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Griff ins Klo

„Wie findest du die italienische Schule?“ hat mich kürzlich ein Italiener gefragt – wohl, weil mein neues Insiderwissen mich nun kompetent aussehen lässt. Ich muss zugeben, dass ich eher diplomatisch ausweichend als ehrlich geantwortet habe. Zum einen habe ich bisher natürlich keinen umfassenden Eindruck, sondern nur einen kurzen Einblick in den Alltag einer staatlichen Schule erhalten, zum anderen brauche ich für eine für mich selbst zufriedenstellende Antwort auf eine Frage, über die ich bisher nicht nachgedacht habe, eine gewisse Zeit.

Heute Morgen auf dem Klo im dritten Stock mit der blütenweißen Gardine vor dem physischen und den Kulturbeuteln, mit denen die Mädchen während des Unterrichts ihren Toilettengang durchführen, vor dem imaginären Auge fiel mir die Frage wieder ein. … und die Tatsache, dass ich eigentlich gar nicht weiß, wo ich mit meiner Meinung anfangen und wo aufhören soll. Deshalb wird dieser Beitrag sicherlich auch mehrteilig werden.

Wie alles hier in Süditalien ist nämlich auch die Schule ein Ort voller Widersprüche. Meine Schule ist mit modernster Technik ausgestattet, aber es gibt keine Klobrillen und auf den Schülerklos offensichtlich kein Toilettenpapier. Es gibt auch in den anderen mir bekannten Räumen nirgends sonst Gardinen. Irgendwer muss das stille Örtchen im dritten Stock wohl sehr lieben und sich persönlich darum kümmern, dass es ein wenig wie ein Zuhause anmutet. Doch sprechen wir über ein seriöseres Thema.

Man erklärte mir an meinem ersten Tag triumphierend, dass es im Vergleich mit Deutschland ja keine Pausen zwischen den Stunden gäbe und die Schüler somit 60 Minuten Unterricht pro Stunde hätten, während es in Deutschland nur 45 seien. Die armen Italiener! Da wusste ich jedoch noch nicht, dass der tatsächliche Beginn des Unterrichts stark davon abhängt, wie schnell der entsprechende Lehrer den Raum wechseln kann, wie viele der Kinderchen nach dem Klingeln fluchtartig den Klassenraum verlassen haben und wie es dem Lehrer gelingt, die Klasse wieder zusammenzutreiben,  zum Wechseln ihrer Arbeitsmaterialien zu bringen und  zur Ruhe zu bekommen.

Durch diesen Mangel an eingeplanten, verbindlich geregelten Pausen essen die Schüler auch im Unterricht, was zu meiner inzwischen zwanzig Jahre zurückliegenden Schulzeit undenkbar, weil respektlos gewesen wäre. Ehrlich gesagt, fühlt es sich wirklich respektlos an, aber natürlich verstehe ich, dass man nicht bis um eins oder um zwei hungern kann, wenn man höchstens eine italienisches Frühstück genossen hat. Außerdem tendieren die Schüler, die sich eigentlich sechs volle Stunden auf die unterrichteten Materien konzentrieren sollten, und keine offizielle Zeit für den private Gespräche haben, natürlich dazu, ihre Wichtigkeiten im Unterricht auszutauschen, meistens während ein Text gelesen wird.

Ein weiterer Störfaktor sind die sogenannten „bidelli“. Ein „bidello“ ist ein Angestellter, der den ganzen Tag auf den Schulfluren gute Laune verbreitet, Zeitung liest und die Kopierer bedient, wofür ich ihnen sehr dankbar bin, da diese Geräte jedes zweite Mal zu streiken geruhen. Außerdem fungieren „bidelli“ als offizielle Nachrichtenüberbringer der Schulleitung , was wegen der mangelnden Pausen so funktioniert, dass sie mit lautem Getöse und einer förmlichen Entschuldigung zu jeder beliebigen Zeit in den Unterricht platzen. Dabei schwenken sie Zettel, auf denen die entsprechend zu verlesenden Mitteilungen stehen. Dann rufen sie die Klassensprecher nach vorn, um diese wieder andere Zettel unterschreiben zu lassen, und nachdem sie auf solche Art und Weise sowohl jegliche Konzentration als auch den Arbeitswillen zum Erliegen gebracht haben, verlassen mit einer neuerlichen Entschuldigung den Raum. Meistens sieht man sie jedoch in Kleingruppen aus „bidelli“ und Schülern herumstehen oder -sitzen und ihre Funktion als inoffizielle Nachrichtenübermittler und autodidaktische Schulpsychologen wahrnehmen.

Verstehen wir uns nicht falsch. Es sind einfache, freundliche, sehr sympathische Menschen, denen man wünscht, dass sie bis zur Rente so weiterarbeiten können, aber ich frage mich doch, warum – entschuldigt bitte, dass ich so darauf herumreite, aber ich verbringe im Moment 12 bis 14 Stunden aushäusig – man nicht einen „bidello“ weniger bezahlt und stattdessen in Klopapier investiert. Vielleicht, weil sie außerdem noch die Funktion einer Empfangsdame übernehmen und dafür sorgen, dass kein Unbefugter die Schule betritt. Oder, weil sie die von Eltern für deren Sprösslinge abgegebenen „Pausenbrote“ eben denen zuführen (natürlich in einem beliebigen Moment des Unterrichts).

Kommen wir jedoch zurück vom Phänomen „bidello“, derer es in meiner Schule übrigens mindestens 6 gibt, zum ursprünglichen Thema und fassen zusammen: Die gepriesenen 60 Minuten Unterrichtszeit bedeuten im Durchschnitt auch nicht mehr als 45 effektiv gearbeitete Minuten. Von mehr Effizienz kann also keine Rede sein.

Soviel für heute. Demnächst gibt es mehr, denn, wenn man erstmal auf dem Klo zu reflektieren beginnt, weitet sich das Feld in ungeahnte Dimensionen.

 

Die Großen Sieben in Bari

Der Mai ist immer ein besonderer Monat in Bari. Zwei Tage lang feiert die Stadt jedes Jahr ihren persönlichen Schutzheiligen, den Heiligen Nikolaus, mit Umzügen, Feuerwerk und im Zweijahresrhythmus mit einer Flugshow. Auch das Oldtimer-Rennen „Gran Premio di Bari“ scheint sich zu einer festen Größe im Veranstaltungskalender zu entwickeln und auch im Umland werden die recht verlässlichen Schönwettertage des Mais für Volksfeste genutzt.

In diesem Jahr tagen jedoch heute und morgen die Finanzminister und Notenbankenchefs der sieben größten Industrienationen hier bei uns im Schloss. Damit hält der verkehrsmäßige und sicherheitstechnische Ausnahmezustand in diesem Jahr besonders lange an. Schon während San Nicola war zu spüren, dass man vorsichtiger geworden ist, wenn sich Volk zu versammeln plant. Die Feiermeile ist mit halbhohen Betonwänden abgeriegelt worden und das Polizeiaufkommen war besonders am frühen Morgen überproportional zur Anzahl der zu ihren Arbeitsstätten eilenden Normalbürger. Ein sehr merkwürdiges Gefühl… irgendwie nicht sicher, sondern eher bedrohlich.

Damit die Großen Sieben nicht zu „Sieben auf einen Streich“ werden ist die Altstadt komplett abgeriegelt worden. Nur noch Einwohner dürfen mit einem speziellen Passierschein zu Fuß die sogenannte „rote Zone“ betreten. Bereits großflächig vor dieser Altstadtzone dürfen keine Autos mehr parken. Die Müllcontainer wurden entfernt und Polizeikräfte wachen mit Argusaugen über alle, die noch neugierig herumzuschlendern wagen.

Das unangenehme Gefühl, das mich bereits während der Feiertage beschlichen hat, hat sich angesichts dieser Maßnahmen noch einmal verstärkt. Wie müssen sich erst die Anwohner fühlen, die sich einen Passierschein bei der Polizei holen mussten und nun buchstäblich auf Schritt und Tritt kontrolliert werden?

Eigentlich habe ich gedacht, dass wir hier in Bari so weit weg vom Weltgeschehen leben würden, dass Terrorismus für uns eher Theorie als Praxis bliebe. Nun erleben wir die Errichtung eines Ghettos und die damit verbundene Einschränkung unserer Freiheit aus Angst vor terroristischen Aktionen am eigenen Leibe. Sicher, am Sonntag wird wieder alles in den Normalzustand zurückversetzt werden, aber im Moment liegt eine Spannung in der Luft, die man fast greifen kann. Wenn man in die Gesichter der Ordnungskräfte sieht. Wenn man nicht zur Arbeit gehen kann, weil öffentliche Einrichtungen (Schulen, Ämter) geschlossen bleiben. Wenn man vor so einer Betonwand steht und nicht weiterlaufen darf. Und wenn alle Wege so organisiert werden müssen, dass man ein Gebiet, das zu den beeindruckensten der Stadt gehört, möglichst weiträumig umfährt.

Natürlich hoffe ich mit allen Anderen, dass diese Maßnahmen Vorsichtsmaßnahmen bleiben. Aber was die gegenwärtige Situation ganz deutlich zeigt, ist, dass die terroristischen Aktionen der jüngeren Vergangenheit bereits dazu geführt haben, dass wir freiwillig unsere Rechte einschränken (lassen). Ich glaube, vor allem die Bewohner der entsprechenden Stadtgebiete werden das Wort „Freiheit“ jetzt erst richtig verstehen lernen.

Mein Apulien macht Geschichte (und Geographie)

Gottes Wege sind untergründig – das weiß man nicht nur als guter Christ, der ich nicht bin, sondern man lernt es hauptsächlich, wenn man eine entsprechende Zeit leben darf. Seit ich in Apulien lebe, habe ich mich beruflich zu einer recht ordentlichen Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache entwickelt. Nach meinem Abitur hätte ich das nicht für möglich gehalten, denn sämtliches Lehrpersonal, das ich bis dahin kannte, hatte vom Lehrerberuf dringend abgeraten; weshalb ich denn auch eine brotlose Kunst studierte, die mich jedoch bestens aufs Leben vorbereitet hat, indem sie mir zeigte, dass ich einfach alles kann (auch VWL, Kriminologie und Spätantike).

Trotzdem oder gerade deswegen habe ich Anfang dieses Jahres beschlossen, dass ein regelmäßigeres Einkommen her muss, welches ich mit einem neuerlichen Jobwechsel zu erreichen beabsichtigte. Als freiberufliche Lehrerin hat man mehr Gerenne als Unterricht und manchmal komme ich mir wie Laura aus „Unsere kleine Farm“ vor, die irgendwann ihre Rattenschwänze zum Dutt hochband und von da an eine qualifizierte Lehrerin war. Es sollte also ein Job in der Wirtschaft her; möglichst einer in dem ich Deutsch und Englisch sprechen und acht Stunden hintereinander mehr oder weniger an dem selben Ort arbeiten konnte.

Diesem Entschluss folgten zahlreiche Stunden auf Jobbörsen im Internet, etwa eine Bewerbung pro Woche mit nur einer Absage nach 5 Minuten, sonst keine Reaktion. Frustration. Selbstmotivation. Enttäuschung. Hoffnung. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich schreibe diese Zeilen, welche in die Kategorie „Erkenntnisse“ fallen, von der ich im letzten Blogbeitrag sprach, in einer Zeit, die ich eigentlich dazu nutzen sollte, mich auf Alexander den Großen, Trajan, den Bauernaufstand, das Dritte Reich, Indien, China, Demokratie oder deutsche Bundesländer vorzubereiten, denn über eingangs genannte Wege und gewissenhaftes Arbeiten in vergangenen Jobverhältnissen bin ich in einem italienischen Gymnasium gelandet, in dem ich aushilfsweise fünf Klassenstufen auf Deutsch in Geschichte und Geographie unterrichte und noch bis zum Schuljahresende unterrichten werde. Für meine persönliche Bildung ist dieser Job ein Hauptgewinn, arbeitspensumsmäßig ein Alptraum, finanziell ein Schmankerl und in meinem apulischen Leben scheinbar nur folgerichtig, denn Apulien ist immer für eine Überraschung gut. Ich geh‘ mir dann mal einen Dutt machen.

 

Mein Apulien reist fremd

Einige unerwartete Dinge sind seid dem letzten Blogeintrag passiert, die mich vom Computer ferngehalten haben. Daher ist es höchste Zeit, den heutigen Feiertag zu nutzen, um das Erlebte ein wenig aufzuarbeiten und die erste von vielen neuen Erkenntnissen der letzten Wochen hier festzuhalten: Ich bin eine Terrona*.

Ein offensichtlicher Unterschied zu Süditalien – die roten, eher nordeuropäischen Dächer.

Zu Ostern haben wir Freunde in Norditalien am Lago Maggiore (dt. Langensee) besucht. Nun werdet ihr vielleicht schwärmen: Die wunderbare Landschaft der Alpen, viele Seen, hervorragendes Wetter, grünstes Grün aber ehrlich: Ich habe Apulien vermisst. Wie kann man nur leben, wo es keine Panzerotti und vernünftige Mozzarella gibt? Okay, die da oben haben mehr Arbeit, vielleicht weil alle verfügbaren In- und Ausländer dafür genutzt werden die Touristen abzuzocken. Da wird man mal eben mit einem Boot auf eine winzige Insel verschleppt (Isola Bella) und muss dann 16 Euro pro Nase für den Eintritt in einen Palast mit dazugehörigem Garten und 5 Euro für ein belegtes Brötchen berappen. Mit irgendetwas muss man sich ja die Zeit vertreiben, bis das Boot wiederkommt, denn die zwei Gassen nebst ihren aneinandergereihten Souvenirläden kennt man nach einer halben Stunde schon wie seine Westentasche.

Das Kloster „Santa Caterina del Sasso“ – beeindruckendes Bauwerk am Fuße eines Steilfelsens direkt am See mit einer wunderbaren kleinen Kirche, nebst gruseliger Mumie. Sowas haben wir in Bari aber auch – die Mumie der Santa Columba in der Kirche San Sabino.

Hier bei uns heißen auf den Ortsschildern so nützliche Hinweise wie „Stadt der Keramik“ (Grottaglie) oder „Stadt des Brotes“ (Triggiano) die Besucher willkommen. In Norditalien steht an dieser Stelle „Elektronische Verkehrskontrolle“ – und schon nach 100m trifft man dann auch auf eine solche. Glücklicherweise wurden wir gewarnt und verbrachten somit unsere vier Tage damit, penibelst Geschwindigkeitsbegrenzungen von 30,  50 und 60 km/h einzuhalten. Nicht ein einziges Mal konnte ich das Gaspedal unseres gemieteten Alfa Romeo Giulietta durchtreten. Dem standen auch die kurvigen, generell abschüssigen Straßen, Gassen und Auffahrten im Weg. Da lobe ich mir die überwiegend ebenen Straßen meines Apuliens, wo es solche Schilder zwar auch gibt, aber Verkehrskontrollen immer noch mit einem gut sichtbaren Dreibock und einem parkenden Polizeifahrzeug durchgeführt werden.

Balkonidylle

Das Schönste an diesem denkwürdigen Ausflug waren die vielen Kinderspielplätze und die Singvögel, die uns am frühen Morgen aus dem Schlaf piepsten. Seit Jahren habe ich schon keinen Kuckuck mehr gehört und mich über den Schreihals auf dem Baum vor unserem Fenster gefreut wie ein Schneekönig.

Allerdings hat mir unser Katze Gina am Tag unserer Rückkehr bewiesen, dass es auch bei uns Singvögel gibt, indem sie ein Vogeljunges vor meinen Augen verspeiste und mir das andere vor lauter Wiedersehensfreude vor die Füße warf. Vor ein paar Wochen hat Triggiano außerdem einen neuen Kinderspielplatz bekommen und mit dem Bau eines Freizeitzentrums gleich bei uns um die Ecke, werden wir demnächst einen Spielplatz praktisch vor der Haustür haben. Tja, also Langensee, du bist zwar groß und vielleicht auch maggiore, aber ein Meer bist du nicht. Ich bin in den letzten fünf Jahren offensichtlich eine richtige Terrona geworden und als solche muss ich sagen: Bloß gut, dass wir wieder hier sind!

*Bezeichnung für Süditaliener, eigentlich beleidigend gemeint, in etwa „Ossi Italiens“

„Plan B“ oder Luigis Verschleppung nach Sibirien

Nachdem wir die vereitelte Besichtigung des „Dolmen San Silvestro“ und den Percorso delle chiese e architetture rurali so erfolgreich hinter uns gebracht hatten, indem wir im Hinterland von Giovinazzo verstreute Kirchen besichtigten, wollte ich den sich über mehr oder weniger erhaltenes Kulturgut nur schwerlich amüsierenden Mitfahrenden ihre Rückkehr in die Zivilisation mit einem Abstecher in einen pittoresken Küstenort, nämlich in das besagte Giovinazzo,  versüßen.

Dort drängt sich um eine malerische Hafenbucht die mittelalterliche Altstadt mit einer Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert und beeindruckenden Palazzi. Leider fegte just an diesem Tag ein eisiger Wind durch die hohen Gassen, der zwischen den Olivenbäumen im Hinterland zuvor nicht zu spüren gewesen war. (Ich schwöre!)

Hinzu kam, dass apulische Altstädte in touristisch wichtigen Orten im Winter ausgestorben sind und das Leben erst wieder mit den Urlaubern in die größtenteils aus Ferienwohnungen, „Bed and Breakfasts“, sowie Restaurants bestehenden Straßen einzieht. Während also Luigi laut lamentierend verkündete, dass Putin ab sofort niemanden mehr nach Sibirien zu verbannen brauche, sondern allesamt nach Giovinazzo schicken könne, versuchte ich überwiegend Fotos zu schießen, die diesem Eindruck entgegenwirken sollten. Doch schon nach einem kurzen Rundgang ließ ich Gnade walten und erklärte mich mit der Rückkehr ins traute Heim einverstanden. Mit klammen Fingern fotografiert es sich nämlich nicht gut.

Doch ich weiß ja, dass ich in Giovinazzo noch einen Kaffee in Aussicht habe. Von daher werden wir sicherlich bei angenehmerem Wetter zurückkehren.

Von uralten Kirchen und ländlicher Architektur II – Symbolhaftes

Nachdem das Erkunden des „Dolmen San Silvestro“ wegen eines hohen Zaunes ausfallen musste, hatten wir uns auf den „Percorso delle Chiese e Architetture rurali“ zwischen Giovinazzo und Terlizzi begeben. Dieser bietet nicht nur die Möglichkeit, sein fahrtechnisches Können auf verschiedenen Untergründen und engen Straßen unter Beweis zu stellen, sondern auch eine immense Erweiterung geschichtlicher und religiöser Kenntnisse. Leider ist der Weg nicht ganz „rund“, so dass wir nach der Ansicht von „Santa Lucia“ den Rückweg einlegen mussten.

Zum ersten Mal traf ich auf eine „pajara“ mit begrüntem Dach.

„Padre Eterno“ oder auch „Santa Maria di Corsignano“

Doch natürlich führte unser Weg nur ein kleines Stück zurück, bis wir die Straße in Richtung der Kirche des „Ewigen Vaters“ („Padre Eterno“) einschlagen konnten. Wir kamen an fleißigen Bauern, die ihre Olivenbäume zurückschnitten, und mehreren Pajaren, einer Art Hütte in historischer Trockenbauweise mit kreisförmiger Grundfläche, vorbei. Wir entdeckten auch eine enorme Kapelle aus der jüngeren Zeit und machten dann schon von Weitem den Kirchturm aus, welcher einst ein Benediktinerinnenkonvent markierte. Recherchen ergaben später, dass die Kirche zu Unrecht „Padre Eterno“ genannt wird und eigentlich „Santa Maria“ geweiht ist. Das Konvent fungierte während der Pest im 15. Jahrhundert als Lazarett und wurde danach von den Nonnen verlassen. Eine Ikone der Heiligen Maria, die im 12. Jahrhundert zu den Benediktinerinnen kam, als Saladin die Christen aus Jerusalm vertrieb, wurde aus dem Konvent in die Kathedrale von Giovinazzo gebracht, und so fiel das Gebäude im Hinterland der Vergessenheit und dem Zahn der Zeit anheim. Im 18. Jahrhundert tat ein verhängnisvolles Erdebeben den Rest, sodass sich heute nur noch die Kirche mit ihrem stolzen Turm gegen das Vergessen wehrt.

Die Kirche „San Basilio“, deren Ursprünge vermutlich bis ins 6. Jahrhundert zurückgehen, verfällt zur romantischen Ruine. Symbol für den Werdegang dessen, wofür sie steht?

Die dritte Kirche auf dem Rundweg hat weniger Glück. Während in „Padre Eterno“ kürzlich Restaurationsarbeiten durchgeführt wurden, die sogar antike Fresken ans Licht brachten, verfällt „San Basilio“ aus dem Hochmittelalter im Moment zu einer romantischen Ruine. Die Straße an der sie liegt, heißt gewiss nicht von ungefähr „Cava della volpe“ (Fuchsbau), denn hier sagen sich wirklich nur noch Fuchs und Hase „Gute Nacht“. Dennoch war ich extrem begeistert. Endlich ein Monument, in das man auch den Fuß setzen konnte – selbst wenn man vorsichtig sein sollte. Die Mauern des baufälligen Gebäudes mit rechteckiger Grundfläche und einer Kuppel in der Mitte haben Jahrhunderte, vielleicht sogar mehr als ein Jahrtausend überdauert. Wer ist wohl schon alles durch die niedrigen Tür geschritten? Was haben die, welche das Gotteshaus hier errichtet haben, gesehen, wenn sie aus den Fensternischen geschaut haben? Warum war es ihnen überhaupt wichtig, sich ausgerechnet hier niederzulassen, wo weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist und Giovinazzo ohne Auto doch sicher erst in mehreren Stunden zu erreichen war?

Der sonnige Frühlingstag, die schummrige Atmosphäre im entkernten Inneren der Kirche, die Vegetation, die sich über das Dach hermacht… das alles lässt viel Raum für Fantasie; vor allem für Schauerromantik. Wissenschaftler hingegen leiten aus dem Namen „San Basilio“ ab, dass das Gebäude möglicherweise sogar auf das 6. Jahrhundert zurückgeht, als Basilianermönche nach Italien kamen und nach den Regeln Baslius‘ des Großen zu leben begannen. Wie dem auch sei, bis zum 16. Jh. ist für San Basilio nichts dokumentarisch verbürgt und, wer weiß, wie viele Touristen sich tatsächlich bis dorthin vorwagen, um noch Dokumente wie diesen Blogbeitrag zu schaffen.

Viele können es bis heute jedenfalls nicht gewesen sein. Ein gutes Stück des Wegs weiter trafen wir auf ein kleines Häuschen vor dem sich ein gebeugter Mann auf seinen Krückstock stützte und grüßend die Hand hob, als wir uns näherten. „Seid Willkommen hier auf meinem Land“ – schien die Geste sagen zu wollen, aber ebenso „Seht, wie ich euch Gutes will, und lasst auch mich in Frieden.“ An dieser Stelle verhinderte ich, dass Luigi den Mann nach dem Weg fragte. Irgendwo würden wir schon herauskommen und eine richtige Straße finden. Dessen war ich mir sicher. Nur kurz hatte ich Visionen von anderen Ausflügen mit ähnlichen Gewissheiten und Ausgängen, die heute noch Legenden sind. Doch da trafen wir tatsächlich schon auf Asphalt und erkannten die Straße zwischen Giovinazzo und Terlizzi wieder, die uns zum Dolmen geführt hatte.

Vom Rücksitz, auf dem meine Mutter saß, die einige der besagten Legenden kannte, drang ein hörbar erleichtertes Schnaufen an mein Ohr, und Luigi verlangte nun rigoros unsere Rückkehr in die Zivilisation. Also führten wir doch noch „Plan B“ aus und fuhren nach Giovinazzo, um einen Altstadtbummel in dem idyllischen Hafenstädtchen zu unternehmen.

Gegen den Sturm

Der etwas pompös anmutende Titel des heutigen Beitrags ist wörtlich zu nehmen, betrifft jedoch nur ein Holzpalettenprojekt, das ich endlich fertig gestellt habe, nachdem ich ein halbes Jahr damit verbrachte, die geeigneten Paletten am Straßenrand zu finden.

Aber von vorn, denn so ein Projekt muss ja auch einen Grund haben. Im letzten Frühjahr und Herbst tobten mehrmals Stürme über unsere Traumwohnungsterrasse hinweg, nach denen wir unsere Mülleimer, nebst deren ehemaligen Inhalten suchen und einsammeln mussten. Die einstmals so schön hergerichtete Mülleimeraufbewahrungstruhe enthält inzwischen die Holzfliesen von Davides Wasserspielecke, die dort über den Winter wegen unnötiger Verwitterung aufbewahrt werden. Außerdem ist seit dem Wegfall der öffentlichen Glascontainer und der Einsammlung von Glasmüll vor der Haustür ein weiterer Mülleimer hinzugekommen, der nicht mehr in die Truhe passte.

Nach etwas Überlegung beschloss ich, einen Zaun zu bauen, in dem die Mülleimer leicht zugänglich aufbewahrt werden konnten. Irgendwann kam die Idee hinzu, diesen Zaun beweglich zu gestalten und die Mülleimer nicht auf die Erde zu stellen. Eine rollende Mülleimerumzäunung hat den Vorteil, dass man leicht darunter fegen kann. Ich finde, dass ich mal wieder eine genial praktische Idee hatte, und habe auch gleich noch ein paar Blumenkästen daran aufgehängt.