgeschichtlichen Begriffe, Reiseinformationen von A bis Z, ein Literaturverzeichnis und ein umfangreiches Register runden diesen absolut gelungenen Reiseführer ab. Mit seiner Hilfe kann an sich bereits vorher auf die Reise einstimmen, findet sich während der Reise überall schnell zurecht und legt ihn auch danach nicht so schnell aus der Hand. Daher ist der Preis von knapp 26 Euro voll gerechtfertigt, und man versteht auch, dass inzwischen bereits die 6. Auflage erschienen ist. Mit etwas Glück kann man eine ältere Ausgabe als verbilligtes „Mängelexemplar“ ergattern. Dann hat er vielleicht wie der meine zwei schwarze Striche auf dem unteren Schnitt, aber dafür nur 10 Euro gekostet.