Archiv für den Monat April 2019

Kurztrip zum Mars

Am vergangenen Wochenende fuhren wir auf einen Kurzurlaub nach Otranto. Das ist ein schmuckes Städtchen im südöstlichen Salento, mit dem Auto ca. zweieinhalb Stunden von Bari entfernt. Es gibt einen wunderbaren Stadtstrand, ein Schloss, das die Aragonier hinterlassen haben, und eine liebevoll restaurierte Altstadt mit verlockenden, kleinen Läden, die Keramik, Schmuck, (Strand)Kleidung und auch viele Mitbringsel aus dem leicht zu behauenden Lecceser Sandstein anbieten. Da fällt es wirklich schwer, sein Portemonnaie festzuhalten.

Bis in die 70er Jahre hinein wurde hier Bauxit abgebaut; ein Mineral, das man für die Aluminiumherstellung verwendet.

Wer hätte allerdings gedacht, dass die beeidruckendste Sehenswürdigkeit von Otranto eine ehemalige Bauxit-Grube wenig außerhalb der Stadt sein würde? Wer käme überhaupt auf die Idee, eine Grube zu besichtigen, in der dereinst Material zur Aluminiumherstellung abgebaut wurde? Ehrlich gesagt, ich wollte da nur hin, weil ich im letzten Jahr wirklich beidruckende Fotos gesehen hatte. Sie zeigten einen grünlich schimmernden See inmitten einer bizarren, roten und gelbroten Hügellandschaft; dahinter das tiefblaue Meer. Wow! Ein kleiner Ausschnitt des Mars‘ mitten in Apulien. Das musste ich mit eigenen Augen sehen.

Allerdings ist der kleine See kein Geheimtipp mehr und als „Laghetto (ex-cava di bauxite)“ von Otranto aus gut ausgeschildert und sogar fußläufig schnell zu erreichen. Ca. 1,5 km vom historischen Zentrum aus in Richtung Santa Cesarea Therme, sieht man schon kurz nach dem Abbiegen auf eine Schotterstraße den Parkplatz. Drei Euro kostet das organisierte Abstellen des Autos und dann kann man dem Sandweg folgen, der rechter Hand bis vor eine imposante Absperrung führt, auf der steht, dass das Betreten des Privatgeländes streng verboten sei. Davor findet man sicher einige ratlose Gesichter, sollte dann aber den mutigen Besuchern folgen und die Absperrung auf dem Trampelpfad umrunden.

Man erreicht die Bauxitgrube nicht nur auf Schusters Rappen. sondern auch auf richtigen Pferden.

Nach nur wenigen Metern steht man vor den roten Hügeln, die jetzt im Frühling von einem satten Grün umwogt und von einem ebensolchen Pflanzenteppich erobert werden. Wenn man sich in Richtung Grubenrand vorwagt, erkennt man deutlich, dass hier immer wieder „Ufer“ wegbricht und sich rechts zwischen dem tief unten liegenden „Seechen“ und einem apulischen Mini-“Ayers Rock“ Spalten auftun. „Streng verboten“ macht da einen gewissen Sinn. Allerdings zeigt eine Reiter-Kolonne, die im Gänsemarsch den kleinen See umrunden und vom Rücken der Pferde aus auf ihn hinunterschauen auch, dass das farbenfrohe Spektakel bereits Schaulustige im größeren Stil anzieht. Sicher muss hier in Zukunft ein gutes Konzept gefunden werden, welches das ungewöhnliche Naturschauspiel und die menschliche Neugier in Einklang bringt.

Wir können den Besuch dieser einmalige Landschaft nur empfehlen. Als wir unserer Vermieterin am Tag der Heimfahrt begeistert davon erzählten, konnte sie noch eine Anekdote hinzufügen. Ihr Mann besitzt eine Firma für Baumaschinen und sollte dereinst die besagte Bauxit-Grube zuschütten und planieren. Nur weil man sich nicht über den Preis einigen konnte, blieb das Loch im Boden und füllte sich in den darauf folgenden Jahren mit Wasser, sodass der kleine See entstand. Wer hätte gedacht, dass die unliebsamen Hinterlassenschaften des Industriezeitalters einen solchen Publikumsmagneten hervorbringen würden? Ja, wer würde überhaupt darauf kommen, eine Ex-Bauxit-Grube zu besichtigen, wenn es nicht solche Fotos gäbe?

Ostersonntag

Bei Atheisten spielt Ostern keine große Rolle, wenn man von den gern zur Erholung genutzten Feiertagen absieht. Derer gibt es im katholischen Italien leider nur den Ostermontag. Immerhin schließen die Schulen und anderen Kindereinrichtungen großzügig schon am Donnerstag vor Ostern und öffnen in diesem Jahr Dank des italienischen Nationalfeiertags am 25. April erst wieder am Montag, dem 29. Ein Wunder eigentlich, dass keine „Superbrücke“ – eine extreme Kombinationen von Urlaubstagen zwischen Feiertagen – konstruiert wurde und die Kinderchen gleich bis zum 2. Mai zu Hause bleiben dürfen.

Egal ob Ostern oder nicht – Gina genießt von uns allen die Terrasse am meisten.

Gut, dass Mama auch schulisch tätig ist, sonst gäbe es ein Betreuungsproblem. Doch wer spricht schon gern an einem sonnigen Osterwochenende von Problemchen? Der Osterhase hat ein paar Geschenke auf unserer Terrasse verloren, die bereits freudig gesucht wurden. Keine italienische Ostertradition, aber mit einem Kind hat Ostern wieder eine andere, viel freudigere Bedeutung bekommen. Und so schleicht man also in aller Herrgottsfrühe über die Terrasse und fragt sich, ob das Kind irgendwann länger als bis halb sechs schlafen oder sich das Leben für immer schon vor dem Aufstehen abspielen wird.

Ostertipp: Schneckenmäßig entschleunigen.

Glücklicherweise können sich Eltern bei der Betreuung abwechseln. Während jetzt also im Wohnzimmer eine raumfüllende Eisenbahnstrecke gebaut wird, Gina sich auf einem Liegestuhl putzt und eine Schnecke über meinen Frühstückstisch kriecht, wünsche ich euch sonnige, frohe und erholsame Osterfeiertage.

 

Hundeleben

Der Rumäne Georgi verdient sich in einer der besten Einkaufsstraßen Baris sein tägliches Brot mit Straßenkunst.

Seit ein paar Tagen hat sich ein Straßenkünstler vor meiner Schule häuslich eingerichtet. Als ich am Montag um die Ecke der Via Principe Amedeo/ Via Sparano im Herzen von Bari bog, da hielt ich den liegenden Hund tatsächlich von weitem für einen Labrador. Erst beim Näherkommen bemerkte ich, dass es sich dabei um einen Haufen Sand handelte. Zugegeben um einen Haufen wirklich erstaunlich bearbeiteten Sandes. Wahrscheinlich vom nahegelegenen Strand „Pane e Pomodoro“.

Am Mittwoch war der Hund wieder da und hatte sogar noch mehr Nachwuchs mitgebracht.

Gestern entstand eine neue Hundefamilie an gleicher Stelle und, wenn man sich in Süditalien zweimal trifft, dann entspannt sich unwillkürlich eine Unterhaltung. Auch wenn Georgi aus Rumänien kommt und nur rudimentär Italienisch spricht, erfuhr ich doch, dass es ihn wegen des besseren Wetters aus Mailand nach Bari getrieben hat. Auch wären die Menschen hier freigibiger zu Straßenkünstlern.

Es gibt sie eben doch, die vielfach als Stereotype abgetanen Unterschiede zwischen Nord- und Süditalienern. Also hoffe ich, dass sich Georgis Hundeleben hier nur auf die Straßenkunst bezieht und er noch häufiger Labradore vor unsere Schultür legt.