Archiv der Kategorie: Unterwegs in Apulien

Monte Sannace – Mehr als nur ein Hügel

monte sannace

Blick über die untere Stadt

Bei unserem Besuch des Kastells von Gioia del Colle hatten wir uns fest vorgenommen, uns bald das zum Museum gehörige Ausgrabungsgebiet anzusehen, von dem die meisten Fundstücke in der ständigen Ausstellung im Schloss stammen. Der „Archäologische Park Monte Sannace“ liegt nämlich nur 5 Kilometer vor den Toren Gioias und damit auch nur ca. 20 Autominuten von Bari entfernt an der Schnellstraße in Richtung Taranto. Merkwürdigerweise mussten drei Jahre vergehen, bis wir uns am letzten Montag tatsächlich aufmachten, um mal wieder in Apuliens Historie einzutauchen.

Tief einzutauchen, wie die Funde aus dem Park uns bereits im Kastell gezeigt hatten, bis ins 10. Jahrhundert vor Christus nämlich. Der Großraum Bari war damals von den Peuketiern besiedelt, die fürderhin maßgeblich von den Griechen beeinflusst wurden, welche über ihren Anlaufpunkt Taranto wichtige Handelsbeziehungen nach Peuketien unterhielten. Neben dem heutigen Ruvo war Sannace Zentrum dieser Kultur.

Die Ausgrabungsstätte musste auch für technisches Gerät zugänglich gemacht werden. Steine für Mauern und Wege gab es genug.

Monte Sannace Überblick

Im Park vermitteln Infotafeln Wissenswertes zur Örtlichkeit und den Ausgrabungen

Die Peuketier hatten den Ort ihrer Siedlung strategisch klug gewählt: Vom fast 400 m über dem Meeresspiegel liegenden Gipfel des Hügels aus hat man eine kilometerweite Sicht ins Umland. Eine hochgelegene Ebene umgeben von schroffen, steilen Hängen bot gleichzeitig die Möglichkeit zur landwirtschaftlichen Versorgung und leichten Verteidigung. Ein Karsttal weist darauf hin, dass es dereinst auch einen kleinen Fluss gegeben haben muss, der wahrscheinlich sogar schiffbar war. Die Vegetation zeigt noch heute eine gesunde Vielfalt von Bäumen wie Eichen und Steineichen mit dichtem Unterwuchs, wo man gerade nicht gräbt und wachsen lässt. Bildtafeln machen an dieser Stelle die botanisch weniger bewanderten Besucher wie uns auf besondere Pflanzen und Bäume aufmerksam.

 

Dass es auf dem Monte Sannace schon einmal sehr lebendig zuging, wussten die apulischen Bauern, welche die verschüttete Siedlung als Ackerland nutzten, schon seit dem 17. Jahrhundert, weil sie beim Beackern des Bodens immer wieder zufällig über historische Funde stolperten. Erst 1929 begannen ernsthafte Grabungen, die schnell einige Gräber und Teile der Mauer um die untere Stadt zum Vorschein brachten.

Infotafel zur Neuorganisation der Straßen in der hellenistischen Zeit

In mehreren Wellen erfolgten daraufhin Grabungen. 1977 machte man das Gebiet den Besuchern zugänglich und ab den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts erfolgten Rekonstruktionsarbeiten, so dass man sich sowohl die untere als auch die obere Stadt wieder relativ gut vorstellen kann. Inzwischen weiß man, dass auf dem Monte Sannace schon seit dem Neolitikum gesiedelt wurde, die Blütezeit vermutlich von der Mitte des 3. bis zur 4. Jahrhundert vor Christus lag und sich die Städte bis in die hellenistischen Zeit im ersten Jahrhundert nach Christus hinein halten konnten. Unter den Römern verlor das Gebiet an Bedeutung, da es von deren südlichen Handelsruten der Via Appia und der Via Traiana abgeschnitten war. Eine kleine Kirche aus dem Mittelalter im Gebiet der oberen Stadt wurde schnell wieder aufgegeben, sodass der Ort der Bedeutungslosigkeit anheimfiel, welche in weiten Teilen des italienischen Südens bis ins 20. Jahrhundert andauerte.

Hier wurde gerade ein weiteres Grab außerhalb der Stadtmauern entdeckt

Gegen diese Bedeutungslosigkeit arbeiten die Archäologen heute wieder. Im Moment leider nur die Praktikanten der Uni von Bari, die gelegentlich in der oberen Stadt (Akropolis) graben. Am kleinen Parkplatz befindet sich ein Besucherzentrum, welches seine Bezeichnung nur deshalb verdient, weil ein netter Kustode einem das Tor öffnet, wenn man klingelt. Bei unserem Besuch am Sonntag zeigte dieser sich leicht zerknirscht und entschuldigte sich dafür, dass man die Eintrittskarte im Kastell von Gioia kaufen müsse, welches aber an diesem Tag zufällig geschlossen habe. Mal davon abgesehen, dass eine 5 km weit entfernter Ticketschalter bei zeitgleicher Anwesenheit eines Geländeaufsehers etwas eigenwillig erscheint, hatten wir Glück: Der freundliche Herr ließ uns für lau hinein, gab uns einen Lageplan und ein Basecap für Davide und wies uns grob die Richtung.

So stiefelten wir also über sonnenverbranntes Gras durch Jahrtausende alte Grundmauernreste, setzten uns zur Probe in steinerne Sarkophage, beobachteten Davide dabei, wie er euphorisch jede zweite Ameise begrüßte, die uns buchstäblich über den Weg rannte, und stellten wieder einmal fest, dass der Besuch einer solchen Stätte eigentlich die Anwesenheit eines kundigen Führers verlangte, der es schaffte, diesen Ort vor dem geistigen Auge lebendig werden zu lassen. Die zugegeben recht zahlreichen Schau- und Informationstafeln gaben immerhin eine Idee vom großen Ganzen.

Gräber am Rande der oberen Stadt

Natürlich könnte man auch sagen, alte Mauern habe man schon besser in Pompeji gesehen. Doch leider hatten nicht alle antiken Stätten das zweifelhafte Glück in einer Katastrophe für die Nachwelt konserviert zu werden. Die apulischen Grabungsgebiete, zu denen auch Egnazia bei Fasano gehört, erfordern mehr Fantasie und vielleicht auch ungleich mehr Wissen um ihre Bedeutung. Trotzdem sind sie es Wert, gesehen zu werden. Wenn man ab und zu sieht, wie klein der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes angefangen hat und sich dann in seiner vergleichsweise riesigen Heimatstadt umsieht, dann muss man sich eingestehen, dass wir es wenigstens in Körpergröße und als Bauherren doch weit gebracht haben. Der Rest… naja…

Hinfahren! Ansehen!

Stadtmauer der unteren Stadt mit Treppe

Parco Archeologico di Monte Sannace, Strada Provinciale 61, Gioia del Colle – Turi km 4,5
geöffnet von Mittwoch bis Sonntag von 8:30 – 15 Uhr
Eintritt 2,50 Euro zu zahlen an der Kasse des Kastells von Gioia (Kastell + Park 4 Euro)
Info-Telefon: 080 348 3052 und 080 349 1780

Im Vespa-Nest

Denkt man an Italien, dann denkt man nicht nur an das Meer, die leckere Pizza oder andere kulinarische Köstlichkeiten, sondern auch an die allgegenwärtigen, kleinen Motorroller namens Vespa. Vor allem jetzt im Sommer brausen sie tatsächlich wie Wespenschwärme durch die Stadt. Dabei sind sie nicht nur bei Jugendlichen, sondern vor allem bei den älteren Generationen beliebt, die mit ihrer Vespa Erinnerungen an unendlich scheinende Sommer, Fahrten ans Meer und die erste Liebe verbinden.

Dabei ist die Geschichte des flotten Flitzers eng mit der Nachkriegsentwicklung in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts verbunden. Erstmalig 1946 produziert, erlebte die Vespa schnell einen Boom und man wurde auf Wartelisten gesetzt, um einen der Roller zu bekommen. Der Schwarzmarkt florierte mit bis zu doppelt so hohen Preisen. An die katastrophalen Straßenverhältnisse der Nachkriegszeit erinnern vor allem die Modelle, an denen ein Ersatzrad befestigt werden konnte. Weltberühmt wurde das Fahrzeug 1953, als die blutjunge Audrey Hepburn und Gregory Peck in der romantischen Komödie „Ein Herz und eine Krone“ auf einer Vespa durch Rom rollten. Bis heute erfreut sich DAS italienische Fahrzeug schlechthin einer ungebrochenen Beliebtheit, so dass zum 70jährigen Jubiläum im letzten Jahr eine Sonderedition herausgebracht wurde (mehr zur Geschichte auf vespa.com)

Kein Wunder also, dass sich Vespafreunde aus ganz Apulien am letzten Wochenende nach Ceglie Messapica aufgemacht haben, wo ein nationales Vespatreffen stattgefunden hat. Unter einem strahlend blauen Himmel drängten sich die auf Hochglanz polierten Roller unter dem Uhrenturm von Ceglie dicht an dicht. Es schien als habe jeder regionale Vespa-Club im Umkreis von zwei Stunden eine Abordnung geschickt, denn neben Oria, Lecce oder Canosa waren auch Roller aus Bari vertreten, wie man den Vereinsschildern entnehmen konnte.

Den ganzen Tag lang wurde gestaunt, gefachsimpelt und viel fotografiert. Längst ist das Vespalogo nicht mehr nur auf den Motorrollern zu finden. Vespa-Shirts, Helme, Taschen, Portemonnaies, Schlüsselanhänger – der Merchandise ist so vielfältig wie die Roller-Modelle und wer ein Geschenk für vom Vespa-Virus befallene Freunde suchte, wurde garantiert fündig. Die kleine Stadt Ceglie, die sich zwischen einigen der schönsten apulischen Städtchen wie Ostuni, Cisternino und Locorotondo auf einem Berg erhebt, bot zudem einen tollen Rahmen für die Veranstaltung.

Doch man muss nicht bis nach Apulien kommen, um Vespas zu bestaunen. In Celle starten übermorgen die „Vespa World Days Germany 2017“ (22.-25.6.2017). Noch habt ihr also ein paar Tage Zeit, um einen Ausflug zu planen.

„Plan B“ oder Luigis Verschleppung nach Sibirien

Nachdem wir die vereitelte Besichtigung des „Dolmen San Silvestro“ und den Percorso delle chiese e architetture rurali so erfolgreich hinter uns gebracht hatten, indem wir im Hinterland von Giovinazzo verstreute Kirchen besichtigten, wollte ich den sich über mehr oder weniger erhaltenes Kulturgut nur schwerlich amüsierenden Mitfahrenden ihre Rückkehr in die Zivilisation mit einem Abstecher in einen pittoresken Küstenort, nämlich in das besagte Giovinazzo,  versüßen.

Dort drängt sich um eine malerische Hafenbucht die mittelalterliche Altstadt mit einer Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert und beeindruckenden Palazzi. Leider fegte just an diesem Tag ein eisiger Wind durch die hohen Gassen, der zwischen den Olivenbäumen im Hinterland zuvor nicht zu spüren gewesen war. (Ich schwöre!)

Hinzu kam, dass apulische Altstädte in touristisch wichtigen Orten im Winter ausgestorben sind und das Leben erst wieder mit den Urlaubern in die größtenteils aus Ferienwohnungen, „Bed and Breakfasts“, sowie Restaurants bestehenden Straßen einzieht. Während also Luigi laut lamentierend verkündete, dass Putin ab sofort niemanden mehr nach Sibirien zu verbannen brauche, sondern allesamt nach Giovinazzo schicken könne, versuchte ich überwiegend Fotos zu schießen, die diesem Eindruck entgegenwirken sollten. Doch schon nach einem kurzen Rundgang ließ ich Gnade walten und erklärte mich mit der Rückkehr ins traute Heim einverstanden. Mit klammen Fingern fotografiert es sich nämlich nicht gut.

Doch ich weiß ja, dass ich in Giovinazzo noch einen Kaffee in Aussicht habe. Von daher werden wir sicherlich bei angenehmerem Wetter zurückkehren.

Von uralten Kirchen und ländlicher Architektur II – Symbolhaftes

Nachdem das Erkunden des „Dolmen San Silvestro“ wegen eines hohen Zaunes ausfallen musste, hatten wir uns auf den „Percorso delle Chiese e Architetture rurali“ zwischen Giovinazzo und Terlizzi begeben. Dieser bietet nicht nur die Möglichkeit, sein fahrtechnisches Können auf verschiedenen Untergründen und engen Straßen unter Beweis zu stellen, sondern auch eine immense Erweiterung geschichtlicher und religiöser Kenntnisse. Leider ist der Weg nicht ganz „rund“, so dass wir nach der Ansicht von „Santa Lucia“ den Rückweg einlegen mussten.

Zum ersten Mal traf ich auf eine „pajara“ mit begrüntem Dach.

„Padre Eterno“ oder auch „Santa Maria di Corsignano“

Doch natürlich führte unser Weg nur ein kleines Stück zurück, bis wir die Straße in Richtung der Kirche des „Ewigen Vaters“ („Padre Eterno“) einschlagen konnten. Wir kamen an fleißigen Bauern, die ihre Olivenbäume zurückschnitten, und mehreren Pajaren, einer Art Hütte in historischer Trockenbauweise mit kreisförmiger Grundfläche, vorbei. Wir entdeckten auch eine enorme Kapelle aus der jüngeren Zeit und machten dann schon von Weitem den Kirchturm aus, welcher einst ein Benediktinerinnenkonvent markierte. Recherchen ergaben später, dass die Kirche zu Unrecht „Padre Eterno“ genannt wird und eigentlich „Santa Maria“ geweiht ist. Das Konvent fungierte während der Pest im 15. Jahrhundert als Lazarett und wurde danach von den Nonnen verlassen. Eine Ikone der Heiligen Maria, die im 12. Jahrhundert zu den Benediktinerinnen kam, als Saladin die Christen aus Jerusalm vertrieb, wurde aus dem Konvent in die Kathedrale von Giovinazzo gebracht, und so fiel das Gebäude im Hinterland der Vergessenheit und dem Zahn der Zeit anheim. Im 18. Jahrhundert tat ein verhängnisvolles Erdebeben den Rest, sodass sich heute nur noch die Kirche mit ihrem stolzen Turm gegen das Vergessen wehrt.

Die Kirche „San Basilio“, deren Ursprünge vermutlich bis ins 6. Jahrhundert zurückgehen, verfällt zur romantischen Ruine. Symbol für den Werdegang dessen, wofür sie steht?

Die dritte Kirche auf dem Rundweg hat weniger Glück. Während in „Padre Eterno“ kürzlich Restaurationsarbeiten durchgeführt wurden, die sogar antike Fresken ans Licht brachten, verfällt „San Basilio“ aus dem Hochmittelalter im Moment zu einer romantischen Ruine. Die Straße an der sie liegt, heißt gewiss nicht von ungefähr „Cava della volpe“ (Fuchsbau), denn hier sagen sich wirklich nur noch Fuchs und Hase „Gute Nacht“. Dennoch war ich extrem begeistert. Endlich ein Monument, in das man auch den Fuß setzen konnte – selbst wenn man vorsichtig sein sollte. Die Mauern des baufälligen Gebäudes mit rechteckiger Grundfläche und einer Kuppel in der Mitte haben Jahrhunderte, vielleicht sogar mehr als ein Jahrtausend überdauert. Wer ist wohl schon alles durch die niedrigen Tür geschritten? Was haben die, welche das Gotteshaus hier errichtet haben, gesehen, wenn sie aus den Fensternischen geschaut haben? Warum war es ihnen überhaupt wichtig, sich ausgerechnet hier niederzulassen, wo weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist und Giovinazzo ohne Auto doch sicher erst in mehreren Stunden zu erreichen war?

Der sonnige Frühlingstag, die schummrige Atmosphäre im entkernten Inneren der Kirche, die Vegetation, die sich über das Dach hermacht… das alles lässt viel Raum für Fantasie; vor allem für Schauerromantik. Wissenschaftler hingegen leiten aus dem Namen „San Basilio“ ab, dass das Gebäude möglicherweise sogar auf das 6. Jahrhundert zurückgeht, als Basilianermönche nach Italien kamen und nach den Regeln Baslius‘ des Großen zu leben begannen. Wie dem auch sei, bis zum 16. Jh. ist für San Basilio nichts dokumentarisch verbürgt und, wer weiß, wie viele Touristen sich tatsächlich bis dorthin vorwagen, um noch Dokumente wie diesen Blogbeitrag zu schaffen.

Viele können es bis heute jedenfalls nicht gewesen sein. Ein gutes Stück des Wegs weiter trafen wir auf ein kleines Häuschen vor dem sich ein gebeugter Mann auf seinen Krückstock stützte und grüßend die Hand hob, als wir uns näherten. „Seid Willkommen hier auf meinem Land“ – schien die Geste sagen zu wollen, aber ebenso „Seht, wie ich euch Gutes will, und lasst auch mich in Frieden.“ An dieser Stelle verhinderte ich, dass Luigi den Mann nach dem Weg fragte. Irgendwo würden wir schon herauskommen und eine richtige Straße finden. Dessen war ich mir sicher. Nur kurz hatte ich Visionen von anderen Ausflügen mit ähnlichen Gewissheiten und Ausgängen, die heute noch Legenden sind. Doch da trafen wir tatsächlich schon auf Asphalt und erkannten die Straße zwischen Giovinazzo und Terlizzi wieder, die uns zum Dolmen geführt hatte.

Vom Rücksitz, auf dem meine Mutter saß, die einige der besagten Legenden kannte, drang ein hörbar erleichtertes Schnaufen an mein Ohr, und Luigi verlangte nun rigoros unsere Rückkehr in die Zivilisation. Also führten wir doch noch „Plan B“ aus und fuhren nach Giovinazzo, um einen Altstadtbummel in dem idyllischen Hafenstädtchen zu unternehmen.

Von uralten Kirchen und ländlicher Architektur I – Jungfrau Lucia

Den Anfang verpasst? Hier geht’s zum gescheiterten Dolmenbesuch.

Zwischen dem Örtchen Giovinazzo sowie seinen Nachbarstädten Terlizzi und Bitonto befinden sich 260 ausgeschilderte Kilometer u.a. auf engen Straßen und heimeligen Schotterpisten, die mitten im Nirgendwo sehenswerte Orte verbinden. Dazu gehören auch die 55 km zwischen Oliven und Steinmauern, die wir nach unserem vergleblichen Besichtigungsversuch des „Dolmen di San Silvestro“ dem Percorso delle Chiese e Architetture rurali folgend eingeschlagen hatten.

Nach wenigen Metern sollten wir bereits links zur Kirche „Santa Lucia“ abbiegen. Die Mäuerchen rückten noch enger zusammen als vorher. Ausweichen oder wenden war nur noch in Einfahrten möglich. Aber wer wollte schon wenden?! (Luigi und meine Mama) Doch da kam gleich die nächste Abzweigung. Und kein Schild. Wir entschieden uns für die nach links führende Straße, weil uns auf der anderen im Frühlingswind winkendes Unkraut drohte grüßte.

Und nun offenbarte sich uns auch die besondere ländliche Architektur, die das touristische Schild uns verheißen hatte: vor einer halb zerfallen Laube spannte sich ein leicht zerfetztes Sonnensegel zwischen Olivenbäumen auf und beschattete ein Sammelsurium von Kisten, etwas, das wohl einmal eine Hollywoodschaukel gewesen sein musste, und teilweise zerscherbte Gefäße aus Glas und Keramik. Über die Olivenbäume hinweg erkannten wir jedoch den unbeglockten Turm einer Kirche und ahnten, dass wir die erste Etappe geschafft hatten, ohne uns festzufahren oder stecken zu bleiben.

Auch um die Kirche herum fanden wir, ganz in der Tradition des umzäunten Dolmens, einen besonders hohen und zudem bewachsenen Zaun vor.

Die Kirche „Santa Lucia“ präsentierte sich dann auch tatsächlich und zwar  in unerwartet modernem Gewandt als kompakter Steinblock aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Eine Tafel wies jedoch darauf hin, dass die Ursprünge dieser von der ländlichen Bevölkerung bis heute genutzten Kirche bis ins 11. Jahrhundert zurückgehen. Natürlich findet man so einen Bau im JWD („janz weit draußen“) nicht geöffnet vor. Ein neugieriger Blick durch die Fenster offenbarte jedoch einen für katholische Kirchen ungewöhnlich schmucklosen Innenraum mit nüchternen Holzbänken und einem ebenso einfachen Altar. Eine Skulptur stellt die heilige Märtyrerin Lucia aus Syrakus dar, nach der die Kirche benannt ist.

Als religiös wenig bewanderte Person musste ich mich natürlich darüber informieren, wer diese Lucia denn gewesen sei. Wikipedia sei Dank bin ich nun um einen Alptraum, den ich an dieser Stelle gern mit meinen geneigten Lesern teile, reicher. Inmitten der lauschigen Olivenhaine bei Giovinazzo gedenkt man demnach einer eingeschworenen Jungfrau, die weder eine strenge Mutter, noch ein Bräutigam oder ein Ochsengespann, welches sie auf Richtergeheiß in ein Bordell überführen sollte, noch „verschiedene Martern“ dazu bewegen konnten, ihrer „Jungfräulichkeit um Christi Willen“ abzuschwören.

Nun gut, wir wissen, dass Geschichten dazu neigen, aufgebauscht zu werden, je öfter man sie erzählt. Vielleicht ist das mit den herausgerissenen Augäpfeln also etwas weniger wahr als der Stich in den Hals, mit dem man sie schließlich getötet haben soll. Jedenfalls fanden wir an dieser Stelle doch eine Einfahrt, in der wir wenden konnten – gerade rechtzeitig bevor uns ein relativ großer LKW entgegenkam, der Holz geladen hatte.

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Von großen Steinen und hohen Zäunen

Hinter alten Olivenbäumen erheben sich die Trockensteinmauern des Dolmen.

Als 1961 ein Straße von Giovinazzo (ca. 20 min nördlich von Bari) nach Terlizzi gebaut werden sollte, fand sich im April ein Bulldozer, beim Versuch, einen Hügel zu planieren, plötzlich in einem steinernen Korridor wieder. Die Arbeiten wurden an dieser Stelle sofort eingestellt und im August rückte ein Ausgrabungsteam an, das einen der – wenn nicht sogar den – bedeutendsten, weil so detailliert erhaltenen, Dolmen Italiens ausgraben sollte. Obwohl die Ursprünge des guten Stücks bis mindestens in die Bronzezeit (ca. 1500 Jahre v.Chr.) zurückdatiert werden können, wurde er nach dem Heiligen Silvester benannt. Vielleicht gut so, denn himmlische Hilfe können italienische Kulturgüter wohl alle brauchen.

Die runden Bauten wurden als Grabkammern genutzt.

Der von einer Trockensteinmauer eingefasste Rundhügel, der heute bis auf seinen steinernen Ursprung abgetragen in einem Olivenhain liegt, hatte ursprünglich einen Durchmesser von fast 40 m und war bis zu über 10 m hoch. In seinem Inneren befanden sich mehrere Kammern, die durch den vom Straßenbau zerteilten Korridor verbunden waren. In einer der Grabkammern fand man zum Zeitpunkt der Entdeckung die Überreste von 13 Personen und Scherben von Töpferwaren, die möglicherweise dereinst Grabbeigaben enthalten haben. Wie die Untersuchung der Umgebung des Dolmen ans Licht brachte, wurde die ganze Gegend bereits vor dessen Errichtung als Bestattungsplatz genutzt (siehe hier).

Alles in allem hörte sich das jedenfalls für Abenteurer vielversprechend spannend an, sodass ich an einem sonnigen Sonntag meine gesamte Familie ins Auto verfrachtete und in Richtung Giovinazzo aufbrach. Meine Erfahrungen mit der dürftigen Ausschilderung des Dolmen della Chianca bei Bisceglie aus dem Vorjahr im Hinterkopf hatte ich natürlich auch einen Plan B, der da einfach „Giovinazzo besuchen“ lautete.

Kurz und gut, „Plan B“ wurde aus einem anderen Grund notwendig. Der Dolmen „San Silvestro“ war nämlich bereits ausgeschildert, als wir bei Giovinazzo von der Statale auf die SP 107 in Richtung Terlizzi abbogen. Doch bei der Ausgrabungsstätte angekommen, machten ein hoher Zaun, Videoüberwachung und ein riesiges Schild, das auf von der Europäischen Union geförderte Restaurierungsmaßnahmen, die im letzten August abgeschlossen sein sollten, hinwies, die freudige „Indianer Jones“-Stimmung, welche auf den letzten Metern aufgekommen war, sofort wieder zunichte. Wir umrundeten das Areal, so weit es möglich war, und ich versuchte, auf Fotos so viele Eindrücke wie möglich festzuhalten.

Zwei Pajare in einem Olivenhain unweit des Dolmen. Sie illustrieren eindrücklich, dass sich die traditionelle Bauweise seit der Bronzezeit gar nicht so sehr verändert hat.

Aufgrund des schönen Wetters und der allgemein frühlingshaft freudigen Aufbruchstimmung waren wir nur ein bisschen enttäuscht. Apulien ist nämlich im richtigen Moment immer für eine Überraschung gut. So hatten wir bereits auf dem Weg zum Dolmen die Ausschilderung eines „Percorso delle Chiese e delle Architetture rurali“ (also einen „Weg mit Kirchen und ländlicher Architektur“) entdeckt, der sich rechts in die Büsche bzw. den Olivenhain schlug. … und, obwohl meine Mutter etwas ähnliches sagte wie „Kind, da kannst du doch unmöglich reinfahren!“, lenkte ich unseren kleinen Panda auf einen wenig vertrauenerweckenden Sandweg, der zwischen Trockensteinmauern hindurch ins Hinterland von Giovinazzo führte.

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Morgens im Hafen von Mola

Gekonnt wird die Leine ausgeworfen, damit ein Schiff im Hafen von Mola vertäut werden kann.

Der Bootshund ist auch dabei.

Hier werden die Netze geflickt und zusammengelegt. Ein Fischer empfiehlt mir, die Fischerei höchstens als Hobby zu betreiben. Vielleicht war der Fang an diesem Tag nicht so üppig.