Archiv für den Monat Juni 2014

Zum zweiten Jahrestag -„Buon ComPuglianno!“

IMG_7320Kinder, wie die Zeit vergeht! Schon sind zwei Jahre herum und ich feiere erneut meinen selbsternannten Apuliengeburtstag, „ComPuglianno“; dieses Mal in unserer eigenen, inzwischen komplett eingerichteten Wohnung. Seit meine Bücher, Tonträger, mein Geschirr, Tischdecken, Pflanzen und andere Kleinigkeiten aus Deutschland hier angekommen sind, fühle ich mich bei uns endlich richtig zu Hause und nicht wie in einer schönen, aber zweckmäßig eingerichteten Ferienwohnung.

IMG_7224Aber auch abgesehen von der Wohnungsrenovierung und -einrichtung ist im letzten Apulienjahr viel passiert: ich habe mit Freunden und Verwandten meine neue Heimat erkundet, meine Unterichtstätigkeit auf mehrere Schulen ausgedehnt und bin inzwischen froh über das Sommerloch. Endlich kann ich abends unsere Terrasse genießen, auf der es inzwischen in allen Ecken blüht und grünt, und komme nicht länger nur zum Schlafen nach Hause. Wer denkt, dass das Grillen nur ein deutscher Nationalsport sei, der kennt die Italiener nicht. Wir machen dabei inzwischen trotz des WM-Aus‘ kräftig mit und erfreuen unsere Findelkatze Gina mit den ihr zustehenden Abgaben.

IMG_7223Sicherlich wird es auch im kommenden Apulienjahr eine Menge Überraschungen und viel zu tun geben. Es muss ja nicht gleich wieder jemand sterben, der uns nahe steht. Unsere Pläne allein für unsere Wohnung und Terrasse reichen jedenfalls noch für mindestens 10 Jahre. Private Wünsche haben wir natürlich ebenfalls genügend: von einer Vollzeitfestanstellung, über das Bestehen von Luigis Weiterbildung bis hin zur Familienvergrößerung.

Also ich bin jedenfalls gespannt und optimistisch, dass sich auch weiterhin alles zum immer Besseren entwickelt.

Deshalb auch in diesem Jahr: Buon ComPuglianno a me! … und viele liebe Grüße an alle, die heute nicht mit mir feiern können. Ich denk‘ an euch!

 

Der Ball regiert die Welt

Vor einigen Wochen während einer Deutschstunde: „Es tut mir, aber ich kann heute nicht zum Unterricht kommen.“ tönte es mir hoch gestresst aus dem Telefon entgegen. Da ich von diesem Anrufenden keine Absagen gewöhnt war, läuteten bei mir sofort alle Alarmglocken. „Oh, Gott! Was ist passiert?“, fragte ich besorgt zurück. Es konnte sich nur um einen Autounfall oder gar Schlimmeres handeln, denn, wenn Italiener sich die Mühe machen, deutlich vorher einen Termin abzusagen, dann ist es Ernst. „Ich kann hier nicht weg, sonst ist nachher alles ausverkauft.“, antwortete er jedoch, und setzte erklärend hinzu, dass er seit zwei Stunden in einer langen Schlange nach Karten für das Spiel anstünde. Aha. Bevor ich noch etwas fragen konnte, legte er auf.

„Was für ein letztes Spiel denn nun schon wieder!?“, meckerte ich kopfschüttelnd vor mich hin, und erinnerte mich daran, dass erst unlängst ein Schüler wegen eines „wichtigen Termins“ den Unterricht früher beendet hatte. Wichtiger Termin! Am nächsten Tag war er im Rahmen eines Berichts über ein groß aufgezogenes Public Viewing in Bari glückselig strahlend in der Zeitung zu sehen gewesen. „Bari spielt am Sonntag und meine Mutter lässt mich nicht hin!“, jammerte es prompt hinter einem Deutschbuch hervor.

„Ach, du Armer!“, sagte ich zu meinem halbwüchsigen Bürschchen, das ich auf Geheiß seiner Mutter einmal pro Woche mit der deutschen Sprache quälen muss, meinte es jedoch nicht so, da sich mein Verständnis für Fußballfans in Grenzen hält. „Warum denn nicht?“

„Da werden ganz sicher mindestens 40.000 Fans im Stadion sein, wenn wir spielen.“, sagte er mit glänzenden Augen. „Hast du das Spiel gesehen, bei dem nur einer einziger gegnerischer Fan im Stadion war? Und auf unserer Seite war alles voll.“ Ich lächelte, als wüsste ich, wovon er sprach. Natürlich hatte ich das nicht gesehen.

Ich enthielt mich auch des Kommentars, dass ich persönlich ebenso  davon abgesehen hätte, meinen vierzehnjährigen Sohn mitten unter eine Horde von wild gewordenen Schalträgern mit Kriegsbemalung zu lassen, und fragte stattdessen, ob er die Übung beendet hätte. Er antwortete mir jedoch nicht auf meine Frage, sondern fuhr fort, mir zu erklären, warum seine Mutter eine Ausgeburt an Gemeinheit sei und alle seine Freunde natürlich zu dem Spiel gehen dürften – auch ohne Begleitung von Erwachsenen. Ach, wunderbare Jugend! Ich entschloss mich, ihn einfach reden zu lassen, denn irgendwie fand ich es auch erheiternd zu hören, wie er ein Fifa-Play-Station- Spiel in seiner Schultasche vor seiner Mutter versteckte, damit sie ihn nicht mit Spielverbot belegen konnte, als sie ihn beim Fußballspielen in der häuslichen Wohnstube erwischte. Pech für ihn, dass sie statt dessen ihren Mann angewiesen hat, auf keinen Fall Karten für das Spiel zu kaufen.

Während er sich über die Ungerechtigkeit seiner Eltern, den heroischen Aufstieg des städtischen Fußballteams und der damals noch bevorstehenden Weltmeisterschaft ausließ, fügten sich für mich endlich die Puzzleteile aus Beobachtungen vermeintlich abstruser Situationen, Schülergesprächen und den Momenten, in denen ich Luigi nur halbohrig zugehört hatte, zu einem großen Ganzen zusammen. Mir dämmerte es, dass Public Viewings und das Schlangestehen für Tickets für ein Bari-Spiel der zwingende Höhepunkt einer für die Baresen und ihr städtisches Team dramatischen Fußballsaison sein musste.

Was hatte ich da die ganze Zeit erfolgreich ignoriert? Ein aufklärendes Gespräch mit Luigi – „Du hörst mir doch sonst nicht zu, wenn ich von Fußball erzähle!“ – brachte weiteres Licht ins Dunkel. Über lange Jahre waren die Baresen unglücklich mit ihrer Fußballmannschaft gewesen. Immer, wenn Bari ein paar gute Spieler hatte und in die nächste Liga aufgestiegen war, verkaufte der Besitzer diese Spieler und sorgte somit wieder für den sicheren Abstieg, leere Stadionplätze und desillusionierte Fans. Das ging so lange, bis der Laden im letzten Jahr Pleite ging und das Team öffentlich versteigert werden musste.

Hatte diese Situation vielleicht den baresischen Patriotismus und die Motivation der Spieler angeheizt? Möglich, denn 2014 gewann das Team. Die Stadionplätze füllten sich von mal zu mal mehr und auch auf den Straßen war jedes Spiel plötzlich lautstarkes Gesprächsthema. Dennoch gingen keine Kaufangebote ein. So wie man sich über jede gewonnene Partie und jeden eroberten Tabellenplatz freute, begann man darum zu bangen, dass sich ein Kaufwilliger für den AS Bari fände.

„Comprate la Bari“ – hieß es mit einem Mal auf von Balkonen gehängten Bettlaken. Besonders in den sozialen Netzwerken gehörte es bis Mai zum guten Ton, sich mit einem „Kauft Bari“-Schriftzug abgelichtet zu zeigen. Die Fans erklärten sich solidarisch mit ihrem Fußballteam. Nur Corinna wunderte sich auf dem Weg zur Schule, aus welchem Grund wohl jemand eine ganze Stadt kaufen sollte. „Ach, hättest du das doch mal eher gesagt!“, maulte ich Luigi an. „10 Euro hätte ich auch geboten. Du zehn Euro, ich zehn Euro. Sind zusammen schon zwanzig.“ „Na, da hättest du aber noch knappe 5 Millionen drauflegen müssen…“, grinste Luigi. Gut, so wichtig finde ich ein eigenes Fußballteam dann doch nicht.

Geflaggt – Nationalstolz anlässlich der WM

Die roten Hähne von Bari sind letztlich leider nicht in die erste Liga aufgestiegen, aber immerhin sind sie soweit gekommen, dass sie um den Aufstieg spielen durften und ihre Spiele in voll besetzten Stadions spielen konnten. Fast 60.000 Zuschauer bei einem Spiel der B-Liga, habe ich mir sagen lassen, das grenze schon ein an Wunder.

Im Moment haben die fußballverrückten Baresen ja die Weltmeisterschaft, mit der sie ihrem Affen Zucker geben, sich wegen des verpassten Aufstiegs trösten und Unterrichtsstunden absagen können, denn neben dem Nationalstar Balotelli feuert man hier natürlich ganz besonders der baresischen Stürmer Cassano an.  Aber irgendwann wird der Spuk wieder zu Ende sein und sicherlich auch meine Deutschstunden ohne wichtige Termine, Absagen oder Schmerztiraden wegen gemeiner Mütter über die Bühne gehen. Obwohl – bei Letzterem bin ich mir nicht so sicher.