Archiv für den Monat Dezember 2018

Katzengarten

Die Einladung zum Essen bei der Tante einer Kindergartenfreundin von Davide in Matera hatte sich als Besuch in einem antiken Palazzo mit Sälen statt Zimmern und einer wunderbaren Aussicht auf die Schlucht, in welcher die Besiedlungsgeschichte Materas vor Jahrtausenden seinen Anfang genommen hatte, herausgestellt.

Zu diesem Palazzo gehörte auch ein kleiner Garten, in dem aufgrund mangelnder Blüten nun zahlreiche Katzen die Hauptattraktion bildeten.

Leider waren die Tiere überaus scheu und einer Karriere als Fotomodell eher abgeneigt. Trotzdem ist es mir gelungen, ein paar fellige Eindrücke aus dem Katzengarten festzuhalten.

 

Leben im Palast

Das Schloss von Matera ist der Öffentlichkeit leider nicht zugänglich.

Unlängst hatte ich das große Glück, bei der Tante einer Kindergartenfreundin Davides in Matera zu Gast sein zu dürfen. Dass man bei Einladungen in Apulien viel und lange essen muss, war klar. Aber darüber hinaus wussten wir vorher nicht, was uns erwartete, als von den Eltern besagter Kindergartenfreundin die Einladung zum Mittagessen bei ihrer Tante überbracht wurde.

Man muss gut zu Fuß sein, um die vielen Treppen bis zur Wohnung zu überwinden.

Eigentlich wollten wir nach Matera fahren, um den Weihnachtsmann zu besuchen, der an einem Adventswochenende seine Hütte am leider nicht zugänglichen Schloss des Ortes aufgeschlagen hatte, und am Abend noch durch die Sassi (Steine), wie der historische Ortskern aus Höhlenwohnungen genannt wird, spazieren. Doch das Wetter spielte nicht mit. Gerade um die Mittagszeit kam für wenige Stunden die Sonne heraus. Sonst regnete es in Strömen. Ein typisch apulischer Wintertag.

(O-Ton Vater der Kindergartenfreundin: „Hier sind wir als Kinder immer Fahrrad gefahren.“ Die Decken- und Wandbemalung kam erst bei einem Erdbeben in den 80er Jahren unter dem abfallenden Putz zum Vorschein.

Zimmer mit (filmreifer) Aussicht

Als wir dem Weihnachtsmann also vom Unwetter überrascht buchstäblich davon rannten, gab es im Haus der Tante die nächste, dieses mal aber erfreuliche Überraschung: Sie lebte in einem Palazzo, dessen Baugeschichte auf das Jahr 1000 zurückgeht. Dementsprechend prunkvoll und groß waren die „Zimmer“ und die Aussicht aus ihrem Schlafstubenfenster geradezu filmreif. Tatsächlich wollte am nächsten Tag ein englisches Filmteam eine Szene an diesem Fenster drehen.

Erinnerungen

Die Tante entpuppte sich dann eher als adrettes Großmütterchen, das bestens in diesen Palast aus Erinnerungen passte und uns ordentlich mit Vorspeisen, zwei Hauptgerichten, Fleisch und Nachtisch verwöhnte. Außerdem machte sie ganz omalich unsere anstrengende Erziehungsarbeit zunichte, indem sie den beiden Kindern erlaubte, auf einem riesigen Doppelbett herumzuhüpfen. Irgendwann drängte ich darauf, dass mir der Zugang zum kleinen, aber idyllisch-romantischen Gärtchen aufgeschlossen wurde, denn die Sonne zog sich gerade wieder Wolken vors Gesicht und ihr Untergang kam auch immer näher.

Der liebevoll gepflegte Garten thronte ganz wie der Palast hoch über der Schlucht mit ihren Höhlenwohnungen, welche bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts noch unter katastrophalen, hygienischen Bedingungen bewohnt waren und als Schande Italiens galten. Er wurde hauptsächlich von Katzen bevölkert, denen hier Aufenthalt und Futter gewährt wurden.

 

Im Moment werden die Sassi mit Hilfe von „Bed and Breakfasts“ und kleinen Künstlerwerkstätten wiederbelebt. Im nächsten Jahr ist Matera sogar Kulturhauptstadt Europas.

Die „Sassi“ von Matera – einst „Schande Italiens“, heute begehrter Drehort und lohnendes Ausflugsziel.

Ob ich in so einem Palazzo leben wollen würde? Nein. Wo man vom Schlafzimmer zur Küche schon gefühlt einen Fußmarsch von einem Kilometer zurücklegen muss und die Decken so hoch sind, dass selbst die größten Möbel nur schwer einen Hauch von Gemütlichkeit aufkommen lassen, würde ich mich nicht wohl fühlen. Ganz zu schweigen davon, dass man selbst beim Versetzen einer Steckdose schon die Denkmalschutzbehörde einschalten muss… Dann doch lieber eine kleine Höhlenwohnung.

Zeitung aus dem Jahr 1925

Allerdings kann man einige Räume des Palazzo für Feierlichkeiten buchen und das ist dann schon wieder eine Überlegung wert. Man muss aber wegen der Treppen gut zu Fuß sein.

 

 

Mehr über Matera gefällig – dann hier weiterlesen: Ausflug zum Anfang unserer Zivilisation

Schüttelzeit – Zu Besuch bei De Carlo

Von Oktober bis in den März hinein drehen sich die schweren Räder der apulischen Ölmühlen, denn es ist die Zeit der Olivenernte. Viele Kleinbauern schütteln ihre Oliven von den Bäumen und bringen sie in großen Plastikkisten zur nächsten Mühle. So gibt es bei uns in Triggiano mitten in der Stadt einen Kleinbetrieb, in dem die Maschinen in diesen Monaten von morgens um 8 bis abends um 9 rattern. Davor stapeln sich die Plastikkisten und die Bauern vertreiben sich die Wartezeit in Grüppchen schwatzend.

Wer intensives, pikanteres Öl bevorzugt, erntet relativ früh. Wer es milder mag und weniger Wert auf die gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe legt, der erntet später, wenn die Oliven nicht mehr grün sind und leichter vom Baum fallen. Wichtig ist es auch, dass die Oliven so schnell wie möglich in die Presse kommen, denn sofort nach der Trennung vom Baum setzt der Verfall ein, der das Aroma des Öls maßgeblich beeinflusst. Überflüssig zu sagen, dass man hier kalt presst, denn nur so bleiben die gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe der Oliven erhalten.

Das Hauptgebäude des landwirtschaftlichen Betriebs „De Carlo“ im apulischen Bitritto. Hier wird nicht nur reines Olivenöl gepresst, sondern auch Oliven gemeinsam mit Zitronen oder Mandarinen, sowie knackiges Gemüse eingelegt.

Da die Olivenölvorräte meiner Freundin in Deutschland zur Neige gingen, ihr die hier gekauften aromatisierten Öle von „De Carlo“ jedoch so gut schmeckten, machten wir uns an eine Sonntag auf ins nahegelegene Bitritto, wo sich dieser Familienbetrieb, einer der ältesten in ganz Italien, schon seit dem 17. Jahrhundert befindet. Mit seinen hochwertigen Produkten hat er sich einen guten Ruf erarbeitet sowie viele Auszeichnungen eingeheimst. Da wir ohne Traktor und Kisten vorfuhren, fielen wir schnell auf wie bunte Hunde. Unser großer Fotoapparat trug ein übriges dazu bei, Aufmerksamkeit zu erregen, und so kam es, dass sich uns Lina näherte. Eigentlich gehörte sie zum Büropersonal und machte hauptsächlich Abrechnungen. Das erfuhren wir natürlich erst später. Zunächst warnte sie uns vor den herumsausenden Gabelstaplern und wollte dann wissen, warum wir uns mit der Kamera bewaffnet hatten. Als sie hörte, dass ich ein paar Fotos für meinen Blog schießen wollte, erbot sich sich gern, uns ein bisschen herumszuführen.

Bevor die Oliven gepresst werden, nehmen sie ein Rüttelbad, um sie von Schmutz, Blättern und Astteilen zu befreien.

Sie erklärte uns, dass alle Plastikkisten gekennzeichnet werden, damit jeder Bauer das Öl seiner eigenen Oliven zurückbekommt. Dann zeigte sie uns, wo die Oliven gewaschen und von Blättern und Erde getrennt werden. Vor der Tür der eigentlichen Mühle erklärte sich uns auch, dass sie sowohl elektronische aus auch traditionelle Pressen haben. Der Prozess ist jedoch seit Jahrhunderten der gleiche. Die Oliven werden zerquetscht. Das austretende Öl muss durch Zentrifugieren vom Wasser getrennt und dann abgefüllt werden.

Nach dem Bad läuft heute alles mechanisch weiter. Die Maschinen machen einen Höllenlärm.

Ich wollte wissen, was mit den Abfällen passiert. Anscheinend hatte Lina nur auf diese Frage gewartet, denn wie aus der Pistole geschossen, erzählte sie uns stolz, dass „De Carlo“ die Kerne als Heizmaterial und das vom Öl getrennte Wasser als Dünger auf dem Feld verwende. Auch sonst lege man großen Wert auf Nachhaltigkeit. So käme der Strom von einer Solaranlage auf dem Dach. Die ca. 25.000 Olivenbäume des Betriebes werden mit höchster Sorgfalt gehegt und per Hand abgeerntet. Ein bisschen verschämt wirkte sie, als ich sie fragte, was mit dem Olivenabfall passiert, der nicht Kern ist. „Der wird verkauft.“ Ich hakte nach, weil sich mir nicht erschloss, wer Abfall kaufen sollte.  Aber dann verstand ich, was sie so widerwillig von sich gab: Aus diesem Abfall kann man weiter Öl gewinnen. Lina bestätigte das nicht und erklärte, dass man diesen sogenannten Trester auch als Futter in der Schweinemast verwenden könne. Logisch, wer will schon mit minderwertigem Öl zu tun haben. Ein kleiner Wehrmutstropfen mischte sich unter meine Begeisterung.

In einem zweite Raum wird noch so gepresst wie schon vor Hunderten von Jahren mit dem Unterschied natürlich, dass die schweren Mühlsteine heute von einem Motor angetrieben werden. Wie das im 12. Jahrhundert aussah, zeige ich euch hier.

Im Internet fand einen interessanten Beitrag zum Thema Olivenöl auf „Pane e Coperto„. Darin schreibt Volker Heinze: „Ich bitte aber dieses Öl nicht mit den industriell hergestellten Fabrik-Ölen zu verwechseln, bei denen die bereits zweimal durchgepressten Pressabfälle von den Manufakturen an die Großhersteller verkauft werden. Diese kaufen nun inzwischen auch aus sämtlichen anderen Ländern solcherart Abfälle zusammen, um damit im Thermodruckverfahren tonnenweise unter Zugabe von gepressten Oliven das gängige günstige Olivenöl (…) für unsere Supermärktketten zum Billigpreis zu produzieren…“

Waschen und ordentlich zerquetschen – schon fließt ein aromatisches, gelbgrünes Öl aus dem Hahn und muss nur noch abgefüllt werden.

Dass die italienischen, spanischen oder portugiesischen Ölmühlen in Kauf nehmen, dass Dritte die Verbraucher mit ihren Abfällen täuschen, kann man nicht verübeln ohne zu heucheln. Solange die Betriebe mit Qualität dagegensetzen gibt es zum Glück eine Alternative. Jedem sollte klar sein, dass ein gutes Olivenöl seinen Preis hat, z.B. 100 ml Extra Vergine von De Carlo in einem niedlichen Keramikfläschchen – 6 Euro oder 250 ml Olivenöl gepresst zusammen mit Zitronen oder Mandarinen aus eigenem Anbau – 8 Euro. Da weiß man wenigstens, was man isst.

Wer in der Nähe ist, sollte unbedingt den kleinen, aber feinen Hofladen aufsuchen. Noch gesündere Souvenirs oder Geschenke kann man kaum finden.

Wer es nur bis nach Bari Stadt schafft, findet die Öle von De Caro hier: CUCUMAZZO SRL, VIA CALEFATI 61/H, BARI (IN CENTRO CITTA’).

Noch nicht genug vom Gold Apuliens? Hier geht es zum Betrag über meine eigene Olivenernte auf der Terrasse: Olivenernte. Beeindruckende, Jahrhunderte alte Olivenbäume findet man in der Gegend um Fasano. Und so sieht er aus, der Frühling im Olivenhain.