Archiv für den Monat August 2012

Römer, Meer und Olivenbäume – Ausflug nach Egnazia

Luigis Eltern verbringen jedes Jahr den Großteil des Augusts in ihrem Sommerhäuschen in der Nähe von Ostuni. Die Gegend ist hügelig und es weht fast immer ein Seewind, so dass man es selbst bei über 40 Grad unter der Veranda besser aushält als in Triggiano oder Bari, wo die Luft steht und das Leben ohnehin fast zum Erliegen kommt.

Um das Anreisechaos zu vermeiden, werden wir uns erst nach einige Tagen dazugesellen, aber ich freue mich schon auf vormittägliches Baden in der Adria. Das Wasser um Ostuni ist azurblau und wird nur noch von den gottverlassenen Küsten Kalabriens an Reinheit übertroffen. Da wir im Juli bereits mit meinen Eltern ein paar Tage dort verbracht haben, wissen wir schon, dass sich in diesem Sommer ein paar Dinge verändert haben. Unser Stammstrand Pilone, an den Luigi schon zum Baden fährt, seit er denken kann, hat plötzlich zwei von einem Steinmäuerchen umzäunte kostenpflichtige Parkplätze bekommen. Der eine kostet 3 Euro pro Tag. Der andere ist zehn Schritte weiter entfernt und kostet 2 Euro. Die Sache lohnt sich für die Betreiber, denn in diesem Jahr sind wahrscheinlich der Wirtschaftskrise geschuldet eindeutig mehr Touristen hier als in den Vorjahren.

Als meine Eltern zu Besuch waren, habe ich darauf bestanden, dass wir auch an einem Sonntag zum Meer fahren, was kein Italiener, der die Möglichkeit hat, auch an anderen Tagen zu baden, jemals tun würde. Dicht gedrängt wie die Heringe lagen wir an diesem Tag zwischen anderen Heringen und Sonnenschirmen, die einander fast berührten sowie Strandstühlen oder Strandliegen, die sich die Leute mitgebracht hatten, die den ganzen Tag am Strand zu verbringen gedachten. Ganze Familienclans mit Großeltern, Eltern, Kindern, Cousinen und Cousins hatten sich sogar mit Kühlboxen unter Sonnenschirmanhäufungen oder gar Partyzelten zusammengerottet. Die Opas lasen Zeitung und wachten zusammen mit den Omas darüber, dass sich kein Fremder an dem Mitgebrachten vergriff, während die Jüngsten im Flachwasser herummoderten und die Eltern sich in der Sonne rösteten.

Als unter den Familienschirmen die unvermeidliche Verteilung von belegten Brötchen, Focaccia (einem dicken pizzaähnlichen Gebäck), Nudelsalaten oder Obst begann, wussten wir, dass es Zeit war, in unser Sommerhäuschen zurückzukehren, zu essen und uns danach für ein paar Stunden in die kühlen Räume zurückzuziehen, um mit dem obligatorischen Nickerchen die heißesten Stunden des Tages zu verschlafen.

Natürlich war das kein Tag zum Schwimmen gewesen, denn auch im Wasser hatte man kaum einen Quadratmeter für sich. Doch es war der einzige windstille Tag in diesem Sommer und das Wasser hatte bewegungslos dagelegen. Alle anderen Tage, die wir dort antrafen, waren windig und statteten das Meer mit mehr oder weniger hohen Wellen aus. Außer mir scheint das kaum einer spaßig zu finden. An solchen Tagen kommen die meisten nur zum Strand, um sich zu sonnen. Wenn einen das Wasser zum ersten Mal umreißt, und man kurzzeitig nicht weiß, wo oben und unten ist, dann kann man wirklich einen Schreck bekommen. Allerdings ist das Wasser um Ostuni so flach, dass man mindestens 30 Meter hineinlaufen kann, ohne den Grund und den Füßen zu verlieren. Es ist also alles andere als gefährlich, wenn man sich in den abgesteckten Gebieten bewegt.

Nach einigen Tagen mit vormittäglichem Baden und nachmittäglichen Italienischlernen, kam also auch in den Augustferien wieder ein Sonntag und Luigi weigerte sich, an den Strand zu fahren. Glücklicherweise hatte er sich bereits eine Alternative ausgedacht. Zwischen Ostuni und Monopoli verläuft die Grenze zwischen den beiden Provinzen Bari und Brindisi. Direkt am Meer und fast auf dieser Grenze lag vor mehr als 2000 Jahren schon eine Stadt, welche der römische Dichter Horaz (65-27 v.u.Z.) in einer Reisebeschreibung von Rom nach Brindisi unter dem Namen „Gnathia“ erwähnt. Im letzten Jahrhundert wurden deren Überreste ausgegraben, wissenschaftlich ausgewertet und ab den 70er Jahren für die Touristen freigegeben.

Wir fahren also von Ostuni aus die E55 in Richtung des Badeorts Torre Canne und biegen dort ab auf die Küstenstraße „Strada Provinciale 90“. Sie führt mit Blickkontakt zum Meer nach Sevelletri und von dort aus weiter nach Monopoli. Doch direkt hinter Sevelletri folgen wir der Beschilderung „Egnazia“ durch zwei enge von aufgestapelten Feldsteinmäuerchen gesäumten Sandstraßen zum Museumsparkplatz der bedeutendsten Ausgrabungsstätte Apuliens.

Wir lassen das Auto auf dem Parkplatz stehen und kaufen uns im Museum Eintrittskarten für die Ausstellung und das Ausgrabungsgelände (3,00 Euro). Ein freundlicher Mitarbeiter erklärt uns, welchen Weg wir zur Ausgrabungsstätte nehmen sollen, denn wir wollen mit der Besichtung im Freien anfangen, bevor es zu heiß wird. Er drückt uns auch einen Ausdruck mit Lageplan in die Hand, auf dem die wichtigsten Gebäude der Stadt eingezeichnet sind. Ohne die Hilfe dieses Plans wären wir als Laien recht aufgeschmissen, denn von der Stadt sind im Laufe der letzten 1500 Jahre kaum mehr als die Ansätze der Grundmauern übrig geblieben. Totila hat mit seinen Goten im Jahr 545 u.Z. ganze Arbeit geleistet und was sie nicht zerstörten, haben die Bewohner der umliegenden Ortschaften später als Baumaterial für ihre Häuser abgetragen und abtransportiert. Auch die Gräber der Friedhofsanlage gleich hinter dem Museum wurden in den vergangenen Jahrhunderten aufgebrochen und geplündert, so dass man die Ausstellung im Museum mit Fundstücken aus anderen Ortschaften wie Bari, Barletta und Monopoli aufzupeppen gezwungen war. Das Verständnis für die Bedeutsamkeit Egnazias wuchs erst mit dem Beginn der Ausgrabungsarbeiten im Jahr 1912. In den 70er Jahren waren die Arbeiten schon zum größten Teil abgeschlossen, doch sieht man, dass im Gebiet um die einstige römische Basilika herum hin und wieder noch hoffnungsvoll gebuddelt wird. Wer also bereits die antiken Städte Ostia Antica in der Nähe Roms oder Pompeji bei Neapel besucht hat, wird von Egnazia eher enttäuscht sein.

Wir genießen den Rundgang trotzdem und versuchen uns vorzustellen, wie die Stadt wohl vor 2000 Jahren ausgesehen haben mag. Ein bisschen mulmig wird uns im unterirdischen Getreidespeicher und die in den Stein gebrochenen Gräber der Nekropole zeigen uns, dass die Leute in der frühchristlichen Zeit doch vergleichsweise winzig gewesen sein müssen. Im Museum sehen wir später auch ein paar gut konservierte Skelette aus diesen Gräbern und einen goldenen Ring, auf dessen Fund man heute besonders stolz ist. Zusammen mit etwas Grabgeschirr, einem Mosaik und dem Statuenkopf einer Göttin bildet er die bedeutendsten Fundstücke der Ausgrabungsstätte.

Wir verbringen mit den Besuch der Überreste Egnazias und des Museums vielleicht ein bis anderthalb Stunden. Was mich aber ungleich stärker entzückt sind die vielen alten Olivenbäume auf den Feldern drum herum. Tatsächlich befinden sich in der Gegend um Fasano die ältesten Exemplare dieser für Süditalien so charakteristischen Bäume. Mit ihren häufig absonderlichen Formen und ihrem unbändigen Überlebenswillen in dieser im Sommer so unwirtlichen Klimazone haben sie es mir schon seit meinem ersten Besuch in Apulien angetan. Sie werden in der Regel 300 bis 600 Jahre alt, können aber sogar unsere gute deutsche Eiche überleben. Das wohl älteste Exemplar steht in Kolymvari in Griechenland. Dieser Baum ist 5000 Jahre alt. Die ältesten Olivenbäume Italiens stehen auf Sardinien und sind staatlich geschützte Naturdenkmäler mit einem geschätzten Alter von um 3000 Jahren. Da können die Oliven bei Egnazia natürlich nicht mithalten, aber trotzdem springe ich verzückt auf der frisch gepflügten roten Erde und zwischen den mit vertrocknetem Unkraut überwucherten Steinen umher und knipse trotz Überbelichtung durch die inzwischen hochstehende Mittagssonne einen knorpeligen Baum nach dem anderen.

Selbst wenn der ganze Stamm in der Mitte hohl und aufgebrochen ist, kann sich der Baum noch halten und eine stattliche Größe entwickeln. Ich bin wieder einmal beeindruckt, wie sie sich in der steinigen Erde festkrallen und mit einem Minimum an Wasser auskommend trotzdem mehrere Meter Stammumfang entwickeln, grünen und Früchte tragen. So ist Olivenöl auch eines der Hauptprodukte der apulischen Landwirtschaft und eingelegte Oliven sind auf jedem Markt zu haben. Ich persönlich finde, die Bekanntschaft mit diesen mehrere Jahrhunderte alten Überlebenskünstlern ist die Fahrt nach Egnazia fast noch mehr Wert als die Besichtigung der Ausgrabungsstätte. So kehren wir schließlich zufrieden nach Ostuni zurück, nachdem wir uns auf den schmalen Sandstraßen noch ein wenig verfahren, aber schließlich doch wieder auf eine große Hauptstraße zurückgefunden haben.

Luigis Mama schlägt angesichts meiner nur notdürftig entstaubten rostroten Füße und Waden die Hände über dem Kopf zusammen und vermutet, man hätte uns zum Ausgraben eingeteilt. Als sie hört, wo wir uns herumgetrieben haben, wird sie noch nachträglich besorgt. Zwischen den Steinen in so einem Olivenhain können sich nämlich durchaus mit bis zu 90 cm Länge recht stattliche Exemplare von giftigen Vipern aufhalten. Wieder etwas gelernt. Wenigstens war das Glück der Ahnungslosen auf meiner Seite und Maria ist mit dem Mittagessen so beschäftigt, dass sie nicht weiter darauf eingehen kann, wie merkwürdig ihr meine Olivenbaumobsession vorkommt. Mit ein bisschen Wasser sind die Spuren der Baumpirsch noch vor dem Essen restlos beseitigt und die Schlangensache ist dank Pasta, Braccialette (kleinen Fleischrouladen), Eiscreme und einer Diskussion darüber, ob der Zitronenlikör „Limoncello“ besser schmecke als Kaffeelikör, kein Thema mehr. Während ich also fachmännisch beide Sorten verkoste und mich zu entscheiden versuche, finde ich trotzdem, wir sollten zurückfahren. So eine Viper würde ich nämlich auch gern mal sehen.

Imbecilli und Cretini – Schimpfen auf Italienisch I

Rimbambito, imbecille, cretino oder deficiente – wichtige Schimpfwörter beim Autofahren

Damit, dass die Italiener ihre Emotionen stark nach außen kehren, erzähle ich sicherlich niemandem etwas Neues. So gehören denn auch verschiedene Schimpfwörter seit meinem ersten Besuch in Bari zu meinem Vokabular, obwohl ich tatsächlich weiterhin lieber auf Deutsch fluche, wenn mich mal wieder jemand bei der Einfahrt in den Kreisverkehr links überholt, um gleich an der nächsten nur zwei Meter entfernten Ausfahrt rechts rüberzuziehen und den Kreisverkehr wieder zu verlassen, während ich eine Vollbremsung einlege.

Man kann Schimpfwörter am besten als Mitfahrer lernen. Hier mal meine Favoriten für die nächste Autofahrt in Italien. Sie alle bedeuten in etwa das Gleiche: Blödmann, Dummkopf, Depp oder Schwachkopf und müssen mit einer nachdrücklichen Handbewegungen (einer vertikal gehaltenen Hand, die in einer Aufwärtsbewegung die Luft durchschneidet) untermalt werden, damit der Fahrer des anderen Autos auch wirklich versteht, dass er euch verärgert hat: (vecchio) rimbambito, imbecille, cretino oder deficiente. Falls sie euch in Notsituationen nicht sofort einfallen, dann nehmt den internationalen „idiota“. In Italien ist offensichtlich schimpfmäßig nicht der typisch deutsche (Streichel)Zoo mit seinem dummen Affen, Kühen, Säuen, Eseln etc. unterwegs.

Wenn der so Angeschimpfte dann damit reagiert, dass er seine Hand hebt, an der alle Finger zu einer spitzen Tüte geformt wurden und irgendwie guckt als wolle er sagen: „Was willst du denn von mir?“, dann antwortet am besten mit einer betonenden Wiederholung des Schimpfwortes also z.B.: „Sei proprio un cretino!“ (Du bist wirklich ein Blödmann!) und, weil man gewöhnlich im Auto nichts weiter ausrichten kann, aber wenigstens für sich selbst als Überlegener aus dem Streit hervorgehen will, vollführt man mit der rechten Hand eine Bewegung wie die Rückhand im Tennis und ruft dem Blödmann dabei „Vattene via!“ (Hau bloß ab!) hinterher. Was dieser ohnehin meistens macht.

Mascalzone, monello, cafone oder scemo – „liebevolle“ Schimpfwörter im Familienleben

Im Familienleben werden ebenfalls eher nett anmutende Schimpfwörter gebraucht: mascalzone (Lausebengel), monello (Frechdachs), cafone (Flegel, Rüpel) oder scemo (Dummkopf). Ich führe das darauf zurück, dass die italienische „Mamma“ wie jede andere Mama ihren Kinder nicht richtig böse sein kann. Theoretisch kann diese Erfahrung aber auch daran liegen, dass Luigis Familie der Mittelschicht entstammt und sich deutlich vulgärere Ausdrücke von selbst verbieten.

Hörner – teuflisch gut gegen alles

„Sag‘ mir mal ein paar richtige Schimpfwörter!“ fordere ich Maria in Vorbereitung auf diesen Text auf. Sie lacht, dieses typische Lachen, mit dem man einen Schreck zu übertünchen versucht. „Frag doch mal lieber Luigi.“, antwortet sie dann auch ausweichend, hilft mir fürs Erste mit dem „cornuto“ auf die Sprünge. „Corne“ sind eigentlich Hörner und in einem guten katholischen Land sind natürlich die des Teufels gemeint.

Eine Besonderheit im Italienischen ist die Verwendung der Wörter und Gesten rund um „Hörner“. So kann man mit dem gespreizten Zeigefinger und dem kleinen Finger, während die anderen eine Faust bilden, jemandem den Teufel an den Hals wünschen, wenn man mit dieser Geste auf jemandem zeigt. Oder man kann den Teufel von sich abwehren, wenn man die Geste vor dem eigenen Körper vollführt. Wenn jemand jedoch ein „cornuto“ ist, dann ist er entweder ein gehörnter Ehemann oder aber ein „Scheißkerl“. 

Vulgäre Schimpfwörter

Irgendwie befriedigt mich das trotzdem nicht. Nachdem ich ihr durch die ganze Wohnung nachgelaufen bin, stelle ich Maria schließlich an ihrer Waschmaschine, die sich in einem Raum befindet, der keinen zweiten Ausgang hat, und entlocke ihr unter Ausflüchten die Worte „stronzo“ und „vaffanculo“. Ihr Gesicht spricht Bände. Es ist ihr unheimlich peinlich. Während ich mich wieder an den Computer setze, frohlocke ich innerlich darüber, endlich ein paar wirklich vulgäre Ausdrücke gelernt zu haben und schlage sie gleich mal im Onlinelexikon nach: „Arschloch“ und „Leck mich am Arsch!“ Na ja, auf einer Skala von eins bis zehn mit zehn als dem schlimmsten Ausdruck, bekommen sie von mir höchstens eine 5.

Die Grenzen der Sprachfertigkeit

Letztendlich warte ich doch darauf, dass Luigi von der Arbeit kommt, und quetsche diesen aus. Ich erfahre, dass man in Italien eher die Mutter und Schwester beleidigt, wenn man jemanden hart treffen möchte, indem man z.B. behauptet, dass diese Huren wären. In einem Land, in dem die Familie eine so starke Einheit bildet wie in Italien kann ich mir gut vorstellen, dass das als sehr große Affront empfunden wird. Allerdings sind das keine Schimpfwörter mehr, sondern schon ganze Sätze, und da ich keinesfalls vorhabe, jemanden über einer dritte Person hinweg zu treffen, lasse ich es dabei bewenden. Es kommt im Ganzen ohnehin auf Mimik und Gestik an. Mit der entsprechenden Verachtung im Gesicht und in der Haltung, wirkt ein förmlich ausgespuckter „cretino“ definitiv überlegener als ein ganzer Roman über die Profession der Mutter.