Archiv für den Monat Mai 2013

Blutiges Morden in den Straßen von Bari

“Sagt mir, wer das getan hat! Ich will das wissen, denn ich werde ihm den Kopf explodieren lassen, wie er es bei ihm gemacht hat,” hörte man am Nachmittag des 19. Mai eine junge Frau auf einer Straße in Baris Stadtteil San Paolo schreien (zitiert nach “Gazetta del Mezzogiorno”, 20.5.2013, S. 2f.). Was war geschehen?

Während im Zentrum Baris ein enormes Polizeiaufgebot dafür sorgte, dass der Gran Premio di Bari reibungslos über die Runden gehen konnte, wurde kurz nach 12 Uhr in der Periferie das Schicksal dreier Junger Männer besiegelt. Vittantonio Fiore, der 22jährige Sohn des “Clanoberhaupts“ des Stadtbezirks San Pasquale und zwei seiner Freunde gingen zusammen durch die Via Piemonte, als ein Motorrad an ihrer Seite auftauchte und Fahrer sowie Beifahrer aus einer Kalaschnikow und einer Pistole das Feuer auf die Drei eröffneten. Die kugelsichere Weste und die Waffe, die Fiore in seinem Hosenbund trug, nützten ihm in dieser Situation nichts mehr und auch seine beiden Begleiter konnten in der Notaufnahme eines nahegelegenen Krankenhauses nicht gerettet werden.

Natürlich waren die Polizei und die Spezialisten der staatlichen Antimafiaorganisation1 DIA wenig später vor Ort, nahmen Zeugenaussagen auf und die Videoüberwachung verschiedener Geschäfte an sich, um das Geschehen auszuwerten, doch insgesamt steht Bari leicht fassungslos vor diesem neuerlichen Ausbruch des wieder erstarkten Selbstbewusstsein der Clans, die man in den letzten 10 – 15 Jahren in ihre Schranken gewiesen zu haben glaubte. Fiores Vater beispielsweise sitzt immer noch eine 25jährige Haftstrafe wegen Mordes ab und sein Filius war hinsichtlich seines Führungszeugnisses auch kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der Boss des Stadtviertels Japigia konnte sich im letzten Winter nur kurz seiner Freiheit erfreuen. Schon zwei Tage nach seiner Entlassung und einem riesigen Straßenfest mit silvesterähnlichem Feuerwerk wurde er wegen einer anderen Tat wieder hinter Gitter gebracht.

Dennoch war dieser Ausbruch offener Gewalt nicht der erste in diesem Jahr. Bereits im April wurde Giaccomo Caracciolese, eine zentrale Person des organisierten Verbrechens in diesem Stadtteil ermordet. Doch begonnen hatte das öffentliche Morden bereits im August 2011, als der Sohn des Mafiabosses di Carassi und wenig später auch dessen Fahrer und Leibwächter auf offener Straße von einem Motorrad aus erschossen wurden. Der Bürgermeister und Antimafia-Magistrat Michele Emiliano wird nicht müde zu betonen, dass er bereits seit zwei Jahren davor gewarnt habe, dass sich die Mafia neu organisiere und sich wieder bewaffne. Es sei ein großer Fehler, dass die organisierte Kriminalität nahezu aus der öffentlichen Debatte verschwunden sei, denn sie sei nie besiegt worden, sondern hätte nur vorübergehend geschlafen.

So vermutet man nun, dass es sich bei der Ermordung Fiores um einen Rachakt gehandelt haben könnte. Geht man davon aus, dass die Worte der jungen Witwe angesichts ihres von Kugeln zerfetzten Mannes ernst gemeint waren, können sich die Baresen nicht länger in vermeintlicher Sicherheit wiegen. Am vergangenen Sonntag traf der Kollateralschaden die zwei Begleiter Fiores und einige Vetrinen umliegender Geschäfte. Doch sicherlich hätten die Täter alles andere ebenso in Kauf genommen.

________________________________________________________________________________________________________

1 Mit “Mafia” ist hier allgemein das organisierte Verbrechen in mafiösen Strukturen gemeint. Das Wort “Mafia” als solches bezeichnet ursprünglich das organisierte Verbrechen auf Sizilien. Die personellen Strukturen, Vorgehens- und Verhaltensweisen dieser Organisationen unterscheiden sich je nach Region, aber im Großen und Ganzen ist ihnen gemein, dass ihre Mitglieder staatliche und wirtschaftliche Strukturen unterwandern und sich Raum für ihren eigenen “Staat im Staate” schaffen.
Die “Mafia” von Apulien heißt Sacra Corona Unita, doch mit der Einigkeit (Unita) dürfte es angesichts der internen Kämpfe nicht sehr weit her sein. Das Alleinstellungsmerkmal der Sacra Corona Unita unter den diversen mafiösen Organisationen Italiens ist ihre enge Zusammenarbeit mit dem organisierten Verbrechen Osteuropas.

Das Kartoffelexperiment 1 – Ja, sie leben noch!

Aus einer harmlosen Fotosammlung und einer Kommentarunterhaltung darüber, was bei der österreichischen Bloggerin Giftige Blonde so im Garten wächst, entstand im April plötzlich ein Kartoffel-Blog-Event, an dem sich nun 8 Bloggerinnen beteiligen, die wissen wollen, bei welcher von ihnen in diesem Jahr die größten Kartoffeln wachsen werden.

1. Mai

Da unsere Terrasse genügend Raum für solche Experimente bietet, beschloss ich, ins Wettrennen um die größten Kartoffeln einzusteigen und mopste Maria drei Kartoffeln aus dem Korb in ihrer Küche. Vielleicht war dieser Kartoffelklau ein schlechtes Omen, denn meine drei Supermarktkartoffeln weigerten sich zunächst hartnäckig, überhaupt Keime anzusetzen. Ich habe sie dann trotzdem am ersten Mai in einen Kübel verfrachtet und danach stoisch darauf gewartet, dass sie Lebenszeichen aussenden.

20. Mai

Nach 21 Wartetagen bei überwiegendem Sonnenschein und Temperaturen um die die 25 Grad haben sich zwei von ihnen schließlich erbarmt und ein paar Blätter aus der Erde gestreckt. Mal sehen, ob die mittlere Kartoffel sich auch irgendwann sehen lässt.

Ich werde weiter berichten.

Zurück in die 50er – Gran Premio di Bari 2013

 GPBari05  GPBari06

Das hätte ich nun nicht erwartet: Nur eine Woche nach dem Ausnahmezustand, der den Feierlichkeiten zu Ehren des Stadtheiligen San Nicola geschuldet war, wurden die Hauptverkehrsadern schon wieder unterbrochen und für die „Rievocazione del Gran Premio di Bari“ der Corso Vittorio Emanuele, Teile des Lungomare und der Via San Francesco d’Assisi für den normalen Verkehr gesperrt. Statt des Lärms des üblichen Verkehrschaos‘ sah und hörte man am Vormittag des 19. Mais Rennwagen aus den 40er und 50er Jahren ihre Runden rund um die Altstadt ziehen.

GPBari02In den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Rennwagen noch nicht ganz so schnell fuhren wie heute und Bari noch nicht so dicht bebaut war, war die Stadt fast 10 Jahre lang Gastgeber eines richtigen Grand Prix mit Wagen und Rennfahrern, die Renngeschichte geschrieben haben. Die rote Farbe der italienischen Marken hat das Gesicht der IMG_20130519_160101Grand Prix geprägt, denn Ferrari, Maserati, Alfa sowie Fiat, Lancia und diverse kleine italienische Marken kämpften sich nach dem Krieg zu internationaler Bedeutsamkeit hoch. Gewonnene Autorennen machten die Italiener wieder stolz auf ihr Land. Die Rennpiloten dieser Tage wie Tazio Nuvolari sind bis heute nicht in Vergessenheit geraten, sondern leben in der Renngeschichte und in Lobliedern wie dem des berühmten italienischen Liedermachers Lucio Dalla weiter.

2010 beschloss der „Old Cars Club“ von Bari in Kooperation mit dem Automobilclub Bari die Erinnerungen live und in Farbe wieder aufleben zu lassen. Natürlich werden aktuelle Rennen auf speziell dafür angefertigten Rennstrecken gefahren, die normalerweise außerhalb von bevölkerten Zonen liegen, daher käme ein modernes Autorennen nicht in Frage. Doch ein Spektakel, das die vergangenen Zeiten mit dem Röhren der Motoren und dem Geruch nach Benzingemisch wieder wach ruft, ließ sich nun in Bari zur Freude der Schaulustigen bereits zum dritten Mal organisieren.

Vagone Ferrovie Sud Est Gran Premio di Bari Bereits am Samstag wurden die Maschinen auf der „Piazza della Libertà”, vielen Baresen besser unter dem alten Namen „Piazza della Prefectura“ bekannt, ausgestellt. Leider kam man nur mit einem speziellen Pass oder Freunden unter den Aufpassern richtig dicht an die Autos heran. Schade, doch verständlich, dass man die motorisierten Kleinode vor Schaden bewahren wollte. In einem alten Wagon der örtlichen Eisenbahngesellschaft „Ferrovie del Sud Est“ wurde noch bis Sonntag eine Ausstellung zum historischen Grand Premio di Bari mit alten Dokumenten und Fotos gezeigt. Am Samstagabend fuhren die Veteranen der Renngeschichte dann einen Corso durch die Stadt bis zum Strand „Pane e Pomodoro“ hinaus. Anschließend stimmte Simona Molinari, aufsteigender Stern am italienischen Musikhimmel, zusammen mit der Jazzband La Mosca ein Gratiskonzert an.

GPBari01Am Sonntagvormittag fuhren die Oldtimer dann auf Zeit ihren Runden um die Altstadt, den Corso Vittorio Emanuele hinunter, am Schloss vorbei und das Lungomare an der Stadtmauer entlang bis zum Teatro Margerita, wo sie wieder auf den Corso einbogen und überall von Groß und Klein bestaunt und angefeuert wurden. Neben den bereits genannten italienischen Marken fanden sich auch englische Oldtimer wie Lotus, Austin, Watford oder Rochedale unter ihnen. Den Fahrern stand der Spaß dabei buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Während die Beifahrer bei strahlendem Sonnenschein und einer leichten Meeresbrise ihre weißen Zähne zeigten, legten sich die Piloten angespannt in die Kurven und versuchten auf den graden Strecken, die gelegentlich durch zu umkurvende Kegelschikanen unterbrochen wurden, das möglichste an Zeit herauszufahren, obwohl ihnen gelegentlich die Straßen trotz Absperrung überquerende Menschen in den Weg sprangen. Falls ich noch irgendwann herausfinde, wer das Rennen schließlich gewonnen hat, werde ich es euch verraten. Doch GPBari04im Großen und Ganzen ging es bei dieser Veranstaltung um den Spaß am Fahren und darum, das gehegte und gepflegte Blechkleinod einer breiten Masse vorführen zu können.

Ein Wiedersehen mit aufpolierten Blechkleinoden – Link zum Bericht über den „Gran Premio“ 2015. 

Das gibt’s nur einmal. . .

IMG_20130518_180826Baris Seepromenade, das “Lungomare”, wird zum großen Teil von wuchtigen faschistischen Prachtbauten aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts dominiert. In ihnen haben verschiedene militärische
Abteilungen ihren Sitz, zu denen das frostige Gebahren dieser Gebäude gut passt. Eines von ihnen IMG_20130518_180737ist aber auch der „Palazzo della Provincia“, das Regierungsgebäude der Provinz Apulien. Zwischen 1932 und 1935 unter Mussolini errichtet, wird es neben seinem festungsähnlichen Aussehen auch von einem die Seefront Baris prägenden „Uhrenturm“ von über 60 Metern Höhe geschmückt.

IMG_20130518_180605Das Gebäude mit seiner monumentalen Eingangshalle ist der Öffentlichkeit sonst nur zugänglich, wenn jemand die dort relativ versteckt liegende „Pinacoteca Provinciale“ besichtigen möchte. Alle anderen Teile des historischen Gebäudes dürfen IMG_20130518_180922an normalen Tagen nur Beamte betreten. Doch heute war kein normaler Tag. Heute bestand für ein paar Stunden die Möglichkeit, unter Begleitung eines Beamten den achteckigen Holzfahrstuhl bis hinauf auf den Turm zu benutzen und einen Blick auf Bari und das Meer zu genießen, von dem man sonst nur träumen kann.

IMG_20130518_180644

Wir standen fast eine Stunde wartend in einem Pulk aus neugierigen Baresen und einigen Touristen, die es mehr zufällig in die Provinzpalast verschlagen hatte, denn dem betagten Fahrstuhl durften höchstens 5 bis 6 Personen zugemutet werden. Um den alten Motor vor Überhitzung zu IMG_20130518_180314schützen, mussten auch regelmäßig längere Betriebspausen eingelegt werden. Nicht wenige Anstehende traten gelangweilt den Rückzug an, doch wir hielten durch und wurden mit kräftigem Wind und einem spektakulären Blick belohnt.

IMG_20130518_180509

Als der Mitarbeiter, der auf dem Turm postiert worden war, bemerkte, dass ich interessiert die riesigen Glocken und die Walze fotografierte, erzählte er uns, dass das imposante Glockenspiel früher alle halbe Stunde im Wechsel drei IMG_20130518_180426faschistische Lieder („Faccetta Nera“, „Inno del Balilla“, „La Bandiera“) gespielt hat. Dem Architekten Luigi Baffa (1894-1933) und Mussolini muss das Gefallen haben. Die Anwohner ringsherum beschwerten sich jedoch über die laute Beschallung und so wurde das Glockenspiel bald nach der Inbetriebnahme auch schon wieder eingestellt.

Auf dem Weg nach unten, nachdem wir noch eine schnelle Runde durch die Pinakothek gelaufen waren, deren Eintritt heute ebenfalls kostenlos war, fragte uns ein freundlich lächelnder Herr interessiert, ob uns die Besichtigung des Turms gefallen habe. Wir müssen so enthusiastisch geklungen haben, dass er erzählte, dass nicht alle Mitarbeiter des Provinzpalastes begeistert von dieser Aktion gewesen sind. Doch ihn habe das nicht interessiert, denn er habe es nicht für ein breites Einverständnis, sondern für die Bewohner Apuliens durchgesetzt. Scheinbar waren wir an einen der Hauptorganisatoren geraten, der Luigi zum Abschied zufrieden gegen die rechte Schulter hieb. Ich kann nur sagen, dass es schön wäre, diese Gelegenheit häufiger zu bekommen. Das wäre nicht nur für Touristen ein Gewinn, sondern auch für das Lungomare, dem es durch den Mangel an Restaurants oder Caffès, an kleinen Geschäften sowie an touristischen Zielen deutlich an Leben fehlt.

Heiliger Radsport! – Festa di San Nicola – 9. Mai

Volksfest im Schatten der Stadtmauer 

IMG_20130510_203710Der Stadtheilige San Nicola wurde am Abend des achten Mais von seinem Ausflug aufs Meer wieder an Land gebracht und hatte seinen Ehrenplatz in der mit Lichterbögen nachgestalteten Basilika auf der Piazza Ferrarese eingenommen. Damit neigten sich die kirchlichen Feierlichkeiten dem Ende zu. Aber, weil man sich an den letzten zwei Tagen so schön eingefeiert hatte, hängte die Stadt einfach noch ein großes Volksfest hintendran. Die Brötchen-, Grill- und anderen Verpflegungsstände vor der ersten Festungsmauer an der Seepromenade teilten sich die Straße mit Devotionalienständen und buntem Marktreiben. Am Tage nutzten vor allem Touristen die Gelegenheit, sich mit den Angeboten einzudecken, während sie auf dem Weg zur Basilika oder allgemein in die Altstadt waren. Sobald es dunkel wurde, waren die bancarella sul Lungomare di BariNachtschwärmer wieder unterwegs. Freunde trafen sich an markanten Ecken auf ein Schwätzchen. Man aß fritierte Polenta (Sgaliozze) oder kleine Pizzateigscheiben (Popizze), die sich während des Frittierens aufblähen und rundlich werden. Junge Familien übten sich in der Meisterschaft des Kinderwagenschiebens an Stellen, an denen eigentlich kein Durchkommen war, und zu den lateinamerikanischen Stimmungsrhythmen der Hightech-Brötchenverkaufsstände, wurde schon mal spontan auf der Straße getanzt.

Auf der Spur des „Giro d’Italia“

IMG_20130510_203510In diesem Jahr führte außerdem die sechste Etappe des dreiwöchigen Radrennens „Giro d’Italia“ just am Feiertag der Baresen von Mola nach Margherita di Savoia durch Bari. Ich bin zwar bekennender Sportmuffel und habe mir in meinem Leben bisher nur ein einziges sportliches Ereignis angesehen, aber wenn die Jungs schon durch Bari strampelten, dann wollte ich die Chance nutzen und die Atmosphäre eines solchen Großevents spüren. Dass meine Geduld mal wieder auf eine Harte Probe gestellt werden würde, war mir schon vorher klar, denn ich hatte in der hier am weitesten verbreiteten Tageszeigung „Gazetta del Mezzogiorno“ gelesen, dass die Radprofis zwischen 12:30 Uhr und 15:00 Uhr die Seepromenade passieren würden. Praktisch musste man sich also darauf einstellen, den halben Nachmittag an der Strecke zu verwarten.

Schon als ich mich gegen 12:30 Uhr dem „Lungomare“ näherte, stellte ich fest, dass die doppelspurige Straße noch stark befahren war. Immer wieder war auch einer der IMG_20130510_203304Transporter darunter, aus denen die Artikel für die Fans des Giro d’Italia verkauft wurden. Wie das „rosa Trikot“, welches sich der Gewinner am Ende der knapp 3500 km langen Tour, überstreifen dürfen wird, waren auch die T-Shirts, Basecaps, Kopfbinden und anderen Fanartikel in rosa gehalten. Komischerweise, scheint das italienischen Männern aber nichts auszumachen. Sie tragen rosa genauso gewissenlos wie lila.

Zu freundlich

IMG_20130510_203410Ich schlenderte also gemütlich in Richtung Innenstadt. Neben der Kommandozentrale der Luftwaffe, waren noch immer die Drohne und das Flugzeug der „Frecce Tricolori“ ausgestellt, die am späten Nachmittag des Vortags eine Vorführung in Flugakrobatik gegeben hatten. Vermutlich schaute ich sehr interessiert drein, denn ein freundlicher Militär fragte mich zweimal, ob er ein Foto von mir und dem Flugzeug schießen solle. Beim ersten Mal überlegte ich noch, ob auch Militärs unter Marias Anweisung fielen, niemandem den Fotoapparat zu geben, weil die Person sonst damit wegrennen würde. Die Wiederholung der Frage klang dann aber so auffordernd, dass ich nicht zu widersprechen wagte und statt dessen versuchte, nicht zu eingeschüchtert in die Kamera zu gucken. Anschließend bedankte ich mich artig und flüchtete schnell, denn neben der Flugzeugpräsentation war am Abend zuvor der Stand für die Einschreibung in die Fremdenlegion aufgebaut gewesen. Man kann ja nie wissen. . .

Männer!

Als ich endlich eine freie Bank unter einem Baum gefunden und Zeit hatte, mich in Ruhe umzusehen, bemerkte ich, dass sich die Menschenmenge inzwischen verdichtet hatte. Auf der Seeseite der Straße hatten sich ein paar ganz Fröhliche auf Holzklappstühlen niedergelassen und holten sich eine Bierflasche nach der anderen vom Brötchenverkauf, in dem das Personal eigentlich noch den Schmutz der letzten Nacht beseitigte. Ihre T-Shirts hatten sich die Männer um die Köpfe gewunden, damit ihre bleichen Bäuche in der Sonne passend zum Giro eine leichtrosa Farbe annehmen gekonnt hatten. Als jedoch einer von ihnen einen Laternenpfahl erklimmen wollte, hielt eines der zahlreichen Polizeimotorräder neben ihnen, was bereits genügte, um sie sich alle wieder auf ihre Klappstühle setzen zu lassen.

Während ich noch darüber lachte, trat ein älterer Herr auf meine Bank zu und fragte, ob er Platz nehmen dürfe. Wie die meisten Italiener in deutlich fortgeschrittenem Alter gehörte er zu der Generation, die sich in der Öffentlichkeit immer in Hemd und Krawatte zeigen und sicherlich niemals ihre nackten Bäuche in die Stadtsonne halten würden. Die italienischen Senioren lassen Frauen den Vortritt beim Ein- oder Aussteigen. Sie halten einem Türen auf, grüßen mit dem Zusatz „signora“ (Frau) oder „signorina“ (Fräulein) und fragen eben, ob sie sich zu einem setzen dürfen. Alles in allem ein sehr angenehmer Menschenschlag. Doch als unserem kleinen Schwätzchen über das schöne Wetter plötzlich die Frage folgte, ob ich verheiratet sei, antwortete ich schnell mit „nein, aber verlobt“ und musste dann ganz dringend zur Straße sprinten, um nachzusehen, ob die Radfahrer schon kämen. Meinem hastigen „Arrivederci“ rief er ein lautes „Buona giornata, signorina!“ hinterher.

Ja, wo fahren sie denn?

Es ging auf zwei Uhr zu und entlang der Straße standen die Schaulustigen nun Schulter an Schulter. „Machen Sie die Straße frei. Es folgen die Teilnehmer des Giro d’Italia! Machen Sie die Straße frei. Es folgen die Teilnehmer des Giro d’Italia!“ tönte es endlich aus einem vorbeifahrenden Auto. Entgegen der Anweisung sprangen plötzlich alle Wartenden auf die Fahrbahn, um den Ankommenden einen Blick entgegenzuwerfen. Aber es kam niemand. Jedenfalls kein Sportler. Nur eine junge Frau, die mit ihren Einkäufen am Lenkrad wie eine Verrückte das Lungomare entlangstrampelte. Sie wurde von den Wartenden beklatscht und laut angefeuert.

IMG_20130510_203144

Schließlich fuhren Begleitautos in immer dichter werden Abständen vorbei. Die Menge auf der Straße vor mir wich gen Bordstein zurück und dann folgten einem Auto auch zwei Radfahrer des Giro d’Italia, die sich offensichtlich einsam an die Spitze abgesetzt hatten. Einer von ihnen war vielleicht der englische Etappensieger Marc Cavendish. Nach ein paar Minuten kam dann eine große bunte Wolke aus weiteren Radfahrern auf uns zu, offensichtlich das Mittelfeld der Hoffnungsvollen.

IMG_20130510_203054Ich sprang vor, um ein Foto zu machen und schnell zurück auf den sicheren Fußweg, denn nun folgten wieder Autos über Autos mit zahlreichen Fahrrädern auf ihren Dächern und sicher ging es noch eine ganze Weile so weiter. Doch da ich glaubte, mit diesen Eindrücken von rasenden Nachuntenguckern heroisch genug meine Reporterpflicht

IMG_20130510_204727erfüllt zu haben, war mein temporäres Interesse an Sport auch schon dem Gedanken an die Auswahl einer der drei Eisdielen in unmittelbarer Nähe gewichen. Immerhin hieß dieser Tag „La Festa dei Baresi“ und mit einem leckeren Eis könnte ich jeden Tag irgendetwas feiern.

Bari im Ausnahmezustand – Festa di San Nicola – 8. Mai

Nachdem sich die Baresen mit dem historischen Festumzug und ihrer Seepromenade als Fressmeile am siebten Mai auf das Fest zu Ehren ihres Stadtheiligen „San Nicola“ eingestimmt hatten, wurde dann am achten Mai richtig aufgetrumpft.

IMG_20130510_160402Bereits am späten Nachmittag zeigte die Spezialstaffel für Flugakrobatik der Luftwaffe „Frecce Tricolore“ („Die dreifarbigen Pfeile“) was sie drauf hatte. Während sie Bari mit ohrenbetäubendem Lärm erfüllten und die drei IMG_20130510_160331italienischen Nationalfarben am Himmel versprühten, lenkten zehn Piloten ihre Flugzeuge zu herzförmigen Formationen oder flogen exakt aufeinander abgestimmte Loopings, kreuzten sich und schienen dem Wasser bei alledem manchmal so Nahe zu kommen, dass man den Eindruck gewann, sie würden einem gleich auf den Kopf fallen.

fuochi1

Als es dunkel wurde, füllte sich die Seepromenade und die Altstadt um die Piazza Ferrarese mit immer mehr Menschen aller Altersklassen. Während die Statue des Heiligen Nikolaus, die am Vortag in See gestochen war, im Hafen anlandete und zu ihrem Ehrenplatz auf der Piazza Ferrarese getragen wurde, wo sich auch am folgenden Tag die Gläubigen zu Gebeten einfinden sollten, trafen wir uns mit Luigis Freunden und Verwandten, um uns das Feuerwerk aus einiger Entfernung anzusehen. So hielten wir fuochi2dann also an, als uns die Menschenmassen auf der Seepromenade zu dicht wurden. Ein unerschrockener ehemaliger Schulkamerad von Luigi hingegen wollte sich unbedingt auf die Suche nach einem Stand machen, an dem es Popizze (frittierte kleine Pizzateigfladen) und Sgaliozze (frittierte Polentafladen) zu kaufen gäbe. Er verließ uns gegen neun und wir fanden ihn erst nach dem Feuerwerk gegen elf auf der anderen Seite des Hafens wieder. Dort hatte er weitere Freunde getroffen und sich verplauscht. Anschließend war es ihm nicht mehr gelungen, die dichte Menschenmenge zu uns zurück zu durchqueren.

IMG_5248

Beeindruckender als das Feuerwerk fand ich jedoch die der Basilika nachempfundene Lichtinstallation auf der Piazza Ferrarese. Am Tage hatten die weißen Holzbauten bereits interessante Muster in den blauen Himmel gefräst, aber mit der bunten Beleuchtung im Dunklen mutete das Ganze wie ein Traum aus Tausendundeinernacht an.

IMG_5249

Alle Besucher des Festes, die ich gesprochen habe, waren restlos begeistert davon. Die Stromrechnung möchte ich allerdings nicht bezahlen müssen.

IMG_5250

Inspiriert hat das Fest des Schutzheiligen auch andere Künstler, die beispielsweise vergängliche Werke mit Kreide auf der Straße schufen oder Gemälde mit „San Nicola“-Motiven verkauften.

Aber extrem verblüffend fand ich die Tatsache, dass aller Müll und Abfall bereits am nächsten Morgen wieder beseitigt waren. Die Straßenreinigung hat da ein kleines Wunder vollbracht, um die Festmeile am 9. Mai von den Radsportlern des Giro d’Italia befahrbar zu machen.

Bari steht Kopf – Festa di San Nicola – 7. Mai

Einmal im Jahr steht Bari Kopf und zwar in der Woche um den 8. Mai. An diesem Tag gedenkt man der „Rettung“ der Gebeine des Heiligen Nikolaus vor den muslimischen Seldschucken in Myra. Demnach waren die christlichen Bewohner der Stadt im Jahr 1087 bereits in die Berge geflohen, als italienische Seefahrer den Sarg des Heiligen aufbrachen und seine Überreste nach Bari brachten, wo die alten Knochen um den achten Mai herum eintrafen und bis heute in der Krypta der „Basilica San Nicola“ ihr Wunder tun sollen. Aber auch um diesen Tag herum geht es in Bari drunter und drüber.

Seit letzter Woche sind unzählige Menschen damit beschäftigt, Absperrgitter aufzustellen, die Stadt mit Lichterbögen zu schmücken, sowie den großen Festumzug, eine Flugshow mit Millitärflugzeugen, ein Feuerwerk und noch vieles mehr zu Ehren des Stadtheiligen vorzubreiten. In diesem Jahr kommt das Radrennen „Giro d’Italia“ hinzu und sorgt mit dafür, dass die öffentlichen Einrichtungen entlang der Strecke schon einen im Voraus geschlossen wurden, die Kinder zusätzlich Schulfrei bekommen haben und Eltern auch heute nicht wissen, wie sie ihre Kindergartenkinder betreuen sollen. Viele Baresen würden der Stadt und dem ganzen Rummel am liebsten entfliehen. Doch wegen der zahlreichen gesperrten Straßen gelingt es ihnen nicht.

Castello di BariWir hingegen haben es trotzdem gewagt, uns zu einigen Events ins Stadtzentrum hineinzuschlagen und unter das einheimische Volk und die zahlreichen Touristen zu mischen; natürlich nicht ohne vorher „Mamma Marias“ zahlreichen Ratschlägen zu lauschen, die sich in etwa so anhörten: „Nimm um Gottes Willen bloß kein Geld mit, keine Papiere, am besten gar keine Handtasche! Binde dir keinen Schmuck um. Und lass Luigi nicht los, sonst findet ihr euch nie wieder.“ Mit diesen und anderen Ermahnungen im Ohr sind wir also am Abend des 7. Mai in die Altstadt von Bari aufgebrochen, um uns den historischen Festzug anzusehen.

 „Sankt Nikolaus fährt zur See“

IMG_20130509_174048Dem historischen Festumzug geht alljährlich eine Feier im kleinen Fischerhafen von San Giorgio, südlich von Bari, voraus. Der Legende nach gingen dort die Kaufleute mit der Reliquie San Nicolas an Land. Heute stechen von dort aus geschmückte Fischerbote in See, welche die zuvor während einer Messe geweihte Statue des Heiligen hinaus auf das Meer bringen, wo sie bis zum nächsten Abend darauf warten muss, im Hafen von Bari wieder an Land zu gehen. Von dort aus wird sie in einer Prozession durch die Hauptstraßen von Baris Altstadt getragen und in diesem Jahr auf der Piazza Ferrarese inmitten einer spektakulären Lichtinstallation aufgestellt.

Am Abend gegen neun zogen dann kostümierte Ritter, Reiter, Fahnenschwenker, Kirchenleute, Handwerker, Edelfrauen und -männer, sowie ein auf Räder verfrachtetes Boot mit einer ikonischen Darstellung von San Nicola begleitet vom Klang zahlreicher Percussiongruppen vom Schloss ausgehend durch die breitesten Hauptstraßen von Bari. An allen Ecken hörte man auf Italienisch oder im Dialekt der Baresen das „San Nicola“-Lied, das die Kinder bereits in der Grundschule lernen.

corteo storico festa di san nicola

Sanda Nicole va pe mare,

va vestute a marenare

e meradue quant’è belle

e ca i è Sanda Nicole…

Sankt Nikolaus fährt zur See,

ist angezogen wie ein Seemann

bewundert ihn, wie schön er ist,

denn er ist der Heilige Nikolaus…

Keine Chance für schlechtes Wetter oder Kriminelle

Zu Beginn des Festzugs hattes es beinahe so ausgesehen, als wolle der Regen dem Vergnügen einen Strich durch die Rechnung ziehen. Die ersten Schirme waren bereits geöffnet und den Darstellern in ihren historischen Kleidern stand die Angst vor einem Wolkebruch buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Doch nach wenigen Minuten fing sich das Wetter wieder, was umstehende Scherzkekse dem heiligen Nikolaus zuschrieben, der seine Feier nicht ruiniert sehen wollte.

IMG_5104Maria konnten wir hinterher auch beruhigen, denn wir sahen an diesem Abend so viele Polizisten in Uniform und zivil, dass Diebe sicherlich keine Chancen gehabt haben dürften. Im Gegenteil ein freundlicher Barese in der Altstadt öffnete uns sogar ganz stolz das Tor zu seinem Refugium, als ich in fragte, ob ich den Oldtimersportwagen, an dem ich ihn durch einen Türspalt hatte werkeln sehen, fotografieren dürfe. Wenn dieses Kleinod schon fix und fahrbereit gewesen wäre, hätte ich vielleicht kurz überlegt, ob ich ihn mir einstecken solle. Doch Flucht wäre bei den Menschenmassen, durch die wir uns auf der zur Fressmeile umfunktionierten Seepromenade zu unserem Auto zurückschlagen mussten, ohnehin undenkbar gewesen. „Menschenmassen!“, lachte Luigi jedoch nur. „Warte mal ab, was morgen hier los ist! Da kannst du keinen Fuß mehr vor den anderen setzten.“

Fressmeile