Archiv für den Monat Oktober 2012

Mission Traumwohnung 2

Von der Zustimmung zum Wohnungsschlüssel

Fünf Monate sind seit dem ersten Kontakt mit der Traumwohnung über die Preisverhandlungen bis zur Zustimmung des Verkäufers ins Land gegangen. Mitte Juli soll nun endlich der Vorvertrag geschlossen werden. Damit werden wir eine Anzahlung leisten und uns verpflichten, am Tag der Unterschrift unter den Kaufvertrag, den Rest der Summe zu erbringen. Am 12.7. lerne ich also, dass Notar auf italienisch „notaio“ heißt, und dass die italienische Bürokratie mindestens genauso langweilig ist wie die deutsche.

Während wir darauf warten, dass die Notarangestellte mit dem Kopieren unserer Ausweise fertig wird, machen wir uns mit dem Verkäufer – einem 80-jährigen Süditaliener bekannt. In jungen Jahren hat dieser auf Baustellen in Südamerika gearbeitet und alles verdiente Geld in die Heimat geschickt, um damit bei seiner Rückkehr eigene Häuser bauen zu können; so zum Beispiel den gesamten Palazzo, in dem sich unsere Wohnung befindet. Irgendwann in der näheren Vergangenheit hat ihn ein Freund um den Gefallen gebeten, für ihn zu bürgen … und wie es in solchen Geschichten immer kommt, konnte dieser Freund am Ende nicht zahlen, weshalb der Nochbesitzer unserer Wohnung als Bürge einzuspringen verpflichtet war und nun nach und nach Teile seiner Habe zu Geld machen muss. Er ist offensichtlich ein guter, vertrauensvoller Mensch. Ich nicke verständnisvoll, aber so richtig kann ich trotzdem nicht mitfühlen. Ich denke an die Kosten, die noch auf uns zukommen und finde, wir bezahlen mehr als genug für unsere stark renovierungsbedürftige Behausung. Gleichzeitig weiß ich, dass ich ungerecht bin.

So merkwürdig es klingen mag, aber die Krise in Italien ist unser Glück. In besseren Zeiten wäre die Wohnung auch für den Originalpreis weggegangen. Aber im Moment scheuen sich die Banken vor Krediten und Kaufwilligen sind somit die Hände gebunden. „Hotel Mama“ ist hier nicht nur deswegen so beliebt, weil es bequem ist, sondern weil sich ein junger Mensch den Kauf einer Eigentumswohnung schwerlich leisten kann. Die meisten warten also auf den richtigen Lebenspartner und selbst zu zweit braucht man Jahre, um so viel anzusparen, dass sich eine Bank auf die Restfinanzierung einlässt. Von daher passen Luigi und ich genau ins Schema.

Der Vertrag, der nun in etwa einer Stunde verlesen wird, hört sich für meine Ohren an, wie eine Auflistung der Personalien aller irgendwie beteiligten Personen (sechs an der Zahl), die Nennung der Adresse und der genauen Position der Wohnung sowie Hinweise auf jede Menge Gesetzesstellen. Viel mehr ist es auch tatsächlich nicht gewesen, versichert mir Luigi wenig später. Die einzige Information, um die meine Gedanken jedoch kreisen, ist die Tatsache, dass der endgültige Vertrag mit Schlüsselübergabe spätestens am 30. September unterschrieben werden soll.

„Spätestens heißt doch, dass es auch im August sein kann?“, frage ich Luigi misstrauisch.

„Eher Mitte September“, antwortet er. „Jetzt kommt erstmal der Sommer.“

Ich bin einigermaßen entsetzt: „Zwei Monate für einen Kaufvertrag???“

„Im Sommer ist das so“, sagt Luigi. „Außerdem muss die Bank auch noch den Kreditvertrag aufsetzen.“

Ich versuche, meine entgleisten Gesichszüge wieder zurechtzurücken, denn der nächste Weg führt uns direkt zum Makler, der uns ein paar Tage zuvor bereits mitgeteilt hat, dass wir nicht nur unsere Maklergebühren zu entrichten hätten, sondern auch einen Teil der Gebühr des Verkäufers übernehmen müssten, damit der Makler aus der ganzen Sache mit einem Verdienst herausginge. Der Verkäufer hatte nämlich nur unter der Bedingung unserem Angebot zugestimmt, dass er keine Maklergebühren bezahlen müsse. Noch ein Grund, weswegen sich mein Mitleid mit dem gewürgten Bürgen bis heute in Grenzen hält. Zum Glück ist Luigi mit einer ihn über alles liebenden Tante gesegnet, die uns bei dieser überraschenden Dreingabe finanziell unter die Arme greift.

Wenige Tage später haben wir einen Banktermin. Auch hier besteht die Aufgabe vorrangig darin, persönliche Angaben zu machen und Ausweise zu kopieren. Man verspricht Luigis Vater, dass Anfang September alles fertig sein würde. Offensichtlich läuft das Leben in Süditalien ab Ende Juli tatsächlich auf Sparflamme und erst im September beginnt man wieder, mehr als nur das Notwendigste zu tun. Dabei fühle ich mich gerade so energiegeladen, dass ich selbst sofort den blauen Putz und die bräunlichen Fliesen von den Wänden schlagen könnte. Stattdessen schwitzen wir erstmal ein paar Wochen vor uns hin und warten auf den September.

Währenddessen korrespondiere mit dem Einwohnermeldeamt in Deutschland und besorge mir den vom Notar geforderten Nachweis darüber, dass ich ledig bin. Außerdem brauche ich eine Geburtsturkunde, damit Luigis Vater mich bei der zuständigen Stelle im Rathaus in den Status der Familie erheben kann; sonst habe ich keine offizielle italienische Adresse, die ich auf den Formularen angeben kann. Mit Hilfe von Internet und Telefon sowie unglaublich netten Beamten in Siehdichum und Zehdenick schaffe ich das noch vor Ende Juli. An mir soll das Ganze schließlich nicht scheitern. Bis September haben wir alles Geld auf dem Konto von Luigis Vater zusammengezogen. Es könnte also losgehen.

Mitte September – Luigis Cousine (eine Vermessungstechnikerin) hat bereits alle Maße genommen und wir sind in Baumärkten und Einrichtungsgeschäften zur Ideenfindung unterwegs – erhält Luigis Vater Pasquale einen Anruf von seiner Bank. Sein Bearbeiter habe sich im August einer Operation unterziehen müssen und niemand habe damit gerechnet, dass er tatsächlich so lange krank geschrieben werden würde. Inzwischen ginge es ihm schon besser, aber die Arbeit am Kreditvertrag begänne erst jetzt. Wir müssten uns noch ein wenig gedulden. Wir gedulden uns – also Luigi und seine Eltern. Ich hingegen muss mich wirklich zusammenreißen, um nicht mit dem Kopf gegen die nächstbeste Wand zu schlagen.

Natürlich ist der Termin am 30. September nicht einzuhalten. Wir sind froh, dass der Verkäufer nicht auf die Idee kommt, uns der Vertragsverletzung zu bezichtigen. Er könnte den Vertrag jetzt jederzeit auflösen und die Anzahlung behalten. Luigis Vater ist leicht ungeduldig geworden, ruft jeden Tag bei seiner Bank an und verfolgt den Vorgang mit.

4. Oktober

Der Bankberater aus Bari streitet sich mit der Bank von Triggiano, die den Vorgang scheinbar an sich reißen will, um die Kompetenzen. Niemand versteht, worum es da richtig geht. Der Chef schaltet sich ein.

10. Oktober

Die Banken haben sich ausgezankt. Das geforderte Dokument ist abgestempelt wieder zurück in Bari. Wir fahren persönlich zur Bank und holen den ganzen Papierkram, um ihn zum Notar zu tragen. Eine Angstellte namens Anna versucht uns Hoffnung zu machen, indem sie uns versichert, dass es mit einem Unerzeichnungstermin nun ganz fix gehen wird – vermutlich am kommenden Mittwoch (17.10). Aber so schnell lasse ich mich nicht mehr ins Bockshorn jagen. Meine Stimmung ist auf dem Nullpunkt angekommen. Ich kann mich nicht mal mehr ärgern. Luigi bleibt ruhig; vieleicht, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Wie auch immer …

11. Oktober

Anna ruft Pasquale an, um ihm mitzuteilen, dass ihr erst nach dem Lesen des Kreditvertrags klar geworden sei, dass die gesamte finanzielle Transaktion über dessen Konto läuft. Da das Konto dem Ehepaar Grillo gehöre, brauche sie eine Eheurkunde von Luigis Eltern. Glücklicherweise kennt Luigis Vater jemanden beim Amt, der ihm das Dokument gleich am nächsten Tag ausstellt.

13. Oktober

Luigi ist optimistisch. Obwohl heute Samstag ist, gehen wir zum Notar, um die Eheurkunde abzugeben. Natürlich wird in dem Büro samstags nicht gearbeitet.

15.Oktober

Das Büro ist kaum geöffnet, da stehe ich schon vor Anna. Sie nimmt die Urkunde entgegen und fragt mich, warum wir noch kein Dokument abgegeben haben, das bestätigt, dass Luigi ledig ist.

16. Oktober

Gleich am Morgen machen wir uns auf den Weg zum Rathaus und besorgen Luigi eine Art Meldebestätigung. Als wir den Zettel wenig später beim Notar abgeben, sagt uns Anna, dass der Termin auf den darauffolgenden Montag (22.10.) verschoben wird, denn die Bank habe sich gewünscht, dass die Unterzeichnung bei ihnen in Bari stattfinden solle und nicht bei unserem Notar in Triggiano. Diese neuerliche Verschiebung nehme ich völlig gleichgültig auf. Vielleicht bin ich inzwischen italienisiert.

18.Oktober

Luigi und ich schauen mal wieder bei Anna vorbei. Wir sollen uns die Verträge durchlesen. Da ich weiß, um was es geht, erkenne ich die Modalitäten auch in den Texten wieder. Abgesehen davon verstehe ich nur Bahnhof, was aber nicht schlimm ist. Anna meint, wenn sie mich frage, ob alles klar sei, müsse ich nur nicken. Sie telefoniert und bestellt sich einen Kaffee in der Bar gegenüber. Als der Kellner an der Tür klingelt, geht sie hinaus und öffnet ihm. Ich blättere die Ausführungen über den Kreditvertrag hastig durch und bin mit dem „Lesen“ fertig, bevor sie wieder da ist. „Alles klar?“, fragt sie und ich nicke.

19. Oktober

Anna möchte die Nummern der Checks, mit denen wir bezahlen werden, in die Papiere schreiben. Sie macht einen kurzfristigen Termin mit Luigi. Dieser ist pünktlich vor Ort, soll jedoch einen Augenblick warten. Nach zwei Stunden hat sie endlich Zeit, Kopien zu machen. Maria und ich überlegen derweil, ob Luigi mit den Checks vielleicht nach Berlin durchgebrannt ist.

21. Oktober

Luigi stellt eine Flasche Spumante in den Kühlschrank. Pasquale kramt in einer Schublade und sucht nach einem Schlüsselanhänger. Ich hingegen befürchte, dass uns Anna morgen früh anrufen und sagen wird, dass der Termin verschoben werden muss. Mögliche Gründe kann ich mir viele vorstellen: Der Notar hat keine Lust, nach Bari zu fahren; er ködert den Bankberater mit einem neuen Termin und einem Gratiskaffee in Triggiano. Oder der Verkäufer fährt heute an den Strand, bekommt einen Beachvolleyball gegen den Kopf und legt sich für ein paar Wochen mit einem Schädeltrauma ins Bett. Oder ein unerwartet heftiges Erdbeben stürzt die Bank in Schutt und Asche. Oder, oder, oder … Wir sind schließlich in Italien.

22. Oktober

Der Bankberater ist bereits vor uns da. Der Notar trifft kurz nach uns ein. Der Verkäufer kommt zusammen mit unserem Makler, denn er besitzt kein Auto mehr. Er hat zum Glück keine Kopfverletzung und ein Erdbeben hat es in der vergangenen Nacht auch nicht gegeben. Die Zeichen stehen gut. Es könnte losgehen.

Wir quetschen uns zu siebt in ein kleines Bankberaterbüro. Der Notar stellt fest, dass er eine Aktenmappe im Auto vergessen hat und verschwindet wieder. Nach zwanzigminütigem Austausch von Höflichkeiten taucht der Notar wieder auf und der erste Vertrag wird verlesen. Zwei Stunden und 20 Unterschriften pro Person später ist endlich alles klar: Wir haben eine Wohnung. Wir haben einen Kredit, eine Hypothek und offensichtlich haben wir jetzt auch ein Konto bei der Banca Populare di Bari. Während wir zu realisieren versuchen, dass das Warten jetzt tatsächlich vorbei ist, erhält der Verkäufer einen Anruf und muss danach unverzüglich aufbrechen: Seine Schwiegermutter ist gestorben. Ich danke ihr von ganzem Herzen dafür, dass sie damit bis nach der Vertragsunterzeichnung gewartet hat und nicht zum gefürchteten Beachvolleyball geworden ist.

Kaum wieder zurück in Triggiano greifen wir uns den Spumante und machen uns auf in unsere neue Wohnung. Es ist ein ganz merkwürdiges Gefühl, einfach so aufzuschließen, hineinzugehen und plötzlich dort zu stehen und zu wissen, dass die Ideen, die wir bereits im Kopf haben, nun auch umgesetzt werden können. „Was auch immer ihr macht,“ sagt Luigis Mutter und deutet auf eine rote Tapete mir einem flirrenden Muster, „reißt zuallererst diese ,schifezzeʻ ab!“ Kein Problem – das hatten wir sowieso vor. Die Wand in der Küche darf auch nicht blau bleiben und auf das Lila im Kinderzimmer legen wir ebenfalls keinen Wert. Wir flüchten also erstmal aus dem müffelig riechenden Farbenrausch der Zimmer auf die Terrasse und lassen dort den Sektkorken knallen.

Während wir auf die Zukunft anstoßen, fällt auch endlich die Anspannung von mir ab und ich finde mein breites Grinsen wieder. Ab sofort wird renoviert. Salute!

(zu Teil 3)

Mission Traumwohnung 1

Das richtige Land, der richtige Mann an meiner Seite – da fehlt neben der richtigen Arbeitsstelle mit dem richtigen Gehalt natürlich auch noch die richtige Wohnung. Die Arbeitsstelle und das Gehalt müssen leider noch etwas warten, weil es mit der Landessprache noch hapert. Die Mission „Traumwohnung“ ist hingegen bereits in vollem Gange und hat mich schon diverse graue Haare gekostet.

Teil 1 – Die Suche

Die Suche nach der richtigen Wohnung beginnt bereits im Februar 2012 damit, dass Luigi anfängt, sich in Triggiano nach einer Immobilie mit mindestens drei Zimmern und einem Balkon umzusehen.

Triggiano besteht neben einem Bahnhof und einem kleinen Altstadtkern aus circa vier großen Hauptstraßen gesäumt von wie zufällig aus der Bausteinkiste gekippten Wohnblöcken. In den 70er und 80er Jahren hat mal jemand versucht, eine gewisse Regelmäßigkeit in den Stadtplan zu bringen, denn die Straßen rund um den Bahnhof verlaufen parrallel. Inzwischen muss man jedoch wieder davon abgekommen sein. Mir scheint es, als wurde in letzter Zeit immer gerade dort gebaut, wo ein Stück Land frei wurde. Die Bautätigkeit ist in den letzten Jahren stark gestiegen und alle paar Monate wird ein neuer „palazzo“ (Wohngebäude) fertig. Die Wohnungen darin sind meist schon verkauft, bevor der Bau abgeschlossen ist, denn viele ziehen aus dem teuren Bari lieber in einen Vorort, in dem man für die gleiche Wohnungsgröße ein Drittel weniger bezahlt als in der Stadt. Dazu kommt, dass die Wohnblöcke nicht nur mit Wohnungen sondern auch mit Geschäfträumen geplant werden, so dass die Grundversorung im nahen Umkreis immer gesichert ist.

Obwohl außerhalb der Städte große Einkaufszentren entstanden sind, halten sich die kleinen Geschäfte und Supermärkte in den Städten erstaunlich gut. Im Umkreis von 500 Metern um die Wohnung von Luigis Eltern herum gibt es 3 Supermärkte, 2 Pizzerien, 2 Bäcker, 2 Käseläden, einen Fleischer, zwei Obst- und Gemüseläden, ein Fischgeschäft, 2 Schreibwarengeschäfte und mehr. So verwundert es nicht, dass die Italiener kaum Vorratswirtschaft betreiben, sondern (fast) täglich vor ihrer Haustür einkaufen gehen und mit den Verkäufern auf „Du und Du“ stehen. Es spricht also nichts dagegen, uns unsere zukünftige Wohnung ebenfalls in Triggiano zu suchen. Zudem sind Luigis Eltern bereits im Alter meiner Großeltern, so dass wir nicht zu weit von ihnen entfernt wohnen wollen, um uns leichter um sie kümmern zu können, wenn es notwendig wird. Die Devise lautete also: nah, aber nicht gleich nebenan.

Wohnungsangebote zu finden, ist nicht schwer. Man muss nur die Augen aufhalten. Hier und da hängen Schilder mit der Aufschrift „vendesi“ (zu verkaufen) oder „affittasi“ (zu vermieten) an den Gebäuden. Darunter stehen die Telefonnummer des betreuenden Maklerbüros und weitere Angaben. So kann man lesen, ob es sich um eine Wohnung, ein Ladenlokal oder ein Büro handelt. Man erfährt auch die Zimmeranzahl oder, ob eine Garage oder ein Keller dazugehören. Es gibt auch Verkäufe und Vermietungen über privat, doch diese sind seltener. Wenn ich den ganzen Papierkram bedenke, den wir inzwischen beim Notar angehäuft haben, dann kann ich gut verstehen, dass man sich in so einem Fall an einen Fachmann wendet. Im näheren Umkreis der Wohnung von Luigis Eltern befinden sich gleich drei Maklerbüros, die einem bei der Immobilienfindung behilflich sind. Im Internet finde man auch einige Angebote.

Allerdings ist die Nähe zu Luigis Eltern nur eine der Rahmenbedingungen. Es soll wie oben geschrieben auch eine Wohnung mit mindestens drei Zimmern und einem großen Balkon sein. Der Umzug in ein fremdes Land ist für mich eher die kleinere Herausforderung. Was für mich ungleich schwerer wiegt, ist der Verlust der ländlichen Umgebung. Also ist für uns von vornherein klar, dass wir einen grünen Platz unter freiem Himmel brauchen. Tatsächlich hat Luigi bereits nach ein paar Tagen Wohnungsangebote mit Terrasse im Internet aufgetrieben, die wir uns gemeinsam ansehen – beide mit einer Hand am Computer und mit der anderen am Telefonhörer. Bis dato hatte ich mir nie Gedanken über einen Wohnungskauf gemacht und war eigentlich davon ausgegangen, dass wir uns eine Wohnung mieten würden. Nun erfahre ich, dass Mieten absolut unüblich ist und Mietwohnungen sich eher in schlechteren Wohngegenden befänden. Sollte man in einer guten Wohnungegend mieten können, dann wäre die Miete so hoch, dass man mit dem gleichen Geld genausogut einen Bankkredit abzahlen könne. Trotzdem ist der Gedanke, demnächst alle Ersparnisse für einen Wohnungskauf zu verwenden und am Ende doch noch einen Kredit aufnehmen zu müssen, weil die Ersparnisse nicht ausreichen werden, schon sehr gewöhnungsbedürftig.

Bereits der dritte Grundriss und die Fotos im Internet sind jeodch ein Volltreffer. Drei Zimmer, Küche, Bad und eine riesige Terrasse; dazu ein Kamin und ein winziges Bad neben dem Schlafzimmer – super! Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Der Preis auch nicht. Luigi tröstete mich damit, dass das Angebot bereits zwei Jahre alt sei. Er verspricht, bei der zuständigen Immobilienagentur vorbeizusehen und zu fragen, ob der Preis inzwischen gesunken sei. Während wir uns durch weitere Angebote klicken, wird schnell klar, dass wir nichts Vergleichbares finden werden. Ich bin deprimiert.

Die Wohnung wird von einem Makler betreut, der sein Büro gleich um die Ecke hat. Er schnappt sich Luigi sofort und fährt mit ihm um weitere drei Ecken zu einem Gebäude aus den 80er Jahren, in dem sich die Wohnung befindet. Die direkte Besichtigung zerstört die Illusion, man könne sofort in die Wohnung einziehen. Die
Fenster sind ausnahmslos marode, die Fliesen hässlich, der Kamin mit Holzeinfassung ist abrissbedürftig, die Terrasse unter einer Schmutzkruste verborgen und mit Lüftungsrohren versehen. Luigis Vater legt sein Veto ein: Für diesen Preis auf gar keinen Fall! Ich werde zum zweiten Mal deprimiert.

Während Luigi also weitere Wohnungen besichtigt und seine Eltern nicht verstehen können, warum er auch bei einer sofort bezugsfertigen Wohnung mit vier Zimmern und Marmorfußboden den Kopf schüttelt, arbeitet der Makler für uns an der persönlichen Einstellung des Besitzers der Terrassenwohnung, der unsere vorsichtige Frage nach einem preislichen Entgegenkommen von 40.000 Euro rigoros abgewiesen hat. Ich werde wieder deprimiert. Mein Freundes- und Bekanntenkreis muss unter meinem täglichen Lamento über die Schlechtigkeit des unnachgiebigen italienischen Wohnungsbesitzers leiden, und Luigi versucht, mir eine Wohnung mit drei Zimmern und zwei schmalen Balkons schmackhaft zu machen. Es funktioniert nicht.

Ende Mai haben wir mit der Traumwohnung praktisch abgeschlossen und ich bin auch wieder bereit, mich auf andere Wohnungen einzulassen. Nun ist es aber Luigi, der von jeder Besichtigung mit hängenden Mundwinkeln zurückkommt. Für den Preis, den wir uns als Höchstgrenze gesetzt haben, ist auf dem Wohnungsmarkt keine halbwegs anständige Wohnung mit Terrasse zu bekommen. Nun bin ich es, die Luigi damit tröstet, dass ich, wenn ich erstmal in Italien sein werde, jede Menge Zeit haben werde, nach der richtigen Wohnung zu suchen.

Mitte Juni wendet sich das Blatt jedoch wieder. Die vergangenen zwei Jahre müssen den Makler davon überzeugt haben, dass nur wenige so verrückt sein werden, diese Wohnung zu kaufen. Ihm war es gelungen, diese Erkenntnis auch dem Verkäufer zu vermitteln. Mitte Juni ruft der Makler also Luigi an, um einen Preis zu nennen, mit dem sich der Verkäufer seiner Meinung nach zufrieden geben würde, und fragt, ob wir mitgehen könnten. Dann würde er dem Verkäufer unser neues Angebot unterbreiten. Wir rechnen also noch einmal alles Geld zusammen und stellen fest, wie viel Kredit wir brauchen. Natürlich bekommen eine arbeitslose Deutsche und ein Italiener im Traineemodus keinen Bankkredit. Also fragt Luigis Vater bei seiner Hausbank nach und ihm wird sofort ein Kredit zugesichert. Dann gibt Luigi dem Makler Bescheid: Wir können dieses Angebot machen. … und wieder beginnt das Warten.

Als ich nach Italien fliege, warten wir noch. Es wird Juli und wir warten immer noch. Hoffentlich findet sich inzwischen niemand, der dem Besitzer ein besseres Angebot macht! Obwohl für uns bereits alles klar ist, vereinbaren wir trotzdem noch einen Besichtigungstermin, denn ich möchte mir endlich mit eigenen Augen ein Bild machen. Luigi meint, man wisse es, wenn es die richtige Wohnung ist, sobald man über die Schwelle tritt. Er hat recht. Ich bin überrascht wie groß die Räume sind und wie hell es darin ist. So etwas kommt auf Fotos nicht rüber. Ungeachtet der Defizite, die Luigi und seine Eltern bereits erkannt haben, fühle ich mich sofort darin bestätigt, dass ich hier zu Hause sein möchte. Als ich auf die Terrasse trete, habe ich bereits eine üppig bewachsene Holzveranda, riesige Blumenkübel und gemütliche Liegestühle statt des grauen Betons vor meinem geistigen Auge. „Mama guck‘ mal, da ist ein Mädchen mit gelben Haaren auf dem Dach“, kräht ein kleiner Junge auf einem Balkon im gegenüberliegenden Haus. Ich winke ihm zu; er mir zurück. „Oh, Gott!“, denke ich in diesem Moment. „Wenn der Verkäufer nicht einlenkt, dann werde ich ihn umbringen und die Wohnung mit Gewalt an mich reißen.“ Doch so weit kommt es zum Glück nicht.

An meinem Geburtstag erhalten wir endlich den erlösenden Anruf und zugleich mein bestes Geschenk in diesem Jahr: Der Verkäufer hat zugestimmt. Wir fallen uns erleichtert in die Arme und lassen die Sektkorken knallen.

(Teil 2)

Wie ich fast im Callcenter gelandet wäre

Mein Plan, Ende September nach Deutschland zu fliegen, um Wintersachen einzupacken und mich beim deutschen Arbeitsamt zu melden, wird dadurch vereitelt, dass wir von Woche zu Woche darauf hoffen, endlich den Kaufvertrag für unsere gemeinsame Wohnung unterschreiben zu können. Das Jobsuchen im Internet läuft ergebnislos, was auch daran liegen könnte, dass ich immer noch kein Bewerbungsfoto eingestellt habe, und niemand mein „bell aspetto“ („gutes Aussehen“) sehen kann, das hier offensichtlich politisch unkorrekt für alle Tätigkeiten mit Kundenkontakt gefordert wird.

Eines Abends treffen Luigis Eltern einen alten Freund im Einkaufszentrum und erzählen unter anderem auch von ihrer Schwiegertochter in spe und der Tatsache, dass diese aus Deutschland importiert wurde. Daraufhin fällt dem besagten Freund, der zufällig bei Adecco arbeitet, ein, dass sie aktuell eine Person mit Deutschkenntnissen für eine international bekannte Technikfirma suchen, die zahlreiche Kunden in Deutschland betreut. Er gibt ihnen auf den Weg, dass ich meinen Lebenslauf so schnell wie möglich per Email an ihn schicken soll.

Noch am selben Abend – es ist ein Freitag – erledige ich das. Bereits am Montag ruft mich eine Mitarbeiterin von Adecco an, um noch einmal ein paar Daten abzugleichen. Dann erklärt sie mir, dass mich eine Mitarbeiterin der Firma anrufen wird, um meine Englischkenntnisse zu überprüfen. Tatsächlich passiert das auch nach ein paar Stunden. Die müssen es wirklich eilig haben mit der Einstellung. Wir plaudern ein wenig auf Englisch. Sie ist offensichtlich Muttersprachlerin und meint schließlich, dass sie mein Englisch hervorragend findet. Diese Hürde ist also genommen.

Wenig später ruft die Sekretärin der Firma an und schlägt ein Bewerbungsgespräch am nächsten Tag vor. Natürlich sage ich zu. Ich versuche, noch etwas über die Beschäftigung herauszufinden und bin leicht irritiert, als ich höre, dass es sich dabei um eine Arbeit im Kundencallcenter handelt. Ich merke an, dass meine Computerkenntnisse nicht über den alltäglich Umgang hinausgehen, aber sie sagt, dass mehr gar keine Voraussetzung wäre und es eine mehrwöchige Einarbeitung geben würde. Naja, wenn sie meint…

Es ist mir leicht peinlich, dass es sich Pasquale am nächsten Tag nicht nehmen lässt, mich persönlich in den kleinen Ort unweit von Bari zu kutschieren. Leicht aufgebrezelt sowie mit ihm, der stets einen Anzug trägt, und Luigi im Schlepptau mute ich wahrscheinlich an, wie die Anführerin einer Wirtschaftsdelegation. Ich bin froh, dass sie nicht am Wachmann vorbeikommen. Er stellt nur mir eine Eintrittserlaubnis in den Komplex aus. Ich finde das richtige Gebäude und den richtigen Stock auf Anhieb und, weil Pasquale sich auf dem Weg noch verfahren hatte, bin ich auch pünktlich und nicht wie befürchtet eine halbe Stunde zu früh dran.

Ich werde sehr freundlich begrüßt. Mein Gesprächspartner erklärt mir das Tagesgeschäft, den Abeitsrhythmus (24h, 7 Tagewoche) und die Entlohnung. Schließlich soll ich von mir erzählen, aber das biege ich erstmal ab, denn ich möchte wissen, wie viele deutsche Firmen dieses Callcenter nun eigentlich betreut und, ob auch Firmen in England zu den Kunden zählen. Die Anwort zerschlägt meine sämtlichen Hoffnungen: Es gäbe nur einen Kunden in Deutschland und Englisch brauche man momentan ausschließlich zum Ausfüllen der Formulare sowie zur Kommunikation mit den Technikern. Ich kann gar nicht sage, ob ich über die Erkenntnis, dass ich vermutlich dort nicht arbeiten können werde, traurig oder froh bin. Die Aussichtslosigkeit lässt jedoch alle Aufregung von mir abfallen und ich erzähle ein bisschen von meiner letzten Arbeitsstelle in Deutschland. Mein Gegenüber überfliegt noch einmal meinen Lebenslauf und fragt dann, warum ich diesen Job aufgegeben habe. Also muss ich ihm auch noch von Luigi, von Brandenburg und Berlin erzählen. Offensichtlich hat er Zeit, denn er fällt mir auch nicht ins Wort, wenn ich im Gehirn nach Vokabeln kramen muss. Doch lange Rede, kurzer Sinn – am Ende sind wir uns einig, dass mein italienisches Sprachvermögen nicht ausreicht, um Kunden auf Italienisch betreuen zu können. Er fragt mich, wie lange ich bereits Italienisch lerne. Ich erkläre ihm, dass ich es ernsthaft seit vier Monaten betreibe; woraufhin er meint, wenn ich in vier Monaten bereits so weit gekommen sei, dann solle ich mich in einem halben Jahr ruhig noch einmal bei ihm melden. Das muntert mich wieder ein wenig auf. Ich habe nicht das Gefühl, dass er unser Gespräch für verschenkte Zeit hält.

Meine Wirtschaftsdelegation strahlt mir vom Eingang entgegen, sieht dann aber nach der Schilderung des Vorstellungsgesprächs fast enttäuschter aus als ich. Luigis Mama hingegen ist völlig empört, als ich ihr zu Hause die Arbeitszeiten in Schichten schildere und fragt mich, wie ich mir das mit einer Familie vorstelle. Aber darüber würde ich mir erst Gedanken machen, wenn es soweit wäre. Außerdem wäre die Stelle auf zwei Jahre befristet gewesen. Deswegen hätte ich es auf jeden Fall probiert auch, wenn ich mir kaum vorstellen kann, dass ich von 22 Uhr bis früh um sechs ein hilfreicher Mensch bin.

Auf jeden Fall fühle ich mich wieder motiviert, beim Vokabelpauken nicht nachlässig zu werden. Bis zum Abschluss des Aufbausprachkurses fehlen mir noch 800 Wörter und ich muss dringend Nachlesen, wie man den Konjunktiv bildet.