Archiv für den Monat Oktober 2018

San Cataldo – Baden zwischen römischen Ruinen

Etwas mit dem Apulien niemals geizt, sind Wasser und Strand. Auf ca. 800 km Küste findet sich fast überall ein Zugang zum Meer. Besonders beliebt bei Wasserratten ist der Salento, ist die Region, die den Stiefelabsatz bildet, doch bis auf seine nördliche Grenze von Meeren umgeben. Bisher habe ich Andria-Strände wie den romantischen Roca Vecchia oder die einladenden Buchten von Melendugno vorgestellt, die außerhalb von Ortschaften liegen. Doch es wimmelt an der Küste nur so von Badeorten, welche im Winter wie ausgestorben daliegen und im Sommer von Touristen und Einheimischen mit Zweitwohnung am Meer geradezu überschwemmt werden.

Zu ihnen gehört auch San Cataldo, das man nur 11 km vom Hauptort des Salento, der barocken Stadt Lecce, entfernt findet. Hier lagerten selbst Ende September noch so viele Personen am Strand, das man ihn „voll“ nennen konnte. Natürlich gibt es auch hier klares Wasser und ein paar Felsen. Was den Strand mitten in der „Stadt“ jedoch einzigartig macht, sind die Mauerreste eines Hafens, der unter dem römischen Kaiser Hadrian einst ungleich bedeutender war als heute. Diese werden leider immer mehr von den Wellen verschluckt, sodass ein Foto wie das hier vielleicht bald nicht mehr möglich sein wird.

Was macht man sonst in San Cataldo? Nicht viel. Hierher kommt man nur zum Ausruhen und Baden. Ein kleiner Hafen lockt Bootstouristen. Ein paar kleine Geschäfte, Supermärkte, Pizzerien und Restaurants bieten während der Sommerfrische alles, was Urlauber brauchen, wenn sie nicht gerade am Wasser liegen oder die gut ausgebaute Strandpromenade entlang flanieren. Von November bis März versinkt die Stadt dann wieder in einen feuchtkalten Winterschlaf. Kein Problem für uns. Der September mit seinem Sommerausklang war perfekt für einen Abstecher nach San Cataldo. Der Frühling und Frühsommer dürften mit ihrer gemäßigten Wärme für Mitteleuropäer ebenso geeignet sein. Allerdings ist das Wasser dann noch nicht so warm.

Wo baden die Wagemutigen?

Auf dem Absatz des italienischen Stiefels lohnt es sich, alle paar Hundert Meter anzuhalten und einen Blick auf das Meer zu werfen. Über den Strand von Roca Vecchia, der mich wegen seines pittoresk auf einem Felsen mitten im Wasser zerfallenden Wachturms beeindruckt hat, habe ich schon begeistert berichtet. Dank seiner Ausgrabungsstätte genießt er einen höheren Bekanntheitsgrad.

Doch auch nördlich von Melendugno, etwa 20 Autominuten vom Zentrum von Lecce, wurde zwischen den schroffen Felsen immer wieder Sand zu einem kleinen oder größeren Strand angeschwemmt, so dass sich urplötzlich Badebuchten mit malerischem Blick auf Felsen eröffnen, die ihre Schönheit der beharrlichen Erosion verdanken. Über heruntergebrochene Stellen (gefährlich!) oder in den Fels gehauene Treppchen (weniger riskant) gelangt man ans Wasser hinunter. Während Davide in die Fluten abtauchte und sein Vater ein wachsames Auge auf ihn hatte, konnte ich mir den Strand erwandern und mich gar nicht am wunderbaren Grünblau des Wassers satt sehen.

Aus der Ferne grüßte auch hier ein Wachturm herüber, derer zahlreiche entlang der apulischen Küste stehen, weil sie in früheren Zeiten wesentlicher Bestandteil einer Nachrichtenkette waren. Die wohlhabenden Hafenstädte wie Otranto waren nämlich im 16. Jahrhundert begehrte Opfer von Piraten. Über die Wachturmkette konnte mit Rauchzeichen Hilfe angefordert und die Bevölkerung der Umgegend gewarnt werden.

Wenn ich mir die Fotos so betrachte, dann möchte ich gleich wieder in dieses glasklare Blau eintauchen. Mit einem Piratenangriff braucht man im Moment wahrscheinlich nicht zu rechnen.

Lecce – Im Herzen des Salento

Der elegante Domplatz im Herzen der Altstadt mit seiner Kathedrale leuchten golden im Licht des Sonnenuntergangs.

Gute eineinhalb Auto- oder Schnellzugsstunden südlich von Apuliens Provinzhauptstadt Bari, mitten auf dem Hacken des italienischen Stiefels befindet sich die Stadt Lecce, die fast synonym für die Region Salento steht. Das historische Zentrum der Stadt ist eine Aneinanderreihung von überwiegend bereits restaurierten, architektonischen Perlen im spanischen Barock neben einem Schloss aus dem 16. und den Ruinen eines römischen Amphitheaters aus dem 2. Jahrhundert. Kurz vor dem Sonnenuntergang scheinen die reich dekorierten Gebäude aus weiß-gelbem Tuffstein wie mit Gold übergossen. Wen wundert es da, wenn Lecces Zentrum gerade zu diesem Zeitpunkt zum Leben erwacht.

Abendliches Altstadtleben

Während es im Juli und August mit hoher Luftfeuchte und über 40 Grad tagsüber unerträglich heiß werden kann, sodass ein Aufenthalt an der östlich gelegenen Adria oder dem westlich gelegenem Ionischen Meer definitiv angenehmer ist, strömt man nach dem üblichen Mittagsschläfchen abends in die Lecceser Altstadt und führt neben seiner gerade erworbenen Sommerbräune (oder dem Sonnenbrand) auch flatterige Oberteile, minimalistische Sandaletten und schicke Handtaschen aus. Da trifft es sich gut, dass sich außer den Touristen nicht nur kleine Boutiquen und Souvenirläden, sondern vor allem Bars, Eisdielen und Restaurants dicht an dicht drängen. Auch wer Menschenmassen sonst scheut, sollte sich dieses besondere Flair mit Gauklern und Straßenmusik nicht entgehen lassen.

Überhaupt unterscheidet sich Lecce durch seinen hoch aufstrebenden Baustil wesentlich von den orientalisch angehauchten, weißen Städten wie Ostuni, Cisternino oder Locorotondo wo sich kleine Quaderbauten an niedrige Hügel schmiegen. Lecces Gassen bieten immer wieder Einblicke in verspielte Ecken sowie Ausblicke auf kleine und große Plätze. Sie sind geschmückt mit von kunstfertigen Steinmetzen reich verzierten Türmchen und Fassaden. Mit Hilfe seiner Universität hat sich Lecce jedoch auch ein quirliges, junges Leben in seiner Neustadt bewahrt, sodass sich auch außerhalb der historischen Altstadt nicht Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Das ist vor allem wichtig zu wissen, wenn man sein Quartier aussucht. Es muss nicht unbedingt eines der zahlreichen B&Bs der Altstadt sein.

Kastell Karls des V.

Im Urlaub etwas Kultur? Das Stadtschloss lohnt sich definitiv zu besichtigen. Für 3 Euro gibt es einen menschlichen Führer und einen Audio-Guide. Man kann einen Film über die Ursprünge des im 16. Jahrhundert, in welchem Lecce als Verwaltungszentrum zu einer gewissen Größe und Bedeutung aufstieg, umgebaute, ursprünglich normannischen Kastells sehen. Beeindruckend und gruselig zugleich ist der finstere Kerker, in dessen Wände die Gefangenen über die Jahrhunderte ihre Zeichen und Namen eingeritzt haben. In einem anderen unterirdischen Gewölbe hat man im zweiten Weltkrieg kleine Fahrzeuge versteckt und deshalb Beleuchtung angebracht, wie unser Führer uns verraten hat, als wir ihn auf die vorsintflutlichen Kabel an den Wänden angesprochen haben. Die oberen Räume des Schlosses werden heute für kulturelle Veranstaltungen und Kunstausstellungen genutzt.

Lecceser Traditionshandwerk – Figuren aus Pappmaché

Das besagte Kastell beherbergt außerdem ein Pappmaché-Museum, das einen Einblick in das Jahrhunderte alte, traditionelle Handwerk der Herstellung der filigranen Figuren aus Stroh, Keramik und Papier bietet. Während man durch die Schlossräume wandelt, kann man Kunstwerke und Werkzeuge aus den letzten drei Jahrhunderten bewundern und auf Infotafeln jede Menge Wissenswertes nachlesen. Natürlich gibt es vor allem in der Altstadt von Lecce noch Werkstätten, in denen man Pappmaché-Figuren kaufen kann. Nicht zuletzt findet hier der wahrscheinlich berühmteste Weihnachtsmarkt Apuliens statt, auf dem hauptsächlich Pappmaché- und Keramikfiguren für Weihnachtskrippen zu finden sind – die „Fiera di Santa Lucia“ immer vom 8. bis zum 24. Dezember.

Noch ein beliebtes Souvenir

Kleine Glocken werden in Süditalien und besonders im Salento gern als Glücksbringer verschenkt. Die Tradition geht auf eine Sage zurück, dernach einem bettelarmen Schäferlein sein einziges Schaf verloren gegangen war. Nachdem er es lange Zeit vergeblich gesucht hatte, hörte er plötzlich den Klang eines Glöckchens. Dem Geräusch folgend fand er sein Tier. Es steckte jedoch in einer tiefen Felsspalte fest. Plötzlich erschien der Heilige Michael, der zunächst das Schaf rettete und danach dem Schäfer eine kleine Glocke schenkte, welche er um den Hals getragen hatte. Von diesem Tag an wendete sich das Schicksal des armen Schäfers und alle seine Wünsche gingen in Erfüllung. Ob das auch mit Glocken funktioniert, die nicht vom Heiligen Michael verschenkt wurden, muss man selbst ausprobieren.

Nicht nur für den Sommerurlaub

Der dem Stadtheiligen Sankt Orontius gewidmete Platz wird von den Ruinen eines Amphitheaters dominiert. Leider wirken die massiven Gebäude aus der Neuzeit dem Atem der Geschichte entgegen.

Während die meisten Apulier die historischen Must-Sees von Lecce wie das Schloss, die Piazza Sant’Oronzo, das Amphitheater, den Dom etc. genau benennen können, ist das Lecceser Eisenbahnmuseum selbst unter den Einheimischen noch ein Geheimtipp. Doch nicht nur in Lecce selbst gibt es jede Menge zu entdecken. Um Lecce herum befinden sich außer traumhaften Stränden, welche im Sommer die Touristen in Scharen anziehen, noch beispielsweise die wehrhafte Stadt Acaya, römische Ausgrabungsstätten, Dolmen, eine wunderbar restaurierte Abtei und vieles mehr. Daher ist Lecce mehr als nur ein Sprungbrett zum Meer und definitiv auch in kühleren Monaten eine Reise wert.

Katze auf einer Domplatzterrasse: Die in der nahe gelegenen Kathedrale verehrte Jungfrau Maria hat offensichtlich auch ein wachsames Auge auf schlafende Katzen.

 

Santa Maria di Cerrate – Verstecktes Kleinod im Herzen des Salento

Auf dem Weg zu den Traumstränden von Lecce trafen wir ca. 15 Autominuten in Richtung Torre Chianca auf etwas, dass sich hinter hohen Mauern und einer Kaktusfeigenhecke versteckte, jedoch angesichts eines davor geparkten Reisebusses von touristischem Interesse sein musste. Sollte es sich vielleicht um eine sehenswerte Masseria handeln? Wir parkten ebenfalls und folgten einigen herumstreunenden Fotoapparaten durch einen Torbogen in den Innenhof, dessen Zugang jedoch durch einen Zaun blockiert wurde.

„Wow!“ entfuhr es mir beim Anblick einer im weichen Morgen-Sonnenlicht ganz golden strahlenden, doch eigentlich weißen Tuffstein-Kirche mit einer romantischen Säulengalerie. Die Überraschung war wirklich gelungen und die offenen Türen in den Nebengelassen verhießen weitere Entdeckungen, sodass 5 Euro Eintrittspreis pro Person gerechtfertigt schienen.

Byzantinische Fresken schmücken die Kirche im Inneren.

Davide war besonders von den massiven Ölmühlen beeindruckt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Getreidemühle

Tatsächlich handelte es sich bei dem Anwesen um die Reste eines Basilikanerklosters mit seiner dreischiffigen Basilika namens Santa Maria di Cerrate aus dem 12. Jahrhundert. Man kann nicht nur die Kirche mit vielen bunten Fresken bestaunen, sondern auch die Ölmühlen und die Getreidemühle des Klosters, sowie einem Steinbackofen. Ein kleiner Garten mit niedrigen Zitronenbäumchen und einem Brunnen lässt ahnen, dass auch die Mönche hier dazumal nicht nur mit Olivenbäumen gegärtnert haben. Ob die Loggia, von welcher man einen tollen Ausblick über das saubere und liebevoll restaurierte Areal hat, auch zu Zeiten der Mönche schon teilweise verglast war, wage ich zu bezweifeln. Doch der „Fondo Ambiente Italiano“ (kurz: FAI) hat hier mit privaten Mitteln ganze Arbeit geleistet und ein richtiges, kleines Schmuckstück wieder aufleben lassen. Uns hat es direkt verzaubert.

Der farblich passende Abteikater darf auch nicht fehlen.

Die gemütliche Loggia lädt zum Verweilen ein. Hier kann man auch bei einem Kaffee in den ausgelegten Geschichtsbüchern blättern.