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Arbeiten in einem der schönsten Orte Italiens

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Super, wenn man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann. Während ich also heute darauf achte, dass unsere Examenskandidaten ihre Antworten in die richtigen Felder schreiben, genieße ich den Blick aus dem Fenster. Über den Steinmäuerchen des Itria-Tals reckt sich die Mutterkirche von Locorotondo, eine der offiziell 100 schönsten Orte Italiens, in den Pastellhimmel. Wer da keinen Spaß bei der Arbeit hat, ist selbst Schuld!

Die Tage der Amsel – Apulienwetter im Januar

„Madonna, Santa!“, empfing mich Maria gestern an ihrer Wohnungstür angesichts meiner geöffneten Winterjacke. „Bei dieser Kälte kannst du doch nicht mit offener Jacke gehen!“ Nun empfinde ich 10 Grad bei Sonnenschein nicht gerade als „Kälte“, aber ich bin ja auch kein Maß für Apulien. Die Apulier haben sich wie jedes Jahr Ende Januar auf einen großen Wintereinbruch eingestellt.

So sieht der kalte Januar in Apulien aus, wenn es nicht regnet.

„I giorni della merla“, (dt. die Tage der Amsel) werden die letzten drei Tage im Januar genannt und ihnen frostiges Wetter zugeschrieben. Kaltes Winterwetter an diesen Tagen bedeutet einen zeitigen und schönen Frühling. Schönes Wetter an den Tagen der Amsel hingegen sagt einen späten Frühling voraus. So heißt es hier. Wie gut, dass meine Schwiegermutter 10 Grad als empfindliche Kälte wertet. Der Frühling dürfte also für deutsches Empfinden schon Ende Februar einsetzen.

Die Alpenveilchen haben kein Problem mit Amseltagen.

Was steckt nun hinter diesen Amseltagen? Eine Geschichte natürlich. Dernach wollte die Amsel, welche bis dahin noch wie der Amselmann ein schwarzes Gefieder hatte, dem bitterkalten Januar ein Schnippchen schlagen. Das war  zur Zeit des zweiten römischen Königs namens Ruma Pompilius, als der Januar nur 28 Tage hatte. Die pfiffige Amsel sammelte also Vorräte und schloss sich den ganzen Monat über in ihr Nest ein. Dort harrte sie bis zum 28 Januar im gemütlich Warmen aus. Dann kam sie heraus, um den kältesten Monat ob ihres gelungenen Schelmenstückes mit ihrem Gesang zu verspotten.

Der Januar rächte sich sofort, indem er sich vom Februar weitere 3 Tage borgte und das Land mit Eis, Schnee und kaltem Regen überzog. Die Amsel konnte sich gerade noch in einen Schornstein retten, wo sie sich die folgenden drei Tage lang vor dem wetterlichen Unbill versteckte. Als sie wieder herauskam, war ihr ehedem schwarz glänzendes Gefieder vom Ruß ganz grau gefärbt. Und so ist es bis heute geblieben. (erzählt nach wikipedia)

Also dann: Macht die Jacken zu und freut euch auf einen zeitigen Frühling!

Papa sagt „treno“ oder Keine Angst vor Zweisprachigkeit

„Ich finde es fantastisch, wie du das mit deinem Sohn handhabst“, machte mir unlängst eine Arbeitskollegin angesichts der Tatsache, dass Davide, je nach dem ob er sich an mich oder an jemand anderen wendet, problemlos zwischen Deutsch und Italienisch hin- und herwechseln kann, ein Kompliment.  Ich nahm es nicht mit dem erwarteten Stolz an, denn für mich war es keine große Leistung, sondern einfach normal. Daher entspann sich eine längere Unterhaltung. Während dieser erzählte mir besagte Arbeitskollegin, die vor 20 Jahren aus Kanada nach Apulien gekommen war, dass sie damals zwar gern mit ihren Kindern Englisch gesprochen hätte, sie jedoch eine Scheu davon abgehalten habe, unangenehm aufzufallen.

Aus diesem Grund möchte ich in diesem Blogbeitrag eine Lanze dafür brechen, sich wie bei so vielen Dingen im Leben auch bei der Zweisprachigkeit nicht danach zu richten, was anderen denken mögen, sondern einfach dem eigenen Bauchgefühl zu folgen. Nichts anderes habe ich nämlich getan. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mit meinem Kind Italienisch zu sprechen. Ich denke, schon von dem Moment an, als ich wusste, dass ein kleines Wesen in meinem Bauch heranwächst, ganz sicher aber ab dem Moment, an dem ich Davide zum ersten Mal an mein Herz drückte, konnte ich meine tiefinnersten Gefühle und Gedanken nur in meine Muttersprache fassen, sowohl gesprochen als auch gedacht. Das lag natürlich bloß zum Teil an mangelnden Italienischkenntnissen.

Mutter und Sprache

Als Muttersprache bezeichnet man normalerweise, die in der frühen Kindheit ohne formalen Unterricht erlernte Sprache. Obwohl diese Definition problematisch ist, sagen wir dennoch nicht umsonst Muttersprache. Vom ersten Atemzug an, nehmen wir ihren Klang in uns auf. In ihr herzen und liebkosen uns unsere Mütter. Sie trösten uns darin, singen uns in den Schlaf, erzählen uns Geschichten und – ja, klar – schimpfen uns auch mal aus. Alle unseren Emotionen werden von unserer Muttersprache mitgetragen.

Der Duden sagt, der aktive Wortschatz eines Deutschen betrage 12 000 bis 16 000 Wörter. Selbst wenn 3500 davon Fremdwörter sein sollten, wird derjenige, der viel liest und selbst Texte verfasst, über diesem Durchschnitt liegen. In der Bandbreite der Ausdrucksfähigkeit dürfte die Muttersprache einer Person, die wie ich den größten und vor allem den prägendsten Teil ihres Lebens im Land der Muttersprache verbracht hat, immer weit vor der Ausdrucksfähigkeit in einer Fremdsprache rangieren.

Aber unsere Welt wandelt sich und immer mehr Kinder wachsen in Familien auf, in denen die Eltern verschiedene Muttersprachen sprechen.

Erstsprache

Gerade jetzt, wo Väter immer stärker an der Erziehung der Kinder teilhaben, gestalten sie natürlich auch den Sprachschatz ihrer Kinder mit. Außerdem verbringen viele Menschen einen großen Teil ihres Lebens nicht mehr nur in einem Land, sondern werden schon in jüngeren Jahren durch Migration in einem Land mit einer anderen Sprache heimisch, welche sie möglicherweise irgendwann besser sprechen als die zuerst erlernte Sprache. Daher redet man in Fachkreisen lieber von der Erstsprache statt von einer Muttersprache, wenn man die von einer Person überwiegend genutzte Sprache meint.

Wenn nun ein Kind wie Davide mit zwei Sprachen gleichzeitig aufwächst, dann hat es zwei Erstsprachen oder – für uns Laien – zwei Muttersprachen.

Integration vs. kulturelle Identität

Was meine Arbeitskollegin bis heute bereut, ist tatsächlich, ihren Kinder nicht die Möglichkeit gegeben zu haben, mühelos und gleichzeitig zwei Sprache zu erwerben, wie auch immer man sie jetzt bezeichnen möchte. Statt dessen wollte sie selbst nicht als Fremde auffallen und dachte auch, es wäre gut, wenn ihre Kinder nicht wie sie selbst zwischen den Kulturen stünden. Wenn sie allerdings heute mit ihnen Englisch spricht, merkt sie, dass ihre inzwischen erwachsenen Kinder die Sprache zwar auf einem sehr guten Niveau, aber nicht so nouanciert wie Italienisch verwenden können. Leider hatte man im Apulien der ausgehenden 90er Jahre kein Verständnis dafür, dass sich jemand in einer Sprache äußert, welche die Umgebung nicht versteht. Selbst die Familie ihres Mannes hat sie nicht darin bestärkt, mit ihren Kindern Englisch zu sprechen. Aber halt! Jetzt nicht auf die Apulier schimpfen, sondern daran denken, dass einem selbst manchmal unwohl wird, wenn die Menschen direkt neben einem in einer „Geheimsprache“ reden. Ich denke da beispielsweise an Arabisch.

Wie ich eingangs schon sagte, habe ich mir darüber wenig Gedanken gemacht, wie viele Vorteile Davide von zwei Muttersprachen haben könnte. Ich sah eigentlich eher meinen eigenen Vorteil (die Bequemlichkeit) und die Notwendigkeit beruhend auf der Tatsache, dass seine gesamte deutsche Verwandtschaft kein Italienisch spricht. Doch, wenn man schon gemeinhin sagt, dass das Erlernen von Fremdsprachen gut für das Gehirn ist, muss eine zweite Muttersprache mindestens genauso gut wenn nicht besser sein. Ganz davon zu schweigen, wie wertvoll gute Sprachkenntnisse in der heutigen Arbeitswelt sein können.

Davides sprachliche Entwicklung

Es war also von Anfang an klar, dass Davide mit zwei Sprachen gleichzeitig aufwachsen wird. Wie war das nun konkret? Ich versuche es aus meinen Erinnerungen und Aufzeichnungen zu rekonstruieren. (An dieser Stelle noch einmal: Danke, Michy, für das „Mama-Tagebuch“Ein Geschenk von unschätzbarem Wert für jede Mutter.)

Davides erste Weihnachtskarte entworfen von seiner Cousine Gaia

Davide ist im Juli 2015 geboren. In Italien gibt es nur vier Monate Mütterzeit. Ich ging also drei Monate nach seiner Geburt bereits wieder arbeiten. Die Vormittagsbetreuung übernahm Davides Oma, die Nachmittagsbetreuung überwiegend sein Vater. Im ersten Jahr sprach er nur einzelne Wörter, aber ab etwa einem halben Jahr, machte es ihm sichtlich Spaß, sich an immer den selben Lauten zu erfreuen, die er verschiedenen Tonhöhen und auf verschiedene Weise aussprach. Von seinen Cousinen bekam er in dieser Zeit den Spitznamen „Mr. Dada“. Gestikulieren und „dada“  sagen bewirkte bis zum Sommer 2016 alles, was er wollte.

Seine Umgebung sprach einfach Italienisch mit ihm. Ich hingegen sprach Deutsch und sang ihm deutsche Kinderlieder vor. Wenn zwei gleichzeitig zu lernende Muttersprachen einen guten Einfluss auf das Gehirn haben, dann sah man das im ersten Jahr nicht. Außer vielleicht, dass er schnell begriff, dass das Herumtragen im Baby Carrier bequemer war, als selbst zu laufen.

Das konnte ich schon als Kind auswendig aufsagen: Roland Neumnn und Klaus-Dieter Pavel: Kleine Maus, Kinderbuchverlag Berlin (DDR), 5. Auflage 1982, S. 9

Ich kramte nach Weihnachten alte Kinderliederschallplatten und CDs mit deutschen Kinderliedern hervor. Der unvergessene Reinhard Lakomy und seine fantasie- sowie musikalisch und sprachlich anspruchsvollen Geschichtenlieder (Bsp. hier) wurden zum Abendprogramm. Sie werden auch heute noch gerne gehört. Meine alten Bilderbücher kamen (und kommen) ebenfalls zum Einsatz. Glücklicherweise fand sich Vieles auf dem Dachboden meiner Eltern wieder.

 

Das zweite Jahr

Sommer 2016 in der Henzendorfer Heide – So viel Natur!

Während und nach unserem Deutschlandurlaub im Sommer 2016 bemerkten wir, wie er immer häufiger Dinge um sich herum benannte, sowie in Zwei-Wort-Sätzen zu sprechen begann: „Gugga, Mama!“ (Guck mal, Mama!) Manchmal bezeichnete er Personen und Dinge mit zweisilbigen Worten, die nicht unbedingt einer richtigen Sprache angehörten: Oma/ Opa waren beispielsweise „ebba“ oder ein Zug – dindi (nach dem Geräusch des Alarms heruntergehender Schranken). Allerdings verstand er in beiden Sprachen alles, was man ihm sagte. Das wurde  deutlich, wenn wir ihn ein Spielzeug holen schickten oder beim Bücheranschauen Bilder zeigen ließen.

Denkwürdig auch sein erster deutsch-italienischer Drei-Wort-Satz vom März 2017: „Ada mia-mia alle.“ (Mein Wasser ist alle.)  Mit Vorliebe wiederholte er jetzt Worte, die er von uns hörte und es machte ihm Spaß sie zu verdoppeln. Statt einfach nur „mehr“ zu sagen, sagte er „mehr-mehr“. Vor der Haustür der italienischen Oma wurde mit Baumaschinen gearbeitet. Daher stand dort ein „Ninna, Backa-Backa.“ (Der Backer von oder bei Oma, it. „nonna“) Wir bemerkten auch deutlich, dass er viel nachzusprechen versuchte. Im Mai 2017 wurde „Beerbeer“ (Erdbeere) sein Lieblingsessen. Und dann ging es immer schneller. Täglich kamen mehrere neue Wörter hinzu, sodass ich nicht mehr alle aufschrieb; hauptsächlich handelte es sich um Wörter für Fahrzeuge, Baumaschinen und Tiere aus seinen Büchern – mit Papa auf Italienisch, mit Mama auf Deutsch. Kein Problem.

Das dritte Jahr

Auch nicht gerade typische italienisch.

Wieder war es der Sommerurlaub in Deutschland, der einen erneuten Schub beim Sprechen auslöste; so viel Input an Tieren, Pflanzen und Fahrzeugen auf dem Hügelland von Brandenburg! Außerdem fing er an, Teile von Kinderliedern zu singen, z.B. „Backe, backe Kuchen“. Wir waren inzwischen auf diesem YouTube-Kinderlieder-Chanel heimisch und ich wieder sattelfest im Kinderliederbereich geworden. Wir bemerkten auch seine Versuche, selbstständiger zu werden; „Mama, ‚leine!“ hörte ich immer, wenn er auf dem Fußweg nicht mehr meine Hand anfassen wollte.

 

Ende November 2017 rückte Davide auf der Warteliste nach und bekam einen Krippenplatz. Der Eintritt in die Welt anderer Kinder bewirkte wieder eine deutliche Verbesserung beim Sprechen; im Sinne dessen, dass er mehr und artikulierter sprach. „11.11.17: Heute früh mit D. Lego gebaut als er begann, Teile von ‚Zilli, Billi und Willi‘ aufzusagen. Haben dann zusammen zweimal die ganze Geschichte gesprochen. Ein zu süßer Moment, richtig bewegend.“ An diesem Tag wurde mir deutlich bewusst, dass alles, was man mit Kindern unternimmt, ein Echo hinterlässt. Es hallt vielleicht nicht gleich nach, aber irgendwann auf jeden Fall.

Bestoßen, geknickt und teilweise bekrakelt, aber trotzdem geliebt – (nach) Elisabeth Shaw: Zilli, Billi und Willi, Der Kinderbuchverlag Berlin (DDR), 5. Auflage

Im Dezember 2017 war sein längstes, deutsches Wort „Kartoffelchips“, sein längstes italienisches „triangolongo“ (eigentlich triangolo; Dreieck), sein lustigstes „Palonde“ (pantoffole). Begriffe, die er vorher komplett richtig aussprach, veränderten sich plötzlich wieder. Der „Luftballon“ wurde aus einem nicht nachzuvollziehbaren Grund zu „panko“. Im Verlauf der ersten Hälfte des Jahres 2018 wurde deutlich, dass er lieber Italienisch als Deutsch sprach.  Wir machten uns zur Regel, dass er Trickfilme nur noch auf Deutsch mit uns schaute, um den Kontakt mit der deutschen Sprache zu erhöhen. Ich redete weiter nur auf Deutsch mit ihm.  Dennoch antwortete mir Davide meistens auf Italienisch. Die Vormittage im Kindergarten und die Nachmittage zu Hause mit Papa ließen den italienischen Einfluss überwiegen. Aber Davide verstand mich. Also kein Grund zur Panik.

Das aktuelle, vierte Jahr

Drei Wochen im August 2018 in Deutschland und wieder war alles anders. Davide sprach in der ersten Woche etwas weniger. Ab der zweiten Woche plapperte er genauso gut auf Deutsch wie vorher auf Italienisch. 

Das Wort Blindschleiche kennt Davide in Ermangelung von Schleichen in Triggiano nur auf Deutsch.

Jetzt im Januar 2019 ist unser Sohn drei Jahre und 6 Monate alt. Er spricht in beiden Sprachen in vollständigen Sätzen und macht automatisch so komplizierte Dinge richtig, wie in Nebensätzen das konjugierte Verb ans Ende zu stellen. Er unterscheidet genau, mit wem er in welcher Sprache sprechen muss.  Er weiß nicht mehr alle Wörter in beiden Sprachen, aber Sätze wie „Papa sagt treno und Mama sagt Zug.“, sind bei uns ganz normal. Es gibt eine italienische und eine deutsche Sprachwelt, die sich aber größtenteils noch überschneiden. Das hängt damit zusammen, dass er mit mir manchmal andere Dinge als mit seinem Papa oder im Kindergarten macht. Ich glaube jedoch, Davide ist es nicht einmal bewusst, dass er sich in zwei Sprachsystemen bewegt. Gestern hat ihn eine Erzieherin im Kindergarten gefragt, was denn Buon giorno! (Guten Tag!) auf Deutsch bedeute. Da hat er sie verständnislos angesehen.

Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich in seinen italienischen Sätzen typische grammatische Fehler erkenne, die auch bei Deutschen auftreten, die Italienisch als Fremdsprache lernen. Zum Beispiel konstruiert er italienische Sätze im Perfekt mit der deutschen Verbstellung (konjugiertes Verb an zweiter Stelle, Partizip der Vergangenheit an der letzten): „Io ho con Michele giocato.“ (Im Italienischen müsste man sagen: „Ich habe gespielt mit Michele.“) Oder er nimmt deutsche Verben und konstruiert ein italienisches Partizip: „Papa, ho nel pantalone pullato“. (Papa, ich habe in die Hose gepullert. )

Im Deutschen fallen mir nur Fehler auf, die vermutlich auch Kinder in Deutschland machen. Er kennt die Konjugation vieler unregelmäßiger Verben und deren Partizipien noch nicht: „Papa esst eine Banane.“ oder „Ich habe Schokolade geesst.“ Er macht auch Fehler mit Personalpronomen im Dativ und Akkusativ; „mir/mich“ und „dir/dich“. Aber das wird schon. Da bin ich sicher.

Ich werde einfach weiterhin:

  • mit ihm Deutsch sprechen und singen,
  • Kinderprogramme auf Deutsch schauen (z.B. über you.tv),
  • Bücher auf Deutsch lesen,
  • Gute-Nacht-Geschichten auf Deutsch erzählen,
  • regelmäßig nach Deutschland fahren
  • und nicht zuletzt mit den deutschen Großeltern skypen.
  • Auch Webradios machen es inzwischen einfach, sich die deutsche Sprache ganz nebenbei ins Haus zu holen,
  • und deutschsprechender Besuch ist bei uns gleich doppelt willkommen.

So bleibt Deutsch weiterhin Teil unseres Alltags, denn mir ist natürlich klar, dass alles bisher Gelernte auch ganz schnell wieder vergessen werden kann, und wir dranbleiben müssen, damit der Gebrauch der deutschen Sprache als selbstverständlich empfunden wird. Auch um die Verschriftlichung werde ich mich irgendwann kümmern müssen. Aber noch nicht heute. Also pazienza  oder wie der Deutsche sagt: Kommt Zeit, kommt Rat.

Bücher mit Katzen sind bei Davide gerade sehr in Mode. Hier Britta Teckentrups Buch vom mürrischen Kater Mombert, der entgegen allen Widerständen doch von einem Freund gefunden wird.

Das „Katzenalphabet“ bietet auch auf Deutsch genug Gesprächsstoff.

Bisher hat mich nur einmal jemand pikiert gefragt, warum ich mit dem Kind denn nicht Italienisch spreche. Aus der Verwandtschaft, von Freunden und den Kindergärtnerinnen habe ich nur positive Rückmeldungen bekommen. Tatsächlich sehen es die meisten Leute hier als großes Glück, dass Davide auch Deutsch sprechen kann. Seit der Zeit, in der die Kinder meiner Arbeitskollegin aufgewachsen sind, hat sich also in Apulien und im Verständnis der Apulier viel verändert. Ich, die ich mich mit dem Italienischen herumschlage, gehe sogar so weit zu sagen, dass es ein Glück ist, dass er zwei so unterschiedliche und komplizierte Sprachen so unkompliziert erlernen kann.

Also keine Angst vor Zweisprachigkeit! Einfach machen.

Vormittagsspaziergang in Molfetta

Etwa 15 Minuten von Bari in Richtung Trani liegt auf halber Strecke das kleine Hafenstädtchen Molfetta. Bei den Touristen ist es vor allem wegen des Outlet-Centers bekannt, welches sich direkt an der SS16 vor den Toren Molfettas befindet. Im apulischen Trulli-Stil mit einem riesigen Parkplatz davor lenkt es die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Stadt weg auf den schnöden Konsum. Dabei hat der Bischofssitz Molfetta mit einem netten Hafen, seiner Kathedrale, einem sehenswerten, festungsartigen Dom und mehreren kleineren Kirchen durchaus etwas zu bieten.

Der Duomo Vecchio steht seit dem 12. Jahrhundert wie eine trutzige Burg am kleinen Fischerhafen von Molfetta.

 

Durch das Tor gelangt man in die verwinkelten Gassen der ruhigen Altstadt.

 

Charakteristisch sind die grün gestrichenen Fensterläden.

 

Wir hatten im Dezember sogar das Glück, dass es auf dem Altstadtring eine Oldtimer-Ausstellung gab. Weihnachtlich wurde es mit kleinen Ständen, an denen man Handwerk verkaufte, und für die Kinder gab es vor dem Rathaus Puppentheater.

Für ein paar Stunden kann man sich also auch in Molfetta hervorragend verlustieren. Probiert es aus, wenn ihr in Apulien seid!

Möven nutzen ein Fischerboot als Ruheplatz im Hafen.

Geburtstagsfeier auf dem Land – Tenuta Patrunio Perniola

Wenn Süditaliener feiern, dann tun sie das gern in Massen. Eine durchschnittliche Hochzeit wird zum Beispiel mit mindestens 100 Personen bestritten, sonst gilt sie als armselig. Doch auch runde Geburtstage feiert man gern in Großfamilie. So waren wir im November zum 70. Geburtstag einer Tante eingeladen, welcher stilecht in der kleinen Masseria „Tenuta Patrunio Perniola“ unweit von Gioia del Colle stattfand. Nur so konnte man mal schnell 30 Personen unterbringen und verköstigen. … und nur weil die besagte Tante gesundheitliche Probleme hatte, wurde – fast schon peinlich – lediglich die engste Familie eingeladen.

Wir hatten Glück mit einem warmen, sonnigen Novembersamstag. So konnten wir uns sowohl drinnen als auch draußen aufhalten. Davide genoss eine große Schiffsschaukel, die auf einer Terrasse aufgebaut war. Aber noch mehr interessierten ihn die vielen Katzen, die sich faul in der Sonne räkelten. Leider ergriffen sie mehrheitlich die Flucht, wenn er sich ihnen näherte.

Auch über herumliegende Katzen hinaus haben sich die Eigentümer große Mühe gegeben ein ländliches Ambiente zu erhalten, es aber für ihr Restaurant einladend zu gestalten. Alte Ackergeräte säumten die Auffahrt. Riesige Keramik-Weinamphoren schufen mittelalterliche Atmosphäre. Antike Fässer dienten als Blumenständer und ein alter Mühlstein war mit Herbstastern bepflanzt. Auch einen romantischen Pavillon gab es, umringt von bunten Herbstblumen, und an einem gigantischen Felsbrocken rankte eine Bougainvillea. Wir fühlten uns dort sehr wohl.

Der Apulienfan erkennt sogleich die Keramik aus Grottaglie auf dem Kaminsims.

Im Haus selbst waren zwei große Säle zugänglich. Auch hier war alles liebevoll dekoriert. In Nischen, in welchen dereinst auf Regalbrettern allerlei Gefäße aufbewahrt wurden, fanden sich jetzt Einrichtungsgegenstände, sowie Haushalts- und Küchengeräte. Davide interessierte sich besonders für die Sammlung alter, schwerer Bügeleisen. Auf den Simsen zweier enormer Kamine war typisch apulische Keramik zu finden. Man konnte sich auch über die hier produzierten Weine, eingelegtes Gemüse und selbstgemachte Pasta informieren und diese Produkte natürlich auch käuflich erwerben. Selbstverständlich standen diese auch später auf dem Esstisch.

Das Essen dauerte denn auch von 13 bis 17 Uhr. In diesen vier Stunden aßen wir diverse Antipasti, zwei einfache Hauptgerichte (ein Risotto und dann Pasta mit Pilzen), einen Berg gegrillte Wurst und Fleisch und natürlich gab es zum Schluss Obst sowie eine leckere Geburtstagstorte. Dazu flossen nicht nur Wasser und Wein, sondern auch alte Familiengeschichten in Strömen. Ihr könnt euch vorstellen, dass wir solchermaßen genudelt an diesem Tag nichts weiter brauchten als das heimische Sofa und ein wenig Ruhe.

Wie wunderbar, ein so schönes Erlebnis an einem so tollen Ort mit so vielen Leuten zu teilen. Wir werden diesen Samstag bestimmt nicht vergessen und können die „Tenuta Patrunio Perniola“ nur weiterempfehlen. (Ganz großes Plus: eine rollstuhlgerechte Toilette. Das findet man nicht überall.)

 

… und wiedergefunden

(Wie unsere Katze Gina verschwand, ist hier nachzulesen.)

Zwei Monate war unsere Katze Gina aus unserer Terrassenwohnung im dritten Stock verschwunden. Im Grunde glaubte wir nicht mehr daran, sie jemals wiederzusehen. Doch irgendwie hatte sich ein kleiner Hoffnungsfunke erhalten.

Gina am zweiten Tag: abgemagert, verletzt und dehydriert; doch am Leben.

Und dann kam dieser verrückte Abend Ende September. Eine Freundin war zu Besuch und wir kamen, uns laut auf Deutsch unterhaltend, vom Kinderspielplatz zurück. In unsere Straße einbiegend hörten wir plötzlich in einem verlassenen Aufgang eines alten Hauses eine Katze miauen; jämmerlich miauen und an der uralten Holztür kratzen. Mein Herz für geschundene Kreaturen ließ mich zunächst gar nicht an unsere Katze denken, doch ich versuchte sofort die Tür einen so großen Spalt weit zu öffnen, dass die Katze entkommen konnte. Natürlich gelang es mir nicht, aber die Tür ließ sich immerhin so weit öffnen, dass ich deutlich das grau-getigerte Fell und die deformierte Pfote unsere Katze erkennen konnte. „Gina! Da ist unsere Gina drin!“, entfuhr es mir ungläubig. Ich strengte mich noch mehr an, den Türspalt zu vergrößern, aber es brachte nichts.

Meine Freundin blieb daher mit Davide zurück und ich versuchte bei den Mechanikern in unserer Autowerkstatt Hilfe zu holen. Leider half auch ein Brecheisen nicht, den Spalt genügend zu vergrößern. Während wir an der Tür herumwuchteten und die Katze immer schriller schrie, kam eine kleine Gruppe von Passanten vorbei, die wissen wollten, was wir dort trieben. … und dann ging alles so schnell, dass ich mir nicht einmal die Gesichter der Leute merken konnte. Auch wann unser Mechaniker aus dem Geschehen verschwunden war, kann ich nicht mehr rekapitulieren.

Jedenfalls nahm letztendlich ein Herr seine Umhängetasche ab und gab sie einer Frau. Dann warf er sich dreimal mit der Schulter gegen die Tür, die beim dritten Mal aufsprang. Die Katze schoss heraus. Ich stürzte mich auf sie, um sie einzufangen, und hörte noch, wie der Mann sagte: „Mehr hätte die Feuerwehr auch nicht getan.“ Und plötzlich waren die Leute weg. Ich hingegen stand mit einem Fell besetzten Knochengerippe und einem hysterisch jauchzenden Kind auf dem Bürgersteig. Unendlich erleichtert und unendlich besorgt zugleich.

Vom Knochengerippe zur Katze

Gina Ende Oktober: Die Nase ist verheilt. An Gewicht hat das Tier zugelegt, aber ist misstrauisch geblieben.

Von Nachbar N. erfuhr Luigi, welcher die Nachricht von unserer nach zwei Monaten wiedergefundenen Gina sofort weiterverbreitete, dass eine Katze schon seit mindestens drei Tagen hinter der schweren Holztür miaut hatte. (Lassen wir mal dahingestellt, was diese Information über das Mitgefühl unseres Nachbarn aussagt.) Die erste Nacht verbrachte Gina hauptsächlich mit Saufen und Herumliegen. Nachdem sie uns die erste Portion Futter auf den Teppich gekotzt hatte, gaben wir ihr zwei Tage lang stündlich nur wenige Krümel Katzenfutter auf einmal. Der Tierarzt bestätigte uns am nächsten Tag, dass Gina stark dehydriert sei und riet uns außerdem auf ein hochwertiges Katzenfutter umzusteigen. Später müsse man sehen, ob vielleicht die Nieren geschädigt seien.

Es dauerte mehrere Wochen, bis die Katze wieder wie eine Katze und nicht wie ein Knochengerippe aussah. Ihre sicherlich beim Ausbruchsversuch aus dem Haus aufgeschrammte Nase, ist verheilt. Das Fell ist jedoch an einem Punkt bis heute nicht nachgewachsen. Wegen der Nieren haben wir noch nichts unternommen, aber sie säuft nach wie vor viel Wasser.

Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich es immer noch nicht fassen, dass wir unsere mäklige, konkurrenzunerfahrene Katze nach zwei Monaten doch noch lebend wiedergefunden haben. Inzwischen ist sie – bis auf den felllosen Fleck auf der Nase – wieder ganz die Alte. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass sie die Nachbarterrassen meide und sicher nicht den gleichen Fehler noch einmal machen würde. Aber das kann ich nicht. Doch wenn uns die ganze Geschichte eins gelehrt hat, dann ist es das: Vertrauen zu haben – in die Fähigkeiten unserer Katze und in die eigene Intuition.

Gina verschwunden…

Am Jahresende; bei mir aus Zeitmangel eher am Jahresbeginn, lässt man automatisch seine Gedanken schweifen, um auf das vergangene Jahr zurückzublicken. Wir hatten viele schöne und aufregende Erlebnisse im Jahr 2018, doch eins sticht als vollendetes Drama aus allen heraus. Zunächst schrieb ich auf diesem Blog nicht davon, weil es zu traurig war. Dann ließ ich nichts verlauten, weil wir immer noch besorgt darum waren, dass das scheinbar gute Ende plötzlich noch umschlagen könne. Inzwischen hat sich der Alltag wieder eingestellt und wir fluchen oft genug wegen unserer unsozialen, nervtötenden Katze, die wir fast verloren hätten. Doch von vorn…

Verschwunden aus dem dritten Stock

Vor 5 Jahren hat sich eine grau-getigerte Handvoll Katze an einem Müllcontainer in unsere Herzen geschnurrt. Während wir ganz besonders im ersten Jahr noch befürchteten, dass unsere Gina – wie wir sie nannten – vielleicht von der Terrasse im dritten Stock abstürzen könnte, hatte sich diese Angst nach spätestens zwei Jahren gelegt. Umso so unglaublicher war es, dass die Katze im vergangenen Juli, nach immerhin fast 5 Jahren, plötzlich nicht mehr zum Fressen kam.

Am ersten Tag waren wir davon überzeugt, dass unsere Nachbarn von angrenzenden Terrassen sie vielleicht unabsichtlich in ihre Terrassenhäuschen eingesperrt hätten und schon wieder rauslassen würden. Am zweiten Tag drang ich auf eine der besagten Terrassen vor, nur um davon überzeugt zu werden, dass dem leider nicht so war. Aber auch eine Suche nach einer vielleicht abgestürzten Katze rund um unseren Häuserkomplex brachte kein Ergebnis. Wo war Gina?

Luigi begab sich auf eine Klingeltour bei unseren Terrassennachbarn und fand schließlich die traurige Lösung des Rätsels. Auf einem der Dächer stand die Tür zu einem Treppenhaus offen. Vermutlich war die Katze mit Hilfe von freundlichen Nachbarn durch die Haustür auf die Straße entkommen. Insgeheim hoffte ich, dass sie vielleicht einer von ihnen zu sich genommen habe, statt sie rauszulassen. Manchmal macht man sich so irre Hoffnungen, weil die Realität zu schmerzhaft wäre.

Wir pflasterten also die unmittelbare Umgebung mit einer Suchmeldung und in der ersten Woche ging ich jeden Abend die nähere Umgebung ab, um nach unserer Katze zu rufen – für den Fall, dass sie in der Nähe sei und mich hören könne. Doch das einzige, was zurückkam, waren die neugierigen Blicke derjenigen, die ihre Hunde zu einem Abendspaziergang ausführten. Wahrscheinlich dachten sie, ich leide nicht nur unter einem starken Schnupfen, sondern auch an anderen Krankheiten.

Und noch ein Problem stellte sich uns: Ich kann gar nicht sagen, wie oft Davide in den folgenden Wochen nach Gina fragte und eine Erklärung forderte. Schließlich erweiterten wir unsere „Wie die Katze Gina zu uns kam“-Geschichte und dachten uns eine Fortsetzung aus, in der Gina ihre Eltern besuchen gegangen war. Das Ende ließen wir offen.

Ein Fünkchen Hoffnung vs. Neue Katze

Während unseres Deutschlandurlaubes wurde uns klar, dass ein Leben ohne Katze zwar möglich, aber kein richtiges Leben wäre. Halb und halb beschlossen wir also im Angesicht von Omas Kater Kasi, dass wir eine neue Straßenkatze zu uns nehmen würden, sobald wir wieder auf der heimischen Terrasse säßen. Doch löste sich dieses Vorhaben schnell wieder in Luft auf, denn beim Anblick des Futternapfes von Gina wurde uns klar, dass wir immer noch ein irrwitziges Fünkchen Hoffnung hegten und für feine neue, vierbeinige Gefährtin noch nicht bereit waren.

Fortsetzung hier