Archiv für den Monat Juni 2012

Das Gleiche in Olivgrün

An meinem zweiten Tag in Italien mache ich mich auf ins Arbeitsamt in Triggiano, um mich dort arbeitssuchend zu melden. Das Amt ist praktisch leer und ich komme sofort dran. Der Beamte schaut mich ein wenig ungläubig an, schüttelt seinen Kopf und meint, wenn ich kein Formular 303 mitgebracht hätte, könne er gar nichts für mich tun. Das verwundert mich nicht, denn auch in Deutschland hat man mit einem Abschluss als Kulturwissenschaftler kaum Chancen, einen Job über das Arbeitsamt zu finden. Dass das Formular E 303 inzwischen PD U2 heißt, konnte der Beamte in Triggiano vermutlich nicht wissen, weil es sicherlich nur einmal in hundert Jahren vorkommt, dass jemand zur Arbeitssuche nach Süditalien zieht. Der Mezzogiorno und damit auch Apulien sind gekennzeichnet durch viel Landwirtschaft, wenig Industrie, hohe Jugendarbeitslosigkeit und die geringste ökonomischen Entwicklung in Italien. Daher ist der umgekehrte Weg eigentlich der normale. Die Jungen wandern ab in den Norden oder ins Ausland und Apulien überaltert – ganz so, wie ich es vom guten alten Brandenburg auch gewöhnt bin; das Gleiche in Olivgrün sozusagen.

Wir lassen es daher für’s Erste gut sein, denn ich konnte weder E 303 noch PD U2 mitbringen, weil ich in Deutschland kein Arbeitslosengeld bezogen hatte, was die Voraussetzung dafür ist, dieses Formular und damit gleichzeitig die Möglichkeit des Bezugs von Arbeitslosengeld im Ausland zu erhalten. Wie man gemeinhin weiß, wird man bei einer eigenmächtigen Kündigung ohne „relevante“ Gründe für den Bezug von Arbeitslosengeld gesperrt. Den Grund, zu dem Mann zu ziehen, den man seit Jahren liebt und mit dem man sich nun endlich eine Familie aufbauen möchte, darf man der deutschen Solidargemeinschaft nicht zumuten. Daher ist er vor dem Gesetz irrelevant und ich würde mich in der sogenannten Sperrzeit befinden, wenn ich mich bei meinem zuständigen Arbeitsamt bereits arbeitslos gemeldet hätte. Da ich jedoch wie oben beschrieben ohnehin nichts zu erwarten habe, bin ich einfach ohne Meldung nach Italien geflogen und hebe mir den Spaß für später auf.

„Mensch Mädel, warum hast du dich nicht kündigen lassen?“, höre ich es förmlich im Kopf des geneigten Bloglesers rumoren. Das wurde ich tatsächlich schon häufiger gefragt. Daher habe ich inzwischen auch stante pede eine Antwort parat. Mich kündigen zu lassen kam aus zwei Gründen nicht in Frage: 1. Ich wollte ein sehr gutes Arbeitszeugnis, das keine Zweifel an meiner Arbeitsweise und Arbeitsleistung aufkommen lässt. 2. Der sogenannte Export von Arbeitslosengeld ist ohnehin nur für maximal ein halbes Jahr möglich. Der Plan ist daher, unseren Wohnungskauf durchzuziehen und Ende September nach Deutschland zurückzukehren, um ein paar Wintersachen und, falls ich dann noch keinen Job gefunden haben werde, das besagte Formular PD U2 zu holen.

Bis dahin habe ich Luigi. Ich habe ein Bett für die Nacht und ein Dach über dem Kopf und Mama Maria wird mich nicht verhungern lassen. Mein italienisches Anmeldeformular und damit die offizielle Bekundung meines Willens, mir in oder um Bari herum eine Arbeitsstelle zu suchen, hefte ich gut weg. Man kann nie wissen, wann man es noch einmal braucht.

Willkommen in Italien

Mein Flugzeug landet gegen Mittag auf dem Flughafen in Bari Palese und während ich noch an der Gepäckausgabe stehe, hörte ich bereits rund um mich herum Telefongespräche, bei denen die Themenfolge jedes Mal in etwa so lautet:

1. Wir sind gut angekommen

2. Der Flug war gut.

3. Was gibt’s zu essen?

Ja, ich bin zweifelsfrei in Italien.

Ich erinnere mich noch genau, an meinen ersten Besuch hier. Da auch damals mein Flugzeug gegen zwölf landete, lernte ich schon innerhalb der ersten Stunden die zwei wichtigsten italienischen Wörter kennen – nämlich „buono“ (gut) und „basta“ (es reicht). Nach all den zwischenzeitlichen Besuchen hier erinnere ich mich natürlich nicht mehr genau daran, was es damals zum Essen gab, aber ich versichere jedem, dass ich sehr oft „buono“ sagen musste und, dass ich bis heute bei „Mamma Marias“ Kochkünsten noch nicht geplatzt bin, verdanke ich nur dem Wörtchen „basta“ und einer gehörigen Portion kaltblütiger Ignoranz.

Auch dieses Mal haben wir kaum die Wohnungstür geöffnet, als Maria bereits aus der Küche ruft: „Gut, dass ihr endlich da seid. Setzt euch an den Tisch. Es ist schon alles fertig.“ Es ist also sinnlos, Koffer oder Taschen noch vor dem Essen auspacken zu wollen. Die Zeit reicht gerade noch für einen langen Kuss in Luigis Zimmer und schon werde ich von Maria, die gar nicht erst riskieren will, dass wir uns irgendwo anders festsetzen, am Schlafittchen gepackt und ins Wohnzimmer geschoben, wo der gedeckte Tisch mit einer Kleinigkeit an Antipasti auf uns wartet. Und dann geht es auch schon los: „Hast du das schon mal gegessen?“ oder „Hast du das schon probiert?“ – praktisch alle Schälchen mit Oliven, eingelegten Artischocken, Zwiebelchen und das Körbchen mit verschiedenen Sorten Taralli (herzhaftes Kringelgebäck) werden im Nu in meine Richtung geschoben und schon sieht es so aus, als wäre ich unheimlich verfressen und hätte deshalb sämtliche Vorräte an mich gerissen.

„Nun, nimm doch und iss! Iss!“ kommt es auch gleich wieder von Luigis Mama, die sich freudig die Hände reibt, während Luigis Vater Pasquale, der sich meiner Not natürlich voll bewusst ist, sich jedoch an diesem Spektakel jedes Mal diebisch erfreut, sofort ins richtige Horn stößt, indem er sagt: „Maria, lass sie! Ihr schmeckt’s nicht.“ „Ach, sei still!“ kommt es wie bestellt sofort aus ihrer Richtgung zurück, „Warum sollte es ihr nicht schmecken. Bisher hat es ihr immer geschmeckt!“ Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als wirklich von allem ein bisschen auf meinen Teller zu verfrachten und demonstrativ darauf zu achten, dass Maria sieht, dass ich wirklich alles esse und mich auch jedes Mal fragen kann: „Und?“ oder die Vollversion „Und wie schmeckt’s?“ so dass ich schon nach den ersten zehn Minuten mehrmals „buono“ oder „buoni“ gesagt habe. Aber das ist das Schöne (oder Schlimme – wie man’s nimmt) an der italienischen Küche: Es schmeckt einfach alles, selbst das, was mein Magen nicht akzeptiert. Doch da wären wir schon wieder bei einer anderen Geschichte. Die heben wir uns für später auf.

Luigi hatte mir ja versprochen, davon abzusehen, den ganzen Familienclan darüber zu informieren, wann ich komme. Von daher ist nur eine Tante zum Essen eingeladen worden, die bei ihm die Omastelle vertritt. Diese 89jährige rüstige Frau mit unzähligen Lachfältchen um Mund und Augen hört auf dem Spitznamen Zievola, was eine Mischung aus „Tante“ und „Teufel“ darstellt, und eigentlich überhaupt nicht zu ihr passt. Aber das gehört zum süditalienischen Humor. Zievola bringt mich noch während der Antipasti und dem anschließenden Gang mit Honigmelone und Schinken auf den neusten Stand, was die Situation der Familiemitglieder betrifft. So bin ich also beispielsweise schon beim Hauptgericht darüber im Bilde, dass Tante Anna zu dick geworden sei und deshalb das Haus nicht mehr verlassen könne, während Maria dazu ansetzte doppelt so viel Bucatini al Forno auf meinen Teller zu schaufeln wie auf Luigis. „Basta, Maria!“ rufe ich also, aber wohl nicht überzeugend genug, denn die zweite Kelle landet doch auf meinem Teller. „Iss, Corinna!“, sagt sie nur. „Du hast doch gesagt, dass du Bucatini al Forno möchtest.“ Ja, das stimmt zwar, aber ich hatte nicht gesagt, dass ich mehrere Kilo davon essen wolle, denn die Erfahrung hat mich gelehrt, dass nach der Pasta niemals Schluss ist.

Natürlich esse ich den Teller trotzdem leer, denn es schmeckt doch einfach immer so gut (siehe oben). Wie auch immer. Ich bin jedenfalls satt. Und damit setzt die Folter ein. Mir zur Liebe und, weil Zievola auch nicht mehr so viel vertrage, verzichtet man zwar darauf, noch Fleisch zu servieren, aber so eine kleine Salcicca dürfte ich wohl noch schaffen. Nun, ja, gerade so, denn das gebratenen Hackfleischwürstchen ist nur ca. 10 cm lang. Ich kaue tapfer und versuche zu lächeln. Trotzdem sagt Pasquale: „Man sieht es doch. Es schmeckt ihr nicht.“ Sofort schüttele ich meinen Kopf und bestreite alles: „Es schmeckt mir, aber ich bin schon satt.“

„Wie? Satt?“, ruft Maria jetzt völlig entrüstet, als hätte ich mir einen solchen Daseinszustand gerade eben ausgedacht. „Margerita (so heißt die Tante wirklich), die Teller!“ Damit quetscht sie sich an Pasquale vorbei und trägt den nächsten Schwung benutzten Geschirrs in die Küche, während Zievola zum dritten Mal neue Teller und Besteck austeilt. Ich beschließe, nun wirklich nichts mehr zu essen und nur noch den obligatorischen Verdauungslikör zu mir zu nehmen. Aber eine Varriation aus Mozarella, Scamorza und anderen Käsen macht es nicht gerade leichter, überzeugend „basta“ zu sagen. Ich bekomme also von jedem Käse noch ein Stück vorgesetzt und versichere jedesmal, dass er gut sei und mir auch gut schmecke. Extra wegen mir war Pasquale noch am frühen Morgen auf dem Markt und hat frische Früchte eingekauft, so dass ich als dankbare zukünftige Schwiegertochter noch ein oder zwei Feigen esse und mich dann demonstrativ mit dem Oberkörper auf den Tisch werfe und mit den Augen rollend stöhne. „Maria, ich kann nicht mehr. Ich bitte dich. Basta.“, bevor sie mir ein Stück Torte unter die Nase schieben kann. „Das kommt alles nur vom Frühstück!“, schimpft sie. „Natürlich kannst du gar nichts mehr zum Mittag essen, wenn du schon morgens so viel ist.“

Ich habe schon vor Jahren aufgegeben, darüber zu diskutieren, dass man einen Berg aus Antipasti, zwei Hauptgerichten, Käse und Früchten wohl unmöglich „nichts“ nennen kann. Das Tortenstück wandert also auf Luigis Teller. Doch dann sieht man, wie die Zufriedenheit eines guten Einfalls Marias Gesicht erhellt. „Trinke noch ein Glas Wein! Dafür ist immer Platz.“, strahlt sie mich folgerichtig an und säbelt sofort ein weiteres Stück Torte ab. Ich schenkte mir also noch ein Glas Wein ein und versichere ihr, dass ich am nächsten Morgen nicht frühstücken werde. Ich kann mir in diesem Moment sowieso nicht vorstellen, in meinem ganzen Leben jemals wieder zu essen. Aber gleichzeitig weiß ich, dass diese Vorstellung völlig illusorisch ist. Während ich also darauf warte, dass jeder noch ein winziges Stückchen Torte gegessen haben und dann der Likör die Runde machen wird, stelle ich beruhigt fest, dass hier in Italien eigentlich alles beim Alten ist. Ich bin endlich angekommen und mir bleibt die stille Hoffnung, dass die nächste Mahlzeit nur aus drei Gängen bestehen wird.

Ich muss doch verrückt sein!

Wir schreiben den 25. Juni 2012. Noch blicke ich aus dem Küchenfenster meines Elternhauses auf ein wogendes Kornfeld mit vereinzelnten Korn- und Mohnblumensprenkeln. Wir haben viel Platz hier in unserem Einfamilienhaus mit einem großen Grundstück. Mein Bruder wohnt gleich nebenan, meine Großeltern nicht weit entfernt. Alles ist mir seit meiner Kindheit vertraut: die blassroten Rosen unter dem Fenster, die mit dem blauen Rittersporn um die Wette blühen, die Straße, die sich in zwei langgezogenen Kurven ins nächste Dorf windet, der schmale Sandweg, der in den Wald führt, in dem ich jede einzelne Pilzstelle kenne und, dort, hinter den belaubten Weiden die kleinen Teiche, an denen sich regelmäßig die Mitglieder des Anglervereins treffen – 35 Jahre haben sich trotz der gelegentlichen Auszeiten bedingt durch Schule und Studium ins Gedächtnis eingegraben. Ich kann meine Augen schließen und in Gedanken überall entlangwandern. Wird das so bleiben, wenn ich in einer Stadtwohnung am Hacken des europäischen Stiefels lebe?

Ich versuche, eine apulische Juni-Landschaft vor meinem geistigen Auge zu beschwören: rostrote Erde mit schroffen Steinen übersät, darauf staubig grüne Olivenbäume, dürres hellgrünes Gras, das sich tapfer den 30 Grad Mittagshitze entgegenstämmt… das kann doch nicht alles sein! Ist es auch nicht, denn hinter dem leichten Hügel tauchen schon die endlosen Reihen der Weinspaliere auf, daneben Pfirchsichbäume und Feigen – die Kirschen sind bereits abgeerntet – und wieder Olivenbäume. Sie schrauben sich in den Himmel, ihre knorpeligen Stämme gespalten, Äste, die zu brechen drohen durch aufgeschichtete Steinsäulen gestützt. Schließlich stehe ich auf dem Hügel und mein Blick schweift über das hitzeflimmernde Land bis zum Horizont, wo sich das Azurblau des Meeres und der strahlendblaue Himmel die Hand reichen. Ich öffne meine Augen wieder, denn etwas streicht um meine Beine – mein Kater Bruno. Ich öffne das Küchenfenster und er schreitet gemächlich hinaus. Ich sehe ihm nach und weiß, dass ich nicht mehr oft sehen werde, wie er sich lasziv auf dem Fensterbrett räkelt, bevor er endlich hinunterspringt, über den Zaun setzt und zwischen dem hohen Korn verschwindet.

Bis Ende des Monats gehöre ich noch zu den glücklichen 80-90 % der Brandenburger, die einen Job haben. Ich bin die Karriereleiter ein Stück hinaufgeklettert, verdiene nicht schlecht für unsere Gegend. Der Job ist interessant, birgt Abwechslungen, ist sogar ziemlich sicher; vielleicht sogar etwas für’s Leben. Der Chef, die Kollegen und Kolleginnen sind freundlich, humorvoll und offen. Wir Bandenburger mögen gelegentlich als unfreundlich empfunden werden, aber wir tragen unsere Herzen auf dem rechten Fleck. Trotzdem habe ich vor einem halben Jahr gekündigt und Luigi versprochen, dass ich nach Italien komme. Mein Chef ist aus allen Wolken gefallen, ich auch irgendwie – und meine Familie erst recht. Bis dahin war ein Auswandern nach Italien keine Option gewesen, denn Luigi wollte langfristig immer in Berlin arbeiten und wohnen. Die Gründe für unsere Entscheidung waren so vielfältig wie triftig.

. . .  und dennoch: Ich habe zwar alle möglichen Sprachen gelernt, darunter auch Nützliches wie Englisch und Russisch, aber Italienisch? – Seit Jahren versuche ich, einen Abendkurs an unserer Volkshochschule zu machen, aber der wird mit schöner Regelmäßigkeit abgesagt. Ich baue also auf einen Anfänger-Intensivkurs, den ich vor zwei Jahren in Bari absolviert habe, und mein natürliches Sprachtalent. Es kommt mir trotzdem irgendwie verrückt vor, ohne Aussicht auf einen Job und ohne ausreichende Sprachkenntnisse mit nichts weiter, als dem Vertrauen darin, dass sich alles zum Guten wenden wird, Deutschland hinter mich zu lassen. Wenigstens hatte ich sechs Monate, mich an den Gedanken zu gewöhnen.

Von Kollegen/innen, Freunden und Verwandten habe ich mich schon verabschiedet. Es waren zwei hektische und emotionsgeladene Wochen. Es ist anstrengend immer optimistisch und zuversichtlich auszusehen, wenn die eigenen Gefühle Achterbahn fahren. Aber Luigi wartet schon sehnsüchtig auf mich. Mama Maria hat bereits einen detaillierten Essensplan für die erste Woche ausgearbeitet, und nicht zuletzt hat der Verkäufer unserer zukünftige Dachterassenwohnung endlich unser Angebot akzeptiert. Es wird also höchste Zeit, dass ich mir mit eigenen Augen ansehe, worauf wir uns da einlassen werden.

Auf Wiedersehen Deutschland! Auf Wiedersehen Brandenburg! Auf Wiedersehen Familie! Mit Air Berlin ist man in zwei Stunden in Bari oder auch wieder zurück. Gut, dass die Welt mit den Jahren so klein geworden ist. Auch gut, dass es das Internet gibt, denn für euch alle, die ich zurücklassen muss, schreibe ich diesen Block. Ich werde euch hier von meinem neuen Leben berichten, über alles Gute und vielleicht auch weniger Gute, was ich in Apulien entdecken und erleben werde, und darüber, wie ich hoffentlich eine neue Heimat finde.

Wir lesen uns!