Schlagwort-Archive: Italien

Gut für die Disziplin

Birne – faul in der Herbstsonne

Es regnet mal wieder in Bari und Umgebung. Eigentlich regnet es schon seit vier Tagen ununterbrochen. Mal mehr. Mal weniger. Da musste ich ein paar Fotos von Anfang November hervorkramen, um mich daran zu erinnern, dass wir in Apulien keinesfalls über herbstliches Wetter meckern dürfen.

Außerdem ist Regen gut für die Disziplin. Wenn man nicht noch einen Blog hätte. Dafür könnte ich ja mal wieder etwas schreiben, habe ich gedacht. Und nun sitze ich hier.

Es ist still in unser Wohnung. Irgendwie unheimlich. Kontrastierend dazu der Regen, der in Abständen auf das Dach rauscht. Auch irgendwie unheimlich.

Echt? Gab es wirklich Monate, in denen ich täglich gießen musste?

Davide ist im Kindergarten. Yeah, FREIHEIT! … aber irgendwie unheimliche Freiheit. Leere, Stille und ein Haufen unnötiger Zweifel und überflüssiger Fragen. Normalerweise bin ich kein ängstlicher Mensch, aber alles was mein Kind betrifft, macht mich gelegentlich irrational. Beispielsweise merke ich schon jetzt, dass er mehr Italienisch als Deutsch spricht. Wie soll Mama da mithalten, wenn sie ihr Kind nur noch zum Frühstück und abends im Bett sieht? Hab aus schlechtem Gewissen gleich mal ein neues Kinderbuch gekauft: große Fahrzeuge kommen schon seit Monaten gut an. Sind heute Morgen ein paar Cornflakes drauf gelandet. Immerhin haben wir uns auf Deutsch darüber geärgert. Also ich. Davide wollte sie eigentlich in den Betonmischer stecken.

So. Zurück zur Disziplin! „Freiheit“ bedeutet nämlich nicht automatisch „Freizeit“. Eher erleichtert sie es, die Notwendigkeiten zu erledigen, weil ohne Kind die meisten Dinge schneller gehen. Es sei denn, man hat einen Blog und lange nichts geschrieben, um seine freie Zeit damit verbringen zu können, mit dem Nachwuchs einen ominösen Nuckeldieb zu jagen. Was er wohl gerade mit den Kindergartentanten macht? …und überhaupt! Lag er nicht gestern noch im Kinderwagen? Mir kommt es auch wie gestern vor, als er die ersten Schritte am Sofa entlang machte.

Irgendwie stimmt hier was nicht!

Das waren noch rosige Zeiten!

Ach, ja, hatte ich nicht „Disziplin“ gesagt? Ich darf im Moment viel arbeiten. Das ist zwar schlecht für meine neu gewonnene Freiheit/ Freizeit, aber gut für die Bau- bzw. Sanierungsprojekte, die wir noch in der Pipeline haben. … und ich fürchte, ich werde in der nächsten Zeit auch weitere Kinderbücher kaufen. Deshalb wechsle ich jetzt mal die Seiten und schreibe woanders über mein Apulien weiter. Also bis dann!

 

Duisburg – Triggiano: Auf den Spuren der Mafia

Die selbstherrliche Vermutung, ich wäre die einzige Verbindung zwischen Triggiano und Deutschland, habe ich ja schon lange begraben. Man nehme nur unsere Nachbarn, die als ehemalige Gastarbeiter aus Deutschland zurückgekehrt sind und hier ihren Lebensabend verbringen, während ihre Kinder und Enkel in Deutschland geblieben sind.

Aber da Bari und seine Umgebung in diesen Tagen wieder Tummelplatz für Filmschaffende sind, habe ich mich ein wenig mit der Mafia beschäftigt. Einer der beiden Filme, die im Moment hier gedreht werden, heißt nämlich „Duisburg – Linea del Sangue“ (etwa „Duisburg – Spur des Blutes). Darin wird eine wahre Begebenheit verarbeitet, an die sich die Duisburger/ Ruhrpötter unter uns vielleicht noch erinnern werden: Im August 2007 wurden nach einer Geburtstagsfeier vor einem Restaurant 6 Menschen erschossen. Das Ereignis ging als „Mafiamorde von Duisburg“ in die traurige Geschichte ein, denn tatsächlich beschloss sich in jener Nacht eine bereits Jahre andauernde Fehde zweier verfeindeter Familien der ‚Ndrangetta, der in Kalabrien ansässigen Mafia.

Für das italienische Staatsfernsehen RAI wird diese Geschichte nun verfilmt und aktuell in Bari, Triggiano, Vico del Gargano und Peschici gedreht. Anschließend geht es weiter zu Drehorten in Serbien. Dabei ist auch der deutsche Schauspieler Benjamin Sadler, der sein Können seit 1994 in unterschiedlichsten Fernsehformaten unter Beweis gestellt hat.

Was genau jedoch die Verbindung zwischen der ‚Ndrangetta und Triggiano ist, kann ich nicht sagen. Ich hoffe, wir haben einfach nur einen geeigneten Drehort geboten.

Unabhängig vom Film hat Triggiano aber auch seine eigenen Mafiageschichten zu erzählen, und damit meine ich nicht nur die abgebrannte Bar in der Via Casalino, von der man munkelt, dass jemand sein Schutzgeld nicht mehr bezahlen wollte, oder den Fakt, dass die Eltern von Anthony „the ant“ Spilotro, einer bekannten Größer der Chicagoer Unterwelt Mitte des letzten Jahrhunderts, aus Triggiano nach Amerika ausgewandert waren.

Auf unserem Friedhof befindet sich das Grabmal von Rocco Dicillo, einem Polizeiagenten, der nur 30 Jahre alt geworden ist. Im Mai 1992 fielen er, zwei weitere Kollegen und nicht zuletzt der Antimafia-Richter Giovanni Falcone mit seiner Ehefrau in der Nähe von Palermo (Sizilien) einem Anschlag der sizilianischen Mafia Cosa Nostra zum Opfer. Der Mut, sich öffentlich gegen die Mafia zu stellen und damit sein Leben zu riskieren, ist nicht genug zu würdigen. Zum Glück gibt es auch heute noch Menschen, die trotz aller Gefahr daran arbeiten, diese kriminellen Strukturen im Staat aufzudecken und versuchen, die Mitglieder des organisierten Verbrechens ihrer gerechten Strafe zuzuführen. An Rocco Dicillo erinnern heute neben seinem Grab noch mehrere Straßen in Palermo, Triggiano und Umgebung.

Schattenseiten

„Der Freitag“ hat in seiner Ausgabe 35/2017 einen hochinteressanten, beklemmenden Beitrag mit dem Titel „Sie schürfen rotes Gold“ publiziert. Darin wird u.a. die Geschichte des  Immigranten Soleyman aus dem Senegal erzählt, eine Geschichte, die exemplarisch für viele Einwanderer, die sich in Europa mit schlecht bezahlter, harter Arbeit über Wasser halten, steht. Warum ich das hier aufgreife? Soleyman arbeitet im Moment als Tomatenpflücker unter unserer heißen, apulischen Sommersonne für nur 3 bis 4 Euro pro Stunde.

Modernes Sklaventum

Schon das Titelfoto erinnert an die Südstaaten Amerikas vor mehr als 200 Jahren. Man muss im Geiste nur die Tomaten gegen Baumwolle austauschen und sieht, dass sich das moderne Sklaventum gar nicht so sehr vom damaligen unterscheidet. Doch, was der Artikel nicht erzählt, ist, dass es vielen eingeborenen Süditalienern nicht viel besser geht. Die totale Abhängigkeit vom Belieben und den Anforderungen dessen, der dir Arbeit geben kann, lässt zum Beispiel auch Giuseppe unter haarsträubenden Bedingungen sein tägliches Brot mit Saisonarbeit verdienen. Aber Giuseppe ist kein Immigrant. Er ist ein Apulier doc. Ein einfacher Mensch, der den Hauptschulabschluss mit über 30 an der Abendschule nachgeholt hat. Er hat zwei Ehen hinter sich und ein Auswandererabenteuer in Peru. Als ich ihn kennenlerne, wohnt er wieder im Kinderzimmer bei seinen Eltern in der kleinen italienischen Stadt, in der er aufgewachsen ist.

Giuseppe hat sich in den Kopf gesetzt hat, Deutsch zu lernen, weil er Apulien wieder den Rücken kehren will. Dieses Mal endgültig. Sein Traum: in Deutschland leben und arbeiten, unbedingt in München. Warum, weiß er selbst nicht so genau. Es sei eben alles besser in Deutschland. Vor allem gäbe es richtiges Geld für Arbeit. Vielleicht hätte er mal Soleyman fragen sollen, warum dieser dann in Apulien Tomaten pflückt.

Weintrauben putzen

Egal. Wenn Giuseppe abends zu mir in den Deutschkurs kommt, sprechen wir nicht nur über Grammatik und Vokabeln, sondern auch über sein Leben, seine Ehen, die mit daran gescheitert sind, dass er keine Arbeit findet, mit der er seine Familie etwas mehr als nur über Wasser halten kann. Irgendwann erzählt er mir von seinem Sommerjob – Weintrauben putzen. Was muss man sich darunter vorstellen?

Von Juni bis September arbeiten sich Leute sieben Tage die Woche an den Weinreben entlang und pflücken die zu kleinen oder fauligen Weintrauben ab, damit die restlichen größer werden können und dabei nicht faulen. Diese unermüdlichen Weintraubenputzer sorgen dafür, dass die großen, süßen und makellosen Trauben aus Apulien ihren guten Ruf wahren können.

Wie bei den Tomatensklaven klingelt auch bei Giuseppe um 4 der Wecker. Dann holt ihn der Typ ab, der ihm diesen Job vermittelt hat – so eine Art Teamleiter, der sich genau wie bei Soleyman die Chauffeursarbeit zum Feld pro Tag und Person mit 5 Euro bezahlen lässt. Das ist bereits der Lohn für eine ganze Stunde Weintraubenputzen.* Ein Fahrrad würde hier nicht helfen. Die Weinfelder sind gut und gern mal eine Stunde von Giuseppes Heimatort entfernt.

Von 6 bis 13 Uhr pflücken sie die Rebstöcke entlang, immer ein wenig gebückt, das Gesicht nach oben und die Arme die ganze Zeit über den Kopf erhoben. Nach kurzer Zeit schmerzt der Rücken, irgendwann merkt man es nicht mehr. Dann werden die Arme schlapp. Nach ein paar Tagen entwickeln sich die entsprechenden Muskeln. Durchhalten. Außerdem sind die Reben meistens mit Planen überspannt, damit der Regen ihnen nicht schaden kann. Das erhöht die Temperatur der Arbeitsumgebung noch einmal gewaltig. Wer jedoch ständig trinken oder seine Arme ausschütteln muss, kann nicht schnell genug pflücken. Der schafft die ihm zugeteilten Reihen nicht und verliert seinen Job. Weder Giuseppe noch einer seiner Kumpels können sich das leisten. Für die meisten ist diese Sommerarbeit, die einzige im Jahr. Schwarz versteht sich.

Ein „padrone“ als Arbeitgeber

Ob sein Arbeitgeber keine Angst vor Kontrollen habe, fragte ich ihn einmal, weil man gelegentlich hört, dass die Behörden Stichproben machen würden. Ich bekam einen unverständlichen, halb mitleidigen Blick zurück. Dann erklärt er mir, dass die Kontrollen überwiegend dort stattfänden, wo gerade nicht gepflückt wird. Sonst wären sie von ihrem „padrone“ (dt. Herr) angewiesen beim Auftauchen jeglicher Kontrolleure sofort wegzulaufen. Wer einmal gefasst wird, braucht nicht zu hoffen, dass man ihn noch einmal für diesen oder einen ähnlichen Job nimmt. Außerdem würde der „padrone“ ohnehin abstreiten, dass er ihn oder jemand anderen jemals gesehen habe. Wie Giuseppe so selbstverständlich von einem Herrn sprechen kann, versteht vielleicht nur jemand, der in diesem System lebt.

Mittags um eins ist jedenfalls zunächst Schluss mit den Trauben, denn dann wird die Hitze gar zu groß. Doch nachmittags ab 3 machen sie weiter bis abends um sieben.  Da ist Giuseppe in diesem Jahr aber nicht mehr dabei, denn ab 4 büffelt er stattdessen Deutsch. Sein Padrone hat ihm erlaubt, nur vormittags zu arbeiten, weil er genügend Weintraubenputzer hat. Wenn Mitte September die Traubenernte richtig losgeht, wird die Saisonarbeit vorbei sein und Apulien Giuseppe keine Alternative bieten. Dann will er sich mit einem Koffer nach Deutschland aufmachen, denn ein Freund hat versprochen, ihm bei der Jobsuche in München behilflich zu sein, und nur noch nach Apulien zurückkommen, um seine Eltern zu sehen. Die können es kaum erwarten, dass das Kinderzimmer wieder frei wird.

  • Jetzt nur nicht empört auf apulische Landwirte schimpfen, sondern einfach mal „Brandenburg Spargelernte Verdienst“ googeln.

Alles Tarnung

Ein Ausflug in einen Archäologischen Park bringt manchmal nicht nur neue Erkenntnisse in Geschichte, sondern auch in Zoologie. Was ich erstaunt als schwarze Hummel mit blauen Flügeln fotografierte, entpuppte sich im Nachhinein als Biene; genauer gesagt als Holzbiene.

Der Name weist auf ihr Verhalten hin, ihre Behausung in totes Holz zu graben. Wahrscheinlich trägt die naturbelassene Flora im Park dazu bei, dass sich diese Bienenart dort wohl fühlt. Doch der dicke Brummer ist nicht nur im Mittelmeerraum zu finden. Auch in Deutschland wird er gelegentlich beobachtet.

Monte Sannace – Mehr als nur ein Hügel

monte sannace

Blick über die untere Stadt

Bei unserem Besuch des Kastells von Gioia del Colle hatten wir uns fest vorgenommen, uns bald das zum Museum gehörige Ausgrabungsgebiet anzusehen, von dem die meisten Fundstücke in der ständigen Ausstellung im Schloss stammen. Der „Archäologische Park Monte Sannace“ liegt nämlich nur 5 Kilometer vor den Toren Gioias und damit auch nur ca. 20 Autominuten von Bari entfernt an der Schnellstraße in Richtung Taranto. Merkwürdigerweise mussten drei Jahre vergehen, bis wir uns am letzten Montag tatsächlich aufmachten, um mal wieder in Apuliens Historie einzutauchen.

Tief einzutauchen, wie die Funde aus dem Park uns bereits im Kastell gezeigt hatten, bis ins 10. Jahrhundert vor Christus nämlich. Der Großraum Bari war damals von den Peuketiern besiedelt, die fürderhin maßgeblich von den Griechen beeinflusst wurden, welche über ihren Anlaufpunkt Taranto wichtige Handelsbeziehungen nach Peuketien unterhielten. Neben dem heutigen Ruvo war Sannace Zentrum dieser Kultur.

Die Ausgrabungsstätte musste auch für technisches Gerät zugänglich gemacht werden. Steine für Mauern und Wege gab es genug.

Monte Sannace Überblick

Im Park vermitteln Infotafeln Wissenswertes zur Örtlichkeit und den Ausgrabungen

Die Peuketier hatten den Ort ihrer Siedlung strategisch klug gewählt: Vom fast 400 m über dem Meeresspiegel liegenden Gipfel des Hügels aus hat man eine kilometerweite Sicht ins Umland. Eine hochgelegene Ebene umgeben von schroffen, steilen Hängen bot gleichzeitig die Möglichkeit zur landwirtschaftlichen Versorgung und leichten Verteidigung. Ein Karsttal weist darauf hin, dass es dereinst auch einen kleinen Fluss gegeben haben muss, der wahrscheinlich sogar schiffbar war. Die Vegetation zeigt noch heute eine gesunde Vielfalt von Bäumen wie Eichen und Steineichen mit dichtem Unterwuchs, wo man gerade nicht gräbt und wachsen lässt. Bildtafeln machen an dieser Stelle die botanisch weniger bewanderten Besucher wie uns auf besondere Pflanzen und Bäume aufmerksam.

 

Dass es auf dem Monte Sannace schon einmal sehr lebendig zuging, wussten die apulischen Bauern, welche die verschüttete Siedlung als Ackerland nutzten, schon seit dem 17. Jahrhundert, weil sie beim Beackern des Bodens immer wieder zufällig über historische Funde stolperten. Erst 1929 begannen ernsthafte Grabungen, die schnell einige Gräber und Teile der Mauer um die untere Stadt zum Vorschein brachten.

Infotafel zur Neuorganisation der Straßen in der hellenistischen Zeit

In mehreren Wellen erfolgten daraufhin Grabungen. 1977 machte man das Gebiet den Besuchern zugänglich und ab den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts erfolgten Rekonstruktionsarbeiten, so dass man sich sowohl die untere als auch die obere Stadt wieder relativ gut vorstellen kann. Inzwischen weiß man, dass auf dem Monte Sannace schon seit dem Neolitikum gesiedelt wurde, die Blütezeit vermutlich von der Mitte des 3. bis zur 4. Jahrhundert vor Christus lag und sich die Städte bis in die hellenistischen Zeit im ersten Jahrhundert nach Christus hinein halten konnten. Unter den Römern verlor das Gebiet an Bedeutung, da es von deren südlichen Handelsruten der Via Appia und der Via Traiana abgeschnitten war. Eine kleine Kirche aus dem Mittelalter im Gebiet der oberen Stadt wurde schnell wieder aufgegeben, sodass der Ort der Bedeutungslosigkeit anheimfiel, welche in weiten Teilen des italienischen Südens bis ins 20. Jahrhundert andauerte.

Hier wurde gerade ein weiteres Grab außerhalb der Stadtmauern entdeckt

Gegen diese Bedeutungslosigkeit arbeiten die Archäologen heute wieder. Im Moment leider nur die Praktikanten der Uni von Bari, die gelegentlich in der oberen Stadt (Akropolis) graben. Am kleinen Parkplatz befindet sich ein Besucherzentrum, welches seine Bezeichnung nur deshalb verdient, weil ein netter Kustode einem das Tor öffnet, wenn man klingelt. Bei unserem Besuch am Sonntag zeigte dieser sich leicht zerknirscht und entschuldigte sich dafür, dass man die Eintrittskarte im Kastell von Gioia kaufen müsse, welches aber an diesem Tag zufällig geschlossen habe. Mal davon abgesehen, dass eine 5 km weit entfernter Ticketschalter bei zeitgleicher Anwesenheit eines Geländeaufsehers etwas eigenwillig erscheint, hatten wir Glück: Der freundliche Herr ließ uns für lau hinein, gab uns einen Lageplan und ein Basecap für Davide und wies uns grob die Richtung.

So stiefelten wir also über sonnenverbranntes Gras durch Jahrtausende alte Grundmauernreste, setzten uns zur Probe in steinerne Sarkophage, beobachteten Davide dabei, wie er euphorisch jede zweite Ameise begrüßte, die uns buchstäblich über den Weg rannte, und stellten wieder einmal fest, dass der Besuch einer solchen Stätte eigentlich die Anwesenheit eines kundigen Führers verlangte, der es schaffte, diesen Ort vor dem geistigen Auge lebendig werden zu lassen. Die zugegeben recht zahlreichen Schau- und Informationstafeln gaben immerhin eine Idee vom großen Ganzen.

Gräber am Rande der oberen Stadt

Natürlich könnte man auch sagen, alte Mauern habe man schon besser in Pompeji gesehen. Doch leider hatten nicht alle antiken Stätten das zweifelhafte Glück in einer Katastrophe für die Nachwelt konserviert zu werden. Die apulischen Grabungsgebiete, zu denen auch Egnazia bei Fasano gehört, erfordern mehr Fantasie und vielleicht auch ungleich mehr Wissen um ihre Bedeutung. Trotzdem sind sie es Wert, gesehen zu werden. Wenn man ab und zu sieht, wie klein der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes angefangen hat und sich dann in seiner vergleichsweise riesigen Heimatstadt umsieht, dann muss man sich eingestehen, dass wir es wenigstens in Körpergröße und als Bauherren doch weit gebracht haben. Der Rest… naja…

Hinfahren! Ansehen!

Stadtmauer der unteren Stadt mit Treppe

Parco Archeologico di Monte Sannace, Strada Provinciale 61, Gioia del Colle – Turi km 4,5
geöffnet von Mittwoch bis Sonntag von 8:30 – 15 Uhr
Eintritt 2,50 Euro zu zahlen an der Kasse des Kastells von Gioia (Kastell + Park 4 Euro)
Info-Telefon: 080 348 3052 und 080 349 1780

Wie lebt man mit 43 Grad und mehr?

Wenn ich mit dem deutschen Teil meiner Familie über das Sommerwetter in Apulien spreche, dann werde ich immer gefragt, wie man das eigentlich aushält. Natürlich kann man sich da in Ironie flüchten oder aber man muss ehrlich gestehen, dass man es NICHT aushält. Tatsächlich rate ich jedem Reisewilligen, unsere Region lieber im Mai/ Juni und dann erst wieder im September zu erkunden. Was tun wir also im Juli und August?

1. Wir schwitzen und essen Melone

Der Wüstenwind aus der Sahara bringt uns nämlich gern mal wochenlange Trockenheit und, wie in diesem Sommer, auch wochenlang Temperaturen um die 40 Grad. Das bedeutet konkret, dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit den Schweiß an sich herunterrinnen fühlt, was an sich gut ist, denn mit ein bisschen Wind hat man wenigstens einen Kühleffekt. Oftmals weht jedoch kein Wind. … und eine Dusche hilft eigentlich nur so lange, wie man darunter steht.

Das Essen schmeckt bei diesen Temperaturen natürlich auch nur bedingt. Es verwundert daher nicht, dass wir in Sommern wie diesen die günstigen Melonenpreise (ca. 40 Cent das Kilo) richtig ausnutzen und uns hauptsächlich von Wassermelonen ernähren. Desweiteren hilft nur das intravenöse Anschließen an die Mineralwasserflasche.

2. Wir gehen gern arbeiten

Tatsächlich geht man im Sommer sogar gern arbeiten, weil die meisten Firmen einen klimatisierten Arbeitsplatz anbieten. Auch viele Wohnungen sind bereits mit Klimaanlagen ausgestattet, was jedoch dazu führt, dass an sehr warmen Tagen oft der Strom ausfällt, weil zu viele Klimaanlagen angeschaltet werden. Das gibt dann ein nerviges Alarmanlagenkonzert, welches nicht so schnell abgestellt wird, da jeder weiß, dass es sich um keinen „richtigen“ Alarm handelt. Damit muss man umzugehen lernen.

3. Wir fahren ans Meer

Düne bei Ostuni, Pilone

Wer Urlaub hat, versucht, sich die meiste Zeit des Tages bis zum Hals in die Adria zu stellen. Das ist aber nicht so einfach, da die Straßen zum Meer bereits ab acht Uhr verstopft sind, weil sowohl die Apulier als auch die Touristen auf die Idee kommen, sich im Wasser zu versenken. 

Davide lebt alternativ wochenlang in seinem Plaschbecken, derer wir in diesem Jahr drei verschlissen haben, weil unsere Katze Gina des Nachts mehrmals versucht haben muss, sich ebenfalls darin abzukühlen. Oder wollte sie gar ob der unerträglichen Hitze Selbstmord begehen? Man kann an dieser Stelle nur spekulieren. Fakt ist, dass auch die oberen zwei Ringe des zuletzt gekauften Planschbeckens plötzlich Löcher bekommen haben und keine Luft mehr halten.

4. Wir werden lethargisch oder aggressiv

Abgesehen davon glaube ich, dass die Hitze die Leute entweder lethargisch oder aber aggressiv macht. Zum Glück hält es unsere Familie mit der Lethargie. Wir stehen zeitig auf und genießen die kühleren Morgenstunden auf der Schattenseite der Terrasse, um uns ab 11 Uhr in die Wohnung zurückzuziehen und dann hauptsächlich zu trinken, herumzulümmeln und darauf zu warten, das es dunkel und damit wieder kühler wird. Die meisten Nachbarn halten es ebenso. Von daher beginnt das Leben auf den Balkons, Terrassen und Straßen erst wieder gegen 19 Uhr.

Eines abends beobachtete ich, dass sich der rauchende Opa auf einem benachbarten Balkon wie immer auf seinen Stuhl auf der linken Balkonecke setzte, während die dazugehörige, ebenso rauchende Oma ihren Stuhl ganz nach links zu den Mülleimern gerückt hatte. „Vielleicht haben sie sich gestritten“ mutmaßte Luigi. Nach einem lauten Wortwechsel am nächsten Abend auf diesem Balkon glaubte ich ihm. Als jemand in dem Hochhaus neben uns eines Abends nicht einmal mehr die Übungsstunde des Bassisten durchhielt, der im Laufe des Jahres dort eingezogen sein und zu einer Zucchero-Cover-Band gehören muss, und hysterisch vom Balkon schrie, ob der Zucchero-Fan sich keine Kopfhörer kaufen könne, meinte ich zu Luigi, dass sich die Bewohner Triggianos wohl bald an die Kehle gehen würden, wenn keine Abkühlung käme.

In der Tat stritt sich Familie N. unter uns in der nämlich Nacht von ca. 1 bis 3 Uhr so laut, dass Davide zu weinen begann und Luigi zu schnarchen aufhörte. Gut, hauptsächlich hörte er zu schnarchen auf, weil ich ihn rüttelte und fragte, ob wir vielleicht die Polizei rufen sollten, denn ich hatte ganz deutlich Schläge vernommen und fürchtete, dass entweder die Söhne den Vater töten würden oder umgekehrt. Luigi war gegen eine Einmischung und so zog ich mich mit einem angefangenen Buch in die Küche zurück. Gegen drei… die Protagonistin meines Buches hatte gerade ihren Fastehemann verlassen… krachte unter uns eine Tür ins Schloss. Endlich musste jemand aufgegeben haben oder auf der Flucht sein. (Inzwischen weiß ich, dass alle noch leben. Selbst der riesige Hund.)

5. Wir warten

Was bleibt uns also anderes übrig als im Juli und August auf Regen zu warten? Glücklicherweise wurde am letzten Freitagnachmittag endlich der Himmel schwarz und schüttete eine Stunde lang Wassermassen auf Triggiano, Bari und die weitere Umgebung herab, die eine deutliche Abkühlung von 10 Grad gebracht haben. Wer weiß, ob sonst nicht wirklich noch Schlimmeres passiert wäre, als dass die Kakteen verdorren.

Man lernt jedenfalls hier in Apulien noch jede Menge über Windsysteme hinzu. Daher bin ich in diesem Sommer eindeutig Freund des „maestrale“ (Mistral), seines Zeichens Gegenspieler des „scirocco“ aus der Sahara geworden.

Der Bass spielende Zucchero-Freund muss sich übrigens tatsächlich Kopfhörer gekauft haben oder aber er ist inzwischen schon perfekt oder wer weiß… Ich vermisse ihn nicht.

Jahrestag vergessen

Blütengruß aus der Kaktusecke

Mein Gedächtnis für alles, das mit Zahlen zusammenhängt, ist wirklich schwach. Bis heute weiß ich nicht, wie ich jemals Mathe-Abitur machen konnte, und, dass mir langjährige Freunde noch nicht die Freundschaft gekündigt haben, ist nur der Tatsache zuzuschreiben, dass ich mir einzig Daten merken kann, die mich wirklich schon mein ganzes Leben lang begleiten. Für kürzlich erworbene Verwandte und Freunde habe ich zum Glück Luigi. Aber ehrlich, kennt ihr das auch, dass man an einem Tag auf den Kalender schaut und denkt: „Ach, übermorgen hat X Geburtstag, Namenstag, Hochzeitstag etc.! Das darfst du nicht vergessen.“ … und dann schaut man ein paar Tage später auf den selben Kalender und stellt fest, dass man es doch vergessen hat? Blöde Sache!

Eine Sonnenblume blühte pünktlich zum Jahrestag.

Gut, wenn einem das nur mit selbsternannten Jahrestagen passiert. Da fühlt sich wenigstens niemand beleidigt. So stellte ich also heute Morgen fest, dass ich bereits vor zwei Tagen meinen fünften Apulien-Geburtstag hätte feiern können. Herzlichen Glückwunsch nachträglich! Vielleicht ist es auch ein gutes Zeichen, wenn man so einen Tag vergisst. Heißt das nicht auch, dass man in der Normalität des neuen Lebens angekommen ist?

Fünf Jahre bin ich also schon hier und immer noch kann ich sagen, dass alles immer besser wird. Vielleicht bin ich auch nur ein einfacher Mensch mit einfachen Bedürfnissen, aber tatsächlich haben sich im letzten Apulienjahr nur Dinge ereignet, die unser Leben hier schöner und spannender gemacht haben.

Mein Lieblingsbaum auf der Terrasse beglückt uns auch in diesem Jahr mit dicken, saftigen Feigen.

An erster Stelle steht natürlich Davide, der jetzt schon rudimentäre Sätze mit mehreren Wörtern bildet. Zum Beispiel zeigte er heute früh auf den Kondensstreifen am Himmel und krähte begeistert „Mama nonnina!“ – Was so viel heißt, wie „Omi von Mamas Seite kommt mit dem Flugzeug“. Tatsächlich sind zwei der wichtigsten Menschen meines Lebens im wahrsten Sinne des Wortes im Anflug und so werden wir den versäumten Jahrestag ganz schnell nachfeiern.

Da Davides und mein Geburtstag ansteht, trudeln bereits Geschenke ein. Eine sommerliche Tasche kann ich gut brauchen.

Nach einer arbeitsmäßigen Winterflaute (noch ist es mir nicht gelungen, dem Lehrerinnendasein in einen Job in der Wirtschaft zu entkommen) habe ich mir in den letzten Monaten buchstäblich die Hacken abgerannt und war nur noch zum Schlafen zu Hause. Daher freue ich mich jetzt darüber, dass die Gymnasialschüler schon Ferien haben und nach und nach die anderen Kurse auslaufen, so dass nur noch meine privaten Schüler übrig bleiben, die auch irgendwann Sommerurlaub machen werden. Überhaupt war meine Arbeit als Geschichts- und Geographielehrerin in den letzten drei Monaten eine ganz besondere Erfahrung bei der ich selbst wohl am meisten gelernt habe.

Eine andere Schule betraut mich inzwischen mit der Organisation und Oberaufsicht für IELTS-Englisch-Prüfungen. Eine witzige Sache, bei der alles mit gefühlt tausendfachen Auszählungen, Kandidatenfotos und Fingerabdruckscans hypersicher zugehen muss, weshalb man sich da ein bisschen wie ein Kommandant bei einem Staatssicherheitsdienst fühlt. Das brachte unter anderem auch drei Dienstreisen quer durch Italien mit sich, was dazu geführt hat, dass ich mein Zuhause und meine kleine Familie nur noch mehr schätze.

Überhaupt hat Luigi sich durch meine Abwesenheiten zum qualifizierten Hausmann und Vater entwickelt. Das muss an dieser Stelle einfach mal lobend erwähnt werden. Ohne ihn wäre die Bude hier schon im Dreck verkommen und unter der Last von verstreuten Spielzeugen zusammengebrochen.

Ein Kamin – schön und nützlich, denn auch im Winter habe ich gern 40 Grad in der Bude.

Für den Sommer haben wir uns einen Urlaub in Deutschland vorgenommen. Außerdem wollen wir in diesem Apulienjahr ein paar Wochenendausflüge in Apulien unternehmen und schauen, wie das mit Davide funktioniert. Für die Wohnungsverbesserung ist ein Projekt „Dachdämmung“ angesagt, das wohl im September stattfinden wird. Ganz genau kann man das in Süditalien ja nie sagen. Im letzten Herbst wurde der Kamin verkleidet und sieht nun auch wie ein solcher aus. Hinter der Wohnung lagern schon vier Zentner Holz, obwohl man sich im Moment bei fast 40 Grad nicht vorstellen kann (oder auch nur will), dass man diesen Kamin irgendwann wieder brauchen wird.

Ach, ich könnte noch so viel herumplaudern, aber die Zeit ist knapp und der Besuch im Anflug; wie bereits oben erwähnt. Daher mache ich mich mal an meine hausfraulichen Pflichten und beseitige ein wenig das Chaos und den Staub, der in den letzten Tagen durch die permanent geöffneten Fenster und Türen eingedrungen ist.

Ich wünsche euch allen einen schönen Sommer und mir noch einmal alles Gute zum Compuglianno 2017!

Bis bald! Corinna