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Schüttelzeit – Zu Besuch bei De Carlo

Von Oktober bis in den März hinein drehen sich die schweren Räder der apulischen Ölmühlen, denn es ist die Zeit der Olivenernte. Viele Kleinbauern schütteln ihre Oliven von den Bäumen und bringen sie in großen Plastikkisten zur nächsten Mühle. So gibt es bei uns in Triggiano mitten in der Stadt einen Kleinbetrieb, in dem die Maschinen in diesen Monaten von morgens um 8 bis abends um 9 rattern. Davor stapeln sich die Plastikkisten und die Bauern vertreiben sich die Wartezeit in Grüppchen schwatzend.

Wer intensives, pikanteres Öl bevorzugt, erntet relativ früh. Wer es milder mag und weniger Wert auf die gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe legt, der erntet später, wenn die Oliven nicht mehr grün sind und leichter vom Baum fallen. Wichtig ist es auch, dass die Oliven so schnell wie möglich in die Presse kommen, denn sofort nach der Trennung vom Baum setzt der Verfall ein, der das Aroma des Öls maßgeblich beeinflusst. Überflüssig zu sagen, dass man hier kalt presst, denn nur so bleiben die gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe der Oliven erhalten.

 

Das Hauptgebäude des landwirtschaftlichen Betriebs „De Carlo“ im apulischen Bitritto. Hier wird nicht nur reines Olivenöl gepresst, sondern auch Oliven gemeinsam mit Zitronen oder Mandarinen, sowie knackiges Gemüse eingelegt.

Da die Olivenölvorräte meiner Freundin in Deutschland zur Neige gingen, ihr die hier gekauften aromatisierten Öle von „De Carlo“ jedoch so gut schmeckten, machten wir uns an eine Sonntag auf ins nahegelegene Bitritto, wo sich dieser Familienbetrieb, einer der ältesten in ganz Italien, schon seit dem 17. Jahrhundert befindet. Mit seinen hochwertigen Produkten hat er sich einen guten Ruf erarbeitet sowie viele Auszeichnungen eingeheimst. Da wir ohne Traktor und Kisten vorfuhren, fielen wir schnell auf wie bunte Hunde. Unser großer Fotoapparat trug ein übriges dazu bei, Aufmerksamkeit zu erregen, und so kam es, dass sich uns Lina näherte. Eigentlich gehörte sie zum Büropersonal und machte hauptsächlich Abrechnungen. Das erfuhren wir natürlich erst später. Zunächst warnte sie uns vor den herumsausenden Gabelstaplern und wollte dann wissen, warum wir uns mit der Kamera bewaffnet hatten. Als sie hörte, dass ich ein paar Fotos für meinen Blog schießen wollte, erbot sich sich gern, uns ein bisschen herumszuführen.

Bevor die Oliven gepresst werden, nehmen sie ein Rüttelbad, um sie von Schmutz, Blättern und Astteilen zu befreien.

Sie erklärte uns, dass alle Plastikkisten gekennzeichnet werden, damit jeder Bauer das Öl seiner eigenen Oliven zurückbekommt. Dann zeigte sie uns, wo die Oliven gewaschen und von Blättern und Erde getrennt werden. Vor der Tür der eigentlichen Mühle erklärte sich uns auch, dass sie sowohl elektronische aus auch traditionelle Pressen haben. Der Prozess ist jedoch seit Jahrhunderten der gleiche. Die Oliven werden zerquetscht. Das austretende Öl muss durch Zentrifugieren vom Wasser getrennt und dann abgefüllt werden.

Nach dem Bad läuft heute alles mechanisch weiter. Die Maschinen machen einen Höllenlärm.

Ich wollte wissen, was mit den Abfällen passiert. Anscheinend hatte Lina nur auf diese Frage gewartet, denn wie aus der Pistole geschossen, erzählte sie uns stolz, dass „De Carlo“ die Kerne als Heizmaterial und das vom Öl getrennte Wasser als Dünger auf dem Feld verwende. Auch sonst lege man großen Wert auf Nachhaltigkeit. So käme der Strom von einer Solaranlage auf dem Dach. Die ca. 25.000 Olivenbäume des Betriebes werden mit höchster Sorgfalt gehegt und per Hand abgeerntet. Ein bisschen verschämt wirkte sie, als ich sie fragte, was mit dem Olivenabfall passiert, der nicht Kern ist. „Der wird verkauft.“ Ich hakte nach, weil sich mir nicht erschloss, wer Abfall kaufen sollte.  Aber dann verstand ich, was sie so widerwillig von sich gab: Aus diesem Abfall kann man weiter Öl gewinnen. Lina bestätigte das nicht und erklärte, dass man diesen sogenannten Trester auch als Futter in der Schweinemast verwenden könne. Logisch, wer will schon mit minderwertigem Öl zu tun haben. Ein kleiner Wehrmutstropfen mischte sich unter meine Begeisterung.

In einem zweite Raum wird noch so gepresst wie schon vor Hunderten von Jahren mit dem Unterschied natürlich, dass die schweren Mühlsteine heute von einem Motor angetrieben werden. Wie das im 12. Jahrhundert aussah, zeige ich euch hier.

Im Internet fand einen interessanten Beitrag zum Thema Olivenöl auf „Pane e Coperto„. Darin schreibt Volker Heinze: „Ich bitte aber dieses Öl nicht mit den industriell hergestellten Fabrik-Ölen zu verwechseln, bei denen die bereits zweimal durchgepressten Pressabfälle von den Manufakturen an die Großhersteller verkauft werden. Diese kaufen nun inzwischen auch aus sämtlichen anderen Ländern solcherart Abfälle zusammen, um damit im Thermodruckverfahren tonnenweise unter Zugabe von gepressten Oliven das gängige günstige Olivenöl (…) für unsere Supermärktketten zum Billigpreis zu produzieren…“

Waschen und ordentlich zerquetschen – schon fließt ein aromatisches, gelbgrünes Öl aus dem Hahn und muss nur noch abgefüllt werden.

Dass die italienischen, spanischen oder portugiesischen Ölmühlen in Kauf nehmen, dass Dritte die Verbraucher mit ihren Abfällen täuschen, kann man nicht verübeln ohne zu heucheln. Solange die Betriebe mit Qualität dagegensetzen gibt es zum Glück eine Alternative. Jedem sollte klar sein, dass ein gutes Olivenöl seinen Preis hat, z.B. 100 ml Extra Vergine von De Carlo in einem niedlichen Keramikfläschchen – 6 Euro oder 250 ml Olivenöl gepresst zusammen mit Zitronen oder Mandarinen aus eigenem Anbau – 8 Euro. Da weiß man wenigstens, was man isst.

Wer in der Nähe ist, sollte unbedingt den kleinen, aber feinen Hofladen aufsuchen. Noch gesündere Souvenirs oder Geschenke kann man kaum finden.

Noch nicht genug vom Gold Apuliens? Hier geht es zum Betrag über meine eigene Olivenernte auf der Terrasse: Olivenernte. Beeindruckende, Jahrhunderte alte Olivenbäume findet man in der Gegend um Fasano. Und so sieht er aus, der Frühling im Olivenhain.

Sonntagvormittag in Monopoli

Sonntags um 10 – die Fischer haben ihre Kutter längst wieder im Hafen vertäut und den Fang verkauft.

Nachdem ich in 6 Jahren nicht ein einziges Mal in Monopoli war, fand ich mich in diesem Jahr gleich zweimal in der kleinen Hafenstadt bei Bari wieder. Zunächst im Frühling, als meine Mama uns besuchte und dann wieder im Herbst anlässlich einer weiteren Besucherin. Die hübsch restaurierte Altstadt bietet sich geradezu zu einem Vormittagsspaziergang an. Zahlreiche Bars haben noch im November die Stühle vor der Tür stehen und in windstillen Ecken möchte man fast meinen, es wäre noch Spätsommer.

Karl V. ließ dieses wehrhafte Kastell über einer Kirche aus dem 10. Jh. errichten. Auch messapische Mauerreste aus dem 5. Jh wurden mit eingeschlossen.

Vor dem Stadtschloss, einem Kastell aus dem 16. Jahrhundert, liegt malerisch der Hafen mit Fischkuttern und kleinen Fischerbooten. Anlässlich einer im Kastell stattfindenden Fotoausstellung wurden großformatige Fotos auf viele historische Gebäude Monopolis aufgebracht und geben den alten Mauern einen zusätzlichen Aufmerksamkeitswert. Eine schöne Idee!

Auch an idyllischen und blitzblanken Gassen mangelt es der Stadt nicht.

 

Wandern und baden im Naturschutzgebiet – Torre Guaceto

Sandige und felsige Strandabschnitte wechseln sich bei Torre Guaceto ab und bieten immer wieder neue Traummotive für Hobbyfotografen wie uns.

Wenn es um azurblaues Wasser und traumhafte Strände geht, dann ist man in Apulien gerade richtig. Das beweisen auch die Strände und Buchten von Torre Guaceto in der Nähe der Weißen Stadt, Ostuni. Bei „Torre Guaceto“ handelt es sich auf der einen Seite um einen der vielen Küstenwachtürme, die mehr oder weniger gut erhalten in Sichtweite voneinander die apulische Küste säumen und dazumal ein gutes Nachrichtensystem gebildet haben. Auf der anderen Seite jedoch handelt es sich hier um ein riesiges Naturschutzgebiet.

Gleich nach dem Strand beginnt die „Macchia“ – ein Gebiet mit niedrigen Büschen und einem sich inzwischen regenerierenden Bestand an kleinwüchsigen Bäumen.

 

Seit Jahren arbeiten ein Verbund der anliegenden Gemeinden, die Fischer, die Slow Food Stiftung für Biodiversität und der WWF zusammen, um die Fischbestände vor allem in der Zone C zu stabilisieren. Außerdem schließen sich hinter den Dünen ein ausgedehntes Feuchtgebiet und die steppenähnliche Macchia an die Strände an, welche unzähligen Vogel- und Insektenarten eine Heimat bieten. Daher gibt es auch eine Vogel-Beobachtungsstation.

 

Zu einem ganz besonderen Erlebnis kann  der Besuch der Schildkrötenauffangstation werden. Als wir Torre Guaceto im Oktober als Picknick-Ziel ausgewählt hatten, befanden sich drei riesige Meeresschildkröten in der Station. Im Grunde traurige Schicksale – einer der gepanzerten Riesen wurde von einer Schiffsschraube, der andere von einem Schleppnetz verletzt – aber zum Glück wird es dank dieser Päppelstation für die drei noch einmal gut ausgehen.

 

Hier waren schon vor uns kreative Baumeister am Werk -sehr zur Freude von Davide.

Vom Parkplatz „Punta Penna Grossa“ aus kann man sich die Zone B und A am Strand entlang erlaufen. Die vier Kilometer führen über weiße Sandstrände und schroffe Steine. Da diese Bereiche nicht mit dem Auto zugänglich sind, findet sich hier jede Menge Strandgut. Leider nicht immer nur weiß gewaschenes Treibholz, sondern auch Plastik- und anderer Müll aus dem Meer oder trotz zahlreicher Mülleimer von Badenden hinterlassene Flaschen. Trotzdem klickt der Fotoapparat ohne Unterbrechung, denn jeder Schritt bringt ein neues traumhaftes Panorama vor die Linse.

Noch eine Bucht bis zur Landzunge mit unserem Ausflugsziel.

Der Turm „Torre Guaceto“ selbst ist zwar restauriert und mit einem kleinen Anbau versehen, jedoch nicht zugänglich. Doch irgendwann tauchte er auf einer Landzunge auf und erweckte beim Näherkommen einen immer stärkeren Eindruck vom romantischer Einsamkeit und Weltabgeschiedenheit. Als wir ihn aber erreicht hatten, stand ein Dienstfahrzeug der „Forestale“ (so eine Art Forstbehörde) davor, die vermutlich auf Streife war. An einem winzigen Strand mit Blick auf den Turm sonnten sich zwei Touristinnen hinter einem hohen Gebüsch. „Weltabgeschieden“ kann man den Flecken also nicht nennen, aber trotzdem recht einsam und vor allem auch sehr windig.

Auch hier waren kreative Köpfe unterwegs und haben den weichen Tuffstein zu einem Relief geformt.

Ein Strandabschnitt bestand aus diesem feinporigen Gestein und wies immer wieder große kreisrunde Löcher auf. Was es wohl damit auf sich haben mag?

Zum Naturschutzgebiet gehört außerdem ein Besucherzentrum in Serranova, in dem man sich schon vor dem Besuch über die Zonen und die darin möglichen Aktivitäten informieren und sich auch Fahrräder ausleihen kann. Nicht zuletzt werden die Besucher hier neben dem Wind auch vom Atem der langen Geschichte Apuliens angehaucht, denn in dem Gebiet von „Torre Guaceto“ siedelte man schon im Bronzezeitalter. Bei dieser beeindruckenden, abwechslungsreichen Komposition aus Stränden, sowie der artenreichen Flora und Fauna kein Wunder!

Vor dem Turm bietet dieses Gewölbe Raum für Spekulation und Fledermäuse. Fototechnisch verstellt es gekonnt den Blick auf die Mülltonnen vor dem Anbau.

 

Unendlicher Sandstrand und wieder ein Türmchen – Torre Chianca

Strand bei Lecce. Unendliche Weiten. Wir schreiben Ende September.

Während unserer Küstenfahrt in der Nähe von Lecce im Salento stießen wir immer wieder auf mehr oder weniger gut erhaltene Türme. Auch der Wachturm von Torre Chianca gehörte zur Wachturmkette, mit der man im Gefahrenfall schnell die ganze Küste alarmieren konnte. Das war aufgrund von Piratenangriffen seit der normannischen Zeit, bei denen ganze Küstenstädte geplündert und ihre Bewohner in die Sklaverei entführt wurden, auch bitter nötig.

Das meine ich, wenn ich von „glasklarem Wasser“ spreche.

Der Turm von Torre Chianca markiert denn auch einen der beliebtesten Strände nur 20 Autominuten von Lecces Zentrum entfernt. Nördlich von hier, in Richtung Brindisi, schließen sich kilometerlange Sandstrände an, die wie für Familienurlaub gemacht sind. Glasklares Wasser, das nur sehr flach abfällt, lässt Kinder ungestört plantschen und Eltern entspannt die weißen oder goldenen Sandstrände genießen. Auch Angeln, Krebsfischen oder Strandwanderungen werden hier gern ausgeübt. Über eine schmale Küstenstraße und Sommerwohnsiedlungen kommt man immer wieder auf noch schmaleren Einbahnstraßen mit dem Auto bis an die Dünen heran. Allerdings nur in der Nebensaison. In der Hauptsaison rollt die Blechlawine und man muss u.U. recht weit vom Wasser entfernt (wild) parken.

Noch ein Tipp: Von der zauberhaften Abtei Santa Maria di Cerrate ist der weitläufige Strand nur einen Steinwurf entfernt.

Vorsicht Ferrovitis!

Kleiner Exkurs in die TV-Zugwelt

Davide in einem Waggon (Bj. 1925) des „Museo Ferroviario della Puglia“

Bei unserem Kind wurde „akkute Ferrovitis“ diagnostiziert. Bisher nur von mir. So weit ich weiß, ist diese Krankheit zwar relativ verbreitet, aber bisher noch nicht eindeutig benamst. Kur gesagt ist unser Kind verrückt, verrückt nach Zügen. Dabei fing alles noch recht harmlos mit „Bob, die Bahn“ an, die mit Hilfe von YouTube pseudopädagogisch Buchstaben suchend durch’s Kinderzimmer fuhr. „Troy, der Zug“ und seine Schienenkumpel waren wortwörtlich nur einen Klick weit von Bob entfernt. Inzwischen sind wir bei komplexeren Geschichten wie „Thomas und seine Freunde“, sowie den recht gruseligen „Robotrains angekommen. Nicht zu vergessen „Chuggington“ – noch ’ne Zugserie. Natürlich haben Züge in Form von „Lego-Lupo“ (O-Ton), ikeischer Holzeisenbahn und „Thomas“-Nachbildungen längst auch physischen Einzug in unsere Wohnung gehalten, wobei man hier besonders die Qualität loben muss, denn man kann wirklich sehr oft drauf treten, ohne dass etwas kaputt geht.

Anfahrt – Vertraue keinem Verkehrsschild

Bei so viel Begeisterung für Schienenfahrzeuge lag es bei unserem Kurzurlaub in Lecce nahe, auch dem dortigen apulischen Eisenbahnmuseum „Museo Ferroviario della Puglia“ einen Besuch abzustatten. Leider wissen nicht einmal alle Einwohner Lecces, dass die Stadt ein Eisenbahnmuseum hat. So konnten sie uns denn auch gar nicht weiterhelfen, als Luigi mir hysterisch das Einbiegen in eine Straße mit zwei LKW-Sperren aus Beton und einem „Einfahrt verboten“-Schild verwehrte, während unser Navigationssystem uns sofort ermahnte, zu wenden und besagte Straße zu befahren. Nachdem wir entgegen dieser Empfehlung lieber eine halbe Stunde durch Lecce geirrt waren, helfen wollende Bewohner gar nichts raten oder nur vage „das muss irgendwo in der Nähe vom Bahnhof sein“ sagen konnten, unser Navi uns über verschlungene Pfade zur verbotenen Einfahrt zurückgeführt hatte und das liebe Kind auf dem Rücksitz zum hundertsten Mal gefragt hatte, wann wir endlich am Eisenbahnmuseum ankämen, warf ich Luigi vor, deutscher als eine Deutsche zu sein, und schlängelte unseren Panda zwischen den Betonsperren hindurch. Nach 100 Metern waren wir am Ziel angekommen.

Diese kleine Lok, nur Automotore genannt, wurde 1963 von der Firma Badoni in Lecce hergestellt und verbrachte ihr Arbeitsleben in der Tabakmanufaktur der Stadt. Sie und ihre Geschwister dienten alle in der Industrie.

Rekonstruktion eines typischen elektronischen Stellwerks aus den 60er Jahren mit Relais-Schränken, Kontrollpult und natürlich dem Läutwerk

Einen Parkplatz gab es nicht. Wir hielten einfach am Straßenrand an. Eigentlich konnten wir ja niemanden behindern. Das Personal erzählte uns später, dass ein von ihnen gemaltes Hinweisschild für das Eisenbahnmuseum von der Straßenmeisterei mit einer ausdrücklichen Ermahnung wieder entfernt worden war. Es ist daher geraten, dem Navi zu vertrauen, falls es euch auch hinziehen sollte. Es stellte sich nämlich bald heraus, dass es das Museum absolut Wert war, gegen eine Verkehrsvorschrift verstoßen zu haben.

 

Metallriesen zum Anfassen und Einsteigen

Diese wuchtige Elektrolok aus dem Jahr 1932 war bis 1997 ununterbrochen im Einsatz. Im Jahr 2002 konnte sie der Museumsverein gerade noch vor der Verschrottung bewahren.

Ab 1997 begannen die Bemühungen einer Gruppe von Eisenbahnfreunden (AISAF) langsam die Form des heutigen Museums anzunehmen. In den ehemaligen Eisenbahnwerkstätten von Lecce restaurierten sie in liebevoller Handarbeit Dampf-, Diesel- und Elektrolokomotiven, sowie Wagons aus verschiedenen Epochen und trugen außerdem Dokumente, Erinnerungsstücke und

Ein kleines Schiebefahrzeug aus dem Jahr 1934, das seit 2007 dabei hilft, die Museumszüge zu bewegen.

Miniatureisenbahnen aus ganz Europa zusammen. Dass immer noch Potenzial vorhanden ist, zeigen eine ganze Reihe schrottiger Fahrzeuge, die noch auf ihre Restaurierung warten. Natürlich ist wie überall das Geld knapp, auch wenn das Museumspersonal aus Eisenbahnveteranen ehrenamtlich arbeitet.

Ein Modell im Saal F zeigt eine typisch amerikanische Forsteisenbahn.

Eng, Gitterstäbe an den Fenstern und keine Fenster in den Abteilen – beklemmender Gefängniswaggon.

Wir waren die ersten Besucher an diesem Tag und schon der Eintrittskartenverkäufer nahm sich ausführlich Zeit für einen Schwatz. Seine erklärenden Worte machten schnell die Liebe zur Schiene und zu allem, was damit zusammenhängt, deutlich. Seinem Kollegen ging es nicht anders. Wie große Kinder führten sie uns mit leuchtenden Augen die Technik vor, ließen Schrankenglocken klingeln und Züge durch selbstgebaute Landschaften fahren. Solchermaßen wurden nun auch wir Erwachsenen mit dem Eisenbahnvirus infiziert und in die Ausstellung der Metallriesen entlassen, wo wir ungestört Begeisterungsrufe ausstoßend durch die Hallen und das Außenareal stöbern konnten. Wer kann beispielsweise von sich sagen, dass er schon mal in der Zelle eines Gefängniswaggons gesessen hat? Vielleicht versprüht das Museum gerade deswegen diesen Charme von ungebremster Neugier und hemmungsloser Freiheit, der schon während des Besuches sicher werden lässt, dass man irgendwann zurückkehren wird.

Ein Zug ist mit seiner Dauerausstellung „Signori, in Carrozza“ (etwa: „Alles einsteigen bitte“) den Eisenbahnen in ganz Europa und Amerika gewidmet. Hier werden Modelle, Plakate und andere Dokumente gezeigt.

Dieses Foto für nostalgische Bundesbürger aus der südwestlichen BRD.

Der WOW-Effekt für Kinder

Dampflok mit dem Gesicht eines „TV-Helden“.

Das Highlight für unseren Kleinen kam jedoch zum Schluss: Nachdem wir zweimal (!) durch die ganze Ausstellung gewandert waren, lud uns der Eintrittskartenverkäufer noch einmal in den Saal mit den Dampflokomotiven ein. Schelmisch erklärte er, dass sie das eigentlich nur machten, wenn Kindergärten in das Museum kämen. Dann öffnete er die Rauschkammertür einer Dampflok und brachte damit das „Gesicht“ der TV-Lokomotive „Thomas“ zum Vorschein, was Davide zu einem Überraschungsschrei und wildem Herumgehüpfe veranlasste. Ganz klar, dass er heute noch davon überzeugt ist, dass „Thomas“ in Lecce lebt und nicht wie bis dato eigentlich angenommen auf der Insel Sodor.

 

Im Außenbereich sieht man, dass es noch viel zu restaurieren gibt.

Wer also mit Kindern bei Lecce in Apulien unterwegs ist oder tatsächlich mal eine Schlechtwetteralternative braucht, ist im „Museo Ferroviario della Puglia“ bestens aufgehoben.  Es gibt einen sehr schönen Illustrierten Museumsführer, allerdings nur auf Italienisch. Alle Erklärungstafeln sind auf Italienisch und Englisch, aber die Ausstellungsstücke sind allein schon so beeindruckend, dass man sich auch ohne Hintergrundwissen keinesfalls langweilt.

 

Adresse: Via Giuseppe Codacci Pisanelli 3, 73100 Lecce (an der Brücke einfach reinfahren)

Öffnungszeiten
Di – So: 9:30-12:30 Uhr
So auch 16 – 19 Uhr

Eintritt
Erwachsene: 5 Euro
Kinder unter 6 Jahren frei
Kinder von 6-13 Jahren: 1 Euro
Jugendliche von 14-18 Jahren: 2 Euro

San Cataldo – Baden zwischen römischen Ruinen

Etwas mit dem Apulien niemals geizt, sind Wasser und Strand. Auf ca. 800 km Küste findet sich fast überall ein Zugang zum Meer. Besonders beliebt bei Wasserratten ist der Salento, ist die Region, die den Stiefelabsatz bildet, doch bis auf seine nördliche Grenze von Meeren umgeben. Bisher habe ich Andria-Strände wie den romantischen Roca Vecchia oder die einladenden Buchten von Melendugno vorgestellt, die außerhalb von Ortschaften liegen. Doch es wimmelt an der Küste nur so von Badeorten, welche im Winter wie ausgestorben daliegen und im Sommer von Touristen und Einheimischen mit Zweitwohnung am Meer geradezu überschwemmt werden.

Zu ihnen gehört auch San Cataldo, das man nur 11 km vom Hauptort des Salento, der barocken Stadt Lecce, entfernt findet. Hier lagerten selbst Ende September noch so viele Personen am Strand, das man ihn „voll“ nennen konnte. Natürlich gibt es auch hier klares Wasser und ein paar Felsen. Was den Strand mitten in der „Stadt“ jedoch einzigartig macht, sind die Mauerreste eines Hafens, der unter dem römischen Kaiser Hadrian einst ungleich bedeutender war als heute. Diese werden leider immer mehr von den Wellen verschluckt, sodass ein Foto wie das hier vielleicht bald nicht mehr möglich sein wird.

Was macht man sonst in San Cataldo? Nicht viel. Hierher kommt man nur zum Ausruhen und Baden. Ein kleiner Hafen lockt Bootstouristen. Ein paar kleine Geschäfte, Supermärkte, Pizzerien und Restaurants bieten während der Sommerfrische alles, was Urlauber brauchen, wenn sie nicht gerade am Wasser liegen oder die gut ausgebaute Strandpromenade entlang flanieren. Von November bis März versinkt die Stadt dann wieder in einen feuchtkalten Winterschlaf. Kein Problem für uns. Der September mit seinem Sommerausklang war perfekt für einen Abstecher nach San Cataldo. Der Frühling und Frühsommer dürften mit ihrer gemäßigten Wärme für Mitteleuropäer ebenso geeignet sein. Allerdings ist das Wasser dann noch nicht so warm.

Wo baden die Wagemutigen?

Auf dem Absatz des italienischen Stiefels lohnt es sich, alle paar Hundert Meter anzuhalten und einen Blick auf das Meer zu werfen. Über den Strand von Roca Vecchia, der mich wegen seines pittoresk auf einem Felsen mitten im Wasser zerfallenden Wachturms beeindruckt hat, habe ich schon begeistert berichtet. Dank seiner Ausgrabungsstätte genießt er einen höheren Bekanntheitsgrad.

Doch auch nördlich von Melendugno, etwa 20 Autominuten vom Zentrum von Lecce, wurde zwischen den schroffen Felsen immer wieder Sand zu einem kleinen oder größeren Strand angeschwemmt, so dass sich urplötzlich Badebuchten mit malerischem Blick auf Felsen eröffnen, die ihre Schönheit der beharrlichen Erosion verdanken. Über heruntergebrochene Stellen (gefährlich!) oder in den Fels gehauene Treppchen (weniger riskant) gelangt man ans Wasser hinunter. Während Davide in die Fluten abtauchte und sein Vater ein wachsames Auge auf ihn hatte, konnte ich mir den Strand erwandern und mich gar nicht am wunderbaren Grünblau des Wassers satt sehen.

Aus der Ferne grüßte auch hier ein Wachturm herüber, derer zahlreiche entlang der apulischen Küste stehen, weil sie in früheren Zeiten wesentlicher Bestandteil einer Nachrichtenkette waren. Die wohlhabenden Hafenstädte wie Otranto waren nämlich im 16. Jahrhundert begehrte Opfer von Piraten. Über die Wachturmkette konnte mit Rauchzeichen Hilfe angefordert und die Bevölkerung der Umgegend gewarnt werden.

Wenn ich mir die Fotos so betrachte, dann möchte ich gleich wieder in dieses glasklare Blau eintauchen. Mit einem Piratenangriff braucht man im Moment wahrscheinlich nicht zu rechnen.