Archiv für den Monat Juli 2012

Alberobello – Stadt der Trulli

An Alberobello führt in Apulien kein Weg vorbei. Meine Mutter freut sich schon seit Tagen darauf, die kleine Stadt etwa 60 km südlich von Bari noch einmal zu besuchen. Zu gut ist ihr unser letztjähriger Ausflug im Gedächtnis geblieben, bei dem wir schließlich mit zahlreichen Taschen bepackt und halb beschwippst wieder im Zug nach Triggiano gelandet sind. Natürlich gelangt man auch mit dem Auto dorthin. Parkplätze sind im Zentrum ebenfalls leicht zu finden, aber dann sollte man sich vorher schon darüber einig sein, wer zurückfährt. 

Bereits auf dem Weg sieht man vereinzelt kleine runde Bauten mit einem kegelförmigen Dach aus Steinplatten stehen. Das sind die sogenannten Trulli, für die ganz Apulien bekannt ist. In Alberobello jedoch bestehen ganze Stadtteile ausschließlich aus Trulli, die sich auf zwei Hügeln dicht aneinander reihen. Diese einzigartige Bauweise und Häufung der Kegelbauten hat dazu geführt, dass die Unesco den Ort 1996 zum Weltkulturerbe erklärt hat. Dabei wurden die Häuschen in ihrer Entstehungszeit im 16. Jahrhundert überwiegend von armen Bauernfamilien bewohnt, die dort auf engstem Raum untergebracht waren. Heute werden die Trulli in der Altstadt als originelle Verkaufsräume und Restaurants genutzt oder an Touristen vermietet. So könnte man Alberobello auch als große Touristenfalle betrachten – allerdings eine, in die man mit Vergnügen tappt. 

In Alberobello angekommen folgt man einfach der Beschilderung „zona dei trulli“ und gelangt ganz sicher auf die Straße „Largo Martelloto“, welche zwischen den besagten Hügeln hindurchführt. Man kann die Trulli also nicht verfehlen. Den Fußgänger aus Richtung Bahnhof führt der Weg garantiert am Rathaus vorbei, hin zu einer Aussichtsplattform, von der aus man einen weiten Blick auf den gegenüberliegenden Hügel und die Dächer der Trulli mit ihren typischen Symbolen als Kegelabschluss hat. Diese einfachen Figuren wie Kugeln oder Halbkugeln sind nicht nur Schmuck sondern waren auch das Markenzeichen des jeweiligen Erbauers oder auch der Familie, der das Haus gehörte. Dazu kommen vereinzelt mit Kalk auf die Dächer gemalte Symbole, die dem Haus Glück bringen sollen. 

Neben dieser Plattform führt eine Treppe hinunter auf die „Largo Martello“, von wo aus man die „Zona Rione Monti“ in Angriff nehmen kann. Während man das abgetretene Pflaster der engen Straßen unter die Füße nimmt und den Hügel auf und abläuft, kann man zu beiden Seiten die Trulli von innen ansehen sowie typische Produkte der Region kosten und natürlich auch kaufen. Ich habe inzwischen meine Lieblingstrulli, in die ich immer wieder einkehre. Bei einigen mag ich die Produkte. Bei anderen mag ich die Tatsache, dass die Besitzer eine Aussichtsplattform auf dem Dach angebracht haben. Man sollte also gut auf die Hinweise „vista panoramica“ achten und sich die Aussichten nicht entgehen lassen. 

Wohin ich meine Eltern natürlich führen muss, ist das Trullo von Orazio Annese, der bereits in den 80ern damit begonnen hat, Miniaturtrulli als Souvenirs zu bauen. Inzwischen sind auch seine Söhne in das Geschäft eingestiegen und wer ein Mitbringsel zum Ansehen und Abstauben sucht, ist bei ihm in der Via Monte San Michele genau richtig. Das Trullo ist leicht an der Tafel „Alberobello in miniatura“ zu erkennen. Tatsächlich muss man das Geschäft durchqueren und zum Hintereingang in den Garten vordringen. Dort hat der Künstler/ Handwerker unter einer Überdachung eine Miniaturansicht des Stadtteils aus 300 handgemachten Trulli im Maßstab 1:50 aufgebaut. Eine Arbeit, die sich über mehr als ein Jahr erstreckte und vor der man gern den Hut ziehen darf, zumal für die Besichtigung kein Geld genommen wird. 

Wie bei allen Trulli ist dieses Schmankerl natürlich auch Mittel zum Zweck. Man muss sich bewusst sein, dass man dadurch und durch die freundliche Ansprache auf der Straße mit dem Hinweis, dass es in einem Trullo etwas Besonderes wie etwa einen Brunnen (eigentlich eher eine Regenwasserzisterne), eine originale Kochnische oder einen Blick unter das Dach zu entdecken gäbe, zuallererst als potenzieller Käufer in ein Geschäft gelockt werden soll. Überhaupt muss man nach Alberobello entweder ein dickes Fell an freundlicher Ignoranz oder aber einen gut gefüllten Geldbeutel mitbringen. 

Um die Zungen zu lösen und das Geldausgeben etwas leichter zu machen, kehren wir daher zuallererst in einem Trullo ein, in dem man Likör und Knabberein probieren kann. Man sollte sich dabei ruhig durch einige Läden hindurchkosten, denn, obwohl böse Zungen behaupten, es gäbe überall das Gleiche zu trinken, kann ich das nicht bestätigen. Ich habe auch hier inzwischen ein Geschäft gefunden, aus dem mir der Likör am besten schmeckt. Der Kaktusfeigenlikör ist neben dem Zitronenlikör der absolute Klassiker und wird einem immer zuerst angeboten. Doch daneben gibt es so ziemlich jedes Obst häufig in einer Sahne- und einer eher puren Variante: Mandarinen, Apfel oder Pflaumen zum Beispiel. Sehr lecker sind auch Mandel- oder Pistazienlikör. Natürlich kann man auch Weine aus der Region erwerben und sich von Weißwein über Rose bis zu den Rotweinen durchkosten. Die Verkäuferinnen sind überall sehr hilfreich und versuchen mit gezielten Fragen, den Geschmack zu treffen. Zwischendurch wird auch allerhand Knabbergebäck verkostet. Von den herzhaften Teigkringeln „Taralli“ über süßes Mandelgebäck bis hin zu Pepperoncinoaufstrich kann alles dabei sein. Die Preise für die 0,7 l Flasche für den selbstgemachten Likör sind inzwischen auf 12-14 Euro angestiegen. Wenn man sich etwas gönnen möchte und genug Platz und Polsterung für den Reisekoffer hat, dann sollte man sich ruhig ein bisschen Urlaubsgefühl in Form von Likör oder Wein mit nach Hause nehmen. Taralli oder Gebäck bekommt man aber günstiger und ebenfalls aus der Region in kleineren Geschäften auch in Bari oder jeder anderen Stadt. Hier lohnt sich der Kauf nur, wenn man zeitlich unter Druck steht.

Leicht angeheitert und mit einer Abpackung aus drei Flaschen Likör und einem Wein stürzen wir uns wieder ins Touristengewimmel. Im Sommer wird hier der Jahresumsatz erzielt. Besonders gut sind dabei die Tage, an denen das Wetter durchwachsen ist, erzählt uns Luigi aus dem Geschäft „Pasteca La Madrogra“. Er verkauft hier handgewebte Tischdecken, Servietten und Handtücher aus Baumwolle oder Leinen. Wenn er morgens Wolken am Sommerhimmel entdeckt, weiß er genau, dass die meisten Touristen an diesem Tag nicht ans Meer fahren sondern Sehenswürdigkeiten wie Alberobello besuchen werden. Im Winter hingegen bleiben manche Trulli wegen der geringen Besucherzahl gänzlich geschlossen. Der Verandatisch meiner Eltern hat leider unmögliche Maße, so dass meine Mutter keine passende Tischdecke findet, auch wenn sie das Muster und die Qualität noch so schön findet. Aber auch dafür hat Luigi eine Lösung. Sie ist wie alles in seinem Laden nicht ganz billig, aber im September werden wir das maßgefertigte Stück abholen können. Er würde es auch gleich nach Deutschland schicken – und mich damit um einen guten Grund bringen, wieder nach Alberobello zu fahren. Nein, nein, manche Sachen erledigt man besser persönlich.

Ein Muss bei solchen Ausflügen ist auch immer der Besuch im Tonpfeifenladen „La Bottega dei Fischietti“. Federvieh, Hunde, Katzen, Sternzeichentiere, Menschen, fantasievolle Zusammenstellungen anderer Art – man glaubt gar nicht, was man alles in eine bunt bemalte Pfeife verwandeln kann. Außerdem zieht es mich auch immer wieder hinunter in einen Trullikeller, in dem Gianni Dragone und Renata Marotti den Verkaufsraum ihres Geschäftes „Dealfa“ eingerichtet haben. Die handgemachten Ledertaschen, Geldbörsen, Brillenetuis oder Lederschmuck sind so schön wie einzigartig. Erwähnenswert sind auch zwei kleine
Schmuckgeschäfte, in denen ich schon so manches Weihnachtsgeschenk erstanden habe. Und natürlich muss man sich die etwa hundertjährige Kirche San Antonio in Form eines Trullo angesehen haben, die im Jahre 2004 generalüberholt wurde. Wem genügend Zeit bleibt, der kann auch im Territorialmuseum auf der Bahnhofsseite auf der „Piazza 27 Maggio“ der Stadt vorbeisehen. Nach der Ernennung zum Weltkulturerbe hat man in einem der größten Trullikomplexe Alberobellos eine Ausstellung zu Geschichte und Handwerk der Gegend eingerichtet. 

Wer jedoch mit den Verkäufern in den Trulli ins Gespräch kommt, erfährt quasi nebenbei interessante Details. So erklärt mir Grazia während sie uns in ihrem Trullo den unvermeidlichen Kaktusfeigenlikör einschenkt, dass ihre Familie ihr Trullo noch bis in die 80er Jahre hinein bewohnt habe. Sie zeigt auf den kleinen vielleicht 2 m² großen Raum links von uns und erklärt, das wir vor dem „Schlafzimmer“ ihrer Großmutter stehen, die das einst darin befindliche und den gesamten Raum ausfüllende Bett nur mit Hilfe eines langen hakenbewehrten Stabes, den Grazia zur Erinnerung an einer der Wände aufgehängt hat, in Ordnung bringen konnte. Sie öffnet eine kleine Holztür in der linken Wand des nicht viel größeren „Wohnzimmers“, die jetzt den Blick auf das „Schlafzimmer“ ihrer eigenen Mutter frei gibt, das nicht mehr gewesen sein kann, als ein 50 cm breites Brett in der Wand. Der Verschlag in der Wand gegenüber (oder auch das Bett ihrer Schwester) wurde inzwischen zu einem Regal umgebaut, auf dem Marmeladengläser und touristischer Nippes stehen. Die Brüder hatten unter dem Dach ein wenig Platz, und links neben dem Schlafzimmer waren vielleicht 1,5 m² Meter übrig für etwas, das Grazia „Küche“ nennt. Besser kann ein Museum die beengten Wohnverhältnisse nicht illustrieren. Richtig lebens- und liebenswert wird so ein Trullo also erst als Komplex aus mehreren aneinandergrenzenden Trulli. Als Einzelbauwerk ist es eher romantisch als praktisch. 

Weit nach Mittag bekommen wir nach all den Kostproben und Häppchen doch noch richtigen Hunger. Diesen kann man ganz bequem in einem Ristorante in der Zona Rione Monti stillen. Sehr gut gegessen und getrunken haben Luigi und ich bereits im „Casanova“ in der Via Monta San Marco. Von der einen Seite gelangt man über eine schmale Treppe, von der anderen Hauseite durch einen etwas weniger steilen Abstieg in die hellen kühlen Kellergewölbe des Restaurants. Die Speisen und die Qualität des Services sind hervorragend. Für 40 Euro bekommt man ein erstklassiges Menü serviert. Im Herbst werden auch Maroni frisch vor den Augen des Gastes geröstet. Aber gerade im Sommer gibt es günstigere kleine Restaurants z.B. um den Rathausplatz herum, die ein Touristenmenü mit typischen Gerichten der Gegend für 10 Euro pro Person servieren. So essen wir dieses Mal in der Via Garibaldi neben Antipasti aus Oliven, Brot und Taralli, die typischen Öhrchennudeln „Orichiette“ in Tomatensauce mit winzigen Fleischbällchen, einen Fleischteller mit einer kleinen Roulade, einem Fleischspieß und einem Würstchen sowie zum Abschluss Melone. Wasser und Wein sind ebenfalls inbegriffen. Aber auch für den ganz kleinen Geldbeutel gibt es die Möglichkeit auf hervorragende Art satt zu werden. So findet man auf der „Largo Martello“ einen kleinen Bäckerladen, der sehr, sehr leckeres Focaccia (eine Art dicke Pizza mit verschiedenen Belägen) anbietet, das man auf den Bänken unter dem Sonnendach davor genießen kann. 

Nach dem Essen stellen wir fest, dass unsere Füße einigermaßen müde geworden sind und setzen uns noch eine Weile unter einen der Oleanderbäume auf dem Rathausplatz. Man hört die Stadt förmlich schlafen, so still ist es nachmittags gegen vier. Kein Auto, das brummt. Kein Motorrad, das röhrt. Keine Anwohner in den Straßen, die sich lautstark unterhalten. Nur das leise Gemurmel der Touristen in den Bars… jetzt werden wir erst richtig müde und beschließen, auf einem kleinen Umweg zum Bahnhof zurückzugehen und der Stadt der Trulli Lebewohl zu sagen – ganz sicher nicht zum letzten Mal.

Ausflug in die Unterwelt – Grotte di Castellana


Heute sieht es etwas nach Regen aus. Daher verschieben wir unseren zweiten Ausflug nach Bari zugunsten eines Höhlenbesuchs. Nur 20 Minuten von Bari entfernt liegt die Stadt Castellana und vor ihren Toren die Grotten von Castellana, deren erste Höhle die Bewohner der Gegend Jahrhunderte lang als Müllhalde benutzten. Vor allem die Abfälle aus der Olivenpressung haben das Gestein in dieser 60m tiefen sowie ca. 50 m breiten und 100m langen Höhle Dunkelgrün gefärbt. Ganz passend finden dort unten bei olivgrüngruseliger Stimmung in diesem Sommer Aufführungen von Dantes Inferno statt. 

Doch von vorn: Wir nehmen wieder den Zug, um zur Grotte zu gelangen. Die Bahnstation, oder nennen wir es lieber “der Ausstieg“, befindet sich nur wenige hundert Meter vom Höhleneingang entfernt und wurde extra vor ein paar Jahren unter touristischen Gesichtspunkten angelegt, denn immerhin haben die Höhlen seit ihrer Entdeckung schon 14 Mio Menschen besucht. Der Schaffner hat uns beim Kontrollieren der Fahrkarten gefragt, ob wir nach Castellana oder in die Grotten möchten. Obwohl ich inzwischen weiß, dass der Bahnhof nur ein unscheinbarer Bahnsteig mitten im nirgendwo ist, kommt er in Castellana freundlicherweise noch einmal bei uns vorbei und sagt uns, dass wir erst beim nächsten Halt aussteigen müssen. Direkt neben einer kleinen Mauer kann man an der Bahnstation auch sein Auto abstellen. Als wir auf dem Parkplatz eintreffen, stehen bereits einige Wohnmobile dort. Vermutlich haben heute früh noch mehr Leute den Himmel mit Skepsis betrachtet. 

Bevor man zur Bigletteria gelangt, an der man die Eintrittskarten kauft, kommt man an einigen unvermeidlichen Geschäften vorbei, die typische Produkte der Gegend, Nippes und Mineralien verkaufen. Man sieht auch gleich, dass einige Kiosks eher auf Kinder ausgerichtet sind, denn sie verkaufen Plastikkram, schlecht bedruckte Shirts und andere niederpreisige Scheußlichkeiten, die jüngeren Touristen sicherlich das magere Taschengeld aus dem Portemonaie zu ziehen verstehen. Meine Mama vermutet, dass die Schulklassen der Umgebung auch regelmäßig hier hergeführt werden. Tatsächlich wird Luigi uns diese Vermutung später bestätigen. 

Im Juli sind die Höhlen von 9:00 bis 19:00 Uhr geöffnet. Somit haben sich gegen 10:00 Uhr längst auch andere Besucher eingefunden. Wir stellen uns in „unsere“ Schlange für Führungen in Fremdsprachen. Man kann generell zwischen zwei Führungen wählen. Die kurze Tour dauert nur etwa eine Stunde. Die Lange hingegen dauert zwei Stunden. Ich würde auf jeden Fall jedem, der in der Lage ist 3 km teilweise recht zügigen Fußmarsches unter der Erde durchzuhalten, die lange Tour empfehlen. Nur sie führt bis zur weißen Grotte, deren Tropfsteinformationen die Farbe weißen Alabasters haben. Da man in diesem Teil der Höhle eine künstliche Belüftung installieren musste, um ihn zugänglich zu machen, werden immer nur eine begrenzte Anzahl von Besuchern zugelassen. Im Sommer werden die langen Führungen täglich um 11:00 und 16:00 Uhr auf Deutsch angeboten. Eine Erwachsenenkarte kostet 15,00 Euro. Ermäßigungen gibt es für Kinder, Studenten und Pensionäre. Mit den Einnahmen aus den Eintritten werden nicht nur die Führer und die Infrastruktur bezahlt, sondern ein Teil davon fließt in die weitere Erschließung der Höhlen. Neben diesen Tourwegen gibt es daher noch weitere Höhlenwege. Diese sind jedoch nur den Forschern vorbehalten. Für mehr Infos besucht die deutsche Version der Höhlenwebsite. Die deutschen Texte sind allerdings nur schwer verständlich bis völlig unverständlich und muten an, wie mit einer Software übersetzt, so dass ich gleich mal beschließe, den Verantwortlichen die Überarbeitung durch eine Muttersprachlerin anzubieten. 


Der Ticketverkäufer ist sehr freundlich. Er schiebt nicht nur die Karten durch den Schalterschacht, sondern erklärt uns auch, dass wir uns um 11:00 Uhr an der Tür Nummer 2 einfinden müssten. Gesagt, getan. Nach einem sehr guten Cappuccino in einer Bar auf dem Areal, stehen wir pünktlich an Tür Nummer 2 und diese wird auch mit nur 10min Verspätung tatsächlich für uns geöffnet. Eine Treppe führt die 60 Meter hinab in die „Grave“, wie die 1938 vom Höhlenforscher Franco Anelli wiederentdeckte erste Höhle genannt wird. Doch die Erkundung der „Grave“ durch Anelli war nur der Anfang einer Entdeckungsreise in die Unterwelt, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist, denn immer wieder werden neue Höhlen gefunden. Von der „Grave“ aus erreicht man die schwarze Grotte, deren Gestein sich aufgrund eines Pilzes schwarz gefärbt hat. Wie in allen Höhlen hat man auch hier in den verschiedenen Gesteinsformationen Gebilde zu erkennen geglaubt, die sich dem Auge des Betrachters mal mehr und mal weniger offensichtlich erschließen. Hier in der schwarzen oder auch der „Grotte der Wölfin“ ist es die römische Wölfin, die dereinst die Stadtgründer gesäugt haben soll, welche man in einer Häufung von Tropfsteinen sehen kann. Ich lerne, dass „Konkretion“ scheinbar ein deutsches Wort für Tropfsteingebilde sein muss, denn die Führerin nennt sie beharrlich so. Aber die Höhlen haben noch mehr Bildliches zu bieten: das Bein einer Ballerina, ein Kamel, eine Eule, den Schiefen Turm von Pisa und zum Ende hin auch eine kleine Madonnenfigur. Was auch immer man darüber denken mag, waren diese „Bilder“ in früheren Tagen ohne den komfortablen Betonweg, auf dem wir laufen, und der künstlichen Beleuchtung wichtige Orientierungspunkte auf der unterirdischen Landkarte für die Höhlenforscher. 

Maria und Zievola erinnern sich noch an ihren Besuch in den Höhlen in den 1950 Jahren, als sie noch von Anelli persönlich geführt über Geröll kletterten und die Formationen spektakulär mit geworfenen Fackeln erhellt wurden. Das stelle ich mir noch beeindruckender vor als heute, aber wer einmal in der „Höhle des Abgrunds“ versucht hat, den Boden  voller Geröll zu erblicken, der sich 30 Meter unter dem inzwischen netterweise konstruierten Fußweg befindet, dem wird schnell klar, wie gefährlich die Erschließung der Höhle gewesen sein muss. Bisher sind wir nämlich dem Bett eines unterirdischen Flusses gefolgt, der sich hier jedoch plötzlich in die Tiefe gestürzt hat. Noch dazu mussten die Forscher der ersten Jahrzehnte tagelang in der Dunkelheit der Höhle verbringen, denn es gab weder den Weg, noch die Treppe ganz zu schweigen von dem komfortablen Aufzug, der die Besucher am Ende des Rundgangs in Sekundenschnelle aus der Tiefe ans Tageslicht befördert. Da war es sicherlich sehr beruhigend zu glauben, dass die „Madonnina“ – „kleine Madonna“ wie sie liebevoll von den Italienern genannt wird – über sie wachte. 

Während wir von Höhle zu Höhle stiefeln und unsere deutsche Gruppe durch zu spät eingetroffene Touristen, die von weiteren Führern zu uns gebracht werden, immer größer wird, erfahren wir auch viel über die Entstehung der Grotten von Castellana. Vor 100 Millionen Jahren war Apulien noch tief unter dem Meeresboden verborgen, auf dem sich allerhand totes Getier und Pflanzen ablagerten, welche man heute an den Wänden z.B. in Form von Muscheln erkennen kann. Im Laufe der Erdgeschichte wurde die Gegend über den Meeresspiegel erhoben und die inzwischen kilometerdicke Kalkschicht mit Brüchen versehen, durch die sich Sickerwasser in Form von Flüssen seinen Weg bahnte. Während die Erdplatten noch darum kämpften, wer von ihnen die Oberhand behalten sollte, stürzten die unterirdischen Flusstäler ein und bildeten Höhlen, in denen in den darauffolgenden Millionen von Jahren durch Sickerwasser und Mineralien die Stalaktiten, Stalagmiten, Säulen, Bögen, Schleier und anderen Formationen zu wachsen begannen, auf die unsere Führerin uns heute aufmerksam macht. Eine Besonderheit, die europaweit nur in wenigen Höhlen vorkommt, sind dabei Stalaktiten, die statt nach unten zu wachsen plötzlich abgeknicken, schräg oder gar waagerecht wachsen. Offenbar ist die Wissenschaft noch zu keiner befriedigenden Lösung für den Grund dieses Phänomens gekommen. So behalten sich die Grotten von Castallana auch für die kommenden Jahre noch ein kleines Geheimnis vor. 

Wir sind jedenfalls beeindruckt von dieser unwirklichen Reise in die Unterwelt und auch ein bisschen erleichtert, als wir statt der kontinuierlichen 18-20 Grad Celsius der Höhlen wieder Sonne auf der Haut spüren. Als wir die Pfützen um uns herum bemerken, verdoppelt sich unsere Zufriedenheit schlagartig, haben wir doch den einzigen Regenguss im Juli verpasst. Somit wird der Regenschirm nun zum Sonnenschirm.

Altstadtbummel in Bari

Bevor das erste Heimweh mich erwischen kann, haben meine Eltern sich entschlossen, mich zu besuchen. Für meinen Vater ist es die erste Reise nach Italien überhaupt. Meine Mutter hat zwar schon im letzten Jahr ein paar Wochen hier verbracht, aber lässt sich die Chance auf ein bisschen Erholung am Stiefelhacken nicht entgehen. Natürlich sind wir auch touristisch unterwegs. Den Anfang muss Bari machen, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und gleichzeitig der Region Apulien, nach Neapel die zweitgrößte Stadt Süditaliens.

Der Zug bringt uns aus unserem Vorort Triggiano in gut fünfzehn Minuten ins ca. 15 km entfernte Stadtzentrum von Bari, wo ein großer Springbrunnen vor dem Bahnhof alle Ankommenden freundlich grüßend in Empfang nimmt. Das plätschernde Wasser der Fontäne, der blankgeputzte blaue Himmel und die mit ihren 30 Grad angenehme Julisonne machen sofort gute Laune. 

Vom Bahnhof zur Altstadt

Der im 19. Jahrhundert erbaute zentrale Stadtkern ist dem Schachbrettmuster nach planmäßig angelegt. Die Straßen kreuzen sich senkrecht und man kann sich gut orientieren. Wir wollen uns aber an diesem Tag die historische Altstadt ansehen. Darum nehmen wir vom Bahnhofsvorplatz (Piazza Aldo Moro) aus die Flaniermeile Via Sperano unter die Füße und spazieren unter den Palmen durch den Park an der Universität von Bari hindurch in Richtung Norden, bis wir den Corso Emanuele Vittorio erreicht haben. Dahinter beginnt die Altstadt „Bari Vecchia“ mit ihren ringförmig angelegten Gassen und dicht gedrängten weiß getünchten Häusern, die beinahe übereinander zupurzeln scheinen. Welch ein Kontrast zu den großzügig geplanten Jugendstilbauten der Via Sperano mit deren riesigen Schaufenstern, Markenboutiquen und auflockernden Anpflanzungen!

An der Uferpromenade entlang zur Basilika

Allerdings wenden wir uns zunächst dem Meer zu, denn wir wollen die Altstadt an der Seeseite umrunden. So können wir durch die Markthalle auf dem Piazza Ferrorese vor dem „Teatro Margerita“ und dann auf der Promenade weiterschlendern. Selbst wenn gerade kein Markt stattfindet, riecht das Marktgebäude nach reifen Früchten, Fisch und Gemüse, als hätten sich die Jahrzehnte des Gebrauchs als dauerhafte Erinnerung ins Mauerwerk eingegraben. Im kleinen Fischerhafen schaukeln die Boote bereits träge an ihren Leinen, denn die Fischer sind natürlich längst mit ihrem Fang zum Markt, den Restaurants oder zu den Fischläden unterwegs, die sie beliefern. Einige sind sogar schon wieder zurück und flicken ihren Netze.

Die Basilika des Heilige Nikolaus‘

Wir orientieren uns am Turm von San Sabino, eine der wichtigsten Kirche Baris. Als wir ihn hinter uns gelassen haben, ist es nicht mehr weit bis zur „Basilika San Nicola“. Dort wollen wir den Durchgang vom Lungomare durch die Stadtmauer nehmen und uns ins touristische Getümmel stürzen, denn der Besuch dieser wuchtigen Kirche ist einfach ein „Muss“. Die Baresen sind unheimlich stolz auf die Überreste des Heiligen Nikolaus, die hier aufbewahrt werden, seit sie diese 1087 n.Chr. aus der Türkei entführt haben. Dieses denkwürdige Ereignis wird aus Sicht der Baresen als „Heimführung“ jedes Jahr im Mai mit einer Festwoche begangen, während die Türken in Abständen bei der italienischen Regierung anmerken, dass sie den Nikolaus, der doch immerhin in der heutigen Türkei gelebt und gewirkt hat, gern zurück hätten. Aber was zählen schon die paar Lebensjahre in der Türkei im Vergleich mit der nun schon 1000 Jahre währenden Anbetung in Bari?

Typisch für Italien ist auch eine gewisse Unfertigkeit – als genüge es, immer nur das Nötigste zu machen. So reiht sich der Umbau des ehemaligen Regierungspalastes des Herzogs Roger Bursa durch den Benediktinerabt Elias in die Basilika, wie wir sie heute vor uns sehen, als weitere Kuriosität in eine lange Liste von Merkwürdigkeiten ein. Der Umbau wurde im 11. Jahrhundert begonnen und nie vollständig abgeschlossen. Es dauert eben alles etwas länger hier unten und mit den Jahrhunderten verändern sich dann auch die Geschmäcker. Solchermaßen sieht man der Basilika ihre weltliche Herkunft immer noch ein wenig an, aber das macht den klobigen Bau auch einzigartig. 

Wir treffen dort ein, als sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft einfindet und auf den vorderen Bänken sortiert, während man der sichtlich aufgeregten Braut vor der Kirchentür den Schleier auf den roten Teppich drapiert. Die Touristen verhalten sich etwas leiser als sonst. Hier und da klicken die Fotoapparate. Wir schlendern auf der rechten Seite an der Büste des Heiligen Nikolaus vorbei, durchqueren fast die ganzen 55 Meter Länge des Inneren der Basilika und steigen dann die Treppen hinunter in die Krypta. Diese hat mich schon bei meinem ersten Besuch stark beeindruckt, nicht etwa ob der viel gepriesenen 26 Säulen, von denen keine der anderen gleicht, sondern weil dort eine Kapelle den orthodoxen Gläubigen zur Verfügung steht. Während also im Parterre die katholische Hochzeit gefeiert wird, singen Orthodoxen im Keller ihre Liturgien – ein schönes Zeichen für Toleranz.

In der Krypta befindet sich auch der Schrein mit den Überresten des Heiligen Nikolaus. Übers Jahr sammelt sich darin eine Art Flüssigkeit. Diverse sicherlich kirchennahe Wissenschaftler haben ihre Meinung dazu abgegeben und die Möglichkeit, dass es Kondenswasser sein könnte, ausgeschlossen. Der gute Gläubige nennt die Flüssigkeit daher „manna“ und kauft sie den Dominikanermönchen, denen das Areal gehört, hauptsächlich bei der o.g. Ankunftsfeier mit Wasser verdünnt als Wundermittel gegen Krankheiten ab. Gerade hier im Süden ist der Glauben ein fester Bestandteil des Alltags und man muss vorsichtig abwägen, ob man lieber nur inwendig lächelt.

Ich mag Kirchen hauptsächlich ihrer Atmosphäre wegen und, weil es im Sommer darin immer schön kühl ist, aber natürlich gibt es in der Basilika auch bedeutsame Wandgestaltungen, Mosaike, Gemälde und Statuen zu bewundern. Die barocke Überbauung des Innenraums wurde Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend zurückgebaut, um die Ursprünge der Kirche aus dem 11. und 12. Jahrhundert wieder sichtbar zu machen, aber die beeindruckende Barockmalerei an der Decke des Mittelschiffes hat bis heute „überlebt“. Weitere Details über die Basilika liest man am besten in einem Reiseführer nach, denn alles auch nur anzureißen würde hier schon den Rahmen sprengen.

Die beiden Liebenden sind inzwischen Mann und Frau und machen auf der Treppe vor der Basilica Hochzeitsfotos mit unterschiedlichen Aufstellungen. Die weiblichen Hochzeitsgäste tragen fast alle trägerlose Kleidchen, an denen sie ständig herumzupfen, sowie bunte Stöckelschuhe. Ich stelle mir vor, wie sie am Ende des Tages darin herumstöckeln werden und bin froh über meine flachen Sandaletten. Wir schlagen uns also durch einen kleinen Torbogen in die Altstadt hinein. Die kleine Kirche San Gregorio bleibt rechts von uns liegen. Die mehrstöckigen Häuser stehen hier so dicht, dass auf die schmalen Gassen fast immer ein kühler Schatten fällt. Gleich rechter Hand gibt es einen kleinen Laden, der sich auf Brötchen und Getränke spezialisiert hat. Linker Hand bieten zwei kleine Geschäfte Sonnenhüte, apulische Keramik und Kitsch an. Jeder Tourist findet hier garantiert ein Mitbringsel. Wer länger in der Gegend bleibt, sollte sich die Keramik lieber an ihrem Entstehungsort z.B. in Grottaglie kaufen sowie für Kleidung und modische Accessoires einen Markt besuchen, da Märkte deutlich preiswerter sind. 

Bari Vecchia und Kriminalität

Auch wenn man die kriminelle Energie der apulischen Mafia in Bari nicht unterschätzen darf und Luigis Mutter mich jedes Mal eindringlich davor warnt, überhaupt einen Fuß ins „Bari Vecchia“ zu setzen, kann ich versichern, dass man sich dort nicht verirren kann und auch nicht unbedingt das Opfer einer Bandenschießerei werden muss. Ersteres liegt daran, dass die Gassen den Wanderer automatisch von einer Kirche zur nächsten und schließlich zum Kastell führen, wo man die Altstadt dann schon wieder verlässt. Das zweite liegt an der deutlich gestiegenen Präsenz von Polizisten.Schließlich wollen die Baresen die zahlreichen Touristen nicht vergraulen, die sich jedes Jahr hier einfinden. Ich habe auch heute meine Tasche fest unter den Arm geklemmt, wie ich es immer und überall in Menschenansammlungen zu tun pflege, und schiebe mich sicher vor meinen Eltern her an den Keramikverkäufern vorbei. Bald treffen wir auf einen Gemüseladen, vor dem die Verkäufer auf Holzkisten sitzend frisch geerntete Mandeln knacken. Gleich gegenüber lockt eine Salumeria, deren typisches Angebot an Käsen und anderem herzhaftem Brotbelag, um Spezialitäten aus der Gegend wie etwa Wein und Aufstriche erweitert wurde. Wer bei diesem Duft keinen Appetit bekommt, ist nicht von dieser Welt.

Von San Sabino zum Kastell

Nur wenige Schritte weiter stoßen wir auf die nächste große Kirche, die der Basilika St. Nicola nicht unähnlich ist. Sie steht auf den Resten einer Vorgängerkirche, die im 9. Jahrhundert bereits den Sarazenen als Mosche gedient haben könnte. Das Innere der Kathedrale ist wie das der Basilika relativ nüchtern gehalten und beeindruckt vor allem durch Größe. Nur die Krypta hat man in ihrem barocken Zustand belassen, der mit den dominierenden Farben gelb und weiß, ebenfalls nicht protzig wirkt. Auch in der Kathedrale des Heiligen Sebastian (San Sabino) wird heute geheiratet. Auf der Treppe vor der Kirche werden gerade riesige Blumenarrangements drapiert. Der Platz ist voller Menschen und auch hier sind bei den weiblichen Hochzeitsgästen luftige Festkleidchen und Plateaustöckelschuhe angesagt, während die Touristen an ihren Baumwollshirts und den Wasserflaschen deutlich auszumachen sind. 

Wir überqueren den Platz und lassen die Kathedrale im Rücken liegen. Nun sind es nur noch ein paar Schritte zum Kastell, dessen äußere Mauern sich trotz des strahlenden Sonnenscheins bedrohlich gegen die Altstadt erheben. Seine Geschichte ist wechselvoll und unmittelbar mit der Geschichte Apuliens verbunden. Als Verteidigungsbollwerk und Herrschersitz errichtet, zum Gefängnis geworden, als Lazarett benutzt und in jüngerer Zeit zum Verwaltungsgebäude umgestaltet, wird das Kastell erst seit etwa zehn Jahren immer stärker als touristischer Höhepunkt behandelt und der Öffentlichkeit entsprechend zugänglich gemacht. Wir setzen uns in ein kleines Cafe und erfrischen uns mit einer Granita, was ich als Fruchtsaft-Sorbet bezeichnen würde. Man bekommt diese leichte Erfrischung, die ursprünglich aus Sizilien stammt, im Sommer in fast jedem Cafe oder jeder Gelateria serviert. Unter unserem Sonnenschirm hervorlugend entdecken wir größere geführte Gruppen. Ich vermute, dass im Hafen, der nicht unweit der Altstadt liegt, ein Kreuzfahrtschiff angelegt hat und deren Gäste nun in die Stadt ausströmen. Den Besuch des Kastells nehmen wir uns jedoch für einen anderen Tag vor, denn wir wollen noch die Piazza Mercantile erreichen und anschließend ein wenig auf der Seepromenade entlang schlendern, bevor wir uns wieder in Richtung Bahnhof aufmachen. Schließlich hat Mamma Maria uns eingeschärft pünktlich zum Mittagessen wieder zu Hause zu sein. 

Die Schandsäule auf der Piazza Mercantile

Da sich die Piazza Mercantile genau auf der anderen Seite der Altstadt befindet, umrunden wir sie auf einem „Innenring“ vom Kastell aus auf der Via Boemondo, hinter der Präfektur entlang und immer geradeaus, bis man nach ca. zehn Minuten wieder auf die Piazza del Ferasse mit der Markthalle trifft. Nun links wieder in die Altstadt hinein, an zwei kleinen Kirchen vorbei und sofort steht man auf dem alten Marktplatz. Hier findet man die von einem Löwen flankierte Schandsäule, die deutlich macht, wie eng Gewerbe und Gesetz zu damaligen Zeiten verknüpft waren. Was würden wohl heutige Banker und Geschäftsleute dazu sagen, wenn man sie mit den Händen an die Säule gefesselt und auf dem Löwen sitzend ihren geschädigten Klienten zur Beschimpfung freigeben würde? Keine Ahnung, aber die Säule wäre aktuell wohl ständig besetzt.

Über den Fischmarkt zum Petruzzelli Theater

Wir kehren nun auf die Seepromenade, das „Lungomare“, zurück und folgen ihr am „Teatro Margerita“ vorbei zum kleinen Fischmarkt. Obwohl um die Mittagszeit dort nicht mehr viel zu sehen ist, riecht man ihn doch schon von Weitem. Ein paar Tintenfische, Oktopusse, kleinere Barsche, Seeigel und Muscheln werden noch angeboten. Die meisten Verkäufer stehen zusammen unter dem Sonnendach und diskutieren lautstark. Worüber? Das lässt sich nur vermuten, denn die alten Männer sprechen einen strengen Dialekt. Aber es könnte sich bei den Themen durchaus um den Lauf der Geschäfte, bestechliche Politiker oder die nächste Mahlzeit handeln.

Vom Fischmarkt schlendern wir weiter in Richtung Stadtstrand, an den Anglern vorbei, die hier noch geduldig auf ihren Fang des Tages warten. Wer sich für Kunst interessiert, kann dem Lungmare bis zur Pinacoteca Provinciale (Pinakothek von Bari) weiterfolgen. Wer es riskieren möchte, an dem unlängst weitgehend vom Asbest gereinigten Strand „Pane e Pomodoro“ zu baden, erreicht diesen am Ende der Promenade. Wir biegen jedoch in Höhe des Theaters Petruzzelli ab auf den Corso Cavour, die Prachtstraße der Neustadt, die leider nicht wie die Via Sperano vom Verkehr befreit wurde, aber durch ihre großzügige Anlage der städtischen Hektik etwas Entspannung entgegensetzt. Hier Reihen sich Schaufenster an Schaufenster, während das erst im Jahr 2009 wiedereröffnete imposante Theater in neuem Glanz erstrahlt.

1991 fiel das 4000 Zuschauer fassende Gebäude einer Brandstiftung zum Opfer, die von der regionalen Mafia initiiert worden sein soll. Zievola erinnert sich noch daran, das dort früher fast jeden Abend eine Vorstellung gegeben wurde. Seit letztem Jahr werden nun endlich wieder eine Handvoll Produktionen eingekauft (Oper, Konzerte und Ballett) und wer nicht rechtzeitig im Voraus Karten bucht, der hat keine Chance. Bei Gasperini auf dem Corso Cavour oder auch in einer der anderen Filialen, die über die Stadt verstreut sind (Lungomare, Via Sperano u.a.), hat man jedoch immer eine Chance und zudem eine riesige Auswahl – und zwar beim besten Eis von Bari. Dort kann ich nie vorbeigehen ohne mindestens einen „coppa piccola“ zu kaufen. Mein Vater hält sich an Erdbeere und Melone. Meine Mutter probiert den Geschmack „baccio“ (Kuss) und Straciatella. Ich hingegen ziehe mit Whiskycremeeis und einer Sorte, die sich Galak nennt, von dannen. Einen gelungeneren Abschluss für einen Stadtbummel kann es gar nicht geben, auch wenn Maria später wieder behaupten wird, wir könnten gar nichts von ihrem Mittag schaffen, weil wir uns schon am Eis satt gegessen hätten.

Auf die Sprache! Fertig! Los!

Dass ich die verschiedenen Formen von “buono” beherrsche und auch „basta“ sagen kann, habe ich euch im letzten Eintrag bereits eindrucksvoll geschildert, aber natürlich beschränkt sich mein Wortschatz nicht nur auf eine Handvoll Wörter. In meinen Urlaubswochen bin ich immer gut mit einem Grundwortschatz aus vielleicht 1000 Wörtern ausgekommen, die ich mir vor ein paar Jahren mit Hilfe einer Zettelbox angeeignet habe. Außerdem schnappt man automatisch Wörter auf, wenn man sich in einem Land aufhält, insbesondere Schimpfwörter. Von denen beherrsche ich schon länger eine umfangreiche Klaviatur auf Italienisch und auch im Dialekt von Bari. Aber dazu ein anderes Mal.

Nach zwei Wochen bei Luigi und seinen Eltern finde ich es trotzdem etwas beschämend, dass ich in den ganzen letzten Jahren, die wir uns kennen, nicht schon mehr Italienisch gelernt habe; nicht einmal nachdem ich an einer privaten Sprachschule in Bari einen Crashgrundkurs absolviert habe, in dem ich mir die Grundzüge der Grammatik beibringen ließ. Arbeit, Großfamilie, Freunde, Garten, Schreibprojekte, Bücher, Filme, Serien, andere Hobbys – irgendwie war immer irgendetwas wichtiger, als sich hinzusetzen und kontinuierlich Wörter zu lernen. Faulheit lässt grüßen!

Dabei mochte ich das Italienische auf Anhieb, weil ich seine Melodie liebe und den Eindruck habe, dass es sich durch die Anleihen, die andere Sprachen bei ihm genommen haben, leicht erlernen lässt. Manche Wörter verhalten sich im Stamm im Italienischen sogar genau so, wie ich sie schon im Deutschen instinktiv immer hatte schreiben wollen, „tollerare“ zum Beispiel – bei uns „tolerieren“ Keine Ahnung, warum im Deutschen das zweite „l“ verschwunden ist? Ich höre es ganz deutlich. Oder nehmen wir „abbonare“ – „abbonieren“ sähe doch auch im Deutschen wesentlich mehr nach dem aus, nach was es sich anhört, und nicht „abonnieren“. Vor der nächsten Rechtschreibreform würde ich also mal ganz genau hinschauen.

Sehr sympathisch sind auch sprachliche Verwandte wie beispielweise „il carcere“ (der Kerker) oder „l’identità” (die Identität). Mir würden zudem auf Anhieb 10 englische Wörter einfallen, die irgendwie italienisch klingen. Wenn man außerdem an englische Wörter (vorzugsweise an Adverbien wie „incredbile“) eine italienische Endung hängt (vorzugsweise „-mente“), liegt man häufig auch nicht ganz falsch.

Doch natürlich ist diese Lobpreisung der Leichtigkeit nur die halbe Wahrheit. Der überwiegende Teil der Wörter muss leider trotzdem gelernt werden und „falsche Freunde“ finden sich ebenfalls. Ich denke da z.B. an „l’umore“. Das heißt nicht etwa „Humor“ , sondern „Laune“, und die kann gerade beim Sprachenlernen auch mal wenig mit Humor zu tun haben; ganz besonders, wenn man sich durch eine üppige Grammatik kämpfen muss, in der sich fast alle Zeitformen in einer subjektiven Form (dem Congiuntivo) mit überwiegend anderen Endungen noch einmal wiederholen, was ich für ziemlich überflüssig halte. Genauso wie das Passato Remoto – eine Vergangenheitsform, die sehr weit zurückliegende Handlungen in der Vergangenheit wiedergibt, aber eigentlich nichts weiter aussagen kann als das, was man auch mit einem normalen Präteritum ausdrücken könnte. Maria hat mir erst unlängst versichert, dass nicht einmal die Politiker in der italienischen Grammatik durchsähen und man schon froh sein könne, wenn sie wüssten, wie man den Konjunktiv benutze. Nun, ja… ich zweifle, dass ich mir jemals einen italienischen Politiker als Vorbild genommen hätte, aber ich möchte im Italienischen auch nicht so klingen wie unsere Fußballspieler im Deutschen. Also habe ich mir ein dickes Buch mit Erklärungen und Übungen besorgt, durch das ich mich seit meiner zweiten Woche in Italien hindurchgrabe.

Entgegen dem Sprichwort ist beim Lernen einer Sprache aller Anfang leicht. Schwierig wird es ab da, wo man plötzlich Dinge verwechseln kann oder Übungen nicht mehr versteht, weil einem die Wörter fehlen. Also musste noch etwas her, mit dem ich systematisch Wörter pauken konnte. Im Internet fand ich den Kurs von sprachenlernen24 und nachdem ich ihn in der Demoversion ausprobiert hatte, habe ich kurzentschlossen das Komplettpaket gekauft und auf Luigis Laptop geladen. So sitze ich täglich noch etwa eine bis zwei Stunden (ich hab‘ ja Zeit) und pauke Wörter. Außerdem komme ich endlich dazu, alle meine Adesso-Ausgaben durchzuschmökern. Das Sprachmagazin hatte ich in einem Anflug von Lern-Enthusiasmus abonniert und sofort gemocht, allerdings in Deutschland nur sporadisch darin gelesen. Es ist super, wenn ich die Wörter, die mir das Programm beibringt, auch in den Texten oder im Alltag gleich erkenne. Dass sich die Paukerei lohnt, hat sich spätestens erwiesen, als ich plötzlich auf Italienisch schlagfertig wurde. Endlich kann ich meinen Humor zeigen – „l’umorismo“ übrigens (habe ich im Wörterbuch nachgeschlagen).

Arbeitslosenblues

Mein Urlaub ist vorbei. Heute ist mein erster Tag als Arbeitslose. Irgendwie ist es ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich auch nach zwei oder drei weiteren Wochen nicht wieder an meinen Schreibtisch, der jetzt nicht mehr mein Schreibtisch ist, zurückkehren werde. Ich kann ich es noch nicht richtig glauben, dass es vorbei ist. Meine Arbeitskollegen und -kolleginnen, die inzwischen auch Ex sind, lächeln mich von den Fotos meiner Schreibtischunterlage, die sie mir unter anderem an meinem letzten Arbeitstag geschenkt haben, an. Das Gefühl, demnächst relativ nutzlos zu sein, reißt mir die Beine weg und ich beschließe, etwas gegen den einsetzenden Blues zu tun: Ich setze mich mit einer Tasse Tee in die Sonne auf den Balkon und schaue auf die vorbeifahrenden Züge, die hohe Palme, welche die Bahnstation flankiert, und auf eine riesige muskulöse Männerbrust unter einem wie für eine Zahnpastawerbung aufgelegtem Lächeln auf einer „Kaufe Gold“ – Reklametafel vor unserem Haus. Dieser Macho sieht nicht so aus, als würde er tatsächlich Gold kaufen wollen. Ich lächele ein wenig in mich hinein. Der Himmel ist wolkenlos und strahlend blau. Langsam sieht die Welt wieder besser aus.

Nach einer halben Stunde flüchte ich mich vor einen möglichen Sonnenbrand vor den Computer und melde mich bei meinem Adecco-Account in Bari an, den ich mir schon vor ein paar Monaten eingerichtet habe. Inzwischen habe ich neben allen anderen Zeugnissen und Zertifikaten auch mein Arbeitszeugnis übersetzen lassen. Vorgestern konnten wir es bei der Italienisch-Deutschen-Assoziation abholen. Die Sekretärin hatte mir erklärt, dass sie beinahe niemanden gefunden hätten, der es übersetzen wollte. Das Dokumentendeutsch, das bereits für Muttersprachler schwer verständlich ist, muss für Übersetzer scheinbar die Pest sein. Ich kann mich gar nicht so überschwänglich bedanken, wie ich es nach dieser Erklärung für angemessen halte. Mir hilft die Übersetzung jedenfalls ganz ungemein, in meinen italienischen Lebenslauf einzutragen, für was ich alles verantwortlich gewesen bin. Während ich meine Verantwortlichkeiten auf das geforderte Maß an Zeichen kürze, gelange ich zu der Überzeugung, dass jeder Arbeitgeber froh sein müsste, ein Organisations-, Kommunikations- und Führungsgenie wie mich beschäftigen zu dürfen.