Archiv für den Monat Juni 2013

Mission Traumwohnung 12 – Wie ich zum Verkehrs-Italiener wurde

Vorrede

IMG_20130630_154444Bis vor wenigen Tagen sah unsere sich im Renovierungsprozess befindliche Traumwohnung noch wie ein einziges Trümmerfeld aus: Kahle Wände und nackte Fußböden wurden von Canyons durchzogen, in denen neue Rohre durch die Wohnung führten. An manchen Rohren vorbei konnte man durch die Wände in angrenzende Räume oder nach draußen sehen. In den Ecken stapeltenIMG_20130630_154629 sich riesige Plastikbehältnisse mit Schutt und kaputten Fliesen. Was nicht in die Behältnisse passte, war zu formschönen Haufen in diversen Zimmerecken zusammengefegt worden. Auf der Terrasse türmten sich die ausgebauten Sanitärstücke, lange und kurze Rohre und die Porenbetonreste des ehemaligen Kamins.

Mit den Worten „Wir sind jetzt vorest fertig.“ hatten sich die Hydrauliker und Elektriker verabschiedet und gemeint, dass es nun an den Mauern wäre, die Wände neu zu verputzen und die Canyons im Fußboden zu schließen. Da diese jedoch noch auf einer anderen Baustelle beschäftigt waren, ruhten die Arbeiten in unserer Traumwohnung mal wieder – bis uns schließlich am Dienstag Vito, der Obermaurer, anrief und sagte: „Am Donnerstag haben wir einen Leiterwagen. Besorgt ihr uns mal die Genehmigung von der Stadtpolizei, ein Parkverbot aufzustellen, damit wir nicht die Straße blockieren müssen.“

Die einfache Varriante der Parkraumbeschaffung und warum sie nicht in Frage kam

„Wofür wollt ihr denn da eine Genehmigung?“, entgegnete ein findiger Polizist Luigi am Dienstagabend auf der Wache der „Gemeindepolizei“ („Polizia Municipale“). „Parkt doch einfach am Abend zwei Autos hintereinander und, wenn der Leiterwagen am nächsten Morgen kommt, fahrt ihr sie wieder weg.“ Der Mann musste Erfahrung mit Umzügen haben, denn das klang einfach und gut; zu einfach wie sich herausstellte. „Wir kommen aber mit zwei LKWs – dem Leiterwagen und dem Auto, mit dem wir die Baumaterialen vom Sanitärmarkt holen“, sagte Vito später am Telefon. „Dafür reicht der Platz von zwei PKW nicht aus.“ Also musste doch eine Genehmigung her, mit der wir den Parkraum der Einbahnstraße vor unserem Haus zur Parkverbotszone erklären konnten.

„Warum kommt ihr denn damit auf die letzte Minute?“, fragte uns Mittwochfrüh um acht die Polizistin auf der Gmeindepolizeiwache. „Der Kollege, der das macht, hat sich für zwei Tage krank gemeldet und der andere ist heute in Triggiano unterwegs.“ Nachdem Luigi ihr erklärt hatte, dass er mit diesem Anliegen schon am Vortag sofort, nachdem er davon erfahren hatte, auf der Wache gewesen war, wurde die Frau Polizistin etwas freundlicher und meinte: „Ihr müsst erstmal zum Rathaus ins Zahlbüro! Dort erhaltet ihr ein Formular. Das füllt ihr aus und kommt damit wieder her. Lasst euch alles von der Frau dort erklären. Die hat Praxis und weiß Bescheid. Ich bin für solche Sachen eigentlich gar nicht verantwortlich.“

Die Parkschweinwerdung I

Zum Glück ist Triggiano nicht sonderlich groß. Aber an einem Tag mit über 30 Grad, möchte man nicht mehrmals durch die halbe Stadt laufen, denn die „Polizia Municipale“ ist vor ein paar Jahren vom Rathausplatz in die Periferie umgezogen. Daher waren wir froh, dass wir mit dem Auto unterwegs sein konnten. Wir fuhren also zum Rathausplatz. Nachdem wir diesen in zehn Minuten mehrmals umrundet hatten, ohne einen Parkplatz zu finden, sagte Luigi: „Halte doch einfach hier auf dem Zebrastreifen.“ „Nein“, entgegnete ich. „Das ist verboten.“

IMG_20130630_154328Ich ließ ihn aussteigen und setzte zur nächsten Runde an. Als ich wieder vor dem Rathaus angekommen war, war ein Stückchen Parkplatz frei, das jedoch auf ein Auto hochgerechnet mit seiner zweiten Hälte einen halben Zebrastreifen einnehmen würde. Bevor ich noch abwägen konnte, ob ich ein halbes Parkverbot mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, hupte es schon nachdrücklich hinter mir. Ich murmelte leise ein paar italienische Vokabeln aus dem Anfängerschimpfkurs und sah im Rückspiegel, dass das Auto hinter mir links blinkte, vermutlich um genau in meine halbe Parklücke zu fahren. Kurzentschlossen setzte ich also den Blinker und parkte ein, statt vorbeizufahren. Der Fahrer im Auto hinter mir rief etwas aus dem Fortgeschrittenenschimpfkurs. Dann hupte er noch einmal erbost und fuhr weiter. „Stehe halb auf dem Zebrastreifen an der Rathausecke“ simste ich an Luigi und hoffte bangen Herzens auf seine Rückkehr, bevor ein „vigile“ („Stadtpolizist“) mich von meinem Parkplatz vertreiben oder mir vielleicht gar ein Knöllchen ausstellen würde.

Nach erstaunlich kurzer Zeit kam Luigi mit dem besagten Formular zurück. Die Stadtpolizistin von der Wache hatte freundlicher Weise im Zahlbüro angerufen und Bescheid gesagt, dass wir kommen würden und das Dokument dringend bis zum nächsten Tag haben müssten. „Okay. Fahren wir also zurück zur Statdpolizei und holen uns die Unterschrift“, meinte ich erleichtert und parkte aus. „So schnell geht das nicht“, zerstörte Luigi jedoch sofort meine Illusion. „Jetzt müssen wir erstmal zu einer ‚tabaccheria‘ (Tabakladen) fahren, um eine ‚marca da bollo‘ zu kaufen. Damit müssen wir dann wieder zurück zum Rathaus fahren und das Dokument ins Protokollbüro bringen.“

„Wie?!“, entfuhr es mir entsetzt. „Wieder zurück zum Rathaus, wo es nicht mal Parkplätze gibt? Also ich stell‘ mich nicht noch einmal in eine halbes Halteverbot! Ich habe schon vorhin Blut und Wasser geschwitzt, weil ich Angst hatte, dass ein Polizist vorbei kommt.“ Doch Luigi schaffte es einmal mehr, mich zu beruhigen und versicherte mir, dass wir später bestimmt einen Parkplatz finden würden.“

Als wir auf Triggianos Hauptstraße, den Corso Vittorio Emanuele, abbogen stellten wir fest, das dieser inzwischen wegen Rohrverlegunsarbeiten halbseitig gesperrt worden war. Super! Das bedeutete, dass unsere Rückweg gezwungenermaßen durch die engen Gassen der Altstadt führen würde. Doch zunächst galt unser Interesse immer noch dem Tabakwarengeschäft, in dem man nicht nur Rauchwaren, Süßigkeiten und Lottoscheine kaufen, sondern auch Gebühren an den Staat für offizielle Dokumente damit bezahlen kann, dass man sich eine „Gebührenmarke“ mit dem entsprechenden Wert kauft und auf das Dokument klebt.

Die Relativität von Einbahnstraßen

Auch an der Tabaccheria dauerte es länger einzuparken, als die Marke für rund 15 Euro zu kaufen, und schon schlängelten wir uns eine schmale Gasse entlang zur nächstbesten Altstadtstraße in Richtung Rathaus. Rechts von uns parkten die Fahrzeuge der Anwohner, so dass ich Luigi bat, den Seitenspiegel einzuklappen. Links von uns erhob sich um zwanzig Zemtimeter der Bürgersteig und, obwohl wir uns in einer Einbahnstraße befanden, stand plötzlich nach einer Kurve ein Auto vor uns und begehrte, in Gegenrichtung vorbeigelassen zu werden. Ich stand auf der Bremse und starrte dem Fahrer des anderen Wagens mit irrem Blick in seine Augen. „Na, du Idiot musst doch spinnen!“, entfuhr es mir auf Deutsch. „Mhm, sexy!“, entgegnete Luigi wenig hilfreich. Der andere Fahrer steckte den Kopf durch die Scheibe. „Das hier ist eine Einbahnstraße!“, schrie ich ihm zu. „Das steht von der anderen Seite aus nicht dran!“, rief der mittelalte Mann zurück und setzte hinzu. „Park doch da hinten ein und lass mich vorbei!“ Boah! Es war warm! Ich war veschwitzt!! Der unselige Rathausplatz stand uns noch bevor, und nun sollte ich auch noch rückwärts parallel in einer Ministraße einparken, in der man nicht mal richtig links einschlagen konnte!!! Ehrlich, ich weiß bis heute nicht, wie ich in diese Parklücke gekommen bin, aber es funtkionierte. Der Fahrer des anderen Fahrzeugs wies noch einmal darauf hin, dass er immer in diese Richtung durch die Straße fahren würde, weil es von der anderen Straßenseite gar keine Einbahnstraße wäre, grüßte freundlich, wünschte mir einen schönen Tag und fuhr vermutlich dem nächsten Ahnungslosen entgegen.

Überflüssig zu erwähnen, dass sich am Ende der Straße ein „Einfahrt verboten“-Schild befand. „Dieser Arsch!“, fluchte ich, während ich mir halb den Hals verrenkte, um das Schild zu erkennen. „Am liebsten würde ich ihm das Schild über den Schädel ziehen, bis er kapiert hat, was ‚Einfahrt verboten“ bedeutet.“ Luigi grinste mich erneut breit an und meinte: „Ich verstehe zwar nichts von dem, was Du sagst, aber es hört sich gut an.“ Widerwillig musste ich lachen. Wir zwängten uns durch eine weitere Altstadtstraße und erreichten wieder den Rathausplatz.

Die Parkschweinwerdung II

Nach zwei vergeblichen Runden Rathausplatzumkreisen und einer ebenso wenig erfolgreichen Parksplatzssuchefahrt in zwei Nebenstraßen, ließ ich Luigi aussteigen und parkte dieses Mal genau auf dem nächstbesten freien Zebrastreifen, von denen sich drei in geringem Abstand direkt vor dem Rathaus befinden. „Stehe auf dem mittleren Zebrastreifen.“ simste ich an Luigi, kurbelte zwei Fenster herunter, damit Luft durch das Auto ziehen konnte, und lächelte das Grüppchen von diskutierenden Opas auf der Bank unter dem Baum neben mir entschuldigend an. Dann überlegte mir, was auf Italienisch heißt, dass ich auf meinen Freund warte, der nur schnell einen Stempel im Rathaus abholen und sofort wiederkommen würde. Doch in den fünfzehn Warteminuten kam niemand, der mich von meinem Platz vertreiben wollte. Zu den Opas auf der Bank hingegen gesellte sich ein weiterer Opa mit einem Mofa und sie begannen ein Kartenspiel. Als Luigi wieder ins Auto eingestiegen war und ich ausparkte, hielt bereits ein anderes Auto hinter mir und setzte den Blinker.

Die Verkehrs-Italienisierung

Noch bevor wir uns in Richtung Stadtpolizeiwache auf den Weg machen konnten, rief Vito, der Maurer an, und sagte, er wäre in zehn Minuten bei unserer Wohnung, um die Parkverbotsschilder abzuladen und uns zu erklären, was wir auf die Hinweistafel schreiben sollten. Also ging es zunächst zu unserer Wohnung, die natürlich in der entgegengesetzten Richtung lag und selbstverständlich schaltete die doofe Ampel genau auf Rot, als wir an der Reihe waren. Ich gab‘ Gas. „Hey, du fährst ja plötzlich wie ein Italiner!“, rief Luigi und schloss seine Finger um den Haltegriff über dem Fenster. „Na, und?“, entgegenete ich. „Hinter mir sind noch zwei rübergefahren. So rot kann es also gar nicht gewesen sein.“ Mein Verkehrsgewissen hatte ich offensichtlich inzwischen ausgeschwitzt.

Da die Parkplatzsituation bei unserer Wohnung genauso fatal wie überall in Triggiano und mein Geduldsfaden bereits sehr dünn war, ersparrte sich Luigi jeglichen Kommentar, als ich rückwärts in eine Einbahnstraße fuhr, um hinter dem ersten Auto einzuparken. Danach mussten wir noch ein ganzes Stück zu Fuß laufen, um schließlich die Schilder in Empfang nehmen zu können. Wir stellten sie an die entsprechenden Straßenecken und rissen die alten Hinweiszettel ab, damit niemand in Verwirrung geraten konnte. Anschließend quetschten wir uns mit dem Auto zurück durch die schon beschriebene Altstadtgasse, in der uns dieses Mal niemand entgegen kam, und fuhren zur Stadtpolizeiwache. Dort war der zweite Verantwortliche für Parkverbotsunterschriften, der seiner Unterschrift unter die Unterschrift der Protokollbürobeamtin setzten musste, immer noch nicht aufgetaucht. Die Polizistin überlegte ein wenig hin und her und machte dann eine Kopie von dem Dokument. „Hier fahrt schon mal zurück ins Zahlbüro und lasst euch den Schein für die Zahlung der Gebühren an die Gemeinde ausstellen. Wenn ich den Kollegen gefunden habe, lasse ich ihn unterschreiben. Seht zu, dass ihr bis um eins mit der Quittung wiederkommt, denn dann schließen wir.“

„Nee, oder?!“ quieckte ich entsetzt, als Luigi wieder ins Auto sprang und meinte, wir müssten schnell noch einmal zurück zum Rathaus fahren. „Das gibt’s doch nicht! Da kommen wir doch gerade her!“ Aber Luigi sah mich so entnervt an, dass ich nicht länger glauben konnte, dass er vielleicht scherze.

Inzwischen war es elf geworden. Nach drei Stunden Stadtverkehr in Triggiano fuhr ich direkt und ohne langes Parkplatzsuchkreisen auf den mittleren Zebrastreifen vor dem Rathaus. Nach zehn Minuten war Luigi wieder da und meinte, die Beamtin hätte ihm aus Gott-weiß-welchen Gründen nur 28 statt 56 Euro Gebühr aufgebrummt, und nun müssten wir zur Post fahren, um diese dort zu bezahlen. Obwohl die Post nur 10 Minuten Fußweg vom Rathaus entfernt lag, konnten wir das Auto schlecht auf dem Zebrastreifen stehen lassen. Also kurvten wir erneut über den Corso zurück, auf dem die halbseitige Sperrung mit Genehmigung zur Einfahrt von der gesperrten Seite für Anwohner inzwischen so großzügig ausgelegt wurde, dass sich zwei Verkehrspolizisten eingefunden hatten, die mittelmäßig erfolgreich versuchten, etwas Ordnung in das entstandene Chaos zu bringen. Minutenlang ging gar nichts mehr.

Trotzdem erreichten wir die Post unversehrt an Leben und Auto. Wir mussten nach dem obligatorischen Nummernziehen auch nur zwanzig Minuten warten, bevor wir unsere Zahlung leisten konnten, und da sich unser Auto nun schon fast von allein durch die bekannten Altstadtgassen lenkte, kamen wir relativ entspannt bei der Stadtpolizeiwache an. Mit völlig abgeschaltetem Gehirn stellte ich mich auf den Statdpolizistenparkplatz direkt vor deren Wache und ließ Luigi die letzte Unterschrift auf dem nun vollständig ausgefüllten Dokument abholen. Als er durch die Tür wieder nach draußen kam, winkte er freudig mit den Papieren. „So,“ sagte er dann, „jetzt müssen wir das Ganze nur zurück zum Rathaus bringen.“ „Nee!“, sagte ich. „Dann fährst du jetzt! Ich kann nicht mehr. Mir tut der Kupplungsfuß weh.“

IMG_20130630_154407Doch Luigi grinste und meint: „Das geht auch morgen noch. Ich mache das am Nachmittag. Hauptsache ist erstmal, dass WIR die Genehmigung haben. Wenn sich also jemand morgen bei der Stadtpolizei beschwert, dann wissen die, das alles in Ordnung ist und wir bezahlt haben.“ Wie wunderbar! Wir schafften es sogar noch vor dem Mittagessen die Hinweise an den Parkverbotsschildern anzubringen, auf denen geschrieben stand, das am 27.6. von 7 bis 17 Uhr nicht vor dem Haus geparkt werden durfte. Mission erfüllt. Der Leiterwagen und die Baumaterialien konnten kommen.

Nachrede

IMG_20130630_154524Zwei Mit-Triggianesen müssen sich gedacht haben, dass unsere transportablen Parkverbotsschilder nur ein Scherz wären. Sie parkten gnadenlos am nächsten Tag auch nach 7 Uhr auf unseren 20 bezahlten Parkraummetern. Da die beiden nicht einmal direkt hintereinander standen, mussten sowohl der Leiterwagen als auch der Baumaterialtransporter mitten auf der Straße stehen bleiben, die damit nicht mehrIMG_20130630_154556 passierbar war. Maurer Vito erzählte uns von Hupkonzerten und Flüchen, doch er habe es nicht übers Herz gebracht, die Stadtpolizei zu rufen, welche die Autos theoretisch abschleppen lassen hätte können. Trotzdem landeten Fliesen, Kies, Zement und andere Baumaterialien am Ende auf unserer Terrasse, so dass die Bauarbeiten am nächsten Tag weitergehen konnten.

Zum ersten Jahrestag -„Buon ComPuglianno!“

Nachdem das letzte Jahr hauptsächlich daraus bestanden hat, Italienisch zu lernen, Bari und Triggiano kennenzulernen, Bewerbungen zu schreiben, Luigis inzwischen fast dreijährige Großcousine zu bespaßen und mit Maria um kleine Aufgaben zu kämpfen, ist seit Ostern plötzlich Bewegung in mein beschauliches Leben gekommen.

Die Handwerker arbeiten an der Realwerdung der Traumwohnung und legen inzwischen fleißig Fliesen. Mein Job als Sprachlehrerin ist sehr befriedigend und lässt mich immer noch mit einem Hochgefühl aus jeder Unterrichtsstunde kommen. Meine ersten Schülerinnen haben inzwischen ihre Zertifikatsprüfung beim Goethe-Institut bzw. an der Uni von Bari bestanden, was darauf hindeutet, dass ich meinen Aufgabe gut gemacht habe. Mein eigenes Sprachvermögen ist noch verbesserungswürdig, aber innerhalb eines Jahres habe ich es geschafft, mich im Alltag problemlos verständigen, sowie auch auf Italienisch ironisch und witzig statt nur eine Ja- bzw. Nein-sagerin sein zu können. Durch die vielen kleinen Erfolge haben sich auch die letzten Zweifel und Zukunftsängste aus meinem Herzen verkrümelt und mein Inneres kann sich entspannt zurücklehnen. Ich bin angekommen; so richtig mit Herz und Verstand.

Luigis Familie, sowie Apulien mit seinem Licht, seiner Wärme, seinen Wohlgerüchen und seinen freundlichen Bewohnern haben es mir leicht gemacht, mich hier heimisch zu fühlen. Meine Familie und meine Freunde lassen das Band zur alten Heimat nicht abreißen, so dass der Verlust nur selten und kurz zu spüren ist. Außerdem habe ich ganz nebenbei in Italien, Deutschland und der ganzen Welt interessante Menschen kennengelernt, die mein Leben bereichern.

In den wenigen Momenten, in denen ich mich unwohl fühle, steht mir nur mein deutsches Ich im Weg, das sich an Pläne und Uhrzeiten klammern möchte und dem angestrebte Entwicklungen nicht schnell genug gehen können. „Pazienza“ – versuche ich mir dann zu sagen oder, wie der Bahnhofsvorsteher unlängst meinte, als mein Zug ohne Begründung einfach ausfiel: „Nicht die Ruhe verlieren! Dahinten ist noch eine Bank frei und der Nächste kommt doch schon in einer Stunde.“

Heute feiere ich meinen ersten Jahrestag in meiner neuen Heimat und danke allen, die mir dabei geholfen haben, mich so gut zu fühlen, wie ich es im Moment tue: sowohl meiner als auch Luigis Familie,  meinen Freunden natürlich und allen Lesern dieses Blogs, die mir zeigen, dass meine Berichte aus diesem wunderbaren und manchmal wunderbar absurden Landstrich willkommen sind. Vor allem aber danke ich Luigi, der mich jeden Tag spüren lässt, dass unsere Entscheidung richtig war.

Ich ernenne den 26.6. hiermit zu meinen persönlichen Jahrestag und, weil Apulien auf Italienisch „Puglia“ und Geburtstag „compleanno“ heißen, werde ich meinen Apuliengeburtstag fürderhin „ComPuglianno“ nennen. Daher: Buon ComPuglianno a me!

Und an euch alle, die ihr diesen Blog lest, meine Frage: Habt ihr persönliche Jahrestage und, wenn ja, wie feiert ihr sie? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen.

Weblog

Che cazzo volete da me!? – Schimpfen auf Italienisch II

Da immer wieder Menschen auf meinen Blog fanden, weil sie auf der Suche nach italienischen Übersetzungen von Ausdrücken aus dem Deutschen waren, habe ich verstanden, dass mein Bericht vom letzten Jahr über italienische Schimpfwörter nicht genügt und ich einen weiteren Artikel darüber schreiben muss – Schimpfen für Fortgeschrittene quasi.

Ich werde im Folgenden also alle Suchmaschinenanfragen beantworten und einige Recherchen bei italienischen Teenagern wiedergeben, die im Gebrauch von unflätigen Schimpfwörtern bewanderter sind, als Luigi oder seine Eltern es jemals sein oder in Bezug auf sich selbst zugeben werden.

Ich erinnere mich noch, wie ich das Wort “puttana” zum ersten Mal hörte. Es wurde mir von einer bettelnden Punkerin entgegengeschleudert, als ich gerade mal wieder auf Marias Rat gehört habend nur mit meiner Kamera und meinem Zugticket bewaffnet in Bari unterwegs war, und besagter Punkerin kein Geld geben konnte. Nachdem ich herausgefunden hatte, dass “puttana” “Hure” heißt, habe ich es auch nicht bereut, dass ich an diesem fernen Tag gerade klamm war. Normalerweise habe ich ein großes Herz für Leute, die alternative Verdienstmöglichkeiten nutzen müssen; zum Beispiel für mein Patenkind in Afrika, Straßenmusikanten oder abgewrackte Omas vor Kirchen. Bei jugendlichen Bettlern hingegen hält sich mein Mitleid bis heute in Grenzen. Ich hoffe, ich begegne dieser Person noch einmal. Dann werde ich ihr erklären, warum sie niemals Geld von mir bekommen wird.

Hier weitere von Internetnutzern angefragte und recherchierte Begriffe:

1. Vulgäre italienische Schimpfwörter

Cazzo! – Arsch, Vollidiot

Figlio di puttana! – Hurensohn

Stronzo! – Scheißkerl, Wichser, Arsch mit Ohren (wörtl. eher “Scheißhaufen”)

Maledetto stronzo! – Steigerung von stronzo

Mi stai sul cazzo! – Du gehst mir auf den Sack (die Eier, die Nüsse)!

Vaffanculo! – Arschloch! Leck mich (am Arsch)!

Vai a cacare! – Verpiss dich! (wörtl. “Geh kacken!”)

2. Weniger vulgäre Ausdrücke

Che te ne frega!? – Das geht dich einen Dreck an!

Che porcheria! – Was für eine Sauerei!

Merda! – Scheiße!

Bertuccia! Vecchiaccia! – Alte Schachtel!

Vattene via, idota! – Hau‘ ab, du Blödmann!

3. überhaupt nicht vulgär

Poveretta, tua madre! – Deine arme Mutter! (Im Mitleid mit der Mutter wird die Missbilligung mit derem missratenen Kind deutlich. Gern auch von den entsprechenden Müttern selbst benutzt.)

4. Flüche

Dannazione! Maledizione! – Verdammt! Verflucht! (unlängst erst bei Verdi gehört und daher vermutlich gesellschaftsfähig)

Porca miseria! – So ein Mist! (wörtl. “elende Armut”)

Porca puttana! – Verdammte Scheiße! (wörtl. “Schweineschlampe”)

Cazzo! – Mist! Scheiße! (Wird auch wie “Ach, du Schreck!” im täglichen Sprachgebrauch verwendet oder z.B. so: “Che cazzo fai!? – “Was machst du bloß für einen Mist!?” oder siehe Überschrift “Che cazzo volete da me!?” Was zum Teufel wollt ihr von mir!?”)

4. Andere Übersetzungsanfragen

Ich hoffe sehr, dass diese Frage noch vor meinem Artikel geklärt werden konnte und zu keinem Zerwürfnis geführt hat. Trotzdem hier zur Sicherheit: Nimm mich das nächste Mal mit! – La prossima volta portami con te!

Und, weil diese Übersetzung zwar kein Schimpfwort beinhaltet, aber auch nach fast einem Jahr Apulien noch ein Lebensmotto von mir ist, klären wir zum Abschluss die folgende Anfrage:

 “Ich bin sehr gespannt auf Italien.” – “Sono molto curioso (m)/ curiosa (w) dell’Italia.”

Sollte noch jemand Wünsche oder Anregungen zur Erweiterung dieser Zusammenstellung haben, nehme ich gern Ergänzungen vor.  

 

für mehr Schimpfwörter  h i e r  klicken

Das Phantom des Vergnügens

Eigentlich hatte ich gedacht, ich würde meine Wahlheimat in der Kategorie „Unterwegs in Apulien“ stets loben und preisen, doch ein Ausflug in den Tier- und Vergnügungspark von Fasano hat mich eines Besseren belehrt.

IMG_5566Als Verwandte von einem Ausflug mit ihren Kindern im letzten Jahr begeistert zurückgekommen waren und uns neben Wasserrutschen, Achterbahn und Safarizügen auch von niedlichen Äffchen, Eisbären, Nilpferden und anderen putzigen Tieren erzählen, weckten sie in uns den Wunsch, uns den Park auch einmal von der Nähe anzusehen statt immer nur in Richtung Ostuni daran vorbei zu fahren. Was lag also näher, als darauf zu warten, dass wir – wie Anfang Juni geschehen – lieben Besuch aus Deutschland bekämen und diesem dann die große Vergügungsattraktion Apuliens vorzuführen.

Die Internetseite wirbt mit Fotos von fröhlichen Menschen, bunten Fahrgeschäften und ganz natürlich aussehenden Tieren. Doch noch bevor wir herausfinden konnten, dass diese Fotos von einer anderen Welt stammen müssen, scheiterten wir bereits an der Acquise der richtigen Tickets. Möglicherweise waren wir nur zu dumm, um in Dschungel der Eintrittsgebühren für die drei verschiedenen aber doch irgendwie zusammenhängenden Parks „Zoosafari“, „Fasanolandia“ und „Delfinario“ durchzusehen; im riesigen Eingangsareal des Parks hat uns aber auch niemand dabei geholfen herauszufinden, welches Ticket/ welche Tickets wir denn kaufen müssen, um die Safari zu machen und uns die restlichen Tiere ansehen zu können. Mit der Gewissheit, dass die Informationen von Bekannten, welche die Safari vor Jahren nicht im eigenen Auto (es geht die Mär, dass Affen gern IMG_5548Antennen oder Spiegel von Autos abreißen), sondern in einem offenen Bus gemacht hatten, sich überholt hat, und nach der Erfahrung vom ersten Juniwochenende ist mir nach einem langen und intensivem Studium der Internetseite zwar klarer, was wir hätten machen müssen; das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir uns an diesem Tag schon am Eingang des Vergügungsparks ziemlich unvergnüglich und übers Ohr gehauen vorgekommen waren.

Kaum standen wir mit unserem zu-Fuß-Eintrittsticket für 8 Euro, in dem irgendwelche Museen, Attraktionen wie z.B. das Riesenrad und eine Zirkusshow inbegriffen sein sollten, an einem der Zugänge der „Tiergehege“, die nur mit einer Art Minizug erreichbar waren, mussten wir auch schon wieder umdrehen, da für diese Sachen ein Extraticket verlangt wurde. Ich denke, diese Zugsache ist nur ein cleverer Trick, um auch wirklich sicherzustellen, dass man ausschließlich das sieht, wofür man bezahlt hat, nachdem man erstmal festgestellt hat, dass und wo man dafür bezahlen muss.

IMG_5524Der erste Zug brachte uns dann an Straußen und Störchen vorbei zum „See der Säugetiere“. Vielleicht war es einfach nur Pech, dass der See sich mitten in der Algenblüte befand und so grün war, dass wir die Köpfe der darin herumschwimmenden Tiere erst nach einer ganzen Weile eindeutig nicht Nessi sondern harmlosen Wasserschildkröten zuordnen konnten. Vielleicht sahen der angeknabberte Seelöwe, der sich aus der grünen Plörre auf eine Art Betonwanne gerettet hatte, die zwei Nashörner in ihrem Betongehege ohne Baum und Strauch oder die zwei Nilpferde in ihrer Betonschwimmbadpfütze nur für uns so traurig aus, weil wir den Berliner Zoo oder den Berliner Tierpark so lebhaft vor Augen hatten. Aber der Reiz der ganzen Anlage in Fasano schien mir bereits so verblasst zu sein wie dieIMG_5515 Bemalungen der Betonwände des Nashorngeheges. Ich denke, 30 Jahre nach der Erbauung wäre eine IMG_5511Investition in etwas Naturnaheres dringend angebracht. Wir jedenfalls waren schon nach dieser ersten „Attraktion“ total deprimiert. Nicht einmal das niedliche Eisbärenjunge, das die triste Anlage beim Spiel mit seiner Mutter wirklich aufwertete, konnte uns aus diesem Launetief herausholen.

IMG_5529Die nächste „Attraktion“ überbot das Ganze jedoch noch, denn eingesperrt in einem doppelt vergitterten Wagen wurde man in das Paviangehege gefahren, wo sich die verfressenen Tiere sofort mit schrillem Kreischen und gefletschten Zähnen auf die Wagen stürzten, in denen ebenso schrill kreischende Kinder um uns herum begeistert Erdnüsse aus Eisenröhren nach draußen ins Affengehege gleiten ließen, welche die trainierten Tiere gekonnt auffingen, noch bevor diese auf die Erde fallen konnten. Leicht klaustrophobisch klammerte ich mich an Luigi, kniff die Augen zusammen und rezitierte im Geiste den Beatlessong „I Am the Walrus“, um nicht aus anderen Gründen in das wilde Kreischen um mich herum einzustimmen.

IMG_5541Von dieser Erfahrung wollten wir uns anschließend im „Tropischen Saal mit Schmetterlingsausstellung“ erholen. Wer bei den Tropen an üppige Pflanzen oder erhöhte Luftfeuchte denkt, sollte sich sofort ein großes dunkles Zelt mit denkbar kleinen Terrarien und Aquarien vorstellen. Ich kann nur ahnen, wie wohl sich eine Schlange fühlt, die sich in ihren ganzen Leben nicht einmal ausstrecken kann und zusammengerollt vielleicht vier bis sechs Mal in ihr Terrarium mit Plastikpflanzen passt. Den aufgespießten SchmetterlingenIMG_5537 in ihren Schaukästen dürfte es hingegen egal sein, wenn sie von ihren Nadeln fallen und zerflettert im unteren Schaukastenbereich enden. Ach, ja, ein paar Krokodile lagen auch noch in einer runden Betonwanne herum, in deren Mitte dekorativ einige Steine aufgeschichtet waren. Es gab auch eine riesige Schildkröte, die sich kurz überlegte, ob sie einen IMG_5547Ausflug zu ihrem Betonwasserloch machen sollte, sich dann aber doch dafür entschied, sich unter eine Lampe auf den dürftig mit Sand ausgestreuten grauen Betonboden zu legen. Je öfter ich das Wort „Beton“ in diesem Bericht schreibe, desto mehr kommt die Depression zurück, die mich auch im tropischen Saal wieder überfiel. Also Schluss mit vorsintflutlichen Tiergehegen!

Was konnte diese gruselige Erfahrung schnellstmöglich aus dem Gedächtnis vertreiben? Ein 4D-Kino doch sicherlich. Während sich nun an den tierischen „Attraktionen“ bereits lange Schlangen bildeten, stand am 4D-Kino niemand an. Das hätte uns Warnung sein können, aber wir waren immer noch voll der Hoffnung, dass wir einen vergüglichen Tag erleben würden, und betraten das Kino trotzdem. Zu viert setzten wir uns in einen „Saal“, der bestimmt 50 Personen fassen konnte, und sahen einen 3D-Film von einem Flugzeug, welches auf einem Wüstenplaneten herumflog. Dabei wurde uns mehrmals sehr unangenehm Luft von vorn ins Gesicht gepustet. Damit wussten wir dann, was das vierte D beteuten sollte, und waren auch einigermaßen froh, dass der ganze Spaß nur zehn Minuten dauerte.

IMG_5550Als wir wieder draußen standen, fanden wir, dass wir nun endlich etwas machen sollten, bei dem es eigentlich keine unangenehmen Überraschungen geben könne. Wir erklommen also den Hügel und setzten uns ins Riesenrad. Nach 3 Runden, die insgesamt nicht einmal fünf Minuten dauerten, mussten wir schon wieder aussteigen, obwohl von den ganzen Gondeln vielleicht vier oder fünf besetzt waren. Es gab kein Anhalten in der Höhe, so dass man in Ruhe ein Foto machen können hätte, obwohl man von dort aus über ganz Fasano hin bis zum Meer schauen konnte. Möglicherweise – und hier spekuliere ich nur – lag das daran, dass imIMG_5552 Delfinarium gerade eine Show lief, von der man einen Blick erhaschen können hätte. Festen Willens uns trotzdem noch zu amüsieren – schließlich hatten wir acht „Attraktionen“ bereits mit dem Eintritt in den Park bezahlt und erste zwei genutzt – setzten sich zwei von uns in eine Art Wasserrutsche. Wir wurden wie erwartet nass, aber immerhin verspürten wir dabei einen Anflug von Spaß.

IMG_5564 IMG_5565Mit nassen Hintern machten wir dann einen Trockungsspaziergang entlang des botanischen Lehrpfads. Vermutlich war diesen schon lange niemand mehr gewandert, daher konnte niemandem aufgefallen sein, dass die meisten Infoschilder so verblasst und unleserlich waren, dass die vier neuen Schilder in ihrer Farbigkeit und Schärfe unangenehm von ihnen abstachen. Immerhin trauten wir uns nun, uns in der Einsamkeit der botanischen Lehre einzugestehen, dass wir in Fasanolandia wertvolle Lebenszeit vergeudeten und ungeachtet der bereits bezahlten Vergnüglichkeiten den Park lieber verlassen wollten. Nachdem der Entschluss gefasst war, kehrte sofort unsere natürliche Leichtigkeit zu uns zurück und beschwingten Schrittes kamen wir auf dem Parkplatz an. Möglicherweise erweckten wir vor lauter Erleichterung sogar den Eindruck, dass wir einen schönen Vormittag in der abgewrackten Touristenfalle verbracht hätten. Aber den geneigten Bloglesern ist nun hoffentlich klar, dass dieser Eindruck getrogen hat.

Die Kirche rockt

IMG_20130610_151045Wenn sonntagmorgens in Triggiano das laute Knallen von Feuerwerkskörpern durch die verschlafenen Straßen dringt, kann man sich sicher sein, dass wieder ein Kirchenfest zu Ehren eines Heiligen veranstaltet wird. Da es sehr viele Kirchen in Triggano gibt (allein im Umkreis von einem Kilometer um unsere Bahnhofsstraße herum etwa 4-5), knallt es auch recht häufig im Jahr. Außer mir scheint deshalb aber niemand aus dem Bett zu fallen.

Später am Abend wird dann eine feierliche Messe zelebriert, die Heiligenfigur auf einer Prozession mit recht traurigen Gesängen durch die von der Polizei abgesperrten Straßen rund um die Kirche getragen, wobei manchem Mitwirkenden ihre Langeweile buchstäblich ins Gesicht geschrieben steht, und danach gibt es noch einmal ein richtiges Feuerwerk. Ich glaube, die Italiener lieben es, ihr Geld in buntem Rauch aufgehen zu sehen. Luigi meint jedoch, das wären nicht die Gelder aus der Kollekte, sondern es würde alles von Sponsoren finanziert. Nun, ja… Kirche basiert auf “glauben”.

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Jetzt kann man aber von Kirchen halten, was man will, die kleine “Kirche des Heiligen Kreuzes” hat mich am letzten Sonntag doch beeindruckt. Ihr winziger quaderförmiger Bau täuscht darüber hinweg, wie groß die Gemeinde eigentlich ist; nämlich so groß, dass  hinter der Kirche ein riesiges Festzelt dauerhaft installiert wurde, um allen Gläubigen die Teilhabe an der Messe zu gewähren. Nebenan gibt es einen kleinen Spielplatz und dahinter noch einen Fußballplatz.

Auf diesem Fußballplatz fand am letzten Sonntag nach dem Feuerwerk sogar ein Konzert statt. Aufgetreten ist in Gestalt der Modà Tribute Band “Modàndo“ eine Lokalberühmtheit, in der Luigis Cousin Pierpaolo Gitarre spielt. Von 22 Uhr bis Mitternacht rockten sie den Kirchenplatz und, da die Originalband „Modà” mit ihrem Schmuserock ziemlich erfolgreich ist und die Schulkinder bereits Ferien haben, war die Party auch bis zum Schluss mit Kindern, Jugendlichen und Eltern gut besucht. Die Anwohner haben es sich mit Freunden und Verwandten auf ihren Balkons und in den Vorgärten bequem gemacht und von dort aus zugehört. Für das leibliche Wohl sorgten Gemeindemitglieder, die grillten, frittierten, Brötchen schmierten und Crepes buken. An diesem fröhlichen Abend konnte ich sehen, was Menschen dazu bringt, sich in einem Verein zu engagieren, den ich eigentlich immer für konservativ und langweilig gehalten habe. Wieder ‚was gelernt.

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Nackte Geschichte – Castel del Monte

IMG_20130607_194210Etwa eine Autostunde nordwestlich von Bari entfernt in der Nähe von Andria, reckt sich von einem bewaldeten Hügel aus eine mysteriöse Burg in den apulischen Himmel. Sie ist weithin zu sehen und trägt den so einfachen wie klingenden Namen “Castel del Monte” (Schloss des Hügels). Das Mysteriöse bezieht das Kastell aus seiner einzigartigen Bauweise mit einer achteckigen Grundfläche, mit jeweils einem IMG_20130607_202357achteckigen Turm an jeder Ecke und einem ebenso achteckigen Innenhof, in dem sich auch ein achteckiger Brunnen befunden haben soll, der heute nicht mehr vorhanden ist. Von Weitem sieht es wie ein kompakter, drohender Betonklotz aus. Erst wenn man näher kommt, erkennt man, dass der Sandstein, aus dem es gebaut wurde, eigentlich weiß bis rötlich ist und das Kastell die Form einer massiven Krone besitzt.

IMG_20130607_221714Noch bevor man mit dem Auto auf die Straße, die direkt zu einem kleinen Parkplatz vor der Burg führt, einbiegen kann, weist jedoch ein freundlicher Mitarbeiter des Tourismusbetriebs darauf hin, dass man sich auf einen etwas weiter entfernten, großen Parkplatz begeben solle, um von dort mit einem Busshuttle die letzten Meter den Berg hinaufzufahren. Das Shuttle ist in der Parkgebühr mit inbegriffen, aber man kann natürlich trotzdem laufen, was sich zumindest für eine Strecke anbietet. Nur so hat man die Möglichkeit, ein wenig Pinienduft zu schuppern und sich die Füße zu vertreten. Nicht zufällig befinden sich auf dem Parkplatzareal auch diverse Bars, deren verführerischer Kaffeeduft bereits ab neun Uhr über den Platz zieht.

IMG_20130607_202638Da das Kastell im 17. und 18. Jahrhundert als Rückzugsort für Hirten und Wegelagerer diente und alles, was nicht niet- und nagelfest war, weggetragen wurde, tritt es dem Betrachter heute praktisch nackt gegenüber. Daher dauert die Besichtigung auch IMG_20130607_194011nicht viel länger als eine Stunde, wobei man schon gemächlich durch alle Räume schreiten und sich alle Ausstellungstafeln über die Geschichte durchlesen muss. Doch auch Nacktheit hat seinen Preis. So wird bei Betreten der Räumlichkeiten noch einmal kassiert (fünf; ermäßigt drei Euro).

IMG_20130608_105314Der Stauferkaiser Friedrich II., dessen immense Bedeutung für Apulien an anderer Stelle in diesem Blog noch einmal gehörig gewürdigt werden muss, ordnete Mitte des 13. Jahrhunderts die Erbauung dieses Gebäudes mit seinem außergewöhnlichen Design an. Nicht auf Verteidigung angelegt seiend ist es mit schmalen Lüftungsschächten statt Schießscharten ausgestattet. Das einstige Prunktor IMG_20130607_194054war nur mit einem Fallgitter statt mit einem Torgraben und einer schützenden Zugbrücke versehen. Dafür gibt es sanitäre Anlagen, die – man könnte es fast modern nennen – von der Dachzisterne aus mit fließendem Wasser gespeist wurden, und große Kamine in Räumen, deren Fensternischen mit Steinbänken versehen sind, von denen man einen herlichen Blick über das Umland bis zum Meer genießen kann.

Trotzdem sind sich die Forscher nicht einig darüber, welchem Zweck das Gebäude gedient haben soll. Für ein Repräsentationsgebäude wäre es demnach auf seinem Hügel viel zu weit ab vom Schuss gewesen. Der Ausbau der Stadt Foggia zum Regierungssitz ließe auch diese mögliche Funktion eher zweifelhaft erscheinen. Die Verwendung des Oktagon und anderer mathematischer Spielerein, sowie die dadurch entstehende Form einer Krone weisen allerdings auf eine symbolhafte Funktion hin. Wer sich im Detail dafür interessiert, sollte die zahlreiche Spezialliteratur dazu wälzen (eine Auswahl weiter unten). In meinem Lieblingsapulienführer von Ekkehart Rotter erfährt man beispielsweise, dass man sogar mit Toren, die nach Osten statt nach Westen weisen, den damaligen Papst ärgern konnte, was Friedrich gern getan hat, da er mit Päpsten wegen seiner pro-orientalischen Haltung und seiner wissenschaftlichen Forschung, die auf Naturbeobachtungen statt auf dem Bibelstudium basierte, auf Kriegesfuß stand und für seine wenig katholische Lebensweise auch mehrere Male exkommuniziert wurde.

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Man weiß nicht, ob Friedrich II. sein Bauwerk jemals genießen konnte. Sicher ist jedoch, dass die Anjou, welche die Stauffer nach Friedrichs Tod in Apulien besiegten und das Land an sich rissen, Castel del Monte gehässiger Weise bis ans Ende des 13. Jahrhunderts als Verlies für Friedrichs Nachkommen und deren Getreue benutzten. Danach wurde es zum Prachtbau für festliche Anlässe umfunktioniert und sah mehrere Hochzeiten in der Anjou-Familie. Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man das „Castel del Monte“ gerade noch vor dem Verfall bewahren. Heute hingegen steht es auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO und versetzt jährlich zahlreiche Touristen mit seiner Imponenz und die Wissenschaftler mit den Details seiner Bauweise in Verzückung.

Ich persönlich finde, dass das Castel del Monte darüber hinaus auch ein schöner Anlaufpunkt für ein Picknick ist, welches man vor oder nach einem Besuch in der ferneren Umgebung mit Blick auf die Burg genießen kann. Dazu passt dann hervorragend ein leichter Rosewein mit dem Namen des Kastells, der hier in der Gegend produziert wird. Prost Historie!

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Castel del Monte – Das Wichtigste in Kürze (stand 1.6.2013):

Wie hin?

Entweder über die A 14 (von Bari bis Abfahrt Andria 3,40 Euro; freie Bahn) oder die SS 170 (stark befahren, daher auch nur für nervenstarke Fahrer geeignet) von Bari nach Andria und dann der guten Ausschilderung folgen.

Wann offen?

April – September: 10:45 Uhr – 19:45 Uhr (letzter Einlass 19:15 Uhr)

Oktober – März: 9:00 Uhr – 18:30 Uhr (letzter Einlass 18:00 Uhr)

Kosten?

Parken: 5,00 Euro pro Fahrzeug für Parkplatz und Shuttlebus

Eintritt: pro Person 10 Euro (genaue Angaben siehe Internetseite hier)

Weiterlesen?

Leo Bruns – Hohenstaufenschlösser. Königstein i. Ts., 1942
Hanno Hahn, Albert Renger-Patzsch – Hohenstaufenburgen in Süditalien. Ingelheim, 1961.
Walter Hotz – Pfalzen und Burgen der Stauferzeit. Darmstadt, 1981
Stefania Mola – Castel del Monte. Bari, 1992.
Stefania Mola – Castel del Monte. Bari, 2011.
Stefania Mola – Führung durch das friederizianische Apulien. Bari, 1994.
Stefania Mola – Apulien – Die Schlösser. Bari, 2007.
Lorenzo Capone – Puglia – Castelli e Torri. Lecce, 2006.
Wulf Schirmer – Castel del Monte. Mainz, 2000.
Pietro Petrarolo – Castel del Monte. Andria, 1981.
Clemente Manenti, Markus Bollen – Burgen in Italien. Köln, 2000.
Raffaele De Vita – Castelli, torri ed opere fortificate di Puglia. Bari, 2001 (4. Auflage).
Birgit Wagner – Die Bauten des Stauferkaisers Friedrichs II. – Monumente des Heiligen Römischen Reiches. Berlin, 2005.

http://www.stauferwissen.eu

weitere Berichte über Stauferkastelle auf MeinApulien

Castello Svevo die Bari

Stauferkastell in Trani

Stauferkastell in Gioia del Colle

Temporäre Gärten in Bari

Bari ist nicht gerade eine grüne Stadt. Es gibt zwar einige Oleanderalleen und Parks, doch in den Augen von jemandem, der das üppig mit Grün ausgestattete Berlin als Maßstab aller Städte gewöhnt ist, verdienen die Handvoll Bäume und Sträucher auf mühsam irgendwie grün gehaltenen Flächen diese Bezeichnung kaum. Die Sommer mit ihren wochenlangen Hitzeperioden um die 40 Grad machen allem ein Ende, was nicht regelmäßig bewässert wird oder sehr tief reichende Wurzeln hat. Wohl auch deshalb sind in “Parks” immer üppige Wege gepflastert oder betoniert.

Vom 13. bis 17. Mai hat jedoch im Schloss von Bari ein Symposium zum Thema “Mediterraner Frühling – Grüne Architektur in der Stadt” stattgefunden. Diskutiert werden sollte, wie man städtisches Leben mit Natur und Landwirtschaft in Verbindung bringen kann. In der via Argiro, einer Parallenen von Baris wichtigsten Flaniermeilen dem Corso Cavour und der Via Sparano, wurden mit Hilfe von Baumschulen und Landschaftsarchitekten temporäre Gärten angelegt, in denen sich Neugierige über Pflanzen und Möglichkeiten von Balkonbepflanzung informieren oder auch einfach nur auf einer der Sitzgelegenheiten platznehmen konnten, um die belebende Vielfalt zu genießen. Schade, dass diese Aktion nur temporär war und die Pflanzen inzwischen schon wieder verschwunden sind.

Hier ein paar Impressionen aus der Via Argiro. Die Idee mit den grünen Weinkruken im Kontrast zu den vielen rot blühenden Pflanzen finde ich besonders schön (zum vergrößern, einfach auf eines der Bilder klicken).

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