Archiv der Kategorie: Der alltägliche Wahnsinn

Leben im Lockdown – Fazit der Phase 1 in Erwartung eines baldigen Endes

Der staatlich verordnete Hausarrest nähert sich seinem Ende. Die Stimmung in Süditalien ist gut. Man sieht wieder viele Menschen in den Straßen, obwohl man eigentlich immer noch nur zum Einkaufen, zum Arzt oder zum Sporttreiben/ Spazierengehen hinausgehen und Ansammlungen von Menschen vermeiden soll. Aber die Liberalisierung des Ausgehverbots kam gerade richtig. Es wurde zunehmend schwerer, unser körperlich unausgelastetes Kind zur Ruhe zu bringen. Es belastet auch das Gemüht, wenn man sich eingesperrt weiß, obwohl man sich mit ein bisschen Menschenverstand selbst ganz gut schützen kann. Diese aufgezwungene Unmündigkeit ließ mich wirklich häufig zwischen Depression und Aggression schwanken, wobei dann nur noch die Flucht in die Ironiesierung oder in die Konzentration auf etwas anderes – wie das Anmalen Klopapierrollen – helfen konnte.

Lockdown – Phase 2 ab nächster Woche

Wir hoffen nun, dass ab nächster Woche tatsächlich die Phase zwei beginnt und wieder alle Einrichtungen öffnen dürfen, in denen Menschen direkten Kontakt haben. Ich denke da an dringende Facharztbesuche. Da fällt ein Gang zum Friseur oder zur Kosmetik als Bagatelle nicht so sehr ins Gewicht, obwohl manche Mitmenschen das anders sehen und aktuell froh über das Tragen der Maske sind, damit man sie unfrisiert und ohne den Beistand der Kosmetikerin des Vertrauens in der Öffentlichkeit nicht erkennt.

(Selbst)Eingeschränkte Bewegungsfreiheit

Leider geht das Eingesperrtsein auf anderem Niveau weiter. Wir werden in diesen Jahr keine Flugreisen machen, weil uns die damit verbundene Ansteckungsgefahr als vermeidbares Risiko erscheint, und für eine Autofahrt bis Brandenburg ist Davide noch zu klein. 1800 km gehen mir persönlich auch über jeglichen Fahrspaß hinaus. Das würde einfach nur anstrengend werden. Natürlich macht mich das einigermaßen traurig, noch dazu wo der August in greifbare Nähe rückt und auch Davide so oft von Oma und Opa sowie deren Hund Leila spricht und sich an alles erinnert, was wir dort in den letzten Jahren gemacht haben. Vermutlich wird die Regierung unseren Bewegungskreis ohnehin zunächst auf die Region beschränken.

Deshalb werden wir auf Balkonien urlauben und vielleicht in Apulien in ein gottverlassenes, kleines Kaff fahren, dass die Viren übersehen haben, weil nur eine handvoll Leute dort leben und viel Natur drumherum ist. So ähnlich wie Brandenburg. Ich denke, das lässt sich hier finden. Mal sehen, wie es arbeitsmäßig im Sommer wird.

Arbeiten im Lockdown

Ich arbeite im Moment nur auf Sparflamme; unterrichte mit Hilfe von Video-Programmen wie Skype oder Zoom, was für individuellen Unterricht oder kleine Gruppen ganz nett ist, aber bei großen Klassen wird es schwierig mit den Schülern zusammen zu arbeiten ohne in eine Vorlesungssituation abzurutschen. Ich vermisse lebhafte Diskussionen im Unterricht.

Was bisher arbeitsmäßig meine meiste Zeit verbraucht hat, war das Organisieren und Durchführen von Englischprüfungen. Das geht natürlich seit Anfang März nicht mehr; ist bis Ende Mai noch alles abgesagt, aber im Momen sind wir hoffnungsfroh, dass wir im Juni wieder anfangen können. Mal sehen, ob es wirklich klappt. Doch wenn es losgeht, dann wird es bestimmt viel Arbeit geben. Die Leute müssen ihre Prüfungen trotz Lockdown machen, weil sie die Zertifikate für ihre Zukünft benötigen, und scharren mit den Hufen.

Positiver Nebeneffekt von Ausfallgeld und Ausgangskontrollen

Zum Glück hat der Staat allen, die mit Verträgen – also offiziell – arbeiten und nicht mehr als 35.000 Euro im Jahr verdienen, für den März so eine Art Ausfallgeld gezahlt (600 Euro). Obwohl dieser undifferenzierte Geldregen auch Leuten zugute gekommen ist, die ihn definitiv nicht benötigt hätten, weil sie im Lockdown genauso viel oder sogar besser verdient haben als sonst, hat er dafür gesorgt, dass mir persönlich zusammen mit dem, was ich mit dem Unterrichten verdiene, gar nicht so viel Geld verloren gegangen ist. Luigi hat überhaupt nicht aufgehört zu arbeiten und eher mehr Arbeit gehabt als vor dem Lockdown, weil er für seine Firmen im Lohnbüro Kurzarbeit beantragen musste. Wir haben auch festgestellt, dass plötzlich private Betreuer für Senioren von den entsprechenden Familien richtig eingestellt werden, weil man immer noch von Carabinieri angehalten und nach dem Grund für sein Rausgehen gefragt werden kann. Das finde ich einen positiven Nebeneffekt der Coronakrise: Vielen wurde mal gezeigt, dass man zwar am Staat vorbei arbeiten kann, dann aber auch im Krisenfall keine Hilfe erwarten darf.

Ungewisse Zukunft

Ich bin jedenfalls gespannt, wie es in der kommenden Woche weitergeht. Ich hoffe, die Leute werden sich vernünftig verhalten, sodass die Regierung nicht nach zwei Wochen wieder zurückrudert, denn die aktuelle Situation hat viele Kleinbetriebe an den Rand des Ruins oder gar darüber hinaus getrieben. Für Viele bedeutet die Aufhebung des Lockdowns nur weiteres Investment in Tagen keiner oder kaum vorhandener Einnahmen. Wer schon einmal in einer italienischen Trattoria oder Bar gesessen hat, der weiß, dass ein Sicherheitsabstand von zwei Metern bedeutet, dass gerade mal ein oder zwei Personen gleichzeitig eintreten können. Ein restaurantbesitzender Freund wird daher gar nicht erst öffnen und sucht schon jetzt eine berufliche Alternative für die Zukunft.

Ganz zu schweigen davon, was man über den künftigen Betrieb von Stränden im Moment verbreitet. Das reicht von Strandaufsehern über gestaffeltes Baden  bis hin zu Plexiglastrennwänden zwischen Badegästen… Am Ende werden wir noch mit Masken und Handschuhen baden. Ich schätze, Davide wird in diesem Sommer nur im Planschbecken sitzen, während wir vermehrt duschen. Ein Reiseverbot über die Regionsgrenzen hinaus und eigenartige Lösungen für den Badebetrieb sind natürlich schlechte Nachrichten für die Tourismusbranche, die hier in Apulien neben der Restaurantbranche die meisten Einbußen hat.

Phase 2 ist also nur ein Anfang. Viele Probleme bleiben bestehen und auch der Hausarrest geht weiter – aber immerhin dürfen wir uns jetzt selbst aussuchen, wie eingesperrt wir leben wollen.

 

 

 

Coronavirus macht fett

Am letzten Samstag fand ich einen Grund, das Haus zu verlassen und nach Bari zu fahren ohne Gefahr zu laufen, mich einer Straftat schuldig zu machen: Ich musste in mein Schulbüro gehen, um ein paar aus Cambridge gesendete Unterlagen zu verwalten. Gut, vielleicht hätte ich nicht gemusst, aber nach 6 Wochen häuslicher Internierung war jeder Grund gut genug.

Erdbeertiramisu – fruchtige Personifizierung des Bösen

Mit 50 Sachen – leider muss man in diesen Tagen immer mit einer Verkehrskontrolle zur Überprüfung der Ausgehmotivation rechnen – raste ich also das nahezu autofreie Lungemare entlang, das Fenster heruntergekurbelt, „All Along the Watchtower“ aus dem Autoradio im Ohr und warmen Fahrtwind im Gesicht…. fast hätte man denken können, es wäre Sommer und das Leben grenzenlos frei. Aber im Kopf und in der Bauchgegend ging mir etwas völlig anderes herum: eine kneifende Jeans. Mit Baucheinnziehen und Luftanhalten hatte ich sie gerade so noch zuknöpfen können.

Geahnt hatte ich es zwar schon, doch die Wochen in Jogginghosen hatten das Problem geschickt kaschiert.  Nun zeigte der samstägliche Ausgang es ohne Gnade:

Coronavirus macht fett!

Wirklich auch das letzte Süßigkeiten- versteck wurde inzwischen geplündert.

Dabei hatte ich in 6 Wochen nur eine Torte gebacken und nicht wie eine Kollegin in den ersten 3 Wochen schon 5 Torten. Das könnte ursächlich auch damit zusammenhängen, dass in unserem Discounter statt wie in Deutschland das Klopapier ausverkauft zu sein bei uns immer mal das Mehl ausverkauft ist. Also habe ich statt weitere Torten zu backen, nur zweimal Erdbeertiramisu gemacht, alle Süßigkeiten von Weihnachten aufgegessen und lediglich das Marzipan aus dem Osterpäckchen meiner Mama verschlungen. Die vier Packungen Kinderriegel sind noch unangerührt. Allerdings war die Pause mit Tee und Keksen, die Davide und ich gegen 10 auf der Terrasse einzunehmen pflegen, früher ebenfalls nicht im Programm.

…und den Nachmittag verbringe ich mit Online-Unterricht vor dem Computer. (Buhä!)

Ricotta-Kuchen: weniger happy, wenn auf den Hüften!

Coronavirus macht also fett. Eine arbeitsbedingtes Online-Meeting meines überwiegend weiblichen Teams, das wegen der Verlängerung der Ausgangssperre in Italien bis mindestens zum 3. Mai in Ermangelung von Neuigkeiten eher einem Treffen von depressiven Haufrauen glich, untermauerte die These. Ein nur zwei Tage vor Ostern gebackener Osterkuchen hatte nicht bis zum gleichnahmigen Fest überlebt. Auch die sonst bis Weihnachten den Kühlschrank vermüllenden Überreste riesiger Schokoeier sind in diesem Jahr kein Problem, sondern überwiegend pur gegessen oder verbacken worden. Außerdem flüchten sich unser einziger Mann und zwei Kolleginnen mit größeren Familien in exzessive Kochorgien und leben virtuell auf Kochblogs.

Ähnliche Nachrichten haben mich inzwischen auch von Eltern aus Davides Kindergartengruppe und aus Deutschland erreicht.

Wie schade, dass eine Freundin nur gescherzt hat, als sie meinte, gerade an einem Diätbuch zu arbeiten, denn ich glaube, es fände reißenden Absatz. Vermutlich wäre es sofort in mehrere Sprachen übersetzt worden.

Zum Glück hat sich meine kneifende Jeans am Samstag noch ein bisschen geweitet, während ich vom Parkplatz zur Schule hastete. Ja, das Wort „hastete“ ist tatsächlich nicht übertrieben. Unter diesen doofen Schutzmasken kann ich wirklich nur schwer atmen. Also wollte ich sie möglichste schnell wieder abnehmen. Außerdem war es geradezu eine Freude, die Beine auszuschütteln und das zu machen, wozu Menschen geboren sind: zu laufen. Ich glaube, wenn das Sportverbot im Freien wieder aufgehoben wird, werde ich eine der Ersten sein, die mit dem Joggen beginnt –  also bitte fahrt vorsichtig und nehmt Rücksicht auf das kleine, blonde Pummelchen mit dem krebsroten Gesicht und der Darth-Vader-Atmung, falls es noch einmal ein Leben nach COVID19 geben sollte. Gesetzt den Fall natürlich, dass ich bis dahin noch durch unsere Tür passe.

Coronavirus – Wetter diszipliniert Apulier

Schön wär’s… aber so doch ein bisschen freucht am Po.

Nachdem wir in den letzten zwei Wochen schon mit Strickjacke auf dem Balkon gespielt haben und sich das Ausgehverbot wegen fortgesetzten Sonnenscheins nur schwer durchsetzen ließ, hat sich das Wetter nun auf die Seite des Regierungsdekrets geschlagen. Meine Schwiegermutter warnte mich schon Mitte der letzten Woche vor einer kommenden „empfindlichen Kälte“. Da dachte ich noch: „Was die Süditaliener so ‚empfindlich‘ nennen… “ Dabei kann es sich nämlich auch einfach nur um Temperaturen kurz unter 20 Grad handeln.

Doch nun legte sich am Dienstag zunächst eine leichte Schneedecke auf Apulien, die wie gewöhnlich im Laufe eines Vormittags wegtaute. Aber dann hagelte es und nun regnet es schon den dritten Tag bei ziemlich kaltem Wind. „Marzo pazzarello“ – sagen wir hier dazu.

Tatsächlich würden die Süditaliener bei solchem Schietwetter auch ohne Regierungsanweisung nicht vor die Tür gehen.

Allerdings muss ich heute wieder mal unseren Discounter aufsuchen.

Vielleicht brauche ich wenigstens nicht so lange vor der Tür anzustehen.

… und falls doch, dann kann ich die zukünftige Erkältung ja gemütlich zu Hause auskurieren.

Welch‘ ein Glück, dass wir nicht zur Arbeit gehen müssen!

Na, was machst du so? – Drittes Coronaviruswochenende

Das war jetzt das dritte Wochenende seit Ämter, Schulen und andere Lehreinrichtungen in ganz Italien geschlossen worden sind. Fast alle Geschäfte außer denen, die Lebensmittel und Presseartikel oder Tabakwaren verkaufen sind seit über einer Woche zu. Banken und Postämter sind ebenfalls weiter geöffnet, aber sie haben ihre Öffnungszeiten eingeschränkt. In Tabakläden darf jeweils nur eine Person eintreten. Auch die anderen Geschäfte kontrollieren den Personenfluss. Am Eingang von Marias Supermarkt muss man jetzt Nummern ziehen. In unserem darf man sich nummernlos, aber gesittet anstellen und den Mindestabstand wahren. Aber eigentlich soll man am besten gar nicht ausgehen.

Die Ausgangssperre wurde mehr und mehr verschärft. Für jemanden der draußen erwischt wird und nicht zur oder von der Arbeit unterwegs ist oder einkaufen geht, wird es teuer – 5000 Euro kostet der Spaß und wird als Straftat gewertet. Auch Tierbesitzer sollen sich mit ihren Haustieren nicht mehr als 200m von der Wohnung entfernen. … und weil Ostern vor der Tür steht, wurde inzwischen hinterher geschoben, dass der Umzug in die Wochenendhäuschen ebenfalls verboten sei.  Wahrscheinlich vermutet man, die Süditaliener könnten dazu verführt werden, dort ihre großen Familien zu vereinen.

Bis vor ein paar Tagen wurde auf den Balkons noch gesungen oder laute Musik gespielt. Dann sollte man eines Abends kollektiv den Rosenkranz beten. Das war das Ende der Balkonaktionen. Stattdessen häuften sich an diesem Wochenende die „Ciao, was machst du so?“ – Whatsapp-Nachrichten.  Ich glaube, inzwischen sind alle Gardinen gewaschen, alle Fenster geputzt, alle Böden gewienert, alle Regale entstaubt, alle Balkonpflanzen umgetopft… die Waschmaschinen füllen sich auch nicht mehr so schnell, wenn man nicht ausgehen muss. Am dritten Wochenende stellt sich so etwas wie Langeweile ein. Aber nicht bei uns.

„Habe gerade eine Eisenbahnstrecke aus Teilen von Ikea und Brio gebaut.“, schreibe ich zurück. Ich muss das so spezifizieren, denn mein Sohn trennt unsere Wohnungen jetzt in verschiedene Welten. In seinem Zimmer befindet sich vor dem Bett die „Thomas“-Welt mit einer Aneinanderreihung seiner Eisenbahnstrecken aus dem Merchandise-Fundus der „Thomas und seine Freunde“-Serie. Auf der anderen Seite ist die „Ikea-Brio“-Welt mit den entsprechenden Spielzeugen. Wenn wir wagemutig werden, dann nehmen wir die Adapterteile und schließen diese beiden Welten zusammen. Doch dann kommt man nicht mehr ungefährdet bis zum Bett durch. Besonders gefährlich ist das, wenn das Kind des nachts nach Mama ruft und diese im Halbschlaf barfuß ins Kinderzimmer tappt. Autsch!

Unsere Wohnstube hingegen ist frei von Zügen. Hier findet man die „Legowelt“, wo diverse Fahrzeuge, Polizisten und Diebe unseren Teppich fest im Griff haben. Das Schlafzimmer ist die Lesewelt. Auf meinem Nachtschrank türmen sich Kinderbücher, dank deren großbuchstabiger Druckweise ich erst gestern, als ich mal wieder ein Manesse-Buch mit Schriftgröße (gefühlt) 5 in der Hand hielt, feststellte, dass ich zu meiner Weitsichtigkeit möglicherweise jetzt auch noch kurzsichtig bin. Augenärzte sind im Moment ebenfalls geschlossen. Aber zur allergrößten Not gibt es den Tiptoi. Geniale Erfindung. Der liest die dazugehörigen Bücher einfach vor.  Wir wären also selbst bei Erblindung nicht zum Rausgehen gezwungen.

Apropos rausgehen. Auf der Terrasse befindet sich im Sandkasten die „Paw Patrol-und – Baufahrzeuge-Welt. Kleine Hunde retten hier kontinuierlich ausgegrabene Schätze vor dem Nuckeldieb, der dank des fortgeschrittenen Alters von Davide nicht mehr nur Nuckel, sondern  auch alles andere diebt. Doch die beste Welt ist die Mamas-Müllecke-Welt. Hier gibt es leere und halbvolle Farbbüchsen, Holzreste, Gemüsekisten und andere Dinge, mit denen Kinder nicht spielen sollten.

Diese umfangreichen Ausführungen passen gewiss nicht in eine Whatsapp-Nachricht. Deshalb haben wir heute viel telefoniert. Mit der Familie und Freunde ist man ohnehin in festerem Kontakt, aber jetzt kommen auch noch die Arbeitskollegen hinzu. Dabei wurde vor allem eins deutlich: wir sehnen uns nach dem Ende der ganzen Misere und wollen unser ganz normales Leben zurück – das, bei dem wir uns unlängst noch darüber beschwerten, dass wir ständig am Samstag arbeiten gehen mussten, während unsere Wohnung verdreckte.

 

 

 

Coronavirus: Vom Gängel- zum Stachelhalsband

Gestern meldete sich unser Bürgermeister zu Wort. Ein netter Mensch, der in Triggiano schon wichtige Dinge bewegt hat. So wurde aus der Ruine des alten Marktes ein Kulturzentrum mit Bibliothek und Spielplatz. Andere Kinderspielplätze wurden renoviert und mit wirklich schönen Spielgeräten aufgewertet. Außerdem hat er ein öffentliches Wasserhäuschen errichtet, wo man für 10 Cent den Liter Trinkwassser mit Kohlensäure und für 5 Cent Trinkwasser ohne Kohlensäure in eigene Behältnisse abfüllen kann.

Ich weiß, ich tue ihm Unrecht, wenn ich ihn jetzt nicht mehr leiden kann. Gestern Abend meldete er sich, wie gesagt, auf seiner Facebook-Seite zu Wort und beschwerte sich darüber, dass immer noch zu viele Menschen auf der Straße wären, die nicht Dinge des täglichen Bedarfs einkaufen würden. Besonders monierte er, dass sich an und um der Post herum zu viele Senioren träfen, welche eigentlich zu Hause Schutz suchen sollten. Da stimme ich ihm durchaus zu. Merkwürdigerweise ist die Post in Triggiano für Senioren, was die Bushaltestelle in brandenburgische Dörfern für Teenager ist. Schon eine halbe Stunde vor der Öffnung, lagern sie normalerweise in einer dicken Traube um den Eingang; besonders am Monatsanfang, wenn sie die Rente abholen. Nun funktioniert eine brandenburgischen Bushaltestelle zwar nicht wie eine Bank, aber herumlungern und schwätzen kann man da auch.  … und vielleicht wird man auch bald von dort vertrieben so wie die Senioren hier von der Post.

Jedenfalls sind ab heute mehr Streifen der lokalen Polizei und der Carabinieri in unserer Stadt unterwegs, um zu kontrollieren, aus welchen Gründen die Bürger ihrer Häuser verlassen haben. Aus ihren Streifenwagen schallt die Bürgermeisteransage durch die leeren Straßen: „Rimanete a casa!“ („Bleibt zu Hause.“) Es fühlt sich an wie in einem futuristischen Endzeitdrama und eigentlich erwartet man fast, dass jemand um die Ecke gehetzt kommt und versucht, sich irgendwo vor der Polizei zu verstecken. Aber heute ist wirklich niemand draußen. Nicht einmal auf den Balkons. Es ist schon fast 19 Uhr und die Diskofreunde haben nicht einmal die Nationalhymne gespielt.

Da wir leider ziemlich nah an der Post wohnen und es nicht gut aussieht bzw. auch das Ende meiner Lehrerinnenkarriere bedeuten könnte, wenn ich einen Eintrag ins Strafregister bekäme, habe ich die Spaziergänge in die Olivenhaine mit meinem Kind und dem Alibi-Hund eingestellt.  Den ganzen Tag hatte ich schlechte Laune. Im Moment kommt es mir so vor, als gäbe es keine schlimmere Strafe, als die Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Dabei habe ich doch überhaupt nichts verbrochen. Und mein Kind auch nicht. Auch die Nachbarn nicht – bis auf die, welche uns so penetrant ihren Musikgeschmack aufgezwungen habe, dass ich mich heute dabei ertappt habe: „Lasciate mi cantare“ zu summen.

Aber die die meiste Zeit des Tages habe ich damit verbracht, mich zu ärgern. Auch über mich und meinen Ärger. Tatsächlich wütete ich, ob der Tatsache, dass es in Triggiano seit heute 5 registrierte Coronafälle gibt, innerlich sogar so absurde Sätze wie: Jetzt darf man nicht mal mehr selbst entscheiden, woran man stirbt!  Dabei will ich gar nicht sterben. Und eigentlich dürfte ich mich überhaupt nicht beschweren. Ich kann von zu Hause arbeiten, auch wenn es Nerven kostet. Wir haben diese riesige Terrasse, wohingegen andere nicht mal einen Balkon haben. Aber die haben vielleicht 3 oder 4 Kinder, die sich gegenseitig bespaßen. Es rächt sich im Moment, dass Davide ein Einzelkind ist, und ständig mit uns statt mit seinem Bruder oder seiner Schwester spielen will, aber immerhin ist er gesund und sonst relativ pflegeleicht.

Um all dem zu entkommen, hilft nur körperliche Arbeit. Also nahm ich mir den alten Grill vor, dessen Grillpfanne im letzten Jahr ein riesiges Rostloch bekomme hatte, weswegen sie schon lange in den Restmüll gewandert ist. Mit einer struppigen Drahtbürste schrubbte ich mich zum Muskelkater. Das übrig gebliebene Grillgerippe ist in Ermangelung dezenterer (irgendwelcher) Farbreste für Metall jetzt ein blauer Blumenständer; noch ohne Blumen. Mal sehen, was es morgen zu tun gibt (abgesehen vom Spielen, Unterrichten und der Hausarbeit). -… Hauptsache, es wird nicht noch verboten, auf den Balkon zu treten. Immerhin ist man damit auch manchmal nicht mehr als 1 bis 2 Meter von seinem Nachbarn entfernt. (Ja, ich weiß… alles nur wegen der Sicherheit…)

 

 

 

 

Am Corona-Gängelband

In Italien sind es jetzt 2 Wochen, dass der der Staat uns mit seiner Anordnung, zu Hause zu bleiben, vor dem Coronavirus schützt. Man verbreitet üppig Zahlen von positiv getesteten und an Coronaviren Verstorbenen, sonst wenig.

Daher hole ich meine Informationen hauptsächlich aus deutschen Medien. Während dort der eine „unaufgeregt“ weltuntergangsähnliche Stimmung verbreitet und der andere noch unaufgeregter erklärt, die aktuelle Coronawelle wäre nicht schlimmer als jede andere winterliche Grippewelle der letzten Jahre (vielleicht sogar weniger schlimm), hat man in Süditalien inzwischen den Eindruck, dass jeder, der vor dem Haus keine Maske und Handschuhe trägt, ein Verbrecher an sich und seinen Mitmenschen sei. Jedenfalls wird man so angeschaut – auch von denen, welche ihre Maske am Hals oder auf dem Kopf tragen. Auch im Supermarkt fragt niemand, ob man eventuell eine Latex-Allergie hat. Man würde die Frage durch einen um Mund und Nase drapierten Winterschal möglicherweise gar nicht verstehen. Hauptsache, man tut irgendwas!

Kein Versuch, ein autarkes Leben auf der Terrasse zu beginnen, sondern nur ein Zeichen dafür, dass die Supermarktradieschen fade schmecken.

Unser Supermarkt ist in Sachen Kundensicherheit ebenfalls noch erfinderischer geworden als bis zu unserem letzten Einkauf vor einer Woche: Man lässt jetzt nicht mehr nur wenige Kunden auf einmal ein. Nein, jetzt darf auch nur noch ein Familienmitglied pro Familie eintreten, d.h. ich muss (ich will) jetzt nicht nur den Einkauf für zwei Familien erledigen, sondern ich werde zusätzlich gezwungen, ihn allein zu machen. Der Grund dafür hat sich mir bisher nicht erschlossen. Am Eingang des Supermarktes steht geschrieben, es hätte mit dem Kundenfluss zu tun.

Unsere musikalischen Nachbarn führen weiterhin immer um 18 Uhr Disko für ihre nähere Umgebung durch. Das Musikangebot könnte man vergleichen mit einem Musikantenstadl plus Andrea Berg. Allerdings reduzieren sie sich inzwischen schon auf 40 Minuten.  Immerhin. Die kann man leicht mit Föhnen, Staubsaugen und anderen rumorigen Haushaltsaufgaben überbrücken. Ich habe festgestellt, dass unser Wasserkocher auch unheimlich laut ist.

Blühende Mandelbäume vertreiben mit ihrem schweren Duft und dem lauten Summen der zahlreichen Wildbienen jeden Gedanken an Coronaviren.

Am Wegesrand

Gäbe es nicht die Natur, die um uns herum einfach immer weiter macht, ohne sich um Viren zu kümmern, könnte man glauben, es wäre schon August und die Welt würde wegen der jährlichen Hitzeperiode stillstehen. Dazu passt auch, dass sich mein mozzarellableiches Gesicht  bereits karamellig einfärbt. Auch mein Sohn sieht aus, als hätten wir Urlaub. Allerdings zeigt der Spaziergang mit dem Alibi-Hund, dass tatsächlich der Frühling in vollem Gange ist. Nicht nur, dass alles grünt und blüht statt sommerlich verbrannt dazuliegen, auch die Landmänner werkeln ganz normal in ihren Gärten. Sie schneiden ihre Olivenbäume, verbennen Zweige, breiten scheinbar endlose Planen über ihre Weinreben aus… ein Opa lädt uns sogar in seinen Garten ein, weil wir kurz vor seinem Zaun stehen geblieben sind, um ihm dabei zuzusehen, wie er einen Korb flicht. Ein anderes Mal.

Auch auf dem Balkon wird es frühlingshaft bunt.

Sobald wir wieder die geleerten Straßen der Stadt erreichen, kehren wir zurück in die Absurdität vorwurfsvoller oder verdächtiger Blicke. Man darf in dieser Zeit einfach nicht normal spazieren gehen, weil man ja nur zum Einkaufen und für Arztbesuche rausgehen soll. Besser wird sein, wir beginnen in ein paar Wochen das Leben nach der Ausgehsperre als geschwächte, muskellose Bleichlinge mit viereckigen Augen vom Onlineunterricht.

 

 

Coronavirus: Wie die Süditaliener die Stimmung hochzuhalten versuchen

Wer sich in der italienischen Volksmusik wie ich wenig auskennt, der muss dieser Tage nur gegen 18 Uhr seine Ohren spitzen. Von einer Person ausgedacht, die das Alleinsein scheinbar nur schwer ertragen kann, und durch soziale Netzwerke bis in die hintersten Winkel Italiens verbreitet, treten Spaßvögel, Neugiere, Gelangweilte und/ oder Optimisten um 18 Uhr auf ihre Balkons und beteiligen sich an einer vereinenden Aktion. So sollte man vorgestern den Ärzten und anderem medizinischen Personal applaudieren oder gestern den italienischen Gassenhauer „Azzurro“ singen. Was natürlich bis gestern 18 Uhr völlig an mir vorübergegangen ist – entweder weil unsere Mitmenschen vorgestern sehr leise applaudierten oder weil wir keine Onlinesozialisten sind.

Jedoch lebt In unserer Nachbarschaft wahrscheinlich ein DJ oder jedenfalls jemand mit einer sehr guten technischen Ausstattung, was Audio-Geräte betrifft. Gegen 18 Uhr dröhnte also „Azzuro“ durch unsere ziemlich neuen, geschlossenen Fenster – in einer Discoversion mit stampfenden Bässen und Soundeffekten.

„Spinnen die!?!“ war meine erste Reaktion, während ich mit Davide auf die Terrasse trat, den das Spektakel natürlich interessierte. Im Haus uns schräg gegenüber wohnen zwei Kindergartenkumpels, die ebenfalls auf ihren Balkons standen und deren Mütter offensichtlich ihre Münder bewegten. Möglicherweise sangen sie mit, aber das konnte man ob der lauten Musik nicht genau verstehen. Auch andere Balkons bevölkerten sich und einige Mitmenschen zückten ihre Handys, um das ganze aufzunehmen. Dann war der Song vorbei. Alle applaudierten – hörbar. „Na, war ja ganz nett!“, dachte ich dann bei mir und ging zurück in die Wohnung.

Davide jammerte noch darüber, dass wir nicht zu seinem Freund Samuele gehen würden, da hatte unser Discofreund schon eine Tanzversion von „Volare“ aufgelegt. Weiter ging es mit der italienischen Nationalhymne – zum Glück nur die kurze Version. Luigi meinte, es gäbe auch noch eine, die 12 Minuten dauere. Dann führte der musikalische Exkurs vom Nationalstolz zum Apulienstolz mit Caparezzas „Balare in Puglia„. Als Coronavirus wäre ich an dieser Stelle freiwillig aus Italien verschwunden. Stattdessen stelle sich bei mir ein leichter Kopfschmerz ein. Der ging auch nicht weg, als Luigi versuchte, den nächsten Song mit ACDCs „Thunder“ zu übertönen. Im Gegenteil. Ich gratulierte ihm zur Auswahl für seinem Gegenschlag, aber die Lautsprecher meines alten Baumarkt-Hifi-Gerätes waren einfach zu plärrig, als dass sie die Situation verbessert hätten.

Wir mussten das italienische Gemeingut noch bis halb 8 ertragen.  Dann hatte der Himmel ein einsehen und es begann zu regnen. Unsere musikalischen Nachbarn schlossen ihre Fenster. 

Einen leiseren und vielleicht auch wirkungsvolleren Stimmungsaufheller fanden wir, als wir am heutigen Vormittag unsere Großeltern besuchen gingen. Über Nacht hat jemand die Straße mit selbst gemalten „Andrà tutto bene!“-Zetteln plakatiert. Darüber musste ich lächeln und schließe mich dem Mantra an: „Alles wird gut.“ (Hoffentlich regnet es heute Abend wieder!)