Archiv für den Monat November 2017

Gut für die Disziplin

Birne – faul in der Herbstsonne

Es regnet mal wieder in Bari und Umgebung. Eigentlich regnet es schon seit vier Tagen ununterbrochen. Mal mehr. Mal weniger. Da musste ich ein paar Fotos von Anfang November hervorkramen, um mich daran zu erinnern, dass wir in Apulien keinesfalls über herbstliches Wetter meckern dürfen.

Außerdem ist Regen gut für die Disziplin. Wenn man nicht noch einen Blog hätte. Dafür könnte ich ja mal wieder etwas schreiben, habe ich gedacht. Und nun sitze ich hier.

Es ist still in unser Wohnung. Irgendwie unheimlich. Kontrastierend dazu der Regen, der in Abständen auf das Dach rauscht. Auch irgendwie unheimlich.

Echt? Gab es wirklich Monate, in denen ich täglich gießen musste?

Davide ist im Kindergarten. Yeah, FREIHEIT! … aber irgendwie unheimliche Freiheit. Leere, Stille und ein Haufen unnötiger Zweifel und überflüssiger Fragen. Normalerweise bin ich kein ängstlicher Mensch, aber alles was mein Kind betrifft, macht mich gelegentlich irrational. Beispielsweise merke ich schon jetzt, dass er mehr Italienisch als Deutsch spricht. Wie soll Mama da mithalten, wenn sie ihr Kind nur noch zum Frühstück und abends im Bett sieht? Hab aus schlechtem Gewissen gleich mal ein neues Kinderbuch gekauft: große Fahrzeuge kommen schon seit Monaten gut an. Sind heute Morgen ein paar Cornflakes drauf gelandet. Immerhin haben wir uns auf Deutsch darüber geärgert. Also ich. Davide wollte sie eigentlich in den Betonmischer stecken.

So. Zurück zur Disziplin! „Freiheit“ bedeutet nämlich nicht automatisch „Freizeit“. Eher erleichtert sie es, die Notwendigkeiten zu erledigen, weil ohne Kind die meisten Dinge schneller gehen. Es sei denn, man hat einen Blog und lange nichts geschrieben, um seine freie Zeit damit verbringen zu können, mit dem Nachwuchs einen ominösen Nuckeldieb zu jagen. Was er wohl gerade mit den Kindergartentanten macht? …und überhaupt! Lag er nicht gestern noch im Kinderwagen? Mir kommt es auch wie gestern vor, als er die ersten Schritte am Sofa entlang machte.

Irgendwie stimmt hier was nicht!

Das waren noch rosige Zeiten!

Ach, ja, hatte ich nicht „Disziplin“ gesagt? Ich darf im Moment viel arbeiten. Das ist zwar schlecht für meine neu gewonnene Freiheit/ Freizeit, aber gut für die Bau- bzw. Sanierungsprojekte, die wir noch in der Pipeline haben. … und ich fürchte, ich werde in der nächsten Zeit auch weitere Kinderbücher kaufen. Deshalb wechsle ich jetzt mal die Seiten und schreibe woanders über mein Apulien weiter. Also bis dann!

 

Duisburg – Triggiano: Auf den Spuren der Mafia

Die selbstherrliche Vermutung, ich wäre die einzige Verbindung zwischen Triggiano und Deutschland, habe ich ja schon lange begraben. Man nehme nur unsere Nachbarn, die als ehemalige Gastarbeiter aus Deutschland zurückgekehrt sind und hier ihren Lebensabend verbringen, während ihre Kinder und Enkel in Deutschland geblieben sind.

Aber da Bari und seine Umgebung in diesen Tagen wieder Tummelplatz für Filmschaffende sind, habe ich mich ein wenig mit der Mafia beschäftigt. Einer der beiden Filme, die im Moment hier gedreht werden, heißt nämlich „Duisburg – Linea del Sangue“ (etwa „Duisburg – Spur des Blutes). Darin wird eine wahre Begebenheit verarbeitet, an die sich die Duisburger/ Ruhrpötter unter uns vielleicht noch erinnern werden: Im August 2007 wurden nach einer Geburtstagsfeier vor einem Restaurant 6 Menschen erschossen. Das Ereignis ging als „Mafiamorde von Duisburg“ in die traurige Geschichte ein, denn tatsächlich beschloss sich in jener Nacht eine bereits Jahre andauernde Fehde zweier verfeindeter Familien der ‚Ndrangetta, der in Kalabrien ansässigen Mafia.

Für das italienische Staatsfernsehen RAI wird diese Geschichte nun verfilmt und aktuell in Bari, Triggiano, Vico del Gargano und Peschici gedreht. Anschließend geht es weiter zu Drehorten in Serbien. Dabei ist auch der deutsche Schauspieler Benjamin Sadler, der sein Können seit 1994 in unterschiedlichsten Fernsehformaten unter Beweis gestellt hat.

Was genau jedoch die Verbindung zwischen der ‚Ndrangetta und Triggiano ist, kann ich nicht sagen. Ich hoffe, wir haben einfach nur einen geeigneten Drehort geboten.

Unabhängig vom Film hat Triggiano aber auch seine eigenen Mafiageschichten zu erzählen, und damit meine ich nicht nur die abgebrannte Bar in der Via Casalino, von der man munkelt, dass jemand sein Schutzgeld nicht mehr bezahlen wollte, oder den Fakt, dass die Eltern von Anthony „the ant“ Spilotro, einer bekannten Größer der Chicagoer Unterwelt Mitte des letzten Jahrhunderts, aus Triggiano nach Amerika ausgewandert waren.

Auf unserem Friedhof befindet sich das Grabmal von Rocco Dicillo, einem Polizeiagenten, der nur 30 Jahre alt geworden ist. Im Mai 1992 fielen er, zwei weitere Kollegen und nicht zuletzt der Antimafia-Richter Giovanni Falcone mit seiner Ehefrau in der Nähe von Palermo (Sizilien) einem Anschlag der sizilianischen Mafia Cosa Nostra zum Opfer. Der Mut, sich öffentlich gegen die Mafia zu stellen und damit sein Leben zu riskieren, ist nicht genug zu würdigen. Zum Glück gibt es auch heute noch Menschen, die trotz aller Gefahr daran arbeiten, diese kriminellen Strukturen im Staat aufzudecken und versuchen, die Mitglieder des organisierten Verbrechens ihrer gerechten Strafe zuzuführen. An Rocco Dicillo erinnern heute neben seinem Grab noch mehrere Straßen in Palermo, Triggiano und Umgebung.